Part 6
Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn, daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben; jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten.
Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er schon bald an die Schweden kommen.
Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von den Soldaten gehänselt wurde.
»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist grade genügend Platz!«
Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog ihn aus dem morastigen Wasser.
»Herr Ohm, wir haben Glück gehabt! Die Dänen sind totgeschossen, und die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie wollten ins Lüneburgische!«
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Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden Gliedmaßen.
»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah.
»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!«
So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt, seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark. Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen, und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie sie noch der Uniformen berauben.
Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere auf bloßen Füßen.
Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache dicht an den Kreis brachte.
»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war.
»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.«
Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus.
Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an seinem Schnurrbart. Herr Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die Feinde.
Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln.
»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht mancherlei drunter und drüber!«
»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute, wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen.
»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den Hund.
»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!«
Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?«
»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat, und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!«
Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte, daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte hell und trotzig auf.
»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!«
»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp.
»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann! Ihr habt schlecht von mir gesprochen bei Frau Jutta, obgleich ich Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht, und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!«
Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand.
»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du magst gehen, wohin es dir gefällt!« --
Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden.
»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen sein.«
»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister.
»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und sie selbst erhält keinen Ersatz für die ausgestandene Angst, ebenso, wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man sich bei mir entschuldigt!«
Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die Hand.
»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern, wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.«
Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche. »Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut -- meine Leute und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!«
»Ist's wahr?«
Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu Herrn von Pechlin.
»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und drängte sich an Burga.
»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt hat, ist darum noch kein Zauberer!«
Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf Burga zu.
»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.«
Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu.
»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und eine ansehnliche Jungfrau werden!«
»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen, wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!«
»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn Hanekamp gehen zu sollen. Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein.
»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir könnte beim Umherziehen Übles begegnen!«
Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und belegt.
Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu.
»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!«
Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab.
»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten Stadt ins offne Land zu wagen!«
Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau sie ansprach.
Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen.
»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer brennenden Burg geraubt?«
Aber Burga war übler Laune.
»Was geht's Euch an?« erwiderte sie.
»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes, und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis kommen!«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!«
Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an.
»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag, weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?«
Burga schüttelte den Kopf.
»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres sein!«
Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein:
»Von Erd bin ich genommen, zur Erde bin ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!«
Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben! Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach, das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben.
Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah. Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin.
Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga.
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[Illustration: Siebentes Kapitel]
Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf, daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und die Galgen selten ohne Gehängte.
In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch immer ein Fähnlein Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen, die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange, der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch allen Grund hatten.
Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn, die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten. Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer weiß, wie's gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können, ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten, die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten.
Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte. Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind war, und sehnte sich nach weiten Feldern und der Freiheit.
Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern.
Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck: eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor. Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es, während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute lustig die Hühner scharrten.
Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden.
Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau, und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren, um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut: ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben. Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte.
So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte. Nächstens gab es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock haben wie seine Genossen.
So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben, aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben.
Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber, wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu.