Chapter 4 of 11 · 3698 words · ~18 min read

Part 4

»Er muß ausschlafen und sich erholen!« sagte sie zu dem Magister, der ernsthaft nickte.

»Wir müssen ihn wohl aufnehmen, aber ich fürchte, er taugt nicht viel!«

»Darnach sieht er aus!« entgegnete die alte Frau. »Aber wir müssen ihm doch Barmherzigkeit erweisen. Du würdest ihn auch nicht auf der Straße liegen lassen!«

»Vielleicht wäre es das Beste gewesen!« erwiderte Timotheus, aber Mutter Mumsen hörte ihn nicht, und das war auch eben so gut. Denn sie würde ihn wohl ein wenig gescholten haben.

Eine Woche blieb der Wachtmeister bei Mutter Mumsen und bei dem Magister. Er war ganz manierlich geworden und sprach sogar von Dankbarkeit. Das kam wohl daher, daß er noch in allen Gliedern Schmerzen spürte, und vielleicht auch davon, daß die Schweden die ganze Gegend unsicher machten, bald hier, bald dort einfielen und brandschatzten. Die Dänen waren nicht stark genug, sie zu vertreiben, und mußten sich vor ihnen verstecken. Eines Tages aber hieß es, daß die letzten Schweden weiter nordwärts gezogen wären, und da wurde der Wachtmeister wieder vergnügt und herrisch. Er konnte jetzt wieder gehen, versuchte, ein Pferd zu besteigen, das einem Bauern gehörte, und ritt dann gleich nach Altona, um sich bei seinem Regiment zu melden. Er hatte versprochen, das Pferd wieder zu bringen, aber er blieb weg, und der Bauer schalt auf den Magister.

»Wenn der Kerl nicht bei euch gewohnt hätte, ich würde ihm meinen Fuchs nicht geliehen haben!«

»Ich habs Euch nicht geraten!« erwiderte Timotheus, aber der andre blieb doch verdrießlich. Es war ein Glück, daß plötzlich einige herrenlose Pferde bei Blankenese aufgegriffen wurden. Sie mußten den Schweden gehören, denn sie hatten Zaumzeug in den schwedischen Farben. Wo aber waren ihre Reiter? Niemand wußte es zu sagen, und niemand fragte danach. Der Bauer suchte sich das beste Tier aus, und auch die andern Leute, die ein Pferd brauchen konnten, versorgten sich. Eins aber nahm der Magister an sich und führte es zum Hanekamphof.

»Ich meine, Frau Jutta, ein Gaul wäre nicht übel für Euch!« meinte der Magister, und die Frau bedankte sich.

»Es ist gut von Euch, an uns zu denken! Ich fürchte nur, das Tier wird bei uns nicht satt. Wir haben nicht allzuviel Hafer!«

»Bald könnt Ihr es auf die Weide schicken,« tröstete Timotheus. »Soldatenpferde dürfen nicht zu gut gefüttert werden, sonst werden sie faul!«

Gottfried und Konrad waren froh über das Geschenk, und auch Burga streichelte den Schimmel, der eine dichte Mähne hatte und einen langen Schweif.

»Es ist ein feines Tier und eigentlich zu schön für die Feldarbeit,« meinte sie, und Gottfried stieß sie unsanft zur Seite.

»Was weißt du von feinen Pferden? Du bist doch nur ein Lagerkind, und wir haben dich aus Barmherzigkeit aufgenommen!«

Auf diese Worte antwortete Burga nicht, aber die Falte zwischen ihren Augen, die fast schon verschwunden war, vertiefte sich wieder, und Gottfried traf ein finsterer Blick.

Doch als Frau Jutta nachher nach ihr rief, kam sie gehorsam und arbeitete, wie es ihr gesagt wurde.

[Illustration]

[Illustration: Fünftes Kapitel]

Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen Hamburger und Altonaer Gebiet, hinabließen, und sich die Ortschaft Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen. Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell, mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach dem Inlande brauchte.

Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte. Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser, betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und schüttelte den Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen.

»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen, und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal nach den andern Hanekamps umsehen.

Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief.

»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich mit!«

»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige Schillinge verdiente er gern.

»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!«

»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg vorsichtig ein.

»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas nickte nur, faßte die Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern war leicht.

Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine Augen umherschweifen und wurde verdrießlich.

»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie sind abgebrannt.«

»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den Kopf.

»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser wieder in Ordnung bringen!«

Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten. Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein. Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu gönnen. Denn alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen genommen!«

»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die Bauern jetzt gute Pferde haben -- also ist doch niemand gekommen, sie ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen. Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der Fahrt haben!«

Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme rief:

»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!«

Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken, daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen Schrei -- dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte.

»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich schneide dir die Kehle ab!«

Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide.

»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu. So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn mir gern gibst.«

Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand dabei und lachte.

»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte wirklich wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!«

[Illustration]

»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!«

Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder zitterten.

»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein junges Mädchen stellte sich hinter den Hund.

»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein, Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab, wenn du mich laufen lässest!«

Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch den Karabiner, der über seiner Schulter hing.

»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?«

»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches, und man braucht es nicht zu halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!«

»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte den Kopf.

»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen, und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!«

Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben, obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann aber mache, daß du wegkommst!«

Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand.

Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte sie bedächtig wieder grade.

»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen. Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!«

»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?«

»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!«

»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht mehr weit!«

Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen.

»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese Sache hat mich doch recht angegriffen!«

Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga, kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe, und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein.

Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft behandelt hatte.

»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner Wege gegangen!«

»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben werde ich immer fertig!«

Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und Burga lachte.

»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand, und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!«

»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest, und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!«

Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht.

»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!«

Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann jetzt von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger.

»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man muß nicht zu barmherzig sein!«

»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!«

»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!«

Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern. Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!« setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!«

Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas Hand. Sie merkte es nicht, sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte.

Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte, dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht!

Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte Wanderleben beginnen.

Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg -- darüber mußte man sich nicht wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät; der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte in die Welt und lustig sein! Und sie legte ihre Hand auf Wolfs Kopf, der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim!

Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte.

»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen, und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm hockte ein Junge und weinte leise.

»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn tot geschlagen!«

Burga beugte sich über den Verletzten.

»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen Becher?«

Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von dem Sack und verband sie dann.

»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind. Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn zuerst nicht finden. Das Boot liegt da --« Er zeigte auf den Strand. »Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's nicht!«

Burga sah in sein trauriges Gesicht.

»Bist du nicht von da drüben?«

Er nickte.

»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!«

Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben hatte. Der kleine Klas weinte noch immer.

»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!«

»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich nicht stößt!«