Part 12
Auf der Staatsdomäne von S. Marcos, die vom Indianeramt verwaltet wird, traf ich mehrere Offiziere. Nach Ergänzung der Vorräte fuhren wir westwärts in den Uraricoera ein. Den Ufern des schmalen Flusses entlang befinden sich zahlreiche Farmen, auf denen hauptsächlich Viehzucht auf den Steppen ringsum getrieben wird. Außer den ausgedehnten Staatsdomänen, wo man Macuxyindianer als Viehhirten beschäftigt, wären hier zu nennen die Facendas des Oberst Bento Brazil und des Commendadore Araujo am Pariméfluß. Dorthin ging meine Reise, um den geheimnisvollen Felsen der Inschriften zu untersuchen. Dann wollte ich über die offenen „Campos“ den obern Surumú erreichen.
Über die Reise den Uraricoera und Parimé flußaufwärts brauche ich nur wenig zu sagen, um zu schildern, wie ich die Tage hinbrachte. Der Uraricoera ist auf beiden Ufern umsäumt von kleinen Gruppen von Palmen und andern Bäumen, zwischen denen sich weite Ausblicke auf die wellenförmige Steppe und auf namenlose Serras bieten. Der Parimé ist ein schnell dahinströmender kleiner Fluß, dessen Quelle in einer Kette hoher unerforschter Berge fern am Horizont liegt. Da er damals mit Barkassen nicht befahren werden konnte, mußte dieses Beförderungsmittel gegen Pferde vertauscht werden. Beamte der benachbarten Fazenda stellten sie mir liebenswürdigerweise zur Verfügung zusammen mit einigen wenig anmutig aussehenden indianischen Vaqueros, die zugleich als Führer dienen sollten.
[Illustration: Mandaño-Indianer vom obern Napo.
Diese Indianer sind Kopfjäger. Die scheckige Bemalung mit Pflanzenfarben macht sie im Dickicht schwer erkennbar.]
[Illustration: Ihr „Gesellschaftskleid“.
Bemalung eines Ocainamädchens.]
Der wenig bekannte Felsblock, den zu sehen ich so weit gereist war, befindet sich in einiger Entfernung vom Alto Parimé und steigt wie ein gigantischer Ballon aus der ebenen Steppe. Er ist so abgelegen, daß die Annahme wohl richtig ist, daß er der heilige Felsentempel der großen Indianerstämme war, deren Jagdgründe sich hier vor 600 Jahren ringsum ausbreiteten.
Es ist kaum möglich, ein Gefühl scheuer Ehrfurcht zu unterdrücken, wenn man von der Steppe her in den Schatten dieses ungeheuren Blocks reitet. In mancher Hinsicht ähnelt er den merkwürdigen Matoppos in Rhodesia, nur ist er viel größer. In seiner Riesenhaftigkeit gibt er das überwältigende Gefühl einer Allmacht, die allein fähig war, diesen kolossalen abgerundeten Felsbrocken hierher auf eine sich nach jeder Richtung auf Meilen und Meilen eben ausdehnende Fläche zu versetzen.
Ein schmales Felsband führt spiralenförmig um die Basis der überhängenden Masse. Auf einer Seite befindet sich eine Höhle, die einer Kavallerieschwadron Unterkunft bieten würde. Offenbar war hier der Tempel der alten indianischen Götter, und auf dem Steinaltar sind zweifellos viele blutige Opfer dargebracht worden. Hoch oben an der Außenwand ist eine augenscheinlich künstliche, schmale, merkwürdige Plattform, von der ein Abstieg jetzt jedoch nicht mehr durchführbar zu sein scheint. Über dreißig Meter unter ihr erhebt sich eine natürliche ebene Steinterrasse. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß von dem luftigen Altar auf unbekannte Weise die Menschenopfer auf die Steinterrasse im Angesicht der unten versammelten Indianerstämme herabgestürzt wurden.
Die Seiten dieses sicherlich größten Felsblocks der Erde sind ausgewittert und verfärbt von der tropischen Sonne und den Regenfluten der Jahrhunderte. Aber außer den tief in den Felsen eingegrabenen Inschriften, von denen ich auf Seite 179 einige wiedergebe, weiß man wenig Sicheres über seine Geschichte und seinen Zweck. Daß er einst ein großer Tempel war, ist zweifellos und wird von den Macuxy-, Uapirkanas- und Jarikunasindianern bestätigt, den mächtigsten Stämmen, die jetzt die Umgebung bewohnen.
Diese Nacht lagerte ich im Schatten des großen Felsentempels. Alle Stunden der Finsternis waren erhellt von den lautlosen tropischen Blitzen. Zuweilen war das Stampfen der Hufe flüchtender Rinderherden weit draußen in der Steppe zu hören, sonst nicht einmal das leise Flüstern des Windes im Grase. Eine Stille wie nicht von dieser Welt. Im Zucken der blauen Blitze am unerforschten Horizont enthüllte sich jedesmal die ungeheure schwarze Felsmasse. Nur schwer ließ sich die Phantasie zügeln, die nachtverhüllten Flächen ringsum mit nackten Gestalten in geisterhaften Zeremonien zu bevölkern. Der Schlaf floh mich, trotzdem der mühselige Ritt in der großen Hitze des Tags mich erschöpft hatte. Als die ersten roten Streifen der Dämmerung über die gebrochenen Linien der Steppe hinzitterten, war ich froh zu essen, aufzupacken und von dem unheimlichen Felsblock wegzukommen, dessen eigentümlich farbgesprenkelten Flächen im rosigen Licht des Morgens wie von Blut trieften.
[Illustration: Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“.]
Der Überdruß an allem, was sich „amazonisch“ nannte, hatte mich fest in seinem Griff. Jede Bewegung schien eine Anstrengung, die den letzten Nerv meiner Willenskraft in Anspruch nahm. Während ich vor mich hindöste, war es, als ob der Boden unter den Hufen meines Pferdes verschwände, bis ich wieder mit einem quälenden Ruck zu mir selber kam. Gehirn und Muskeln waren wie gelähmt, aber einen wirklichen Schmerz fühlte ich nicht. Dieser äußerste Lebensüberdruß brachte nur eine Empfindung des Ekels hervor und leichtes Kopfweh. Wer aus den tropischen Wäldern kommt und deren erschlaffende Luft unter beständigem Schweißverlust monatelang eingeatmet hat, muß auf diese merkwürdige Reaktion gefaßt sein. Ob man sie über Fluß und Meer verläßt, über die luftigen Pässe der Anden oder die offenen Steppen am Rio Branco, hat wenig zu bedeuten. Das Ergebnis ist fast stets das gleiche: mehrere Tage einer unwiderstehlichen Schwere und eines Überdrusses, die nicht viel ausmachen, wenn man auf einem Deckstuhl herumfaulenzen kann, aber während der glühenden Mittagsstunden im Sattel inmitten der ozeangleichen Weiten der steinigen, wellenartigen Steppe zu einer wirklichen Qual werden.
Als die Sonne in düsterer Glut hinter den dürren Hügeln unterging, beschleunigte ich den Marsch meiner kleinen Kavalkade. Sie bestand aus drei Leuten und fünf Pferden, von denen zwei nur als Packpferde zum Tragen der Zeltausrüstung mitgeführt wurden. Obwohl unser Ziel am Surumú weniger als 100 Kilometer entfernt war, wurde es uns doch bald klar, daß wir es nicht vor Einbruch der Nacht erreichen würden, da wir einen kleinen, aber schwierig zu überschreitenden Fluß zu queren hatten. So schlugen wir wieder das Lager auf den offenen Campos auf, während es die ganze Nacht durch blitzte. Am nächsten Tag gelangten wir zu dem Posten des Indianeramts an den Flüssen Surumú und Cotinga.
Die kleine weitentlegene Station dient zur Zivilisierung der Macuxy-, Jarikunas- und Uapirkanasindianer. Sie sind eine uninteressante, aber recht umgängliche Gesellschaft. Da sie vorzügliche Reiter sind, verwendet die Regierung sie als Viehhirten, um die Herden auf den offenen Flächen dieses großen, einsamen Landes zu hüten. Eine Schule für die Indianerkinder ist der Station angegliedert, und die wunderlichen kleinen Geschöpfe sehen sich zum erstenmal in der Geschichte ihrer Rasse den Einschränkungen von Kleidern und Schulstunden unterworfen.
Jenseits dieses letzten Vorpostens einer Halbzivilisation liegen die unbekannten Ketten der Serra Pacaraima an der Grenze Venezuelas. Die niedrige Kette der wellenförmigen Hügel, die nur selten die Höhe von 500 Meter überschreiten, ist mit Gebüsch bedeckt, aber sonst breitet sich nach allen Richtungen über Tausende von Geviertkilometer die Steppe aus. Es ist ein ungeheures, unbevölkertes Land unermeßlicher Möglichkeiten. Von den wenigen dort wohnenden Indianern sieht man nicht viel, ehe man die Hügelkette überstiegen und die Wälder auf der Seite Venezuelas betreten hat. Dort bewachen noch heute die Punabi- und Brüllaffenindianer die Annäherungslinien an die unerforschte Quelle des großen Orinoko, und noch weiter nördlich hausen andere ebenso kriegerische Stämme um den heiligen Berg „Sipapo“.
Unter den Grenzern und Schmugglern hört man viel von Gold, Diamanten und kostbaren Steinen, die am Surumú, Cotinga, Majery und andern Flüssen des wilden Landes gefunden werden. Auf 4° 15′ nördlicher Breite erhebt sich am Cotinga eine kleine Bergkette, die die Lokalbezeichnung „Serra das Crystaes“ (Kristallberge) trägt. Sie wurden mir geschildert als „ein Fundort von weißen, blauen und roten Kristallen“. Diamanten hat man an den Ufern des Cauamé gefunden, aber dieser und viele andere Flüsse sind gänzlich unerforscht und scheinen für wissenschaftliche Untersuchungen ein glänzendes Feld zu bieten, und zwar mit weit weniger Gefahr für Leben und Gesundheit, als mit der Erforschung der großen Wälder im Süden unvermeidlich verbunden ist.
Als ich auf meiner Rückkehr zum Rio Branco an der Mündung des Uraricoera vorüberkam, verbrachte ich eine Nacht im Lager Raoul Rabeques, des berühmten „R. R.“ der französischen Forschung. Er hatte seine Untersuchungen am Uaupésfluß beendigt und war an den Rio Branco heraufgekommen, ehe er in die Berge seines geliebten Jura zurückging. 450 Kilometer jenseits des letzten Vorpostens der Zivilisation hatte er am Oberlauf des geheimnisvollen und wenig bekannten Uaupés eine schwere Malaria überstanden. Der Amazonenstrom selbst ist ganz gesund, und in Städten wie Pará und Manáos hat man von Malaria nichts zu fürchten, aber die entlegenen Flüsse und Sümpfe sind außerordentlich malariagefährlich, besonders, wenn die Gewässer aus den überschwemmten Wäldern wieder ablaufen. Dieser verhältnismäßig junge Forscher hatte sich zu lange in den Fiebergegenden aufgehalten und trug die unverkennbaren Zeichen an sich, daß er nur noch eine große Reise ins Unbekannte vor sich habe, obwohl er einen lebhaften und vergnügten Eindruck machte. Er starb etwa sechs Monate später auf See nach einem Besuch in Rio de Janeiro.
Von Rabeque erfuhr ich interessante Einzelheiten über die Uaupésindianer, mit denen er während seines acht Monate währenden Aufenthalts in den Wäldern in nahe Berührung gekommen war. Die Wilden an diesem entlegenen und von Stromschnellen unterbrochenen Fluß, einem Nebenfluß des oberen Rio Negro, sind zuweilen großgewachsen, haben die Hautfarbe hellen Kupfers und schwarzes Haar, das sie vorn kurzgeschnitten und über den Rücken herabhängend in einen langen Schwanz geflochten tragen. Ihre Hütten sind die größten Gemeinschaftshäuser der Welt. Einige sind über 50 Meter lang, 25 Meter breit und 12 Meter hoch. Die Dachstützen bestehen aus glatten, runden Baumstämmen. In einer dieser Riesenmaloccas spielen sich die seltsamen Zeremonien ihrer Juripariverehrung ab. Bis zu 40 Familien leben in einer Hütte. Jede besitzt ihre Feuerstelle und ihre eigenen Gerätschaften, untersteht aber den Befehlen eines Unterhäuptlings. Sie schlafen in Netz- und Federhängematten und bearbeiten kleine Anpflanzungen von Kassave, Yams und Tabak. Ihre Kanus bestehen aus einem einfach ausgehöhlten Baumstamm, sind bis zu 10 Meter lang, aber im schnellfließenden Wasser kaum zu brauchen.
Die Männer haben zuweilen eine Art Schürze, die Weiber aber, die keineswegs häßlich sind, gehen vollständig nackt. Alle Krieger tragen um den Hals an einer Kette von schwarzen Perlen einen zylinderförmigen weißen Stein, dessen Größe je nach dem örtlichen Rang des Trägers verschieden ist. Das Oberhaupt des Hauses heißt „Tischana“. Sein Amt ist erblich, solange seine Söhne es den besten Jägern des Stammes gleichzutun vermögen.
Das Uaupé- oder Uaupécarevolk, wie es auch heißt, teilt sich in 21 Unterstämme, die 15 verschiedene Dialekte sprechen. Jeder Stamm hat einen Namen, der zu seinen hauptsächlichsten Gewohnheiten oder Gebräuchen in Beziehung steht. So gibt es Tapuras (Tapirs), Tucunderas (Ameisen), Banhunas und Cubeus (Menschenfresser), Tucanos (Tukans), Piriacurus (Fische), Pesas (Netze) und noch andere, die alle das malariaverseuchte, gewundene Flußtal bewohnen.
Die Sitte verbietet Zwischenheiraten unter ihnen. Kann ein Mädchen nicht im Kampf mit einem benachbarten Stamm erbeutet werden, so muß der Heiratslustige sie aus gewissen Stämmen des Uaupévolks nehmen, in die hineinzuheiraten gestattet ist. Diese sind friedliche Ackerbauer, während die kriegerischen Stämme von gegenseitigen Raubzügen oder der Brandschatzung benachbarter Indianerstämme leben.
Der Fluß und die Indianer tragen offenbar ihren Namen von einem kleinen Vogel „Uaupé“ oder „Glanzkopf“, der seines schöngefärbten Köpfchens wegen so heißt. Stirbt ein Uaupé, so wird der Leichnam den Raubvögeln überlassen, bis sie ihn zum Skelett abgenagt haben. Die Knochen werden dann zu Pulver zerrieben, mit einem berauschenden Getränk vermischt und von allen Verwandten getrunken. Diesem widerlichen Brauch liegt die Vorstellung zugrunde, daß „es besser ist, sich im Innern eines Freundes als eines Insekts oder Reptils zu befinden“.
Die Waffen der Uaupés bestehen aus Lanzen, Blasrohren, Bogen, vergifteten Wurfspießen, Wurfpfeilen, Pfeilen und Keulen. In mancher Hinsicht scheinen sie den Ocainas zu ähneln, die ich später am Putumayo traf, da sie, nach Rabeque, sich auch am ganzen Körper zwei- oder dreimal des Tags mit gewissen Blättern abreiben.
Das Interessanteste an den Uaupés, weil einzig dastehend, ist vielleicht ihre Verehrung des Juripari, die in den wenigen Religionen und Mythologien anderer amazonischer Stämme kein Gegenstück hat. Es gibt bei ihnen Zauberdoktoren oder „Payés“, aber sie glauben weder an einen Gott noch an einen unsichtbaren Schöpfer. Alle sind diesen Payés untertan, und sogar die Kinder werden streng überwacht und müssen eine Art Katechismus lernen, der nichts enthält als eine Aufzählung ihrer Naturbeobachtungen.
Der Mittelpunkt ihrer rohen Kultur ist eine Art Teufelsgottheit, namens Juripari, und die ganze Religion ist auf einen Geheimdienst gegründet. Ungefähr sechsmal im Jahr wird in einer der Riesenmaloccas das Fest des Juripari begangen. Aus verschiedenen gegorenen Früchten bereitet man ein berauschendes Getränk in ungeheuren Mengen und vermischt es mit zu Pulver gestoßenen menschlichen Gebeinen. Die Payés legen ihre grotesk bemalten Masken an und führen unter dem Klang von Bambusflöten, unheimlichem Geschrei und allerhand Körperverdrehungen eine Art Prozession durch den Wald. Vernehmen die unverheirateten Weiber des Stammes die „Juriparimusik“, so fliehen sie in die Wälder und warten auf ein Zeichen, das sie herbeiruft. Inzwischen versammeln sich die jungen Männer, um sich einer gewissen Operation zu unterziehen, bei der kein junges Mädchen zusehen darf.
Wenn das vorbei ist, ziehen die älteren Männer und Weiber in den Wald und holen die unverheirateten Mädchen, die auf sie gewartet haben. Oft sind sie Gefangene von andern Stämmen. Sie werden in die Malocca geleitet und nach einer Untersuchung durch die Payés ihren betreffenden Gatten nach irgendwelchen geheimnisvollen Regeln übergeben. Der Bräutigam beschreibt genau den Mädchentyp, den er zu heiraten wünscht, mit allen körperlichen Vorzügen, auf die er Wert legt, ehe er noch die Gefangenen gesehen hat. Etwa ebenso, wie auch die Europäer ihrer Vorliebe für große, kleine, blonde oder brünette Frauen Ausdruck geben. Der Unterschied ist nur, daß die Payés bis ins kleinste gehende Einzelheiten verlangen, ehe sie zur Verteilung schreiten. Ist kein Mädchen vorhanden, das den Forderungen des Heiratslustigen in jeder Hinsicht entspricht, so muß er bis zum nächsten Fest warten oder bei den Stämmen, in die einzuheiraten ihm gestattet ist, selbst auf die Suche gehen und die Gefangene dann zu einer neuen Feierlichkeit mitbringen. Geburten verlaufen fast schmerzlos und ohne Beschwerden für die Mutter, weil an den Mädchen schon von früher Kindheit an gewisse Operationen vollzogen werden. Erblickt ein Mädchen die heiligen Zeremonien des Juripari, die vor den Masken der Teufelsgottheit am Beginn des Festes stattfinden, so muß sie einen grausamen Tod durch Gift erleiden.
In der Londoner Times war vor einigen Jahren zu lesen, daß zwei Missionare die unsagbaren Greuel des Juriparidienstes abzuschwächen hofften, indem sie die heiligen Kultsymbole und Messer dem versammelten Stamm zu Gesicht brächten. Es gelang ihnen auch durch eine List, die Gegenstände der Stammesverehrung dem allgemeinen Anblick darzubieten. Die Weiber flohen entsetzt, und in einer Beratung der Payés ward entschieden, daß zur Besänftigung der erzürnten Götter von den Mädchen, die die heiligen Symbole erblickt hatten, jedes zehnte durch Gift sterben müsse. Der schauerliche Beschluß gelangte sofort zur Ausführung. Die Leichen wurden in riesigen irdenen Urnen verschlossen und unter der Maske des Juripari begraben. Natürlich gibt es verschiedene Symbole dieses seltsamen Kults, aber bisher haben so selten Weiße auch nur einem Teil der Zeremonien beigewohnt, daß sehr wenig darüber bekannt ist. Der Juriparidienst bildet noch heute zum größten Teil eins der unenthüllten Geheimnisse der großen Wälder.
14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts.
Am Unterlauf des Rio Branco ist das Klima sehr feucht und ungesund. Als ich auf der Rückkehr nach Manáos aus der weiten, offenen Steppe an der Grenze durch den dichten Waldgürtel kam, hatte ich abwechselnd Schweißausbrüche, Fieberanfälle und Schüttelfröste zu überstehen. Aber der starke Malariaanfall verging, noch ehe ich Manáos erreichte. Der Anblick eines schönen Boothdampfers am Quai, 1600 Kilometer fern von der Zivilisation, tat das übrige, und so kehrte ich im schönsten Wohlleben nach England zurück.
Zwölf Monate später war ich wieder im Amazonengebiet. Diesmal berührte ich die freundliche, kleine Dschungelstadt Manáos nur auf der Fahrt den meeresgleichen Strom weitere 1600 Kilometer hinauf nach Iquitos im nordöstlichen Peru. Über den Solimões, wie der Amazonenstrom zwischen der Mündung des Rio Negro und der Grenze Perus genannt wird, ist nicht viel zu sagen, außer daß die Ufer nicht mehr so tief sind und bei Hochwasser oft halb überschwemmt werden. Die rote Erde blickt zuweilen durch das lastende Dickicht der prächtigen tropischen Vegetation, und Riesenflöße aus amazonischen Hölzern mit winzigen Palmstrohhütten darauf werden von der Strömung flußabwärts getragen. Dann wieder gleiten vom Grund gelöste Palmeninseln majestätisch vorüber, deren grüne Wipfel wie Segel in der Sonne schimmern. Und immer noch begleiten die Mauern der großen tropischen Wälder den Reisenden auf seiner 5000-Kilometer-Fahrt durch den Kontinent. So heftig wütet unter dem dunkeln Blättergewölbe der Kampf ums Dasein, daß nur die Bäume, die sich zum Licht durchringen, auf dauerndes Leben hoffen dürfen. Die andern sterben dahin und fallen den gefräßigen Ameisen zum Opfer. Viele ersticken auch in der verhängnisvollen Umarmung der Lianen. Nachdem sie ihnen Menschenalter hindurch als Stützpunkte gedient haben, fallen sie endlich unter ihrer würgenden Umklammerung.
Einige, wie die Assaipalmen mit ihren schönen, federgleichen Wedeln, streben empor, bleiben aber schwach aus Mangel an Licht und Luft. Im Zwielicht welken sie, ehe sie das düstere grüne Dach durchbrochen haben. Viele Parasitenpflanzen, wie die Orchideen, nehmen die Gastfreundschaft der lebenskräftigeren Waldgewächse in Anspruch. Den Reisenden überschleicht der Wunsch, all diese schwelgerische Schönheit möchte der Welt auf der Leinwand dargeboten werden. Aber ein Bates oder ein Wallace mit ihren Kenntnissen von tausend Arten müßten zugleich die Kunst eines Landseer oder Salvator Rosa beherrschen, um das uralte amazonische Pflanzenschlachtfeld im Bild wiederzugeben.
Bei den wilden Tieren, den Vögeln, Reptilien und Insekten ist es nicht viel anders. Die wenigen Großen leben von den zahllosen Kleinen. Nur die Insekten sind durch die Jahrhunderte hindurch an Anzahl gleichgeblieben. Die Raubtiere, wie der Jaguar und der Alligator, ziehen sich vor dem Dampfschiff und dem sich allmählich ausbreitenden Verkehr in die Seitenflüsse zurück. Und die schwächeren und weniger behenden Tiere, wie die Seekuh und die Schildkröte, fallen dem Nahrungsbedürfnis der vorrückenden Menschenarmee zum Opfer, die ihre geliebte Wildnis zerstören würde, wenn das die Üppigkeit der Natur zuließe.
Wer philosophisch über solche Fragen nachdenkt, während die Tage auf dem breiten Solimões vorüberziehen, kann sicher sein, sich dadurch den wundervollen Eindruck des Flusses, Urwalds und schimmernden Himmels zu verderben. Hitze, Stille und das Gefühl der Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft sind ebenso viele Feinde vernünftigen Nachdenkens. Wie die sandbedeckten Wüsten und arktischen Schneefelder sind die großen tropischen Wälder die Stätten des Schweigens, wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Anmaßung bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die Oberfläche zu sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave Männer sind so zugrunde gegangen auf ihren Wanderungen durch die dämmrigen Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund der Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder sie wurden, laut vor sich hinredend, am Verhungern oder gestörten Geistes aufgefunden. Die Roosevelt-Rondon-Expedition traf solch einen Verirrten Hunderte von Meilen fern jeder Zivilisation; ein anderer starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte, unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück; und das sind nur ein paar, wie sie mir gerade einfallen. Ein Grauen geht aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften Insekten, scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen Kulten, sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen Zwielicht, der drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftliebenden Eingeborenen und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum. Und doch ringt sich überall das Leben durch. Da sind wir in Coary, einer kleinen, von Petroleum erleuchteten Caboclostadt. Dann folgt Tabatinga, der Grenzposten mit seiner dunkelfarbigen Garnison, am breiten, sonnenhellen Fluß inmitten einer frischgrünen Vegetation. Also warum nachgrübeln über die unsichtbaren Tiefen einer noch immer vom Schleier des tiefsten Geheimnisses verhüllten Gegend der Erde?
In der Nachbarschaft von Tabatinga, an der Grenze Brasiliens und Perus, leben die Überbleibsel der einst mächtigen Tacuná-Indianerstämme. Nur einige Meilen von der Niederlassung entfernt treiben sie sich noch in den Wäldern umher, nackt und um den Mund herum tatauiert, so daß sie wie Affen aussehen. Auch die Weiber und selbst die älteren Kinder haben die Gesichter mit Linien von den Mundwinkeln bis zu den Ohren bemalt. Ohne diese scheußliche Kriegsbemalung würden die Tacunás zu den bestaussehenden und bestgeformten Indianern im Amazonengebiet gehören. So wie sie aber sind ist ihre Erscheinung im höchsten Maß grotesk. Sie glauben an einen guten Geist „Nanuloa“ und einen bösen Geist, den sie „Locazy“ nennen. Nach dem Tod geht die Seele in das Heim des guten Geistes. Der Leichnam wird zusammengebogen, bis die Hände und Füße sich berühren, dann in einer riesigen irdenen Urne verschlossen und begraben. Man kann solche wiederausgegrabene Urnen mit dem Skelett drin in einigen der kleinen Uferniederlassungen käuflich erwerben. Die Tacunás tragen Halsketten aus den Zähnen von Affen und Jaguaren, schmücken Kopf und Arme mit Federn und verstehen das wirksamste Gift im ganzen Amazonengebiet zu bereiten.
Bei Pebas fährt der kleine Flußdampfer in eine Bucht am Nordufer ein und legt dort vor einem buntscheckigen Haufen von Lehm- und Strohhütten und ein paar verputzten Barracas an. Ein kleiner Fluß läuft von hier landeinwärts gegen den Putumayo. An seiner inselreichen Mündung waren wir einige Meilen vorher vorübergekommen, während sanfter Mondschein auf diesem Gewässer einstiger Greuel schimmerte. Die Yáhuasindianer kommen den Fluß herab, um ihre eigenartigen Erzeugnisse an einen Kaufmann in Pebas zu verhandeln.
Diese Indianer sind noch wild, aber verhältnismäßig harmlos. Sie kleiden sich in Umhänge und Röckchen aus Gras und sind die Nachkommen jener Wilden, die vor Jahrhunderten auf Orellana einen so starken Eindruck machten, als er seine berühmte Entdeckungsreise den Rio Napo herab vollführte. Er glaubte damals, von einem wilden Stamm kriegerischer Weiber angegriffen zu werden, den Amazonen. Auf in Pebas aufgenommenen Photographien einiger Yáhuasmänner tritt ihre Ähnlichkeit mit Frauen auffallend hervor.
Die Yáhuas, die auch unter mehreren Namen bekannt sind, gehören zu einem Unterstamm der Orejonesindianer. Sie bemalen ihren Körper mit dem roten Saft des „Achiote“ und wohnen am Yáhuafluß, einem kleinen Nebenfluß des Putumayo, von dem der Stamm seinen Lokalnamen erhielt. In der Nähe von Pebas befindet sich eine Missionsstation, die unter diesem und den benachbarten halbwilden Stämmen eine segensreiche Tätigkeit ausübt. Der Rest dieses Indianervolks wohnt an den Ufern des obern Putumayo und des Napo.
Die letzten 160 Kilometer Flußfahrt vor der Ankunft in Iquitos sind von Inseln und dem Ästuar des Napo unterbrochen, den Orellana herabkam, als er 1539 den Amazonenstrom entdeckte. Auf beiden Seiten dieses Abschnitts des Hauptstroms gelangt man schon sehr bald auf einem oder dem andern der Nebenflüsse oder Igarapés in das Gebiet halbwilder Stämme.
Die kleine Niederlassung von Iquitos, etwa 3500 Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt, macht gegenwärtig einen armseligen Eindruck, wobei die Schuld mehr an der Untätigkeit der Regierung als an der seiner Einwohner liegt. Sie steht auf einer Uferbank des Marañon, die von der Strömung beständig unterwaschen wird. Aus verschiedenen Anzeichen ist zu schließen, daß der Amazonenstrom in weit zurückliegender Zeit den Teil eines Binnenmeeres bildete. In einer Schicht werden Muscheln gefunden, die man allgemein für solche von Meerfischen hält.
Die Straßen von Iquitos sind nicht ohne Reiz. Niedrige einstöckige Häuser, deren vorspringende Dächer Schutz gegen die Glut der Sonne gewähren, wechseln mit Ziegelbauten und verputzten Gebäuden einer mehr modernen Architektur. Sehr schlecht ist die Kanalisation der Stadt. Offene Abzugskanäle durchziehen die Straßen, die während der Regenzeit infolge von Schmutz und stagnierenden Wassertümpeln kaum passierbar sind. Trotz dieser beklagenswerten hygienischen Verhältnisse erfreut sich das kleine Städtchen einer elektrischen Beleuchtung! Da dem Verkehr mit der Zivilisation, etwa 2000 Kilometer entfernt an der Küste des Pazifischen Ozeans, fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstehen, haben die energischen Einwohner, die erst kürzlich nach einer monatelangen Revolution wieder beruhigt werden konnten, mit Begeisterung die Idee einer Luftverbindung über die Anden aufgegriffen.
Nach einem Aufenthalt von sieben Tagen in Iquitos entdeckte ich eine Barkasse, die dem Señor Ramon gehörte und nach einer Grenzstation fahren sollte, 24 Kilometer den Chimbiri-Yacu flußaufwärts, in die Nähe der winzigen Eingeborenenniederlassung von Vaca Marina. Señor Ramon versprach mir, mich ins Schlepptau zu nehmen, ohne mit echt peruanischer Höflichkeit das geringste dafür annehmen zu wollen. So erwarb ich ein recht hübsches Kanu für eine ebenfalls recht hübsche Summe, kaufte Vorräte, die selbst zu Teuerungspreisen nur schwer zu erhalten waren, und mietete zwei junge und ganz umgänglich aussehende Cocama-Indianer.