Part 3
Was sich während der nächsten vierzehn Stunden ereignete, ist vom Schleier des Geheimnisses bedeckt. War es die verhältnismäßige Behaglichkeit der kleinen Kabine, deren ich mich allein, dank der Güte der Beamten und anderer Freunde in Pará, erfreute, oder war es die kühle Brise vom offenen, hier sehr breiten Strom her nach den qualvollen Nächten auf der Jaguarinsel -- das vermag ich nicht genau festzustellen. Aber jedenfalls schlief ich so gut, daß ich das kleine, aus Fisch und Früchten bestehende Frühstück auf dem Hinterdeck versäumte und mich mit schwarzem Kaffee und Biskuits bis zum Lunch begnügen mußte.
Wir befanden uns nun in den berühmten Engen des Amazonenstroms. Die Tausende von bewaldeten Inseln legen sich so zusammen, daß der reißende Strom häufig auf weniger als 180 Meter eingeschnürt wird -- ein Gegensatz zu den 50 Kilometer gegenüber Pará! Die gelbe Flut schießt zwischen den grünen Inseln in mannigfachen Richtungen dahin; ein Schauspiel großartiger tropischer Schönheit. Die zierliche Assaipalme mischt ihre federartigen Wedel in das Blättergrün zahlloser anderer Baumarten, Lianen hängen in Schleifen und Girlanden von den luftigen Ästen der Urwaldriesen, gewaltige Wurzeln ragen wie Strebepfeiler aus dem Gewirr des Unterholzes, und auf den Lichtungen und den schmalen Igarapés wandelt sich der strahlende Sonnenschein der Tropen zum Dämmern grünlichen Zwielichts.
Hier und da erheben sich die mit Palmstroh bedeckten Behausungen der Caboclos, der halbblütigen Kautschuksammler, auf dünnen Pfählen über die überfluteten Ufer. Die primitiven Hütten stehen gleichsam im Schatten der gewaltigen äquatorialen Urwälder. Die Armut dieser Flußleute ist oft schrecklich. Die nackten Kinder, die in den roh ausgehöhlten Kanus spielen, dem einzigen Verkehrsmittel, tragen alle Zeichen der Unterernährung an sich. Sich auf dem Lande zu ergehen, ist ihnen des dichten Dschungels wegen verwehrt. Das Hauptnahrungsmittel besteht aus Mandiokamehl, das Magenerweiterungen und Blutarmut verursacht. Neunzig von hundert dieser Kinder sollen an Hakenwürmern, Malaria und Bleichsucht leiden. Flußfische und Waldfrüchte bilden die sonstige Nahrung dieser merkwürdigen Mischrasse aus Indianern und Portugiesen, die an den Ufern der fast überall zugänglichen Flüsse des Amazonenbeckens wohnt. An den Uferrändern der Engen des Amazonenstroms finden sich außerdem viele Indianer, halbzivilisierte Nachkommen der einst mächtigen Tupination. Von den Caboclos unterscheiden sie sich durch ihren kleinen Wuchs, die braune Hautfarbe und eine vierschrötige, muskulöse Gestalt. Sie sprechen die „Lingoa Geral“, die als Verständigungsmittel zwischen den Portugiesen, den Caboclos und den Indianern dient, einen verdorbenen Tupidialekt, leben in Familien und haben seltsam verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse. Geschwisterkinder sind unbekannt, und alle Enkel eines Großvaters werden als Brüder und Schwestern betrachtet!
Die Weiber gehen bei den Caboclos und Indianern halbnackt oder in leuchtend roten Röcken; die Männer tragen selten mehr als schmutzige Unterhosen und einen Strohhut. Ihre mit Palmstroh gedeckten, auf Pfählen über der gelben Flut erbauten Hütten, mit den Kronen der Riesenbäume drüber statt des Himmels, machen einen trübseligen Eindruck. Sie bestehen aus einem Raum, der beinahe keine Einrichtungsgegenstände, nicht einmal Kochgerätschaften enthält. Außer einer Schilfhängematte und einigen irdenen Töpfen ist dort nichts zu sehen. Fast den ganzen Tag bringen sie auf der von Pfählen getragenen Plattform zu, die das einzige Wohngemach umgibt.
Zuweilen kommen sie zu einem Tanz zusammen, der meist abends stattfindet beim flackernden Schein eines angezündeten Holzhaufens. Die älteren Leute singen eine langsame, traurige Melodie, mit vielen Wiederholungen, zu der sie mit Gefäßen voll trockener Erbsen, die geschüttelt werden, eine Art Begleitung spielen. Dazu schleifen die jungen Caboclos mit den Füßen und verdrehen den Körper, was weder graziös noch künstlerisch aussieht. Sieht man solche Tänze im Dickicht der großen Wälder oder am mondbeschienenen Strand mit dem dunkeln, schweigenden Fluß vorn und der schwarzen Wand des Dschungels als Hintergrund, von dem sich die rote Glut des Holzfeuers abhebt, so machen die langsamen, schattenhaften Bewegungen der Gestalten und das rhythmische Gerassel der Erbsenbehälter einen unheimlichen und im höchsten Grad barbarischen Eindruck.
Während der letzten Tage des Juni begehen die Caboclos alljährlich das Fest von St. Juan (Johannes des Täufers). Dabei gibt es Tänze und seltsame Zeremonien, die ihren Höhepunkt in einer Art von Karneval am 24. Juni erreichen. Fast jede der nah und fern über die Ufer der 30000 Kilometer schiffbarer Flüsse verstreuten Familien zündet ein Feuer im Freien an und nimmt um Mitternacht ein wohlriechendes Bad. In den vielen kleinen Niederlassungen längs der verschlungenen Flüsse kommt man maskiert zusammen. Die Leute verkleiden sich als Stiere mit Kopfschmuck und Hörnern oder als wilde Indianer mit Tukanfedern, Bogen und Pfeilen. Wilde Musik und Tänze füllen die Stunden aus zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht, dann kommt das wohlriechende Bad.
Fast vor jeder Caboclohütte stehen auf der Plattform über dem Fluß oder Sumpf irdene Töpfe, in denen gewisse Pflanzen wachsen. Sie dienen dazu, um das Bad an jenem großen Festtag der Mischlingsbevölkerung zu parfümieren, die das dünne Band einer Halbzivilisation an den Ufern der vielen schiffbaren und befahrenen Flüsse des Amazonengebiets bildet. Es sind harmlose und freundliche Leute, wenn sich auch das impulsive Temperament der Indianer zuweilen in einer Messerstecherei Luft macht.
Obwohl die Hütten dieses Flußvolks, des Steigens der Flüsse wegen, fast stets auf Pfählen errichtet sind, kommt es nicht selten vor, daß die Leute bei außergewöhnlichem Hochwasser ganze Tage auf den Dächern zubringen müssen. Die an den Stromengen Hausenden sind hauptsächlich Cearaetze oder Eingeborene aus dem Staat Ceara, die zwangsweise aus diesem wüstenartigen Gebiet während einer Trockenperiode deportiert und in den feuchten äquatorialen Wäldern des untern Amazonenstroms angesiedelt wurden. Ihre Haut- und Haarfarbe ist verhältnismäßig hell, während die, die am Oberlauf des Amazonenstroms und an den entlegeneren Flüssen hausen, dunkler sind und mehr den zivilisierten Indianern gleichen. Aber es ist unmöglich, allgemein zutreffende Angaben zu machen, weil auch Neger, d. h. freigelassene Sklaven, und ihre Abkömmlinge sehr zahlreich sind und die Mischung der verschiedenen Rassen allerlei Merkwürdigkeiten in Farbe und Typus hervorgebracht hat.
Nachdem die 200 Kilometer langen Stromengen durchfahren sind, gewahrt man auf den mit dichten Wäldern bestandenen Uferbänken nur wenig Zeichen des Lebens. Im Düster der Riesenbäume wird trockenes Land nur selten sichtbar, und das erklärt bis zu einem gewissen Grad das Fehlen der Fauna. Zuweilen wird die Stille der tropischen Nacht von dem fernen Geheul eines Jaguars unterbrochen oder dem Lärmen einer aus dem Schlaf geschreckten, schreienden Affenkolonie. Ehe in den frühen Morgenstunden der dünne, weiße Nebel von Fluß und Dschungel verschwunden ist, kann man häufig von der Mitte des Flusses aus das Kreischen der Papageien und das Geschnatter der Affen hören.
Dicht am Ufer sieht man oft Papageien, Araras, weiße Reiher, Kormorane und Enten zwischen ihren Nahrungs- und Brutplätzen hin- und herfliegen. Zuweilen scheucht das Geräusch des Dampfers einen Königsfischer oder Reiher auf oder man bekommt einige Schopfhühner zu Gesicht, lebende Verbindungsglieder zwischen Pterodaktilus und Vogel. Riesenfische, mit den Kinnladen einer Bulldogge und vorstehenden Augen, tauchen aus der Tiefe der gelben Flut, um den Abfall der Schiffsküche aufzuschnappen, und hoch über den gewaltigen Wäldern ziehen in schwerfälligem Flug die schwarzen, geierartigen Urubú (Rabengeier) dahin oder kreist langsam der amazonische Adler. Flußdelphine erscheinen gelegentlich an der Oberfläche des Flusses, und zur Zeit des Niederwassers sind in der Mittagshitze sich sonnende Alligatoren kein seltener Anblick.
In den Quellgebieten der abgelegenen Amazonenflüsse sind die Alligatoren so zahlreich, daß sie eine beständige Gefahr bilden. Dort kommt auch der Piranha genannte Kannibalenfisch vor, von dem ich später noch mehr berichten werde.
Auf der Fahrt nach dem Tapajóz-Plateau war ich noch nicht lange genug im Amazonengebiet, um die bittere Wahrheit der Behauptung zu verstehen: „Hinter jedem Blatt ein Insekt und in jeder Blume wenigstens eine Ameise.“ Zwar hatte ich den fast ununterbrochenen Lockruf der Käfer vernommen, das Zirpen einer Art Grille, das unaufhörliche Summen und Surren der zahllosen Insekten, aber noch keine Wespennester so groß wie Kokosnüsse gesehen, Armeen von Sauba-Ameisen, Büsche bedeckt mit „Micuims“, lästigen Zecken, die sich zu Hunderten unter die Haut eingraben, wenn man durch das Dickicht des Urwalds wandert. Auch war ich noch wenig vertraut mit der nächtlichen Tätigkeit der Sandflöhe, Sandfliegen und der ungeheuern Spinnen, von denen manche ein rotes Kreuz als Zeichen der Gefährlichkeit auf ihrem widerlichen Rücken tragen. Einige wenige Schlangen hatte ich in verschiedenen Gegenden Südamerikas zu Gesicht bekommen, aber die waren nichts im Vergleich zu den Stücken, die ich später in den Sümpfen des Madeiragebiets antraf. Als daher der kleine Flußdampfer sich entschloß, einige Stunden in Santarem anzuhalten, der hübschen, kleinen Niederlassung an der Mündung des Tapajózflusses, machte ich mich auf, die Stadt und die sie umgebenden Dschungeln zu besuchen, um meine vernachlässigte Erziehung zu vervollständigen.
Die Vereinigung des dunkelgrünen Tapajózflusses mit der gelben Flut des Amazonenstroms, gegenüber Santarem, bietet einen merkwürdigen Anblick. Die Gewässer vermischen sich nicht, sondern bilden Farbenflecken und Miniaturwirbel weithin über die ungeheure Fläche des wie gescheckten Stromes. Das Land an beiden Mündungsufern des mächtigen Nebenflusses besteht aus imponierenden waldbedeckten Klippen und Hügeln. Zwischen dem Vegetationsgeflecht wird stellenweise der rote Sandstein sichtbar. In den tiefer gelegenen Dschungeln gibt es Palmen der verschiedensten Art, weiter oben aber, auf dem trockenen Grund, erheben sich die Riesen des Urwalds, und das Unterholz nimmt ab.
Hätte ich sonst keine Erfahrungen auf meiner Wanderung um Santarem herum gemacht, so würden mir mehrere qualvolle Stunden erspart geblieben sein. Wenn man aber einmal von den „Micuims“ gebissen wurde, ist das beste Heilmittel „Cacash“, ein billiger, einheimischer, starker Sprit, in dem man sich glücklicherweise auch ein Bad leisten könnte. Er lindert die Stiche der Moskitos und die durch Hunderte von kleinen Parasitenarten verursachten Entzündungen. Neulinge im Reisen in den Wäldern des Amazonas pflegen über die Quälgeister noch kräftiger zu fluchen, als über alle sonstigen Beschwerlichkeiten. Zum Glück ist der kühle Fluß frei davon.
Als die Sonne wie gewöhnlich in einem Strahlenglanz von gelben, roten und purpurfarbenen Wolken unterging und den stillen Strom, die Palmen, Klippen und weißen Landhäuser in ein Meer von Gold und Karmesin tauchte, nahm das Violett des Tapajózflusses die Farbe rötlichen Schaumes an. Aber während die erste Asche der eben angezündeten Zigarre zu Boden fiel, war das Feuer im Westen schon erloschen, und die Lichter Santarems wurden von den dunklen Mauern des tropischen Waldes aufgeschluckt.
Hinter Santarem bildet der Tapajóz eine etwa 15 Kilometer breite, trichterförmige Bucht, die nach Süden, in das Herz des Kontinents, hineinführt. Während der nächsten 80 Kilometer verengert er sich aber wieder allmählich bis auf weniger als drei Kilometer bei der kleinen Niederlassung Aveiros. Bald nach Sonnenaufgang hielt der Dampfer an einer „Barraca“ oder einem Magazin, etwa 100 Kilometer stromauf, um seine Vorräte an Heizmaterial zu ergänzen. Die kleinen Holzklötze waren auf einer wackeligen Plattform aufgeschichtet, die sich dicht am Ufer über das dunkelgrüne Wasser erhob. Abgesehen von den Kanus wird die ganze Flußschiffahrt im Amazonengebiet mit Holzfeuerung aus den umliegenden Wäldern betrieben. Die Bäume werden von den Caboclos, den Sammlern von Kautschuk und brasilianischen Nüssen, gefällt, zerkleinert und den Dampfern an den Barracas verkauft. Auch die zur Ausfuhr bestimmten Produkte des Waldes werden hier aufgestapelt. Diese niedern Schuppen auf ihren Holzpfählen bilden ein charakteristisches Bild an allen stark befahrenen Flüssen des Amazonengebiets. Sie scheiden die bekannten Routen von den unbekannten. Wo es keine Barracas gibt, können nur Kanus zu Erforschungszwecken mit Erfolg benutzt werden.
Vor wenigen Jahren erschienen einige unerfahrene Reisende an der Schwelle eines entlegenen Gebiets des brasilianischen Guyana in einer sorgfältig ausgerüsteten Motorbarkasse, die sie auf dem Deck eines Frachtdampfers mitgeschleppt hatten. Unnötig zu sagen, daß sie über dreihundert Kilometer von der Basis ihrer Benzinversorgung nicht hinausgelangten, und das in einem Gebiet, wo eine Kanureise von 1500 Kilometer für nichts Besonderes gehalten wird!
Vom Verdeck des Dampfers aus scheint das Wasser des Tapajózflusses von flaschengrüner Farbe, aber während Brennholz an der Barraca eingenommen wurde, benützte ich die Gelegenheit, dieses merkwürdige Flußwasser in einem Glas und unter dem Mikroskop zu untersuchen. Es sah nun kristallklar aus mit nur wenigen pflanzlichen Bestandteilen an der Oberfläche; ganz im Gegensatz zu dem schlammartigen, gelbbraunen Wasser des Amazonenstroms. In seinem Unterlauf zieht der Tapajóz breit und stattlich dahin zwischen Uferbänken, die bis zu beträchtlicher Höhe ansteigen und rote Felsen zwischen den Riesen des Urwalds hervortreten lassen. Die Schiffahrt geht aber doch nur von der Mündung bei Santarem ungefähr 240 Kilometer weit bis zu einem Häuflein aus Luftziegeln errichteter Hütten, das sich stolz Itaituba nennt. Über diesen Punkt hinaus ist das Flußbett von einer Reihe gefährlicher Stromschnellen unterbrochen, und das angrenzende Gelände ist nur halb erforscht, obwohl Franco, Wickham und Rondon zu verschiedenen Zeiten des letzten Jahrhunderts viele hundert Kilometer weiter vorgestoßen sind.
Das Fehlen jeglichen andern Beförderungsmittels nötigte mich in Itaituba zum Ankauf eines geräumigen Kanus oder Batalõe. Als der kleine Dampfer im „Hafen“ angelegt hatte, beeilte ich mich, die bräunlichen Beamten aufzusuchen, an die ich Empfehlungsbriefe in Pará erhalten hatte. Eine nähere Bekanntschaft mit den paar verfallenen Vorratshäusern und Ziegelhütten des Ortes verstärkte noch meinen Entschluß, ein Nachtquartier dort wenn möglich zu vermeiden.
Aber wehe den Plänen der Menschen in dieser geheimnisvollen Region der Urwälder und Gewitter! Kaum hatte sich die Sonne hinter die Baumwipfel gesenkt, als der ganze Himmel im Feuer zu stehen schien. Drei Stunden lang hielt das Gewitter an, ohne daß das leiseste Geräusch des Donners oder vom Aufklatschen von Regentropfen zu hören gewesen wäre. Es blitzte nur unaufhörlich, daß die Augen fast geblendet wurden. Lautlose Flächen- und Zackenblitze -- auch Fluß und Wald schienen den Atem anzuhalten.
Glücklicherweise hatten wir Vorräte und Ausrüstung noch nicht ausgeladen und brachten die Nacht an Bord des Dampfers zu. Itaituba hat dem in privaten oder Amtsgeschäften Hierherkommenden keine Bequemlichkeit zu bieten, die über ein Dach und eine Hängematte hinausginge. Seine Einwohnerzahl beträgt etwa 500 Köpfe, und bemerkenswert ist es nur als Aufenthalt von Mr. Wickham, der hier die Samen sammelte, aus denen später die malaiischen Gummipflanzungen hervorgingen. Gegen Mitternacht hörte das Blitzen auf, und der Regen setzte ein. Eine zischende und tobende Sintflut drang durch die überhitzten und gesprungenen Deckplanken, weckte während der zwanzig Minuten ihrer Dauer uns alle an Bord und ersäufte zwei Hühner, die an einem Stützbalken der Schiffstreppe angebunden waren.
Der nächste Morgen war von strahlender Schönheit, aber drückend heiß. Ganz gegen meine Erwartung gelang es mir, sofort ein Batalõe für die nicht übertriebene Summe von 15 Pfund zu erwerben. Der bisherige Besitzer dieses sonderbaren, unangestrichenen Fahrzeugs erzählte mir, daß Regengüsse wie der der gestrigen Nacht in dieser Jahreszeit selten wären, außer zwischen 3 und 4 Uhr jeden Nachmittag! Im Gebiete des untern Amazonenstroms verabredet man sich je „vor“ oder „nach“ dem täglichen Guß. An manchen Plätzen setzt er um Mittag, an andern etwa eine Stunde später ein. Selten hält er länger als einige Minuten an, außer während der stärksten Regenzeit im Januar, Februar und März.
Monate später erfuhr ich am eigenen Leib, was Reisen auf unbekannten Flüssen und durch sumpfige Urwälder während der Regenzeit in Wirklichkeit heißt. Ich hoffe keine Wiederholung zu erleben. Für mein erstes längeres Eindringen in die Wildnis des Amazonas hätte ich mir aber keine günstigere Zeit wünschen können. Es war die zweite Maiwoche und Trockenzeit, mit dem wesentlichen Unterschied, daß es zwar fast jeden Tag, aber doch nicht den ganzen Tag hindurch regnete.
4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.
Von Itaituba flußaufwärts ist der Tapajóz fast unerforscht. Die Dampfschiffahrt findet hier ihr Ende, und die kartographisch nicht aufgenommenen Gewässer bereiten nun ernstlich auf das weite, unbekannte Innere vor. Nachdem wir unser Gepäck, die Lebensmittelvorräte und die Lagerausrüstung vom Flußdampfer in das Batalõe umgeladen hatten, verließen wir am 14. Mai die kleine, aber saubere Niederlassung, die von der Mündung des Tapajóz 240 Kilometer flußaufwärts abliegt. Noch kamen wir an einem Ort namens Itapeu vorüber, dann hatten wir, wenige Stunden nach der Abfahrt von Itaituba, alle Anzeichen der Zivilisation hinter uns gelassen.
An beiden Ufern zogen sich stellenweise dichte Wälder aus mächtigen Bäumen hin, im Hintergrund aber, besonders gegen Südwest zu, erhoben sich steile Felsen aus rotem Sandstein und dschungelbewachsene Hügel. Sie bildeten den Abfall des wenig erforschten Tapajózplateaus, das sich über eine weite Fläche hin ausdehnt: westlich bis zum Tal des Madeiraflusses, während es gegen Süden in das Plateau von Grosso übergeht, im Innern des Kontinents. Es wird niemals überschwemmt. Spätere Forschungen zeigten, daß das niedere Plateau, dessen Durchschnittserhebung über den Meeresspiegel etwa 250 Meter beträgt, aus einem unermeßlichen Wald riesenhafter Bäume besteht, überall durchflochten von der Cipó oder Mordrebe. Das Unterholz steht aber gegen alle Erwartung viel weniger dicht als in den niedern Flußtälern.
[Illustration: Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“.]
[Illustration: Moiré auf dem Amazonas.
An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie gelbes Moiréband aus.]
Kilometer nach Kilometer glitt das Kanu friedlich auf dem stillen, breiten Fluß dahin oder wurde durch Stromschnellen gezogen und mit Stangen fortgestoßen. Solche Stromschnellen befinden sich in der Nähe von Bella Vista und São Luis, von wo an eine Dampferverbindung vollkommen unmöglich wäre, da unmittelbar hinter dieser kleinen, unbedeutenden Niederlassung der Fluß durch Felsen und Stromschnellen gänzlich gesperrt ist. Das stundenlange Herumsitzen in verkrampfter Stellung, wie sie in einem schwerbeladenen Kanu allein möglich ist, wäre unerträglich geworden, hätten nicht zuweilen zackige Felsen, die schroff aus dem Wasser aufstiegen, Abwechslung in die eintönige Fahrt gebracht. Um die Felsen herum bildeten sich Wirbel von beträchtlicher Stärke. Für etwas aber war ich von ganzem Herzen dankbar, nämlich die Abwesenheit der Insektenschwärme, die auf manchen Flüssen des Amazonengebiets die Tage zu einer einzigen Qual und die Nächte kaum weniger peinigend machen. Dieser Vorteil wurde freilich durch die unbeschreiblich ekelhaften Gewohnheiten meiner beiden Begleiter aufgewogen. Es war zum erstenmal, daß ich allein durch die Wildnis mit Angehörigen einer Mischrasse reiste, deren Vokabular, abgesehen von einem halb brasilianischen, halb indianischen Lokalpatois, aus nicht mehr als 50 wunderlichen englischen Worten bestand, die sie im Dienst der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom aufgeschnappt hatten.
Wir umgingen die Apuéfälle, die eigentlich aus einer Reihe von Stromschnellen bestehen, wo der Fluß sich durch Felsenengen in einer anscheinend wilden und verlassenen Gegend hindurchzwängen muß. Sieben Tage später, am 23. Mai, bekamen wir einige Indianer auf einer kleinen sandigen Strandstelle des Westufers zu Gesicht. Da wir gern einen Führer angeworben hätten, der die Eigentümlichkeiten und Gefahren der folgenden Flußstrecke kannte, wandten wir den Bug des Kanus gegen das Ufer. Fast augenblicklich verschwanden die bronzefarbigen Gestalten im Buschdickicht und erschienen auch nicht wieder, obwohl wir einen glänzenden Fußring und einige Perlenschnüre als Geschenke auf den Strand legten und das Kanu in den Fluß zurückstießen. Zwei Stunden warteten wir, dann legten wir von neuem an, da es uns unklug schien, die Geschenke bei unserm beschränkten Vorrat zu opfern, ohne dafür einen Führer zu bekommen. Kaum hatten wir sie wieder im Kanu geborgen, als ein Pfeil über unsere Köpfe schwirrte, worauf wir keine Zeit verloren, in die Mitte des Flusses zurückzurudern.
Ungefährer Berechnung nach hatten wir nun etwa 220 Kilometer von den ersten Stromschnellen an zurückgelegt, die die Dampfschiffahrt auf dem Oberlauf dieses prächtigen Flusses wirklich unmöglich machen. Der durchschnittliche Fortschritt betrug also stündlich nur ungefähr 3 Kilometer. Die Gründe für die Langsamkeit unseres Weiterkommens lagen einmal darin, daß wir viel Zeit hatten damit zubringen müssen, das schwer beladene Kanu durch die schäumende Flut zu ziehen, oft bis zur Brust im Wasser stehend, oder es um Hindernisse herum über Land zu tragen; zum zweiten in den voraufgegangenen Regengüssen flußaufwärts, so daß wir eine ungewöhnlich starke Strömung beständig gegen uns hatten.
Die Uferbänke waren an mehreren Stellen unterwaschen. Während der Hochwasserzeit, gegen Ende Juni, entstehen hier Überschwemmungsseen von 50 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite, weil das Hochwasser des Amazonenstroms die Gewässer der Nebenflüsse zurückstaut. Bei unserm spätern Rückzug den Tapajóz hinab war die Fahrt auf diesen Riesenseen wegen der herumschwimmenden Baumstämme und anderer Hindernisse weder sicher noch leicht.
Der übliche Regenguß, der seit Antritt der Fahrt uns alltäglich heimgesucht hatte, blieb am 25. Mai aus. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien weit oben auf der breiten schimmernden Wasserfläche ein winziger schwarzer Punkt. Zuerst dachten wir, es wäre ein ungewöhnlich großer Baumstamm, bald aber konnten wir Ruder in der Sonne glänzen sehen, und unsere Spannung wurde immer stärker. Schnell kam das Batalõe auf der reißenden Strömung näher, und in weniger als fünfzehn Minuten war es bei uns. Nachdem wir die Boote in die Mitte des Flusses gelenkt hatten, legten wir uns Bord an Bord. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich mich einem andern weißen Reisenden in dieser weltentlegenen Gegend gegenübersah.
~Dr.~ Cabral, ein eifriger Sammler und Forscher im Amazonengebiet, hatte einige Wochen auf dem Oberlauf des Tapajóz zugebracht und einen Punkt etwa 250 Kilometer weiter flußaufwärts erreicht, jenseits der großen Stromschnellen, die den Fluß in zwei Abschnitte teilen. Sein Kanu war schwer beladen mit dem, was er in dieser wundervollen Gegend gesammelt hatte. Nun kehrte er mit den Früchten seines Fleißes zur Zivilisation zurück. Dieser unerschrockene Reisende, der damals schon länger als 10 Jahre im Amazonengebiet zugebracht hatte, starb, wie ich erst kürzlich erfuhr, am Fieber in einer winzigen Niederlassung an der Grenze von Peru. Teile seiner Sammlungen befinden sich in Pará, Rio und São Paulo. Ich verdanke ihm nicht wenig Auskünfte über die Sitten der Mundurucusindianer.
Es war mein erstes Zusammentreffen mit diesem außerordentlichen Mann. Später hatte ich das Glück, in Manáos mehrere Tage in seiner fesselnden Gesellschaft während eines unfreiwilligen Ruheaufenthalts zu verleben. Ausgestattet mit einer wunderbar widerstandsfähigen Konstitution in einem hageren aber zähen Körper und mit weit über das Wissen eines gewöhnlichen Arztes hinausreichenden wissenschaftlichen Kenntnissen hatte er, entweder allein oder mit Eingeborenen, Tausende von Meilen der ungeheuren Wildnis auf Dschungelpfaden längs der schweigenden Flüsse durchwandert, stets gänzlich seiner Aufgabe hingegeben, neue Stücke der Fauna und Flora des Amazonengebiets seiner Riesensammlung einzuverleiben. Da er als Arzt die Schmerzen und Leiden der Indianer lindern konnte, stand er in freundschaftlichen Beziehungen mit vielen wilden Stämmen der entlegenen Fluß- und Waldgebiete; trotzdem wäre auch er beinahe öfter das Opfer ihres angeborenen Mißtrauens gegen den Weißen geworden. Einmal wurde er von einem Stamm von Konibosindianern an den Ufern des Ucayaliflusses vergiftet, ein anderes Mal in den Maloccas eines Nambiquarastammes am Juruenafluß gefangengehalten und mit martervollem Tod bedroht, wenn der Häuptling nicht genesen würde, den er heilen sollte.
~Dr.~ Cabral ließ sich nicht überreden, die Nacht über auf dem Ufer zu lagern, in dessen Nähe wir zusammengetroffen waren. Wäre es später am Tag gewesen, nach vollbrachter Arbeit, so würde ich vielleicht mehr Erfolg gehabt haben. Er gab mir gewisse Auskünfte über das Quellgebiet des Tapajóz, die ich in der beigedruckten Kartenskizze verwendet habe. Unsre eigenen Reiseabsichten gingen lange nicht so weit. Nachdem wir die beiden Kanus ans Ufer gebracht und an einem überhängenden Baum angebunden hatten, unterhielten wir uns eine Stunde in gebrochenem Englisch und schlechtem Portugiesisch. Dann sahen wir das Batalõe des großen Reisenden wieder im Dunst des Tropenflusses verschwinden. Monate später traf ich einen Angehörigen des berühmten Indianeramts von Brasilien unter sehr ähnlichen Umständen gerade zur rechten Zeit -- aber das ist eine andere Geschichte.
Ein Reisetag nach dem andern verstrich auf dem Tapajóz, ohne daß unsre Mühen durch entsprechende Fortschritte belohnt worden wären. Meine Befürchtungen wuchsen, da unsere Vorräte an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln beständig abnahmen, die auf den Flüssen des Amazonengebiets nur schwer zu ergänzen sind. Ich wußte, daß meine Begleiter sich oft wochenlang von Früchten und Reptilien zu nähren pflegten. In ihrem Plane lag es, weiterzufahren und nebst neuen Kautschukwäldern eine Durchfahrt durch den kleinen Martinhofluß in den Madeira aufzufinden, ohne Rücksicht auf die Ernährungsweise und eine mögliche Erkrankung an der Geißel dieser Gebiete, der Beri-Beri-Seuche, die durch Unterernährung entsteht. Mir, als Neuling in diesen Gebieten, widerstand nichts so sehr als die Vorstellung, mich von Reptilien nähren zu müssen. Bisher hatte ich niemals Schildkröten, Affen, Eidechsen und Käfer gegessen. Einige Monate später hatte ich von all diesen widerwärtigen Speisen, Käfer ausgenommen, gekostet, aber nie gelang es mir, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ausgenommen hiervon ist Schildkrötenfleisch, das im Amazonengebiet als Leckerbissen gilt.