Part 7
Zwei Nächte lagerte ich am Ufer in der Nähe des Caripunas-Dorfes. In der letzten brach einer jener heftigen Gewitterstürme aus, wie sie im Amazonengebiet häufig sind. Bald nach Sonnenuntergang setzte er mit Regenschauern und fast unaufhörlichen Blitzen ein, deren Licht die dunkelsten Winkel des Urwalds erhellte. Das Segeltuch meines kleinen Zeltes beulte sich nach innen unter der tropischen Sintflut. Kaum hatte sich der Sturm erhoben, als die Klappe des Zelts zurückgeschlagen wurde und ein kleines menschliches Wesen ohne weitere Förmlichkeiten hereinkam. Ich wollte gerade die Lampe anzünden, aber der Luftzug von der Zeltöffnung löschte das Streichholz aus. Einen Augenblick wußte ich nicht, ob ich ein neues anzünden und mich dadurch einem etwa beabsichtigten Angriff gegenüber hilflos machen sollte, oder ob es geratener wäre, vorsichtig nach der Flinte zu greifen, die irgendwo unter den bei Beginn des Gewitters hastig geborgenen Sachen lag. Dann fiel mir ein, daß der Eindringling wahrscheinlich einer meiner eigenen Boys wäre. Ich suchte einigermaßen Deckung, indem ich mich hinter den Gepäckhaufen kniete, strich ein Zündholz an -- und brach in ein lautes Gelächter aus!
Der Eindringling entpuppte sich als ein kleines, etwa elfjähriges Mädchen, dessen Haare und Körper von Wasser trieften. Sie sah furchtbar erschrocken aus, entweder durch die Blitze oder weil sie sich in einer Falle fand, da die Zeltklappe hinter ihr wieder zugefallen war. So beeilte ich mich, die kleine Sturmlampe anzuzünden. Gelähmt vor Furcht, war das Kind außerstande zu sprechen oder sich zu bewegen und zuckte zurück, als ich es zu beruhigen versuchte. Die Lage war nicht gerade gemütlich. Die Kleine konnte jeden Augenblick ihre Sprache wiederfinden, und ihr Geschrei mochte ernste Folgen nach sich ziehen. Denn galten auch die Caripunas für umgänglich, so waren sie doch Wilde und daher dem Impuls des Augenblicks ohne Überlegung hingegeben. Dazu kam noch, daß sie von gewissenlosen Caboclos manche Unbill erlitten hatten.
Trotzdem es gewiß kein Vergnügen war, schlüpfte ich also aus dem Zelt in die Sintflut hinaus, um sofort der Länge nach in den Schmutz über einige Kisten zu fallen, die in der Eile draußen vergessen worden waren. Das Leuchten der Blitze zeigte mir den Weg zu der unbenutzten Malocca, die man meinen beiden Caripunasboys angewiesen hatte. Zufällig waren sie aus einem andern Dorf und nicht wenig erschrocken, als ich plötzlich im Düster des Innern neben ihrer Feuerstelle auftauchte. Ich packte Washington am Arm und zog ihn in den Sturm hinaus und ins Zelt zurück. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich das Kind, die Ursache alles Schreckens, auf meinem Bett sitzend entdeckte, wie es in aller Ruhe Biskuits aus einer Blechdose knapperte!
Ich gab Washington die nötigen Erklärungen, der grinste und mit der Kleinen redete. Wie es schien, war sie von der Neugier verführt worden, durch einen Schlitz in der Klappe hereinzugucken, als der Sturm sie packte. Nicht mein unerwarteter Anblick war es gewesen, der sie erschreckt hatte, sondern das brennende Zündholz, das ich in der Hand hielt! Unnötig zu sagen, daß die keineswegs scheue junge Dame ohne weiteres durch Washington an den Busen ihrer Familie zurückbefördert wurde, nachdem ich ihr Mund und Hände noch mit Keks vollgestopft hatte. Dieser Vorfall bewies mir, daß die Caripunas ihre Kinder im allgemeinen gut behandeln, sonst würde die Kleine Zeichen von Furcht verraten haben, als ich sie beim Verzehren meiner Biskuits überraschte. Am nächsten Morgen erfuhr ich auf meine Fragen, daß das Mädchen „Teite“ hieß, konnte aber nicht herausbekommen, was der Name bedeutete. Das brennende Streichholz hatte sie von meiner Fähigkeit überzeugt, Licht von den Blitzen mit der Hand einzufangen!
Da es unmöglich war, sich nach Nordosten durch die Wälder durchzuschlagen ohne die Begleitung zahlreicher mit Buschmessern versehener Leute und ohne Vorräte für einige Monate, entschied ich mich dafür, sofort nach Porto Velho zurückzukehren und von dort verschiedene Flüsse zu untersuchen, die der Madeira unterhalb seiner neunzehn Katarakte nach Nordosten entsendet. Die Oberläufe mehrerer dieser Flüsse waren noch unerforscht, und ich beschloß einen Vorstoß in die Wälder des Quellgebiets des Gy-Paraná zu versuchen. In Porto Velho hielt man das für äußerst gefährlich, da die Indianerstämme in jener Gegend feindlich gesinnt sein sollten. Aber in den großen tropischen Wäldern des Amazonengebiets ist nur für +den+ Forscher ein Erfolg zu holen, der frisch und unbedenklich dem Unbekannten gegenübertritt. +Einer+ Gefahr allerdings beabsichtigte ich mich nicht auszusetzen, der des langsamen Verhungerns in den düstern Wäldern, ein Schicksal, das dem unerfahrenen Reisenden im Amazonengebiet nur zu leicht beschieden sein mag.
Als meine Absichten und Ziele in Porto Velho bekannt wurden, bekam ich keine Kanuleute, da zwei Deutsche vor wenigen Monaten im Gebiet des Gy-Paraná von unbekannten Indianern ermordet worden waren. Einige Caboclos hatten nur ihre Gebeine aufgefunden. Dadurch aber wollte ich mir meine Pläne nicht vereiteln lassen. Ich bestieg den „Francisco Salles“, der den Madeira hinabfuhr, und verließ ihn wieder bei der kleinen Ansiedlung von Humaitá, wo es mir bald gelang, zwei halbzivilisierte Torasindianer von dem Faktoreibesitzer zu bekommen. Ich „kaufte“ sie mit der Vereinbarung, daß sie auf meinen Wunsch hin als Kundschafter in den Wäldern am Gy-Paraná Dienste leisten sollten.
In den Gebieten, wo Kautschuk- oder Nußbaumwälder vorhanden sind, wird sich der Reisende an den Endpunkten des Dampferverkehrs ohne besondere Empfehlungen der Schwierigkeit gegenübersehen, eingeborene Kanuleute und vor allem Träger zu bekommen. Der Grund liegt darin, daß fast alle halbzivilisierten Indianer ihren Herren, den Seringals oder Faktoreibesitzern, verschuldet sind. Sie dürfen nur dann einen andern Dienst annehmen, wenn der neue Herr ihre Schulden bezahlt. Verläßt ein verschuldeter Indianer seinen Dienst, so wird er zwangsweise zurückgeschafft, und wird er losgekauft, so steht er für die betreffende Summe in der Schuld seines neuen Herrn. In Brasilien wird diese Einrichtung viel gerechter gehandhabt als in Peru, weil sich die Tätigkeit der Beamten des Indianeramtes auch auf die Waldgebiete erstreckt. Aber der europäische Reisende wird über die Höhe jener „Schulden“ doch recht erstaunt sein, wenn er sie nicht wieder auf einen Nachfolger abwälzen kann, den ihm Freunde oder Beamte des Indianeramtes verschaffen.
Zwei Tage mußte ich in dem Moskitonest Humaitá aushalten und mich mit gerissenen Mischlingen herumschlagen, um verschiedene Vorräte recht zweifelhafter Güte einzuhandeln. Dann endlich schafften meine beiden Indianer das Gepäck das steile Ufer hinab ins Kanu, und fort ging es auf dem dunkeln, schnell dahinströmenden Flusse. Es war ein kochend heißer Tag, und die Oberfläche des Wassers strahlte wie geschmolzenes Gold. Auf meinem kleinen Taschenthermometer las ich 37° Celsius im Schatten ab. Ehe die Nacht einbrach, hatten wir das Häuflein Palmhütten von Boa Esperança passiert und die schwierige Durchfahrt zwischen den „Pedras das Gaivotas“ (Möwenfelsen) hinter uns. Dann aber waren wir am Ende unserer Kräfte und schlugen das Lager auf einer kleinen Graslichtung in der Nähe der Mirary-Faktorei auf. Es war eine wundervolle tropische Nacht. Auf dem Fluß lag der Silberglanz des Mondes, von dem sich die schwarzen Umrisse der hochgewachsenen, schirmartigen Bäume des großen Urwalds abhoben.
Während ich auf der schmalen Lichtung auf und ab ging, um die Glieder nach dem stundenlangen Im-Kanu-Sitzen wieder geschmeidig zu machen, fühlte ich feine Spinnenfäden sich um mein Gesicht und meine Hände schlingen. Auf verhältnismäßig trockenen Plätzen im Dickicht kommt das durchaus nicht selten vor, und ich würde es wohl kaum bemerkt haben. Aber in meinem Zelt brannte die Lampe, die ich zum Lesen und Schreiben immer mit mir führe, und auf der erleuchteten Zeltwand erschien ein dunkler Fleck, der meinen Blick auf sich zog. Bei genauerem Zusehen erkannte ich eine mächtige, haarige Spinne, anscheinend von der Vogelspinnenart, und mit Hilfe meiner elektrischen Taschenlampe verfolgte ich das Netz, das sich im Dreieck zwischen zwei etwa sieben Meter voneinander entfernten Bäumen und dem Zelt ausspannte!
Wenn etwas mir einen Schauder einjagt, so sind es Spinnen. Der Anblick dieses Untiers, dessen Scheußlichkeiten auf dem Seidenzeug des Zelts durch das Licht der Lampe in jeder widerlichen Einzelheit sichtbar wurden, jagte mir trotz der erstickenden Schwüle der tropischen Nacht ein Frösteln über den Rücken. Wie sollte ich den Eindringling wieder loswerden? Schlug ich nach der Spinne mit dem Flintenkolben, so gab’s ein Loch oder das Zelt wurde überhaupt niedergerissen und meine unersetzliche Lampe ging in Trümmer. Ein Schuß wäre ebenso unheilvoll gewesen, aber trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, im Zelt zu schlafen, solange das Untier sich nur einen oder zwei Fuß von meinem Gesicht befand -- wenn auch an der Außenseite des Zeltes.
Zehn Minuten später hatte sich noch nichts an dieser Lage geändert. Hätte ich einen Eimer voll Wasser über die Bestie geschüttet, so wäre sie freilich fortgekrochen, aber vielleicht in das Zelt hinein! Schließlich weckte ich in meiner Verzweiflung einen der im Kanu schlafenden Indianer. Die Spinne wurde in einem Reserve-Moskitonetz gefangen und wanderte in meine Sammlung. Dann endlich konnte ich mich zurückziehen mit einem Gefühl der Erlösung, aber auch der äußersten Unzufriedenheit mit mir selber. Während der folgenden schlaflosen Nacht hatte ich dann genug Zeit, über die Albernheit von „Idiosynkrasien“ im Licht der modernen Psychologie nachzudenken.
Es ist wirklich unnötig, bei einer Schilderung der Schönheit des nächsten Morgens zu verweilen. Denn auf diesen ungesunden tropischen Flüssen des entlegenen Amazonengebiets sind die Morgen beständig frisch, klar und sonnig, außer vielleicht während der dicksten Regenzeit. Kaum hatten wir begonnen, flußaufwärts zu rudern, als auf dem Ostufer sehr hohe, rote Klippen erschienen, die die Eintönigkeit des Waldes unterbrachen. Hinter der grünen Palmeninsel von Pasto Grande wurde das Kanu plötzlich in einen Strudel gezogen, der sich um einen sehr gefährlichen Felsen unter Wasser gebildet hatte. Es drehte sich um sich selbst, und wir mußten all unsere Ruderkünste anwenden, um nicht zu kentern, bis wir wieder in ruhiges Wasser gelangten.
Bald nach Mittag trafen wir auf die Mündung des unerforschten Maicyflusses, der sich später als der beste Weg ins Herz des Landes der Parintintins erwies. In der Nähe der Mündung standen einige ziegelbedeckte Häuser, eine Barraca und eine Windmühle. Sie bildeten, wie ich leider erst später erfuhr, eine Station des Indianeramts. Hätte ich hier angehalten, statt den Gy-Paraná hinaufzufahren, würde ich mir viel Zeit, Mühe und auch manche Gefahr erspart haben. Für den Reisenden liegt die größte Schwierigkeit im Amazonengebiet in seiner Unkenntnis dessen, was schon vorher von andern geleistet worden ist, in dem Fehlen zuverlässiger Karten und einer Stelle, die wirklich Auskünfte zu geben in der Lage ist. Andererseits wären mehrere damals unbekannte Indianerstämme unentdeckt geblieben, wenn wir uns nicht den ungesunden Gy-Paraná hinaufgearbeitet hätten.
Bald hinter der Calamarinsel und den vier Häusern, die den stolzen Namen „Calamar“ tragen, fuhren wir in die von Inseln versperrte Mündung des Gy-Paraná ein. Künftigen Reisenden diene zur Auskunft, daß sich die Einfahrt auf der linken Seite befindet; rechts gelangt man in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Preto führt. Hat man einmal den breiten Madeira hinter sich gelassen, so scheint der letzte Zusammenhang mit der Zivilisation plötzlich abzureißen. Was auf der weiten Wasserfläche für Gesicht und Gehör unbemerkt blieb, drängt sich nun der Aufmerksamkeit auf, besonders während der eigentümlichen Stille der äquatorialen Abenddämmerung. Fast sofort schlossen sich die Mauern der dunklen Bäume um den still strömenden Fluß zusammen, und die Luft wurde schwer vom schwülen Geruch des tropischen Waldes. Unter einer riesigen Induba schlugen wir unser Lager auf, gerade als das letzte Gold des Himmels die lichteren, aber schweigenden Hallen der unerforschten Wälder um uns durchzitterte.
8. Ins Herz des tropischen Urwalds.
Als wir früh am folgenden Morgen dicht am Ufer dahinfuhren, kam aus dem Gebüsch ein knurrender Laut und man hörte Zweige brechen. Im nächsten Augenblick bekam ich zum erstenmal den amazonischen Tiger, den Jaguar, zu Gesicht. Das Gebüsch und das hohe Schilfgras teilten sich gegenüber dem Kanu, und der König des südamerikanischen Großwilds erschien für einige Sekunden, offenbar geblendet vom Licht. Keine 10 Meter von uns entfernt stand er da. Vom Hellgelb des Fells hoben sich die pechschwarzen Streifen und Flecken prächtig ab. Es war unmöglich, die volle Größe des Tieres zu schätzen, da nur Kopf, Brust und Vorderpranken in dem hohen Gras und verfilzten Ufergebüsch sichtbar wurden. Der Jaguar knurrte und verschwand sofort wieder, als er uns mit erhobenem Kopf gewittert hatte. Meine beiden Indianer hätten ihn gern verfolgt, aber die begrenzte Zeit und unsere beschränkten Vorräte verboten es. Auf späteren Reisen jedoch glückte es mir, eine solche Jagd mitzumachen. Die Turasindianer fangen den Jaguar in einer aus Gras geflochtenen Schlinge, die auf dem Wechsel verborgen wird, den die Tiere betreten, wenn sie, meist bei Sonnenuntergang, sich an den Fluß oder ein Wasserloch zur Tränke begeben. Das Ende des Grasseils, das in die Schlinge ausläuft, ist so an einem heruntergezogenen Ast befestigt, daß das gefangene Tier buchstäblich gehängt wird. Das Fell wird nicht zu Kleidern verwendet, sondern dient als Decke in den Hütten oder als Schutz gegen die tropischen Regengüsse. Gegen Speere auf der Jagd sind die Indianer eingenommen, weil durch die zahlreichen Stiche das Fell beschädigt wird.
Es gibt wohl kaum einen schöneren Anblick als den des amazonischen Waldes aus der Nähe besehen. Von den breiten Flüssen aus, dem Amazonenstrom selbst, dem Tapajóz, Madeira oder Ucayali macht er den Eindruck einer fast ungebrochenen und sehr eintönigen Mauer aus verschwommenem Grün -- eines Vegetationschaos. Bei näherer Bekanntschaft jedoch entfaltet er den ganzen Zauber seiner Schönheit. Über den Fluß breiten sich in tausendfältigem Widerspiel der Wasserfläche zahllose Palmenarten: die bis zu 15 Meter hohe Miritypalme mit ihren großen fächerähnlichen Wedeln und rotleuchtenden Fruchtbüscheln; die graziöse Caranápalme mit ihren Dornen am Stamm und an den Blättern; die Jupatipalme mit ihren federartigen Blütenmassen, die über die lichtern Stellen des Flusses ihre Schatten werfen; die Bandpalme Jacitará (~Desmoncus~), die flechtenartig an den Stamm fast jedes der Baumriesen sich anklammert. Mächtige, silberweiße Stämme heben sich von der dunkeln Blätterwand ab und breiten, wie riesenhafte grüne und rote Schirme, ihre Kronen hoch über das unendliche grüne Meer. Neben der Assaipalme, die wie ein Rohr vom leisesten Luftzug bewegt wird, erhebt sich stark und bejahrt die Tucumápalme. Grüngefaserte Seile hängen in Schlingen von den höchsten Ästen, und Orchideen, Cattleyen und andere Arten heben ihre Blüten aus feuchten und üppigen Höhlungen. Sinkt dann die Sonne im Westen, so wandelt sich das Grün der Wälder in Gold, Rot, Dunkelbraun und Violett, bis es endlich in geisterhafter Schwärze erstirbt.
Träge flossen die Tage in dem leichten Rindenkanu unter dem Palmstrohschutzdach dahin, denn es war die Zeit des Hochwassers und gab keine Strömung. Der mächtige Amazonenstrom, dessen Gewässer selbst den Atlantischen Ozean über 300 Kilometer weit von seiner Mündung färben, zwingt allen Nebenflüssen seinen Willen auf, sogar solchen wie dem Gy-Paraná, der fast 1600 Kilometer vom Hauptstrom abliegt und fast 3000 Kilometer vom Gestade des Meeres! Er zwingt sie, ihre Gewässer zurückzuhalten, bis er selber weit genug gefallen ist, um sie aufnehmen zu können. Dadurch werden unermeßliche Flächen überflutet. Fast zwei Tage lang fuhren wir über ruhige Seen und durch überschwemmte Urwälder. Die eigenartige Stille dieses weiten überschwemmten Dschungelgebiets ist höchst eindrucksvoll. Jedes Anzeichen von Leben scheint sich aus Land und Bäumen zurückgezogen zu haben. Die schnatternden Affen, die lärmenden Papageien und Araras, die Spieß- und Pampashirsche, die sonst durch das brechende Unterholz streifen, der sein Weibchen lockende Tapir, das im Schmutz wühlende Wildschwein, der herumscharrende Ameisenfresser, die in Höhlen wohnenden Gürteltiere -- sie alle flüchten vor den steigenden Fluten, und selbst die Vögel streifen über das dunkelgrüne Blätterdach ohne Schrei und Gesang. Nur die sumpfliebenden Schlangen, die Fischottern und Alligatoren, die gefürchteten elektrischen Aale und die Wolken von Insekten scheinen sich im Dunst der Gewässer und des Moders wohlzufühlen.
So schlich Stunde um Stunde dahin in Sonnenhitze und Schweigen. Überall um uns der Wald, aus der Grenzenlosigkeit des stagnierenden Wassers emporsteigend. Dann wieder lange Nächte im Kanu in verkrampfter Haltung, während der gelbe tropische Mond hinter den hohen Bäumen stand und sonderbare Schatten auf das Brackwasser warf. So niedergedrückt fühlte ich mich, daß ich mehr als einmal, in Augenblicken der Schwäche, laut redete, um den Eindruck der schauerlichen Verlassenheit zu vertreiben. Diese überschwemmten Flächen, die zuweilen 50 bis zu 250 Geviertkilometer bedecken, sind so häufig in den niedern Flußtälern, daß die beiden Turas, schweigend und unbewegt wie nordamerikanische Indianer, weiterpaddelten, ihre kärgliche Nahrung zu sich nahmen, schliefen, und gleichmütig nach dem tiefen Wasser Ausschau hielten, das das Bett des Flusses anzeigt.
Gegen Mittag des zweiten Tages in diesem Riesensumpf ereignete sich ein Zwischenfall, der unsere kleine Expedition beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Von einem überhängenden Ast fiel eine Schlange ins Boot, während die Ruderer in der Mittagshitze ausruhten. Tod durch Schlangenbiß ist so häufig unter den nackten und daher ungeschützten Eingeborenen, daß meine beiden Indianer in ihrer Hast, von dem sich krampfhaft ringelnden grünen Ding wegzukommen, beinahe das Kanu zum Kentern brachten. Sie zogen die Gefahren vor, die unsichtbar unter dem brüheartigen Wasser lauerten und sprangen über Bord.
So einfach war es nicht, den gefährlichen Eindringling unschädlich zu machen. Es war eine Louro Machaco oder Papageienschlange, so genannt wegen ihrer wunderschönen grünen Farbe. Ich quetschte sie mit einer schweren Kiste gegen die Bordwand und beförderte sie dann durch einige Schläge mit dem Paddel ins Jenseits. Die Haut wurde ihr als Siegestrophäe abgezogen.
Nach einer solchen Aufregung wird die erschlaffende Hitze des amazonischen Waldes erst recht fühlbar. Meine dünne Kleidung war vom Schweiß buchstäblich wie aus dem Wasser gezogen. Zu der körperlichen Unbehaglichkeit kam noch der seelische Schock bei dem Gedanken, wie nahe wir daran gewesen waren, durch das Kentern des Kanus Ausrüstung und Vorräte einzubüßen. Die verhältnismäßig unbedeutende Anstrengung rief eine krankhafte Abgespanntheit hervor, die einige Stunden anhielt und mich zur Einnahme einer Extradosis Chinin veranlaßte, was zuzeiten im entlegenen Amazonengebiet für Leben und Tod entscheidend ist. Wir befanden uns nun mitten im Sumpf- und Flußgebiet des oberen Madeiratals, dem Lieblingsaufenthalt des Alligators und der Anakonda. Exemplare dieser Riesenschlange von zwölf Meter Länge waren in den dem Madeira benachbarten Seen und Sümpfen oberhalb Porto Velho gefangen worden. Die Eingeborenen behaupten, daß einige dieser überfluteten Dschungelstrecken im Kanu nur unter Todesgefahr zu befahren sind, die von diesen riesigen Reptilien droht. Die Haut der Anakonda ist gewöhnlich bräunlich oder schwarz und gelb gestreift. Sie erdrückt ihre Beute, indem sie sie in ihren Umschlingungen zusammenpreßt, bis die Knochen gebrochen sind. Dann soll sie Affen, Jaguare, Tapire und Ameisenfresser fast im ganzen verschlingen können. Ein Mensch, den sie einmal in solcher Umschlingung gefangen hat, hat kaum noch eine Hoffnung auf Rettung.
Der Vorfall mit der Schlange ist an sich durchaus nichts Ungewöhnliches auf Reisen im Amazonengebiet. Aber den beiden Turas brachte er die Eingeborenensagen von der „Mae de Agua“, der „Mutter des Wassers“, wieder in Erinnerung, die sich zweifellos auf Anakondas oder ähnliche Ungeheuer beziehen. Eine Zeitlang ängstigten sie sich vor allem, was nur einigermaßen diesem Schrecken der Sümpfe glich, ob das Licht des Tages, Dämmerung oder Mondschein herrschte. Was mich selber betrifft, so war ich zu sehr damit beschäftigt, mich gegen die Insektenpest zu verteidigen, als daß ich mich ähnlichen Gedanken hätte hingeben können. Sie machte jede Stunde des Tags und der Nacht zu einer endlosen Qual, aber wenigstens wurde ich dadurch davon abgehalten, an weit größere jedoch weniger unangenehme Bestien zu denken.
Am vierten Tag erschienen höhergelegene Stellen, und wir landeten, um dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen, machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchse aus ihrem behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt. Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.
Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen, durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen hatten.
[Illustration: Itogapukmädchen.
Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch einschneiden. Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks auf dem linken Bild deutlich sichtbar.]
[Illustration: Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.
Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses neuentdeckten Stammes.]
Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war, deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil sie mit ihrem zu einer knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun. Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen betrachtet würden.
Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber, als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte. Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit, daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.
Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen Namen finden konnte, habe ich ihn auf der Kartenskizze (S. 149) als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte. Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen. Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter Indianer nicht zu entdecken gewesen war.
Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt, auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.