Chapter 16 of 18 · 3888 words · ~19 min read

Part 16

Am zweiten Tage unseres Aufenthalts fragte ich einen unsrer Führer, wohin er nach seinem Tod zu kommen erwartete. Die Antwort brachte mich ein wenig außer Fassung. Er deutete auf einen Vogel, der eben die Überreste meiner Mahlzeit aufpickte. Jeder Versuch, weitere Aufklärung zu erhalten, schien nutzlos, bis ich auf den Gedanken kam nachzuforschen, ob sie einen allgemeinen Begräbnisplatz hätten. Nachdem ich stundenlang erst einen, dann einen zweiten Indianer ausgefragt hatte, erfuhr ich, daß die toten Kaschibos nicht beerdigt würden. Die Alten bringt man um oder ißt sie auf, da es für besser gehalten wird, von einem Freund als von wilden Tieren oder Raubvögeln verzehrt zu werden. Ich ließ aber nicht locker und versuchte, zwischen der Seele und dem Körper einen Unterschied zu machen, wobei freilich nichts Endgültiges herauskam. Doch scheinen diese Eingeborenen zu glauben, daß sie durch den Genuß des Herzens, des Gehirns, der Augen, Ohren und Hände die Vorzüge, Kenntnisse und den Geist des Toten in sich aufnehmen. Soweit ich das herausbringen konnte, werden Gefangene von andern Stämmen nicht getötet, da sie ihre Nachbarn für in jeder Beziehung minderwertig und daher zur Aufnahme in sich selbst für unwürdig halten.

Das Wort „Christo“ kennen sie als den Namen des Gottes der Weißen, aber weder mit den Missionen noch den Handelsstationen scheinen sie viel in unmittelbare Berührung gekommen zu sein. Die Hügel- und Dschungelgegend, die sie bewohnen, bringt so gut wie keinen Kautschuk hervor, und folglich fühlt der Händler wenig Neigung, ein so übelberüchtigtes Gebiet zu betreten. Dies erklärt auch wahrscheinlich ihre Rückständigkeit verglichen mit den Verhältnissen bei andern das Pana sprechenden Stämmen, die an den Ufern der schiffbaren Flüsse wohnen.

[Illustration: Häuptling der Kampasindianer.]

[Illustration: Zwergindianer der Pampas Sacramento.]

[Illustration: Chunchosindianer am Perené.]

Einen ihrer widerwärtigsten Gebräuche bekam ich am dritten Tage zu Gesicht. Mehrere Indianer waren auf einem der zahlreichen Flöße beim Fischen mit Speeren draußen gewesen. Als sie mit einigen gespießten Riesenfischen, anscheinend „Paiche“, zurückkamen, leckten zwei Kinder das Blut auf, das aus den Speerwunden träufelte. Da mehrere Männer und Weiber um das Floß herumstanden, ohne dem Tun ihrer Sprößlinge irgendwelche Beachtung zu schenken, haben wir es hier offenbar mit einem Brauch zu tun. Möglich, daß sich ihr ganzer Kannibalismus darauf beschränkt und daß darin der Grund liegt, warum sie Vampire genannt werden. Tatsächlich neige ich zu der Ansicht, trotz all ihrer Redereien über das Auffressen von Verwandten und Freunden, daß es sich dabei lediglich um einen religiösen Brauch handelt, der das Trinken einer gewissen Menge Blutes, aber nicht das Verzehren menschlichen Fleisches erfordert.

Die Begründung meiner Ansicht liegt hauptsächlich in der Tatsache, daß fast alle Indianerstämme im Amazonengebiet ihren Stammesnamen von dem Brauch erhalten, der sich am stärksten von den Sitten ihrer Nachbarn unterscheidet. Dies sieht man, wie bereits erwähnt, deutlich bei den Uaupés an den Nebenflüssen des obern Rio Negro. Und daß hier nicht etwa nur eine Ausnahme in Frage kommt, beweist fast jede Stammesbezeichnung in dem großen Waldgebiet. Ist diese Annahme richtig, so verdanken die Vampirindianer oder Kaschibos ihren Namen und schlimmen Ruf wahrscheinlich dem Brauch, menschliches und tierisches Blut zu trinken.

Ich blieb sechs Tage bei diesem interessanten Stamm; nachdem einmal das natürliche Mißtrauen des Wilden zerstreut war, schien er nicht wilder und unbändiger zu sein als viele andere Stämme, mit denen ich in Brasilien zusammengetroffen war. Die Kaschibos sind stolz und zurückhaltend und besitzen augenscheinlich keine scharf umschriebenen religiösen oder moralischen Vorstellungen. Offensichtlich scheinen sie gegen den Weißen eine Abneigung zu haben, wenn aber, was man sich erzählt, nur zu einem kleinen Bruchteil auf Wahrheit beruht, haben sie auch keinen Grund, ihn und sein Tun zu lieben oder ihm Vertrauen zu schenken. Von den vielbefahrenen Flüssen halten sie sich soweit als möglich zurück. Wie mir unsere Führer erzählten, schicken sie nur zwei oder drei aus dem Dorf nach den abgelegenen Handelsstationen, um ihre Sarsaparille zu verkaufen und die nötigsten Vorräte dafür einzutauschen. Ich erhielt von dem Stamm mehrere Muster von roher Sarsaparille und andern Medizinkräutern, von denen sie eine erstaunliche Kenntnis zu besitzen scheinen. Auf der Jagd und im Krieg tragen sie stets einen kleinen Sack mit Salz bei sich, um vergiftete Wunden damit zu behandeln. Ihrer Ansicht nach ist das Salz ein Hauptmittel gegen fast alle Krankheiten, und tatsächlich scheinen sie viel mehr Kenntnisse zu haben, wozu Salz zu verwenden ist, als die meisten zivilisierten Leute. Sie gewinnen es aus natürlichen Pfannen im Innern der Pampas Sacramento.

Gegen meine Erwartung wurde mir die Abreise eher erleichtert als erschwert. Nachdem ich die merkwürdige Moskitokolonie wieder durchquert hatte und dermaßen zerstochen worden war, daß ich kaum noch aus den verschwollenen Augen zu sehen vermochte, erreichten wir endlich wieder das offene Wasser. Die leichte Brise, die von den weit entfernten, schneebedeckten Anden her wehte und das kühlende Lüftchen auf dem Dampfer, den ich in Mashishea bestieg, waren eine unbeschreibliche Wohltat nach der Hitze und Insektenpest der Pampas Sacramento. Auf der Reise den Ucayali flußaufwärts nach dem Gebiet der Kampasstämme regnete, donnerte und blitzte es beinahe unaufhörlich. Als wir an der Bocca Pachitea ankamen, wo der Fluß seine hauptsächlichen Nebenflüsse aufnimmt, verzogen sich die Wolken gegen die ungeheueren äquatorialen Wälder im Osten zu. Die Sonne strahlte mit tropischer Glut, und der Fluß und die fernen Linien der niedern, dschungelbedeckten Vorberge der Anden waren zum Teil in Dunst und Nebel gehüllt.

19. Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña.

Die Kampasstämme bewohnen die Vorberge der Anden und jenes Gebiet, das unter dem Namen der Oberen Montaña von Peru bekannt ist. Den besten Zugang in dieses Land bildet der Perenéfluß, auf 10° 5′ südlicher Breite und 75° 15′ westlicher Länge. Die Kampas stellen einen von den Wilden in den großen amazonischen Wäldern gänzlich verschiedenen Typus dar und bieten als Indianerrasse viel Interessantes, obwohl sie dort, wo sie mit der Grenzzivilisation in Berührung kommen, rapid dahinschwinden. Aus dem breiten Pachitea lief der kleine Dampfer in den schokoladenfarbenen Pichis ein und kam an einem schönen Fleck der Erde, namens Puerto Bermudez, zu seinem letzten Halt. Von da an wird der Fluß so seicht, daß der Rest der Reise zuerst auf dem Kanu und später auf dem Rücken von Maultieren zurückgelegt werden muß. Man gelangt dann zum Tambo oder Regierungsunterkunftshaus Nr. 71, das dicht am Perenéfluß gelegen ist.

Die Landschaft in diesem Teil der oberen peruanischen Montaña ist wirklich wundervoll. Bewaldete Hügel, strudelnde und schäumende Flüsse, tropische Dschungel von federartigen Palmen und massigen Baumwollbäumen, Haine von wilden Bananen und Kaffeeplantagen, prächtige Schmetterlinge und Vögel -- das alles fließt in ein berauschendes Farbenspiel zwischen dem Rot der Erde und dem Blau des Himmels zusammen. In den Dschungeln hier herrscht nicht das düstere Zwielicht der amazonischen Niederungen; über Felsen, Bächen und der tropischen Vegetation liegt überall die Sonne in glänzenden teppichgleichen Lichtinseln. Von den Baumästen hängen in roten und grünen Büscheln Parasitenpflanzen herab, und der Himmel scheint nicht länger mehr ein wie aus Metall gegossenes Gewölbe. Das Klima ist, außer während der Regenzeit, höchst angenehm mit warmer Sonne und kühlenden Winden.

Ich hatte die Absicht gehabt, zu meinem zeitweiligen Standquartier Tambo 71 zu machen, das an dem unter dem Lokalnamen der „Via Centrale“ bekannten Maultierpfad liegt, der von Puerto Bermudez nach Oroya und dem Pazifischen Ozean führt. Aber der unerfreuliche Zustand dieses „Dâk Bungalows“ veranlaßte mich, noch 30 Kilometer weiter in dem weit reinlicheren Unterkunftshaus von Eneñas ein Obdach zu suchen. Von hier aus wollte ich mir die Umgebung ansehen und dann auf gemieteten Maultieren oder auf einem Floß in die Kampasregion vorstoßen. Nachdem ich hier mehrere Tage geblieben war, um mich von den Moskitostichen und einem schleichenden Fieber zu erholen, gelang es mir, einen Serrano-Führer und einen Chunchosboy als Diener zu verpflichten. Ersterer war ein schmutziger, aber energischer Bergindianer, der Boy dagegen ein fauler, aber reinlicher Eingeborener der Montaña.

Mein erstes Lager nach dem Abschied vom Tambo bei Eneñas war am Ufer des Perenéflusses, 16 Kilometer östlich von der kleinen Niederlassung. Das Lagern in dieser Gegend hat zwei große Nachteile, die uns beide in jener Nacht zu Gemüte geführt wurden. Bald nach einem prächtigen, aber sehr stürmischen Sonnenuntergang setzte ein gleichmäßiger Regenguß ein, der fast die ganze Nacht hindurch anhielt. Die tropfenden Blätter, das Trommeln und Dröhnen auf dem Zelttuch und die Bächlein, die sich trotz eines schnell ausgeführten seichten Grabens unter dem Bodenbelag einen Weg suchten, machten die ersten Nachtstunden zu einer schlaflosen und ungemütlichen Angelegenheit. Als dann die Zeltlampe erlosch, erhob sich ein geheimnisvolles Flattergeräusch von vielen Flügeln. Zuerst klang es, als hätten sich viele kleine Vögel im Zelt gefangen, aber ein Strahl aus der elektrischen Taschenlampe enthüllte wenigstens sechs Vampire, die zu unsern Häupten auf ihre Mahlzeit von menschlichem Blut warteten.

Das Zelt von ihnen zu säubern war ganz nutzlos, so zahlreich sind die ekelhaften Geschöpfe in dieser Gegend. Ist es ihnen einmal geglückt, ihr greuliches Mahl zu beginnen, ohne den Schläfer aufzuwecken, so tritt durch Blutverlust eine große Schwäche ein. Unter solchen Umständen war, abgesehen vom Schutz durch das Moskitonetz, nichts zu tun. Ehe man sich nicht an diese schauerlichen Besucher gewöhnt hat, ist an Schlaf kaum zu denken.

Noch waren die ersten Streifen der Dämmerung im Osten nicht erschienen, als ich jeden weiteren Versuch zu schlafen aufgab, zum Fluß hinabstieg und hinausschwamm. Während ich mich abtrocknete und recht fror, da das von den Anden kommende Schmelzwasser des Flusses ziemlich kalt war, erschien ein Floß um die nächste Flußbiegung. Ich stand mit dem Rücken dagegen, rieb mich eifrig aus allen Kräften ab und bemerkte es erst, als es bis auf näher als 20 Meter herangekommen war.

Die Familie der Chunchosindianer starrte erstaunt auf die weiße Gestalt, die im hellen Sonnenlicht des frühen Morgens auf dem steinigen Strand stand. Ich wand eins der Handtücher als Schürze um meine Lenden, trat an den Rand des Wassers und bedeutete dem Floß durch Zeichen, sich zu nähern. Da ich die schöne Gelegenheit, die Lage eines Indianerdorfs zu entdecken, nicht verpassen wollte, achtete ich weder auf die Kälte noch auf meine unvollkommene Toilette. Später bereute ich heftig meine Übereilung.

Auf dem langen, schmalen Floß, Balsa nach dem sehr leichten gleichnamigen Holz benannt, befanden sich zwei Männer in langen Kusmas, ein Weib und zwei halbnackte Kinder. Die Männer waren wohlgebaut, obwohl nicht sehr hochgewachsen, und trugen um ihr langes, schwarzes Haar ein Stirnband aus Blättern. Ihre Hautfarbe war sehr mattbronzen. Die wild aussehenden Eingeborenen stießen die Balsa auf den steinigen Strand und umringten mich neugierig. Für die Kinder bedeutete ich offenbar eine neue und seltsame Art; während ich durch nachdrückliche Zeichen ein Gespräch anzubahnen versuchte, belustigten sie sich damit, mich in die Beine zu zwicken und sich höchst ungezogen zu benehmen.

Wie sich herausstellte, lag das nächste Dorf ein Stück flußabwärts. Wie weit, konnte ich nicht herausbringen, weil die Indianer wie alle wilden oder halbzivilisierten Eingeborenen nur sehr verschwommene Vorstellungen von Zeit, Entfernung und Maß zu haben scheinen. Der Name „Chuncho“ umgreift eine Gruppe von Stämmen, die in den Vorbergen der peruanischen Montaña östlich von Cuzco und Tarma leben. Im allgemeinen gleichen sie den Kampas der abgelegeneren Waldgebiete, sind aber den Weißen weniger feindlich gesinnt. Als ich später einige Zeit bei ihnen zubrachte, überzeugte ich mich, daß sie einen Zweig des großen Kampasvolkes bilden mußten in Anbetracht der Ähnlichkeit in Aussehen und Gebräuchen der zwei angeblich verschiedenen Gruppen.

Nachdem ich die Lage ihres Dorfes und verschiedene Einzelheiten ihrer Stammeszugehörigkeit festgestellt hatte, war es mir darum zu tun, daß sie nicht eher wieder fortführen, bis ich mit meiner Toilette einigermaßen zu Ende war. Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, warum ich ihnen keine Geschenke anbieten könne, und deutete deshalb in die Richtung des Lagers. Zu meinem äußersten Erstaunen hockten sie sich bedächtig auf die Erde und schienen offenbar geduldig darauf zu warten, bis ich mich angezogen hätte und sie zum Zelt begleiten könnte, das etwa ein Kilometer vom Ufer entfernt war und zu dem der Weg durch dichtes Unterholz führte. Die Sonnenstrahlen gewannen allmählich an Kraft, und obwohl sie im Augenblick meine Glieder nur wieder aus ihrer Erstarrung lösten, war doch zu befürchten, daß meine Haut bald mit Blasen bedeckt sein würde. Dazu kam, daß die Moskitos Blut rochen und um mich herumsummten, daß es zum Verrücktwerden war. Unangekleidet durch den Busch bis zum Zelt zu gehen, hätte geradezu eine Einladung an die Myriaden von Insekten bedeutet, ihr Frühstück auf meinem Körper zu halten, und hätte mich wahrscheinlich für Tage ans Lager gefesselt.

So tat ich, als ob diese Waldnomaden nicht vorhanden wären, zog mich so schnell als möglich an und begleitete sie zum Zelt, wo sie Geschenke und ein Gratisfrühstück erhielten. Später am Tag veranlaßte ich das Oberhaupt der Bronzefamilie, mich und meine beiden Diener auf der Balsa flußabwärts zu dem Dorf des Stammes mitzunehmen. Da ich selbst weder Maultiere noch ein Fahrzeug zu meiner Verfügung hatte, war mir diese Aushilfe doppelt willkommen. Der Indianer trennte sich ohne Beschwer von seinem Weib, den Kindern und seinem Begleiter, die am Ufer des Perené ihr Lager aufschlugen, während er uns mit unserm Gepäck nach dem Dorf schaffte. Offenbar war ich nicht der erste Weiße, mit dem er zusammentraf, wie es ja auch in dieser Gegend ganz natürlich ist, die zum Teil schon unter dem Einfluß der Zivilisation liegt. Er verlangte 30 Dollars für die Fahrt, und zwar im voraus, und dann stellte sich heraus, daß das Dorf weniger als 24 Kilometer entfernt war! Aber alle die unzivilisierten Indianer des Amazonenstromtals sind so schrecklich arm, daß sie kaum überhaupt etwas besitzen. Es ist manchmal zum Erbarmen. Die unbedeutendste Kleinigkeit wird für sie zu einer unschätzbaren Gabe, und ihre Dankbarkeit ist oft rührend, wenn sie auch am Anfang sich meistens hinter Mißtrauen verbirgt.

Das Chunchosdorf bestand aus sechs langen und halbwegs gut gebauten Hütten aus Chontaholz, in denen fast hundert Männer, Weiber und Kinder lebten. Die Wohnungen lagen auf einem steilen Hügel, der gegen den mittleren Perené zu abfiel, und waren jenen der Kaschibos und Konibos am Ucayali turmhoch überlegen. An manchen zeigten sich vorspringende, durch Baumstämme gestützte Dächer, und einige waren sogar mit roh zubehauenen Brettern teilweise verkleidet. Auf der Seite des Hügels befanden sich kleine Anpflanzungen von Mais, Yukka und Bananen. Merkwürdig war das völlige Fehlen von Kanus. Augenscheinlich benützt dieser Stamm als Beförderungsmittel ausschließlich die Balsa. Keiner der Stämme des äquatorialen Amerika züchtet Maultiere, Pferde oder Vieh, wenn sie nicht von ihren weißen Herren dazu angehalten werden. Die Chunchos wandern meilenweit durchs Dickicht und über die steilen Hügelhänge, um Wild aufzuspüren. Auf ihren Balsas unternehmen sie weite Flußreisen oft über mehr als 150 Kilometer. Aber sie sind sehr abergläubisch.

Eine merkwürdige Gewohnheit dieser Indianer, deren Zeuge ich in der ersten Nacht in ihrem Dorf wurde, war, sich in ihren Hütten oder auch im Freien zusammenzudrängen, sobald die kurze Dämmerung vorbei war. In mondlosen oder sehr dunkeln Nächten sind sie nicht dazuzubringen, das Lager zu verlassen. Zuerst war mir das ein Rätsel, und ich dachte, es wäre einfach ihrer Faulheit zuzuschreiben. Aber eine nähere Untersuchung zeigte, daß alle Indianer dieser wichtigen Gruppe sich davor fürchten, in völliger Finsternis allein zu sein. Sie glauben, daß in jedem Schatten sich böse Geister umhertreiben, und selbst in mondhellen Nächten weichen sie jedem dunkeln Fleck aus, wenn sie im Dorf umhergehen oder durch die Wälder wandern. Der einzige Stamm, bei dem ich ähnliche Formen des Aberglaubens beobachtet hatte, war der der Apiacás am obern Tapajóz, die, wie man sich erinnern wird, die Schatten mit ihren Speeren bei den Mondtänzen durchbohrten.

Je länger ich bei den Chunchos verweilte, desto klarer stellte sich heraus, daß sie keine wirkliche Religion haben außer einer Reihe von abergläubischen Vorstellungen, die mit den Mächten des Lichts und der Finsternis zusammenhängen. Die Toten begraben sie unter dem Lehmboden ihrer Hütten ohne Rücksicht weder auf die darin lebenden Anverwandten der Verstorbenen noch auf die andern Familien. Zufällig war ich dabei, wie ein Grab für einen alten Mann ausgeschaufelt wurde, der damals noch so sehr am Leben war, daß er, sein Schicksal erratend, aus dem Bett aufstand, in den Dschungel lief und verschwand. Das leere Grab war nur wenig über ein Meter tief.

Die Chunchos schienen mir damals ein stilles, harmloses Völkchen zu sein. Kürzlich traf ich aber im Amazonengebiet Mr. Miles Moß, den bekannten Naturforscher, der vor einigen Jahren unter ihnen gelebt hat und mir manches erzählte, was meine damalige Ansicht wankend gemacht hat. Er führte aus, daß er die Chunchos für eine sanfte, friedliche und intelligente Rasse halte, obwohl ihre Geschichte in Dunkel gehüllt sei. Sie seien sehr geschickt und gewandt in dem, was man Heimarbeiten nennen könnte, so begrenzt die auch in ihrer Art sein möchten. Sie wären von eher kleiner Gestalt, aber glänzend gewachsen, oft ganz hübsch und ausgezeichnete Schützen mit Bogen und Pfeil. Das Wasser liebten sie und wären viel reinlicher in ihren Gewohnheiten und Gepflogenheiten als die halbblütigen Serranos oder Bergindianer. Diese persönlichen Beobachtungen, die mit meinen eigenen Ansichten übereinstimmten, ergänzte er dann durch das Folgende, was ihm von einem Mr. Furlong brieflich mitgeteilt worden war, dessen Zeugnis sich auf einen dreizehnjährigen Aufenthalt in diesen Gegenden stützte. Neben ihren guten Eigenschaften haben diese Chunchos auch schlimme Charakterzüge, für die sie allerdings kaum verantwortlich gemacht werden können, wenn man ihre Unwissenheit in Betracht zieht und das völlige Fehlen einer Religion, die über eine bloße abergläubische Furcht vor dem Unbekannten nicht hinausgehe. Elternliebe zählt nicht zu ihren tieferliegenden Instinkten, das menschliche Leben wird wenig geachtet, und so kommt es, daß ein Mord so gut wie gar nichts gilt. Verheiratet sich eine Witwe mit kleinen Kindern wieder, so beseitigt nach allgemeinem Brauch der zweite Gatte die Kinder auf solche Weise. Mr. Furlong hat nicht selten derartigen Unglücklichen eine Zuflucht in seinem Lager gegeben. Auf seinen Reisen im entlegenen Innern machte er einmal die Bekanntschaft eines alten deutschen Ehepaares, das nach und nach zu Pflegeeltern von nicht weniger als 24 Chunchosmädchen und -jungen geworden war. Sonst wären alle diese Kinder umgebracht worden.

Es ist ganz allgemein Sitte, daß der Sohn seine Eltern in den Fluß wirft, wenn das Leben infolge der Gebrechlichkeit des Alters zu einer Last für sie wird oder für die, welche für sie zu sorgen haben. Bei einer Gelegenheit hatte Mr. Furlong die größten Schwierigkeiten, einen Chuncho zurückzuhalten, einen Mann, der an einem schlimmen Abszeß litt, in den Perené zu werfen, und es scheint, daß alle Fälle vermeintlich unheilbarer Krankheiten auf ähnliche Weise behandelt werden.

Die Geschichte der Chunchos ist ein verschlossenes Buch. Außer einigen merkwürdigen und noch unentzifferten Inschriften auf einem riesigen Felsblock im Bett des Paucartamboflusses und einer Anzahl von Stein- und Kupferäxten, die am Hügel von San Juan gefunden wurden, ist wenig oder nichts über den Ursprung dieses großen Indianervolkes bekannt.

Am fünften Tag meines Aufenthalts in dem Chunchosdorf begleitete ich den Huary oder Häuptling auf einem Besuch, den er auf der Balsa zu einem abgelegeneren Dorf desselben Stammes weiter flußabwärts am Perené machte. An diesem Ort waren die Hütten sehr ärmlich und bestanden lediglich aus einem Palmstrohdach auf vier Stützen ohne Seitenwände. Die Leute kamen dem Weißen mit größerem Argwohn entgegen, und ich hatte große Schwierigkeiten, einige Halsketten aus merkwürdigen grünen Steinen mit Affenzähnen dazwischen auch nur zu beaugenscheinigen.

Die Eingeborenen trugen auch hier Kopfbänder aus Papageienfedern, und ihre Gesichter waren durch Streifen von Vermillon entstellt, eine Farbe, die aus den Samen des Achiote gewonnen wird. Der Busch wächst wild in den Dschungeln und bringt hübsche Blüten und kastanienbraungrüne Samenkapseln hervor, aus denen man die Farbe bereitet, die von allen wilden Stämmen des Amazonengebiets viel gebraucht wird.

Der Unterhäuptling dieses Dorfes mit Frau, Sohn und Tochter verwahrte sich aufs energischste dagegen, daß er auf irgendeiner Photographie nicht „drauf“ wäre, die in seinem Hoheitsbereich aufgenommen wurde. Das war der erste Fall, daß ich unter den unzivilisierten Indianern des Amazonengebiets ungestraft mit der Kamera arbeiten durfte, die Caripunas am Madeira und die Ocainas am Rio Putumayo vielleicht ausgenommen.

Ich blieb die Nacht über in diesem zweiten Chunchosdorf, um meine Lagerausrüstung auf einer Balsa holen zu lassen, und es glückte mir, zwei Chunchos und ein Floß zu bekommen, das mich zu der Vereinigung der Flüsse Perené und Ené mit dem Rio Tambo bringen sollte. In den tieferliegenden und dichteren tropischen Waldgebieten leben mehrere Stämme der großen Kampasfamilie, bekannt unter dem Namen „Ungoninos“. Sie sind den Weißen feindlich gesinnt wegen der schlechten Behandlung, die sie von halbblütigen Kautschuksammlern erfahren haben.

Der Serrano, der mich vom Tambo an der Via Centrale hierher begleitet hatte, weigerte sich, in das Gebiet der Ungoninos mitzukommen, und das zwang mich zu sehr kostspieligen und umständlichen Verhandlungen mit den Chunchos, bis sie versprachen, ihn gesund und heil bei seiner ungewaschenen Familie wieder abzuliefern, von der er jetzt 78 Kilometer entfernt war.

Das unangenehmste bei dieser Reise in die wenig bekannte untere Montaña war, daß ich niemanden hatte, der auch nur den leisesten Schimmer vom Kochen in europäischem Sinn besaß. Der eine zivilisierte und die zwei unzivilisierten Chunchos, die auf der morschen Balsa bei mir waren, verstanden weder das Lager aufzuschlagen noch irgendeine Sprache außer ein paar Worten Spanisch. So schienen mir die beiden Tage und Nächte endlos, bis wir uns zur Vereinigung der drei Flüsse hinabgestakt hatten. Stunden vergingen ohne ein Wort oder einen andern Laut als das Glucksen des Flusses oder den Schrei eines Vogels. Am Abend des dritten Tags lagerten wir etwa 16 Kilometer oberhalb der Mündung des Rio Tambo, und von da an hatte ich zu all meinen andern Obliegenheiten auch noch die Nachtwache zu halten. Ich nahm mir vor, tagsüber soviel als möglich zu schlafen, während wir auf der Balsa mitten im Fluß in verhältnismäßiger Sicherheit waren.

20. Im verbotenen Land der Ungoninos.

Während wir um eine Flußwindung bogen, sahen wir uns plötzlich den Ungoninos gegenüber. Ein Kanu und ein großes Floß, beide voll von Menschen, sowie mehrere Gruppen am rechten Ufer versperrten uns den Weiterweg. Ein paar Minuten lang sah die Sache nichts weniger als gemütlich aus, da die Balsa keinen Schutz vor Pfeilen gewährt hätte. Diesmal war die Friedensvermittlung nicht mir überlassen. Die Chunchos, die augenscheinlich die gleiche oder eine ähnliche Sprache sprechen, führten die Unterhandlungen, während die Flöße einander immer näher kamen. Schließlich erklärte der Boy, den ich vom Tambo an der Via Centrale mitgebracht hatte, durch Zeichen und die paar spanischen Worte, die uns beiden verständlich waren, daß die „großen“ Ungoninos mir gestatten wollten, sie auf dem Ufer zu besuchen, da sich meine Freundschaft in den Chunchosdörfern erprobt habe; daß ich aber sicherlich umgebracht würde, falls ich auf einer Weiterfahrt den verbotenen Fluß hinauf bestände. Ich wußte von andern Reisenden, daß der Wasserweg nach Iquitos durch den kriegerischen Stamm gesperrt und daß es daher nur die Wahrheit war, die der Chunchosboy mir aufs eindrücklichste klarzumachen versuchte. Deshalb beeilte ich mich zu antworten, ich hätte keinerlei Absichten, durch das Gebiet der Ungoninos zu reisen, sondern möchte sie nur als Freund besuchen.

Nachdem also diese Frage befriedigend gelöst war, fuhren beide Kanus und Balsas gemeinschaftlich einen kleinen Bach zwischen hochstämmigem dunkeln Wald hinauf. Etwa zwei Kilometer hatten wir auf dem braunen, öligen Wasser im grünen Zwielicht zurückgelegt, als auf dem hohen Ufer einige sehr primitive Strohhütten in Sicht kamen. Vor ihnen stand eine buntscheckige Gesellschaft nackter und halbnackter gelber, zwergartiger menschlicher Geschöpfe umher. Die Landung war nicht einfach und ging mir ein wenig auf die Nerven. Alle die kleingewachsenen Wilden trugen mit Widerhaken versehene Speere, außer einigen, die mit Bogen oder fast 3 Meter langen Blasrohren bewaffnet waren, zu deren Pfeilen sie das Gift in Kürbissen bei sich führten. Weder die Männer noch die Weiber und nicht einmal die Kinder versuchten ihren wilden Haß gegen den Weißen zu verbergen, als ich ans Land stieg.