Chapter 4 of 18 · 3969 words · ~20 min read

Part 4

Etwa 300 Kilometer von den Apuéfällen gelangten wir am 28. Mai zu einem Indianerdorf an einer Biegung eines Igarapé. Durch Verteilung von Geschenken gelang es uns, das Mißtrauen zu beschwichtigen, das, wie es scheint, allen Reisenden von den Amazonenindianern entgegengebracht wird. Diese Flußbewohner erwiesen sich als zum Stamm der Mundurucus gehörig. Sie waren bis auf eine kleine Schürze gänzlich unbekleidet und hatten die Farbe dunkler Bronze. Ihre Maloccas bestanden aus Blättern und Zweigen und sahen wie riesige Bienenkörbe aus. Alle Arbeit scheint von den Weibern verrichtet zu werden, während die Männer entweder auf die Jagd gehen oder, Speer, Bogen und Pfeile schnitzelnd, faul herumliegen. Aus großen Schalen pflegen sie eine sonderbare Mischung zu trinken, die hauptsächlich aus Mandioka bereitet wird. Im übrigen ist mit ihnen ganz gut auszukommen.

Wer einer kunstreichen Tatauierung ermangelt, scheint nicht heiraten zu dürfen. Erreichen die Knaben ein gewisses Alter, das ich auf vierzehn Jahre schätze, so wird diese Verschönerung zwangsweise an ihnen vorgenommen. Während unserer dritten Nacht unter den Eingeborenen, als der Mond geisterhaft über den schwarzen Baumwänden stand und auf dem breiten Fluß wie Silber schimmerte, ertönte plötzlich der Lärm einer Art von Tamtam. Später fand ich, daß er durch Stockschläge auf den hohlen Stamm eines Baumes hervorgebracht wird, der Manguaré heißt. Ich sprang aus dem kleinen Zelt, das auf der Uferbank errichtet war. Auf dem Boden kauerte eine Gruppe von Indianern, während zwei von ihnen einen entsetzt aussehenden Jungen in ihrer Mitte festhielten. Der Medizinmann, der auch das Amt des Oberpriesters zu versehen schien, murmelte mit monotoner Stimme Worte vor sich hin und rührte gleichzeitig mit beiden Händen in einem irdenen Krug herum. Dazu schlugen die Weiber die Hände zusammen, stampften mit den Füßen und sangen. Der nackte Junge wurde auf den Boden gelegt, der Medizinmann näherte sich ihm und begann, seinen Körper mit einem leuchtenden Rot zu tatauieren. Die Farbe wird aus den Samen des Achiote (~Bixa Orellana~) gewonnen. In den Strahlen des Mondes sah sie wie Blut aus.

Obwohl die Körperverdrehungen des Jungen verrieten, daß er Qualen ausstand, gab er doch keinen Laut von sich, wenn der Büschel aus Palmnadeln, mit dem die Operation ausgeführt wurde, in sein Fleisch eindrang. Länger als eine Stunde ging das so fort, dann verkündete ein lautes Geschrei der Weiber, daß dieser Teil der Zeremonie zu Ende war. Der Junge stand auf und erhielt einen Bogen, Pfeile und einen Speer. Hierauf wurde ein junges Mädchen in den Kreis gebracht, das sich heftig sträuben mußte, was von seiten des neugebackenen Kriegers mit grotesken Kraftäußerungen erwidert wurde. Neben mehreren Strichen und Klecksen trug er nun einen kleinen blutroten Alligator auf seiner Brust. Er ergriff das Mädchen bei den Haaren und zog sie gegen eine neuerrichtete Hütte. In der Nähe des niedern Eingangs ließ er sie los, fing sie aber sogleich wieder, als sie davonrannte. Diesmal führte er sie in den Kreis der kauernden Wilden, nachdem ihr Widerstand offenbar gebrochen und Untertänigkeit erzwungen war.

Wie lange diese Feierlichkeit noch gedauert haben würde, ist schwer zu sagen, weil in diesem Augenblick schwere, schwarze Wolken über den Mond zogen und Wald und Fluß in Finsternis hüllten. Fast gleichzeitig ertönte das Klatschen der Regentropfen auf den Blättern. Ich eilte auf mein Zelt zu, das ich nur undeutlich unterscheiden konnte, obwohl es keine sieben Meter entfernt war. Das Prasseln des Regens wurde bald zu einem lauten Toben. Blendende Blitze erhellten das dunkle Dschungeldickicht, und der Donner rollte über die Wasserfläche. In einer halben Stunde war das Gewitter vorüber, und ein weißer, wallender Nebel stieg aus der üppigen Vegetation auf. Bei solchen Gelegenheiten bedarf der reisende Weiße in den Urwäldern des Amazonas einer starken Dosis Chinin und eines wasserdichten Schlafsacks.

Die Mundurucus bilden einen der volksreichsten und ausgebreitetsten Indianerstämme im Gebiet des Amazonenstroms. Im Jahre 1788 vernichteten sie ihre Erbfeinde, die Muras, in einer großen Schlacht in den Wäldern des Tapajóz-Madeira-Plateaus. Einige Stämme leben seit über hundert Jahren im Frieden mit den Weißen, andere, die in den Urwäldern hausen, sind heute noch unbekannt. Erkrankt einer von den Indianern hoffnungslos, so wird er von weiteren Leiden durch seine Verwandten erlöst. Auch Eltern werden von ihren Kindern oft auf diese wirksame Weise ins Jenseits befördert, wenn sie, infolge von Alter und Kränklichkeit, an den Freuden dieses Lebens nicht mehr teilzunehmen vermögen. Viele der Stämme sind noch recht kriegerisch. Sie bilden Unterfamilien und haben eigene Namen, wie z. B. die Guaribos oder Affenindianer. Ihre Sprache ist der Tupidialekt, und ihre Methoden der Jugenderziehung haben ihnen den Namen der Spartaner des Amazonenstroms eingebracht. Von anderen Stämmen in der Nähe werden sie Paiguize, Kopfjäger, genannt. Das bezieht sich aber heutzutage nur noch auf die Abteilungen, die in den weitentlegenen, unerforschten Wäldern hausen.

Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise nach den Fällen des oberen Tapajóz fort. Ehe ich das Indianerdorf verließ, gelang es mir, einen Alligatoren zu schießen, der sofort von den Mundurucus abgezogen und zerteilt wurde. Sie verwenden das Fleisch zu verschiedenen Zwecken. Ein Teil wird als Leckerbissen verzehrt; das Fett dient als Massagemittel gegen alle möglichen Krankheiten, und die Zähne werden von den Weibern aufgereiht und als Halsketten getragen.

Die Mauern des Waldes schlossen sich um den Fluß zusammen, und mehrere Tage lang war uns kaum ein Blick auf die Gegend darüber hinaus vergönnt. Eines Nachts lagerten wir auf dem Ostufer an einem Punkt, wo der Hauptfluß sich verengt und ein kleines Flüßchen sich mit ihm vereinigt. Ich hätte gerne unsere genaue Lage in dieser weiten und anscheinend verlassenen Gegend festgestellt und suchte unter meinen Notizen nach irgendeiner Erwähnung dieses Punktes durch andere Reisende. Aber ich fand nichts, so weit meine Aufzeichnungen reichten, weder bei Wickham oder Herbert Smith, der 1878 den Tapajózfluß hinaufgefahren war, noch auf den englischen Landkarten. Es handelt sich also wohl um einen der vielen unbenannten kleinen Flüsse dieses wilden Landes.

Dies mag einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, einen Fluß in dem Labyrinth der Wasserwege des Amazonas ohne ein charakteristisches Kennzeichen auf dem Land festzustellen. Ebenso schwer ist es, eine auch nur einigermaßen zuverlässige Routenkarte anzulegen, die den Reisenden aus den Arbeiten ihrer Vorgänger Vorteil zu ziehen gestatten würde. Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit bei Forschungsreisen im entlegenen Amazonengebiet. Eigentlich ist so gut wie nichts vorhanden, was auf systematischen Aufnahmen beruhte, weil es denen, die in diese Gebiete vordrangen, an den nötigen wissenschaftlichen Instrumenten fehlte, die sie auch gar nicht hätten mitführen können, selbst wenn sie sie besessen hätten. Der Mangel an eingeborenen Trägern und die daraus sich ergebende Notwendigkeit, das Gepäck auf ein Mindestmaß zu beschränken, macht vieles, was geleistet worden ist, für geographische Zwecke nutzlos. Was im Amazonengebiet ausgerichtet wurde, ist fast völlig das Ergebnis individueller und meistens vereinzelter Leistungen, unter Bedingungen, gegen die die Forschung in Afrika nur ein Kinderspiel war.

Um ähnliche Erwägungen handelt es sich beim Wiedererkennen der verschiedenen Indianerstämme. Wahrscheinlich wohnen an 400 Eingeborenenstämme auf den zweieinhalb Millionen Geviertkilometer unbekannten Landes, das die Quellgebiete der Flüsse des Amazonas umgibt. Alle diese Stämme leben in kleinen Familiengruppen, die bei den nichtigsten Meinungsverschiedenheiten sich trennen, die sich durch Heiraten vermischen, durch die schlechte Behandlung der Kautschuksammler, besonders jenseits der Grenzen Brasiliens, versprengt und durch mörderische Kriege gegeneinander dezimiert werden. Viele sind Nomaden, und die geringe Bevölkerungsdichte des Gebiets ermöglicht es diesen Familiengruppen, nach Belieben umherzuziehen und zu jagen, ohne durch benachbarte Stämme darin beschränkt zu werden. Dazu kommt noch die Verwirrung durch die Masse der Stamm- und Nebenstammnamen, der portugiesischen, phonetischen und Geschlechtsbezeichnungen, so daß jeder Versuch einer Klassifikation völlig hoffnungslos ist. Alles, was getan werden kann, beschränkt sich auf gewissenhafte und folgerichtige Beobachtung durch die Forscher, die in einen oder mehrere Teile dieses unvorstellbar ausgedehnten Gebiets eindringen, in dieses Land der dichten, düstern Wälder, verschlungenen Flüsse und Stromschnellen und der weiten, offenen „Campos“, der Heimat geheimnisvoller Indianerstämme, von denen viele das Vorhandensein von Weißen nicht einmal ahnen. Davon wird später noch die Rede sein. Im vorliegenden Werke erhalten die einzelnen Stämme die Namen, unter denen sie in ihren jeweiligen Wohngebieten bekannt sind.

Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6 Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar, daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500 Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte, trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch wegen einer niedern Hügelkette, die offensichtlich dem Weiterlauf des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um weiterzukommen.

Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado), einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war, erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.

Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der Fahrt ausruhen.

An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster, und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille. Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu, das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses, die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden gewesen.

Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften Itauba (~Acrodiclidium itauba~) hatten wir das Lager aufgeschlagen. Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz. Die Luft war schwül und drückend, von einer feuchten Kühle nach der großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern, die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit verloren.

Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen. Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines aufgestörten Alligators geraten.

Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich, während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen, und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders die ~Simia mycetes~ oder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche, auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein halbmenschliches Geschrei ausstößt.

Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von flußaufwärts der rhythmische Schlag von Rudern hören, begleitet von gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.

5. Im Land der Apiacásindianer.

Die Überraschung der Indianer war offenbar noch weit größer als unsere, und ihr roh ausgehöhlter Baumstamm, der keinerlei Ansprüche an Form oder Stabilität stellte, kenterte beinahe. Da sie nicht imstande waren, in der schnellen Strömung das Fahrzeug anzuhalten, trieb es flußabwärts und würde an unserm Lagerplatz vorbeigefahren sein, wäre es nicht durch die Hindernisse aufgehalten worden, die unsere Reise am vorhergehenden Tag zu einem Ende gebracht hatten. Die krampfhaften Anstrengungen der Indianer, einem Zusammenstoß und gleichzeitig einer Landung mitten unter uns zu entgehen, entbehrten nicht der Komik, wenn uns auch zunächst die Alligatoren Sorge machten. Wie es kommen mußte, kam es. Das unhandliche Fahrzeug legte sich mit der Seite gegen das Flußhindernis und erst, nachdem wir zum Zeichen der Freundschaft unsere Waffen ostentativ weggeworfen hatten, landete der Indianer mit seinen drei Weibern und seinen Kindern auf dem einzigen trockenen Platz in der ganzen Gegend.

Neugierde auf Seite der Weiber überwand bald die natürliche Scheu der Wilden. In einer halben Stunde hatten sie alles im Lager untersucht und wandten nun unglücklicherweise ihre Aufmerksamkeit mir zu. Es begann, als ich meine Hemdärmel umstülpte. Zuerst blickten sie zweifelnd auf mein Gesicht und deuteten mir durch Zeichen an, es im Fluß zu waschen; dann kniffen sie mich in die Arme und würden, ganz gegen meine Absicht, ihre unheilige Neugier nach der Beschaffenheit meines ganzen Körpers auf verschiedene Weise noch weitergetrieben haben, hätte ich nicht versucht, ihre Aufmerksamkeit durch Geschenke abzulenken. Dadurch versetzte ich sie in einen wahren Freudentaumel. Der Vater der Familie hatte bisher abseits gestanden. Wahrscheinlich hatte er schon öfters Weiße gesehen und nur sein Weibervolk in der Abgeschiedenheit der Urwälder gehalten. Jetzt grinste er begierig. Sie sprangen ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Alligatoren in den schmutzigen Fluß, lachten, schrien und rollten sich im Schlamm. Dann begannen sie, ohne sich zu reinigen, ein Lager aufzuschlagen, während wir ihren Herrn und Gebieter über den Stand unserer Speisekammer unterrichteten.

Diese Apiacásweiber hatten bald aus Palmwedeln und mit Schlamm bedeckten Zweigen einen rohen Unterschlupf fertig. Küchengerätschaften schienen sie nicht zu besitzen, außer einem irdenen Tiegel. Nachdem der Indianer, der allein bekleidet war, versprochen hatte, durch eine Jagdbeute an Wild und Fischen unsern Vorräten aufzuhelfen, entschlossen wir uns, noch mehrere Tage im Lager zu bleiben, ehe wir uns den Tapajóz hinab auf die Fahrt nach Itaituba und was sonst am Amazonenstrom an Zivilisation zu finden ist, machten.

[Illustration: Eingeborenenboote

an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von Santarem.]

[Illustration: Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem Mutum-Paraná.

Das Fahrzeug besteht lediglich aus einem ausgehöhlten Baumstamm. Die Enden sind offen.]

Es zeigte sich, daß die Weiber nur selten Weiße gesehen hatten, obwohl sie offenbar schon mit Kautschuksammlern zusammengetroffen waren, die aber weder schwarz noch weiß sind, sondern sowohl im Gesicht wie am Körper von einem matten Gelbbraun. Sie versuchten, durch Zeichen zu erfahren, zu welchem Zweck wir in diese abgelegene Gegend gekommen wären, indem sie an die riesigen Kautschukbäume klopften, wie sie in diesen Wäldern in Massen vorkommen. Als ich den Kopf schüttelte, schienen sie beunruhigt. Natürlich war ich nicht imstande, sie durch Zeichen über meine Reiseabsichten aufzuklären und hatte auch nicht den Wunsch, dies in Hinsicht auf meine Begleiter zu tun. So begnügte ich mich mit einigen beruhigenden Gebärden. Wenigstens waren sie so gemeint. Ich wußte, daß die Ängstlichkeit aller Waldbewohner im Amazonengebiet, wo immer Kautschukbäume wachsen, von der barbarischen Behandlung herrührt, die sie früher von gewissenlosen Kautschuksammlern erfahren haben. Man zwang sie nicht nur, bei Strafe der Auspeitschung, den kostbaren Saft zu sammeln, sondern auch unsagbare Schändlichkeiten wurden an ihren Weibern verübt.

Nachdem die Freundschaft hergestellt war, folgte das Austauschen vertraulicher Mitteilungen. Die Indianer gehörten zu einem Dorf, das einige Kilometer vom Flußufer entfernt und noch nie von Sklavenzügen der Kautschukpflanzer berührt worden war. Ehe die brasilianische Regierung das Indianer-Schutzamt einsetzte, von dem noch zu sprechen sein wird, waren solche Raubzüge an der Tagesordnung.

Die Apiacás bewohnen ein Waldgebiet von etwa 350 Geviertkilometer an beiden Ufern des Tapajóz und auch am Unterlauf des Rio Manoel. Sie sprechen die Tupisprache und haben viel Gemeinsames mit Stämmen, die ich später in den Tälern des Madeira und Aripuanan antraf. Ihr Charakter ist nicht ganz zuverlässig, und sie setzen allen Eingriffen der Weißen Widerstand entgegen, haben aber der Regierung lange nicht so viel Verlegenheiten bereitet wie die Parintintinsindianer am Gy-Paraná und Maicy. Keiner dieser Indianer trägt Lippenschmuck, in die Lippen eingesetzte Verzierungen aus Muschelschalen oder Bein. Die Weiber waren bis auf einen dünnen Grasschurz völlig unbekleidet. Sie trugen Fußringe, vermutlich als Zeichen, daß sie entweder verheiratet oder heiratsfähig waren. Eine Witwe, die zu alt ist, um noch einen Mann zu bekommen, schneidet beide Fußringe ab, um anzudeuten, daß sie sich mit ihrem Los abgefunden hat. Legt sie nur einen Fußring ab, so heißt das, daß sie bereit ist, wieder zu heiraten. Trägt aber eine verheiratete Frau gar keinen Fußring, so bedeutet es Untreue oder daß sie gegen die Wünsche ihres Stammes geheiratet hat. Ich glaube wenigstens, das so verstanden zu haben, soweit eben Zeichen, Zeichnungen und nachahmende Gebärden eine vollständige Verständigungsmöglichkeit ersetzen können.

Die Apiacás tragen ihr glänzend schwarzes Haar vorn auf der Stirn in Fransen geschnitten und über den Rücken lang herabhängend, wie viele andere Stämme des Amazonengebiets. Männer, Weiber und Kinder haben die gleiche Haartracht. Die Amulette, die beide Arme zieren, sind aus Bein oder Fasern und dienen als Schutzmittel gegen die Gefahren der Wildnis. Die Kinder gingen völlig nackt und sahen recht gesund und handfest aus. Der Junge, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätzte, trug den dünnen Körperriemen und die Fasernhose, die beim Schlüpfen durch das Dschungeldickicht Verletzungen verhüten sollen. Der Vater dieser Bronzefamilie war mit Rock und Hosen aus grobem, einheimischen Stoff bekleidet und mit einer alten Schrotflinte bewaffnet, die er aber nicht zur Jagd gebrauchte. Er zog einen schöngeschnitzten Speer vor, der schließlich im Tausch gegen ein gutes schwedisches Taschenmesser in meine Sammlung überging. Weiße hatte er bereits auf den Ufern gesehen und schien ihnen viel mehr zu mißtrauen als seine Weiber, die in ihrer Unwissenheit glücklich waren.

Erst am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Lager bemerkte ich, wie eins der Weiber ein Trinkgefäß aus dem Kanu holte, um es mit Wasser aus dem Fluß zu füllen. Nach einigen Minuten gelang es mir, das Gefäß genauer zu betrachten, und ich muß gestehen, daß mich ein leiser Schauder des Ekels beschlich. Es war ein menschlicher Schädel, dessen Augen-, Nasen- und Ohröffnungen mit schmutzigem roten Lehm verstopft waren.

Die Unterhaltung ging nicht sehr rasch vonstatten, da sie durch Zeichen geführt werden mußte. Als ich versuchte, etwas über die Herkunft dieser greulichen Reliquie herauszubekommen, war das Ergebnis ein wenig überraschend. Augenscheinlich handelte es sich um eine hochgehaltene Kriegstrophäe, deren Besitz eine Quelle des Stolzes bildete. Auf meine Fragen begann das Weib, mir mimisch einen Kampf vorzuführen. Schließlich ergriff sie ein nacktes Kind, das uns zusah, und tat, als ob sie seinen Kopf mit einem scharfen Messer aus Fischknochen abschnitte. Das Geschrei des Kindes brachte den Vater herbei. Er erschien mit einem mörderlich aussehenden Speer, der mit Büscheln aus Vogelfedern verziert war. Aber offenbar sind die Apiacás nicht ohne Sinn für Humor, denn er grinste, als ihm die Ursache des Geschreis klargemacht wurde.

Nachts sollte auf einer Reihe von Sandbänken flußaufwärts auf die Schildkrötenjagd gegangen werden. Es war eine merkwürdige Unternehmung, an der auch die Weiber teilnahmen. Fackeln aus harzreichem Holz wurden angezündet und die Kanus an die seichten Schlammstellen hingebracht. Die Flammen warfen ein düsteres Licht auf die Mauern des Waldes und die schweigende, rasch dahinströmende, schwarze Flut. Es war nicht die Zeit des Eierlegens, daher befanden sich die Schildkröten an den Untiefen der Sandbänke, wo sie vor den gefräßigen Alligatoren und den beutegierigen Jaguaren in Sicherheit waren. So geschickt handhabte der Indianer seinen langen, dünnen Speer, daß er in weniger als einer halben Stunde drei Stück der kleineren Art aufgespießt hatte, die Tracajaas genannt wird. Später sah ich in andern Gewässern des Amazonas, wie man diese Geschöpfe harpunierte, mit dem Lasso oder in Fallen fing und ihrer Eier beraubte.

In dieser Nacht schien der Urwald nicht so verlassen wie sonst. Ich saß neben dem Feuer, obwohl die Nacht warm war, und versuchte von einem sehr schläfrigen Apiacásindianer Auskünfte zu erhalten über die Sitten und den Glauben dieses „wilden“ Stammes. Alles, was ich erfuhr, war, daß die Köpfe der im Kampf getöteten Feinde als Kriegstrophäen abgeschnitten würden. Doch war dieser Brauch kürzlich vom Administrator in Bocca S. Manoel verboten worden. Die Apiacás glauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen in Vögeln oder Tieren wiedergeboren werden, und zwar in jenen Arten, die sie selbst während ihres Lebens am charakteristischsten zur Darstellung bringen. Den Mond halten sie für einen bösen Geist, dessen Diener in den dunklen Gewässern der Flüsse hausen. Sie ziehen den waghalsigen Indianer in die Tiefe, der allein in seinem kalten, weißen Licht badet. Merkwürdigerweise spielen die Alligatoren keine Rolle in dieser überirdischen Tragödie. Daß Baden in Gesellschaft sicherer ist, erklärt sich durch das Herumplätschern im Wasser. Ich versuchte das dem Indianer auseinanderzusetzen, aber seine Antwort war verblüffend. Diese niedrigstehenden Menschenwesen glauben, daß der Alligator den Mond ebenso fürchtet und vorzieht, seine Mahlzeiten bei Tageslicht zu verzehren! Die Apiacás sind nicht tatauiert, ungleich den Mundurucus, und scheinen nur sehr wenig seltsame Zeremonien zu haben. Darin unterscheiden sie sich von den Uaupés des brasilianischen Guyana, die den blutigen Juriparidienst ausüben.

Es machte mir viel Verdruß, daß ich das Dorf der Apiacás im dichten Wald nicht besuchen konnte, aber der Mangel an Lebensmitteln ließ die Rückkehr zur Zivilisation gebieterisch erscheinen. In diesem Zusammenhang dürfte die Erfahrung interessieren, daß der Weiße nicht sehr lange von den Naturprodukten des Waldes zu leben vermag, ohne der Beri-Beri-Krankheit zu verfallen. Sogar die Eingeborenen leiden schrecklich unter dieser und andern verheerenden Seuchen. Die Schwindsucht fordert alljährlich zahlreiche Opfer. Die an diesem und andern Leiden Erkrankten werden bei den Halbzivilisierten in eigenen Dörfern untergebracht, wo sie eine Zeitlang von alten Weibern gepflegt werden. Die Unheilbaren begräbt man auf ihren eigenen Wunsch lebendig.