Part 15
Der Ucayali ist ein breiter Fluß mit glasigem, grünlichgrauem Wasser, einer schnellen Strömung und vielen gefährlichen Strudeln zwischen weit auseinanderliegenden, nebelverhüllten, mit niedrigem Gestrüpp bedeckten Ufern. So stark ist die Strömung, daß Barkassen und andere Fahrzeuge bei der Bergfahrt sich stets nach Möglichkeit am dschungelbedeckten Ufer herumdrücken. Hin und wieder trifft man auf Stellen mit frischgrünem Sumpfgras, aus dem weißgefiederte Reiher und rot und schwarze „Soldados“ in Scharen aufsteigen.
Die Sonnenuntergänge auf diesem breiten Fluß können an Großartigkeit nur mit denen auf dem Madeira verglichen werden. Rote und violette Wolkenballen, aus denen feurige Strahlen himmelwärts emporschießen, spiegeln sich in jeder Einzelheit auf der glasigen Oberfläche des Flusses. So lebhaft sind solche Lichteindrücke, daß der Wald sich dagegen in braune und schwarze Töne verwandelt.
Von Zeit zu Zeit fährt man an einem kleinen Kanu vorüber, in dem ein Cocama-Indianer mit erhobener Lanze steht, bereit, den Pirarucúfisch aufzuspießen, wie er in Peru genannt wird. Er ist der größte Süßwasserfisch der Welt und erreicht oft ein Gewicht von über 100 Kilogramm und eine Länge von fast 2 Meter. Das Fleisch wird auf ähnliche Weise gepökelt und eingesalzen wie das des Kabeljaus und bildet für alle Flußanwohner ein wichtiges Nahrungsmittel. Die getrocknete Zunge gleicht einer Feile und wird von den Eingeborenen des Amazonengebiets zum Feilen benutzt. Unter andern Fischen, die von den Indianern gefangen werden, ist der Tucanaré und die Piranha oder Flußhai. Auf einigen der Sandbänke weiter flußabwärts findet sich die amazonische Schildkröte (~Podocnemis expansa~), eine Abart, die aber meistens von der gewöhnlichen Schildkröte nicht unterschieden wird. Die Indianer verfolgen sie erbarmungslos, nicht nur ihres Fleisches, sondern auch der Eier wegen. Sie ist eins der größten Geschöpfe ihrer Art auf der Welt und bildet für alle Flußanwohner, Europäer wie Eingeborene, ein marktgängiges Nahrungsmittel. In gewissen Flüssen kommt sie noch zu Tausenden vor und liefert neben der Nahrung ihre Schale, die als Gefäß für den Hausgebrauch dient. Die Schildkröten legen ihre Eier in den weichen, heißen Sandbänken ab, sobald sie nach den großen jährlichen Überschwemmungen wieder aus dem Wasser auftauchen. Da die Eingeborenen das genau wissen, liegen sie beständig auf Wache, und kaum ist das Legegeschäft beendigt, reißen sie die Eier aus den Löchern, die von der Schildkröte als Nest gemacht werden. Im Ucayali kommt aber der Flußdelphin häufiger vor als die Schildkröte. Auch Alligatoren gibt es in Menge. Sie werden ihres Fettes wegen getötet, das zu einer merkwürdigen Art Massage bei vielen Leiden, besonders Rheumatismus, gebraucht wird.
In der Umgegend der kleinen Niederlassung von Sarayacu, am Westufer des Ucayali, liegen mehrere Konibosdörfer. Eines von ihnen, am Ufer, ist von halbzivilisierten Indianern bewohnt, die sich als Kanuführer auszeichnen. In andern, weiter ins Land hinein, hausen noch wilde, aber dem Weißen nicht mehr offen feindlich gesinnte Stämme.
Ich verließ die Barkasse mit meinen beiden Cocamaboys, denselben, die mich den Chimbiri-Yacu hinauf begleitet hatten, und mietete ein Kanu von einer alten Missionsstation. Dann ging’s in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Sarayacu trägt und viele Meilen weit ins Land hineinführt gegen eine niedere Hügelkette zu, über die nicht viel bekannt ist. In der Nähe von Sarayacu zweigt er vom Ucayali ab.
Es würde wohl sehr schwierig gewesen sein, die Lage der Hütten der weiter flußaufwärts wohnenden Konibos zu bestimmen und hinzukommen, wäre es mir nicht gelungen, einen Führer des gleichen Stammes, der in dem halbzivilisierten Dorf am Ucayali lebte, zu überreden, mit uns zu kommen. Den „zahmen“ Indianer dazuzubringen, einen Weißen zu seinen wilden Stammesbrüdern zu geleiten, ist außerordentlich schwierig und hat nur Erfolg, wenn man sich an einen Vermittler wendet, der das Vertrauen beider besitzt. In meinem Fall war das der alte Pater in Sarayacu, der sich der Leiber der wilden und der Seelen der halbzivilisierten Indianer annimmt.
Nach zwei Tagen auf diesem verseuchten kleinen Fluß, dessen dichtbewaldete Ufer dem Sonnenlicht kaum Zutritt gewährten, schlugen wir am frühen Nachmittag schon das Lager auf und ließen den Führer mit dem Kanu vorausfahren, um den Indianern unsere Ankunft anzuzeigen und ihnen zu erklären, daß wir Freunde wären und Geschenke mitbrächten. Diese Nacht wurde eine der schlimmsten, die ich je im Amazonengebiet zugebracht hatte. Zu den Moskitos gesellte sich die Qual von Hitzbläschen auf dem ganzen Körper, so daß ich keine fünf Minuten stillzuliegen vermochte. Aber glücklicherweise sind in diesem Sonnenland die Stunden der Finsternis nur kurz. Nach dem Frühstück kehrte der Führer zurück und eröffnete uns, daß wir zu dem Dorf fahren dürften, das nur etwa 3 Kilometer weiter den seichten Fluß hinauf zu liegen schien.
Das Dorf der Konibos bestand aus vier Rohrhütten ohne Seitenwände, die auf rohen Plattformen erbaut waren. Jede Hütte gab ungefähr 15 Leuten Obdach. Ungleich andern Wilden an den entlegenen Flüssen dieses Riesengebiets drängten sich die Konibos nicht zusammen, als wir landeten, sondern standen unbeholfen umher und betrachteten uns mit unverhülltem Mißtrauen. Doch tauten sie ein wenig auf, als ich eine Handvoll Taschenmesser aus meinem Rucksack hervorholte, und damit hatte ich Gelegenheit, sie mir etwas genauer anzusehen.
Die zahllosen Kinder waren gänzlich unbekleidet, Männer und Weiber aber trugen ein grobes, braunes „Kusma“, d. h. ein aus einem Stück bestehendes Gewand mit einem Loch für Kopf und Hals. Sie hatten die Farbe dunkler Bronze und ihre Gesichter waren mit roten und schwarzen Streifen bemalt, was einen höchst abscheulichen Anblick bot. Die jüngern Kinder aber, die nicht auf solche Weise bemalt waren, sahen ganz anständig aus. Das Haar der Männer und Weiber war lang und wurde durch ein Rohrband um den Kopf festgehalten. Einer der Männer, anscheinend ein Häuptling, trug einen Metallring durch die Nase und eine Vogelfeder im Haar.
In auffallendem Gegensatz zu der glatten Haut der Ocainas war die dieses Stammes mit Pickeln, Bläschen und Geschwüren wie übersät. Ob das von den Stichen der Moskitos und „Piums“ herrührte, kann ich nicht sagen. Auch die Körper der Kinder waren in diesem Zustand und wie mit einer trockenen Flechte bedeckt. Außer dem Einsammeln von Sarsaparille, das in den umliegenden Wäldern wild wächst, scheinen sie mit Arbeit sich nicht viel abzugeben. Die kleinen Pflanzungen dicht beim Dorf waren in trauriger Verfassung und ließen sich vom Busch zuerst kaum unterscheiden.
Die Konibos sprechen die „Pana“sprache fast aller Stämme der peruanischen Montaña. Der Ruf ihres verräterischen und blutdürstigen Charakters geht auf das Jahr 1695 zurück, als sie einen Franziskanermissionar, namens Rieter, ermordeten. Seitdem wurden immer wieder von Zeit zu Zeit Versuche gemacht, sie zu zivilisieren, aber fast in jedem Fall endigten sie mit Mord. Die am Ucayali Wohnenden nennen sich Christen, doch deckt nur ein dünner Firnis die Instinkte des Wilden.
Bei diesem Stamm ist es Sitte, die Alten und Schwachen umzubringen. Den Sohn dünkt es eine Wohltat, seinen Vater oder seine Mutter zu ertränken, zu erwürgen oder zu vergiften, wenn sie nicht mehr imstande sind zu fischen, zu jagen oder die Nahrung zu bereiten. Ein altes Weib fiel mir auf, das darauf bedacht schien, besondere Geschäftigkeit an den Tag zu legen, so daß ich mich des Lachens nicht hätte enthalten können, wäre sie nicht mit solchem Ernst bei der Sache gewesen. Als ich mit dem Pater in Sarayacu darüber sprach, erzählte er mir von dem grausamen Brauch, und nun wurde mir der Grund der komischen Geschäftigkeit klar. Kinder mit einem Abszeß am Fuß wurden in den Fluß geworfen, weil sie für den Augenblick nicht gehen konnten. Als wir das Dorf der Konibos verließen, versteifte sich das alte, ausgedörrte, nur aus Haut und Knochen bestehende Weib darauf, fast bis zum Bauch ins Wasser zu waten, um unserm Kanu einen letzten Stoß zu versetzen. Ich freute mich, als ich später von dem schrecklichen Brauch hörte, daß sie die meistbegehrte Gabe erhalten hatte: eine Schachtel mit Steck- und Nähnadeln, Nägeln und Angelhaken. Vielleicht wird sie sich damit noch die paar Jahre ihres Daseins erkaufen können, an dem sie so sehr zu hängen schien.
Nach der Rückkehr nach Sarayacu kaufte ich das Kanu und erreichte bei dem Mestizen-Kapitän der Barkasse, die am folgenden Tag den Ucayali hinauffuhr, daß er mich ins Schlepptau zu nehmen versprach. Meine Absicht war, das Dampfboot vor Bocca Pachitea, einige Meilen oberhalb der kleinen Niederlassung von Mashishea, zu verlassen. Es sollte flußaufwärts fahren, solange die Tiefe des Wassers es erlaubte, um vier weitere in allen Farbennuancen spielende Passagiere am nächsten Punkt zu dem Andenübergang nach dem Pazifischen Ozean abzusetzen. Am Westufer des Ucayali zieht sich eine besonders wilde Gürtelzone entlang, die von den Kaschibos oder Vampirindianern bewohnt wird. Um in dieses Gebiet einzudringen, bedurfte ich eines Kanus, und da es nicht viele Niederlassungen am Ucayali gibt, mußte ich eins mitnehmen.
Nur wenig Bemerkenswertes ereignete sich während der Reise den Ucayali hinauf, der die gewöhnliche Route zwischen dem Amazonenstrom und dem Pazifischen Ozean bildet. Die einzigen Ansiedlungen längs dieses 800 Kilometer langen Flusses und seines halb erforschten Gebiets sind: Contamana, ein hübscher, kleiner Ort am Ufer, und Mashishea, wo sich eine drahtlose Station befindet. Einige Meilen unterhalb mündet der Rio Aquaitia in den Ucayali. Von hier aus sind sowohl nach Westen wie nach Osten die Wälder völlig unerforscht, wo mehrere wilde Stämme, darunter die menschenfressenden Kaschibos, ihre Wohnsitze haben. Das Wort „Kaschibo“ bedeutet in der Panasprache „Vampir“, und die Indianer verdanken diesen Namen ihren blutdürstigen Neigungen.
An einem Punkt auf dem Westufer, auf 8° südlicher Breite, vertauschte ich die Barkasse mit dem Kanu, das bis dahin recht bequem im Schlepptau mitgeführt worden war. Nachdem ich aber die Vorräte und meine beiden Cocamaboys hinübergebracht hatte, ging es leider so tief, daß ich zu meinem Bedauern gezwungen war, dem Mestizen-Kapitän eine beträchtliche Menge jener „Extras“ anzuvertrauen, die abseits der Zivilisation soviel bedeuten. Aber es ging nun einmal nicht anders, und so winkten wir dem kleinen Dampfer ein Lebewohl zu und paddelten einer Öffnung im niedern Dschungel der übelberüchtigten Pampas Sacramento entgegen, wo der kleine Aquaitiafluß in den Ucayali mündet.
Dieser Fluß hat weiter keine Bedeutung. Er ist der letzte kleine westliche Nebenfluß, ehe die Bocca Pachitea erreicht wird, und liegt nach Angabe der ausgezeichneten Karten des peruanischen Innenministeriums auf 8° südlicher Breite. Etwa 30 Kilometer lang windet sich der Aquaitia gegen Südsüdwesten durch eine sehr flache, tiefliegende, mit Palmdschungeln bedeckte Gegend. Während des ersten Tags und der folgenden Nacht waren die Moskitos so blutdürstig, daß selbst die Kleider keinen Schutz vor ihnen gewährten. Hätte ich nicht ein Kopfnetz und Stulphandschuhe bei mir gehabt, so wäre ich schimpflich wieder nach dem offenen Ucayali umgekehrt. Auf keiner meiner Reisen in verschiedenen Weltteilen hatte ich solche Qualen zu überstehen wie diesmal durch diese kleinen, teuflischen Geschöpfe. Hand- und Fußgelenke, Arme, Hals und Gesicht waren so zerstochen und verschwollen, daß ich kaum die Kleider anzubehalten vermochte und Schwierigkeiten hatte, nicht durch beständiges Kratzen mich der Gefahr einer Blutvergiftung auszusetzen. Während dieser fürchterlichen 24 Stunden schliefen wir im Kanu, über dessen ganzen Innenraum wir das Moskitonetz gezogen hatten. Auch meine beiden Cocamas litten unter der Moskitoseuche, wenn auch weit weniger als ich selbst. Jedenfalls schienen sie froh, bei Anbruch der Nacht unter das schmutzige, weiße Netz kriechen zu dürfen.
Das Schlafen mit Moskitonetz und Stulphandschuhen machte die Hitze noch unerträglicher. Gegen den Abend des zweiten Tags wurde die Luft aber etwas freier, und das wahnsinnig machende Gesumme ließ beträchtlich nach. Der seichte Fluß wurde nun noch seichter und verbreiterte sich zu einem Miniatursee, der nicht ohne Schwierigkeit zu befahren war. In dieser Nacht schlugen wir das Lager auf, aber ein richtiges Ausruhen war ausgeschlossen wegen der Gefahren, die von den wilden Stämmen drohten, deren Gebiet wir jetzt betreten hatten.
18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento.
Als wir am nächsten Morgen am Ufer des seichten Sees entlang fuhren, erhielten wir die erste Andeutung, daß es hier Indianer gab. Ein Pfeil zischte in einiger Entfernung vor dem Kanu ins Wasser. Es war ein bedenklicher Augenblick, und selbst in den Augen meiner beiden Boys zeigte sich die Nervenanspannung. Ob es sich um eine Warnung handelte oder um einen Pfeil, der auf der Fischjagd abgeschossen worden war und die Anwesenheit von Indianern verriet, spielte dabei keine Rolle. Ehe eine Art Freundschaft hergestellt oder wenigstens eine Form passiver Duldung von den Indianern erreicht war, die sich offenbar in den umliegenden Wäldern befanden, schien ein Vormarsch ebenso unmöglich als der Rückzug. Ähnliches hatte ich schon oft erlebt, aber bei dieser Gelegenheit fühlte ich mich zum erstenmal wirklich ungemütlich. Der Hauptfaktor der Sicherheit, eine gute Rückzugslinie, fehlte, und alles hing nun vom guten Willen eines unbekannten Stammes in einer übelberüchtigten Gegend ab.
Irgend etwas mußte geschehen, aber was sollte ich tun? Auf den niedern dschungelbedeckten Ufern war kein Zeichen zu erblicken weder von den Indianern noch ihren Behausungen. Wir ruderten auf eine sandige Landzunge zu, die in den seichten See vorsprang. Das Kanu saß bald fest, und so wateten wir, bis zu den Knöcheln im Wasser, auf die Sandbank. Nachdem wir uns versichert hatten, daß sie bei dem natürlichen Steigen des Flusses während der Nacht nicht überschwemmt würde, beschloß ich, hier das Lager aufzuschlagen, weil niemand weder vom See noch vom Ufer her sich nähern konnte, ohne das Stück offenen Strandes zu überschreiten.
Die Nacht über wachte ich, bis mich die Dämmerung erlöste und ich mich für eine oder zwei Stunden niederlegen wollte. Ich war jedoch kaum eingeschlafen, als schon einer der Boys ins Zelt trat und mir durch Zeichen bedeutete, ihm zu folgen. Weniger als 50 Meter vom Lager entfernt steckten vier Stöcke mit vier kürzeren Stöcken quer darüber gebunden im Boden, und daneben lag ein Pfeil auf der Erde, der nach der Richtung wies, von wo wir gekommen waren. Der Cocama schüttelte den Kopf und murmelte etwas.
Da ich von ähnlichen Zeichen bei den Nambiquaras des Matto Grosso gehört hatte, zermarterte ich mein Gehirn nach einer Erklärung. Wahrscheinlich bedeuteten die vier langen Stöcke ebenso viele Indianer, und der Pfeil, der flußabwärts wies, gab eine Richtung an. Sollte er eine Warnung sein, daß wir dahin zurückzukehren hatten, von wo wir gekommen waren? Wenn so, was sollten dann die vier Querstöcke ausdrücken? Keine Erklärung, außer einem unheilverkündenden Kopfschütteln, kam vom Cocama. Anderseits mochten die Stöcke anzeigen, daß die gleiche Anzahl von Indianern in der Richtung des Pfeiles lagerte.
Nachdem ich mir einige Zeit fruchtlos den Kopf zerbrochen hatte, entschloß ich mich, Geschenke bei den Stöcken niederzulegen, alles wieder ins Kanu zurückzuschaffen, das Zelt aber stehenzulassen und den Saum des Dschungels dort zu untersuchen, wohin der Pfeil deutete. Während der drückenden Hitze des ganzen tropischen Tages ruderten und suchten wir ohne Ergebnis umher, aber bei der Rückkehr zu der Sandbank am Abend sahen wir, daß die Geschenke verschwunden waren. Das Zelt und die geheimnisvollen Stöcke waren jedoch nicht berührt worden. Ehe die Nacht anbrach, legte ich meinen Rasierspiegel als weitere Gabe hin und band eine rohe Skizze daran, die einen Indianer und einen Weißen darstellte, die sich gegenüberstanden, die Waffen auf den Boden gelegt hatten und die Arme über die Köpfe hielten.
Wieder saß ich die ganze Nacht neben dem Kanu, da ich zur Wachsamkeit der beiden Cocamas kein Zutrauen hatte. Als das Licht des kommenden Tags endlich ausreichte, die Umgebung zu unterscheiden, ging ich zu den Stöcken. Der Rasierspiegel und die Zeichnung waren fort, und auf dem Sande zeigten sich die Spuren mehrerer nackter Füße. Sie kamen vom seichten Wasser des Sees und führten wieder zurück, ein Beweis, daß die Indianer ein Kanu benutzt hatten.
Diesmal erneuerte ich die Geschenke nicht, sondern ließ nur eine neue Zeichnung zurück, auf der ein Weißer abgebildet war, der einem neben dem Zelt stehenden Indianer eine Schnur Perlen überreicht. In der folgenden Nacht verschwand auch dieses Blatt, und ich hörte, wie das Kanu der Indianer von der Sandbank abgestoßen wurde, indem ich das Ohr dicht an die Oberfläche des stillen Seespiegels hielt.
Nun war ich beruhigt, und am Morgen des vierten Tages näherte sich richtig ein Kanu, in dem vier Indianer saßen, die langsam ruderten. Ich rief sie an und bekam eine Antwort. Dann hörten sie auf zu rudern, und das Kanu hielt etwa 180 Meter vom Ufer an. Sich auf diese Entfernung pantomimisch zu verständigen, war unmöglich. Daher winkte ich den Indianern zu, näher zu kommen, legte meine Flinte auf den Boden und ging im seichten Wasser auf sie zu, während ich eine Schnur Perlen ihnen entgegenhielt.
[Illustration: Skizze der Peruanischen Montaña.]
Einige Minuten saßen sie unbeweglich und paddelten dann vorsichtig vorwärts bis auf etwa zehn Meter an die Stelle, wo ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand. Ich bedeutete ihnen durch Zeichen, daß ich ein Freund wäre und mit ihnen zu sprechen wünschte. So oft ich vorzugehen versuchte, ruderten sie hastig zurück, und dieses lächerliche Hin und Her ging länger als eine halbe Stunde so fort, bis ich endlich zum Zelt zurückwatete, wo ich mich niedersetzte und wartete.
Allmählich faßten sie Mut, ruderten zuerst das Ufer entlang zum Zelt, stiegen dann ins Wasser und wateten auf mich zu. Ich stand auf und hob die Hände über den Kopf, um zu zeigen, daß ich unbewaffnet wäre. Drei von ihnen ahmten das nach, während sie sehr mißtrauisch den Strand heraufkamen. Langsam ließ ich die ausgestreckten Hände sinken und begann, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß ich Geschenke für sie hätte. Einige Stücke wohlriechender Seife wurden auf den Sand gelegt, nach denen einer der Indianer gierig griff, während die andern meine Bewegungen beobachteten. Daran schloß sich ein lebhaftes Gespräch, das durch Zeichnungen im Sand geführt wurde. Nun kam heraus, daß die Stöcke mit den Querhölzern Hütten bedeuteten und daß der Pfeil nicht nach ihnen hin, sondern von ihnen her wies.
Ihrem Äußern nach waren die Indianer von Mittelgröße und einer sehr blassen Hautfarbe von gelber Bronze. Im Sonnenschein sehen sie wie Chinesen aus. Alle vier waren in lange dunkelbraune Kusmas aus grobem Eingeborenenstoff gekleidet. Ihre Köpfe waren zum Teil geschoren, und um den Hals trugen sie einen merkwürdigen Schmuck aus Flügeldecken von Käfern, der vorn mit dem Kopf einer Fledermaus abschloß. Ihr Haar war kohlschwarz und dicht um den Kopf durch ein Rohrband zusammengehalten, das mit Vogelfedern verziert war. Nur einer hatte einen langen, dünnen Speer aus dem Kanu mitgebracht.
Nach langen Bemühungen, durch Zeichen und ein paar Panaworte, die ich in Sarayacu gelernt hatte, meine Absichten kundzutun, war endlich eine etwas freundschaftlichere Atmosphäre hergestellt. Ich benützte sie um anzudeuten, daß zwar ich meine Waffe abgelegt hätte, einer der Indianer aber noch immer einen Speer trüge. Es bedurfte mehrerer Zeichnungen im Sand, um diesen Umstand klarzumachen, aber sobald ihn die beschränkte Intelligenz der Wilden begriffen hatte, wurde der Speer auf den Boden gelegt. Doch war der Besitzer nicht zu bewegen, sich von der Stelle zu entfernen. Nachdem ich meinen Zweck erreicht hatte, einen Zustand gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, hätte es keinen Sinn gehabt, die Sache noch weiterzutreiben. Die nächste Aufgabe war, die kleine Indianerschar, die sich offenbar auf einem Jagd- oder Fischzug befand, dazu zu veranlassen, uns nach ihrem Dorf zu führen und gleichzeitig alles Menschenmögliche zu tun, um unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten.
Es ist nicht ratsam, gänzlich wilden Indianern zu viel Geschenke zu geben, ehe man seinen Zweck in ihrer Mitte erreicht hat. Sie gleich am Anfang mit Gaben zu überhäufen, heißt sich später einer gefährlichen Unzufriedenheit aussetzen, wenn die Quelle erst spärlicher zu fließen beginnt, was bald eintritt, falls nicht unbegrenzte Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die frühe Erforschungsgeschichte unter den Eskimos beweist zur Genüge, daß man nur mit Vorbedacht diese Form der Bestechung anwenden sollte.
Nachdem ich den Indianern meinen Wunsch, ihr Dorf zu besuchen, kundgetan und zugleich meine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte, ihnen für ihre spätere Unterstützung bei der Rückkehr an den Ucayali Geschenke zu machen, drehte ich ihnen absichtlich den Rücken und ging in mein Zelt. Anscheinend, um etwas zu holen, aber in Wirklichkeit, um zu prüfen, wie weit ihre Freundschaft ging, wenn wir uns nicht mehr unmittelbar gegenüberstanden. Nach einigen Minuten kam ich wieder mit ein paar Biskuits, von denen ich eins selbst verzehrte und die andern den Indianern anbot. Da sie augenscheinlich hungrig waren, schlangen sie sie hinab, ohne erst wie üblich nach dem ersten Bissen zu warten, ob sich nicht schlimme Wirkungen einstellten.
Es gab noch ein langes Gespräch zwischen ihnen, aber schließlich deuteten sie mir an, unser Kanu zu besteigen. Das Abbrechen des Lagers dauerte eine halbe Stunde, während der ich mich mit sehr wenig Erfolg bemühte, unsere freundschaftlichen Beziehungen noch zu vertiefen. Gerade vor dem Aufbruch zog ich meinen Tabaksbeutel aus der Tasche, und als ich ihre gierigen Blicke bemerkte, verteilte ich genug von dem wertvollen Kraut, um mehrere Pfeifen zu stopfen, was größeren Eindruck zu machen schien als alle vorhergehenden Annäherungsversuche.
Wir paddelten über den seichten See und wandten uns dann nördlich gegen einige niedere, bewaldete Hügel. Schon erschienen die Hütten auf einem offenen Fleck von grauem, aschenartigem Sand zwischen dem niedern Dschungel. Sofort nach der Landung kam mir die Gefahr der Lage zum Bewußtsein. Die vier Jäger, die zu uns ins Lager gekommen waren, trugen Kleider und hatten offenbar schon früher mit der Zivilisation in Berührung gestanden; die Dorfinsassen aber waren völlig nackt und nahmen eine beinahe feindliche Haltung ein. Als wir landeten, war keiner der Indianer bewaffnet, aber schon nach einer Viertelstunde starrte alles von Speeren, Bogen und mörderisch aussehenden Kriegskeulen.
Die Geschichte der Kaschibos erzählt von beständigen, erbarmungslosen Kämpfen gegen den Weißen und die benachbarten Stämme der Schipibosindianer. Von 1651 bis 1714 sollen nicht weniger als siebenundzwanzig Priester von ihnen ermordet und aufgefressen worden sein, die von den Spaniern geschickt wurden, um sie zum Christentum zu bekehren. Etwa 40 Jahre später überfielen sie die Missionsstationen von Cerro de la Sal und zerstörten sie alle. Bis in neuere Zeit waren sie sehr selten von Forschern aufgesucht worden, und Leutnant Smyth, R. N. (1832), Leutnant Herndon (1852), Gabriel Sala (1899) und Juan Sotomayor (1900) sind die einzigen, soweit es zur allgemeinen Kenntnis gelangte, denen wir Berichte über diesen wilden Stamm verdanken.
Diese Geschichten fielen mir ein, während ich mich entschloß, sofort zu handeln. Ich wandte mich zu den Führern, verlangte vor den Huary, den Häuptling, gebracht zu werden und wurde nach einer der großen, aber kläglich gebauten Palmstrohhütten gewiesen, die als Gemeinschaftshäuser dienen und hier „Tambos“ heißen. Ein alter Kaschibo mit Bart, Kusma und geschorenem Kopf war gerade damit beschäftigt, ein offenes Geschwür an seinem Vorderarm sorgfältig auszusaugen. Als ich eintrat, hörte er mit dieser Arbeit auf, die ihn ganz in Anspruch zu nehmen schien, erhob sich und stolperte auf die Stelle zu, wo ich ihn erwartete.
Nachdem ich die üblichen Geschenke überreicht hatte, erklärte ich kurz den Zweck meines Besuchs, zu dem er anscheinend seinen Segen erteilte. Wenigstens erhielt ich ein seltsames Rohramulett mit merkwürdigen eingeritzten Zeichnungen. Offenbar war ich nun frei, zu lagern und das Dorf in Augenschein zu nehmen, aber die Speere und Keulen verschwanden nicht aus den gelben Händen ihrer Besitzer.
Die Weiber scheinen, bis sie heiraten oder alt werden, ganz nackt zu gehen, die Männer aber tragen ein einfaches Lendentuch oder ein langes, braunes, ärmelloses Gewand. Als Beförderungsmittel ziehen die Kaschibos augenscheinlich das Floß dem Kanu vor, denn obwohl mehrere Fahrzeuge sich am Ufer, nahe dem Dorf, befanden, schien die Anzahl der Flöße der der Bewohner zu entsprechen.
So häßlich und schmutzig wie die Männer sind die Weiber und Kinder nicht. Ob das an dem Fehlen des ungewaschenen und stets übelriechenden Kusma liegt, ist schwer zu sagen. Aber ich hatte den Eindruck, daß einige dieser blaßfarbigen Weiber und Mädchen zu einem andern Stamm gehörten, der viel kleiner von Statur war als die Kaschibos. Wie dem auch sein mag, jedenfalls waren sie viel mitteilsamer und freundlicher als die Männer, eine Haltung, die ich aus naheliegenden Gründen nicht ermutigen durfte.