Chapter 13 of 18 · 4000 words · ~20 min read

Part 13

Der langsame Kampf gegen die Strömung wäre schrecklich eintönig gewesen, hätte ich nicht von Señor Ramon interessante Auskünfte über die wilden Indianerstämme der Gegend erhalten. Vor mehreren Jahren hatte er am untern Pastazafluß sich um Kautschukkonzessionen umgetan und erzählte mir nun, daß alle die Stämme zwischen dem Westufer des Tigré und dem Ostufer des oberen Santiago zur kannibalischen Huambisanation gehörten, obwohl sie in den wenigen Fällen wirklicher Untersuchungen unter verschiedenen Namen von Unterfamilien bekanntgeworden waren. Die Stämme in den dichten, von den Ufern entfernten Wäldern galten als sehr wild und verräterisch.

[Illustration: Schmuckbemalung der Ocainasweiber.

Die Bemalung wird in Rot, Blau und Schwarz mit weißen Umrissen auf dem matten Bronzegrund der Haut ausgeführt. Die Mieder aus geflochtenem Stroh bedeuten zwar eine Auszeichnung, werden aber hauptsächlich von „Anfängerinnen“ getragen. Die „Wadenstutzen“ bestehen aus klebrigem Kautschuk, Federn, Erde oder Affenhaut.]

[Illustration: Der Schluß des großen Tanzes.

Erst wenn der Tanz vorbei ist, mischen sich die Männer unter die jungen Mädchen.]

Meine Absicht war, vom Endziel der Barkasse aus mit dem Kanu so weit als möglich flußaufwärts vorzustoßen, bis ich mit den Eingeborenen dieser Gegend in Berührung käme. Sie waren als Kopfjäger bekannt und gleichzeitig als Besitzer des Geheimnisses, menschliche Köpfe bis zur Größe einer Orange zu verkleinern, ohne die Gesichtszüge zu zerstören. Ich war mir der großen Schwierigkeiten meines Vorhabens bewußt und zweifelte vom Anfang an an einem glücklichen Gelingen. Aber nichts ist ohne Anstrengung zu erlangen, und die Stämme des Huambisavolkes sind so wenig bekannt, daß selbst ein halber Erfolg schon Erkenntnisse von wissenschaftlichem Wert eintragen mochte. Während ich so überlegte, wußte ich jedoch noch nichts von der bösartigen Natur der betreffenden Stämme noch von der Lage ihrer Dörfer.

Señor Ramon besaß eine Alligatorfarm am Unterlauf des Chimbiri-Yacu, die vollständig von einem Mischling und einigen halbzivilisierten Cocamas betrieben wurde. Bei Hochwasser während der Regenzeit pflegen die riesigen Reptilien flußaufwärts zu ziehen. Kommen sie dann wieder herab, wenn die Gewässer sich von neuem gegen den breiten Marañon zu verlaufen, so werden sie gefangen. Man kann sich kaum vorstellen, wie aufregend der Fang wilder Alligatoren ist. Viele Monate lang braucht man gar nichts zu tun. Wenn dann die Gewässer zu fallen beginnen, werden aus gigantischen Baumstämmen mit Seilen und Flaschenzügen riesige Fallen quer über den Fluß errichtet.

Die Tiere müssen sich daher in einem kleinen, am Ufer ausgehobenen Teich sammeln. Sind sie einmal darin, so gibt’s kein Entkommen mehr. Die ausgewachsenen, vielleicht ein bis zwei Jahrhunderte alten Saurier werden ihrer Häute wegen getötet. Da man sie nicht recht zu gerben versteht, bleiben sie etwas steif und vermögen mit den Häuten der Alligatorfarmen an den Küsten des Karibischen Meeres nicht in Wettbewerb zu treten. Señor Ramon erklärte sich bereit, mir jährlich 5000 Häute zu 25 Schilling das Stück zu verkaufen. Würde man sie durch besseres Gerben weich und geschmeidig machen, so wäre eine Alligatorfarm am entlegenen Amazonenstrom eine äußerst gewinnbringende Unternehmung, solange die Mode für Damenschuhe, Handtaschen und andere Gegenstände aus Krokodilleder Bedarf hat.

Nach dem Abschied von Señor Ramon und der Alligatorfarm überstürzten sich die Schwierigkeiten geradezu. Der Chimbiri-Yacu sieht freundlich und ungefährlich aus, hat aber eine starke Strömung und ist sehr seicht und voll Hindernissen, so daß die Arbeit, sich flußaufwärts zu staken, nicht nur äußerst anstrengend, sondern auch von so geringen Fortschritten begleitet war, daß wir in drei Tagen nur 35 Kilometer von dem Punkt aus zurücklegten, wo wir die Barkasse verlassen hatten. Der Wald war sehr dicht; rechts von uns erschienen verschwommene blaue Hügel.

Am Abend entdeckten wir, daß wir nahe der Mündung eines kleinen Flusses einen falschen Weg eingeschlagen hatten, der auf der Karte Perus den Namen „Urama“ trägt. Es war der letzte Fluß oder Ort mit einem Namen; jenseits liegt ~Terra incognita~. Zuerst bemerkte ich diesen wichtigen Umstand am Nachlassen der Hauptströmung. Dadurch wurde es klar, daß wir nicht nur unsern Fluß verlassen hatten, sondern überhaupt jeden Fluß, der aus höher gelegenem Gelände herkam.

Mit einem Male verbreiterte sich der Fluß und wir sahen, daß wir in einen großen, aber sehr seichten See eingefahren waren. Da wir ihn auf keiner vorhandenen Karte finden konnten, benannte ich diese weite Wasserfläche, die wenigstens 24 Kilometer lang und 8 Kilometer breit war, auf der beigegebenen Karte „See der Seekühe“. Hier erblickte ich zum erstenmal diese unter dem Namen „Manati“ oder Seekuh bekannten seltsamen Süßwasser-Säuger. Sie kommen in vielen amazonischen Stauwasserbecken vor, werden aber von Reisenden, die ihre Lieblingsschlupfwinkel nicht kennen, nur selten gesehen. Die Brasilianer nennen die Seekuh auf portugiesisch „Peixe boi“, die Peruaner auf spanisch „Vaca Marina“. Fast jeder Indianerstamm hat einen eigenen Namen für diesen nützlichen Fisch, der sie mit Öl versorgt.

Der bläulichgraue, glatte Rücken der Seekuh ist oft äußerst schwer von stagnierendem Wasser oder einem schwimmenden Baumstamm zu unterscheiden. Kommt aber der Bauch nach oben, so entdeckt man das Tier leicht an rosa Zeichnungen, die ihm das Aussehen eines Gummiballs verleihen. Die gewöhnliche Länge eines ausgewachsenen Tieres beträgt etwa zwei Meter; sein Maul, von dem es seinen „Familiennamen“ hat, gleicht dem einer Kuh.

Sein Gesichts-, Geruchs- und Gehörsinn ist so fein entwickelt, daß die Eingeborenen behaupten, zur Jagd keines Tieres bedürfe man größerer Geschicklichkeit. Man fängt die Seekuh entweder mit der Harpune oder in starken Netzen, die vor dem Eingang zu ihren Futterplätzen aufgespannt werden. Das Fleisch gilt für recht gut und soll ähnlich wie Schweinefleisch schmecken. Mir selbst jedoch war der Geschmack zuwider. Das merkwürdige Tier hat Flossen, unter der Haut eine dicke Speckschicht und liefert mehrere Gallonen (zu 4½ Liter) Öl, das die Indianer zum Massieren bei verschiedenen krankhaften Schwächezuständen mit anscheinend wunderbarem Erfolg verwenden.

Nachdem wir für die Untersuchung dieses großen Waldsees einen Tag und eine Nacht geopfert hatten, suchten wir wieder den Hauptarm des Chimbiri-Yacu auf und arbeiteten uns zwei Tage gegen die Strömung flußaufwärts. Außer einer verlassenen Strohhütte bekamen wir nur den Dschungel und in weiter Entfernung einige Hügel zu Gesicht. Da wir die Unmöglichkeit einsahen, bei unserm langsamen Vorwärtskommen das Quellgebiet des immer seichter werdenden Flusses in einer vernünftigen Zeit zu erreichen, entschloß ich mich, in einen nicht so schnell dahinströmenden Fluß einzufahren, der auf 4° 10′ südlicher Breite vom Chimbiri-Yacu westlich abzweigt, denn wir waren von den zehntägigen Anstrengungen in der Dampfbadatmosphäre und dem häufigen Eingeweichtwerden von tropischen Regengüssen völlig erschöpft. Dieser Nebenfluß war so seicht, daß das leichte Kanu öfter festsaß als auf dem Wasser schwamm.

Am Morgen des zweiten Tages auf diesem namenlosen Fluß, den ich zu Orientierungszwecken „Indianerflüßchen“ getauft habe, trafen wir auf drei große Gemeinschaftshütten. Sie waren aus Chontapalmholz gebaut und standen am Rande einer Lichtung in geringer Entfernung vom Ufer. Auf dem Fluß lagen zwei Flöße oder Balsas, auf denen sechs Eingeborene mit furchterweckend aussehenden Bogen und Pfeilen standen.

Nachdem wir unsere freundschaftliche Gesinnung durch Zeichen kundgetan hatten, landeten wir bei der kleinen Lichtung. Sofort umgaben uns zwanzig oder dreißig Wilde, die das Eindringen eines Weißen nicht übel aufzunehmen schienen. Mehrere Freunde in Iquitos hatten mich aber vor dem verräterischen Charakter der Indianer dieser Gegend gewarnt und erzählt, wie einsame Prospektoren auf der Suche nach den sagenhaften Schätzen des Amazonenlandes von ihnen behandelt worden waren. Daher beschloß ich vorsichtig zu sein und das Lager unmittelbar am Ufer aufzuschlagen statt in der Nähe der Hütten auf der Lichtung.

[Illustration: Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets.]

Durch Zeichen gab ich zu verstehen, daß wir nur für die eine Nacht hier lagern würden, verteilte einige Geschenke und tat so, als ob ich mich nicht weiter um die Indianer kümmerte, die herumstanden und uns beobachteten. Obwohl ich sehnlichst wünschte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihr Dorf in Augenschein zu nehmen, hielt ich das doch für gefährlich, ohne ihre Absichten erst erkundet zu haben. Wenn man nur zwei halbzivilisierte Eingeborenenboys zu seiner Verteidigung hat, trägt man kein Verlangen, sich in mehr Gefahren zu begeben als unvermeidlich an sich mit jeder Forschungsarbeit verbunden sind.

Während des ganzen Tags zügelte ich meine Ungeduld und beschränkte mich auf gelegentliche pantomimische Bemühungen, den Namen des Stammes herauszubringen. So entdeckte ich, daß er eine Unterabteilung des großen Huambisavolks war und „Anchuales“ hieß. Natürlich verschärfte sich nun mein Wunsch, ihr Leben und ihre Sitten zu untersuchen. Als die Nacht anbrach, saß ich vor meinem Zelt mit dem Rücken gegen den Fluß und den kurzen Winchesterkarabiner geladen und schußbereit in Reichweite. Dann stieg der Mond auf und überflutete die Lichtung mit seinen geheimnisvollen Strahlen. Ostentativ stand ich auf, warf die erst halbgerauchte Zigarre weg und verschwand im Zelt. Einer der Boys hielt draußen Wache.

Auf der Rückseite des Zeltes hatten wir die Leinwand absichtlich nicht befestigt. Ich konnte daher hier unter die Leinwand kriechen und wartete, bis eine Wolke den Mond verdeckte. Als endlich das Ufer für einen Augenblick im dunkeln Schatten lag, glitt ich den steilen Abhang hinab und verbarg mich unter dem Schutzdach im Stern des Kanus. Hier wachte und schlummerte ich abwechselnd, bis es anfing zu dämmern. Als alles ruhig blieb, badete ich und bereitete mich auf den kommenden Tag vor.

Von +einem+ Umstand hatte ich mich durch diese Maßregeln überzeugt: daß kein unmittelbarer Angriff geplant war. Hätten die Indianer vorgehabt, mich zu ermorden oder auszuplündern, so würden sie mich sicher angegriffen haben, kurz nachdem ich mich ins Zelt zurückgezogen hatte, da sie glaubten, ich wolle nur eine Nacht hierbleiben. Dann wäre, abgesehen von den beiden Cocamaboys, der Weg frei gewesen, das kleine Lager zu überfallen.

Durch diese Erwägungen ermutigt, erklärte ich meine Absicht, den Aufenthalt um einen oder zwei Tage zu verlängern, angeblich, um den Kanuboys Gelegenheit zum Ausruhen zu geben, die übrigens diese Nachricht nichts weniger als freudig aufnahmen. Sogleich begann ich nun mit meinen Nachforschungen und nahm mir vor, sofort abzufahren, sobald ich sie zu einem Abschluß gebracht hätte.

15. Die Kopfjäger der Huambisa.

Dieser Huambisastamm hat ein mongolisches Aussehen und scheint weder körperlich noch seiner ganzen sonstigen Beschaffenheit nach kräftig zu sein. Die Durchschnittshöhe der Leute beträgt etwa 1,60 Meter. Sie haben ungewöhnlich lange und dünne Arme und sind nicht völlig nackt wie die Wilden am Tapajóz, Madeira, Aripuanan und andern Flüssen des brasilianischen Amazonengebiets, sondern haben um die Lenden eine Art Leibbinde geschlungen, deren unterer Saum in glänzende Federn ausläuft. Die Weiber tragen von der rechten Schulter herabhängend ein Gewand aus einem Stück. Mit Käferflügeln verzierter Ohrschmuck aus Rohr ist beiden Geschlechtern gemeinsam. Die Männer tragen noch Armringe aus Eidechsenhaut, während sich die Weiber mit Halsketten aus gefärbten Samenkörnern schmücken.

Zur Bemalung des Gesichts, der Arme und des Körpers wird der rote Farbstoff des „Achiote“ oder der blaue einer andern Pflanze benützt, die, wie ich glaube, „Piau“ genannt wird. Einige unverheiratete Mädchen trugen Fußringe aus Rohr. Die auf das Gesicht gemalten Zeichen scheinen die Stammeszugehörigkeit anzuzeigen und ersetzen gewissermaßen den Paß des Weißen, während die Körperbemalungen die Stelle der Tapferkeitsmedaillen auf der Brust des Soldaten oder Seemanns vertreten und somit verraten, daß der Träger sich im Kampf ausgezeichnet hat.

Die Weiber sehen weit besser aus als die Männer. Ihr rabenschwarzes Haar ist vorn kurz geschnitten und hängt frei über den Rücken herab oder wird in Zöpfchen geflochten und um den Kopf gelegt. Einige jüngere Mädchen tragen an der Seite des Kopfes Haarzöpfchen, die unter dem Kinn zusammengeflochten werden, ein häßlicher Brauch, der übrigens bei den Mädchen nicht sehr beliebt zu sein scheint.

Dem Anschein nach ist dieser Stamm sehr sauber. Nachdem man mit Kanupaddeln auf die Oberfläche des Flusses geschlagen hatte, stiegen etwa dreißig Männer, Weiber und Kinder ins Wasser und plätscherten dort lärmend fast eine Stunde lang herum. Der Spektakel hat zweifellos nebenbei auch den Zweck, hungrige Alligatoren in achtungsvoller Entfernung zu halten. Mehrere Indianer hatten eine hellere Hautfarbe, als ich zuerst angenommen hatte. Damals war mir der Grund unbekannt, aber später erfuhr ich, daß sie 1849 einige größere Ansiedlungen überfallen, die Männer ermordet und eine beträchtliche Menge spanischer Mädchen geraubt hatten, von denen man nie wieder etwas hörte. Die wenigen weißen Indianer unter den andern kupferfarbenen sind sicher die Abkömmlinge der unglücklichen Gefangenen.

Die Huambisa jagen und fischen mit Hilfe von Gift. Sie zerstoßen eine gewisse Wurzel, füllen das Mehl in einen Sack und hängen ihn an einer Schnur in den Fluß. Fische, die in die Nähe kommen, werden betäubt und steigen an die Oberfläche, wo sie leicht gespießt werden können. Der Genuß des Fleisches wird durch dieses merkwürdige Narkotikum in keiner Weise beeinträchtigt. Auf ähnliche Art werden Affen, Tapire und Wildschweine mit vergifteten Pfeilen erlegt. Die gebräuchlichen Waffen sind lange, dünne Speere aus Ponaholz, Bogen, Blasrohre und vergiftete Pfeile.

Die Blasrohre der Huambisa sind gewöhnlich etwa 2½ Meter lang. Sie werden aus zwei Hälften verfertigt, die zusammengefügt werden, nachdem man sie sorgfältig ausgehöhlt hat, damit der Pfeil glatt durchfliegt. Am einen Ende befindet sich ein Mundstück. Die beiden Hälften werden mit Gras zusammengebunden, und dann wird das Ganze mit einer Art Gummi überstrichen. Die Blasrohrpfeile sind sehr dünn, scharf und vergiftet. Ein Führungsring am einen Ende wirkt abschließend wie ein Pumpenkolben. Sie werden in einem Köcher getragen, in dem Affenzähne dergestalt angebracht sind, daß die vergifteten Pfeilspitzen sich beim Herausziehen zur Hälfte abspalten. Dies geschieht, damit die Spitze beim Eindringen in die Beute kurz abbricht und nicht infolge des Pfeilgewichts aus der Wunde wieder herausfällt. Der Köcher besteht aus einem Rohrstück, an dem der Behälter mit dem Gift hängt, und wird über der Schulter getragen.

Außer dem Fischen mit Gift erlegen die Huambisa die größeren Flußbewohner einschließlich der Vaca Marina und der Schildkröten durch Pfeile, die sie von ihren über zwei Meter langen Bogen abschießen, welche aus einem harten, braunen, ungeglätteten mahagoniähnlichen Holz verfertigt sind. Die Jagdpfeile haben Spitzen aus Tierzähnen und sind unten mit Federn versehen, damit sie genauer fliegen. Bei der Jagd auf gewisse Fische und auf Schildkröten schießen die Huambisa mit wunderbarer Geschicklichkeit indirekt, so daß der Pfeil senkrecht auf den Fisch oder die Schale der Schildkröte trifft, von der er sonst zurückprallen würde.

Die Hütten dieses Stammes sind aus dem Holz der Chontapalme gebaut und beherbergen etwa zehn Familien. Selten sind sie weniger als etwa 20 Meter lang, bei einer Breite von 12 und einer Höhe von 6 Meter. Im Innern sind Rohrplattformen zum Schlafen längs der Wände angebracht, während sich in der Mitte ein Ring von Feuerstellen, die irdenen Töpfe und Krüge befinden. Da Vielweiberei allgemein üblich ist, für die zweite oder dritte Ehefrau aber keinerlei Schlafgelegenheit vorhanden zu sein scheint, müssen diese unglücklichen Geschöpfe wohl auf der Erde zu Seiten des Ruhebetts ihres Herrn und Gebieters liegen. Ein solches Ruhebett ist eine merkwürdige Einrichtung. Das Rohrgestell reicht nur bis zu den Knien, dann kommt ein leerer Raum, eine Fußstütze und das Feuer. Beim Schlafen liegt der Körper bis zu den Knien auf dem dünnen, elastischen Rohr, und die Füße hängen nicht über, sondern ruhen auf einer besonderen Stütze, an deren Ende unmittelbar das Feuer brennt, um die Sohlen zu wärmen.

Vor einer der Dorfhütten war, etwa 5½ Meter über dem Boden, eine Art Wehrgang aus hohen Palmstämmen errichtet, zu dem ein eingekerbter Baumstamm als Leiter hinaufführte. Wie ein Turm überragte er den Hütteneingang. Sein Zweck ist zweifellos der, das Gemeinschaftshaus gegen einen Überfall benachbarter Stämme zu schützen. Wie ein richtiger Wehrgang war er verschalt, gedeckt und mit Schießscharten für die Pfeile versehen. Von da aus kann man die an dem Zweig eines Baumes aufgehängte „Tunduy“ (in Brasilien Manguaré) erreichen, ein Instrument, das der Sturmglocke entspricht. Es wird mit einer kleinen Keule geschlagen, und sein Klang ist meilenweit in den umliegenden Wäldern zu vernehmen. Unter dem Vorbau, den der Wehrgang bildet, schien der Versammlungsplatz aller Haushühner, Schweine und Hunde zu sein.

Obgleich mehrere Kanus aus ausgehöhlten Baumstämmen vorhanden waren, wird doch als beliebtestes Beförderungsmittel auf dem Fluß das Floß oder die Balsa benutzt. Es ist geradezu wunderbar, welche Reisen auf diesem primitiven Fahrzeug ausgeführt werden. Ganze Familien fahren damit wochenlang auf entfernten und unbekannten Flüssen und Seen umher und nehmen dabei ihre ganze, allerdings nicht große Habe mit.

Feuer machen die Huambisa, indem sie zwei Stöcke aneinanderreiben, wie es bei den Wilden auf der ganzen Welt üblich ist, oder indem sie Steine aufeinanderschlagen und die Funken auf ein kleines Häuflein Holzmehl sprühen lassen, das sie aus dem Kernholz einer an der glühenden Sonne ausgedörrten Palme gewinnen. Während meines Aufenthalts bei dem Stamm sah ich nur einmal, wie man auf die zuletzt genannte Art Feuer zu machen versuchte. Wenn das Feuer einmal im Innern der Hütte brennt, wird es von den Weibern unterhalten, die es nur selten erlöschen lassen.

Männer und Weiber nehmen große Mengen eines höchst berauschenden Getränks zu sich, „Masata“ genannt, das aus der Yukka in einer Weise bereitet wird, die eine kleine Vorstellung von der Gemütsart der Huambisa gibt. Die Yukka wird geschält, dann etwa zehn Minuten lang von den Weibern zerkaut und in einen großen Topf gespien. Unter Zusatz von Wasser läßt man darauf die trübe Masse gären. Nach einiger Zeit wird sie durch ein dickes, handgewebtes Tuch geseit und in beträchtlichen Mengen getrunken. Bei einer Gelegenheit sah ich, wie drei junge Huambisamädchen von dem schmutzigen Gebräu tranken, während sie Yukka kauten, und dann alles zusammen in den zu neuer Mischung bereitstehenden Topf wieder von sich gaben! Ich konnte mir nicht helfen, die ekelhaften Sitten und Gebräuche dieses Stammes mit den reinlicheren Gewohnheiten und Gepflogenheiten anderer Stämme zu vergleichen, mit denen ich zusammengetroffen war. Die bei den Huambisa anscheinend vorherrschenden Krankheiten sind Tuberkulose, Aussatz, Syphilis und Malaria.

Die Mädchen werden im Alter von etwa sechs Jahren verlobt oder eigentlich als Sklavinnen verkauft, wenn sich ihre körperlichen Vorzüge schon mehr oder weniger zeigen. Aber erst mit zwölf oder dreizehn Jahren beginnt das gemeinschaftliche Leben mit ihrem Gatten. Dann sind sie natürlich bereits weiterentwickelt als eine Europäerin von 16 oder 17 Jahren.

Als ich eine kleinere Hütte bemerkte, die etwa dreißig Meter von den großen Gemeinschaftshäusern ablag, erkundigte ich mich nach ihrem Zweck, konnte aber die in Zeichensprache erteilte Auskunft nicht verstehen. Der Häuptling, der einen Helm aus Affenhaut trug, führte mich darauf über die Lichtung zu dem verdeckten Eingang. Das Innere war halbdunkel und von einem beißenden Rauch erfüllt. Ein leises Ächzen drang aus einem Winkel neben dem schwelenden Feuer, und einen Augenblick glaubte ich wirklich, durch meine Wißbegierde in ein Seuchenhaus hineingeraten zu sein.

Bei dem trüben Licht des Feuers konnte ich zwei verschrumpfte, nackte Gestalten erkennen, die auf einer niedern Plattform ausgestreckt lagen. Ihre Gesichtszüge waren aber in der rauchigen Atmosphäre nicht zu unterscheiden. Dann zuckte ich zusammen, denn ich sah, daß ich Leichen vor mir hatte, und daß das Ächzen von den Verwandten ausging, die auf dem Boden kauerten. Die Leichen werden hierhergebracht und auf die Plattform gelegt. Dann ziehen die Zauberdoktoren das Blut aus dem Körper in einer Art und Weise, die hier nicht geschildert werden kann. Das Feuer aus einer chemische Dämpfe entwickelnden Holzart wird angezündet und muß so lange brennen, bis die eingeschrumpften Leichen zu Mumien geworden sind. Dann werden sie mit Rinden bedeckt und unter dem Boden ihrer einstigen Wohnhütten begraben.

Hier war also endlich die geheimnisvolle Totenkammer der Huambisa. Der Boden war hart von geronnenem Blut, das durch ungezählte Jahre aus menschlichen Leibern gezogen worden war. Häufig überfällt dieser wilde Stamm benachbarte Dörfer, raubt Weiber und Mädchen und tötet die Männer. Die Erschlagenen werden enthauptet und die Köpfe im Triumph zurückgeschleppt. Bei der Ankunft im Dorf steckt man sie auf Lanzen, und um sie herum versammelt der Stamm sich zu einer wilden nächtlichen Orgie. Trinken, Schmausen und unsagbare Ausschweifungen währen bis zur Morgendämmerung; dann bringen die Zauberdoktoren die Köpfe in die Totenkammer, und hier vollzieht sich der geheimnisvolle Prozeß ihrer Verkleinerung.

Fast jedes Buch über Reisen und Forschungen im Amazonengebiet enthält eine Schilderung dieses Verfahrens, durch das Menschenköpfe bis auf den Umfang einer kleinen Orange verkleinert werden, ohne daß die Gesichtszüge eine Veränderung erleiden. Fast alle diese Schilderungen weichen in wesentlichen Einzelheiten voneinander ab oder sind für wissenschaftliche Zwecke zu unbestimmt. Es ist sehr zweifelhaft, ob das wirkliche Verfahren jemals von einem Weißen in den letzten Jahren beobachtet worden ist. Man kennt Fälle, daß die +verkleinerten Köpfe von Europäern+ den Weg zu Sammlern gefunden haben, Jahre, nachdem die Tat begangen worden war. Nach meiner eigenen Kenntnis der amazonischen Wilden neige ich zu dem Glauben, daß solcherart das Schicksal jedes Weißen sein würde, der das Verfahren gegen die Wünsche des Stammes ausspäht und dabei ertappt wird. Es mag aber von Interesse sein, wenn ich hier die Art erzähle, die man allgemein für richtig hält. Man läßt die Köpfe mehrere Tage in der Totenkammer, bis sie genügend ausgetrocknet sind, dann werden die Knochen durch das Hinterhaupt und die Schädelöffnung entfernt. Um die Haut zu lösen, werden hierauf heiße Steine eingeführt. Die Lippen formt man über einem Holzstück oder näht sie mit Baumwollfaden zu, worauf die Haut langsam einschrumpft und ausdörrt. Dann wird sie durch die gleiche Räucherung mumifiziert, wie die Leichen der Verstorbenen.

Wie dem nun auch sein mag, ich selbst jedenfalls beanspruche keine ausschließlichen Kenntnisse, weil keiner der Stämme, mit denen ich in Berührung kam, dazu bewogen werden konnte, das Verfahren zu verraten.

Die Indianer, die wissen, daß die Behörden Perus an jedem, der im Besitz eines „gedörrten“ Kopfes getroffen wird, die Todesstrafe vollziehen, scheuen sich natürlich, irgend etwas zuzugeben, und die richtigen Wilden, die in keiner Beziehung zu den Regierungsbeamten und Händlern stehen, betrachten diese schauerlichen Trophäen als ihr wertvollstes Eigentum. Doch erfuhr ich immerhin von diesem Stamm, welche Gefühle den Besitzer eines eingeschrumpften Kopfes beseelen. Es scheint, daß derartige Trophäen entweder an der Hüfte oder rückwärts am Nacken hängend getragen werden, wenn der Krieger in den Kampf zieht, als Warnung des Gegners vor gleichem Schicksal. Im Frieden aber quillt aus dem Bewußtsein, das Haupt des Überwundenen an den Lippen am Gürtel oder Halsband aufgehängt zu haben, ein beständiges Gefühl der Genugtuung, wie nur unbeherrschte Wildheit und der rücksichtsloseste Haß es zu empfinden fähig sind. Man muß dabei bedenken, daß Blutrachen die Hauptursachen der unaufhörlichen Kriege zwischen fast allen wilden Stämmen des entlegenen Innern bilden.

Unter andern grausamen Gebräuchen pflegt dieser Stamm seine Knaben zu peitschen lediglich, um ihre Fähigkeiten in Ausdauer zu prüfen und zu verstärken. Aus demselben Grund werden auch junge Mädchen über einem qualmenden Feuer in einer Hängematte aufgehängt, um die bösen Geister aus ihnen auszutreiben und ihre Kraft beim Aushalten von Qualen zu steigern, ehe sie im Haushalt des Gatten ihren Platz einnehmen. Vor jedem Festmahl nehmen alle Stammesmitglieder starke Brechmittel zu sich, damit sie sich der bevorstehenden Orgie mit größerer Ungebundenheit hingeben können. Die Weiber entfernen alle überflüssigen Haare, indem sie sie um einen kleinen Rohrsplitter winden. Die Geburt machen sie durch schon den Kindern auferlegte Übungen schmerz- und gefahrlos. Sehr dünnes und zerbrechliches Töpferzeug wird von den Weibern in großer Zahl verfertigt ohne andere Hilfsmittel als ein wie eine Mörserkeule geformtes Stück Holz.

Nachdem ich einige Zeit bei den Huambisa zugebracht hatte, hielt ich es für ratsam, wieder nach Iquitos zurückzukehren. Ein Weißer wird mit verhältnismäßiger Sicherheit in freundschaftliche Berührung mit fast jedem wilden Indianerstamm kommen und sich einige Tage bei ihm aufhalten können, vorausgesetzt, daß er über Takt und Unerschrockenheit verfügt. Aber traut er der gastfreundlichen Stimmung und dem Eindruck des Neuen, den sein Erscheinen mit sich gebracht hat, zu lange, so bedeutet das beinahe sicher seinen Tod durch Pfeil, Speer oder Gift. Während der ersten paar Tage bei einem wirklich wilden Stamm bieten die natürliche Neugierde des amazonischen Indianers und sein Argwohn vor jedem menschlichen Wesen einen ziemlich sichern Schutz. Indem er aus seinem eigenen beschränkten Dasein gewissermaßen Schlüsse zieht, äußert er vor allem den Wunsch nach Geschenken und Kenntnissen, die ihm Macht über den eigenen Stamm oder seine Feinde verschaffen. Dann schließt er weiter, daß kein Mensch, der nicht seiner körperlichen Überlegenheit oder magischer Kräfte sicher wäre, sich allein unter einen unbekannten Stamm wagen würde. So ermöglichen diese beiden Hauptcharaktereigenschaften des wirklichen Wilden dem Forscher und Wissenschaftler Untersuchungen anzustellen, die sonst undurchführbar sein würden. Das ist die wahre psychologische Erklärung mancher berühmten von weißen Reisenden vollführten Heldentaten unter den wilden Rassen der Menschheit.

Über die Rückreise nach Iquitos brauche ich nur zu sagen, daß ich sehr früh, noch vor Tag, vom Huambisadorf abfuhr und genug Geschenke zurückließ, um einen verräterischen Versuch zu verhindern, meiner kleinen Expedition flußabwärts zu folgen.

[Illustration: Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöckchen.]

[Illustration: Konibosindianer im Kusma.]

[Illustration: Landungsstelle am oberen Madeira.