Chapter 9 of 18 · 3933 words · ~20 min read

Part 9

Die Fischerboote und Kriegskanus werden aus leichten, ausgehöhlten Bäumen oder aus Rinde gemacht und durch die Hitze des Feuers in Form gebracht. Anscheinend besitzen die Parintintins ein natürliches Zeichentalent. Sie verzieren selbst ihre „Taquaras“ oder Pfeile mit Bildern von Vögeln, Reptilien und wilden Tieren. Mit dieser Waffe erlegen sie Großwild so gut wie Fische und Vögel. Ihre schweren Kriegsspeere und Bogen, wie auch sich selber bei ihren barbarischen Orgien, schmücken sie mit Vogelfedern. Alle Krieger tragen dann Kronen und Gürtel aus glänzenden Federn. Einige lassen die Schwänze von Araras über den Rücken herabhängen, andere, auch Weiber zuweilen, haben Bilder dieser Vögel auf Gesicht und Körper eintatauiert. Bei solchen schauerlichen Festlichkeiten tragen die Weiber breite, lebhaft gefärbte Strohtangas, die von den Ellenbogen bis zu den Lenden reichen.

Die Parintintins verbringen oft Tage fern von ihren Maloccas auf dem Kriegspfad und auf Jagd- und Fischzügen. Zum Fischen bauen sie sogenannte Tapirys an den Ufern der Seen und Igarapés. Sie bestehen aus einer Plattform, die auf Pfählen über dem Wasser errichtet und vor den tropischen Regengüssen durch ein Palmstrohdach geschützt wird. Rund um die Maloccas finden sich an den Bäumen merkwürdige eingeschnitzte Darstellungen von Menschen und Tieren. Sie dienen nicht nur zur Belustigung der zahllosen nackten kleinen Kinder, sondern werden auch als Zielscheiben benützt beim Unterricht im Schießen mit Bogen und Blasrohr, wobei die Krümmung der Bäume das Treffen nicht unerheblich erschwert.

Seltsam und auffallend ist das völlige Fehlen von Bärten und Schnurrbärten bei den alten Männern. Offenbar werden alle Haare gleich entfernt, wenn sie sich auf den Gesichtern der Männer oder dem Körper der Weiber zu zeigen beginnen. Die Sprache der Parintintins scheint zur Sprache des „Tupi“ zu gehören. Sie ist gänzlich verschieden von der Lingoa Geral der alten halbzivilisierten Anwohner am Madeira, ein weiterer Beweis, daß sie weder mit den Weißen noch der Halbzivilisation längs der Hauptflüsse in nähere Berührung gekommen sind. Mit der Guaranisprache hat das Tupi viel Gemeinsames.

Die Pfeilspitzen bestehen aus gehärtetem Holz, das in Gift getaucht wird, oder aus den scharfen Zähnen des Waschbären. Frauen und Kinder tragen Halsketten aus den Zähnen dieses Tiers, des Jaguars und Alligators oder aus Menschenzähnen, die aus den Schädeln im Kampf getöteter Feinde herausgerissen wurden.

Die Parintintins sind sehr abergläubisch wie auch andere amazonische Stämme, sie glauben an gute und böse Licht- und Nachtgeister und können als Mondanbeter bezeichnet werden. Nachts legen sie Früchte und Fleisch auf die Bäume zur Speise für die bösen Geister, damit sie nicht in die Maloccas kommen. Kein Mann darf sich ein Weib nehmen, ehe er nicht ein wildes Tier erlegt hat, dessen Namen er nun sein Leben lang trägt. In der dritten Nacht meines Aufenthalts unter den Parintintins war ich so glücklich, einer ihrer schauerlichen Festlichkeiten beiwohnen zu dürfen, die anscheinend mit ihrer Mondverehrung zusammenhing.

Sie begann mit dem wiederholten Kriegsgeschrei „Ya Taipehe!“, was, wie ich später erfuhr, bedeutet: „Wir sind die Parintintins!“ Auf das unheimliche Geschrei in der Stille der Wälder folgte ein nachahmendes Wehklagen von seiten der Weiber im Schatten der Bäume. Dann begannen die mit Federn prachtvoll geschmückten Tänzer mit ihren langen, mit Büscheln versehenen Speeren in grotesker Weise in die schwarzen Schattenflecke der Bäume oder vor dem Mond vorbeiziehenden Wolken hineinzustechen. Plötzlich aber steckten sie die Speere mit der Spitze nach oben in den Boden der Lichtung, und die ganze wirre Masse der nackten Wilden formierte sich zu einer Linie von Bogenschützen, die nun vorging, zurückwich, einen Kreis bildete und sich in Paare auflöste, während sie unaufhörlich die Gebärden des Schießens machten, schrien und mit den Füßen stampften.

Es war ein barbarisches Schauspiel, das sich auf der kleinen Lichtung vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes abspielte. Ebenso plötzlich ging das kriegerische Bild in eins des Friedens über. Gegen das Mondlicht zu stand nicht mehr eine Linie dunkler Gestalten mit Speeren oder Bogen, sondern eine Reihe von Paaren, die auf Bambusflöten eine seltsame Musik hervorbrachten und den Takt dazu mit den Füßen stampften.

Dann folgte ein Mahl von Affenfleisch, Eidechsen, Farinha und einem seltsam bittern und höchst berauschenden Getränk, das „Embo“ genannt wird. Aus dem denkwürdigen Tanz entwickelte sich eine ebenso unvergeßliche Orgie, an der die Männer, Weiber und selbst die Kinder teilnahmen. Was danach kam, entzieht sich der Beschreibung. Glücklicherweise stand der Mond niedrig über dem Wald, und die Lichtung lag im Schatten. Streit erhob sich, und das Gesicht des einen Beteiligten wurde durch den Schlag eines Steinbeils fast entzweigerissen.

Da ich sah, daß die Sache jeden Augenblick eine schlimme Wendung nehmen konnte, machte ich mir den Schatten der Bäume zunutze, rief meine beiden Boys zu mir und zog mich mit ihnen in eine Bananenpflanzung zurück, von wo wir das Zelt zu übersehen vermochten. Mitternacht war schon vorüber, aber ich wagte weder einzuschlafen, wo ich lag, noch nach dem erleuchteten Zelt zurückzukehren. Vier Stunden lang ging das Schreien, Brüllen und Singen so weiter. Als aber die ersten gelben Streifen am blaßgrünen Himmel erschienen, verstummte jeder Laut, und vom Fieber geschüttelt, begab ich mich ins Zelt und zu meinem Chininvorrat zurück.

Am nächsten Tag war der ganze Stamm mürrisch, verdrießlich und schlechter Laune. Einer oder der andere der jungen Krieger erschien im Zelt und verlangte Geschenke. Dann ließen sie ihre Bogen schwirren und taten so, als zielten sie auf unser Lager. Meine beiden Kanuboys fürchteten sich so, daß sie nicht dazu zu bringen waren, die Nähe des Zelts zu verlassen. An diesem Tag war ich Zeuge einer Begräbniszeremonie. Ob das Opfer bei einem Streit in der verflossenen Nacht getötet worden war, kann ich nicht sagen. Die Leiche wurde aus der Malocca herausgetragen und der Kopf vom Rumpf getrennt. Den Kopf brachte man in die Hütte zurück, der Rumpf aber wurde in den Wald geworfen, um dort von den wilden Tieren oder den geierartigen Urubú abgenagt zu werden.

Früh am Nachmittag des fünften Tages gab es eine Überraschung. Ein Indianermädchen trat aus einer der Hütten und ging über die Lichtung in die Baumwollpflanzung auf der gegenüberliegenden Seite. Im Licht der Sonne erschien ihre Hautfarbe fast weiß. Bei näherer Untersuchung erwies sie sich jedoch als ein stumpfes Gelb, viel heller als die Farbe aller andern Stammesmitglieder, soweit wir sie bisher zu Gesicht bekommen hatten. Auch sie trug kein anderes Kleidungsstück als die kleine Tanga. Aus einer Reihe von Fragen ging hervor, daß die Parintintins sich Sklaven und Frauen auf ihren Raubzügen verschaffen und daß das Mädchen zu einem andern Stamm gehörte, der weit im Süden seinen Wohnsitz hat. Genauere Auskünfte, als daß sie aus dem Süden stamme, konnte ich nicht erlangen.

Eine ähnliche Entdeckung wurde erst kürzlich von einem Beamten des Indianeramts, namens Curt gemacht, der gegenwärtig mit dem Versuch betraut ist, diesen wilden Stamm der Zivilisation näherzubringen.

Da ich einen allzu großen Beitrag zum Festmahl der letzten Nacht gestiftet hatte, erhob sich von neuem die Frage der Ernährung, die an Wichtigkeit nur von der eines sichern Rückzugs aus dem Dorf der Parintintins übertroffen wurde. Ich erkannte ganz klar, daß unser Leben von der täglichen Verteilung von Geschenken abhing. Viele von ihnen wären ja für die Indianer ganz nutzlos gewesen ohne die Anwesenheit jemands, der ihnen den Gebrauch erklärte. Eines Tages weigerte ich mich, weitere Geschenke zu machen, hauptsächlich deshalb, weil wir selber nur noch wenig hatten, selbst von den ursprünglichen Vorräten an Lebensmitteln und Kleidern. Von diesem Augenblick an schlug die Stimmung um, und in ehrlicher Bestürzung gelobte ich eine große Verteilung, falls sie das Zelt und das schwere Gepäck zum Kanu zurückschaffen würden. Vorerst waren sie damit nicht einverstanden. Sie sagten, ich solle bei ihnen bleiben und ihnen im Kampf mit meiner Flinte beistehen.

Das gab eine erwünschte Gelegenheit. In einer Reisetasche war noch eine 5,6 Millimeter kalibrige Sportflinte mit abnehmbarem Kolben verpackt. Als ich ihnen sagte, daß ich ihnen für die Rückbeförderung zum Kanu einen „sprechenden Stock“ geben würde, wurde die Begierde des Häuptlings schließlich so heftig, daß sie einwilligten. Ich fühlte mich nun wesentlich erleichtert. In der Nacht noch suchte ich das wenige Wichtige unter meinen Sachen heraus und packte es zusammen mit einigen Lebensmitteln und Arzneien in meinen Rucksack.

Die Parintintins hielten Wort. Am folgenden Morgen begleitete uns fast der halbe Stamm auf dem Rückweg zum Fluß. Ich bemerkte aber, daß meine beiden Kanuboys außer einem kleinen Pack Lebensmittel nichts trugen. Von diesem Augenblick an wußte ich, daß nur eine Politik der starken Hand uns lebend bis zum Fluß brächte. Der Häuptling, ein verrunzelter alter Krieger mit den dünnen, knochigen Beinen des Beri-Beri-Kranken, verlangte ungefähr halbwegs, ich solle ihm den „sprechenden Stock“ zeigen. Das schlug ich glatt ab und antwortete, daß in meiner Hand alle Stöcke sprächen. Höhnisch nahm er einen dürren Ast auf und überreichte ihn mir. Ich fühlte nach meinem Revolver und feuerte durch meine Rocktasche, während ich den Ast in der andern Hand hielt. Diese einfache List machte Eindruck auf die Parintintins. Und obwohl noch einige saure Gesichter machten und mit ihren Bogen klapperten, geschah nichts weiter, bis wir den Fluß und das Kanu erreichten.

Nachdem wir die Zweige, mit denen das Kanu bedeckt war, entfernt hatten und alles zur Abfahrt fertig war, nahm ich die Vogelflinte aus der Reisetasche und händigte sie dem Häuptling ein. Sogar jetzt, nachdem wir sechs Tage zusammengewesen waren, wollte der mißtrauische alte Indianer sie nicht aus meiner Hand nehmen, sondern bedeutete mir, ihm den Gebrauch zu zeigen. Das tat ich denn auch vor all diesen halbdrohenden Wilden, aber ich trug Sorge, nur Platzpatronen dazulassen, aus denen ich während der letzten Nacht Kugeln und Pulver entfernt hatte. Ins Kanu springend machte ich den Revolver schußbereit. Und es war gut, daß ich das tat, denn kaum tauchten die Ruder in den Fluß, als ein Schauer vergifteter Pfeile überall um uns das Wasser traf. Einer blieb zitternd im Holz des Kanus stecken.

Es war ein kitzliger Augenblick. Moskito verlor den Kopf und paddelte aus aller Kraft, während der andere Boy vor Furcht wie gelähmt schien. Dadurch fuhr das Kanu schief in den Fluß hinaus, statt sich von den Indianern zu entfernen, die längs dem verwachsenen Ufer nicht folgen konnten. Ich feuerte drei Schüsse gegen das Dickicht ab, hinter dem die verräterischen Indianer Deckung gesucht hatten. Ob es nun der Knall war, der den Zauber brach oder ein wohlgezielter Fußtritt -- jedenfalls glitt das Kanu im nächsten Augenblick den Fluß hinab, getrieben von zwei gänzlich verängstigten Boys. Fast zwei Stunden lang paddelten sie so stark sie nur konnten, daß das kleine Fahrzeug über die dunkle, ruhige Wasserfläche hinschoß, in der sich millionenfach die Blätter des Urwalds spiegelten.

Von den ermüdenden Tagen der Rückfahrt in der Dampfbadatmosphäre dieser zentralen Waldregion brauche ich nichts zu erzählen, außer daß wir weder einen Indianer noch eine Malocca zu Gesicht bekamen. Die Parintintins, die das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Marmellos und Gy-Paraná bewohnen, ziehen die entlegenen Wälder, Seen und Igarapés vor. Auch heute sind sie zum größten Teile noch nicht unterworfen, wie aus dem folgenden lebensvollen Bericht hervorgeht, den ich der persönlichen Güte des Señhor J. Gondim vom Indianeramt verdanke. Ich machte seine Bekanntschaft auf späteren Reisen im Amazonengebiet. In diesem Bericht schildert er in allen Einzelheiten die letzten Unternehmungen, die gemacht wurden, mit diesem wilden Stamm der großen Wälder in freundschaftliche Beziehungen zu kommen.

10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden.

„Die Parintintins, die die entlegeneren Wälder des Madeiratals bewohnen, zwischen den Flüssen Marmellos, Maicy und Gy-Paraná, sind erst in allerletzter Zeit in Berührung mit der Zivilisation gekommen. Wie man jetzt weiß, verlegen diese schlauen und äußerst wilden Stämme ihre Maloccas häufig in dem unermeßlichen Gebiet von unbekannten Wäldern, Flüssen und Sümpfen dieses großen Binnenlandes des ewigen Dämmerlichts. Ein- oder zweimal waren zufällig vereinzelte Forscher oder Kautschuksammler auf sie gestoßen, von denen manche angegriffen und ermordet worden waren. Selbst die genaue Lage der Wohnsitze dieser Wilden war ein Geheimnis, und die Grenzen der Zivilisation hatte nur spärliche Kunde von den wenigen Weißen erreicht, die in diese entfernten Gebiete eingedrungen und lebend wieder herausgelangt waren.

Daher mußten erst vorbereitende Forschungen von den Offizieren des Indianeramts ausgeführt werden über weite Gebiete hin, um Beweise für das Dasein der Parintintins in der Form von Kriegspfaden, verlassenen Maloccas und frischen Lagerplätzen zu entdecken, ehe die schwierige und gefährliche Arbeit wirklich in Angriff genommen werden konnte, mit diesen Stämmen in unmittelbare Berührung zu treten.

Der erste Posten des Indianeramts in diesem Gebiet wurde am 24. März 1921 in der Schleife einer großen Flußkrümmung am mittleren Maicy, einem Nebenfluß des Madeira, errichtet. In den umliegenden Wäldern hauste ein starker Stamm von Pirahanindianern (Turas), die seit Jahrhunderten in beständigen Fehden mit ihren nomadischen Nachbarn, den Parintintins, leben. Die Kämpfe zwischen diesen beiden Stämmen finden oft auf dem offenen Fluß statt, wo sie in ihren rohen Kanus aus ausgehöhlten Baumstämmen heftige Angriffe aufeinander machen und sich aus nächster Nähe mit vergifteten Pfeilen überschütten. Jeder Kriegszug von der einen Seite hat einen Rachezug von der andern zur Folge, und so geht der Krieg ewig weiter.

Mit der Gründung der Station am mittleren Maicy schränkten die Pirahans ihre blutigen Kriegszüge gegen die benachbarten Stämme allmählich ein und betreiben nun Jagd und Feldbau mit den Geräten und Werkzeugen, die ihnen von der Station geliefert wurden. Nachdem diese Vorbereitungsarbeit vollführt war, wurde ein neuer Hilfsposten an einem Nebenfluß des Maicy errichtet, dem Maicy-Mirimé. Das kleine Fort mit seiner Palisadenumwallung steht auf einer hohen Uferbank an der Vereinigung des Flusses mit einem Igarapé, namens Novo de Janeiro, etwa neun Tagereisen von der Station am mittleren Maicy. Nach Ankunft der kleinen Garnison richtete der Kommandant sogenannte „Anlockungsposten“ an den Ufern der Igarapés Macacos (Affen) und Traheras und auch längs der Kriegspfade ein, die von den Indianern in der Nachbarschaft begangen zu werden pflegten.

Solche „Anlockungsposten“ bestehen lediglich aus kleinen mit Zinkblech gedeckten Lehmhütten, in die hinein geflochtene Graskörbe, farbenprächtige Kleider, Kessel, Teller, Löffel und andere nützliche Gegenstände gelegt werden. Außerhalb der Hütten befinden sich Wegzeichen, um den Pfad anzuzeigen, der zur Station führt. Auf solche Weise werden die Wilden durch die Geschenke angelockt und allmählich dahin gebracht, sich vor den Palisaden zu Unterhandlungen einzufinden.

Einige Tage nach der Einrichtung dieser „Anlockungsposten“ in den Wäldern fand sich, daß alle dort niedergelegten Geschenke fortgenommen worden waren. Als Gegengeschenke steckten verzierte Pfeile im Boden. Doch hatten die Indianer sich große Mühe gegeben, alle Spuren der Wege zu verwischen, auf denen sie gekommen waren, um zu verhindern, daß man ihnen zu ihren Maloccas folge.

Als wieder neue Geschenke in die Hütten gelegt wurden, ohne daß man den Versuch machte, die Indianer in ihren Dörfern aufzuspüren, faßten die Parintintins allmählich Zutrauen zu der freundschaftlichen Gesinnung der Garnison. Nach wenigen Wochen versuchten sie nicht mehr, die Pfade zu verbergen, auf denen sie kamen und gingen. Als Zeichen der Freundschaft ließen sie in den Lehmhütten Pfeile zurück, geschmückt mit den prächtigen Federn des Schapú (~Cassicus cristatus~), Arara und Mutum, oder auch verschiedene kleine Gegenstände, die sie aus den Zähnen des Waschbären und Jaguars verfertigt hatten.

Die erste wirkliche Begegnung zwischen der Garnison der Station und den Parintintins fand am 24. März 1922 statt. Ein Assistent, Raymundo Baptista, ging in den Wald, um einen der kleinen „Anlockungsposten“ nachzusehen und traf überraschend auf eine Gruppe Indianer, die sich gerade dort befanden. Da er die Unmöglichkeit erkannte, sich im Fall eines Angriffs zu verteidigen, begann er in der Richtung der Station davonzulaufen. Er mußte fast durch den Trupp der Indianer hindurch, die zuerst auch von der Überraschung gelähmt schienen. Aber dies ging schnell vorüber. Sie griffen nach ihren Bogen und sandten mehrere Pfeile dem Flüchtling nach, der jedoch unverletzt die Palisaden erreichte.

Nach diesem Zwischenfall verschwanden die Indianer vollständig für mehrere Wochen. Sie verbargen sich in den fast undurchdringlichen Wäldern, die auf Hunderte von Kilometer die Station umgeben. Zuweilen ließen sich die Töne einer heiligen Bambusflöte hören, auf der sie Vogelrufe nachahmen. Dann erschienen sie plötzlich auf dem andern Ufer des Igarapé, schrien „Pum! Pum! Pum!“ und schossen ganze Schauer von vergifteten Pfeilen auf die Palisaden. Darauf verschwanden sie von neuem für einige Zeit und machten dann einen entschlossenen Angriff auf die Station von einem kleinen Stück Land aus, das weniger als 70 Meter von dem Stacheldrahtverhau der Palisaden entfernt war. Ganze Pfeilsalven flogen herüber, und so oft sich einer von der Garnison sehen ließ, brachen die Indianer in ihr übliches Schlachtgeschrei aus. Einige sprangen ins Wasser des Igarapés mit der offenbaren Absicht, zur Station herüberzuschwimmen, andere verbargen sich zwischen den Zweigen eines großen Baumes, von wo sie das Fort neugierig beobachteten.

Das ging so beinahe ununterbrochen weiter bis zum 8. Mai. Am Morgen dieses Tages hörte Señhor Curt, der Kommandant des Forts, zu seiner Überraschung ein wirres Geschrei von dem Igarapé her. Die Parintintins rückten zum erstenmal gegen die Palisaden vor. Von den starken Holzwänden des Forts geschützt, sah die Besatzung, wie die Wilden den Eingang der Palisadenumwallung erzwangen und vorsichtig mit schußbereitem Bogen in den Hof eindrangen.

Es war ein bedenklicher Augenblick. Auf die Indianer zu schießen, hätte ein Zunichtemachen alles dessen bedeutet, was in den letzten Wochen erreicht worden war. So begnügte sich die Besatzung damit, die Flinten zu zeigen, worauf sich die Indianer wieder aus der Einfriedigung zurückzogen, aber in der Nähe stehenblieben. Der Kommandant trat nun in den Hof hinaus mit mehreren Geschenken in der Hand und rief die Wilden freundlich an. Als er keine Antwort erhielt, ging er ans offene Tor und stellte einen Korb mit Messern, Beilen und einem Bund dicker Schnüre hin, worauf er sich sofort wieder in das Fort zurückbegab.

Die Indianer näherten sich nun dem Tor und setzten sich in Besitz des Korbes samt Inhalt. Sie schleppten ihn an den Igarapé, wo sie sich ihrer Gewohnheit nach in dem üblichen Kriegsgeschrei Luft machten. Dann kletterten sie in die Bäume hinauf und schossen Pfeile ab, die aber vor dem Fort niederfielen. Nach mehreren Minuten ängstlicher Erwartung kehrten drei der Parintintins zurück, hielten sich aber in einer gewissen Entfernung. Sie riefen die Besatzung an und gaben durch Zeichen zu erkennen, daß sie weitere Geschenke wollten, wobei sie das Wort „Akanitara“ (Kopfschmuck) wiederholten.

Einer der drei, ein hellfarbiger Junge von etwa fünfzehn Jahren, zeigte aufs leidenschaftlichste, daß er die versöhnliche Haltung seiner Begleiter mißbilligte. Sein Gesicht bot ein Bild barbarischer Wut. Als er sah, daß einer der Indianer den Federschmuck vom Kopf nahm, um ihn der Besatzung anzubieten, machte er alle Bewegungen des Schießens, obwohl er keine Pfeile bei sich hatte, stampfte mit den Füßen und stieß herausfordernde Rufe aus.

Da die beiden andern Geschenke als Gegengabe für den Kopfschmuck verlangten, trat der Kommandant Curt ans Flußufer, warf einen Korb mit Buschmessern ins Wasser und rief den Indianern zu, ihn zu holen. Einige Minuten standen sie still und zögerten. Dann sprang einer ins seichte Wasser, fischte den Korb heraus und verteilte den Inhalt. Als Gegengeschenk legten sie einen Kopfschmuck aus Federn außerhalb der Palisadenumzäunung auf den Boden und bedeuteten der Besatzung, sie sollte ihn holen. Der Kommandant Curt entgegnete aber, daß er das nicht tun würde, weil noch vor wenigen Minuten Pfeile auf das Fort abgeschossen worden waren.

Die Parintintins gebrauchten nun eine schlaue List, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Sie deuteten ihm an, noch mehr Geschenke zu bringen und fingen inzwischen an zu tanzen und zu singen, während sie ihre Bogen in die Höhe hoben. Einer hatte den Kopfschmuck an seinen langen Bogen gebunden. Zwei andere zu beiden Seiten von ihm stießen ihren Kriegsruf aus, und während alle vier so tanzten mit dem Rücken gegen das Fort, überwachte ein unbewaffneter Fünfter die Bewegungen der Besatzung.

Der Kommandant verließ das Fort und legte die Geschenke auf dem angegebenen Platz nieder. Die Indianer hörten zu tanzen auf und einer von ihnen überschritt den Fluß, um den Korb mit den Geschenken zu holen. Mittlerweile stürzten jedoch andere Indianer, die sich jenseits des Flusses verborgen gehalten hatten, an den Uferrand und schossen zwei Pfeile ab, die glücklicherweise zu kurz gingen. Curt gab jetzt den Indianern zu verstehen, daß er keine Geschenke mehr austeilen würde, aber der Wilde, der den Fluß überschritten hatte, kam nun näher und erklärte durch Zeichen, daß nicht er die Pfeile abgeschossen hätte.

Vier weitere Indianer hatten inzwischen Mut gefaßt, kamen über den Fluß und traten zu ihrem Kameraden im Tor der Station. Der älteste von ihnen nahm die Federkrone vom Kopf und warf sie dem Offizier zu, der sie auffing und als Gegengabe den Indianern zwei Perlenhalsbänder hinhielt. Sie zogen sich aber, „Embombo!“ rufend, zurück, ein Ausdruck, der offenbar von dem Tupiwort abgeleitet ist, das „Spiel“ bedeutet.

Einer der Indianer erkundigte sich, ob die Weißen den „Caiary“ (Madeira) herauf- oder herabgekommen seien und wie der Name ihrer Heimat wäre. Man antwortete ihm, daß die Besatzung den Fluß heraufgekommen wäre und daß ihre Heimat weit entfernt gegen den Aufgang der Sonne zu läge. Ein anderer fragte, ob einer der jungen Männer der Besatzung der Sohn des Kommandanten wäre! Als das verneint und ihm erklärt wurde, daß die Frauen und Kinder in der Ferne zurückgelassen worden seien, schien er überrascht.

Ein paar Tage später kehrten die Parintintins zurück. Diesmal wurden keine Pfeile abgeschossen. Sie kündigten ihre Ankunft mit Geschrei aus dem Wald an und kamen bis dicht an die Palisaden heran. Auf die Frage, ob sie Hunger hätten, machte einer eine komische Gebärde, indem er die Hand in grotesker Weise auf den leeren Magen legte. So wurden also Speisen herbeigeschafft, und Curt kostete von jedem Gericht ein wenig, damit die Indianer sich überzeugten, daß es nicht vergiftet wäre. Einige Minuten lang wollte keiner näher kommen, trotz ihres Hungers. Dann trat ein junger Wilder in vollem Vertrauen heran, und erhielt persönlich die ersehnte Speise.

Curt versuchte, mit ihm unmittelbar ein Gespräch anzuknüpfen, aber der Indianer kehrte mit den Speisen zu den andern zurück, die außerhalb der Palisaden auf ihn warteten. Nachdem sie gegessen, gesungen und getanzt hatten, verschwanden sie wieder im Walde.

Soweit bekannt ist, war dies das erstemal, daß ein Parintintinindianer irgend etwas friedlich und unmittelbar aus der Hand eines Weißen entgegengenommen hatte. Hiernach kamen sie öfters auf die Station, und während die einen geduldig darauf warteten, in den Hof eingelassen zu werden, versuchten andere mit schweren Holzkeulen die Palisaden zu zerstören. Bei solchen Gelegenheiten wurden die mehr kriegerischen Indianer von der Besatzung verwarnt und nur jenen der Eintritt in die Umfriedigung gestattet, die ihre Waffen draußen gelassen hatten.

Von da an streiften die Parintintins um die Station herum, erhielten Geschenke und schenkten dagegen von ihren eigenen Schmuckstücken. Im Anfang waren sie noch scheu, nach ein paar Wochen aber faßten sie Zutrauen und ließen sich mit Hilfe von Zeichen und Zeichnungen in lange Gespräche mit der Besatzung ein. Es war interessant, welche Mühe sie sich gaben, sich durch Zeichen und Tupiwörter verständlich zu machen. Sahen sie, daß jemand sie nicht verstand, so wiederholten sie die Worte und wußten sich pantomimisch recht geschickt auszudrücken.

Einmal erschienen sie in Begleitung ihrer Weiber und führten ihre Stammestänze vor. Sie begannen paarweise, tanzten vor und zurück und stampften mit den Füßen zur Musik von Bambusflöten. Dann wurden die Musikinstrumente beiseitegelegt, und aus dem Tanz entwickelte sich eine Darstellung des Kampfes. Jede Partei ging in einer Linie vor, dann knieten sie sich plötzlich nieder oder warfen sich der Länge nach auf den Boden und vollführten die Bewegungen des Bogen- oder Blasrohrschießens.

Kamen sie zur Station, so war es üblich, die Waffen am Flußufer abzulegen und sich mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen zu nähern, ehe ihnen das Tor der Einfriedigung geöffnet wurde. Häufig geschah es jedoch, daß sich unter den Besuchern ein oder zwei wildere Gesellen befanden, die oft Leute der Besatzung bedrohten. Aber diese verstand es vorzüglich, die Gefahr abzuwenden und die schlimmsten Instinkte der Wilden zu besänftigen. Unter den bisherigen Besuchern befindet sich auch ein Junge von etwa 15 oder 16 Jahren, dessen Hautfarbe viel heller ist als die der übrigen und der auch gänzlich andere Gesichtszüge hat.“