Part 1
Anmerkungen zur Transkription
In dieser Textversion wurden die im Original durch entsprechende typografische Gestaltungen dargestellten Elemente durch folgende Symbole ersetzt: ~S P E R R S C H R I F T~, =Fettdruck= und _Kursivschrift_.
Zusätzliche Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Textes.
Ferienreise
nach
Linz, Salzburg, Kloster Göttweig und Wien.
von
=D. Gustav Klemm=, Königl. Sächs. Hofrath und Oberbibliothekar.
Nebst einer Steindrucktafel.
=Dresden=, Arnoldische Buchhandlung (Verlags-Conto). =1853.=
[Illustration: Siegel zu Ehren von Abt Gottfried von Göttweig und ein Gedenksiegel aus dem Jahr 1729 nach den Wiederaufbau des Klosters Göttweig. Lith u. Druck v. J. Williard, Dresden.]
Vorwort.
Oesterreich ist im Norden von Deutschland ziemlich unbekannt, und es sind über seine Zustände die seltsamsten Ansichten im Gange. Dennoch aber ist Oesterreich eines der herrlichsten und gesegnetsten Lande von Europa, das eine überaus wichtige Rolle in der Culturgeschichte von Deutschland spielt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Charte zeigt uns Oesterreichs wichtige Stellung. Die Alpen, die Karpathen, Erz- und Riesengebirge bilden die geologischen Grundfesten des Reiches. Elbe, Oder und Weichsel entspringen dem österreichischen Boden, und der größte Strom Europas, die Donau, strömt zum großen Theile durch österreichisches Gebiet, während das adriatische Meer seine Ausgangswellen an österreichische Küsten spült.
Nicht minder ist Oesterreich der Heerd einer uralten Civilisation. Bereits 15 Jahre vor Christi Geburt eroberten die Römer die deutschösterreichischen Lande und machten dieselben zur Provinz. Es entstanden an der Donau eine Reihe von Befestigungen zum Schutze gegen die nördlichen Völker und im Inneren des Landes blühende Städte, in denen sich römische Bildung und Gesittung entfaltete. Frühzeitig kam auch das Christenthum in diese Lande. Durch die Völkerwanderung zerfiel diese Cultur in Trümmer, auf denen jedoch bald neues Leben emporwuchs, seitdem Karl der Große die Gränzen jenes Reiches bis an die Raab erweitert. Die Stifter Salzburg, Kremsmünster, Mölk, Göttweig u. s. w., dann der Hof der Babenberger bildeten sich zu Mittelpunkten von Wissenschaft, Kunst und jeglicher Cultur aus, die uns schon im Nibelungenliede geschildert wird. Hier lebten Ulrich von Lichtenstein, der begeisterte Sänger des Frauendienstes, und Herr Conrad Flecke.
Nach dem Aussterben der Babenberger und langwierigem Ringen des deutschen mit dem slavischen und ungarischen Wesen siegte das erstere. Das Erzhaus Habsburg beginnt hier den Mittelpunkt seiner glanzvollen Thätigkeit zu begründen. Es hoben sich die Städte, in Prag und Wien wurden die ersten deutschen Universitäten errichtet, zahlreiche Benedictinerstifte sind Pflanzstätten der Wissenschaft, die durch die Zeiten von Kaiser Maximilian, Ferdinand, Leopold I. und Karl VI. fortwährend treu gepflegt werden. Die zahlreichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Wien, Prag, Grätz, so wie in jeder Provinzialhauptstadt, die vielfachen Bildungsanstalten, wie das polytechnische Institut in Wien, unter den deutschen das älteste, die gelehrten Gesellschaften u. s. w. zeugen von dem regen geistigen Leben, von dem uns nördlichen Nachbarn freilich leider nur zu selten Mittheilung gemacht wird.
Die politische Bedeutung Oesterreichs zeigt ein Blick auf die Geschichte Europas. Oesterreich ist das Gränzland gegen die unruhigen Ungarn. Kaiser Otto II. setzte dorthin Leopold von Babenberg als Markgrafen, mit ganz besonderen Vorrechten und in sehr selbständiger, ja unabhängiger Stellung zum deutschen Reiche. Die Babenberger, wie ~das~ Erzhaus Habsburg, haben stets hier im Osten das deutsche Wesen gegen Slaven, Avaren, Ungarn und Türken beschirmt und deutsche Cultur dorthin verbreitet. Sie waren es, die von den fränkischen, thüringischen und allen westlichen deutschen Ländern die verheerenden Schwärme der Ungarn, Tataren und Türken abhielten und die auch endlich den nicht minder verderblichen Verheerungen der Pest seit dem Ende des 17. Jahrhunderts undurchdringliche Schranken setzten, indem sie die Quarantaine einrichteten. Nicht minder lebhaften Antheil entwickelte aber auch Oesterreich in den blutigen Kämpfen mit den westlichen Nachbarn, namentlich seit Ludwig XIV. In neuester Zeit erwarb es sich den Dank des civilisirten Europa durch den siegreichen Kampf mit der Partei des Umsturzes.
Der Wunsch nun, das für die Culturgeschichte Europas so wichtige, durch seine schönen Gegenden und blühenden Städte, seine künstlerischen und wissenschaftlichen Schätze so interessante Land näher kennen zu lernen, bestimmte mich zu der Reise, deren Eindrücke die nachfolgenden Blätter möglichst unbefangen und schlicht darzustellen den Zweck haben.
~Dresden~, im December 1852. D. =Gustav Klemm=.
Darüber ist, trotz der Verschiedenheit der Ansichten, alle Welt einig, daß eine Reise die beste Erholung von angestrengter Arbeit darbietet und daß der Mensch, nachdem er den Entschluß zu einer Reise gefaßt, auch schon leichteren Sinnes wird. Indem er bereits halb in der Zukunft lebt, übersieht er manche Unbehaglichkeiten des gegenwärtigen Augenblicks. Da werden Bücher und Landkarten beschaut, Freunde und Bekannte befragt, Kalender und Wetterglas berathen und an der Zukunft und der Ferne im Voraus genascht und gekostet.
In gleichem Falle war ich seit dem Ende des Monats Juli. Ich wollte die vierzehnte Versammlung der deutschen Land- und Forstwirthe, welche vom 1. September an in Salzburg stattfinden sollte, besuchen, von da aus aber Ausflüge in die österreichischen Lande unternehmen, welche so reiche Genüsse dem Freunde der Natur, der Kunst und der Alterthümer darbieten.
Gelder, Pässe und die Reisebedürfnisse für mich und den jugendlichen Reisegefährten, meinen Sohn, waren in Ordnung, aber der Himmel, der bis dahin einige Wochen sein Sonnenlicht in schönster Fülle gespendet, begann einen anderen Charakter anzunehmen. Das war nun freilich nicht zu ändern. Der Neumond, am 26. August 1851, trat mit Nebel ein, der am Tage der Abreise, am 28sten, zum Regen sich gestalten wollte. Die Droschke brachte uns nach dem böhmischen Bahnhofe, wo ein Freund uns noch seine besten Wünsche für die Reise mitgab.
Frohen Muthes vernahmen wir endlich das Pfeifen der Locomotive, und fort ging’s in eiligem Fluge durch die Dörfer bis Pirna, wo das Quadersandsteingebirge seine Steilen an die Elbe dicht heranrückt. Bastei, Lilienstein, Königstein, die wohlbekannten Häusergruppen von Schandau, Schmilka und Herniskretscham wurden im Fluge begrüßt und die Gränze der Heimath überschritten.
Bevor man die Gränzstation Bodenbach erreicht, geht der Zug durch zwei in den Sandsteinfelsen getriebene Tunnel. Der sächsische Wagen hält endlich. Kaiserliche Gensdarmen in sauberem grünen Waffenrock mit rosenrothem Kragen verlangen höflich unsere Pässe und händigen uns dafür Empfangscheine ein; Kaiserliche Zollbeamte untersuchen rücksichtsvoll unsere Reisetaschen, während das große Gepäck in den hier harrenden großen Packwagen umgeladen wird, da die Zolluntersuchung desselben erst in Prag Statt finden wird.
Wir haben Zeit, eine Erfrischung einzunehmen und das jenseit der Elbe auf steilem Felsen stattlich hingestellte Schloß Tetschen mit seinen reizenden Umgebungen zu betrachten. Hie und da erscheinen schon einzelne Statuen von Heiligen an Fußsteigen und Wegen, die in ihrer anspruchslosen Ausführung doch zum belebenden Schmuck der Gegend dienen.
Endlich erhielten wir unsere Pässe zurück und nahmen in den böhmischen Wagen unsere Plätze ein. Diese Wagen bilden große salonartige Räume, die auf jeder Seite eine Reihe Doppelsitze haben, zwischen denen ein freier Gang sich hinzieht. Man ist in diesen Wagen weniger beengt, kann zeitweilig stehen und hin- und hergehen.
Der Himmel gestaltete sich mittlerweile günstiger; die Sonne trat aus den Wolken und beleuchtete das schöne Elbthal; wir sahen die Ruine Schreckenstein, freundliche Kirchen mit Doppelthürmen über dem westlichen Eingange. Die Schaffner, in der grünen orange aufgeschlagenen Uniform der Kaiserlichen Post, riefen auf den Stationen die Namen der Orte und die Dauer des Aufenthalts aus. Der Verkehr der Aus- und Einsteigenden war sehr lebhaft, namentlich in Aussig, wo gewaltige Holzvorräthe aufgestapelt waren und ein Dampfschiff am Ufer lag, von welchem aus Musik zu uns herauftönte.
Hinter Aussig wird das Thal erweitert, und die kegelförmigen Bildungen des Mittelgebirges gelangen zur Ansicht. In der Nähe erfreut das fleißig angebaute, blühende Land. Von nun an hörte man von den mittlerweile Eingetretenen böhmische Laute. Gesichtsbildung und Tracht waren jedoch von denen in den sächsischen Städten nicht wesentlich unterschieden. Das deutsche Element herrschte in der äußeren Erscheinung vor; blonde oder braune Haare und blaue Augen begegneten uns noch überall.
Bei Leitmeritz traten schmucke Kaiserliche Officiere an die Wagen, und ein Corporal mit sechs Mann ungarischer Infanterie wurde aufgenommen. Der Conducteur drang darauf, daß die Leute den Ladstock in den Lauf lassen und ihn überzeugen mußten, die Gewehre seien nicht geladen.
Wir hatten mittlerweile mit einem jungen Manne ein Gespräch angeknüpft, der sich uns als Techniker vorstellte, uns über die geognostischen und polytechnischen Verhältnisse des Landes Böhmen freundlichen Aufschluß gab und die Merkwürdigkeiten der Ortschaften uns nannte, an denen wir rastlos vorüberflogen. Endlich zeigte er uns die Thürme von Prag in der Ferne. Bald nach zwei Uhr fuhren wir in den überaus stattlichen Bahnhof von ~Prag~ ein. Unser neuerworbener Freund wies uns in dem Gewirr des Bahnhofes zurecht. Die Kaiserlichen Beamten besorgten mit größter, schonender Artigkeit die Untersuchung des Gepäckes und der Pässe, wofür, wie überall in den Kaiserlich Königlichen Staaten, nicht ein Kreuzer zu bezahlen war.
Nachdem wir im Gasthofe zum Engel durch ein vorzügliches Rostbratel uns aufs Neue gestärkt, auch uns in einem sehr einfachen Bureau Plätze für den Stellwagen nach Bedürfniß gelöset, traten wir mit unserem Techniker die Wanderung durch die sämmtlichen Straßen der Königstadt des Böhmerlandes an. Die Paläste, die öffentlichen Gebäude, die Kirchen, die alterthümlichen gothischen Thürme, aus deren Ecken abermals Pyramiden emporsteigen, geben der Stadt ein sehr würdiges Ansehen. An dem Brückenthurm steht das von unserem Landsmanne Hähnel ausgeführte eherne Denkmal für Kaiser Karl IV., den Gründer der ältesten deutschen Universität. Wir schreiten dann, bereits vom Regen begleitet, über die lange, mit Statuen reich geschmückte Brücke und begeben uns auf die gewaltige zum Hradschin führende Treppe, nachdem wir die polytechnische Anstalt und den Judenmarkt flüchtig berührt. Der Hradschin gehört ohnstreitig zu den imposantesten Gebäuden von Deutschland, obschon die Domkirche allerdings nur ein großartiges Bruchstück ist. Nicht minder interessant ist der Hradschin durch die Aussichten, die er auf die Stadt darbietet. Der Freund geleitete uns darauf nach der Stadt zurück, machte uns auf das Denkmal für Kaiser Ferdinand, die Kettenbrücke und die Kugelspuren von 1848 aufmerksam und verließ uns an unserem Gasthofe.
Der Regen hatte sich mittlerweile ganz behaglich eingerichtet. Allgemach wurden, allerdings erst lange nach der bestimmten Abfahrtstunde, die ~Stellwagen~ in Stand gesetzt, d. h. zunächst wurde das zahlreiche Gepäck auf den Decken derselben zusammengestellt und tüchtig verschnürt. Dann suchten wir Plätze in dem Cabriolet zu gewinnen, und endlich spannte man die Pferde vor. Das Fahrzeug, welchem wir unsere gesunden Gliedmaßen anvertraut hatten, gab Anlaß zu den ergötzlichsten Betrachtungen. Als Genealog menschlicher Kunst- und Gewerberzeugnisse hatte ich so viel sehr bald heraus, daß unser Stellwagen vor geraumer Zeit die Ehre gehabt haben mochte, im Gebrauche der Kaiserlichen Post zu dienen. Die Farbe seines Aeußeren war ohnstreitig gelb; was man an Kleidungsstücken die Nähte nennt, das war an unserem Wagenkasten überaus deutlich sichtbar. An den Stellen, wo die Räder den Kasten zu berühren vermögen, war die Farbe, sowie die darunter gelegene Epidermis, hinweggescheuert; ja diese Stellen zeigten hie und da sogar tiefer eindringende Wunden, die allerdings unheilbar waren. Genauere Aufschlüsse über die Altersverhältnisse des Wagens gewährte jedoch die fortgesetzte vorurtheilsfreie Betrachtung seines Innern, das übrigens auch noch sehr gründliche Belehrung über die Anatomie der Stellwagen im Allgemeinen darbot. An vielen Stellen nämlich fehlte die innere Bekleidung des Gerippes, und an der der Wagentaschen war gar nichts vorhanden. Außerdem fehlten an den Fenstern und Thüren Drücker und Wirbel; sie waren jedoch von unseren Vorgängern durch Bindfaden ersetzt.
Die Peitschen knallten, die Pferde zogen an, und unser mit Menschen vollgepfropftes Fahrzeug rasselte schwankend über das Pflaster durch die Straßen, in denen der Regen die anbrechende Dämmerung vermehrte und förderte. Wir gelangten an die Linien, wo die Passirscheine abgegeben wurden, dann weiter auf die offene Landstraße und überließen uns, sorgfältig in die Mäntel gehüllt, dem Schlummer.
Jetzt fand auch die Fantasie erwünschte Muße, die zahlreichen Bilder der im Laufe des Tages im Fluge aufgenommenen Paläste, Kirchen, Thürme wieder zu erwecken und theilweise weiter auszubilden und noch höher aufzubauen. Auch hinter uns im inneren Heiligthume des Stellwagens hatte sich der Schlaf aller Insassen bemeistert. Nur die Pferde eilten im raschen Trabe auf der trefflichen Straße rastlos fürbas. Vom Himmel aber goß der Regen in Strömen herab.
Gegen Mitternacht fand in einem Dorfe der erste Pferdewechsel statt, der einen Aufenthalt veranlaßte, den wir benutzten, um in der großen, öden Gaststube ein Glas Sliwowitza zu genießen, denn es begann in unserem gegen den Wind schlecht verwahrten Cabriolet unangenehm kalt zu werden. Dann ging es durch die Nacht rasch weiter.
Der durch dicke Wolken hindurchdämmernde Tag zeigte uns ein Land mit Wald und Weide, hie und da mit einer ärmlichen Hütte besetzt. Gegen 6 Uhr wurde in einem Orte, wo männiglich Böhmisch sprach, der Wagen mit einem anderen vertauscht. Bis dahin hatten wir im Vordertheile gesessen; jetzt aber schlüpfte ich mit meinem Sohne in den hinteren Anbau des neugelieferten Wagens, der doch etwas wohnlicher eingerichtet war und genügenden Schutz gegen den Einfluß der Atmosphäre gewährte. Zudem hatten wir den Vortheil, von unserem Sitze aus die hinter uns liegende Gegend zu betrachten. Lange Zeit folgte unserem Wagen ein Knabe, der einen blinden Dudelsackpfeifer leitete. Dieser bemühte sich, uns auf seinem Instrumente ein Morgenständchen zu bringen.
Endlich gelangten wir nach ~Tabor~, einer in den Hussitenkriegen wichtigen Stadt mit tüchtigen Mauern und Thürmen, die das umliegende hügelige Land beherrschen. Wir kamen durch mehrere Dörfer, wo neben ansehnlichen Steinhäusern armselige Lehmhütten mit Strohdächern standen, die mit grünem Moose malerisch überwachsen waren. Ueber den meisten Giebelfenstern sah man Kränze oder Schnüre aus hellrothen Ebereschenbeeren, die, zum Theil mit einem Kreuze verziert, Rosenkränzen nachahmten. Die Frauen zeigten nicht minder die Vorliebe für die rothe Farbe, indem die, welche nicht barfuß gingen, rothe Strümpfe an den Füßen hatten. Uebrigens war die Tracht der Holzschuhe allgemein und bei dem gewaltigen Schmutz in den Straßen der Dörfer überaus zweckmäßig.
Die Mittagrast erfolgte in einem Marktflecken mit böhmischem Namen. Hier erhielten wir abermals einen anderen Wagen, dessen alterthümliche Federn mit kleinen Holzstäben gesteift waren. In Wien erkannte ich, daß dieser Wagen ein ehemaliger Wiener Omnibus gewesen. Hier verließen uns Reisende, und andere, Böhmisch redende Landleute, stiegen ein. Sie verstanden und sprachen jedoch durchweg auch Deutsch, was mit unseren Fuhrleuten nicht immer der Fall war. Die Physiognomieen der Menschen unterschieden sich von den sächsischen auch nicht, ebenso wenig die Tracht des Mittelstandes.
Endlich zeigte sich ~Budweis~ in der Ferne, und wir gelangten nach 5 Uhr in die saubere, ansehnliche Stadt. Der Stellwagen brachte uns durch die belebten Straßen auf den Marktplatz in den Gasthof zu den drei Hahnen, wo wir freundliche Aufnahme fanden.
Nachdem wir die Kleider gewechselt, begannen wir die Wanderung durch die Stadt; der Marktplatz zeigt lauter stattliche, meist drei Gestock hohe Häuser, deren Dächer durch Stirnmauern verdeckt sind, so daß der Fremde meint, er befinde sich in einer Stadt mit flachen, italienischen Dächern. Nächstdem sind am Markt und in den Hauptstraßen sogenannte Lauben an den Häusern, in denen man bei Regen oder Sonnenschein bequem hinschreitet[1]. Mitten auf dem Markte erhebt sich ein stattlicher Brunnen, den vier, eine Muschelschale tragende riesige Gestalten bilden. Das Stadthaus ist ein ansehnliches, reichverziertes Gebäude. In den Lauben der Straßen war viel Verkehr und Leben; man sah Verkäufer von Lebensmitteln und Geräthen, Böhmisch redende, schmucke Mädchen und Frauen, Kaiserliche Infanterie, meist Italiener, mit pechschwarzen Haaren und Augen. Wir erblickten die Dechanei, deren Kirche mit vierzehn _al fresco_ gemalten Stationen umgeben ist, die wie die ganze Stadt nett und sauber gehalten waren. Die Piaristengasse leitete uns zu einer gothischen Kirche. Nicht weit davon stieg hinter modernen Häusern einer jener alten viereckigen Thürme hervor, deren Ecken von kleinen Spitzthürmchen überragt sind. Die Promenaden um die Stadt, zu denen man über die Moldaubrücke gelangt, sind geschmackvoll und wohlgepflegt und kränzen die Festungswerke gar anmuthig. Wir schlenderten bis zum Einbruch der Dunkelheit in den Straßen der Stadt umher, lasen die Schilder der Handwerker und Kaufleute, meist böhmische Namen, freuten uns aber auch der Säulen und Statuen, die nicht sparsam angebracht sind. Budweis wurde im Jahre 1256 von König Ottokar II. gegründet, ist gegenwärtig der Sitz eines Kreisamtes, Bischofs und Gymnasiums und hat, obschon die Einwohnerzahl nicht über 8000 ist, den Charakter einer wohlhabenden, nahrhaften Mittelstadt.
[1] Es ist dies eine Bauart, die auch in Mähren, so wie in Salzburg vorkommt. S. Kohl, Reisen in Rußland u. Polen III. 348, wo die Lauben ebenfalls erscheinen.
Nächstdem ist Budweis der Anfangspunkt der im Jahre 1827 eröffneten Pferdeeisenbahn, die von hier über Linz nach Gmunden am Traunsee führt. Sie ist die erste deutsche Eisenbahn und wurde von dem bekannten Mechaniker Ritter v. Gerstner angelegt. Sie ist die Trägerin eines außerordentlichen Verkehrs. Wir bemühten uns, auf eigene Hand den Bahnhof zu entdecken, fanden in einigen Straßen der Stadt auch in der That das Schienenlager, mußten aber wegen der einbrechenden Dunkelheit unsere Forschungen aufgeben.
Wir kehrten in unseren Gasthof zu den drei Hahnen zurück und setzten uns in der behaglichen Wirthsstube fest, um eine so nützliche als nothwendige Beschäftigung vorzunehmen, die unter dem Namen Abendbrot in der Vertilgung eines vortrefflichen Rostbratels bestand, dem wir als Gesellschaft das berühmte Budweiser Bier folgen ließen, worauf wir uns zeitig zur Ruhe begaben.
Am Morgen des 30. August waren wir schon um vier Uhr zur Abreise bereit und wanderten, nachdem wir die sehr mäßige Zeche bezahlt, unter dem Vortritt des Hausknechtes mit unseren Habseligkeiten über den stattlichen Markt von Budweis. Mitten in der nächsten Straße standen auf den Schienen mehrere saubere, große Wagen mit Glasfenstern, vor deren je zwei ein Pferd vorgespannt war. Die Abwägung des Gepäckes, die Lösung der Fahrscheine war bald bewerkstelligt, und wir nahmen in den bequemen Wagen Platz. Bald nach fünf Uhr bewegte sich der Zug gemächlich vorwärts. Uns gegenüber saß eine ältere Dame mit ihrer so hübschen, als anspruchslosen Tochter, dann ein älteres Ehepaar aus Wien, welches Teplitz besucht hatte. Neben uns nahm eine jener stattlichen kräftigen Gestalten Platz, die unter den Männern von Oberöstreich so häufig sind. Es war ein junger Landmann von blühender Gesichtsfarbe, gefälligen Zügen, braunen Augen und Haaren. Er trug eine schwarze Sammetjacke, kurze gleichfarbige Lederhosen, saubere blaue Strümpfe, Schnürstiefel, ein buntfarbiges Halstuch von Seide, lose um den Hals geschlungen, und einen spitzigen Hut aus grobem schwarzen Filz.
Allgemach entwickelte sich eine gemüthliche Unterhaltung. Die Dame hatte dem Kaiser bereits fünf Söhne als Officiere in das Heer gestellt, die denn auch in den Feldzügen der letztvergangenen Jahre mit Ehre gedient hatten. Der Landmann gestand, daß er in Geschäften in Budweis gewesen, da er auf dem Punkte stehe, seine Schwester zu verheirathen. Bei dieser Gelegenheit kam der Zustand des Landmannes in Oesterreich mehrfach zur Sprache. Er wurde als ein sehr günstiger geschildert. Der Landmann ist im Allgemeinen sehr wohlhabend, der Boden fruchtbar und gut angebaut. Der Landmann hält auf baares Geld und sammelt dasselbe an, so daß sehr bedeutende Summen in seinem Besitze sind. Das Geld hebt er in eisernen Gefäßen auf, die er vergräbt oder einmauert. Es ist mehrfach vorgekommen, daß man bei Abtragung alter Mauern Tausende von Silberthalern gefunden hat. Das geschieht übrigens seit alter Zeit und scheint überhaupt eine Sitte bei dem Landmann durch ganz Deutschland zu seyn, die noch aus den Zeiten herstammt, wo stete Fehden und Kriege jeglichen Besitz unsicher machten.
Mittlerweile begegneten unserem Zuge häufig ganze Reihen von kleinen Wagen, die mit Salz beladen waren und deren je drei von einem Pferde auf der Eisenbahn fortgezogen wurden. Das Salz ist in Fässer gepackt, deren eines je einen Centner enthält und deren 25-30 einen Wagen belasten. Da die Eisenbahn nur ein Gleis hat, so müssen die Züge an den Ausweichestellen auf einander warten. Außer dem Salz werden aber auch andere Güter auf der Bahn befördert, die überhaupt sehr stark benutzt wird und gar bedeutenden Gewinn abwirft. Zwischen Budweis und Linz wird sie neunzehnmal von der Landstraße gekreuzt, die bald über, bald unter ihr hinläuft. Auf den Haltepunkten sah man gewaltige Vorräthe von Salz und Holz, meist in hölzernen Gebäuden aufgestapelt, die von Ställen für die Pferde und Wächter- und Beamtenhäusern umstellt waren.
In der Mittagstunde fand eine längere Rast statt; man setzte sich zum Diner in einem nett eingerichteten Hause, das mitten im Walde gar freundlich gelegen war. Dann aber begann die Fahrt aufs Neue. Die Gegend wurde mehr gebirgisch, die Thäler, an deren Rande die Bahn sich hinzieht, tiefer und steiler.
Es dunkelte bereits, als wir aus der Ferne den glänzenden Spiegel der Donau und sodann die weißen Häuser von ~Linz~ durch das Grün des Waldes schimmern sahen. Die Bahn senkt sich und endet in dem Bahnhof an der nördlichen Seite der Donau. Gensdarmen nehmen die Pässe in Empfang, das Gepäck wird ausgegeben, und wir schreiten über die hölzerne Donaubrücke nah dem Gasthofe zum schwarzen Bock, dessen freundlicher Wirth den ermüdeten Wanderern sorgsame Pflege widmete.
Der Sonntagsmorgen des 1. September versprach einen freundlichen Tag, die Straßen der schönen Stadt Linz glänzten in den Strahlen der Morgensonne, namentlich das goldverzierte Portal des Landhauses, als wir nach dem Bahnhofe schritten und die Wagen bestiegen, die uns nach Gmunden führen sollten. Unsere Reisegesellschaft bestand zumeist aus Landleuten, die in ihrem Sonntagstaate frisch und schmuck sich ausnahmen. Frauen und Mädchen haben Mittel- und Hinterhaupt in ein schwarzseidenes Tuch geschlagen, dessen Zipfel lang auf dem Rücken hinabhängen. Um den Hals tragen sie ein breites, aus mehreren Reihen Silberketten bestehendes Band, das vorn mit einem viereckigen Schilde von Silber geschlossen ist, an dem man meist Granaten, Topase und andere Edelsteine angebracht sieht. Demnächst tragen sie meist Ohrringe aus Gold. Uns gegenüber saß ein junges Mädchen mit feinem, frischen Gesichte, sie trug ein Kleid aus schwarzer Seide und einen Spenser aus gleichfarbigem Sammet. Ihre Bewegungen waren anmuthig und zierlich, eine Eigenschaft, die wir an allen Landleuten dieser Gegend wahrnahmen. Sie schwatzte lustig mit ihren Gefährten; doch wurde es uns schwer, ihren Dialekt zu verstehen.
Mittlerweile wurde unsere Hoffnung auf einen sonnigen Tag durch den kräftigen Regen verwischt, der sich gar bald einstellte und uns nöthigte, die Wagenleder herabzulassen. Der Weg führte in der Ebene vorwärts abwechselnd durch wohlangebautes Land und Fichten- und Kiefernwald. Zunächst wurde in Lambach Halt gemacht. Von dem Bahnhofe aus sahen wir in der Ferne das stattliche Benediktinerstift, das dem Orte seine frühere Berühmtheit gegeben. Es hebt sich mit seiner ansehnlichen weißen Façade und den stattlichen weißen Thürmen kräftig von dem waldigen Hintergrunde ab.
In waldiger Gegend ging es dann vorwärts nach Gmunden hin; bald zeigten sich die hohen Gebirge in der Ferne, der Weg senkte sich, durch die Wipfel der Kiefern glänzte die dunkelgrüne Fläche des Traunsee’s, und der Zug hielt auf dem Bahnhofe von ~Gmunden~ an.
Der Regen hatte nachgelassen, und wir schritten der Traun zu, die unmittelbar vor der alterthümlichen Stadt große Mühlwerke in Bewegung setzt. Wir traten endlich auf den Marktplatz von Gmunden und wurden auf das Freudigste von dem großartigen Anblick überrascht, der sich uns darbot. Der von freundlichen Häusern gebildete Marktplatz stößt mit seiner offnen Südseite an den Traunsee, in den eine Brücke für das Dampfschiff hinausgelegt ist. Der See ist von hohen steilen Felsenwänden begrenzt, unter denen der 6000 Fuß hohe Traunstein sich auszeichnet. Eben zog ein Wetter von unserer Rechten aus den Felsen über den See und verlieh dem Hintergrunde eine tiefviolette Färbung.
Wir standen lange an dem Ufer, das von den bewegten Wellen des See’s in regelmäßigem Versmaße benetzt wurde, und konnten uns von dem unbeschreiblich schönen Anblick kaum losreißen. Das herankommende Dampfschiff erinnerte uns jetzt, der Praxis uns zuzuwenden. Wir begaben uns nach Beendigung der Geschäfte in das Gastzimmer des goldnen Schiffes, wo zahlreiche Reisende von der flinken, sauberen Kellnerin mit Speis’ und Trank sich versorgen ließen. Das gute Geschick verschaffte uns einen Platz an dem Fenster, das uns den prächtigen Anblick des sturmbewegten See’s gewährte.