Part 5
Mittlerweile waren wir ein Stück vorwärts gekommen, und zu unserem freudigen Erstaunen brach sich jetzt die Sonne Bahn durch die Wolken. Ein geistlicher Herr, ein Dechant, bemerkte in höchst gemüthlicher Weise, daß seine Hoffnung auf einen heitern Tag sich wohl erfüllen und seine Wanderung ins Gebirge einen glücklichen Verlauf haben werde. Und in der That, die Sonne räumte diesmal siegreich den Himmel auf, die fernen Berge erglänzten in ihrem Scheine. Der geistliche Herr und der Kreisphysikus gaben uns den Rath, das gute Wetter zu einem weiteren Ausfluge zu benutzen und wenigstens bis Golling mitzufahren. Wir waren dazu leicht bewegt.
Unsere Reisekollegen machten uns nun auf die interessanten Punkte, an denen wir vorüber kamen, aufmerksam, nannten uns die Namen der Ortschaften und Berge und erwiesen sich als ebenso freundliche als wohlunterrichtete Männer. Wir tauschten Notizen über den Süden und den Norden aus. Die Rede kam auch auf den Mangel an baarem Gelde, der jetzt in den österreichischen Landen so manche Verlegenheit und Klage herbeiführt. Ich sprach meine Ueberzeugung aus, daß ein Staat von dem Umfange des Kaiserreichs, dem so ungeheuere, ja zur Zeit noch unermessene Hilfsmittel zu Gebote stehen, der auch in den letztvergangenen Jahren so Außerordentliches geleistet, über eine derartige zeitweilige Verlegenheit gar bald hinwegkommen werde. Ich erinnerte an den sicher begründeten Wohlstand des österreichischen Landmannes, die noch unaufgeschlossenen Schätze Ungarns und Kroatiens, und auch an das alte Emblem des Reiches: _A. E. I. O. U. Austriae est Imperium orbis universi_, alles Erdreich ist Oesterreich unterthan; _Aquila Electa Justo Omnia Vincit_, aller Ehren ist Oesterreich voll. Auch von diesen Männern vernahmen wir das Lob des Erzherzogs Johann, dem das Hochland soviel verdankt.
Mittlerweile gelangten wir nach dem Städtchen ~Hallein~, wo im Gasthofe zum grünen Baum angehalten und ausgestiegen, auch der Wagen gewechselt wurde. In der gewölbten Gaststube war unter einem Glaskasten das niedlich gearbeitete Modell eines vierspännigen Frachtwagens frei von der Decke schwebend aufgehängt. Dem Gasthofe gegenüber war eine Schmiede, wo zwei gewaltigen Pinzgauer Rossen namhafte Quantitäten Blut abgezapft wurden. Auf meine Frage erklärte mir der Kreisphysikus, daß man im ganzen Gebirge den Pferden alljährlich drei- bis viermal zur Ader lasse und der Ansicht sey, eine Unterlassung dieser Maßregel habe unfehlbar Krankheit und Tod der Thiere zur Folge. Er selbst, hier nicht heimisch, habe sich vergebens diesem Verfahren widersetzt. Jedoch sey es allerdings möglich, daß die Sitte ihren Grund in der Erfahrung habe, und daß die überaus saftigen und würzreichen Kräuter des Gebirges in den Thieren eine Ueberfülle von Säften erzeugen, welcher auf diese Art abgeholfen werde.
Wir stiegen nun in den Wagen und fuhren in dem Thale der Salzach weiter durch eine köstliche, reich angebaute Gegend. Bei dem Dorfe Kuchel treten die Berge näher zusammen, und bei Golling scheint sich das ganze Thal zu schließen. Hier stiegen wir ab und nahmen in der Gaststube der K. K. Post ein Frühstück ein, um uns zu der Fußwanderung nach dem Paß Lueg zu stärken. Wir fanden hier den Bergverwalter des Kupferwerkes von Mühlbach, der uns interessante Mittheilungen über die dort gefundenen vorrömischen, bergmännischen Alterthümer machte. Man fand einen Schlägel aus Granit von etwa 5 Zoll Länge, in der Mitte für den Stiel durchbohrt, und einen vierkantigen Keil aus Bronze. Das Werk ist sehr ergiebig. Leider war es uns unmöglich, der freundlichen Einladung des neuen Bekannten Folge zu leisten und ihn in dem Gebirge zu besuchen.
Wir machten uns nun auf den Weg nach ~den Oefen~, welcher in dem sich immer mehr verengenden Thale hinzieht und allgemach bergan steigt. Nicht weit von dem Ziele fanden wir einen blinden Mann am Wege, der uns seinen fünfjährigen Sohn als Führer anbot. Wir folgten dem munteren Knaben, der mit der Behendigkeit einer Meerkatze uns den schmalen Nebenpfad vorauslief, bald auf dem Kopfe stand, bald Räder schlug und sonst allerlei Possen trieb. Sein Dialekt war uns jedoch kaum verständlich.
Wir vernahmen jetzt ein donnerartiges Gebrause, welches uns die Nähe der sogenannten Oefen verkündete, und standen bald zwischen engen Felsen, unter denen in namhafter Tiefe die hellgrüne Fluth der Salzach sich schäumend hindurchwürgte. Das Wasser hat hier das Gebirge mit allmäliger Gewalt durchbrochen, indem es die weicheren Theile der Felsen ausgewaschen, wie man deutlich an mehreren Stellen beobachten kann. Das Ganze bietet mit der überaus üppigen Vegetation einen wildromantischen Anblick dar, und wir stiegen so lange in den Felsenklüften umher, bis andere nachkommende Reisende unsere Einsamkeit störten. Es sind aber derartige heilige Werkstätten der Natur für mich niemals in größerer Gesellschaft genießbar gewesen.
Wir folgten nun unserem Führer, der seine Possen aufs Neue begann, bergaufwärts und gelangten so auf einen Punkt, der eine prachtvolle Ansicht des berühmten ~Passes Lueg~ darbietet. Das Thal verengt sich hier noch mehr, und daselbst ist denn auch, hoch über der Straße, ein Blockhaus angebracht. Von hier senkt sich die Straße, die nach Werfen führt.
An den Felsen der Oefen hatten wir ebenfalls den Namen _KYSELACK_, den wir auch bei Ischl bemerkt, gefunden.
Wir wandten uns nun in Gesellschaft der Reisenden zum Rückweg, nachdem wir Blumen aus diesem südlichsten Punkte unserer Wanderung gesammelt hatten. Namentlich erfreuten uns die prachtvoll blau blühenden Genzianen von bisher nicht gesehener Größe. Unseren possirlichen Führer stellten wir wohlbehalten seinem Vater wieder zu.
Da bis zur Abfahrt des Stellwagens nach Hallein noch Zeit übrig war, so schlenderten wir im Dorfe ~Golling~ umher, dessen breite Gasse von gar stattlichen Häusern mit gewaltigen Holzdächern gebildet wird. Wir lasen die Inschriften an den Häusern, betrachteten die eigenthümlichen Anstalten an den Wagner- und Schmiedehäusern, welche die Leute uns bereitwillig erklärten. In der Gegend ist es Sitte, anstatt der Wetterfahnen große aus Blech geschnittene Pfauen auf den Giebeln der Häuser anzubringen. In der Tracht der Landleute bemerkt man, daß die langen Pantalons an die Stelle der kurzen Lederhosen treten; übrigens finden sich hier noch die kurze dunkle Jacke, der breitkrämpige spitze Hut mit Blumen, Quaste oder Gemsbart und das bunte, lose um den Hals geschlungene Halstuch von Seide.
Jetzt kam der Stellwagen, wir stiegen mit mehreren Landleuten ein und rollten auf der trefflichen Straße dem anmuthigen Dorfe ~Kuchel~ entgegen. Hier stieg ein Landmann ein, der alsbald durch seine fröhliche Laune seine anwesenden und auf der Straße vorübergehenden Landsleute, worunter eine nette junge Frau, belebte.
Hinter uns lag im Abendscheine das herrliche Gebirge, dessen schneebedeckte Gipfel weiß herüberglänzten, vor uns der näher herantretende bewaldete Bergzug, aus welchem hie und da obeliskenartige Felsen grauweiß emporragen. Zur Seite strömte die Salzach, die als Holzflöße benutzt wird. Vor Hallein ist ein sehr umfangreicher Rechen angebracht, der durch mehrere Brücken verbunden ist. Auch sieht man große Holzvorräthe aufgestapelt, da die Siedereien täglich mehrere Klaftern Holz in Anspruch nehmen.
Das Städtchen ~Hallein~ nimmt sich aus der Ferne gar malerisch aus, da es sich an dem linken Ufer der Salzach den Berg hinanzieht. Die weißen Dämpfe der Siedehäuser steigen über die Dächer empor.
Der Wagen hielt abermals vor dem stattlichen Gasthofe zum grünen Baume, und die Frau Wirthin empfing uns mit österreichischer Herzlichkeit, wie alte Bekannte, obschon wir am Morgen nur wenige Worte mit ihr gewechselt hatten. Es war eine überaus saubere, nette Frau von ansehnlichem Umfange, aber äußerst anständigen und graciösen Bewegungen. Ihr fast antikes Gesicht hatte die zarte Farbe von Milch und Blut, aus den blauen Augen sprachen klarer Verstand und ruhige Umsicht. Im Hause sah man sie überall früh und spät. Sie war aufmerksam auf Alles, sah überall selbst nach, ohne Rast und ohne Hast. Sie führte uns über die neuen, reinlichen Treppen in das zweite Gestock, wo sie uns ein Zimmer mit zwei sauberen Betten anwies. Der Gasthof war im vorigen Jahre zur Hälfte abgebrannt. Sie klagte nicht darüber, erzählte aber, daß der Neubau ihr an 10,000 Gulden gekostet. Indeß freute sie sich dieses Neubaues und führte uns, da wir Interesse an der Sache zu erkennen gaben, darin umher, zeigte mit Behagen die neuen Zimmer und Räumlichkeiten und erklärte uns den Plan des Ganzen. Wir bestellten uns nun zunächst ein Abendbrot und erhielten gar bald eine jener österreichischen Suppen, deren Oberfläche mit Scheiben von Salami geschmückt ist und die so nahrhaft als wohlschmeckend sind. Dann folgte ein saftiges Rostbratl, dem als munterer Begleiter ein milder Grinzinger beigegeben war.
Nachdem wir nach Kräften unsere Pflicht der Ernährung erfüllt zu haben glaubten, begaben wir uns herunter und wanderten in den Gassen der Stadt umher, traten auch in eines der Siedehäuser, wo das Salz in großen offenen Pfannen bearbeitet wird. Ich ergötzte mich an den seltsamen Lichtern, die aus den Feuerstätten fantastisch in die abenteuerlichen Räume streiften. Wir gingen dann nach der Salzach und betrachteten den großartigen Rechen näher. Es ist ein überaus ausgedehntes Werk, umgeben von geräumigen, zur Aufschichtung der Holzvorräthe nothwendigen Plätzen, Wächterhäusern und Schoppen, wo die Hölzer geduldig ihrer Verklärung durch die Flamme harren müssen. Wir stiegen ungehindert in den Stegen und Brücken umher und freuten uns des tosenden Wehres, wo die Salzach ihre schäumenden Fluthen hinabgoß. Diese zusammengeschichteten Holzscheite kommen mir immer wie die in den Canzleien und Expeditionen des modernen christlichen Westeuropa zusammengepferchten Staatsdiener vor, die auf Avancement dienen. Man zieht einen nach dem andern, je nach der Anciennetät, heraus und legt ihn auf einen anderen Haufen zu anderen, bis auch sein Tag gekommen.
Wir wandten uns zur Stadt zurück und gingen bei einem blumenbekränzten Madonnenbilde vorüber, an welchem bereits die Lampe angezündet war. Unsere freundliche Wirthin hatte uns gesagt, daß heute der Bergmeister, der weiter befördert worden, von den Knappen mit einem Fackelzuge werde begrüßt werden. Wir vernahmen auch, als wir eben den hochgelegenen Kirchhof verlassen, aus der Ferne Musik und die große Trommel. An den Straßenecken gruppirten sich die Menschen. Die Musik kam näher, rother Schein beleuchtete die entfernten Häuser, und der Bergaufzug bewegte sich heran. Es mochten ungefähr 150 Mann sein, die sich von den sächsischen Bergleuten dadurch unterscheiden, daß ihre Kleider weiß sind. Sonst tragen sie einen schwarzen Schachthut, das Bergleder und die Blende. Es waren meist große Männer von etwas gebückter Haltung. Der Zug bewegte sich über die Salzachbrücke am Ufer entlang. Meinen Sohn erkannten die Knappen bald als Collegen und drückten ihm die Hand. Vor der Wohnung des scheidenden Beamten wurde Halt gemacht und ein Glückauf gerufen, worauf er einige herzliche Worte des Dankes sprach.
Wir waren indeß von den Fahrten und Erlebnissen des heutigen Tages ermüdet und kehrten daher nach unserem grünen Baume zurück, wo wir in den reinlichen, ja zierlichen Betten unsere müden Glieder der behaglichen Ruhe übergaben.
Sonntag, den 7. September, weckte uns die rastlose Wirthin bei guter früher Tageszeit und stellte uns einen Führer auf den ~Dürrenberg~. Wir stiegen rüstig, diesmal aber bei bedecktem Himmel, durch die Straßen aufwärts. Es begegneten uns viel geschmückte Leute, die sich zur Kirche begaben. Allgemach ward der Weg steiler, die Aussicht aber über Stadt und Land immer umfassender. Wer jedoch heute hinaufsah in das Salzachthal, erblickte da, wo gestern die dunkelvioletten Gebirge mit den schneebedeckten Häuptern standen, nur eine dicke, schwerfällige Wolkenmasse, die sich sogar der näher gelegenen Berge bemächtigt hatte. Auch an diesem Wege waren Kreuze und Heiligenbilder errichtet, welche die Landschaften katholischer Gebiete so sehr beleben und dem einsamen Wanderer sagen, daß es hier Menschen giebt, die von den Gefühlen des Dankes und der Verehrung noch erfüllt sind und der Aeußerung derselben sich nicht schämen.
Endlich waren wir an der Höhe -- über uns stand das Kirchlein, vor uns das anspruchlose Gebäude der K. K. Grubenanstalt, nebst den Wohnungen des aufsichtführenden Personals. Der Steiger war schon anwesend, ein langer, rüstiger Mann, dem wir unser Empfehlungschreiben übergaben. Die Thür der Grubenanstalt wurde geöffnet, und wir traten in einen Saal, in dessen Mitte ein Crucifix errichtet war. Wir schrieben unsere Namen in das Fremdenbuch und betrachteten das Gezähe. Dann brachte man das Fahrzeug herbei, bestehend in einem Paar aus dickem weißen Zwillich gemachten Beinkleidern mit einem Zug um den Leib und Bändern um die Knöchel und einem Kittel aus gleichem Stoff. Wir zogen diese Kleider über Hosen und Rock, so daß wir an Umfang gar beträchtlich gewannen. Hierauf schnallte man uns das Bergleder um und gab uns eine kleine Fahrkappe aus schwarzem Tuch mit weißer Einfassung. Für die rechte Hand empfing Jeder einen tüchtigen, ledernen Fausthandschuh. Wir mußten uns gegenseitig anlachen, wenn Einer den Anderen in diesem Costüme erblickte, welches jede Spur von Taille vernichtet, übrigens aber ganz zweckmäßig ist.
Nachdem wir also zur Einfahrt hergerichtet waren, führte man uns durch das Grubengebäude herab an das Mundloch des im Jahre 1450 eröffneten Obersteinbergstolln, der 480 Klaftern in den Berg hinein getrieben ist. Der Stolln ist sauber ausgemauert, das Tretwerk zwei Fuß breit, und an den Seiten befinden sich zwei Röhrenleitungen. Wir erhielten hier Jeder einen Handleuchter mit angezündetem Lichte und schritten nun in Gottes Namen vorwärts. Ich war noch niemals im Inneren eines Bergwerkes gewesen, und mir war daher hier Alles neu, was ich sah, während mein Sohn auf heimischem Gebiete sich befand. Es ging nun eine Weile ganz gerade in dem gemauerten Stolln vorwärts, dann aber begann die Zimmerung, die überaus splendid und massiv ist. Unser Führer geleitete uns in einige abzweigende Nebenstolln, wo er auf die Art des Abbaues des Lettens, die Werkzeuge und was dazu gehört, aufmerksam machte. Die salzhaltigen Letten darbietenden Partieen werden zu sogenannten Wehren eingerichtet, Wasser hineingeleitet und damit angefüllt. Hat sich dann das Wasser zu 23 Procent damit gesättigt, so wird es in den vorhandenen Röhren als Soole in die Kessel der Siedehäuser geleitet und dort versotten. An der einen Stelle machte uns der Steiger die interessante Mittheilung, daß hier vor einiger Zeit eine, die Decke bildende Masse Letten herabgestürzt sey. Wir kehrten nach dem Hauptstolln zurück und gelangten nach einiger Zeit an einen schrägabfallenden Schacht, aus welchem zwei dicke runde Balken in etwa 1½ Fuß Entfernung parallel hervorragten. Mit der ihm eigenthümlichen Ruhe erklärte der Steiger, daß man sich mit gespreizten Beinen hierauf zu setzen und mit der Rechten den Strick zu erfassen habe, um in ein tiefer gelegenes Stockwerk rutschweise zu gelangen. Ohne unsere Ansicht über diese Art des Fortkommens abzuwarten, setzte er sich auf diese sogenannte Rolle, mein Sohn that ein Gleiches, und ich konnte nichts Besseres thun, als dem Beispiele der beiden Bergleute folgen. Die Fahrt ging 24 Klaftern abwärts ganz vortrefflich von statten; man kann durch Vorlegen oder Rückwärtsbeugen des Körpers die Schnelligkeit nach Belieben beschleunigen oder hemmen.
Unten angekommen machte uns der Steiger auf eine gangartige Spalte im Berge aufmerksam, welche der Ueberrest einer ehemaligen Schachtrichtstrecke ist, die durch den Druck der Masse sich verengert hat und allmälig ganz schließen wird. In Folge dieser Eigenthümlichkeit hat man denn auch im Berge nicht allein mehrere menschliche Leichname, namentlich in den Jahren 1573 und 1616, sondern auch mehrfache Werkzeuge aus Bronze, Frameen, die dazu gehörigen Stiele, Stücken von Leder, Gewebe, Schaufeln aus Holz und dergleichen mehr gefunden. Wir gelangten darauf, den Stolln beschreitend, zu einer Stelle, wo das reine Steinsalz gebrochen wird, das meist eine schöne goldgelbe, röthliche oder amethystblaue Farbe zeigt. Wir passirten sodann zwei kürzere Rollen und gelangten darauf an die vierte, an deren Ende uns ein überraschender Anblick erwartete. Wir sahen vor uns einen dunkeln Wasserspiegel, der am Rande ringsum strahlende Lichter wiedergab. Es ist dies der sogenannte ~unterirdische See~ von 48 Klaftern Länge und 30 Klaftern Breite. Der Anblick ist um so eigenthümlicher und großartiger, als die von dem Dunkel verwöhnten und geirrten Augen den Maßstab für die Entfernung verloren haben. Unser Steiger lud uns ein, das am Ufer stehende, mit Bänken und Lehne versehene Floß zu besteigen und uns zu setzen. Er selbst mußte seiner ansehnlichen Länge wegen eine gebückte Stellung einnehmen, denn über dem Wasserspiegel lagerte kaum in fünf Fuß Höhe die graue Decke, ein Umstand, der ein allerdings drückendes, unbehagliches Gefühl erzeugt. Langsam, von unsichtbarer Macht gezogen, bewegte sich das Fahrzeug über das stille dunkele Wasser, die kleinen Flämmchen am jenseitigen Ufer näherten sich, und wir betraten wiederum festen Boden. Der Stolln nimmt von hier an eine abwärtsgehende Richtung. Wir gelangten über Stiegen zu einem freien Platze, auf welchem mehrere aus Marmor gearbeitete Denkmale für den heiligen Rupert und Sigismund und eins auf den im Jahre 1807 stattgefundenen Besuch des Kaisers Franz I. aufgestellt sind. In einem besonderen Cabinete ist eine Sammlung der hiesigen Bergerzeugnisse, natürlich nur in Prachtexemplaren, aufgestellt. Auch werden hier mehrere vorrömische hölzerne Axthelme und Schaufeln von sehr kleinem Umfange, dann auch Leder- und Gewebebruchstücke aufbewahrt, die in dem Salzwerke allgemach aufgefunden wurden.
Wir begaben uns nunmehr auf die fünfte oder Wolf-Dietrich-Rolle, welche 40 Klaftern hinabgeht. In der Mitte der Fahrt trat eine Unterbrechung ein; ich blieb nämlich sitzen und konnte trotz alles Rutschens und Arbeitens nicht vom Flecke kommen. Ein Blick auf meine unter mir befindlichen Vorfahren gab mir den Trost, daß es ihnen auch nicht besser gehe. Wir arbeiteten indessen unverdrossen darauf los und saßen endlich doch glücklich auf dem Boden.
Wir stiegen nun abwärts, bis wir an den im Jahre 1596 von dem Erzbischof Wolf Dietrich in den Kalkfelsen eingehauenen Stolln kamen. Hier stand ein langer Wagen, auf welchen wir uns rittlings setzten. Es galt, eine Strecke von 1041 Klaftern bis zum Tageslicht zurückzulegen. Vor den Wagen spannte sich ein stämmiger Bursche, ein anderer schob von hinten. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und es ging nun in scharfem Trabe vorwärts. Da jedoch der Stolln kaum 4 Fuß breit, so ist es rathsam, fein still und ruhig zu sitzen, Elbogen und Kniee am Leibe zu halten und den Kopf nicht seitwärts abzubeugen, indem sonst die Nase an dem Gestein etwas beschädigt werden dürfte. Der Zugwind löschte bald die Lichter aus, so daß nur die vorn angebrachte Laterne noch das glitzernde Gestein der Wände nothdürftig beleuchtete. Hie und da sind Ausweichestellen, wo der Stolln erweitert ist. Nachdem wir 641 Klaftern zurückgelegt, ward gehalten, und der Steiger machte uns auf einen in der Finsterniß vor uns befindlichen Lichtpunkt aufmerksam. Es war das in einer Entfernung von 400 Klaftern, d. h. 2400 Fuß sich andeutende Tageslicht am Mundloch. Die Laterne war bereits vorher erloschen und störte uns nicht in der Betrachtung dieser interessanten Erscheinung. Allgemach drang nun das Tageslicht immer kräftiger ein, so daß ich den Kopf und die Schultern des karrenziehenden Knappen sehen konnte. Endlich fuhren wir zu Tage, saßen ab und begaben uns in das Grubengebäude, wo wir unsere Mützen und anderen Dinge wiederfanden. Hier zeigte man uns noch ein sinnreich gearbeitetes Modell des Berges, dessen Schachte und Stolln durch buntgefärbte Drähte angedeutet waren.
Wir drückten nun dem braven Steiger unsere Dankbarkeit aus und verließen, nachdem wir auch die Knappen bedacht, den Dürrenberg, überaus befriedigt von dem belehrenden und erfreuenden Inhalte desselben. Gemächlich stiegen wir zur Stadt hinab, betrachteten den an Denkmalen reichen, wohlgepflegten Kirchhof und traten auch einen Augenblick in die Kirche.
Wir kehrten in den Gasthof zurück, an dessen Thür uns die Frau Wirthin empfing, die uns einen Nürnberger Thaler zeigte, den sie soeben angekauft hatte. Wir drückten unseren Wunsch nach einem Frühstück aus, begaben uns in das Zimmer, ordneten die Reisefrüchte und wanderten, nachdem wir einige Wiener Würstl zu uns genommen, unter den Segenswünschen der Wirthsleute zum Thore hinaus.
Es war ein trüber, doch regenfreier Tag, die Straße trocken und daher ganz geeignet zu einer Fußwanderung. Freilich hatten die waldigen Berge zur Linken der Straße ihr dunkeles Grün mit ziehenden, zähen Wolkenschleiern verhangen. Uns ergötzten indessen die stattlichen Häuser, deren mit gewaltigen, weit hervorragenden Holzdächern versehene Giebel auf die Straße gewendet sind. Doch fanden wir auch schon hier eine moderne Bauart sich Bahn brechen, die dem malerischen Ansehen der Gegend durchaus nicht zum Gewinn gereicht. Desto mehr erfreuten uns die mannichfaltigen, zur Seite der Straße aufgebauten kleinen Kapellen, in denen zum Theil recht saubere, wenn auch nicht auf höheren Kunstwerth Anspruch machende Darstellungen angebracht waren. Die schönste dieser Kapellen befand sich am Wege auf einem kleinen Hügel; zu jeder Seite derselben erhob sich ein stattlicher Nußbaum, deren vereinigte Aeste ein dichtes Laubdach über derselben wölbten. War das nicht das Bild zweier Brüder, welche die Mutter oder Schwester in gemeinsamen Schutz genommen? oder glich die Gruppe eher den Eltern, die ihr Kind vereint beschirmen?
Unsere Wanderung wurde oft durch die Gesteintrümmer unterbrochen, die in namhafter Anzahl, zum Theil als Wegebaustoff am Wege lagen, uns zur näheren Betrachtung und Zerschlagung aufforderten und unseren Reisetaschen immer mehr Gewicht gaben. Da gab es weißen, gelblichen, rosenfarbenen, braunrothen, bläulichen, grünlichen, schwärzlichen Marmor, platte und eiförmige Geschiebe. Der Weg führte uns auch über eine Brücke, deren hellgrünes Gewässer uns längere Zeit fesselte. Wir kamen an alten Kirchen und dem modernen Hellbrunn und Anif vorbei. In den zu letzterem gehörenden Gasthof traten wir ein, um den Durst zu löschen, den die Würstchen von Hallein erzeugt hatten. An der Wand hingen ganze Reihen kleiner, 6 Zoll im Durchmesser haltender Pappscheiben, die dem hiesigen Stechbolzenbüchsenverein zum Ziele gedient hatten.
Endlich trat ~Hohensalzburg~ aus der Ferne hervor, und wir schritten rüstig vorwärts, da wir nun doch allgemach ermüdeten. Vor der Stadt begegneten uns viele Leute im Sonntagstaate, die nach dem nahegelegenen Hellbrunn wanderten, dessen stattliche Bäume über die Gartenmauer einladend hervorragten.
Nach ein Uhr trafen wir in unserer Wohnung wohlbehalten ein und brachten unsere Toilette und unsere neuen Erwerbungen in Ordnung, stärkten uns auch durch ein Paar Tassen Kaffee und begaben uns sodann nochmals zu Herrn Director Süß, um von ihm Abschied zu nehmen. Wir fanden hier den Landschaftmaler Georg Petzold, dessen Arbeiten, die in 92 Blättern mit Ansichten aus Salzburg und Tyrol bestehen, ich in dem städtischen Museum kennen gelernt hatte. Das Gespräch kam auf die oft muthwillige Zerstörung alterthümlicher Kunstdenkmale. Ich erzählte, wie in einem sächsischen Städtchen der Rathsdiener, dem zugleich die Ueberwachung der archivalischen Schätze anvertraut war, eine ebenso billige als vortreffliche Schuhwichse anfertigte und verkaufte, deren sich namentlich auch der Senat des Ortes bediente. Als nun einmal Jemand den Rathsdiener fragte, wie in aller Welt es nur möglich sey, daß er ein so vorzügliches Gewerbserzeugniß liefere, erwiderte derselbe, daß dies mit Hilfe der alten Wachssiegel geschehe, welche in einem Kasten an mehreren Pergamenturkunden sich vorfänden. Das geschah noch zu Anfang dieses Jahrhunderts. Der Küster von Rochlitz rühmte sich gegen mich noch im Jahre 1823, daß er den Herren und Frauen Communicanten einen wesentlichen Dienst geleistet, der auch bei männiglich volle Anerkennung gefunden habe. Vor dem Altare lagen nämlich Grabsteine, deren hochemportretende Wappen er mit der Holzaxt weggemeiselt hatte. In Salzburg dagegen hatte man die schönen Statuen, welche vom Brande des Domes noch übrig geblieben, in Gartenzäune vermauert und eine Schale aus weißem Marmor, die in den Ruinen Juvaviums gefunden worden, als Rinnstein verwendet. Wir trösteten uns über derartige Erlebnisse, so gut wir konnten.
Wir nahmen Abschied von den Alterthumsfreunden und wanderten gemächlich über die Salzachbrücke, die heute zum Sonntag ganz besonders belebt war. Wir sahen die Frauen in dem Goldhelme, der mit einer Nadel am Zopfe befestigt ist, die Ringelhauben aus Gold oder Silber; die wohlhabenden Landleute umgeben ihren Spitzhut mit einer Schnur, an welcher zwei reiche Goldquasten über die Krempe herabhängen; noch reichere haben goldene Schnuren um den Hut. Gar häufig tragen sie den Gemsbart, den man übrigens zu kaufen bekommt. Wir begingen nochmals alle uns lieb gewordenen Plätze und gelangten in der Dämmerung auf den Stiftskeller, wo wir Freunde antrafen.
Montag, den 8. September erwachte ich noch ganz voll eines der seltsamsten Träume, die mir in meinem Leben vorgekommen. Ich befand mich in einem tageshellen Raume, sah aber über mir wie in einer verdichteten Luftschicht allerlei große und kleine Fische umherschweben. Je mehr ich mich über diese seltsame Erscheinung freute, desto deutlicher wurde sie mir, bis sie sich allgemach wiederum zerlöste.