Part 4
~Donnerstag, den 4. Sept.~ begaben wir uns bei früher Tageszeit nach dem städtischen Museum, um in das Einzelne mancher Abtheilung genauer einzudringen. Zunächst besahen wir die aus rothem Marmor gefertigten, etwa 4 Fuß hohen Statuen, die nach dem Brande der Domkirche im Jahre 1598 abgehoben und als Mauersteine verwendet worden waren. Wir betrachteten ferner die stattlichen, 7 Fuß langen bronzenen Kanonen, die im Jahre 1565 Hans Löffler für den Erzbischof Johann Jacob gegossen, sowie einen uralten eisernen Mörser; dann die 9 Ellen langen Spieße, welche die Lanzenknechte noch zu Anfang des dreißigjährigen Krieges führten, und die Bauernwaffen aus den Zeiten der Aufstände. Interessant war eine aus graurothem salzburger Marmor gearbeitete Kette von 6 Gliedern, deren jedes 7½ Zoll lang, 6 Zoll breit ist und über einen Zoll Dicke hat, eine Arbeit, die freilich nicht mit der 29 Fuß langen steinernen Kette zu vergleichen ist, welche die Thorpfeiler der Pagode von Schalembrom (s. m. Culturgeschichte VII. 469) in Indien verbanden.
Ich wendete mich nun vorzugsweise der Betrachtung der Gemälde und Zeichnungen salzburgischer Meister zu. Unter den Oelbildern sprach mich durch außerordentliche Naturwahrheit das Portrait einer alten Dame besonders an, die von dem ums Jahr 1736 blühenden Franz Anton Ebner ausgeführt worden ist, der auch die Pferde an der Hinterwand der Pferdeschwemme, außerdem aber viele Kirchenbilder gemalt hat. Nicht minder naturgetreu ist der Kopf eines alten Mannes von Stief. Wir sahen ferner die Portraits von W. A. Mozart und seiner Frau. Der unsterbliche Meister erscheint in jugendlicher Schönheit in einem weißen Rock mit gepudertem Haar. Von Fr. X. Hornöck ist das überaus kräftig gehaltene Portrait eines Landmannes vorhanden. Hornöck war 1731 zu Schönau in Niederbaiern geboren und lebte seit 1805 als Portrait- und Kirchenmaler in Salzburg, wo noch viele seiner Werke vorhanden sind. Von dem fruchtbaren Anton Enzinger, der um 1750 in Salzburg noch lebte, sieht man ein prachtvolles Thierstück. Von Nesselthaler findet sich eine liebliche, wenn auch etwas selbstbewußte Madonna, von Nickhl ein Violinspieler in breiter, kräftiger italienischer Weise. Ansprechend ist die Darstellung eines Gemsbocks, der folgende Unterschrift trägt: »In dieser Größe Gegenwartiger Gamsbock ist _ano_ 1735 den 7. Nov. ungefehr in Capucinerberg gefunden und von ihro Excellentz Herrn _Ladantio_, Freyherr von Firmian Hochfürstlicher Obrist Jägermeister in Salzburg mit einer Kugel gefället worden.«
Außer diesen Bildern findet man noch manche für die Geschichte des Landes interessante Portraits, Ansichten und Scenen. So ist vorhanden das Bild des Bauernanführers Matthias Stöckl, wie er an der hölzernen Kanone steht, dann die Ansicht seines noch vorhandenen Geburtshauses, ferner das Portrait des Paracelsus, sowie auch einige Glasgemälde.
Auf den Tischen des zweiten Zimmers sind Oelskizzen und Handzeichnungen salzburgischer Künstler in Mappen ausgelegt. Darunter ist ein Heft mit 20 kostbaren Federzeichnungen des Italieners Spretti, italienisches Bettelvolk darstellend, worunter eine alte Katzenpflegerin, die ich anderwärts als das Werk eines modernen Künstlers gesehen und bewundert habe. Sehr geniale Oelskizzen von Anton Reiffensturl enthält eine andere Mappe. Es sind durchgehends Alpengegenden. Ein Heft von Franz Anton Danreiter, der am 17. Febr. 1760 als Hofgärtner in Mirabel starb, bietet überaus saubere Federzeichnungen salzburger Ansichten dar. Von dem noch lebenden Kunstmaler Petzold ist ein ganzer Band in Sepia ausgeführter Darstellungen aus der Umgegend von Salzburg vorhanden.
Salzburg ist nun allerdings ein Ort, der dem bildenden Künstler fortwährende Anregung bieten mußte, zumal als die Stadt noch der Sitz kunstfördernder geistlicher Fürsten war. Die Erzbischöfe ließen es sich angelegen seyn, die von ihnen erbauten Kirchen auf würdige Art auszuschmücken. Dann ließen sie ihre Residenz durch Kunstwerke verschönern. So rief Erzbischof Hieronymus Graf von Colloredo im Jahre 1789 den kunstreichen Andreas Nesselthaler an seinen Hof, um sich von ihm ein enkaustisches Cabinet malen zu lassen. Die Enkaustik bewegte damals alle Kunstfreunde. Nesselthaler malte binnen drei Jahren 57 enkaustische Bilder und erwarb sich den Dank seines Fürsten in dem Grade, daß dieser ihn zum Truchseß, Hofmaler und Galerieinspector ernannte.
Nachdem wir die Gemälde und Zeichnungen betrachtet, traten wir in die Naturaliensammlung. Die geognostische und oryktologische Sammlung ist noch nicht aufgestellt, es müssen dazu erst geeignete Schränke herbeigeschafft werden. Gleichermaßen steht es mit den botanischen Abtheilungen. Doch ist für beide Zweige bereits vieler Stoff vorhanden, namentlich was die Salze und Marmorarten betrifft. Eine reiche Sammlung inländischer Schmetterlinge, die in zweckmäßig eingerichteten und eleganten Schränken aufbewahrt wird, verdankt das Museum dem Cardinal-Erzbischof Fürsten von Schwarzenberg.
Von den Vögeln sind namentlich die Adler und Eulen wohl vertreten; unter den Säugethieren zeichneten sich eine sehr große, seltene Gemse und ein alter Steinbock aus. Die Gemse hat eine überaus zierliche Gestalt; der Steinbock dagegen ist im Verhältniß zu seinem gewaltigen Gehörn und zur Länge seines Körpers niedrig gestellt und hat daher ein etwas schwerfälliges und plumpes Ansehen.
Bei dem Eifer des Gründers und Ordners des Museums wird es nicht fehlen, daß dasselbe in wenigen Jahren einen hohen Grad von Vollständigkeit erreichen wird.
Wir begaben uns hierauf in den Stiftskeller, der auch diesmal überaus belebt war und wo wir fortan als Stammgäste von Wirth und Kellnern begrüßt wurden.
Wir traten sodann, nachdem wir diesmal Pater Gregorius nicht gefunden, in die Franziskanerkirche, in der Nähe der Pforte des Petersstiftes. Sie macht einen eigenen Eindruck; das Aeußere ist nämlich zum Theil im Spitzbogenstyl, ja das Portal aus rothem Marmor streift sogar an den Rundbogen. Das Innere dagegen ist ganz in dem heiteren Kirchenstyle des 17. Jahrhunderts mit reichen bunten Altären und Statuen. Die 9 Altäre tragen Gemälde von Rothmayr, Freiherrn von Rosenbrunn, Hofmaler Leopolds I., Josephs I. und Karls VI., gestorben in Wien 1727, einem überaus fruchtbaren Künstler, dem Niederländer de Neve und dem Italiener Leander Bassano, die Beide in Salzburg mehrfach beschäftigt waren.
Nach der Mittagruhe begaben wir uns über den Residenzplatz durch das Cajetanerthor nach der Vorstadt Nonnburg; dem Wege folgend gelangten wir in einen Wirthsgarten, der uns die köstlichste Aussicht auf die Salzach, den Birgelstein und Gaisberg gewährte. Die Sonne trat von Zeit zu Zeit durch die Wolken und gestattete Blicke in die weitere Ferne. Von hier stiegen wir nun aufwärts durch schmale Gassen, von denen wir Einsicht in die tiefer gelegenen, überaus malerischen Theile der Stadt hatten. Wir gelangten an die Außenwerke der Festung, die hoch über die Gegend sich erhebt und mit Zinnen, Thürmen, Erkern reichlich geschmückt ist. Wir blieben jedoch auf dem Rücken des Mönchberges und sammelten Pflanzen und Gesteine, namentlich Breccie, aus der der ganze Berg besteht. Von hier aus sahen wir den Untersberg im Sonnenschein. Es giebt hier prächtige Bäume und Büsche und gar anmuthigen Wechsel gewährende Spaziergänge, die durch niedliche Thalgründe führen. Hier oben übten sich Trommler und Signalisten, während von dem Scheibenstand jenseits der Salzach die Schüsse der Festschützen kräftig drein krachten.
Wir stiegen, dem Pfade folgend, herab und gelangten so an die ~Augustinerkirche~, in deren Inneres eine stattliche Treppe leitet. Sie ist klein und freundlich und bietet keine besonderen Merkwürdigkeiten dar. Wir kamen nun in die Vorstadt ~Mülln~, wo der Felsen des Mönchberges steil abstürzend wiederum dichter an die Salzach herantritt. Hier befindet sich das Klausenthor und weiterhin das stattliche Urselinerinnenkloster. Am 16. Juli 1669 fand an dieser Stelle ein Bergsturz statt, welcher die früheren Klostergebäude, eine Kirche, ein Seminar und 13 Häuser zertrümmerte und 220 Menschen das Leben raubte.
An dem Ende des Klostergebäudes sieht man eine Eisenplatte mit dem Bilde eines Bären in die Mauer eingelassen, zum Andenken, daß eine Fluth im 14. Jahrhunderte an dieser Stelle einen im Hochlande heimischen Bären ans Land gespült habe. Nicht weit davon lasen wir folgende Inschrift:
_Ao._ 1571 den 30. Mai groß sterben Kham, Vast alhier 2236 Persohnen weckhnamb Bis _ao._ 72 den letsten Jenner wehren thet, Allerley Volkhs man Mangel hett. Groß Theurung war auch daneben, Man thats Schaff Korn um 14 fl. geben; Den Weitzen zu 17 fl. ohngewehr. Das ist gwest den Armen schwer. Des 72. Jars den 5 July krat Von 3 Uhr frühe es geregnet hat Bis dito siebenzig Stund, An Aufhören; die Prugg stieß zu Grund 13 Häuser und Stadel verschwam Salzburg, daß groß Schaden nam und lof die Salz an so streng da über diesen Stein ausging Derowegen Heinrich und Andren Bede Theren Gebrüdern Zu ewiger Gedächtniß der Geschichten Diesen Stein haben lassen aufrichten 1580.
Wir ließen uns sodann in einem einfachen Gasthof nieder, wo man uns ein vortreffliches Bier vorsetzte; dann aber begaben wir uns über die Brücke nach dem Schlosse Mirabella, der ehemaligen Sommerresidenz der Erzbischöfe. Am 30. April 1818 zerstörte ein furchtbarer Brand auch dieses Gebäude, 10 Jahre später war der neue Bau, gegenwärtig kaiserliches Lustschloß, vollendet. Die eine Seite stößt an den mit Springbrunnen und Marmorstatuen reich geschmückten Garten. Unter den Statuen zeichnen sich die Nachahmungen des belvederischen Apollo und der antiken Ballspieler aus. Die eine Seite des Schlosses ist auf den geräumigen, überaus anständigen Paradeplatz gerichtet. Wir schlenderten die Gasse entlang nach einem Platze, wo vor einem Hause Neugierige versammelt waren. In der Hausflur war ein mit rothen Kerzen umgebener Sarg aufgestellt. Verwandte und Freunde standen betend umher. Es versammelten sich Männer und Frauen in Alltagskleidung, dann kamen große Kreuzfahnen tragende Männer in schwarzen Chorröcken, worüber Alben gezogen waren. Ferner erschienen Musikanten mit kurzen Posaunen und endlich drei Geistliche mit sechs Alumnen, Knaben in braunen Röcken mit rothen Kragen und Militärhüten. Jetzt gestaltete sich der Zug, die Musik begann, die Glocken läuteten, der Sarg ward auf die Schultern erhoben, und Fahnen- und Kerzenträger setzten sich in Bewegung. Wir begaben uns auf einem Nebenwege nach dem Sebastiankirchhofe, wo der Todte mit Gebet und Weihrauch bestattet wurde.
Diese feierliche Bestattung, welche die katholische Kirche auch dem Geringsten und Aermsten ihrer Mitglieder gewährt, muß für die Hinterlassenen etwas überaus Tröstendes und Beruhigendes haben. Wir im Norden haben auch diese Aeußerlichkeit aufgegeben, die aber für den Theil des Volkes, der äußerer Aufregung bedarf, von größter Bedeutung ist!
Wir schritten nun zum Linzerthor hinaus, da, wo sich die Befestigungen an den Capuzinerberg anlehnen. Ein angenehmer Baumgang führt um die Wälle nach der Schießstätte. In der Ferne glänzen die weißen, stattlich gethürmten Gebäude des Wallfahrtortes Maria-Plain und jenseits der Salzach die fernen Hochgebirge im Scheine der Abendsonne. Auf der Schießstätte war viel Leben. Alte und junge fröhliche Leute von Stadt und Land schossen, natürlich ohne Auflage, mit den schweren, kurzen Stutzen nach den Scheiben, in deren Nähe zahlreiche bunte Fähnlein lustig wehten. Das Scheibenschießen ist aber bei den sämmtlichen süddeutschen Bergvölkern eine Nationalangelegenheit, und der geschickte und glückliche Schütze ehrt durch den Preis und die Fahne, die er gewonnen, die ganze Gemeinde.
Endlich aber traten wir den Rückweg an und gelangten über die prächtigen Plätze nach unserem Peterskeller, wo wir Bekannte fanden. Man zeigte uns Mispeln aus Tyrol von zwei Zoll Durchmesser, aber auch Weinbeeren, die von einer Krankheit befallen waren, die in einer Art Schimmelbildung auf der Oberfläche und einer Vertrocknung des Inneren besteht und die Landwirthe mit großer Besorgniß erfüllt.
Freitag, den 5. Septbr., begaben wir uns zeitig zu dem Gründer des städtischen Museums, dem Herrn Maria Vincenz Süß, Verwalter des städtischen, öffentlichen milden Leihhauses oder _mons pietatis_, das ein eigenes stattliches Gebäude einnimmt. Ich fand in ihm einen ebenso gefälligen und freundlichen, als kenntnißreichen Mann in den besten Jahren. Wir waren bald in dem interessantesten Gespräch, dessen wesentlichen Inhalt die Geschichte des städtischen Museums und ähnlicher derartiger Institute bildete. Wir vergegenwärtigten uns die Leiden und Freuden derartiger Bestrebungen und wandten uns sodann der Betrachtung seiner überaus vollständigen, auf Salzburg bezüglichen Münz- und Medaillensammlung zu, die mit Kaiser Augustus, dem ersten legitimen Beherrscher Juvariens, beginnt. Interessant ist es, daß römische Münzen noch heutiges Tages im Handel und Wandel in Salzburg vorkommen. Der Landmann findet häufig auf seinem Felde römische Bronzemünzen und bringt sie dann als halbe oder Viertelkreuzer zu Markte, von wo aus sie erst nach mannichfachen Wanderungen von Hand zu Hand an die Münzfreunde gelangen. Unter den Medaillen bemerkte ich eine auf Paracelsus.
Von hier begab ich mich mit meinem bergmännischen Begleiter zu dem Director des Berg-, Salinen- und Forstwesens, Herrn Regierungsrath Albert Müller, dem ich durch einen Freund in Dresden besonders empfohlen war. Auch bei diesem überaus thätigen und eifrigen Beamten ward uns jene herzliche und zuvorkommende Aufnahme zu Theil, die dem Reisenden in Oesterreich so wohlthuend ist. Zuvörderst suchte er uns ein Bild von dem bergmännischen Betriebe der Salzwerke von Hallein durch Zeichnungen und Erläuterungen zu verschaffen, dann wandte sich das Gespräch auf allgemein technische Gegenstände. Er gab uns sodann ein Empfehlungsschreiben an das Bergamt zu Hallein mit.
Wir schritten hierauf nach dem St. Peterskloster, um die Beschauung ~der Schatzkammer des Benedictinerstiftes~ vorzunehmen, zu der uns Pater Gregorius eingeladen hatte. Der Pater Thesaurarius führte uns über einen langen Corridor, zu einer mit gewaltigem Schloß versehenen Thür, nach deren Oeffnung wir über eine Treppe in den Raum gelangten, welcher in mehreren Schränken den Stiftschatz enthielt. Zunächst ward ein Schrank erschlossen, der ein großes silbernes, im 15. Jahrhunderte in Augsburg gearbeitetes Tabernakel bewahrt; daneben waren viele silberne Kreuze aufgestellt, sowie goldene, mit Edelsteinen reichbesetzte Kelche des 17. Jahrhunderts. Bemerkenswerth war einer derselben, der die Bilder von St. Vitus, Petrus und Benedictus trug und im Jahre 1691 aus Waschgold gearbeitet war. Bei Weitem interessantere Sachen bot der zweite Schrank dar, in welchem vorzugsweise die Infuln aufbewahrt werden. Man sah dabei treffliche Stickereien aus dem 17. Jahrhunderte, welche in den Frauenklöstern gefertigt wurden; einige sind mit Edelsteinen besetzt, und eine, vom Jahre 1494, ist in Perlen ausgeführt. Eine besondere bibliographische Merkwürdigkeit ist das hier ebenfalls bewahrte sogenannte Manuale des heiligen Rupert, ein mit der kleinsten Majuskel geschriebener Pergamentcodex von kaum anderthalb Geviertzoll, ein Meisterstück der Schreibkunst, das einer nähern Betrachtung wohl werth ist. Wir sahen hier ferner prachtvolle Altarkreuze, die mit Rubinen, Saphiren, Amethysten, Türkisen und Smaragden besetzt sind. Ein anderer Schrank bewahrte mehrere Abtstäbe, deren Stiele aus Narwalzahn oder, wie man es früher nannte, aus Eichhorn besteht; ihr Obertheil ist kunstreich aus Silber gearbeitet. Einer der schönsten, ein ganz aus Silber gefertigter Abtstab von dem Jahre 1487, war in dem gothischen Spitzbogenstyle überaus sauber ausgeführt. Dabei sah man die Infuln und Casulen der Aebte des 6. und 7. Jahrhunderts von Seide, die bekanntlich Jahrhunderte lang der Zerstörung Trotz bietet. In einem kleineren Schranke befindet sich die buntgemalte und bekleidete Büste des heiligen Vitalis, welche eine reich mit Steinen besetzte Inful trägt. In der Brust war der einfache silberne Kelch des Heiligen mit der Patena, welche folgende Inschrift trägt: _GAVDEN̅T̅ IN VITA HENRICVS SIRYVS ET ITA._
In den übrigen blau angestrichenen Schränken war noch eine große Anzahl von Monstranzen, Kreuzen, Heiligenbildern, Kelchen, Patenen, Leuchtern von Silber aufgestellt. Alles war überaus nett und sauber gehalten, auch die Zusammenstellung der Gegenstände mit Geschmack angeordnet. Man sah eben, daß diese Schätze noch heute dem Leben angehören und zur Verherrlichung des Gottesdienstes an den hohen Festen dienen.
Der Schatz des Domes von Halberstadt ist allerdings bei Weitem reicher an eigentlichen Alterthümern, namentlich an alten Reliquienbehältnissen in der Gestalt von Büsten, Aermen und Hörnern, an alten Meßgewändern und Statuetten, dort werden aber diese Sachen seit dem 16. Jahrhundert gar nicht mehr gebraucht und nur aus Pietät noch aufbewahrt und als Alterthümer gezeigt. In den katholischen Ländern sind diese Kirchengeräthe durch den Gebrauch seit jener Zeit mehr abgenutzt worden. Sie mußten daher durch neue ergänzt und vermehrt werden. Daher findet man in den Schatzkammern der katholischen Stiftskirchen bei Weitem weniger Alterthümer als in denen der protestantisch gewordenen. Dazu kommt aber auch, daß in den verhängnißvollen Zeiten des 30jährigen Krieges, der Regierung Josephs II. und der Revolutions- und Napoleonkriege manches alte Stück, wenn es Metallwerth hatte, veräußert werden mußte.
Wir nahmen von dem guten freundlichen Pater Gregorius herzlichen Abschied und begaben uns zu Herrn Süß, der uns diesmal seine Medaillen zu näherer Betrachtung darbot. Am interessantesten waren hier die Arbeiten von Franz und Franz Xaver Matzenkopf, Vater und Sohn, Beides hochfürstlich salzburgische Prägschneider und Medailleure.
Von hier begaben wir uns nach dem St. Johannesspital, um ~das römische Bad~ in Augenschein zu nehmen, welches in einem der Höfe der Anstalt vor einiger Zeit dadurch entdeckt wurde, daß ein Lastwagen das Pflaster durchbrach. Das Bad gehört zu den vollkommen erhaltenen. Es besteht aus einem Rundbau von 16 Fuß Höhe, zu dem 24 Stufen hinabführen, die in die Wand eingelassen sind. Es hat 11 Fuß Durchmesser und ist ganz aus der Sandsteinbreccie des Mönchberges aufgeführt. Der Badekessel hat vier Fuß im Durchmesser, kann also ganz bequem umgangen werden. In der Wand sind vier Nischen für die Aufbewahrung des Badegeräthes angebracht. Das Wasser war in Folge der anhaltenden Regengüsse über den Kessel herausgetreten, aber so klar, daß mein Begleiter erst die Anwesenheit desselben merkte, als er den Fuß von der letzten Treppenstufe setzte und den Kessel umgehen wollte.
Wir wanderten nun nach dem vor dem Sigismundthore befindlichen Platze, wo die ~Viehausstellung~ veranstaltet war. In Folge der Regengüsse war der Weg allerdings sehr übel zugerichtet, wir gelangten indessen glücklich an die überbauten Stände, wo die Thiere des Landes in langen Reihen aufgestellt waren.
Zunächst begaben wir uns zu den stattlichen Rindern, die gar zahlreich vertreten waren. Es waren außerordentlich große und wohlgenährte Thiere, dergleichen ich noch niemals gesehen. Sie standen gelassen an den Stangen und schienen nicht recht zu begreifen, was denn die vielen fremden Menschen hier vorhätten, die so theilnehmend ihre breiten Stirnen und glatten Flanken streichelten und sie hätschelten. Die Besitzer der Thiere, meist von Weib und Kind begleitet, standen Auskunft gebend dabei; die meisten derselben kannten schon den Erfolg, den ihre Mühe gehabt. Von da wandten wir uns den Reihen der Rosse zu, unter denen Überaus starke und große Thiere vorhanden. Sie gehörten meist der kräftigen Rasse des Pinzgau an, der überhaupt unter den Gauen des Herzogthums Salzburg die meisten Pferde erzeugt. Das gesammte Kronland hat 11596 Pferde, der Pinzgau allein 4294. Das Pinzgauer oder norische Pferd ist unstreitig das ausgezeichnetste schwere Zugpferd des österreichischen Kaiserthumes. Seine durchschnittliche Höhe ist 16-17 Faust, und schon der Jährling mißt 14 Faust. Eigenthümlich ist demselben ein voluminöser, starker, reiner Knochenbau, eine meist dunkle Farbe, die Decke mit mächtiger Haarbildung an dem Scheitel, Kamm, Schweif und der Köthe, ein mäßig schwerer Gerader- oder Schlegelkopf, breite Gamasche und Kehlgang, ein breiter abgerundeter Kamm, ein breiter, kurzer Hals, bei dem Hengste nicht selten Speckhals, ein hoher abgerundeter Widerrüst, eine sehr breite, markirte Brust, ein tonnenförmiger, etwas gesenkter Rumpf, eine breite, massenhafte, gespaltene Kruppe, eine breite, schiefgelagerte Schulter mit gerade abfallenden Vorderfüßen, die Hinterfüße im Sprunggelenk etwas stark gebeugt, kurze Fessel, große, flache Hufe. Mit diesen Worten ist das Pinzgauer Pferd in dem Festalbum der 14. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe geschildert, nächstdem aber auch daselbst auf zwei Tafeln charakteristisch abgebildet. Uns ergötzten namentlich die ebenfalls ausgestellten Fohlen, die über die vielen fremden Menschen sich zu freuen schienen und durch allerlei höchst ergötzliche und anmuthige Geberden ihre Verwunderung ausdrückten.
Von den übrigen Zugthieren bemerkten wir wenige, allerdings sehr große Schafe mit hängenden Ohren, einen stattlichen, der Hörner jedoch entbehrenden, weißen Ziegenbock und drei gewaltige Schweine.
Die Feierlichkeit der Preisvertheilung warteten wir nicht ab, sondern zogen es vor, die regenfreie Abendstunde zu einer näheren Betrachtung des stattlichen Sigismundthores und der Straßen zu benutzen. Unser Aufenthalt ging ja seinem Ende zu, und wir waren daher bemüht, durch immer wiederholten Besuch des Domes, der andern Kirchen, der öffentlichen Plätze, der Brücke die köstlichen Bilder uns möglichst fest einzuprägen. Es giebt in der That wenige Städte in Deutschland, die so schöne, anständige, ja vornehme öffentliche Plätze haben, wie eben Salzburg. Der Glanzpunkt der Stadt bleibt aber unstreitig der Dom mit den ihn umgebenden Palästen, Arkaden, Brunnen und Statuen. Minder imposant ist der eigentliche Marktplatz, der verhältnißmäßig schmal ist. Auch die zwischen demselben und dem Rathhause gelegenen Gassen sind meist eng und wegen der hohen Häuser düster. So die Getreidegasse, wo wir nicht weit von Mozart’s Geburtshaus zu wohnen die Ehre hatten. Indessen haben die früheren Fürsten auch diesen Uebelstand dadurch zu mildern gewußt, daß sie von der Getreidegasse aus zwei ansehnliche nach der Salzach mündende Pforten anbrachten. Auf der gegenüberliegenden Seite sind, von dem sogenannten Platzl ausgehend, ebenfalls meist enge Straßen, namentlich die am Capuzinerberge hingestreckte Gasse zum Steinthor. Allein diesen enggedrängten Kern umgiebt bis zum Fuße des Mönchsberges eine stattliche Kette von Palästen, unter denen das Collegiumsgebäude der ehemaligen Universität mit seiner schönen Kirche, der Marstall, die Reitbahn, das Urselinerinnenstift, St. Peters-Stift und die Residenz die hervorragendsten sind. Am rechten Ufer der Salzach ist Mirabella der Haltpunkt schöner Bauten und umfangreicher Plätze. Auch die Thore der Stadt tragen zur Zierde derselben bei, da die Erbauer, die prachtliebenden und wohlhabenden Erzbischöfe, jede Gelegenheit benutzten, ihre Residenz würdig auszuschmücken, darin aber durch das treffliche Baumaterial unterstützt wurden, welches die nächste Umgegend darbietet. Nur eins ist mir bis jetzt noch unbegreiflich, nämlich daß keiner dieser Kirchenfürsten auf den Gedanken gekommen, die Holzbrücke der Salzach mit einer steinernen zu vertauschen. Den Grund suche ich in der Schwierigkeit der Wasserbauten in einem so reißenden Gewässer, wie das der Salzach ist. Dies scheint mir aber auch der einzige Mangel der übrigens in so reichem Schmucke prangenden Stadt.
Nächstdem fällt es auf, daß in einer so alten Stadt wie Salzburg gar keine gothischen Gebäude zu finden sind. Die byzantinische Pforte der Peterskirche, die wenigen Säulen in dem Kreuzgange des Stiftes, die kleine Kreuzkapelle auf dem Kirchhofe, ein Theil der Franziskanerkirche, das ist nebst der Augustinerkirche so ziemlich Alles, was von alter Architektur übrig ist. Der Grund dieser Erscheinung liegt auch hier darin, daß die Architektur dem Leben und dem Bedürfnisse nicht entfremdet worden ist. Das Baufällige wurde abgetragen und durch Neues und Frisches ergänzt. Jedes Zeitalter, jedes Individuum strebte darnach, auch von seiner Thätigkeit, von seinem Leben ein Denkmal zu hinterlassen. Und so ist es denn gekommen, daß in Salzburg, wie in den meisten österreichischen Stiftern die alte Zeit von der neueren überwuchert und überwachsen ist. Dem Freunde der Alterthümer dient dabei zum Troste, daß die alten, durch Brand oder sonstige Anlässe zerstörten Gebäude nicht eben sehr kunstreich gewesen seyn mögen. Wahrhaft schöne Gebäude, wie die Pforte zu St. Peter, die der Erhaltung werth waren, sind doch gerettet und sorgfältig erhalten.
Wir gelangten endlich zu dem gewöhnlichen Ziele unserer abendlichen Wanderung, dem St. Petersstiftskeller, wo wir Landsleute fanden und die Bekanntschaft des Chorvicarius, Herrn Eitzenberger’s, machten, der durch seine musikalischen Studien und als Kenner und Pfleger der alten Musik bekannt ist.
Sonnabend, den 6. September, erhoben wir uns bei Zeiten, nachdem wir bereits am Abend vorher unsere Reisetaschen in Ordnung gebracht. Unser Erstes war eine Betrachtung des Himmels. Ein mattes Blau schimmerte durch die Wolken und erregte in uns eine schwache Hoffnung auf einen wenigstens regenarmen Tag. Wir wollten Hallein und den Dürrenberg besuchen.
Wir begaben uns also noch vor sechs Uhr nach dem Gasthofe zum Erzherzog Karl, wo wir bereits am gestrigen Abend uns Plätze in dem Stellwagen gelöst hatten. Wir waren eher auf dem Platze als der Wagen. Nach uns erschienen auch andere Leute, die gleiche Absicht mit uns hatten. Wir vertrieben uns die Zeit mit Betrachtung des Himmels, an welchem allgemach die vorher blau schimmernden Stellen abermals ergraut waren. Auch andere Reisebeflissene theilten unsere Befürchtungen, daß es heute aufs Neue regnen werde. Wir waren indessen mit Mänteln versehen und auf Alles gefaßt. Wir wollten in das Innere des Dürrenberges, und dazu taugt jede Art von Wetter.
Endlich erschien der Stellwagen, man stieg ein, und das Fahrzeug bewegte sich vorwärts. Unser Gefährte war ein Kreisphysikus aus Rattstadt, der die Versammlung der Landwirthe besucht hatte und die chemischen Feldpredigten des Professors Stöckhardt in Tharandt dankbar rühmte, dagegen noch entrüstet war über die Behandlung, die er in dem Gasthofe hatte erdulden müssen. Er schilderte in ergötzlich humoristischer Weise den Zustand seines Zimmers, seiner Betten, der Bedienung und war namentlich darüber empört, daß ihm der Wirth anstatt einer gehörigen Rechnung einen Fetzen Papier übersendet, auf welchem die Totalsumme des Betrags mit Bleistift gekritzelt war.