Chapter 9 of 10 · 3965 words · ~20 min read

Part 9

Wir kehren auf den Platz zurück und bemerken bald den berühmten ~Stock im Eisen~, eines der Wahrzeichen von Wien. Es ist dies ein Baumstummel, der über und über dergestalt mit Nagelkuppen, aller Größe, überdeckt ist, daß fortan kein neuer hineingeschlagen werden kann. Der Stock ist dicht an einem Hause und mit einem eisernen Bande daran befestigt. Durch Menschen und Wagen uns durchschiebend, gelangten wir auf den Graben, wo wir vor allen Dingen einen Plan der Stadt Wien ankauften. Wir bewunderten die überaus große Fülle und elegante Ausstellung der Kaufläden. Da sah man zuvörderst die Aushängeschilder, nach denen die Läden genannt sind, z. B. die Jungfrau von Orleans, die Erzherzogin Sophie, die schöne Schweizerin, der Palatinus von Ungarn, der Fürst Primas, wirklich künstlerisch ausgeführt und sorgfältig gepflegt, dann aber hinter den colossalen Glasfenstern die kostbarsten Waaren geschmackvoll geordnet. Uns fielen zunächst die Sachen aus Meerschaum auf, unter denen, oben am Graben, ein Meerschaumkopf von ungemeiner Größe prangte, der 500 Gulden kostete. Ein anderer, ebenfalls sehr großer Kopf, zeigte eine Türkenschlacht; dabei sah man elegante Cigarrenspitzen, auch kleine trefflich geschnitzte Statuen aus demselben bildsamen Material. Die Läden der Gypsgießer waren nicht minder reich ausgestattet und besonders wohlversehen mit Bildwerken kleineren Umfanges. Daneben hielten uns die Ausstellungen der Kunsthändler öfter fest, wo man immer das in Oel ausgeführte Bild des jungen Kaisers findet. Daneben sind prächtige Goldschmiedgewölbe mit den geschmackvollsten Arbeiten, die Läden der Waffenhändler, wo wir genug Damascenerklingen bemerkten. Der Graben ist übrigens mit einer Säule, ähnlich der Linzer, geschmückt. Auch befindet sich hier ein besuchtes Kaffeezelt.

Wir schritten nun wieder über den Kohlmarkt. Auf allen Kreuzwegen stehen Gensdarmen, welche die öffentliche Ordnung überwachen. Bei den unzähligen Fiakern -- die innere Stadt hat deren allein 700 -- den herrschaftlichen Equipagen, der hin- und hereilenden Fußgängern bemerkt man daher doch nirgend ein Drängen oder Stocken, man wird nirgend gestoßen und geschoben. Auffallend war mir, daß fast nirgend in den Straßen Kinder zu sehen waren. Die Gensdarmen fanden wir immer bereit, uns auf unsere topographischen Anfragen Auskunft zu geben. Soldaten sah man verhältnißmäßig sehr wenig in den Straßen von Wien.

Wir gelangten nun über den sehr belebten Michaelisplatz, an das imposante Gebäude der kaiserlichen Burg. Der Hof mit den gewaltigen Portalen, zu deren Seiten colossale Statuen des Hercules, enthält eine Wache der Grenadiere, vor welcher eine Batterie Geschütz aufgefahren ist. In der Mitte befindet sich das eherne colossale Denkmal des Kaisers Franz. Der Kaiser ist in antikem Costüm, zu seinen Füßen sind die vier Tugenden -- das Ganze spricht jedoch nicht an, von keiner Seite bildet es eine schöne Gruppe. Wir begaben uns aus dem Schloßhof auf den freien Platz, und hier tritt uns das einfach schöne Burgthor entgegen, von welchem die Inschrift: _Iustitia regnorum fundamentum_, Kaiser Franz _I._ Wahlspruch, herabglänzt.

Wir wendeten uns zurück, durchschritten die Burg und betraten den Josephplatz, der mir als einer der schönsten Plätze in Europa erscheint. In der Mitte erhebt sich das schöne Denkmal Josephs II. Der Kaiser sitzt in antikem Costüm, die Rechte segnend ausgestreckt, auf einem Roß, das bei Weitem feinere Formen zeigt als das des Mark Aurel auf dem Capitol; besonders schön ist das aus hellgrauem Granit gearbeitete Piedestal. Wir konnten uns kaum von diesem schönen Platze trennen, dessen Gebäude so bedeutende gelehrte Schätze enthalten.

Wir traten in das Michaeler Bierhaus, wo wir Officiere, Geistliche und Männer aus den höhern bürgerlichen Ständen trafen, die bei einer Pfeife Tabak oder einer Cigarre Zeitungen lasen und besprachen. Wir stärkten uns mit vorzüglichem Roßbratel und schritten durch die wohlerleuchteten und noch mehr belebten Straßen nach unserem Gasthofe zurück.

Mittwoch, den 17. September, waren wir schon zeitig auf den Beinen und nahmen unseren Kaffee in dem unserem Gasthof gegenüberliegenden Kaffeehaus ein, das bereits ziemlich gefüllt war. Trotz der kühlen Luft saßen doch Herren und Damen vor demselben im Freien. Man bekommt den Kaffee in Gläsern, die in einem Messing-Futteral stehen, und zwei Küpfel, wofür man 10 Kreuzer entrichtet. An den kleinen Tischchen saßen schon ämsige Zeitungsleser. In den inneren Sälen standen Billarde. Unser erster Gang galt der Stephanskirche, die, je öfter man sie betrachtet, an Interesse gewinnt, da man immer wieder Neues aus der endlosen Fülle der Einzelnheiten herausfindet. Das bunte Dach, aus glasirten Ziegeln, hat allerdings für den, der es zum ersten Mal sieht, etwas Fremdartiges und erinnert an die Teppiche der Tiroler. Indessen gewährt es doch dem Ganzen eine gewisse Milde und Heiterkeit. Von hier wanderten wir durch die Straßen, deren treffliches Pflaster aus Granittafeln von 8 Zoll Durchmesser gebildet und überaus sorgsam gepflegt wird. Die zahlreichen Paläste und öffentlichen Gebäude sind überaus reinlich gehalten und haben durchgängig hellen, meist gelblichen Anstrich. Wir besuchten die Peterskirche, die mit einer prächtigen Kuppel gekrönt ist, welche ein reiches Freskobild hat. Das Innere der Kirche ist mit Marmor und Gold glänzend verziert. Dann traten wir in die Augustinerkirche, einen einfachen, heiteren gothischen Bau, der das berühmte Grabmal der Gemahlin des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen enthält. Es ist ein umfangreiches Werk aus weißem Marmor, dessen Kern eine auf mehreren Stufen ruhende Pyramide mit einem offenen Eingang bildet, welcher mehrere weibliche und männliche Gestalten, eine Urne tragend, zuschreiten. An der Thür ruht auf einem schlafenden Löwen hingestreckt, die zarte Gestalt des fackeltragenden Genius trauernd. Die Arbeit ist, wie an allen Werken Canova’s, meisterhaft. Glücklicher Weise wurde bei dem Brande und Zusammensturz des Thurmes dieser Kirche das Innere nicht verletzt.

Wir gingen nun nach dem in der Spiegelgasse gelegenen Göttweiger Hof, um einen Brief des Herrn Prälaten an den Hofmeister, Pater Vincenz Werl, dessen trefflicher Katalog mir so nützlich gewesen, abzugeben. Pater Vincenz empfing uns gar freundlich. Wir sprachen über die Bibliothek des Stifts und die Geschichte desselben, namentlich den Abt Gottfried Bessel. Auf meine Vorstellung, wie wünschenswerth eine Lebensschilderung dieses Prälaten sei, vernahm ich mit Freuden, daß Pater Vincenz, der so genau mit Bessel’s Arbeiten bekannt ist, nicht abgeneigt zu einem derartigen Unternehmen ist. Wir sahen bei ihm eine lithographische Ansicht des Stifts mit dem unter demselben gelegenen Städtchen Stein und erhielten diese nebst einem Bronzeexemplar der Medaille auf Abt Bessel, deren Rückseite ebenfalls das Stift darstellt, zum Geschenke. Wir nahmen herzlichen Abschied von dem so gelehrten, als wohlwollenden geistlichen Herrn und begaben uns nach dem Josephsplatze, nachdem wir uns bei St. Michael für fernere Anschauungen durch ein Roßbratel vorbereitet.

Wir traten in das Gebäude der ~Kaiserlichen Bibliothek~. Das stattliche Treppenhaus ist mit römischen Inschriften verziert. Von da tritt man in das Bureau, welches zu gleicher Zeit als Lesezimmer dient. Es ist ein geräumiger Saal mit zwei Reihen Tafeln, die dicht mit Lesern besetzt waren. Meine Freunde, die Herren v. Karajan und D. Ferdinand Wolf waren auf dem Lande, doch verschaffte uns der Sohn des Letzteren, der ebenfalls im Dienste der Bibliothek ist, einen Führer für den großen Saal. Der Anblick dieses Saales ist nun allerdings überaus würdig und großartig. Die Länge beträgt nicht weniger als 246 Fuß, die Breite 45 Fuß, die Höhe aber entspricht diesen Verhältnissen. Ueberaus prächtig ist die _al fresco_ gemalte Decke, die freilich bei dem Brande im October 1848 etwas vom Rauche geschwärzt worden ist, der von dem brennenden Dache des Naturaliencabinets eindrang. Mächtige Marmorsäulen tragen den gewaltigen Bau. Marmorstatuen, Erd- und Himmelskugeln stehen in der Mitte, die Bücher ziehen sich in braunen Gestellen die Wände entlang, durchweg in anständigen, ja prächtigen Einbänden. Das Ganze macht den Eindruck einer Kirche, eines Tempels der Wissenschaften. Ich gedachte der Männer, die hier gewirkt, Peter Lambricius, Kollar, Kopitar, Johannes Müller, Denis u. a. In mehreren Pulten liegen unter Glas die vorzüglichsten Schätze, wie die Peutinger’sche Tafel, der Dioscorides, Otfried, Autographen von Tasso u. s. w. Unser freundlicher Führer zeigte uns noch den Raum, wo ein Theil der 36,000 Manuscripte steht. Viele der orientalischen waren in Cedernholz gebunden.

Mir lag daran, einen Totaleindruck des großen Ganzen zu gewinnen -- vom Einzelnen konnte hier nicht die Rede seyn. Mein Zweck war erreicht, und wir schieden von unserem Collegen, der mir noch einen Leitfaden für diese Schätze zum Geschenk machte.

Wir traten in’s ~Antikencabinet~. Baron v. Sacken begrüßte uns herzlich. Er war eben damit beschäftigt, die aus Hallstadt eingegangenen reichen vorchristlichen Alterthümer zu ordnen. Es waren höchst interessante Sachen, die doch von den in Deutschland jenseits der Donau gefundenen und den nordischen wiederum verschieden sind. Unter den österreichischen Funden fällt der Mangel an Steinwerkzeugen auf; Bronze ist das herrschende Metall. Wir sahen hier schöne Schwerter, wenige Frameen, dann einen Dolch, an dem die eherne Scheide noch vorhanden; der Bronzegriff ist außerordentlich reich verziert, die platte Klinge aus Stahl. Sehr reich sind die Schmucksachen, Arm-, Hals- und Beinringe, so wie die bekannten Fibeln aus Bronze, worunter jene, die, aus zwei zusammenhängenden platten Spiralen bestehend, mit einem Dorn den Mantel auf der Brust zusammenhielt. Andere Fibeln sind mit Glas verziert. Von gebranntem Thon, buntem Glas und Bernstein hatte man Ketten und Halsgehänge. Es fehlte nicht an den langen Bronzenadeln mit vollem Knauf, die theils als Haarnadeln, theils als Pfriemen zum Nähen des Pelzwerkes dienten. Ein überaus seltsamer Schmuck ist ein, an einem Stiel befestigter Bronzering, an welchem drei andere Ringe und eine Menge Dreiecke an kleinen Kettchen befestigt sind. Unter dem kleineren Geräth erscheinen Angelhaken und kleine Pfeilspitzen. Von Gefäßen hat man große aus Bronzeblech zusammengenietete Kessel, dann aber auch Kübel, Lampen und Schalen. Von den Schalen ist der Rand der einen mit einer Reihe von je zwei Seepferden zwischen einer Sonne umgeben. Die Bruchstücke irdener Gefäße zeigen reich punktirte Linien. Die Steinsachen, ein durchbohrter Steinkeil und ein in der Weise der Nordamerikaner mit einer Rinne umgebener Stein, dann einige Schleifsteine, sind nur schwach vertreten. Eines der merkwürdigsten Stücke des ganzen Fundes ist die kleine eherne Statue eines Mannes, der mit emporgehobenen Armen und aufgerichtetem Haupte dasteht und in die Klasse der Bronzen gehört, die ich auf der 19. Tafel meines Handbuches der germanischen Alterthumskunde zusammengestellt habe.

Außer diesen merkwürdigen Sachen enthielt das Zimmer noch eine Menge der interessantesten Bronzen, worunter allein siebzehn in den Kaiserlichen Hochlanden ausgegrabene Erzhelme, von denen mehrere den griechischen Helmen des Museo Burbonino und den auf den griechischen Vasen dargestellten gleichen. Gar seltsam sind die riesenhaften Brustspangen, die vielleicht zum Schmucke der den Celten eigenen gewaltigen Götterbilder dienten. Dabei sah man prächtige Aexte aus Bronze. In überaus reicher Auswahl sind etruskische und römische Bronzestatuetten vorhanden. In den Schränken an der Wand wird die Lamberg’sche Vasensammlung aufbewahrt, für deren Detail mir jedoch diesmal keine Zeit vergönnt war. In demselben Saal waren in einem Schranke mehrere chinesische und indische Bildwerke aufgestellt, so wie ein aus Holz geschnitzter Kopf, den ich für ein altmexikanisches Idol erkennen mußte.

In dem daranstoßenden Zimmer befindet sich das berühmte Kaiserliche Münzcabinet. Unser Freund zeigte uns die prachtvollen colossalen Goldmünzen mit dem Bilde des Kaisers Valens und der Umschrift: _D. N. VALENS AVGVSTVS_ und _FORTVNA ROMANORVM_. Die größte hat 180 Ducaten Gewicht. Die Kaiser gaben derartige Geschenke an verdiente Männer, von denen sie bei festlichen Anlässen, wie unsere Orden, auf der Brust getragen wurden. In dem folgenden Salon befinden sich die antiken und mittelalterlichen Goldschmucke, die in Ungarn gefunden worden sind, dann die wundervollen berühmten Onyxe, die allerdings in artistischer, antiquarischer und mineralogischer Hinsicht wahre Wunderwerke zu nennen sind. Hier befindet sich ferner jene Achatschale von 28 Zoll Durchmesser, die aus der burgundischen Erbschaft an Kaiser Maximilian I. gelangte. Die Schale ist überaus dünn und hat eigenthümliche, an chinesische Arbeit erinnernde Henkel. Im Innern derselben erblickt man von der Seite in schwachem Umriß den Namen _XPISTOS_. Das Werk soll bei der Eroberung von Constantinopel durch die französischen Kreuzfahrer nach dem Norden gekommen seyn. Nächstdem wird hier auch Cellini’s berühmtes Salzgefäß mit Neptun und Cybele aufbewahrt.

So sahen wir denn eine Menge der interessantesten Alterthümer leibhaftig vor uns, die wir aus Abbildungen und Beschreibungen schon ziemlich genau kannten, außerdem aber so viel des Neuen, daß sich mir die Ueberzeugung aufdrängte, ich müsse später einmal auf längere Zeit hierher zurückkehren und eine ruhigere, gründlichere Betrachtung vornehmen.

Wir gingen mit dem Freunde durch das Kärnthner Thor und verließen ihn hier, um uns über das Glacis nach dem ~Belvedere~ zu begeben. Dieses große, lang hingestreckte Gebäude liegt auf einer Anhöhe und gewährt von der Gartenseite einen reichen Anblick auf die Stadt, aus deren Häusermasse St. Stephan wie ein König gebietend emporsteigt. Der Belvedere-Palast enthält die berühmte Gemäldegalerie, deren Besuch ich für diesmal aufgab. Wer eine Galerie sehen will, muß vor Allem die dazu nothwendige Zeit mitbringen. Der Garten ist im älteren Style angelegt, ein Werk des berühmten Eugen von Savoyen; es sind mehrere gut gearbeitete Statuen und Gruppen, Bassins und dergleichen vorhanden. Nach der Stadt zu lehnt er sich an ein kleines Palais, das gegenwärtig die Ambraser Sammlung umschließt.

Wir gingen zurück und gelangten an die Carlskirche, ein modernes, aber sehr bedeutendes Bauwerk. Die Kirchenfaçade wird durch zwei große Säulen eingefaßt, um welche sich, wie an den Trajan- und Antoninsäulen, Reliefdarstellungen emporwinden. Die Capitäle tragen zwei Doppeladler, deren Flügel ein Geländer bilden. Dazwischen ragt die prachtvolle Kuppel hervor, die, bei der hohen Lage der Kirche, weithin sichtbar ist, obschon ihre Höhe die des St. Stephan bei Weitem nicht erreicht.

Weiter schreitend, kamen wir zu dem großen Gebäude des polytechnischen Instituts; es waren eben Ferien, und wir mußten auf den Anblick der reichen, hier verwahrten Sammlungen Verzicht leisten. Wir schritten jedoch durch die Höfe des Gebäudes, das die älteste und größte derartige Anstalt in Deutschland ist, wie denn hier über 2000 junge Leute, aus allen Theilen der Monarchie, mit Ausnahme von Böhmen, ihre Ausbildung erlangen.

Wir kehrten in das Lamm zurück, um unsere reichen Anschauungen dem Papiere anzuvertrauen. Dann aber begaben wir uns nach der Jägerzeile; dies ist unstreitig eine der berühmtesten und längsten Straßen in ganz Deutschland, die durchweg aus stattlichen Häusern besteht, zwischen denen sich auch eine nette, moderne Kirche befindet. Hier war nun weniger reges Treiben. Von da schreitet man nach dem ~Prater~, diesem großen, von stundenlangen Baumreihen durchzogenen Wald. Man sah Equipagen dahinrollen, Reiter tummelten ihre Pferde, Fußgänger schritten dahin. Doch war jetzt nicht die Zeit des Praterlebens, die Kaffeehäuser zur Seite zeigten wenig Gäste. Nur um den Circus, wo jetzt die Beranek’sche Gesellschaft Vorstellungen gab, sah man dichtere Menschengruppen. Wir ließen uns in einem Kaffeehaus nieder und stärkten uns durch Salami und ein wohlschmeckendes leichtes Bier. Ich bemerkte auf der ganzen Reise, daß der Oesterreicher die starken Getränke nicht liebt. Der österreichische Wein ist lieblich und mild, aber bei Weitem nicht so stark wie die Weine des Elbthales. Die starken Biere, die sich von Baiern aus nach dem Norden von Deutschland verbreitet haben, fanden in Oesterreich keine Liebhaber. Den Branntwein kennt man fast gar nicht, mit Ausnahme des Sliwowitzer.

Wir begaben uns nach dem sogenannten Wurstelprater; hier befinden sich mehrere kleine Kneipen und Schenken mit Kegelbahnen und Caroussels und derartige Anstalten, wo einige Kinderwärterinnen und Soldaten sich eingefunden hatten. Es war ein trüber Abend, der die Menschen in’s Freie zu locken durchaus nicht geeignet war. Am Ausgange des Praters saß ein alter, grauer Invalid vor einem Tischchen, auf welchem sein einziger Freund, ein kleiner Hund, dürftig angeputzt, bei einem Metallgefäßchen saß, in welches wir einige Kreuzer einlegten.

Wir schlenderten durch die Jägerzeile der Stadt zu und gingen durch die außerordentlich belebten Straßen, deren Kaufläden sehr glänzend erleuchtet waren. Der Menschen waren bei Weitem mehr auf den Beinen als am Tage. An der Stephanskirche und anderen Stellen sah man erleuchtete Heiligenbilder. Wir schritten dann auch über die Kettenbrücke, die hübsche Aussichten auf beiden Seiten darbietet, und gelangten wiederum zur Leopoldstadt und dem Gasthof, um von den vielfachen, reichen Anschauungen des Tages auszuruhen.

Donnerstag, den 18. September, gingen wir zuerst in das Kaffeehaus und von hier zunächst nach der Karlskirche, die wir bis jetzt nur von außen kennen gelernt. Das Innere ist überaus prachtvoll, die rothen Marmorsäulen tragen die _al fresco_ gemalte Kuppel. Sie ist gleich der Peterskirche von Johann Fischer von Erlach, dem genialen Baumeister des prachtliebenden Karls VI., gebaut. Auf dem Glacis exercirte ungarische Infanterie, doch mit deutschem Commando, welches durch die ganze Kaiserliche Armee geht. Die Bewegungen waren ruhig und sicher.

Nun schritten wir zum Kärnthner Thor herein und begaben uns nach dem Josephsplatz, um in das Kaiserliche ~Naturalienkabinet~ zu gehen. Man wies uns zuerst in das Parterre, das lediglich für die Säugethiere bestimmt ist. Hier sah ich zum ersten Male das Wallroß so wie seine Verwandten. Unter den übrigen waren die Dickhäuter, wie Elephanten, Nashörner, Tapire, Nilpferde trefflich vertreten. Sehr reich war die Sammlung der Antilopen, Bären, Büffel, Giraffen, Ure u. s. w. Auch die Hunde- und Katzenarten waren in großer Vollständigkeit aufgestellt. Nicht minder reich war die Sammlung der Vögel aller Welttheile in prächtig erhaltenen Exemplaren, worunter namentlich die farbenreichen Tauben, Hühner, Colibri, Papagaien und die Wasservögel zu längerem Verweilen nöthigten. Zuletzt sahen wir die Fische, die theils in trefflich ausgestopften Exemplaren, theils in Spiritus aufbewahrt wurden. Die meisten befanden sich in Gläsern, die eigens nach der Gestalt der Insassen, theils oval, theils platt gefertigt waren. Die Namen waren überall beigefügt und die ganze Ausstellung streng systematisch. In einer der Abtheilungen sah man die gesammten Fischzähne, nach ihrer Form in meißel-, messerförmige u. a. gesondert, aufgestellt.

Mein Begleiter wünschte nun aber endlich die ~Mineraliensammlung~ zu betreten, die freilich heute dem Publicum nicht geöffnet war. Wir begaben uns jedoch dahin, ließen unsere Karten dem Custoden desselben, Herrn von Partsch, übergeben und erhielten vorläufig die Einladung, immer in den Saal zu treten. Das ist nun freilich eine Kaiserliche Mineraliensammlung, die mehrere Säle einnimmt. Die Mineralien sind nach dem System unseres Landsmannes, Friedrich Mohs, geordnet, dessen Büste in Marmor hier aufgestellt ist. In der Mitte der Säle befindet sich eine Reihe von Glaspulten, welche eine Propädeutik der Mineralogie enthalten. Sie beginnt mit einer Sammlung der Krystallformen; es folgt die Darstellung der Farben, des Glanzes, der Formen des Bruches, der Härte, so daß alle bei der Bestimmung der äußerlichen Merkmale der Fossilien vorkommenden Ausdrücke, wie weingelb, lauchgrün, hellglänzend, muscheliger Bruch u. s. w., dem Lernenden vor Augen gestellt sind. Darauf kommt eine Sammlung der in der plastischen und Baukunst angewendeten Steine. Darunter befinden sich ein kostbarer Etiki oder neuseeländischer, froschartiger Götze aus dunkelgrünem Nephrit, prächtige Schalen aus Yade, eine außerordentlich reiche Sammlung geschliffener Marmore, Porphyre, Granite, Achate und Edelsteine; bei dieser technischen Abtheilung sieht man ferner Probestücke vom Material der berühmtesten Gebäude aller Zeiten, Obeliskengranit, Pariser, Wiener, Dresdner Straßenpflaster, ferner den im Norden von Europa zu Waffen und Werkzeugen verwendeten Feuerstein. Eine andere Abtheilung bietet die technische Sammlung der Metalle dar. Die Golde, Platine und Silber, in gediegenem und vererztem Zustande, sind überaus reich vertreten.

Nachdem nun der Beschauer auf diese Art gehörig mit allen Ausdrücken der mineralogischen Sprache bekannt gemacht worden ist, beginnt die eigentliche oryktognostische Sammlung mit dem Gas und Wasser. Bei dem letzten Pulte der Mitte wird der Beschauer an die Wand gewiesen, wo die Pulte sich fortsetzen, über denen aber Glasschränke sich erheben, in welchen auf sauberen Consolen die auserlesenen Schaustücke aufgestellt sind.

Wir waren noch im ersten Saale, als Herr Custos v. Partsch erschien und uns auf das Herzlichste begrüßte. Er war so gütig, meinem Sohne zu gestatten, auch an den, dem Publicum nicht gewidmeten Tagen das Museum zu besuchen. Er erklärte uns das System, nach welchem das Ganze geordnet, und führte uns deshalb durch alle Räume. Nachdem wir so eine Totalübersicht des Ganzen gewonnen und einen Hauptabschnitt beendigt, beurlaubten wir uns. Wir waren seit sieben Uhr auf den Beinen, und ein sehr mahnender Hunger stellte sich bei uns ein. Wir begaben uns in das Michaeler Brauhaus, nahmen eiligst einen Imbiß, und mein Sohn kehrte in das Mineralienkabinet zurück, während ich den Cursus durch einige Kirchen fortsetzte, auch die öffentlichen Plätze und Thore in Augenschein nahm. Wie schon bemerkt, das Innere der Stadt ist nicht reich an großen Plätzen, doch sind sie durchweg mit stattlichen Gebäuden und schönen Brunnen besetzt, die denselben ein sehr vornehmes Ansehen geben. Alle diese Kirchen, die Michaeler, die Franciskaner-, die Peterskirche, sind sehr reich geschmückt, und ich fand sie immer besucht. In der Franciskanerkirche hielt mich ziemlich lange die Copie des Abendmahls von Leonardo da Vinci in römischer Mosaik fest. Dieses colossale Bild macht an der Wand und in dem prachtvollen Goldrahmen genau die Wirkung eines Oelgemäldes; doch hat die Mosaik vor dem Oelbild den unschätzbaren Vorzug, daß sie niemals nachdunkelt und, wenn sonst keine gewaltsame Zertrümmerung Statt findet, auch nicht so leicht von anderen Einflüssen zerstört wird.

Ich gab mich dem unbeschreiblichen Vergnügen hin, von Straße zu Straße ganz gemächlich hinzuschlendern, die Häuser, die Kaufläden, die Marktscenen, die Menschen, die Equipagen, die überreichen Erscheinungen aller Art, gemächlich und unbefangen zu betrachten. Es war das schönste, mildeste Wetter, und ich begab mich nun auch vor das Thor hinaus. Die breiten Glacis gewähren allerdings einen großartigen Anblick, da jenseits derselben die prachtvollsten Paläste und Gebäude hervortreten, an die sich zum Theil herrliche Gärten anschließen. Ich ging auf dem Asphalttrottoir vorwärts, ruhete auf den Bänken in dem Schatten der Baumreihen, betrachtete mir die Stadtmauern und Bastionen und gelangte mit dem Blicke immer wieder zur Spitze des Stephansthurmes.

Die Zeit mahnte jedoch zur Rückkehr, und ich begab mich nach dem Josephsplatze, um meinen noch immer im Mineralienkabinet schwelgenden Sohn zu erwarten. Ich betrachtete abermals Zauner’s Meisterwerk, das auf dem fast feierlichen Platze stets einen überaus tiefen Eindruck macht und die Erinnerung an den edlen Habsburger, an Joseph II., weckt. Er steht hier nach einem mühevollen Leben, voll redlichen Strebens und rastloser Arbeit. Die Nachwelt hat sich bemüht, mit großer Gewissenhaftigkeit alle kleinen Schwächen dieses nur Großes anstrebenden Fürsten bis in die geringfügigsten Einzelnheiten zu verfolgen. Am Fußgestell lies’t man: _Josepho II. Aug. qui Saluti publicae vixit non diu sed totus_ und _Franciscus Rom. et Austr. Imp. ex fratre nepos alteri parenti posuit 1806_. -- Eine andere Inschrift war noch in Vorschlag, die von dem Alterthumsforscher, Hofrath von Birkenstock herrührte: _Josepho II., arduis nato -- magnis perfuncto -- majoribus praerepto_.

Jetzt kam mein Sohn mit freudestrahlendem Gesicht die Treppe herunter und hatte nun vollauf zu berichten von der unendlichen Fülle der Schätze, die er gesehen, beseelt von dem Wunsche, noch länger dort oben studiren zu können.

Wir aber begaben uns nach dem Gasthofe, machten uns reisefertig und stiegen in einen der niedrigen, für 9 Personen eingerichteten Omnibus, die alle halbe Stunden vom Graben und von anderen Plätzen aus nach Schönbrunn fahren.

Wir gelangten durch die Burg auf das Glacis und die unendlich langen, außerordentlich belebten Straßen der Vorstädte. Jenseits der Linien wurden die Häuser dünner. In der Ferne traten die blauen Berge hervor, und endlich lag die prachtvolle Façade von Schönbrunn vor uns, über welchem sich auf grüner Basis die stattliche Gloriette erhebt.

Wir fuhren in den großen Hof ein, stiegen aus dem nach Hietzing weiter eilenden Wagen und schritten durch die Halle des Schlosses, in welchem stattliche grün gekleidete Garden die Wache halten.

Wir treten aus dem Schloß. Vor uns breitet sich das große Parterre aus, das auf beiden Seiten mit hohen, grünen Laubwänden abgekränzt ist. An denselben stehen mehrere Statüen aus weißem Salzburger Marmor.

Man schreitet nun auf den wohlgepflegten Sandwegen vorwärts und sieht in die zur Seite sich hinziehenden langen Laub- und Baumgänge. Man gelangt zu dem Fuß eines langhingestreckten Hügels, wo ein mit weißem Marmor eingefaßtes oblonges Wasserbecken lagert, in welchem eine zahllose Menge von rothen, gold- und silberglänzenden und geschäckten Fischen sich tummelt. Dahinter erhebt sich eine colossale Gruppe aus weißem Marmor, von Neptun mit Najaden, Tritonen und Seepferden gebildet, die auf dem grünen Hintergrund sich stattlich ausnimmt. Man steigt nun den Hügel hinan und befindet sich endlich an der sogenannten Gloriette, d. h. an einem Gebäude von 300 Fuß Länge, das eine triumphbogenartige Bogenhalle bildet, die 60 Fuß hoch ist. Man steigt durch eine Wendeltreppe auf die Plattform und hat von hier aus vor sich das Häusermeer von Wien, das sich um den Stephansthurm schaart. Es ist ein wundervoller Anblick! In der Mitte der Plattform erhebt sich der colossale Kaiserliche Adler aus weißem Marmor.

Wir stiegen herab, nachdem wir Zeuge gewesen, wie polnische Damen und Herren ihre Namen an den Adler angeschrieben.