Chapter 8 of 10 · 3920 words · ~20 min read

Part 8

Wir kehrten, da ein Regenwetter aus Nordost heranzog, in das Haus zurück und begaben uns in das neben dem Refectorium gelegene Billardzimmer, dessen Wände mit einer kleinen Bildergalerie verziert sind. Wir fanden hier den _Pater venerabilis_ Victorinus, der in den Kriegsjahren um 1809 eine dem Stifte gehörige Pfarrei innehatte. Er erwähnte, daß damals ein königl. sächsischer Hauptmann bei ihm im Quartiere gelegen, der ihm gegen die Anforderungen der Kriegsvölker schützende Abwehr geschafft habe. In jenen Tagen litten die Stifter Oesterreichs außerordentlich. Die französischen Soldaten richteten besonders in den Weinkellern gewaltige Verheerungen an. Dem Kloster Göttweig hätte die Ehre, Napoleon einige Stunden zu beherbergen, fast den Untergang gebracht. Der Kaiser hatte sich in den Kaiserzimmern mit einigen Generalen über die Operationen berathen. Da bemerkt ein Adjutant, daß die mit Tapeten bekleideten Wände hohl sind, und beschuldigt die Väter, daß sie dem Kaiser diese Zimmer in der Absicht angewiesen, um in den hohlen Wänden einen Horcher aufzustellen. Man überzeugte jedoch die kriegerischen Gäste von der Nichtigkeit dieses Verdachtes. Der gute Vater Victorin erzählte noch manchen Zug aus den unheilvollen Kriegsjahren, bis wir, dem Rufe der Glocke folgend, uns in das Refectorium begaben.

Es waren bei dem Herrn Prälaten eben Briefe aus Ungarn eingegangen, wo das Stift Göttweig ansehnliche Besitzungen in dem Kloster ~Zalavar~ inne hat. Dieses Gebiet ist von bei Weitem größerem Umfange als das, welches es in Oesterreich besitzt. Der Abt sprach die Hoffnung aus, daß, wenn nur erst die nächsten Folgen der Revolution beseitigt und der Anbau jenes reich begabten, fruchtbaren Landes in ernsten Angriff genommen worden, dem Staate sich dort ganz frische Quellen des Einkommens eröffnen würden. Das größte unter den äußeren Hemmnissen sey der Mangel an Straßen und anderen Verkehrsmitteln. Der Prälat besucht von Zeit zu Zeit jenes Stiftsgebiet. Das Gespräch wandte sich nun noch den Erlebnissen der Jahre 1848 und 1849 zu; der Abt war damals zu Wien bei dem Reichstage anwesend, umgeben von den Schrecknissen der Revolution. Wir saßen noch lange in der Besprechung damaliger Zustände und in gegenseitigen Mittheilungen der Einzelheiten.

Sonntag, den 14. September, begab ich mich zeitig an den Schreibtisch. Draußen tobte der Sturm und warf Regenströme an die Fenster. Ich begann die Copie der Legende der heiligen Catharina aus der wohlerhaltenen, zierlichen Pergamenthandschrift. Unser Freund erschien nach dem Frühstück und fragte an, ob wir wohl geneigt wären, die Kirchenmusik mit anzuhören; ich nahm den Vorschlag mit Dank an und bat nur, daß man uns in der Kirche einen Platz anweisen möge, wo wir durch unsere Gegenwart keine Störung verursachen könnten. Bald darauf klangen die wohlgestimmten Glocken der Kirche, durch die Wolken brach sich ein Sonnenstrahl Bahn. Vom Corridor aus sah man Landleute zur Kirche schreiten. Halb Zehn erschien unser Freund und geleitete uns auf das Musikchor; hier saßen einige der Herren Benedictiner mit ihren Streichinstrumenten bereits an den Pulten; der eine spielte Cello, ein alter achtzigjähriger Herr handhabte den Violon, vor den Pauken saß Pater Paulus, ein ebenfalls schon sehr bejahrter Herr. Nächstdem verstärkten einige Laien die Musik. Der _Regens chori_, Pater Hermann, stand bei dem Chor der Knaben.

Die Messe war von Michael Haydn und wurde von den Mitwirkenden mit wahrer Meisterschaft ausgeführt. Die Krone des Ganzen war meinem Gefühl nach das Ave Maria von Michael Haydn. Wir verließen mit herzlichem Dank für diese musikalische Anregung sodann die Kirche, deren Altar sich heute im reichen Kerzenschimmer überaus stattlich ausnahm. Das Presbyterium oder der hohe Chor ist um 13 Stufen über dem Schiff der Kirche erhöht, so daß die im Schiffe versammelten Andächtigen die heiligen Handlungen fortwährend im Auge haben.

Wir begaben uns hierauf in dasjenige Thurmzimmer, welches die Alterthümer, die Münzen und die Kupferstiche enthält. Wir sahen zunächst die Münzen. Besonders zahlreich und vollständig sind die römischen vertreten, unter denen wir Prachtexemplare in Gold und Silber fanden. Doch fehlt es auch nicht an jenen griechischen Goldmünzen, welche als wohlerhaltene Kunstwerke erscheinen. Man zeigte uns ferner eine große Anzahl mittelalterlicher Bracteaten, dann wohlbesetzte Reihen größerer Medaillen in Silber, dabei auch die auf Gottfried Bessel mit der Ansicht des Klosters (siehe das Titelblatt).

Wir vernahmen die Mittagsglocke und eilten nach dem Refectorium; auf dem Corridor trafen wir den Herrn Prälaten. Heute zum Sonntag ward ein Gericht mehr aufgetragen, auch nach dem Essen Kaffee servirt. Nach Tische begaben wir uns in das Billardzimmer, um die hier aufgehängten Gemälde näher zu betrachten. Es sind meist Genrebilder und Landschaften der deutschen und niederländischen Schule. Ersterer gehört ein Mann in der Tracht des 16. Jahrhunderts, der den Virgilius studirt, letzterer eine überaus eigenthümliche Allegorie. Auf einem Pulte liegt ein geschlossenes Buch in einem jener leichten Pergamentbände, wie sie im 17. Jahrhunderte in Spanien und den spanischen Niederlanden üblich waren. Daneben steht ein Messingleuchter mit Lichtscheere und einem ziemlich niedergebrannten verlöschten Lichte. Dahinter machen sich Urnen, ein Todtenkopf, bronzene Münzen und Lampen bemerklich, wie die Ausgrabungen altrömischer Culturstätten sie liefern. Durch eine geöffnete Thüre blickt man in ein antiquarisches Museum. An der Wand des ersten Zimmers sind Bilder aufgehängt, eine ländliche verliebte Scene, ein betender Mann, eine Landschaft und ein Alchymist. Wir versuchten die Deutung dieser Zusammenstellung. Einer der Alterthumsfreunde, wie sie seit dem 16. Jahrhunderte am Niederrheine und in den Niederlanden durch die dort gefundenen Römerdenkmale herangebildet wurden, scheint hier seine Lebensansicht bildlich ausgedrückt zu haben. Er bekümmerte sich nicht um die durch Kriege zerrissene Gegenwart, sondern zog sich in die frühe Vorzeit zurück, der er in seinen bescheidenen Räumen einen Tempel errichtet hatte. Die Freuden der Liebe hatte er an den Nagel gehängt, ebenso die kostspieligen alchymistischen Versuche und die von umherstreifenden Kriegsleuten unsicher gemachten Landschaften. Wir waren zweifelhaft, was das Bild des Betenden bedeute. Nicht unwahrscheinlich ist, daß jener Zeitgenosse von Chevalier, Smetius, den Scaligern und anderen Philologen zu einem geheimen Cultus der olympischen Götter geneigter war als zu der Befolgung der vom Staate anerkannten Gebräuche.

Unter den hier aufgehängten Bildern hatte man zwei Landschaften mit Wasserfällen früher als Salvator Rosa bezeichnet. Vorzüglich waren zwei reiche Fruchtstücke mit Kürbis und Melone. Von den übrigen nenne ich nur Landschaften von Brand, 1789, kleine Scenen von dem fruchtbaren Kremser Schmid, dann ein Frühstück, Punsch, Champagner und Weintrauben, überaus fleißig ausgeführt. Es fehlte nicht an Aquarellen. Die ganze Sammlung mag etwas über 100 Nummern haben. Sie ist erst in neuer Zeit zusammengestellt worden und lag früher unbeachtet in abgelegenen Räumen wild durcheinander.

Von hier begaben wir uns abermals in das Thurmzimmer zu den Münzen und Kupferstichen. Diese kostbare Sammlung füllt über 200 Bände, und die deutsche Schule allein hat 12000 Blätter, über welche Pater Vincenz Werl ein sorgfältiges Verzeichniß gefertigt hat. Hier zeigte man uns einen ganz eigenthümlichen Calender, einen Prachtband, der 12 Doppeltafeln enthält, welche die in Email ausgeführten Bilder der Calenderheiligen vorstellen.

In dem Vorzimmer sind viele Reliefs in Marmor, Alabaster und Bronze aufgehängt. Ein Schrank enthält Majolicagefäße, gemalte und geschliffene Glasbecher, Elfenbeinkrüge, Becher, die aus Nautilus und anderen Muscheln gebildet sind; man sieht hier ferner allerlei orientalische Messer, Handschare, Jagdblätter, Dolche, Schuhe, Specksteinfiguren, eine Corda; dann sind mehrere kleine vorrömische und römische Gefäße vorhanden, die in hiesiger Gegend ausgegraben werden, unter anderen eine Framea, ein Legionstein mit der Inschrift: _LEG. II. PR. I._ und einem strahlenumgebenen Mithraskopfe, dann aber auch eine große Anzahl römischer Urnen und Gefäße von der bekannten, in den Grenzprovinzen üblichen Gestalt. Zu den Seltenheiten des Cabinets gehört eine Holztafel, die mit byzantinischem Schnitzwerk bedeckt ist.

Während nun mein Gefährte in die Naturalienkammer sich begab, um dort seine Arbeit fortzusetzen, schrieb ich fleißig an meiner Legende, bis die Dämmerung mich aufzuhören nöthigte und der Freund uns in das Zimmer des _Regens chori_ geleitete.

Hier war Kammermusik. Einige der Herren spielten ein Quartett von Mozart auf. In dem großen, hohen Zimmer nahm die Musik sich trefflich aus, zumal da die wenigen Zuhörer, worunter ein alter weltlicher Beamteter des Stiftes, sorgfältig jede Störung vermieden. Da konnte man so recht diesen Tönen folgen und dem bunten Leben, das sie entwickeln. War doch dieses Quartett ein Blick in das menschliche Leben. Die vier Instrumente stellten gleichsam vier Personen dar; die erste Violine einen jungen Menschen, dessen unbestimmtes, extravagantes Wesen immer oben hinaus will und dem die zweite Violine gar zu gern Gesellschaft leistet. Das Cello lenkt aber immer wieder mit unablässiger Milde und Geduld in die rechte Bahn hinein, und es sendet oft die Bratsche nach, die ihn zurückzuführen sich bemüht, bis er denn am Ende mit den älteren Gefährten willig geht und alle Viere in schöner Harmonie dahin schreiten.

Diese Saiteninstrumente haben nun freilich den Vorzug größeren Ausdrucks. Der Künstler bildet und schafft die Töne selbst, er kann, wie Pater Heinrich sagte, mit dem Herzen spielen, und somit dringen auch seine Töne wieder zum Herzen.

In den Pausen kamen auch allerlei Erlebnisse zur Sprache, welche die Herren sowohl in ihrer Jugend in den Seminarien, als später in ihrer Stellung als _Regentes chori_ erlebt hatten. Bei dem Stift Göttweig besteht nicht allein eine Lehranstalt für junge Theologen, sondern es ist auch hier eine Schule, ein Alumnat für die Sängerknaben des Chors.

Pater Heinrich war früher Vorsteher derselben gewesen, Pater Rudolf darin erzogen worden. Wie überall ist auch hier die liebe Jugend gleich der ersten Violine zu allerlei Unfertigkeiten und Tollheiten geneigt. Auch hier hält sie gleich den Kletten zusammen und duldet keinen Verrath.

Pater Wilhelm erzählte eine Geschichte, die sich vor geraumer Zeit in einem der österreichischen Seminare zugetragen: Einer der Seminaristen hatte den Urheber einer Tollheit dem Lehrer verrathen. Da beschließen seine Cameraden, demselben eine Strafe angedeihen zu lassen, die an die Handlungen der alten Vehme erinnert. Das Loos sollte Denjenigen bestimmen, der an dem Delinquenten dieselbe zu vollziehen habe. Man kam überein, daß Keiner dem Anderen sagen solle, ob und welches Loos er gezogen. Die Zeit der Rache naht, die Mitternachtstunde schlägt. Der ganze Cötus erhebt sich auf einmal aus den Betten, schreitet mit den über den Kopf gehängten Bettdecken in feierlichem Zuge um das Bett des Sträflings, so daß diesem vor Entsetzen schier das Blut in den Adern gerinnt. Zuletzt tritt der vom Loos Gewählte an sein Bett heran und versetzt ihm eine tüchtige Ohrfeige, worauf Alles wieder in die Betten fährt. Es war unmöglich, den Thäter zu ermitteln.

Indessen rief die Glocke zur Abendtafel, wo noch anderweite Geschichten dieser Art uns lange versammelt hielten, so daß wir ziemlich spät erst zur Ruhe gelangten.

Die folgende Nacht brachte argen Sturm und heftige Regengüsse, der Morgen des 15. Septembers aber in dem Donauthale ein wundervolles Himmelschauspiel. Der scharfe Ostwind trieb von der Wiener Gegend eine gewaltige Wolkenmasse herein, die uns den Anblick der jenseits der Donau gelegenen Berge theilweise verdeckte. Diese waren von der Sonne beleuchtet und glänzten, wenn die Wolken einmal rissen, dahinter hervor. Dann drehte der Wind die Spitzen der Wolken zusammen, so daß sie sich ballten. Wie sie dem Klosterberge naheten, sprühete ein feiner Regen daraus hervor.

Ich beendigte mittlerweile meine Abschrift der Catharinenlegende. Dann aber führte uns der Freund abermals in die Kirche, wo wir uns die Gemälde und die hinter dem Altare angebrachte Capitelstube ansahen, in deren Mitte ein unter dem Fußboden befindlicher Ofen angebracht war. Diese unter dem Fußboden gelegenen Oefen, wie sie ehedem in römischen Gebäuden und heute noch in China üblich, sind ohnstreitig überaus zweckmäßig, und es ist unbegreiflich, warum sie in der bürgerlichen Baukunst von Mitteleuropa gar keinen Eingang haben finden wollen.

Wir sahen dann in einer halbunterirdischen Vorhalle die aus rothem Marmor gearbeiteten Grabsteine der älteren Aebte, die jedoch nicht über das 15. Jahrhundert hinausgehen. Wir gingen darauf in die Apotheke. Sie ist überaus stattlich eingerichtet und mit der Büste eines Pferdes verziert, das an der Stirn ein prachtvolles Narwalhorn trägt. Ein anderes, nicht minder schönes Exemplar wird nebenher aufbewahrt. Es waren außerdem noch mehrere Haifische und Schildkröten aufgehängt. Die Gefäße befanden sich im besten Stand.

Hinter der Apotheke ist der Ueberrest des vom Feuer verschonten Kreuzganges, den der Apotheker für seine Zwecke benutzt. Auch hier sahen wir noch mehrere Inschriften, die Erbauungsjahre andeutend, und Grabsteine, unter denen sich der eines Abtes vor allen durch treffliche Arbeit auszeichnete. Er hatte jedenfalls ehedem auf einer Tumba gelegen, stand jetzt aber an der Wand. Der alte geistliche Herr war in seiner Amtstracht dargestellt, mit Mütze, Handschuhen und Mantel bekleidet und auf das Paradebett hingestreckt. Der Stein war gemalt, übrigens aber, bis auf die Nase, ganz wohl erhalten. Ich drückte dem Freunde den Wunsch aus, daß man doch diese ganz interessanten Kunstdenkmale sammeln und irgendwo vereinigt der Betrachtung darbieten möge. So im Getriebe des Verkehrs sind sie doch nur steten Beschädigungen ausgesetzt.

Von hier begaben wir uns in die sogenannten Kaiserzimmer, zu denen von dem Sommerrefectorium eine Thür führt. Das erste derselben ist mit gewirkten Tapeten von Arras bekleidet, welche niederländische Landschaften mit Bauerstaffagen darstellen. Die venetianischen Spiegel sind mit prachtvollen Rahmen versehen. In dem zweiten Zimmer herrscht mehr moderner Geschmack, man sieht darin die Büste des Kaisers Alexander von Rußland und die Oelgemälde des Kaisers Ferdinand und seiner Gemahlin. Die Stühle sind ebenfalls mit gewebtem Zeuge überzogen und die Darstellungen mit französischen Devisen illustrirt. Wir begaben uns von da in ein anderes Thurmzimmer, das eine reizende Aussicht nach Dürrenstein, Stein, Krems und der Wiener Gegend darbietet. Eine Eigenschaft, die sämmtliche Zimmer des Stiftes theilen.

Nach Tische wurde zuvörderst bei dem Herrn Prälaten der Kaffee eingenommen. Darauf hatte mein Sohn die Ehre, demselben die von ihm heute beendigte Aufstellung der Mineraliensammlung zu zeigen. Bei dieser Gelegenheit wurde nun manches der werthvollen Stücke, an denen die Sammlung so reich ist, in näheren Augenschein genommen und die Eigenthümlichkeiten desselben betrachtet.

Wir begleiteten sodann unsern Freund auf sein Zimmer, wo wir die in einen Prachtband vereinigten vier ältesten Denkmale der Buchdruckerei betrachteten. Er zeigte uns ferner seine entomologischen Sammlungen und seine literarischen Apparate. Die Herren sind ganz gut untergebracht. Ein Jeder hat ein größeres und ein kleineres Zimmer, ganz nach eigenem Geschmack eingerichtet, wo er seine Apparate beisammen hat.

Wir begaben uns sodann in die Keller des Stiftes, die sehr geräumig und der Größe der ganzen Anstalt entsprechend sind. Von hier stiegen wir auf den einen Kirchthurm, um die ansehnliche Glocke in Augenschein zu nehmen. Die Thürme der Kirche sind freilich nicht ausgebaut, man hat ein Dach aufgesetzt, um das Gemäuer gegen das Wetter zu schützen. Eben so fehlt auch die Kuppel, die man der Kirche zugedacht. Wäre der ganze großartige Plan ausgeführt worden, so würde die Abtei Göttweig unstreitig eines der stattlichsten Gebäude in Deutschland geworden sein. Wie jetzt die Sachen stehen, dürfte kaum daran zu denken seyn, daß eine Vollendung jenes Planes je Statt finden werde. Die moderne Zeit hat eine anerkennenswerthe Geschicklichkeit im Zerstören und Verfallen. Zum Erhalten fehlt ihr die liebreiche Ehrfurcht für die Absichten der Väter.

Wir sahen ferner die sechs Kanonen, welche als letztes Mittel gegen rohe Gewalt hier in Bereitschaft stehen. Es sind freilich nur Dreipfünder, allerdings gar sauber aus Bronze gegossen und auf tüchtigen Gestellen -- aber wir sahen Gewaltige fallen, denen mehr als sechs Dreipfünder zu Gebote standen.

»~Die Zeit der Stifte und Klöster ist vorüber.~« Dieses harte Wort hörten wir mehrmals auf österreichischer Erde! Als wir bei Traunkirchen mit dem Dampfschiffe vorüber fuhren, sagte ein vielgereiseter kluger junger Mann hebräischer Abkunft: Die Pfaffen haben sich doch immer die besten Plätze ausgesucht. Man muß sie ihnen abnehmen. Ich bemerkte ihm, daß alle diese geistlichen Stifte Privateigenthum seyen, wozu der Staat nie einen Heller gegeben, und daß es ein himmelschreiendes Unrecht, wenn man die Hand darnach ausstrecke. Unsere Urväter haben aus Dankbarkeit für die vielfachen, nicht blos geistlichen, sondern auch oft sehr materiellen und reellen Nutzen bringenden Wohlthaten der Kirche diese Stifte beschenkt. Sie rechneten darauf, daß die Urenkel für ihre Stiftungen dieselbe Ehrfurcht haben würden, welche sie für die Vermächtnisse ihrer Väter hatten. Die Mönche, denen sie Felder und Gelder übergaben, unterrichteten ihre Kinder, schrieben und lasen ihre Briefe und Urkunden, milderten ihren Zorn und ihre Wildheit, verklärten ihr Gemüth, trösteten sie in Noth, Angst und Tod, pflegten sie, wenn sie elend und krank waren, lehrten sie das wüste Land anbauen, brachten ihnen aus der Ferne nutzbare Samen und Kräuter, schützten ihre Unterthanen gegen ihren Jähzorn, unterrichteten sie in nützlichen Künsten -- sie begruben ferner die Todten unserer Väter, erhielten das Andenken derselben und waren ihre treuen Rathgeber und Freunde. Der Jüngling konnte diese Thatsachen nicht widerlegen.

Die neue Zeit ist stark im Vergessen, daher ihre Undankbarkeit.

Es machten die sechs Dreipfünder einen gar traurigen Eindruck auf mich. Sie kamen mir vor, wie Schienen an einem gebrochenen Arm, wie Binden an einer Wunde.

Wir traten aus dem Thore und umschritten den Berg, da die Sonne eben mild und freundlich, wie tröstend das Benedictinerstift bestrahlte. Der Berg ist mit wohlerhaltenen Wegen umgeben, an denen hie und da Ruhebänke angebracht sind. Unter den Kiefern suchten wir uns Blumen zum Andenken an die Stätte, wo uns so viel Wohlwollen und Liebe zu Theil geworden. Wir fanden noch blühende Erdbeerstauden. Weiterhin hütete ein Hirt seine Schafheerde, begleitet von einem jener kolossalen Hunde, die hier zu Lande heimisch sind und die unsere Bewunderung erregt hatten. Wir gelangten zu einer felsigen Partie, die einen prächtigen Anblick in’s Thal gewährte. Dann stiegen wir aufwärts zu einem Pavillon, unter welchem sich der Ausfluß des aus dem Thale gehobenen Wassers befindet. Nahe dabei ist auch die Bahn, auf welcher die Holzvorräthe heraufgeschafft werden.

Wir traten dann an den, an der Südseite des Stiftes gelegenen Blumengarten, wo die herbstlichen Astern bereits ihre Blüthe entfaltet hatten. Nicht minder freute uns das muntere Leben, welches hier eine allerliebste Katzenfamilie entwickelte, welche gemeinsam die zierlichsten Arabesken um Blumenstengel und Rosenstämmchen bildete.

Wir begaben uns sodann in das gemüthliche Zimmer des _Regens chori_. Die Freunde ergriffen die Saiteninstrumente und erfreuten uns durch ein Trio von Beethoven, bis die Glocke zur Abendtafel rief, nach deren Beendigung wir noch lange beisammen waren.

Dienstag, der 16. September, brachte einen schönen klaren Morgen mit einem frischen Nordostwind. Wir waren eben am Kaffeetisch, als es klopfte. Der Herr Prälat trat in Reisekleidern zu uns; er hatte eine Berufsreise nach St. Pölten vor. Wir nahmen herzlichen Abschied und drückten dem trefflichen Herrn unseren innigen Dank aus für das liebevolle Wohlwollen, das er uns bewiesen hatte. Wir begleiteten ihn an seinen Wagen, in den er mit dem Pater Kämmerer einstieg.

Ich begab mich sodann in das Sommerrefectorium, um das von dem genialen Pyß ausgeführte Deckengemälde nochmals genauer in Augenschein zu nehmen. Es stellt die Hochzeit zu Kanaan dar. Der Künstler hat da, wo die Wände an die Decke stoßen, ein Geländer angebracht, hinter welchem in antiken Baulichkeiten die Gestalten in frischen Farben erscheinen. Er selbst ist über einer Thür, den Hut in der Hand und flott herabgrüßend, zu sehen. Es ist eine kräftige lebensfrohe Gestalt.

Die Wände des Refectoriums sind mit Klosteransichten und den Portraits von Franz I. und Maria Theresia geschmückt. Die Hauptbilder stellen Göttweig dar, gemalt von Joh. Sam. Hötzendorffer, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in dem Kloster lebte. Das eine Bild zeigt das Stiftsgebäude in der Gestalt, die es vor dem Brande gehabt, das andere dasselbe in der Vollendung des großartigen Planes, mit ausgebauten Thürmen und der Kuppel. Jedes dieser Gemälde ist über zehn Schritt lang. Die kleineren Bilder stellen Landhäuser dar, die das Kloster in der Nähe besitzt. Die Bilder sind mit großer Feinheit und Leichtigkeit ausgeführt.

Von hier aus begaben wir uns abermals in die Kaiserzimmer, dann aber in die bei der Kirche befindliche Schatzkammer, die nicht minder schätzbare, aber doch meist moderne, aus dem vorigen Jahrhundert stammende Schmucksachen besitzt. Die Monstranzen, Kelche, die _Fistula Eucharistiae_, die silbernen Hände, die Abtstäbe, Ketten, Weihrauchgefäße, dann die Festkleider, Infuln, Casulen u. s. w. waren trefflich gehalten und in geräumigen Schränken aufgestellt. Am interessantesten waren mir der alte, einfache Abtstab des Bischofs Altmann und seine Gebeine, die in einem besonderen Behältnisse hier aufbewahrt wurden.

Indessen schlug die Stunde des Abschieds. Der Diener meldete, daß der Wagen bereit stehe. Die trefflichen Männer, die uns so viele Freundschaft bewiesen, geleiteten uns die Treppe hinab, und wir stiegen in den eleganten Wagen, den zwei kräftige Braune alsbald zum Thore hinauszogen. Der Fahrweg umschließt den hohen Klosterberg in weitem Bogen und gewährt schöne, reiche Aussichten in die Thäler. Wir kamen durch das Städtchen Furth und rollten immer abwärts und vorwärts. Göttweig zeigte sich nun in der Höhe, und wir sahen die Fenster unserer Zimmer. Diesmal gelangten wir auch in das Innere von Mautern. Im schönsten Sonnenschein fuhren wir über die breite Donaubrücke und bogen dann in die lange Straße, welche die Stadt Stein bildet. Wir hielten an der Hinterseite von Eder’s Gasthaus und entließen den treuen Fuhrmann.

Wir nahmen unser hier zurückgelassenes Gepäck in Empfang, besorgten die Billets zum Dampfschiff und ließen uns auf dem, der Donau zugewendeten, Balkon nieder, wo uns ein kräftiges Frühstück zur weiteren Fahrt stärkte.

Vor uns lag, allerdings in namhafter Ferne, auf hohem Berge das prächtige Benedictinerstift, wo wir so freundliche Aufnahme gefunden. Wie gern hätten wir noch länger hier oben verweilt unter den so kenntnißreichen, als wohlwollenden Männern. Wie manche Frage war uns noch übrig, wie wenig hatte ich von den handschriftlichen Schätzen der Bibliothek benutzen können.

Indessen war das Dampfschiff auf der Donau herabgeschwommen und legte sich an’s Land. Wir stiegen ein und nahmen auf dem Verdecke Platz. Das Schiff Marie Dorothea ward als besonders guter Segler geschildert.

Wir sahen so lange als möglich dem Stiftsberge nach -- endlich verschwand er. Der Himmel umzog sich mittlerweile mit Wolken; der Regen ward ärger, und wir mußten in die Kajüte flüchten, wo ich endlich von dem Geschwirr der Durcheinanderredenden in festen Schlummer gebracht wurde, bis mein Sohn mich benachrichtigte, daß der Regen nachgelassen. Ich stieg wieder auf das Verdeck, in der Ferne erschien ein dunkler Kirchenthurm -- es war der St. Stephansthurm von ~Wien~.

Bald war ~Nußdorf~ erreicht. An dem Ufer hielt eine Unzahl von Wagen, Omnibussen und Fiakern, zwischen Gepäck, Waarenballen und Kohlenbergen in der Straße. Gensdarmen schritten ordnend und beseitigend umher. Wir nahmen einen Fiaker in Beschlag, das Gepäck ward aufgenommen, und wir fuhren nun zwischen Landhäusern vorwärts, als es eben drei Uhr war. Bald waren wir in der Vorstadt; an der Linie fragte ein Mauthbeamter, ob wir Zollbares bei uns hätten, und als wir ihm erklärten, unser Gepäck bestehe nur in Kleidern, gebrauchter und frischer Wäsche, hieß er uns sofort weiter fahren. Ein Vertrauen, welches wohl Kapot und Uniformmütze meines Sohnes hervorgerufen.

Wir kamen nun in lange Straßen, an stattlichen Gebäuden vorüber, fuhren durch ein Thor und endlich über die Brücke nach der Leopoldstadt, und in das Thor des goldnen Lammes. Der Fiaker hatte uns versichert, daß wir kaum wo anders als hier ein Unterkommen finden würden, da eine Unzahl Fremder in der Stadt wäre. Der Fiaker verlangte 4 Gulden, wir sandten ihm drei durch den Portier und nahmen drei Treppen hoch ein Zimmer mit zwei Betten ein. Nachdem wir rasch unsere Toilette gemacht, traten wir die Wanderung durch die Stadt an.

Wir überschritten die hölzerne Ferdinandsbrücke, gingen durch das rothe Thurmthor und gelangten in die überaus belebten Straßen der Stadt. Wir hatten unser erstes Ziel, die Stephanskirche, bald erreicht und umschritten dieselbe. Dieser Dom ist allerdings ein wundervolles Bauwerk, vor Allem aber der Thurm, auf dessen reichen, organischen Ornamenten das Auge behaglich von Bogen zu Bogen hinaufsteigt. Welche Fülle von Einzelnheiten bei der so einfachen und sicheren Construction. Wie ernst, altehrwürdig und doch wieder wie gut erhalten und frisch. -- Immer kehrt aber das Auge zu dem Thurme zurück, der die meilenweit um ihn sich erhebenden Gebäude allesammt überragt. Wir treten in das Innere, dessen Verhältnisse dem Aeußeren entsprechen. Vor Allem fällt nächst der außerordentlichen Höhe die gewaltige Breite auf. Die Farbe der Säulen und Gewölbe ist ein von der Zeit geschaffenes Dunkelbraungrau, welches dem Hervortreten des architektonischen Details allerdings äußerst ungünstig ist.