Part 7
Bei Tische trafen wir mehrere Offiziere, anspruchlose heitere Männer, die sich ihre und ihrer Freunde Erlebnisse aus den letzten Kriegen mittheilten. Es macht einen freundlichen, wohlthuenden Eindruck, daß sich durchweg die in gleichem Grade stehenden Offiziere der Kaiserlichen Armee du nennen.
Wir verweilten nicht länger, als nothwendig, bei Tische und waren eben in unser Zimmer zurückgekehrt, als ein Brief aus der Heimath eintraf und die Versicherung brachte, daß dort Alles in bestem Wohlseyn. Briefe aus der Heimath sind dem Reisenden wahre Erquickungen, wenn ihr Inhalt ein befriedigender ist und wenn er schon Tage lang darauf gehofft hat.
Wir traten nun aufs Neue unsere Wanderung an; zunächst besuchten wir die Brücke und betrachteten die in der Nähe derselben gelagerten mannichfachen Schiffe; dann nahmen wir unsern Weg aufwärts am rechten Ufer des Stromes, dessen grünlich graue, trübe Fluth sehr rasch dahinströmt. Auf dieser Seite ist das Ufer gemauert. Es kamen gewaltige Holzflöße von Regensburg her. Bei einem Gasthofe mit öffentlichem Kegelgarten sah man ansehnliche Vorräthe von den Sohlenhofer Kalksteinplatten, die hier und längs der Donau zum Belegen der Hausfluren und Vorsäle benutzt werden und durchgängig einen Quadratfuß Flächeninhalt haben. Mancherlei Fuhrwerk begegnete uns auf der Straße, meist mit den kolossalen Pinzgauer Rossen bespannt. Wir bemerkten nächstdem auch hier die auffallende Größe und Wohlbeleibtheit der Hunde. Katzen sah man wenige. Was uns bereits in Salzburg und dessen Umgebungen aufgefallen, war die Seltenheit der Vögel in den Gefilden. Die bei uns so häufigen Krähen, Feldtauben, Sperlinge und andere Vögel erschienen außerordentlich selten. Wild haben wir gar nicht gesehen.
Es war uns noch übrig, den Kirchhof zu besuchen, der, außerhalb der Stadt gelegen, eine große Fläche Landes einnimmt. Man passirt zunächst den Linz-Gmundener Bahnhof und schreitet an einer langen, weißen Mauer hin, ehe man in die Allee tritt, die nach dem Eingange hinführt. Das Innere des Kirchhofs ist durch mehrere Mauern in verschiedene Räume getheilt. Wie in St. Sebastian zu Salzburg, ziehen sich längs der Mauern Familiengrabstätten hin, die jedoch nicht übermauert sind. Man war eben mit Hinwegräumung einiger Mauern beschäftigt. Das Ganze machte durchaus nicht den würdigen Eindruck der Salzburger Todtenstätten. An Denkmalen war wenig Ausgezeichnetes vorhanden. Auch vermißten wir die sorgfältige Pflege der Gräber. Gar auffallend war ein, wohl dem 17. Jahrhundert angehöriges Relief, welches in die Kirchhofmauer eingelassen war. Es war eine Darstellung der Sündfluth. Das Ganze war durch eine Wolkenschicht in zwei Theile geschieden. Der obere Theil zeigte eine wohlbesetzte Tafel, an welcher Männer und Frauen Speis’ und Trank im Uebermaß zu sich nahmen und sich herzten und küßten. Einer der Männer gab bereits die genossenen Speisen wieder von sich. Andere tanzten paarweise neben der Tafel. Links stand die Arche und vor derselben Vater Noah, der mit der Hand den in toller Lust sich ergötzenden Leuten abmahnend winkte. Ein Mann im Vordergrunde beantwortete diese Winke mit einer überaus unanständigen Geberde. Unterhalb der Wolkenschicht sah man die Sündfluth, Menschen und Thiere, mit den Wellen ringend und vergebens nach Rettung strebend. Die Figuren waren etwa sechs Zoll hoch, die Ausführung sehr mittelmäßig. Am Eingange des Kirchhofes war neben der Wohnung des Todtengräbers eine Menge zerbrochener Todtenkreuze und Sargbreter aufgehäuft, was den übelen Eindruck, den das Ganze machte, nicht eben zu mildern geeignet war.
Auf dieser Seite der Stadt beginnt die große Ebene, die sich bis hinter Wels zieht. Das Land ist gut angebaut, die Vorstädte dehnen sich hier weit heraus, unter anderen auch die sehr belebte Landstraße.
Wir begaben uns mit einbrechender Dämmerung nach Hause und nahmen eine neue Verpackung unserer Sachen vor, dann aber gingen wir in die Gaststube, wo wir Gesellschaft und belehrende Unterhaltung über österreichische Zustände fanden.
Der 12. September, Freitag, brachte einen wolkenbedeckten Himmel, welcher freilich für die bevorstehende Donaufahrt nicht eben tröstliche Aussichten verhieß. Wir verfügten uns nach dem Dampfschiffe Wien. Ein Kanonenschuß gab das Zeichen zur Abfahrt, und man suchte für das kleine Gepäck eine sichere Stätte in der Kajüte. Von den Ufern sah man im raschen Vorüberfliegen von hier aus durch den immer dichter strömenden Regen nur wenig mehr als den Schimmer der Gebäude. Man näherte sich dem Strudel und Wirbel, wir traten in die Mäntel gehüllt auf das Verdeck. Das Dampfschiff bezwingt jedoch die Wellen gar leicht, und der Reisende, der nicht besonders auf den Strudel aufmerksam gemacht wird, dürfte denselben leicht übersehen. Der Strom ist allerdings zwischen Felsen ziemlich zusammengedrängt, die selbst bei dem dichten Regengrau einen erhabenen Anblick gewähren. Der Name Ips, das im Nibelungenlied genannte Pechlarn, namentlich aber Mölk lockten uns aufs Neue aus der Kajüte. Namentlich stellt das Benedictinerstift Mölk sich überaus stattlich dar. Weiterhin folgt das liebliche Dürrenstein, über der Stadt sieht man die Trümmer des Schlosses, in dem Richard Löwenherz gefangen gehalten wurde.
Jetzt ließ auch der Regen nach, und wir gewahrten in der Ferne alsbald das Ziel unserer heutigen Fahrt, ~das große Benedictinerstift Göttweig~ auf dem runden 800 Fuß hohen Waldberge. Auf der Donau überholten wir einen flachen Kahn, in welchem 14 Pferde standen; sie schienen derartiger Fahrten gewohnt zu seyn und zeigten durchaus keine Befremdung über das vorbeibrausende Dampfschiff. Die Matrosen trafen nun Anstalt, den Mastbaum und den Schornstein niederzulassen, was mit Leichtigkeit bewerkstelligt wurde. Alsbald schlüpfte das Schiff durch die hölzerne Donaubrücke vor der Stadt ~Stein~ und schwenkte dann in großem Bogen dem Lande zu.
Stein liegt am Ufer der Donau lang hingedehnt, und die vielen hier aus- und eingeschifften Menschen und Waaren, sowie die zahlreich am Ufer aufgeschichteten Kästen, Fässer und Ballen zeigen, daß wir uns hier auf dem Stapelplatze von Mähren befinden. Wir begaben uns mit dem Gepäck in Eder’s Gasthaus und traten auf den nach der Donau gerichteten Balcon, von wo aus wir mit dem Fernglase uns die Gebäude von Göttweig näher zu bringen suchten. Wir bemerkten die langen Fensterreihen, die stattlichen Frontispize und Thürme.
Nachdem wir mit Speis’ und Trank uns erquickt, ergriffen wir die Reisetaschen und schritten am Ufer entlang nach der Donaubrücke, deren Länge 570 große Schritte beträgt. Wir schritten durch Mautern, ein alterthümliches, sonst unansehnliches Städtchen, und gelangten auf die Hochstraße, an welcher hie und da Betsäulen angebracht sind. Zu beiden Seiten ist wohl angebautes Feld. Wir bemerkten unter den Früchten auch Mais. Der Himmel schien sich zu lichten, in bester Hoffnung rollten wir unsere Mäntel auf und schritten rüstig fürbas. Es kam uns ein Gensdarm entgegen, der uns artig um unsere Pässe ersuchte und uns freundlichst Auskunft über den Fußweg nach dem Stift ertheilte.
Der Weg steigt fortwährend an, und das Städtchen ~Furth~ ist schon ziemlich hoch am Fuße des Berges von Göttweig gelegen. Hinter dem Ort führt der Fußsteig in den Wald. Da begann aufs Neue der Regen, so daß wir Mäntel und Schirm eilig entfalten mußten. Der Weg ist steil, doch wohl gebahnt, und so sahen wir nach einer halben Stunde die weißen Klostermauern über uns durch die grünen Wipfel der Kiefern blinken. Wir schritten nun neben den alterthümlichen Resten der alten Burg über die Brücke in den Hof, wo sich das zwischen zwei Thürmen erhebende Kirchenportal stattlich darstellt. Wir traten in die Klosterpforte und übergaben dem Pförtner unsere Karten mit der Bitte, sie unserem Freunde, dem Bibliothekar des Klosters, zuzustellen. In wenigen Minuten hörten wir seinen Tritt, und er stand im Kleide des heiligen Benedict vor uns. Die Freude des Wiedersehens war um so größer, als die Ungunst der Witterung sie noch vor wenigen Tagen sehr zweifelhaft gemacht hatte.
Der Freund geleitete uns auf unsere Zimmer, die eine prachtvolle Aussicht auf das Donauthal gewährten. Es war ein hohes Gemach mit blauen reichvergoldeten Ledertapeten, solidem Parket, reicher Stuccaturdecke, Sammetstühlen und Marmortischen. In prachtvollen Goldrahmen blinkten venetianische Spiegel. Das Zimmer meines Begleiters, etwas kleiner, war mit einem großen Gemälde, Apollo und Marsyas, verziert. Für alle Bequemlichkeiten war wohl gesorgt. Die Toilette wurde rasch geordnet und dann zunächst dem Herrn Abt ein Besuch abgestattet. Se. Gnaden empfingen mich mit Herzlichkeit und Wohlwollen.
Nachdem wir uns etwas erfrischt, begaben wir uns nach der Bibliothek; sie ist in einem geräumigen, durch zwei Stockwerke gehenden Saale aufgestellt. Die Decke ist mit Stucco und Fresken geschmückt, der Fußboden ist Marmor, die Bücherschränke bestehen aus braungebeiztem Holze, das reich geschnitzt und mit Vergoldung geziert ist. Um das Ganze läuft eine Galerie, auf welche in der Ecke Wendeltreppen führen. Auf den in der Mitte angebrachten Tischen stehen Erd- und Himmelskugeln. Daneben befindet sich ein ~Gemach~, das nicht minder stattlich eingerichtet ist und die Incunabeln und Handschriften enthält.
Vor Allem zeigte uns der Freund die von dem Pater Vincenz Werl überaus fleißig und sorgsam gearbeiteten Verzeichnisse der hier verwahrten gelehrten Schätze; das der Handschriften umfaßt drei Bände, die ich mir zu näherer Durchsicht erbat und mit auf mein Zimmer nahm.
Wir gingen abermals zu dem Herrn Abt und begaben uns sodann mit diesem in das Winterrefectorium, einen geräumigen gewölbten, geschmackvoll im älteren Styl gemalten Saal. Oben quervor steht die Tafel, an welcher der Abt mit den Gästen und den älteren Beamten des Stifts sitzt. Eine andere, für die jüngeren Herren bestimmte Tafel steht der Länge nach.
Wir traten ein, die Benedictiner reihten sich zu beiden Seiten längs der Wand, und der Prior begann das Gebet, in welches abwechselnd die übrigen, auch der Abt einstimmten. Darauf nahm man Platz, der meinige war zwischen dem Abt und dem Prior. Mir gegenüber saßen der Kämmerer des Stifts, der bekannte Geschichtforscher Friedrich Blumenberger und der Secretär des Hauses Pater Heinrich. Der Abt bedeutete, daß wir heute gerade einen Fasttag getroffen; wir versicherten jedoch, daß die Fischcoteletts unserem Appetit vortrefflich zusagten. Das Gespräch bei Tische wurde mit jener Mäßigung geführt, welche stets das Zeichen einer guten Gesellschaft ist.
Die Tafel wurde mit Gebet geschlossen. Die Väter entfernten sich meist, wir blieben mit dem Abt und unserm Freunde, der die Würde des Subpriors bekleidet, noch eine Weile bei einem Glase Wein sitzen. Dann geleitete uns der Freund durch die langen marmorbelegten Corridore nach unserem Zimmer.
So waren wir denn im Kloster. Mein Begleiter warf sich gar bald dem Schlaf in die Arme, ich saß noch beim Lichte und genoß die wahrhaft heilige Stille und Ruhe, die hier oben, hoch über dem städtischen Getreibe herrschte. Man vernahm nur das Rauschen des Mühlbachs, der unten im Thale bei Furth thätig war, und den Laut des Windes, der die Wipfel der Kiefern zu unseren Füßen aus dem Traume scheuchte.
Wie stach dieser Aufenthalt ab gegen den auf dem Dampfschiffe und in der Cajüte desselben, wo 30 Menschen in einem Raum zusammenstaken, der 30 Fuß lang und 12 Fuß breit, aber höchstens 8 Fuß hoch war. In dem Stifte von Göttweig wohnen etwa 30 Väter; dann leben dort der Apotheker mit seiner Familie, die Oekonomen, die weltlichen Diener, Beamten und andere, die hier Beschäftigung finden, etwa 70 Köpfe, so daß im Ganzen an 100 Menschen den Gipfel des Berges innehaben.
Die Gebäude sind überaus stattlich, durchgängig steinern und massiv erbaut. Ueberaus prachtvoll ist die große Treppe, deren Wände weiß und goldverziert sind. Die Decke schmückt ein colossales Freskobild von Troger, den Sieg der Wahrheit und die Apotheose Kaiser Karls VI. darstellend. Die langen, breiten und hohen, mit ansehnlichen Fenstern erleuchteten Corridore sind mit Gemälden verziert. Einige derselben stellen Scenen aus dem Leben des heiligen Benedict dar, gemalt von Hötzendorffer, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Kloster und von demselben lebte. Hötzendorffer war Landschaftmaler, und seine legendarischen Bilder sind auch vorzugsweise höchst genial ausgeführte Landschaften, in denen der Heilige und seine Genossen nur als Staffage erscheinen. In einem der Corridore sieht man die Bilder einiger Aebte, von denen mich das des würdigen ~Gottfried Bessel~ am meisten interessirte. Das Stiftsgebäude ist sehr umfangreich, sein Grundriß ist von der Gestalt des Berges bedingt. Die nach der Donau gerichtete Seite ist befestigt. Die Kirche befindet sich in der Mitte des Ganzen. Das Stift ist jedoch noch nicht vollendet, und der Theil, welcher gegenwärtig noch unscheinbare Wirthschaftsgebäude enthält, sollte eine stattliche Façade darstellen und den Hof umschließen, dessen Glanzpunkt die Kirche gebildet haben würde, deren Thürme noch nicht beendigt sind. Im Jahre 1718 brannte das Stift ab; Abt Gottfried hatte einen Plan entworfen, den er nach Wien einsandte. Kaiser Karl VI. fand denselben jedoch der Bedeutung des Stifts keineswegs angemessen. Er ließ durch seinen Hof-Baumeister Lucas von Hildebrand einen anderen herstellen, und der Abt begann nach diesem den Bau. Er hatte die Absicht, die eigentlichen Wohnstätten zuletzt auszuführen, da er die Ueberzeugung hatte, wenn nur erst das dulce hergestellt, werde sich das utile schon von selber finden. Allein der Convent war anderer Ansicht, und diesmal wurde das Nothwendige dem Schönen vorgezogen. Am 2. Juli 1719 legte Abt Gottfried den Grundstein, 1720 erhob sich die Ostseite des Hauses, und am 8. Nov. 1724 konnte der Convent einziehen. 1728 vollendete der Hausmaler Pyß das Deckenbild des Sommerrefectoriums, 1743 malte Troger die Decke der Treppe. Abt Gottfried starb 1749, Mittlerweile waren die unseligen Schlesischen Kriege in Gang gekommen, welche eine so große Fülle von Elend in ihrem Gefolge hatten. Der Bau des Stiftes gerieth ins Stocken, und noch heute steht die Abtei Göttweig unvollendet da, eines der unzähligen Denkmäler jener Zeit der Zerrissenheit der deutschen Nation und des unfruchtbaren Ehrgeizes ihrer Glieder.
Sonnabend, den 13. September, war ich bei guter Zeit am Schreibetisch, um mir aus dem ~Verzeichnisse der Handschriften~ Notizen zu machen. Der erste Band desselben enthält eine fleißige Zusammenstellung des Wissenswürdigsten aus der Handschriftenkunde, nebst einer Darstellung der ältesten, in Göttweiger Manuscripten vorkommenden Papierzeichen, woran sich dann das Verzeichniß der alten bis zum 16. Jahrhundert reichenden Handschriften schließt. Der zweite Band ist vorzugsweise durch die Beschreibung des gelehrten Apparates des Abts Gottfried gebildet, den dieser zu Herstellung des _Chronicon Gott vicense_ brauchte. Der gelehrte Verfasser des Katalogs, Pater Vincenz Werl, gegenwärtig Hofmeister des Göttweiger Hofes in Wien, hat einen Abriß der Lebensgeschichte des Abtes Gottfried beigefügt. Die Ordnung der Bessel’schen Papiere ist ebenfalls sein Werk. Zu beachten ist dabei, daß Pater Vincenz bei seiner schwierigen Arbeit durchaus nicht mit der Fülle von Hülfsmitteln versehen war, die bei derartigen Arbeiten so wünschenswerth sind.
Unter den Handschriften finden sich freilich keine Schätze ersten Ranges; nur wenige reichen, wie das Psalterium (2.), in’s 9. und, wie die Tironischen Noten, in’s 16. Jahrhundert. Indessen bieten doch die 800 Bände manchen schätzbaren Beitrag zur Literatur des Mittelalters. Vor Allem zeigen sie, welchen ausdauernden Fleiß die Benedictiner in ihren literarischen Arbeiten hatten; in der einen Handschrift befindet sich das Verzeichniß der Bücher, welches Bruder Heinricus der Kirche zubrachte. Die Manuscripte gehören zumeist der kirchlichen Literatur an. Doch ist auch Anderes darunter, wie Marbod’s Gedicht von den Edelsteinen, die _Mirabilia Romae_, Hermanns Chronik, Solinus, ein Herbarium des 13. Jahrhunderts. Die _Gesta Romanorum_, Guido von Columna, Walters Alexanderis, viele Schriften des Albertus Magnus, ein deutsches Trojabuch, Gesundheitsordnungen, Büchsenmacherei u. dgl. Daß die Marienliteratur und die der Legenden, Predigten u. dgl. zahlreich vertreten ist, scheint ganz in der Ordnung.
Mich interessirte vor Allem die Lebensskizze Gottfried Bessel’s, welche Vincenz Werl dem 2. Bande seines Handschriftenkatalogs vorangeschickt hat. Abt Gottfried war unstreitig einer der bedeutenderen Prälaten seiner Zeit und ein nicht minder gewandter Diplomat, als gründlicher Gelehrter und thätiger Kunstfreund. Er war zu Buchheim am 5. Sept. 1672 geboren und muß eine gründliche Bildung genossen haben. Er war sehr thätig bei der Bekehrung der braunschweigischen und mecklenburgischen Fürsten und hatte deshalb viele Reisen unternommen. Seine gelehrte Thätigkeit als Gründer einer nationalhistorischen Akademie in seinem Stifte, deren Frucht das Chronikon, wovon leider nur zwei Theile erschienen sind, ist allgemein anerkannt. Neu war es mir, daß Abt Gottfried bereits in dem ersten Viertheil des vorigen Jahrhunderts eine Trivialschule bei dem Stifte errichtet hat. Möchte es doch dem Manne, der dazu unstreitig die meiste Befähigung und die nothwendigen Hülfsmittel hat, Herrn Vincenz Werl, gefallen, eine ausführliche Lebensbeschreibung dieses gelehrten Prälaten zu schreiben und dadurch einen wichtigen Beitrag zur deutschen Culturgeschichte des 18. Jahrhunderts zu liefern. Die bis jetzt gedruckten Nachrichten über Abt Gottfried sind zu dürftig[2].
[2] _Ziegelbauer, historia literaria ordinis S. Benedicti I. A. Fabricii bibliotheca mediae & inf. Latinitatis III._ 230. Neue Beiträge zu alten und neuen theol. Sachen. 1751. S. 667, Jäck in Ersch und Gruber’s Encyklopädie. _Museum Mazzucchelli_ S. 227.
Meine Arbeit ward oft unterbrochen, denn wenn die Sonne aus den Wolken trat, ward ich nach dem Fenster gezogen, um die herrliche Aussicht zu genießen, die sich hier darbot. Da sah man das prächtige Donauthal, zur Linken das Städtchen Dürrenstein mit den über demselben am Berge hangenden Trümmern der Burg. Unten an unserem Berge zeigte sich das Städtchen Furth, mit dem Fernglase bemerkte man, was auf den Straßen vorging, weiterhin Mautern mit dem spitzigen Steinthurme, umgeben von Weingärten und Feldern. Dann erblickte man die Donaubrücke von 19 Jochen. Drüben aber an den waldbekrönten Rebenbergen streckten sich die sauberen Städte Stein und Krems, zwischen denen das ehemalige Kloster Und gelegen, in langer Linie hin. Nach der rechten Seite dehnte sich das Grün der Landschaft in unabsehbarer Ferne an dem glänzenden Spiegel der Donau dahin. Welche Wolkenbildungen, welche Lichtwirkungen gab es da zu beobachten.
Beim Kaffee, zu welchem appetitliche Weißbrotschnitten gegeben wurden, überraschte uns unser Freund. Er führte uns zunächst in die Kirche, deren Chor außen noch die Ornamente des 15. Jahrhunderts an sich trägt. Das Gebäude wurde beim Brande am 17. Juni 1718 von den Flammen verschont. Schiff und Thürme sind modern, letztere nicht vollendet. Das Innere der Kirche ist ganz in dem neueren, österreichischen Kirchenstyle ausgeschmückt. Der bilderreiche Altar wird durch zwei ein Frontispice tragende Säulen gestützt. Er ist überreich bemalt und vergoldet. Die Chorstühle, so wie die Seitenaltäre zeigen ebenfalls reiches Schnitzwerk. Decke und Säulen prangen in Stuccoornamenten und Frescomalerei. Der Singechor trägt eine Reihe musicirender Engel; dahinter glänzt die in drei Abtheilungen gebaute Orgel. Die Grabstätten der letzten Aebte sind in den Abseiten des Chors. Nicht ohne innige Ehrfurcht sahen wir die Marmorplatte, hinter welcher die Gebeine des verdienten Abts Gottfried und die seines Nachfolgers Magnus Klein ruhen.
Wir begaben uns sodann in das ~Naturaliencabinet~, das ein achteckiges Thurmzimmer einnimmt. Im Vorzimmer befindet sich das Modell des Werkes, welches dem Stifte vom Fuße des Berges das nöthige Wasser zuführt, dann aber auch ein, mit Florentiner Pietradura trefflich ausgelegter Schrank.
Die Naturaliensammlung enthält nur wenige zoologische Gegenstände, einige Schädel, Mumientheile, Muscheln, Narwalzähne; desto schätzbarer ist die Abtheilung der Mineralogie. Es sind nicht allein zahlreiche, sondern auch ansehnliche und seltene Sachen, besonders Erze hier beisammen. Der in der Nähe entdeckte ~Gurhofian~ oder dichte Bitterkalk war natürlich in Prachtexemplaren vertreten. Da seit einigen Jahren unter den Herren kein Mineralog vorhanden und mehrere neu dazugekommene Stufen noch nicht bestimmt waren, so übernahm mein Begleiter eine Durchsicht und Anordnung der Sammlung, wobei einige der Patres ihm hülfreiche Hand leisteten.
Zu Mittag Punct Zwölf rief die Glocke die Brüder in das Refectorium; wir holten den Herrn Prälaten ab. Wir waren nun schon ganz bekannt mit unseren liebenswürdigen Herren Tischgenossen, die uns zum Theil im Naturaliencabinet aufgesucht hatten. Der Prior, Pater Benedict Wild, und der _Pater venerabilis_, ein alter, fast erblindeter Herr von 84 Jahren, vernahmen gern sächsische Nachrichten, während Pater Blumenberger interessante Mittheilungen über die mit den zum Stift gehörigen Ortschaften obschwebenden Ablösungsangelegenheiten machte. Auch hier hat man dem Kloster Arges zugemuthet und seit dem Jahre 1848 jede Abgabe hartnäckig verweigert. Ja die Demokraten haben oft genug aufgefordert, dieses Pfaffennest zu zerstören. Die Herren Patres sind jedoch im Besitze von 6 dreipfündigen Kanonen und 60 gezogenen Büchsen, mit denen sie die ihnen treuergebenen Klosterleute bewaffnet hatten. Das Kloster ist nächstdem befestigt und war auf einen plötzlichen Ueberfall genügend vorbereitet.
Nach Tische folgten wir dem Prälaten mit unserem Freunde und dem Secretair, dem heiteren Pater Heinrich, auf sein Zimmer, um eine Tasse Kaffee einzunehmen. Der Prälat bewohnt eine Reihe Zimmer mit der Aussicht nach der Donau. Hier sind einige nette Kunstwerke aufgestellt, namentlich ein Crucifix aus Elfenbein von besonderer Schönheit, eine heilige Magdalene von Van Dyk und mehrere gute Portraits von Mitgliedern des Hauses.
Wir begaben uns sodann in die Naturaliensammlung, wohin die schöne Aussicht und die übrigen, noch vorhandenen anderweiten Merkwürdigkeiten lockten. Es waren mehrere Richtschwerter hier aufbewahrt, deren eins mit folgender Inschrift versehen war:
_DER-KAVFT-E-DAZ VAIL-1444. WIRT . VNT. E . DAS . VERLORN . WIRT. DER . STIRBT . E . DAS . ER . KRANCK . BIRT._
Daneben steht ein Rad. Auf der anderen Seite ist: der Galgen eingeschlagen und der Name des Waffenschmieds oder des Besitzers: _MICHAEL * PRUNER *_ Der Spruch muß unter den Scharfrichtern der Donaulande sehr beliebt gewesen seyn, da wir denselben bereits in Salzburg gefunden hatten. In einem der Mineralienkästen sah man eine viereckige Flasche mit engem Halse, in deren Inneres ein ganzes Bergwerk aus mehreren Stockwerken eingebaut war. Die Bergleute hatten die alte sächsische Tracht und rothe Hosen. Das eigenthümliche Werk stammte jedenfalls aus dem vorigen Jahrhunderte. Von einem Hüttenwerke waren nur noch Trümmer vorhanden. Nächstdem gab es Bezoarsteine, seltsam gestaltete Wurzeln, Mosaiken, Korallen und andere Curiosa, die man ehedem als Verzierung der Naturaliensammlung aufstellte.
Ich ging dann mit dem Collegen in die Bibliothek und ließ mir die Handschriften vorlegen, die ich mir in dem Katalog ausgezeichnet hatte. Es sind sehr schätzbare Sachen, namentlich Kirchenbücher, vorhanden. Ich bemerkte als ein Prachtstück ein nautisches Werk, auf dickes Pergament gezeichnet und in der bekannten Art der Portolanen schön mit Farben und Gold erhöht: _Christoph. Eusenii Sacerdotis descriptio Archipelagi & Ciclarum aliarumque insularum_ vom Jahre 1422. Dabei befanden sich aber auch noch Karten von Sicilien, Sardinien, Corsika und England. Das Ganze war trefflich erhalten.
Noch schöner ist Nr. 453, ein Breviarium des 15. Jahrhunderts, auf Pergament mit flandrischen Miniaturen und Randmalereien von der höchsten Zierlichkeit und Vollendung. Unter den ersteren zeichnet sich ein _Ecce homo_ aus, dann ein Blatt, das den schwarzen Tod auf einem schwarzen Elenn mit schwarzer Sense darstellt, der die Päpste und Fürsten abmähet. Die Randleisten zeigen Feldblumen, Safran, Erdbeeren, dann auch Vogelkäfige in den reichsten Arabesken.
Wir sahen dann einige der zahlreichen Bände durch, welche den Apparat zu dem _Chronicon Gotvicense_ bilden. Diese Bände enthalten unter Anderem auch die überaus sorgfältig auf Wachspapier ausgeführten Durchzeichnungen der Urkunden, die Abt Gottfried in Kupfer stechen ließ. Hier wird ferner die umfangreiche Correspondenz dieses gelehrten Prälaten aufbewahrt. Diese zahlreichen Briefe, Blätter und Hefte hat der überaus fleißige Pater Vincenz Werl auf das Gewissenhafteste und Trefflichste geordnet, numerirt und verzeichnet. Darunter finden sich auch deutsche poetische Versuche Bessel’s, die gewiß für die Charakteristik desselben höchst wichtig sind.
Als es dunkelte, kam Pater Wilhelm mit meinem Sohne in die Bibliothek, aus der ich mir einen Miscellancodex auf mein Zimmer nahm, der eine deutsche poetische Bearbeitung der Legende von der heiligen Catharina enthielt.
Wir spazierten noch ein wenig ins Freie, besahen die älteren Partieen des Hauses, die gegenwärtig von den Oekonomen benutzt werden, und gingen außen herum. Von hier aus sieht man den steilen Berg hinab in ein liebliches Thal, das den Brunnen enthält, welcher das Stift mit Wasser versorgt. Dort unten ist eine Mühle, ein Dörflein, die Geburtsstätte des Herrn Prälaten, und ein Kirchlein, bei welchem die verstorbenen Brüder ihre letzte Ruhestätte finden.
Wir traten nun an die massiven Festungswerke, die in der That unersteiglich scheinen, da der Berg hier überaus steil abfällt. Es ist diese Nordseite ziemlich felsig und unfruchtbar. An einigen Stellen steht der Granit zu Tage. Hier ist die Aussicht nach Dürrenstein sehr schön.