Chapter 3 of 10 · 3933 words · ~20 min read

Part 3

Ich begab mich dann mit meinem Gefährten in das Gasthaus zum Erzherzog Karl. In einem der Säle war ein Diner arrangirt. Wir fanden jedoch keine Bekannten und wurden demnach nicht gestört in unseren Betrachtungen, zu denen Gäste, Wirth und Kellner den erquicklichsten und reichsten Stoff darboten. Wir ergötzten uns namentlich an den im Trabe aufmarschirenden, wohlfrisirten und mit weißen Halsbinden festlich geschmückten Kellnern, hinter denen der stattliche Wirth mit rothem Gesicht und funkelnden Augen wie ein drohender Dämon einherlief, hier ordnend, dort tadelnd, überall nachsehend, nichts unbeachtet lassend. Nicht minder erfreulich waren die bald hie, bald da im Sale sich erhebenden Stimmen der Gäste, das Geklirr der Messer und Gabeln, das Gläserklingen, das Knallen der Pfropfe und das ganze, tolle Durcheinander.

Endlich war das letzte Gericht bezwungen, das letzte Glas geleert, und der Kellner, wenn auch nicht mit klingender Münze, bezahlt worden. Wir gingen nun abermals in den Dom, der stets eine unwiderstehliche Anziehungskraft für uns hatte, und von da aus nach dem Benediktinerstift. Die Peterskirche fanden wir geöffnet und einen Führer, der uns auf die Einzelheiten des reich geschmückten Innern aufmerksam machte. Wir treten durch die bereits erwähnte byzantinische Marmorpforte ein. Um das Relief läuft folgende Inschrift:

_IANVA SVM VITAE . SALVANDI QVIQVE VENITE. PER ME TRANSITE . VIA NON EST ALTERA VITAE._

Die Kirche ist 200 Fuß lang und 75 Fuß breit, bei verhältnißmäßiger Höhe. Das Ganze mit 16 Altären aus rothem Marmor und den Altarbildern von Sylvester Bauer, N. Streicher, Fackler und dem in Norddeutschland fast unbekannten Kremser Schmidt, reichen ornamentalen Sculpturen und Vergoldungen macht einen Eindruck, der von dem, welchen der Dom hervorbringt, gänzlich verschieden ist und den ich kaum anders als durch ein Gleichniß auszudrücken vermag. Stellen wir uns beide Gebäude als Personificationen einer Gottheit nach der individualisirenden Ansicht des Heidenthums vor, so ist der Dom eine außerordentlich erhabene Gottheit auf unerreichbar hohem Throne, das Haupt in den Wolken bergend, die Hände in betrachtender Ruhe auf der Brust gefaltet. Die Stiftskirche zu St. Peter aber repräsentirt die Gottheit, die, von ihrem Throne herabgestiegen, unter den Menschen sich niederläßt und ihnen mit liebreichem Blick die helfenden Hände mild und freundlich zur dankbaren Verehrung darbietet und es sich gefallen läßt, daß sie dieselben küssen, daß sie ihr Haupt mit Blumen, ihre Schultern mit Prachtgewändern, ihre Arme mit Schmuck verzieren, die aber auch nicht die bunten Feldblumen, die kleinen Kerzen der Armuth von sich weiset. Im Dome sahen wir die Beter meist an der Eingangspforte oder in den Betstühlen, aber nie in solcher Anzahl knieen, wie vor den Altären von St. Peter und den anderen, in gleichem Style geschmückten Kirchen. Es ist allerdings wahr, daß diese Kirchen den Kunstfreunden, die an den griechischen oder den reingothischen Styl gewöhnt sind, durchaus für geschmacklos gelten, daß die weiß glasirten Wolken, die lebensfrischen, oft schelmischen Engel, die auf denselben lustig sich tummeln und mit den Marterwerkzeugen der Heiligen kindische Spiele treiben, die oft in weltlicher Schönheit erblühenden und rosig lächelnden Madonnen, die vornehm, aber gnädig blickenden Bischöfe und Aebte, die ritterlichen heiligen Helden St. Georg und Moritz, die glänzenden Farben ihrer Gewänder, namentlich das metallglänzende Roth, Blau und Grün an den reichverzierten Säulen einem norddeutschen Rationalisten, der Schuld und Verdienst entweder mit dem Apothekergewicht abmißt oder keines von beiden anerkennt, gar seltsam vorkommen mögen. Wer aber es gesehen hat, wie in später Abendstunde greise Männer, wie würdige Matronen, Männer in der Blüthe der Kraft, wie zarte Jungfrauen, elegante Jünglinge, wie lebensfrische Knaben vor diesen Altären knieen und in stiller Andacht ihre Bitten, wie ihren Dank dem Unsterblichen darbringen, der begreift am Ende wohl die Fülle von Farben und Schmuck jeder Art, die diesen Gotteshäusern eigenthümlich sind. Dieser Schmuck aber ist ein Ausfluß der Fülle des reichen Gemüthes, der Liebe und des Wohlwollens, das schon in den weichen Dialekten des Oesterreichers so wohlthätig sich uns kund giebt. Ich möchte diesen Kirchenstyl vorzugsweise den österreichischen nennen, der mit allen übrigen Culturerscheinungen dieses reichbegabten Landes in Einklang steht.

Wir wendeten unsere Aufmerksamkeit den Einzelheiten zu, den großen Wandgemälden von C. Schwarz und Solari mit reicher Scenerie und kräftiger Färbung, dem im 15. Jahrhundert errichteten Grabe des heiligen Rupertus, vor Allem aber einem schönen Madonnenbilde in blauem, mit goldenen Lilien besäeten Kleide, das gewiß dem 15. Jahrhundert angehört. An Grabdenkmalen zeichnet sich das des genialen Michael Haydn aus, das seine Freunde ihm setzten. Interessant ist die aus rothem Marmor errichtete Tumba des Vaters des unglücklichen Bischofs Wolf Dietrich. Sie trägt die Inschrift: »Hier liegt begraben der edl und gestreng Herr, Herr Johann Werner von Reithenau zu Langenstein, Ritter und Landsknechtoberster, welcher da starb in Crobaten wider den Erbfeind, als man zalt 1593 Jahr.«

Wir hatten nun die Absicht, die Büchersammlung des Stiftes in Augenschein zu nehmen, allein die Zeit war schon zu weit vorgerückt, und der Vorsteher derselben bereits ausgegangen.

Wir begaben uns daher nach Hause, nahmen Mantel und Mütze und schritten über die Brücke dem Capuzinerberge zu, der ehedem wegen seines Reichthums an Bienen der Imberg genannt wurde. Der Berg, Kalkfels, senkt sich nach der Salzach zu steil ab; er ist mit Buchen und Lerchenbäumen besetzt. Auf einer hölzernen Stiege gelangt man an die Stationen, unter denen der Calvarienberg von Franz Hitzl sich durch edle Haltung auszeichnet. Wir schritten sodann durch den, heute freilich regentriefenden Buchenhain dem Gipfel des Berges zu und gelangten so, wieder abwärts steigend, zu dem Francisci-Schlössel, welches Erzbischof Paris von Lodron im Jahre 1629 zum Schutze der Stadt angelegt hat. Es ist eine kleine, nette, am steilen Abhange gelegene Citadelle, in die wir eintraten. Wir fanden in der Wirthstube freundliche Aufnahme und Bewirthung mit österreichischem Wein und hatten von hier aus Gelegenheit, dem Treiben der Wolken gemächlich zuzuschauen, die an dem Gaisberge und in dem Salzachthale die seltsamsten Gestalten bildeten. Namentlich zog sich am Gaisberge eine Wolkenmasse hin, die vollkommen einer dichten Tafel Baumwollenwatte glich, an der von unsichtbaren Händen lange Zipfel bald abgezogen und ausgedehnt, bald wieder angefügt wurden. Um das Haupt des Unterberges fanden ähnliche Spiele statt, die, nimmer rastend, jeden Augenblick andere Formen hervorbrachten.

Im Regen, wie wir gekommen, schieden wir auch von dieser Höhe und trafen im Dunkel in unserer Wohnung ein. Die Mäntel wurden aufgehängt, die Kleider gewechselt, und wir begaben uns auf das nahegelegene Rathhaus, wo allabendlich die Mitglieder der Versammlung zusammenkamen. Wir hatten das Glück, Seine K. K. Hoheit den Erzherzog hier zu finden und uns ihm vorstellen zu dürfen. Der Erzherzog ist eine jener kräftigen, mittelgroßen Gestalten, die das Alter nicht zu beugen vermag, von gerader, fester Haltung. Seine ernsten Gesichtszüge zeigen Wohlwollen und tiefen Verstand. Sie sind vorzüglich glücklich und treu in dem Bilde wiedergegeben, das vor dem Album der 14. Versammlung sich findet. Die Bewegungen des Prinzen sind einfach und ungezwungen. Im Gespräch zeigte er eine gründliche Kenntniß des sächsischen Bergbaues, und seine Mittheilungen über den österreichischen, namentlich über die steier’schen Eisenwerke und den Gasteiner Goldbergbau, waren uns sehr belehrend.

Die sehr vorgeschrittene Zeit und die auf die Bergwanderung folgende Müdigkeit mahnten an den Heimweg.

Gestärkt von dem ununterbrochenen Schlafe begaben wir uns Mittwoch am 3. September bei Zeiten abermals in das Benediktinerstift St. Peter. Wir schritten den mit byzantinischen Säulen und einigen Heiligenbildern verzierten Kreuzgang entlang und stiegen dann die stattliche Treppe hinan bis an die Thür, welche die Inschrift: _P. GREGORIVS_ trug. Der Diener, der uns empfangen, öffnete, und uns nahm der Bibliothekar des Stiftes Herr Pater Gregorius Ramer mit kollegialischer Herzlichkeit auf. Er trug den langen schwarzen, mit gleichfarbiger Binde gegürteten Talar und das Scapulier, welches Rücken und Brust bedeckte. Er führte uns sogleich in die ~Bibliothek~, die in sieben hinter einander liegenden ansehnlichen Zimmern, Kammern, mit gemalten Decken, aufgestellt ist. Drei Seiten jedes Zimmers enthalten die bis an die Decke reichenden Repositorien, die Fensterseite ist mit Tischen zum Auflegen der Bücher versehen. Der College zeigte uns zunächst die Handschriften, die allerdings meist theologischen Inhalts sind. Vorerst nahm eine wohlerhaltene Vulgata aus dem 12. Jahrhundert unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie besteht aus sechs Bänden. Dann sahen wir ein Evangelium des 11. Jahrhunderts mit reichen Miniaturen. Der Glanzpunkt der Bibliothek ist jedoch ein Antiphonarium, welches dem 10. Jahrhundert angehört und mit trefflich erhaltenen Miniaturen und Arabesken versehen ist. Es fehlte weder an den eleganten Handschriften des 15. Jahrhunderts, die in Florenz geschrieben waren, noch an jenen großen Missalien, die mit Miniaturen, besonders Initialen geschmückt sind. Der Herr Bibliothekar erzählte, wie es nicht an mehrfachen Anträgen britischer Curiositätensammler gefehlt habe, welche dem Stifte jene literarischen Seltenheiten hätten abkaufen wollen.

Pater Gregorius ist der Verfasser eines brauchbaren Katalogs der Bibliothek und zeigte sich überhaupt als gelehrten und kenntnißreichen Bibliophilen. Auch hier hatte ich jedoch abermals Gelegenheit zu bemerken, wie wenig unsere norddeutsche Literatur sich bis jetzt nach Süddeutschland Bahn gebrochen hat. Selbst allgemein bei uns verbreitete Werke, wie Pierer’s Universallexikon, sind hier unbekannt. Dagegen muß ich aber auch bemerken, daß uns die süddeutsche, namentlich historische Literatur in der Regel auch fremder bleibt, als sie es in der That verdient.

Pater Gregorius Ramer berichtete noch über den Zustand der geistlichen Stifter, ja der gesammten Geistlichkeit Oesterreichs während der verhängnißvollen Jahre 1848 und 1849. Die Geistlichen, namentlich die Klostergeistlichen, konnten es kaum wagen, in ihrer Amtstracht über die Straße zu gehen, ohne sich den gröbsten Beleidigungen auszusetzen. Sie mußten oft hinter sich Schimpfworte vernehmen, und man zeigte von Seiten der Demokratie nicht übel Lust, über die Stifter herzufallen und sich in den Besitz derselben zu setzen.

Unser neuer Freund machte uns dann noch auf die byzantinischen Säulen aufmerksam, die sich noch hie und da in dem, einen geräumigen Garten umschließenden Kreuzgange und in der Pförtnerstube befinden, sowie auf die alten Grabsteine, die in den Fußboden eingelassen sind. Die meisten sind freilich durch die Füße der Darüberhinschreitenden abgeschliffen, viele aber auch in früherer Zeit gewaltsam ausgebrochen und zerstört worden.

Nachdem uns Pater Gregorius eingeladen, morgen den Schatz zu betrachten, begaben wir uns nach dem Collegiumsplatze und erwarben für meine Sammlung einen sauber gestickten tyroler Gürtel. Dann aber schritten wir über die Brücke, um ~Kirche und Kirchhof zu St. Sebastian~ in Augenschein zu nehmen. Wir traten ein und fanden einen hellen freien Raum von mäßiger Ausdehnung, 103 Fuß Länge auf 73 Fuß Breite, mit wenigen Sculpturen und einfachen Ornamenten. Die Kirche brannte nämlich am 30. April 1830 ab und wurde am 5. Juni 1831 bereits wieder eingeweiht.

In der Vorhalle ist das Grabmal des berühmten Theophrastus Paracelsus von Hohenheim, der am 24. September 1541 in Salzburg starb und zwar im Wirthshause zum weißen Roß im Kay. Das Denkmal, welches den Schädel des gelehrten Sonderlings enthält, ist eine stattliche Pyramide aus weißem Marmor, die mit der Büste desselben geschmückt ist.

Von hier aus steigt man zu dem ansehnlichen Friedhofe herab, der ein Viereck von 220 Schritt Breite und 260 Schritt Länge bildet. Er ist ganz mit Mauern umgeben, an welche sich die mit Denkmalen reich geschmückten Arkaden anlehnen. In der Mitte steht die Gabrielkapelle, in welcher Erzbischof Wolf Dietrich ruht. Wir begannen die Betrachtung der einzelnen Denkmale. Viele derselben sind mit größeren Oelbildern versehen, unter denen sich eine am Kreuze zusammengesunkene Madonna auszeichnet. Auch hier sahen wir viele Portraits der Bestatteten. Bedeutender sind indessen die Marmordenkmale; vorzüglich ist die Büste von Gasparelli, ein Relief mit der Anbetung der drei Könige, das Portrait von Michael Pabbargiesar vom Jahre 1581, mit dessen unter dem Kreuze knieender Familie. In der Ecke sieht man die Darstellung des Fegefeuers, dessen Flammen den armen Seelen bis an die Brust reichen. Das Obertheil dieses Bildes zeigt uns St. Sebastian, der die auf eine Weltkugel gemalte Stadt Salzburg dem Herrn empfiehlt. Weiterhin befindet sich ein aus Kalksinter gebildetes Grottenwerk, das ein mit bunten Figuren gefülltes heiliges Grab umschließt. Auf der Gruft des Kurz von Goldstein ist eine interessante Darstellung des Todes, der als eine überaus abgezehrte Figur eines Greises erscheint. Sehr geschmackvoll und edel ist das Grabmal des 1847 verstorbenen Malers Sattler; es ist ein Marmorrelief, zu dessen beiden Seiten der ritterliche St. Georg und der pilgerartige St. Michael aufgestellt sind. In einer Ecke des Kreuzganges bemerkten wir hinter einem Gitter die Gestalt des heiligen Sebastian, umhüllt mit einem rothen, golddurchwirkten Mantel; außen waren _ex voto_ Glieder aus Wachs und Namentafeln angebracht. An dem Grabe des Sigismund von Rubianich bemerkte man das stattliche Oelbild des genannten heilig gesprochenen Königes, nicht weit davon die Marmorbüste des Architekten E. Castello von ganz vorzüglicher Arbeit. Er erbaute die Grabkapelle des Erzbischofs Wolf Dietrich und starb 1608 im 30. Jahre seines Alters. Wir bemerkten auch hier überall die sorgsamste Pflege der Gräber und deren Ausschmückung mit frischen Blumen.

Wir kehrten nun nach der anderen Seite der Stadt zurück. Es begegneten uns zahlreiche Wagen, die mit Rindern bespannt waren, welche mit der Stirn die Last zogen. Der Fuhrmann schritt, einen Regenschirm, meist von rother Farbe, über sich haltend, daneben her.

Von da begaben wir uns nach unserem Stiftskeller, wo eine ziemliche Anzahl Leute, darunter auch Benediktiner, beisammen waren, die von dem lahmen Wirth von halber Stunde zu halber Stunde mit einer Prise Tabak erfrischt wurden. Der Wein wird in großen Halbkannengläsern aufgetragen und zu jedem eine Flasche Wasser geliefert. Man erkennt den Oesterreicher daran, daß er, ehe er dem Weine Wasser zugießt, aus der Flasche ein wenig an den Boden schleudert. Der Oesterreicher trinkt den Wein nie ohne Wasser, und wie wir im Verlaufe der Reise bemerkten, er trinkt überhaupt wenig, selten mehr als ein Seidel. Desto mehr leistet er im Essen, wo ihm allerdings die Vortrefflichkeit seines Rindfleisches, seiner Gemüse und die Mannigfaltigkeit seiner Küche Anlaß bietet. Im Allgemeinen sind die Speisen in Oesterreich sehr wenig gewürzt, und wir waren stets genöthigt, mit Salz nachzuhelfen.

Nachdem wir hierauf zu Hause das Gesehene aufgeschrieben und ein Stündchen der Ruhe gepflegt, traten wir in der festen Hoffnung auf Besserung von Seiten des Wetters unsere Wanderung nach dem ~Birgelsteine~ an, wo die daselbst ausgegrabenen römischen Alterthümer aufgestellt sind. Wir schritten über die Brücke und wendeten uns dann rechts, wo die senkrechten Felsen des Capuzinerberges und die Häuser eine enge Gasse bilden. Wir schritten durch das Steinthor in die ~Vorstadt Stein~, die eigentlich nur aus einer Gasse besteht, in welcher Weber, Schuhmacher, kleine Gastwirthe wohnen. Aus der Ferne traten uns, zum ersten Male während unseres Aufenthaltes in Salzburg, die Alpen im Sonnenglanze entgegen. Die violetten Berge waren mit hellglänzenden weißen Partieen bedeckt, die jedoch von Zeit zu Zeit hinter die ziehenden Wolken zurücktraten, die auch diesmal den breiten Gipfel des Untersberges umspielten, während die hellgrünen Matten seines Fußes von der Sonne bestrahlt wurden.

Wir nahten uns einem modernen Gebäude mit Gartenanlagen, das an seinem Thorwege die Inschrift: »~Römische Alterthümer~« trug, traten ein, wurden in den zweiten Stock gewiesen, vernahmen jedoch, daß der Custos noch nicht angekommen. Wir begaben uns daher in den nahe gelegenen Bräugarten Hoenegger’s, der eine prächtige Aussicht auf die Alpen und die Stadt darbot. Die Wirthin brachte Bier in steinernen Krügen und klagte sehr über das anhaltend ungünstige Wetter. Endlich gelangten wir zu dem Anblick der Alterthümer, die in zwei Zimmern zu bequemer Ansicht aufgestellt sind und welche ein altes Männchen beaufsichtigt. Zunächst betrachteten wir zwei wohlerhaltene, unter Glas hingestreckte Gerippe von ansehnlicher Größe, dann die zahlreichen Urnen, die aus gebranntem Thon und Glas von der bekannten Form. Daneben sah man mehrere Urnen, die aus der hier brechenden Breccie ziemlich roh gearbeitet und zum Theil mit Gebeinen gefüllt waren. Von feineren Gefäßen war wenig vorhanden, mit Ausnahme einer ganz dünnen schwarzen, kleinen Urne. Die Lampen waren zahlreich, ebenso die Münzsammlung. Wir sahen ferner eine ziemliche Menge Tauben, Hähne, Hunde, offenbar nach den bekannten Molossenstatuen von Florenz, Katzen, Portraitbüsten in kleinem Format mit dem mannigfaltigen Kopfputz der Kaiserzeit, durchgehends aus gebranntem Thon, dann auch eine kleine thönerne Nachbildung des bekannten sitzenden Hirtenknaben, der sich einen Dorn aus dem Fuße zieht. Besonders interessant war ein rothgelbes Thonziegelbruchstück, auf welchem ein Adler in der heraldischen Form, etwa wie der preußische auf den Münzen und Siegeln, in Relief dargestellt war. Auffallend war der Mangel an Bronzen, die sich lediglich auf ein Paar Brusthafte beschränkten, welche nicht eben sonderlich erhalten waren. Desto ansehnlicher war die Menge von Eisenzeug, unter welchem mehrere Garnituren von Dittrichen, Messerklingen, Nägel und andere dem gemeinen Leben angehörige Bruchstücke sich befanden. Der Mangel an Bronzen und interessanteren Dingen wird dadurch erklärt, daß die früheren Besitzer des Birgelsteins ganze größere Partieen davon verkauft haben, Anderes aber an das städtische Museum abgegeben worden ist, auch Einiges von hier an das kaiserliche Antikencabinet nach Wien gesandt wurde.

Wir verließen die Sammlung und kehrten über die Brücke nach dem Griesgraben zurück, um das ~städtische Museum~ in Augenschein zu nehmen. Zunächst aber betrachteten wir die auf dem stattlichen Brunnen aufgestellte, von der Zeit dunkel gefärbte lebensgroße Statue des ~wilden Mannes~, die lebhaft an die kleinen Bronzestatuetten erinnert, welche in deutschen und nordischen Sammlungen mehrfach vorkommen. Die Statue zeigt uns einen behaarten, bärtigen und bekränzten Mann, der mit der Rechten sich auf eine Keule stützt. Die Gestalt erscheint auch mehrfach auf deutschen Wappen, z. B. dem preußischen, als Schildhalter, dann selbständig auf mannsfeldischen, darnach sogenannten Wildmannsthalern, als Wirthshausschild, ferner in den Fastnachtspielen und Mummereien des 16. und 17. Jahrhunderts als beliebte Charaktermaske. In der Volkssage tritt der wilde Mann als Bewohner der Wälder, als Schrat auf, in dem Latein des Mittelalters als _Satyrus_ und _Pilosus_.

Wir begaben uns nun nach dem ~städtischen Museum~, das in mehreren gewölbten Sälen sicher untergebracht ist. Hier wurde ich auf das Angenehmste durch eine Fülle der interessantesten Gegenstände überrascht, welche der Patriotismus und die davon unzertrennbare Achtung für die Vorzeit zusammengebracht hatte. Der Custos dieser Sachen nahm uns freundlich auf, und wir gaben uns der Betrachtung behaglich hin.

Der erste Saal des Museums enthält die Waffen, alterthümlichen Geräthe, mittelalterlichen Denkmale in Stein, die Fahnen der Landesfürsten und der Stadt. Unter den Waffen bemerkten wir Hellebarden und Flamberge, halbe und ganze Rüstungen, Schwerter und Luntenflinten des 16. und 17. Jahrhunderts, die lederne Rüstung für das Hintertheil des Pferdes und die gewaltigen Stiefeln des Anführers der aufrührerischen Bauern, Mathias Stöckl, sowie eine hölzerne Kanone desselben. In einem besonderen Kasten befand sich ein ganzer Scharfrichter-Apparat, namentlich Stricke, Brandzeichengeräth, ein sinnreich construirter Maulkorb für schmähsüchtige Weiber, der die Gestalt einer Maske hatte, Richtschwerter, die bekanntlich zweischneidig und ohne Spitze sind. Das eine derselben, dem 17. Jahrhundert angehörig, hatte die Inschrift: wer was findet, eh’ daß es verloren, etwas kauft, eh’ daß es feil ist, der stirbt, eh’ daß er krank wird. In demselben Kasten lag ein Quartband, der die amtlichen Memoiren des Scharfrichters Franz Johann Wohlmuth enthielt, die im Jahre 1761 geschlossen waren. Der Meister hatte 226 Hinrichtungen und peinliche Arbeiten gewissenhaft verzeichnet.

Man sah in demselben Saale den Legaten- und Cardinalhut des bekannten Bischofs Lang, einen fein geschnitzten Bischofstuhl aus Holz von Lungau, der dem 14. Jahrhunderte angehörte, eine aus derselben Zeit stammende steinerne Handmühle, große Thongefäße für Aufbewahrung von Oel und Essig.

In dem zweiten Saale waren zahlreiche Modelle salzburger Gebäude und die Sammlung der Gemälde von salzburgischen Künstlern aufgestellt. Das dritte enthielt die Bibliothek mit den Urkunden und Siegeln, sowie einige Büsten, den Abguß des Schädels von Paracelsus u. s. w.

Im vierten Zimmer waren die römischen Alterthümer vereinigt, die weniger Umfang haben, nämlich die gebrannten Erden und die Bronzen, dann aber auch die auf dem Mozartplatze ausgehobenen Mosaiken, nebst einem überaus niedlich gearbeiteten Modell von der Ausgrabung. Als ich mich davon umwendete, stockte mir geradezu der Athem in der Brust vor freudiger Ueberraschung. Ich sah einen mit dem edelsten dunkelgrünen Roste bedeckten Bronzehelm; der Kopf und der Kamm waren aus zwei getriebenen Theilen zusammengenietet, und die Wangenschienen ebenfalls vorhanden. Dieses kostbare, offenbar vorrömische, aber prachtvoll erhaltene Waffenstück ist unstreitig die Krone der ganzen Alterthümersammlungen des Kronlandes Salzburg. Es wurde vor Kurzem in dem Paß Lueg bei Golling entdeckt. Außerdem befanden sich hier noch zwei schöne Bronzeschwerter, mehrere Cameen, Pfeilspitzen und ein langes gekrümmtes Bronzemesser.

Die in einem geräumigen Seitenzimmer aufbewahrte Naturaliensammlung des salzburgischen Landes konnte nur flüchtig betrachtet werden, da die Zeit bereits sehr vorgerückt war, auch die in einem Parterregewölbe aufgestellten römischen Sarkophage, Grab-, Meilen- und Altarsteine in Augenschein genommen werden mußten. Der eine Grabstein zeichnete sich durch schöne Arbeit aus. Sämmtliche Römersteine sind durch Professor von Hefner in München (römische Denkmäler Salzburgs, Wien 1849) bekannt gemacht worden.

Das Museum ist vor 16 Jahren von dem jetzigen Vorstand des _Mons pietatis_, des Leihhauses, Herrn von Süß, begonnen und durch seine unablässige Sorgfalt auf den gegenwärtigen Stand gebracht worden. Er hat sich zu diesem Zwecke mit mehreren Gleichgesinnten in Verbindung gesetzt, die Unterstützung und Beihülfe der Behörden in Anspruch genommen und neuerdings die Anstalt unter den Schirm der verwittweten Kaiserin Mutter Majestät gestellt, weshalb sie auch den Namen ihrer erlauchtesten Beschützerin als _Carolino-Augusteum_ trägt.

Wir begaben uns nun nach der Reitbahn, wo die Landleute ihre Pferde ausgestellt hatten, und die Preisschau stattfand. Wir sahen sehr große, starke und fette Pferde, die jedoch nicht die Grazie der norddeutschen hatten, obschon sie denselben an Kraft und Ausdauer überlegen seyn mögen. Dann aber gingen wir nach dem ~Posilipp von Salzburg~, einer jener großartigen und bewunderungswürdigen Werke, welche die Erzbischöfe von Salzburg so gern ausführten.

Der Mönchsberg, der parallel mit der Salzach hinläuft, besteht aus Breccie und trennt die Stadt von der fruchtbaren Ebene nach dem Untersberg hin; von dort aus konnte man nur durch einen Umweg nach Salzburg gelangen. Da faßte Erzbischof Sigismund von Schrattenbech den Plan, den Berg zu durchbrechen. Nach reiflicher Prüfung schritt man am 15. Mai 1765 unter der Direction des Ingenieur-Majors Johann Elias von Geyer unter der Werkführung des David Zimmermann aus Eisleben ans Werk. Die Arbeit währte nur zwei Jahre und kostete kaum an 20000 Gulden. Am 15. Nov. 1767 wurde der Durchgang eröffnet. Wir traten nun an das Thor, über dessen Oeffnung die Büste des Erzbischofes und die sinnreiche Inschrift: _Te saxa loquuntur_ zu sehen ist. Die Länge des Thores beträgt 415 Fuß, die Breite 22 und die Höhe 40 Fuß. Es gewährt einen freundlicheren Anblick als der Posilipp, der allerdings 1000 Fuß lang, 80-90 Fuß hoch und 24-30 Fuß breit ist, aber mehr von der Natur als von Menschenhänden gearbeitet zu seyn das Ansehen hat. Das Sigismundthor ist im Spitzbogenstyl ausgemeiselt, die Wände, an denen die Schichtung des Felsens deutlich hervortritt, sind abgeglättet. Auf der Außenseite erheben sich zwei, aus dem anstehenden Gestein ausgehauene Obelisken. Ueber dem Thore aber steht die 16 Fuß hohe Statue des Königs Sigismund in voller Rüstung, umgeben von Waffenstücken, gearbeitet im Jahre 1768 von W. Hagenauer.

Wir durchschritten einige Mal das colossale Werk und musterten sodann einen nahe dabei befindlichen Geschiebehaufen, der für unsere Sammlungen manches Interessante, namentlich buntfarbigen Marmor und einen wasserhellen eiförmigen Bergkrystall darbot.

Wir schlenderten nun gemächlich durch die Straßen, freuten uns der rothmarmornen Fensterauslagen der Bäder und der Fleischer, die vor ihren Verkaufsstellen ungeheuere Holzblöcke zum Zerhauen des Fleisches haben. Solche Wanderungen durch die Straßen und die Lectüre der Aushängeschilde gehören zu den kleinen Freuden der Reisenden und gewähren nach größeren, oft anstrengenden Anschauungen eine eben so belehrende als erheiternde Erholung. Jedes Land hat seine Eigenthümlichkeiten, namentlich in Benennung der verschiedenen Gewerke. Hier in Salzburg fanden wir z. B. bürgerliche Maler, Pechbrocker, Lebzelter, Hutstepper, Bindermeister, Tandler, eine Pfindlerei, u. s. w.

Wir landeten endlich im Stiftskeller zu St. Peter, um durch Rostbratel und Grinzinger unsere Kräfte zu ergänzen, und fanden diesmal viel Norddeutsche, von denen der Eine seine Unzufriedenheit mit dem österreichischen Weine gar nicht verbergen konnte. Es war ihm unbegreiflich, daß derselbe anders schmecke als Rheinwein, Moseler und Chateau Lafitte. Denselben, übrigens kenntnißreichen Mann traf ich nachher auf dem Rathhause, wo er mit der Methode eines Inquisitionsbeamten einen bairischen Landwirth über sein Verfahren bei landwirthschaftlichen Geschäften examinirte. Der ehrliche Baier erklärte endlich, ärgerlich über das Fragen und Besserwissen des nordischen Landsmanns, er habe es immer so gemacht, müsse sich nach Umständen richten und werde sein Lebtage auch dabei bleiben.