Chapter 6 of 10 · 3998 words · ~20 min read

Part 6

Unser freundlicher Wirth hatte sich erboten, uns heute Vormittag nach dem Fürstlich Schwarzenbergischen Park ~Aigen~ zu geleiten. Der Himmel war allerdings auch heute trüb und schien den am Sonnabend unterlassenen Regen heute nachholen zu wollen. Wir machten uns indessen marschfertig und begaben uns auf den Weg. Wir gingen die Salzach entlang, stromaufwärts, bis wir an eine Fähre gelangten, die an einem über den Fluß gespannten Seile lief. Wir gelangten auf einen Wiesengrund, den ein mit der Salzach parallel laufender Arm durchschnitt. Es war ein langer auf Blöcken ruhender Steig zu passiren, ehe wir auf die Straße kamen, die nach dem Park leitete, der sich an die Kirche und das Schloß anlehnt. Gleich am Eingange stehen prächtige Bäume, die einen stattlichen Springbrunnen umgeben. Dann führt der reinlich gehaltene Weg aufwärts. Dem Wanderer kommt ein ansehnlicher, jetzt sehr wasserreicher Bach munter entgegen, der einen laut tosenden Wasserfall bildet und den man auf mehreren Brücken überschreitet. Es fehlt nicht an manichfaltigen Felspartieen, die an der einen Stelle eine wilde höhlenartige Schlucht bilden, durch die man hindurchschlüpfen muß. Endlich gelangt man zu der _bella vista_, die allerdings den Namen mit vollem Rechte führt, da sich hier dem Auge eine wundervolle Ansicht über die Stadt eröffnet. Der Himmel war uns günstig und goß aus den zerrissenen Wolken die herrlichste Fülle des Sonnenlichtes über die Gegend. Die Festung Hohensalzburg lag klar vor uns und am Fuße derselben die interessanten Häusergruppen.

Wir gelangten sodann an einen freien, ebenen Platz, der mit herrlichen Buchen bestanden war und über den hinweg wir zu einer zweiten Ansicht der Gegend gelangten. Längs der Berge und an der Salzach ziehen sich von hier die Sommerwohnungen der Salzburger hin, die meist im ländlichen Style, nur eleganter und farbenreicher, erbaut sind. Diese Wohnstätten sind durchgängig mit schönen Gartenanlagen und Baumgruppen umgeben.

Wir stiegen nun wiederum abwärts und warfen dann einen Blick in das freundliche Kirchlein, das am Eingange des Parks hingestellt und mit Gemälden auf Goldgrund, Kreuzfahnen und bunten Statuen verziert ist.

Auf unserm Wege durch die Wiesen begegnete uns ein englischer Gentleman, der sich durch eine deutliche, in deutscher Sprache abgefaßte Anfrage bei uns zu überzeugen suchte, ob er auch wirklich auf dem richtigen Wege nach des Prinzen Swartschenbech Slosch Aickra sich befinde, und dann höflich dankend weiter dahin schritt.

Wir gingen an der Salzach herein, am Birgelstein vorbei, durch die Vorstadt Stein und eilten nach dem Dom, wo heute Fräulein Lutzer singen sollte. Es kamen uns zahlreiche Landleute entgegen, die Frauen in reichem Schmuck. Die Messe war jedoch im Dom bereits vorüber, und wir begnügten uns mit der Betrachtung der Gemälde und Sculpturen, die er in so reicher Fülle darbietet. Dann aber schlenderten wir nach St. Peters Keller, um uns durch trefflichen Schinken und Ruster von der Morgenpromenade zu erholen.

Ich begab mich dann nochmals in das städtische Museum, um den reichen Inhalt desselben noch einmal durchzugehen. Dann aber begann das unvermeidliche, aber immer unangenehme Geschäft des Einpackens und die Plage mit der aufgequollenen, getragenen Wäsche, den manichfachen neuerworbenen Büchern, Steinen und anderen Sachen. Wie oft in der Welt, ging es diesmal besser von Statten, als wir erwartet, und wir behielten noch Zeit zu einem, dem Abschied gewidmeten Gange durch alle Theile der uns so lieb gewordenen Stadt. Das Glück führte uns auch einen Fuhrmann zu, der es übernahm, uns morgen für den gewöhnlichen Satz von sieben Gulden nach Ischl zu fahren. Wir nahmen den dazu erlesenen Einspänner in Augenschein und hatten somit alle unsere Geschäfte in Ordnung, da wir auch unsere Pässe visirt erhalten hatten.

Zum Schlusse traten wir in St. Peters Keller und hatten eben Speis und Trank unter Bürgern und Landleuten erhalten, als der Regen auf’s Neue und überaus fleißig seine Arbeit begann. Wir nahmen Abschied von Wirth und Kellner und gingen nach Haus, da unsere gütigen Wirthsleute uns heut Abend mit in das Concert der Liedertafel nehmen wollten.

Die salzburger Liedertafel hat ein stattliches Local im Gasthofe zur goldenen Traube. An den Wänden sind die Embleme, sowie die Wappen anderer österreichischer und bairischer Liedertafeln aufgehängt. Man nahm an Tischen Platz und konnte sich nach der Karte Speisen geben lassen.

Das Concert selbst ward gut von Männerstimmen ausgeführt, vor Allem aber sprach das gemüthvolle Loblied auf Steiermark an, das auch allgemeine Begeisterung erregte, während das Lied von den deutschen Bundesstaaten die größte Heiterkeit hervorrief. Einer der Herren brachte noch ein Lebehoch auf die 14. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe aus, zu deren Ehren das Concert veranstaltet war. Zur Erwiederung sprach ein durch Alter und Verdienst ehrwürdiges Mitglied der Versammlung einige Worte des Dankes. Einen überaus angenehmen Eindruck machten die Vorträge eines Virtuosen auf der Zither. In Norddeutschland ist dieses in den Gebirgsländern südlich der Donau allbeliebte Instrument gar nicht bekannt, obschon die Mischung der Darm- und Drahtsaiten überaus liebliche und eigenthümliche Töne hervorbringt. Am schönsten nehmen sich freilich die Schnaderhüpfeln darauf aus und langsam gehaltene Märsche.

Man zeigte uns noch die der Gesellschaft gehörigen Pocale und Trinkhörner, die sie für ihre Leistungen als Preise gewonnen hat und die in einem besonderen Schranke aufbewahrt werden.

Endlich mußte geschieden seyn, und wir begaben uns erfreut von dem so heiteren, als anständigen Ton, der diese Gesellschaft belebte, zur Ruhe.

Dienstag, den 9. September, erschien verabredeter Maßen unser Einspänner bald nach 7 Uhr vor unserer Hausthür. Wir nahmen dankend herzlichen Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthsleuten und stiegen in den eleganten Wagen, der auch gegen Regen genügenden Schutz darbot.

Wir rollten über die Salzachbrücke durch die wohlbekannte Linzer Gasse, das Linzer Thor auf die Landstraße hinaus bis an den Fuß des steilen Berges. Hier stiegen wir aus, um dem guten Grauschimmel eine Erleichterung zu verschaffen. Unser Fuhrmann, ein hübscher Mann mit wohlwollendem, scharf geschnittenem Gesicht und stattlichem braunen Barte, theilte uns mit, daß er dem Kaiser als Soldat in dem ungarischen Feldzuge gedient, auch ein Tagebuch über seine Fahrten und Abenteuer geführt habe. Er lobte die Ungarn als gar gute Menschen, die ihm viel Wohlwollen erwiesen. Er berichtete auch über die Russen, die er dort gesehen und deren großartigen Appetit er bewundert, wobei er bemerkte, daß sie durchaus nicht ekel gewesen und rohe Kartoffeln und Kürbisse nicht verschmäht hätten. In Folge dessen hätte freilich die Cholera große Verheerungen unter ihnen angerichtet. Sonst lobte er ihre Gutmüthigkeit und die Schönheit ihrer Cavalerie. Er sagte, daß er sich gern in Ungarn niedergelassen hätte, daß er aber seine Mutter hier habe, die er doch nicht verlassen könne. Es war ein überaus gutmüthiger Mensch.

Der Berg war erklommen, wir stiegen wiederum ein und fuhren durch die freundliche Gebirgsgegend bis nach Hof, wo abermals gehalten und dem Grauschimmel eine Erholung gewährt wurde. Er hatte dieselbe Sitte, wie sein brauner Vorfahr, hie und da eigenmächtig an den Wassertrögen zu halten und einen frischen Trunk zu thun.

Wir hatten den gewaltigen, mit Personen angefüllten Postwagen, der eine halbe Stunde vor uns abgefahren war, bereits überholt und kamen daher auch vor demselben fort. Der Weg senkt sich nun nach dem Fuschelsee hinab, den wir in schönster Beleuchtung zur Linken hatten. Dann steigt die Straße wieder empor und geht im Walde fort. Auf den Bergen lag Schnee, und es erreichte uns jetzt ein Regenwetter, das mit Schneeflocken untermischt war und den Wagen möglichst zu schließen uns nöthigte.

Als wir jedoch an den Punkt gelangten, wo der Wolfgangsee sichtbar wurde, ließ das Wetter nach, und wir konnten den Wagen verlassen und, die herrliche Aussicht genießend, den Berg herein zu Fuße gehen, ja sogar die Mäntel von uns thun.

Diesmal traten wir in St. Gilgen in das große Gastzimmer, aus dessen Küche die Dünste des Mittagsessens hervorquollen, wenn die ansehnliche Gestalt der rührigen Wirthin hereintrat und die Wünsche der Gäste vernahm oder erfüllte. Es war dieselbe Frau, die wir acht Tage früher unter dem Schimmer des Goldhelmes erblickt hatten. Diesmal ersuchten wir zunächst um eine Suppe und erhielten auch bald eine jener oberösterreichischen Suppen mit fleischlichem Inhalt, die mir für ein ganzes Mittagsessen genügen. Ich ließ jedoch noch ein Rindfleisch auftragen, dessen Vortrefflichkeit zu weiterem Essen verleitete. Löffel und Gabeln waren auch hier von Silber und das Tischzeug überaus sauber und nett. Das Lob ihres Mittagsessens vernahm die gute Wirthin mit freundlicher Miene.

Nachdem wir ein Stündchen geruhet, spannte unser Fuhrmann wiederum ein; wir wollten eben einsteigen, als ein Wagen am Gasthof hielt, der zwei Damen von unserer Bekanntschaft, und zwar von meiner Straße, heranführte. Das gab denn natürlich große Freude und gegenseitige eilige Mittheilungen.

Wir fuhren weiter; die Sonne war mittlerweile aus den Wolken getreten und berührte den Wolfgangsee und seine malerischen Ufer auf das Anmuthigste. Die Oberfläche des Wassers spielte in allen Nuancen des Blau bis in Violett und Grün. Die Büsche und Bäume am Wege funkelten noch naß vom Regen, und wir ließen, um uns diesem herrlichen Schauspiele ganz hinzugeben, den Wagen zurückschlagen.

Wir hatten bald den Postwagen, der in St. Gilgen frische Pferde vorgelegt hatte, überholt und eilten durch die bekannte Gegend dahin, so daß wir zeitig in Ischl eintrafen und im Gasthofe zur goldenen Krone abstiegen. Die freundlichen Kellnerinnen empfingen uns als alte Bekannte und brachten uns auf unser früheres Zimmer, wo wir nicht lange verweilten. Wir begaben uns zunächst nach dem Siedehause, sahen die gewaltigen Pfannen und dann die Zuformung des schneeweißen Salzes, das in Fässer geschlagen und weiter geführt wird. Dann begingen wir die Promenaden, die Säulenhalle, die Straßen der niedlichen Stadt, die bereits einige recht stattliche Gasthöfe aufzuweisen hat. Am interessantesten war ein Gang an der Traun, wo eben ein Paar für den kleinen Fluß scheinbar colossale Kähne durch Pferde unter der Brücke hindurchgezogen wurden. Die Schiffer haben ganz eigenthümliche Schalten und Ruder. Die Ruder bestehen aus Tafeln, die etwa eine Quadratelle haben und an denen ein kurzer Stiel befestigt ist.

Mit Dunkelwerden kehrten wir in unseren Gasthof zurück und machten nun unseren, mittlerweile daselbst ebenfalls angelangten Damen unsere Aufwartung, die nun ausführliche Berichte über ihren Aufenthalt in Wien, Venedig, Inspruck u. s. w. erstatteten.

Wir begaben uns sodann in die Wirthsstube, um ein frugales Souper einzunehmen, und zogen Erkundigungen über die Wege nach Kremsmünster und St. Florian ein. Ich hatte mir vorgenommen, ein österreichisches Benedictinerstift zu besuchen, und Kremsmünster vornehmlich im Auge behalten, ein Stift, dessen Insassen so viel für die Wissenschaften geleistet. Ich war begierig, den astronomischen Thurm zu sehen und die schönen Sammlungen, die er in seinen acht Stockwerken umschließt. Das lockte sehr. Allein der Weg dahin ward als schwierig geschildert und unser Gepäck war uns ein wahres Impedimentum, wenn wir eine Fußwanderung unternehmen wollten. Ich schob indessen für heute die Entscheidung auf, und wir begaben uns zeitig zur Ruhe.

Mittwoch, den 10. September, waren wir bei früher Tageszeit auf den Beinen und in den Straßen von Ischl. Die Kaufläden boten manches interessante Gewerbserzeugiß zur Anschauung dar, so z. B. die Läden mit österreichischem Porzellan und Glas, worunter namentlich sehr viel modellirte Vesen, Thiere, die als Briefhalter dienen. Eigenthümlich sind die sogenannten heiligen Geiste, die der Landmann in der Stube aufhängt. Es sind Tauben mit ausgebreiteten Flügeln von weißer Farbe und der Größe eines Schmetterlings, die mit farblosem Glase umgeben sind. Ein anderer Laden enthielt Holzwaaren, darunter Tabakpfeifen von höchst abenteuerlicher Gestalt. Der Kopf von ungarischer Form besteht aus einem Knie von Lerchenholz, an welchem sich noch die Rinde befindet, die auch an dem einzusteckenden Deckel theilweise sichtbar ist. Der Stiel besteht aus sauber abgedrehtem und polirtem Knieholz. Als Verzierung hängen an grünseidener Schnur zwei stattliche Quasten aus Bartmoos (_Usnea_).

Wir beurlaubten uns dann von unseren Damen, die mehrere Tage in Ischl verweilen wollten, und begaben uns nach der Post, um mit dem Stellwagen nach Ebensee uns befördern zu lassen. Es war derselbe, der uns früher nach Ischl gebracht hatte.

Der Wagen war bald gefüllt, und die Pferde zogen an. Bis an die Traunbrücke, freilich eine gar kurze Strecke, ging Alles gut. Als aber der Weg sich hob, verweigerte das auf der Wildbahn gehende Pferd den Dienst und antwortete auf Peitschenhiebe mit Ausschlagen. Weiterhin, wo eine größere Steigung Statt findet, ersuchte der Fuhrmann uns auszusteigen -- aber das Pferd wollte den namhaft erleichterten Wagen auch nicht ziehen. Da ergab es sich denn freilich bei näherer Betrachtung, daß die Seiten des armen Thieres wund waren und daß beim Anziehen die aufdrückenden Stränge demselben argen Schmerz verursachen mußten. Indessen die Reisenden wollten vorwärts, und so begann denn eine höchst unbehagliche Fahrt. Das Pferd bekam Hiebe, schlug die Stränge durch und warf beim Ausschlagen ganze Massen Straßenschlamm in den Wagen.

Daher kam es nun, da der Weg dicht am Wasser und zum Theil hoch über demselben hinführt, daß der Wagen, auf dessen Verdeck das umfangreiche und schwere Gepäck ruhte, oft arg schwankte.

Indessen gelangten wir, ohne umgeworfen worden zu seyn, glücklich nach Ebensee und standen bald wohlbehalten auf der Landungsbrücke am grünen Traunsee, vor uns zur Rechten den an 6000 Fuß hoch gerad’ anstrebenden Traunstein. Aus der Ferne näherte sich das Dampfboot und nahm die wenigen Passagiere auf, die hier der Ueberfahrt harrten. Der Wind wehte rauh, es fehlte nicht an Sprühregen, doch war der See diesmal weniger bewegt als bei unserer letzten Fahrt. Schon bevor man an Traunkirchen gelangt, öffnet sich die Aussicht nach Gmunden, und auf die flache Umgegend der Stadt. Sie liegt da, wie die Unterschrift zu dem interessanten Briefe einer theueren Person -- wir beklagen, daß der Brief nun zu Ende. Das Dampfschiff kommt heran, wir verlassen unsere Plätze, die wir am warmen Schornstein uns gegen den Wind ausgewählt. Der Capitän, ein langer Engländer, und sein Gehülfe blicken prüfend auf dem Verdeck umher, die Fahrkarten werden eingesammelt, die Matrosen treten zum Anker, das Dampfschiff schwenkt und legt an der Landungsbrücke endlich bei.

Das Gepäck wurde nun nach dem vor der Stadt gelegenen Hofe der Pferde-Eisenbahn geschafft, wir lösten Fahrkarten und kehrten nach der Stadt zurück ans Ufer des herrlichen See’s, aus dem mein Gefährte sich ein Fläschchen mit Wasser aushob, das überaus klar und vollkommen farblos ist. Auch heute zeigte der See die tief dunkelgrüne Färbung, die nur am Ufer vom Ebensee etwas lichter erschien. Von der Landungsbrücke sahen wir dem munteren Treiben der kleinen Fische zu, die hier in großer Zahl versammelt sind und das Brot begierig erhaschen, das man ins Wasser wirft.

Wir begaben uns ins goldene Schiff und fanden abermals an dem Fenster einen Platz, der uns die Aussicht auf den See länger genießen ließ. Während ich meine Sachen ablege, ruft Jemand meinen Namen, und zu meiner freudigen Ueberraschung sehe ich einen Freund aus Dresden an einem anderen Tische. Es ist eine große Freude, in der Ferne unerwartet alten Freunden zu begegnen; es ist wie ein Gruß aus der Heimath, denn an jeder Person haftet eine Reihe von heimathlichen Bildern, die nun lebendig hervorquellen und der fremden Umgebung um so reizendere Gegensätze gewähren.

Endlich schieden wir vom Freunde und vom Traunsee und wanderten dem Bahnhofe zu, getreu meinem alten Grundsatze, lieber eine halbe Stunde zu früh als eine halbe Secunde zu spät zu kommen. Wir hatten Zeit, den Bahnhof, die Wagen, die Vorräthe, die ganze Umgebung gemächlich in Augenschein zu nehmen. Wir hörten auch, daß gestern Abend beim Hereinfahren eine Bremse gesprungen, daß jedoch durch schleunige Hülfe jeder Unfall verhütet worden sey. Das Fortkommen mit der Pferdebahn ist unstreitig das angenehmste und für den Reisenden, der keine besondere Eile hat, das bequemste, und doch immer noch rascher als mit dem Eilwagen. Das abscheuliche Rasseln und Klirren der Wagen, das Pfeifen, Quieken und Pusten der Locomotiven, das Stoßen und Krachen, kurz die ganze Encyclopädie der unangenehmsten, gewaltsamsten und grellsten Töne, welche eine Fahrt mit dem Dampfwagen auf längere Dauer so lästig macht, fällt hier weg, die Gefahr vor dem Umwerfen ist durch den Schienenweg beseitigt. Uebrigens sind die Wagen bequem und geräumig eingerichtet, und der Preis -- von Gmunden nach Linz in zweiter Classe ein Gulden -- unglaublich billig.

Gegen 3 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Man gelangt bald in eine waldige Gegend, die jedoch noch einige Male erwünschte Ansichten des See’s und seiner Umgebung darbietet. Wir hatten Zeit, unsere Nachbarschaft zu mustern. Mir gegenüber saß eine in viele wollene Shawls und Mäntel gehüllte Engländerin, die sich dem Schlaf zu überlassen sehnte und deshalb Studien zu einer bequemen Stellung machte. Nach manichfachen Versuchen beharrte sie bei der Lage des barberinischen Faun in München, d. h. sie legte den Nacken auf die Sitzlehne, schloß die Augen und öffnete den Mund.

In Lambach wurde angehalten, doch nicht lange genug, um das Benedictinerstift näher betrachten, viel weniger besuchen zu können. Die Gegend bietet nichts Außerordentliches dar, es ist immer Wald, mir allerdings stets ein lieber Anblick. In Wels hält der Zug mitten in der Straße. Zur Linken stieg hinter den Häusern eine neue, im schönsten gothischen Styl gebaute, mäßig große Kirche empor. Sie war für die Protestanten bestimmt. Im Vordergrunde trieben sich ungarische Husaren umher; diese schlanken, zierlichen Gestalten in der schmucken, knappen Tracht mit den dunkelen, ruhigen Gesichtern nehmen sich überaus elegant aus. Sie haben eine Elasticität in ihren Bewegungen, die von dem schwerfälligen Gange des norddeutschen Bauern grell absticht. Die Ungarn sind ohnstreitig die jüngsten Kaukasier, welche in Europa eingedrungen.

In Wels stieg ein Mann in den Wagen, der als Unteroffizier die Kriege in Italien mitgemacht und mehrfach italienische und ungarische Staatsgefangene eskortirt hatte. Auf die Italiener, namentlich die italienische Geistlichkeit, war er gar nicht gut zu sprechen. Nach ihm stieg ein alter Herr ein, der seinen kleinen Enkel bei sich hatte. Da der Wagen sehr besetzt war, so wurde der Knabe neben der Engländerin untergebracht. Mein Nachbar, der eben eingestiegene Kriegsmann, knüpfte ein Gespräch mit der Engländerin an, sie gab zu erkennen, daß sie kein Deutsch verstehe, nahm trotzdem aber den niedlichen Knaben in ihren Schutz und sorgte gar freundlich für bequemen Sitz des schlafmüden Kindes. Der Nachbar versuchte nun in gebrochenem, sehr laut ausgesprochenem Deutsch eine Conversation mit der wohlgesinnten Fremden zu führen. Er mußte jedoch seine Versuche bald aufgeben, zumal da sie bald eben so fest, wie der in ihren Schooß gesunkene Knabe schlief. Mittlerweile war es dunkel geworden und der Entschluß gereift, Kremsmünster und Florian aufzugeben und von Linz aus nach Göttweig und Wien zu gehen. Aus der Ferne schimmerte hie und da ein Lichtlein, in der Straße konnte man die Telegraphenstützen und die Bäume nothdürftig wahrnehmen. Ich ergötzte mich an den Streiflichtern, welche die Wagenlaternen in den oft nahe herantretenden Wald warfen, und den Strahlen, die zuweilen meteorartig aus den Wächterhäusern über die im Schlaf befangenen Wagen-Insassen hinzuckten.

Endlich war der Weg vollbracht, die weiße Kirchhofmauer von Linz vorüber und der Bahnhof erreicht. Hier wurden die Pässe abgegeben und das Gepäck einem Karrenführer anvertraut. Wir schritten durch die öden Straßen, die bei Laternenlicht sich fremdartig darstellten, fürbas, bis wir einen alten Herrn trafen, der mit uns ein Stück Weges vorwärts ging und uns dann weitere Auskunft gab. Weiterhin trafen wir einen Kaiserlichen Soldaten, der uns bestätigte, daß wir auf dem rechten Wege nach dem schwarzen Bock wären.

Hier fanden wir als alte Bekannte gar freundliche Aufnahme und unser altes Zimmer. Zehn Uhr war freilich vorüber, allein wir setzten uns doch erst in die Gaststube und nahmen ein Souper ein, das nach dem langen Wege trefflich mundete.

Donnerstag, den 11. September, erhoben wir uns erst nach der Sonne, ordneten unser Gepäck und gingen dann bei freundlichem Himmel aus, um die Stadt ~Linz~ recht gemächlich in Augenschein zu nehmen. Zunächst schritten wir nach dem Markte, der allerdings bei seiner namhaften Länge und verhältnißmäßigen Breite einen überaus stattlichen Anblick gewährt. Er ist mit reich verzierten Häusern umgeben, in der Mitte erhebt sich die Pestsäule Karl’s VI. Auf einem gewaltigen Unterbau steigt eine Säule empor, die ganz mit steinernen Wolken umgeben ist, an welcher Engel angebracht sind. Zu oberst thront die Statue der heiligen Jungfrau. Die Farben sind weiß und Gold. Es hält schwer, eine klare Ansicht des ganzen kolossalen Werkes zu erhalten, da es mit Detail überladen ist. Es ist aber jedenfalls eine Zierde des Platzes, den außerdem zwei Brunnen schmücken. Von hier gingen wir nach der auf 15 Jochen ruhenden, 864 Fuß langen Donaubrücke, die die herrlichsten Ansichten darbietet. Auf der Stadtseite sind sehr ansehnliche Gasthäuser errichtet, unter denen Erzherzog Karl das hervorragendste; hier ist der Landungsplatz der Dampfschiffe, wo auch namhafte Vorräthe an Kohlen, Holz und Waarenballen aufgehäuft sind. Man sieht auch hier flache Böte, in denen die Waschweiber lautschwatzend ihr Werk treiben. Dann traten wir in eine Kirche, die im Style des vorigen Jahrhunderts reich und bunt verziert war.

Wir schritten nach dem Markte zurück, wo ein lebendiger Verkehr sich entwickelt hatte. Wir nahmen besonders die stattlichen Schaufenster der Kaufleute in Augenschein, die überaus geschmackvoll und zierlich angeordnet waren. Da sah man z. B. einen Kaiserlichen Adler aus Angelhaken, Heften und Nadeln hübsch zusammengestellt, dann die verschiedenen Backwerke, die halbmondförmigen Kupfeln, die Brezeln und die echinitenartigen Brötchen zu einem Ganzen geordnet. Die Läden der Korbflechter zeigten Tische, Stühle, Körbe, Consolen und andere kleinere Gefäße; sehr reich waren die Läden mit Porzellan aus Ellnbogen und Kadan; die Kunsthandlungen hatten Heiligenbilder, Portraits der Helden des letzten Krieges und Scenen aus demselben ausgestellt. Reich an niedlichen Arbeiten waren die Vorräthe der Gipsgießer, der Goldschmiede, die prachtvolles Kirchengeräth, Leuchter, Monstranzen und Kelche zur Schau gestellt hatten. Linz ist eine Fabrikstadt, und die Schaufenster der Schnittwaarenhändler zeigten geschmackvolle Baum- und Schafwollenstoffe. In einer Nebengasse reizte der Laden eines Wachswaarenhändlers, der mit Kerzen, wächsernen Blumen, Engeln, Heiligen angefüllt war.

Wir schritten sodann durch das stattliche Landhaus, dessen venetianisches Portal in buntem Marmor und Gold prangt, und gelangten sodann auf die Promenade, die mit schönen Platanenalleen verziert ist. Hier findet sich ein elegantes Kaffeehaus, und von hier gelangt man nach der breiten Landstraße mit sehr ansehnlichen öffentlichen Gebäuden und Kirchen.

Wir hatten dasmal die Absicht, die öffentliche Bibliothek zu beschauen, und trafen, obschon eben Ferien, den Secretair derselben, einen freundlichen, diensteifrigen Mann. Zunächst sah ich die Kataloge mir an. Dann legte mir Herr Laurenz Christlbaur eine sehr sorgfältig gearbeitete Uebersicht über die Geschichte der Anstalt und die vorzüglichsten Schätze derselben vor. Die Bibliothek gehört eigenthümlich dem Stifte Kremsmünster; der Kaiser giebt jährlich 300 Gulden zu anderweiten Anschaffungen. Sie hat etwa 20,000 Bände, die in mehreren Zimmern trefflich aufgestellt und gut gehalten sind. Sie besitzt die Petersburger Acten, die Wiener Jahrbücher der Literatur, gute historische Werke, kann aber bei den sehr beschränkten Mitteln nicht sonderliche Fortschritte machen.

Wir begaben uns in das Zimmer der Handschriften; viele derselben mußten früher nach Wien wandern. Doch waren noch manche schätzbare Sachen vorhanden, wie ein schönes Evangelium aus dem 12., eine deutsche gereimte Bibel aus dem 14. Jahrhundert mit einigen sehr interessanten Miniaturen, ein deutsches Gebetbuch des 15. Jahrhunderts. Besonders merkwürdig ist ein gemaltes Herbarium des 16. Jahrhunderts, welches an das in der Königlichen Bibliothek zu Dresden (B. 71.) aufbewahrte von Kenntmann erinnert.

Wir dankten dem freundlichen Collegen für die zuvorkommende Güte, mit der er uns diese Schätze erschlossen, und setzten unsere Wanderungen durch die Stadt fort. Zunächst war unser Ziel die Höhe außerhalb der Stadt, welche das Jesuitenkloster trägt. Wir gelangten an die berühmten, in den weichen Sandstein eingeschnittenen Bergkeller, die 300 Fuß tief in den Berg hineingehen, und aus denen schornsteinartige Luftzüge hervorragen. Hier werden die Bier- und Weinvorräthe der Linzer Wirthe aufbewahrt, bevor sie Verzehrungssteuer davon entrichten. Wir stiegen den Hohlweg aufwärts, rechts sah der Thurm der Jesuiten mit dem rothgelben gothischen Giebel aus dem grünen Laube hervor. Wir wandten uns jedoch links und gelangten auf eine Anhöhe, die die herrlichste Ansicht über die Stadt und das Donauthal gewährte. Die Thürme der Stadt stellen sich stattlich dar. Die bekannten Maximiliansthürme, die ich im Jahre 1838 genauer betrachten konnte, bemerkt man von hier oben gar nicht, wie denn der Reisende, der von jenen Thürmen keine Kunde hat, sie bei dem Hereinfahren auf der Pferdebahn meist übersieht und keine Ahnung hat, welch’ ein militairisch wichtiger Punkt die Stadt Linz ist.

Wir begaben uns vor Tisch noch auf den Markt, um die Wachtparade zu sehen. Wir hörten die einfache Trommel und sahen die Wachtmannschaft, bestehend in einem Offizier mit etwa 25 Mann, ganz einfach der Hauptwache zuschreiten, wo die Ablösung in aller Ruhe stattfand. Eine Parade gab es nicht, wie wir denn weder in Salzburg, noch in Wien eine solche zu sehen die Freude hatten.