Part 11
Der alte Harfenspieler hatte durch sie die himmlischen Mächte kennen gelernt. Konnte er das auch von sich sagen? ... Nein. Im Gegenteil. Vorher hatte er von Gott -- so setzte er stillschweigend für die himmlischen Mächte ein -- gewußt und ohne Bedenken und Zweifel, aber freilich, auch ohne sich viele Gedanken zu machen, über ihn gelehrt. Das war so leicht gewesen. Es stand ja alles fertig im Katechismus und in der Bibel. Dann hatte er in jener Verzweiflungsnacht zu Gott geschrien und keine Antwort bekommen, keine Erhörung gefunden. Seitdem fühlte er im Unterricht manchmal etwas wie ein böses Gewissen, wenn er von ihm lehrte. Aber er beruhigte sich: Wir Schulmeister müssen's alle, es steht einmal in den alten Büchern so drin, und Religion ist immer gewesen und muß auch sein.
Und doch waren auch wieder Stunden in seinem Leben, in denen er das Gefühl gehabt hatte, als ob er jetzt, nachdem er den Gott seiner kindlichen Vorstellungen verloren, erst auf dem Wege wäre, Gott von ferne zu ahnen, ihn vielleicht einmal zu kennen; als ob er sein Liebesglück und Liebesleid, seine Jubelstunden und seine durchweinten Nächte einbeziehen könnte, ja müßte, in einen verborgenen Liebeswillen, der geheimnisvoll über seinem Leben waltete. Selten waren solche Stunden, und es waren auch dann nur Ahnungen, die ganz leise und heimlich durch seine Seele zogen. Die entgegengesetzte Stimmung, daß er mit einem blinden, grausamen Geschick haderte, daß er sich dumpf und stumpf unter etwas Unabänderliches zu beugen suchte, hatte die Vorherrschaft ... Der Harfenspieler war ein alter Mann. Vielleicht hatte der auch nicht immer so an seine Leiden und Schmerzensnächte gedacht, so voll stiller Ergebung, ja voll Dankbarkeit für das, was solche Zeiten ihm gegeben. Das kam vielleicht erst mit den Jahren ...
Peter ließ seine Augen auf dem zweiten Bilde ruhen. Von dessen Versen hatte er bislang überhaupt nichts verstanden. Es war ihm lieb geworden, weil das weiße Kleid des Kindes und ein leiser Zug in ihrem Gesicht ihn an seine Tote erinnerte. Und bei dem festen Hause hatte er ganz unbestimmt an das goldene Tor gedacht. Wie er nun so in stillem Sinnen hinschaute, haftete sein Auge an einem kleinen Wörtlein: So laßt mich scheinen, bis ich ~werde~ ... Werden ... Werden ... ~Was~ werden? Das stand da nicht ... Nur: werden ... Wie er darüber nachdachte, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei in diesem schlichten Wörtlein sein ganzes Jugendsehnen auf das kürzeste und treffendste ausgedrückt. Nicht, was so an der Oberfläche getrieben hatte: Hauptseminar und Küsterstelle usw., sondern das, was in der Tiefe geströmt und jene Wünsche getragen hatte. Und es kam ihm die Erinnerung an eine Frühlingszeit seines Lebens, da er dieses Werdens mit seligen Schauern selber inne geworden war. Aber dann waren ja wieder Zeiten gekommen, in denen er die Empfindung hatte, als ob alles in ihm tot und still läge. Nun stand dieses Wort vom Werden über seinem Schreibtisch, und er wollte es als eine freundliche Verheißung nehmen, daß das Werden doch noch nicht aufgehört habe, daß die alte Sehnsucht noch Erfüllung finden könnte.
Die beiden Bilder hingen nebeneinander. Und der Antiquar hatte ihm beim Kauf gesagt, daß sie eng zusammengehörten. Er hatte auch irgend eine Geschichte erzählt, die das beweisen sollte. Die war ihm aber entfallen, wenn er sie überhaupt recht aufgefaßt hatte.
Ja, vielleicht gehörte, auch ohne diese besondere Geschichte, überhaupt im Leben, alles dieses zusammen: Die kummervollen Nächte und das Tränenbrot und das Werden, die schöne Erde und das feste Haus und das goldene Tor; das Suchen und Sehnen, das Weinen und Verzweifeln, das Wachsen und Werden, und ... Gott ...
Es war etwas in ihm, was sich nach Aussprache sehnte. Da nahm er seine Geige. Den Blick auf den Harfenspieler gerichtet, begann er zu spielen, schmerzvoll klagende Weisen mit einem leisen Unterton der Ergebung, wie sie der Alte einst seiner Harfe entlockt haben mochte. Dann wandte er sich dem andern Bilde zu und zog lange, süße, innige Töne. Tränen füllten seine Augen, und mit den umflorten Blicken sah er in Mignons Bild das Bild seiner teuren Toten. Da packte ihn ein wilder Schmerz, und schrill und scharf zog er mit dem Bogen über die Saiten. Dann schaute er wieder auf den zum Frieden gekommenen Alten, strich allmählich ruhiger, und ging zuletzt in Händels Largo über, das ihm von allen Tonstücken, die er kannte, das liebste war. Er stand jetzt vor dem Fenster, und sein Blick flog zu dem Stückchen Himmel auf, das zwischen der Schule und dem nahen Bauernhause sichtbar war.
* * * * *
Am nächsten Tage fing Peter an, sich in Solten herumzuessen. Das Dorf zählte sieben Halbhöfe, und jeder hatte die Verpflichtung, einen Tag der Woche den Schulmeister zu Mittag und Abend zu beköstigen. Den Morgenimbiß nahm er zu Hause ein, und traf mit einer benachbarten Häuslingsfrau, der er auch die Wartung seines Zimmers übergab, das Abkommen, daß sie ihm durch eins ihrer Kinder dazu einen Becher frischgemolkener Ziegenmilch herüberschickte.
Da Peter jetzt des Willens war, die Welt, in der er lebte, und das ihn umgebende Leben kennenzulernen, so war ihm der Reihetisch ganz lieb. Denn dazu bot er ja die beste Gelegenheit, die sich nur denken ließ. Wenn er des Mittags mit hungrigem Magen auszog, kam er sich fast wie ein Entdeckungsreisender vor und hielt Augen und Ohren offen. Er versuchte von dem Aussehen der Häuser auf ihre Bewohner, von dem Vieh auf die Menschen, von den Menschen auf das Vieh, von den Eltern auf die Kinder, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, er verglich, stellte Betrachtungen an, kurz, er studierte das Leben und die Menschen. Was die Hofbesitzer betraf, so fand er bald heraus, daß er gleich am ersten Tage die größten Gegensätze kennengelernt hatte: den wortkargen, stumpfen, geizigen Swiebertsbauern, und den humoristischen, klugen, noblen Mattensbauern. Frauen gab's, wie überall, ordentliche und schlampige, heitere und mürrische, gut aussehende und häßliche, mütterliche und stiefmütterliche. Von den Altenteilern hatten die einen etwas Patriarchalisches in ihrem Wesen, die andern hatte das Leben, Arbeit und Sorge müde und stumpf gemacht. Peter packte das Leben mit wachen Sinnen, und wo er's packte, da wurde es ihm interessant. Während er die Menschen beobachtete, beobachteten die Menschen ihn, und schon am Ende der Woche stand das Urteil über ihn ziemlich fest: »Wi hewwt'n lütten schönen Scholmester krägen. He is gar nich stolz, itt wat up'n Disch kummt und hett Ogen in'n Kopp.« Nur die Schulkinder, die ja demnächst am meisten mit ihm zu tun haben sollten, hielten ihr Urteil in der Schwebe. Die wollten doch lieber erst sehen, wie er sich in der Schule machen würde.
Am Sonntag ging Peter nach Brundorf zur Kirche. Er setzte sich auf den Orgelchor, woselbst der Organist ihm schlimmes Herzeleid antat. Er hatte seine Orgel schlecht in Stimmung und griff und trat mehr als einmal böse daneben. Denn er dachte: Was verstehen die dummen Bauern von Musik? Wenn's ihnen man tüchtig in die Ohren braust! Peter drehte sich einige Male herum und bearbeitete den breiten Rücken des Kollegen mit empörten Blicken. Aus dem Stadium, in dem ein Tongeräusch wie Schulmeister Wenckes Geigenkratzen Musik für ihn gewesen war, war er jetzt heraus, und die gute und gutgespielte Orgel der Hauptkirche der Seminarstadt hatte ihn verwöhnt.
Als der Superintendent auf der Kanzel erschien und seine Predigt begann, hörte Peter aufmerksam zu. Viel aufmerksamer und angestrengter, als je früher in Steinbeck und Olendorf. Denn es war nun einmal der Trieb in ihm erwacht, das Leben und die Menschen, wo und wie sie sich ihm boten, kennenzulernen. Da hatte er nun bald das Gefühl, solche Predigt könnte nur ein Mann halten, der mit Gott und der Welt, vor allem aber mit sich selbst auf das schönste zufrieden ist. Er beneidete den geistlichen Herrn und alle, die wie er das Leben im hellsten Sonnenschein liegen sahen, verklärt von der Güte eines alliebenden Vaters und von einer allgemeinen, die Welt -- wenigstens mit Worten -- umspannenden Menschenliebe. Indem er dann aber tiefer darüber nachdachte, fand er doch, die wirkliche Welt und das wirkliche Leben zu erkennen und zu verstehen, das hatte doch auch seine Vorzüge, wenn dabei auch mancher schöne Traum zerrann, und so schöne Phrasen, wie sie von der Kanzel herunterpurzelten, unmöglich wurden. Die Erkenntnis des Wirklichen empfand der junge Schulmeister, wenn er auch erst eben angefangen hatte, die Augen und Ohren aufzumachen, doch schon als eine Bereicherung des eigenen Lebens.
Wie seine Augen so auf dem glattrasierten, runden, strahlenden Gesicht des Geistlichen ruhten, sah er plötzlich neben diesem den abgehärmten, von langem weißen Bart umwallten Kopf seines alten Harfenspielers. Da mußte er die beiden nach ihrem Aussehen und nach ihren Worten vergleichen und von diesen Aeußerungen aus auf das dahinterliegende Wesen schließen. Der eine redete des langen und breiten von der Güte und Liebe eines großen Vaters über dem Sternenzelt. Der andere sprach bescheiden, fast scheu, von himmlischen Mächten. Der Mann auf der Kanzel redete von sich und seinem fröhlichen Glauben und legte dabei beteuernd vor der ganzen Gemeinde die Hand auf die breite Brust. Der alte Harfner saß allein in einer engen Zelle, auf die Harfe gestützt, und sprach, ganz für sich, wie von einem Dritten, aber in Worten, in denen des eigenen schwergeprüften Herzens Schlag zitterte ... Da fühlte der junge Schulmeister sich dem Manne auf der Kanzel fremd und fremder, und dem alten Harfenspieler immer verwandter.
Als von der Kanzel ein Ausfall gegen die Feinde des Lichts und der Aufklärung kam, mußte er an den Schuster denken, vor dem er so eindringlich gewarnt war. In Solten hatte er sonst noch nichts über den Mann gehört, als daß er gute und billige Ware liefere. Jetzt, wo der Superintendent gegen Leute seiner Art zu Felde zog, fühlte Peter beinahe etwas wie Sympathie für ihn und beschloß, trotz aller Warnung vor der damit verbundenen Gefahr, seine Bekanntschaft zu machen.
Als Peter nach beendigtem Gottesdienst sich auf den Heimweg machte, beschäftigten ihn die Gedanken, die ihm während der Predigt gekommen waren, noch immer. Dieser Superintendent gehörte ohne Zweifel zu den Menschen, die der Seminardirektor als »öde, platte, geistlose Rationalisten und Totengräber der Kirche« bezeichnet hatte. Und der letztere war ja von ersterem als »Pietist und Dunkelmann« gebrandmarkt worden. »Und welches ist ~Ihre~ religiöse Stellung?« hatte der Superintendent ihn gefragt. Peter lachte, als ihm die wunderliche Frage einfiel. Aber sofort wurde er wieder ernst. Er gestand sich, daß er jetzt, nachdem der Trieb, das Wirkliche zu erkennen, in ihm erwacht war, den Wunsch verspürte, auch über diese schweren, schwersten Fragen, die in der Schule täglich vorkamen, Klarheit zu gewinnen. Aber wie? Aus Büchern? Zu ihnen hatte er in dieser Sache wenig Vertrauen, seitdem er wußte, wie die hochstudierten Herren, die sie schrieben, einander widersprachen. Da dachte er wieder an seinen alten Harfenspieler. Der wußte von den tiefen verborgenen Kräften, die der Menschen Leben gestalten, tragen und segnen, wohl mehr als jene hochgelehrten Herren. Wo hatte er das gelernt? In der Schule des Lebens ... In der Schule der Leiden ... Ja, in der Schule der Leiden, vielleicht war da das Letzte und Tiefste und Größte zu lernen ...
»Na, lütte Scholmester,« rief hinter ihm Clas Mattens' muntere Stimme, »he hollt den Kopp ja so dal, he is woll ganz deepdenksch[24] vandag?«
Peter blieb stehen und erwartete den herankommenden Bauern.
»Hewwt wi nich'n schönen Zupperndenten?« fragte dieser, nachdem er Peter eingeholt hatte.
»Och ja,« meinte der Schulmeister, »he kann bannige Wöer[25] maken.«
»Blot eenen Fehler hett he,« sagte Mattens, »he makt ~to väl~ Wöer. He künn datsülwige in de halwe Tied seggen. Aber dat hört woll to de Gelehrsamkeit van de groten Herrns, dat se sick nich so kort befaten könnt as'n dummen Buersmann. Ick hol't mit den Spruch: 'n lange Wost[26] und'n korte Predigt, dorbi kann'n dat Winderdag und Sommerdag utholen.«
Am nächsten Morgen wurde Peter durch die Stimmen der Kinder, die sich frühzeitig vor der Schule versammelten, aus dem Schlaf geweckt. Er stand schnell auf, schloß die Schultür auf, trank seine Ziegenmilch und trat zum erstenmal vor die ihm anbefohlene Kinderschar.
Das Gesicht der Schule war das ihm von Wehlingen her vertraute: Blaue und graue Augen, hellblonde Haare, die Langköpfe weit zahlreicher als die Kurzköpfe. Der Kinder, die irgendwie von dem allgemeinen Typus abwichen, waren nur wenige. Aber ein Kind -- das sah Peter auf den ersten Blick -- machte in dieser Umgebung einen fremdartigen Eindruck. Es war ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das schmale Gesichtchen war feiner geschnitten und weißer in der Farbe als die der Kameradinnen, und die dunklen Augen hatten ganz ihren eigenen Ausdruck. Peter glaubte die Gesamtheit der übrigen Kinder auf den ersten Blick ihrem Grundcharakter nach zu kennen. Es war dieselbe Art, mit der er herangewachsen war, und die er in Wehlingen zweiundeinhalb Jahre unterrichtet hatte, die ungemischte niedersächsische Rasse. Aber dieses eine Gesicht gab ihm Rätsel auf.
Peter eröffnete seine Tätigkeit als selbständiger Lehrer nach einigen Gesangversen mit einer kleinen Ansprache, in der er die Kinder zu Fleiß, Aufmerksamkeit, gesittetem Betragen und anderen Schülertugenden ermahnte und die Hoffnung aussprach, daß sie selbst es ihm möglich machen würden, den Stock nicht zu gebrauchen. Denn er schlüge höchst ungern und wäre in seiner ersten Schule beinahe ganz ohne Schläge ausgekommen. Dieser Teil seiner schönen Rede fand die größte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ein großer Bengel wechselte mit seinem Banknachbarn einen vielsagenden Blick.
Darauf begann Peter nach dem Stundenplan mit der Religionsstunde. Er wollte zunächst feststellen, was die Kinder an Memorierstoff beherrschten, und stellte Fragen aus dem Landeskatechismus. Die Kinder hatten den Text leidlich binnen, trotz des lehrerlosen Jahres, während dessen nur selten ein Schulmeister aus der Nachbarschaft zur Vertretung herübergekommen war. Aber, so oft Peter fragte, fiel es ihm auf, daß das fremdartige Mädchen nicht aufzeigte, ja, nicht einmal aufblickte. Wie verlegen saß sie da und sah vor sich nieder. Zuletzt stellte er eine ausgesucht leichte Frage und rief sie auf, obgleich sie sich wieder nicht meldete. In die Schule kam eine Bewegung, die Kinder stießen sich an, lachten, legten sich auf die Tische und wandten die Köpfe, um die Gefragte zu beobachten. Peter brachte durch ein paar energische Worte die Gesellschaft zur Ordnung und Ruhe und wandte sich dann wieder an die aufgerufene Schülerin, die mit gesenktem Kopf schweigend in der Bank stand. Er versuchte ihr zu helfen, indem er die Antwort anfing. Vergeblich. Ratlos sah er sich in der Klasse um. Da meldete sich ein anderes Mädchen, und als Peter ihr zunickte, sagte: »Lina ihr Vater will das nicht haben, daß sie den Katechismus lernt.«
»Sooo?« fragte er verwundert.
Da flog die kleine Plappertasche wieder in die Höhe und fuhr fort: »Lina ihr Vater sagt, im Katechismus steht der rechte Glaube nicht in.«
»Setz dich und halt deinen Mund!« sagte Peter ärgerlich.
»Was ist dein Vater?« fragte er freundlich das Kind, das noch immer stand und jetzt rot übergossen war.
»Schuhmacher,« war die schüchtern gegebene Antwort.
Die Plappertasche zeigte wieder eifrig den Finger, wobei sie dem Schulmeister den Arm entgegenzuckte und sich über die Bank warf.
»Was willst du denn nur?« fragte Peter ärgerlich.
»Lina ihr Vater ist ein Fremder, er ist ...«
»Wenn du dich noch einmal um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen, stelle ich dich dort in die Ecke,« sagte Peter, scharf verweisend. Das Mädchen nahm die Schürze und maulte.
»Na, Lina, setz dich,« wandte er sich wieder an die andere, »ich denke, fortan müssen wir hier in der Schule lernen, was der Lehrer will. Das geht wohl nicht anders.« Er sagte das ganz freundlich. Das Kind in seiner Verlegenheit tat ihm leid. Und über die andern, die mit Interesse und Schadenfreude die Szene zwischen dem neuen Lehrer und dem Kinde des fremden Schusters verfolgten, ärgerte er sich. Er hatte gleich die Empfindung, daß diese Fremdartige keinen leichten Stand unter ihren Mitschülern hätte, und nahm sich vor, auf sie besonders zu achten und sie zu schützen, wenn es nötig sein sollte. Denn er kannte die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Jugend gegen alles, was anders ist und sich nicht glatt dem Hergebrachten fügt. Hatte er doch selbst in seiner Jugend sie öfter erfahren.
Nach einer Weile ging er zu der biblischen Geschichte über. »Wer kann mir die Geschichte von Maria und Martha erzählen?« fragte er.
Einige Finger wurden zaghaft gehoben und wieder zurückgezogen. Nur Schusters Lina zeigte ruhig und sicher auf, und ihre dunklen Augen sahen den Lehrer voll an.
Peter war froh, daß er ihr vor der Klasse eine Genugtuung geben konnte, und rief sie freundlich auf.
Und nun erzählte sie. Und erzählte so, daß Peter sie verwundert ansehen mußte. Es kam ihm vor, als hörte er eine ganz neue Geschichte, ja, als sähe er sie vor sich, die geschäftige Martha und die stille, innige Maria, und den Herrn, der von der Wanderung in dem Heim der Schwestern eingekehrt ist. Als sie fertig war, sagte Peter: »Das hast du gut erzählt, Lina. Darüber habe ich mich gefreut.«
Er ließ sich dann noch einige Geschichten von anderen Kindern erzählen. Die beherrschten den Text ja auch wohl. Aber wie hölzern und plump kamen sie damit über, wie ging dabei das Zarte, Schöne, Tiefe verloren! Er konnte sich nicht versagen, Linas Erzählen den anderen als vorbildlich hinzustellen. Als er es getan hatte, bereute er es aber auch schon. Die Kinder, die ihre Geschichten ebenso fließend aufgesagt hatten, machten verwunderte Gesichter und sandten einen nicht gerade freundlichen Blick nach der durch das erste Lob des neuen Schulmeisters ausgezeichneten Mitschülerin hinüber.
Um zehn Uhr entließ er die Kinder. Er hatte, dem Beispiel seines alten Lehrmeisters folgend, für diese Stunde die Schulneulinge bestellt.
Auch hier in Solten kamen die Eltern der Kleinen zum Lehrer und überreichten ihm süße Anlockungsmittel. Die nahrhafteren Beigaben für den Schulmeister selbst fehlten hier natürlich, wegen des Reihetisches. Peter schrieb auf jede Tüte den Namen des Kindes, das er mit ihr an sich fesseln sollte. Als er fünf Tüten vor sich hingelegt hatte, trat ein Vater mit leeren Händen vor ihn hin und redete ihn hochdeutsch an: »Herr Lehrer, mein Paulchen kommt auch ohne Zuckertüte gern zu Ihnen. Wir haben ihm erzählt, daß Sie ein lieber, freundlicher Herr sind.« Peter sah sofort an den Augen des Mannes, die Ähnlichkeit mit denen der kleinen Lina hatten, daß er den Schuster vor sich hatte.
Vor den versammelten Eltern erklärte der junge Schulmeister, er werde die Kinder einstweilen nach dem Abc setzen, und später nach Betragen, Fleiß und Tüchtigkeit. Die Eltern räusperten sich, einige sahen sich an, und ein Bauer, den Peter von den Hofbesitzern, die er bislang kennen gelernt hatte, am wenigsten leiden konnte, weil er in seinem Wesen etwas Dummprotziges hatte, sagte: »Jea, dat is man so'ne Sak'; min Kinner hewwt bi den olen Scholmester jümmer baben an säten. Und ick bin ok de böberste wän. Min sel. Vader harr den grötsten Hoff.« »Denn will ick wünschen, Westermann,« sagte Peter, »dat jon Willem 'n düchdigen Jungen is und ok wedder den böbersten Platz innenehmen kann.«
Er entließ die Eltern und rief seine Kleinen in die Schulstube. Sie kamen ängstlich und zaghaft. Denn auch in Solten hatten die lieben Mütter aus erzieherischen Gründen die Person des Schulmeisters mit allen erdenklichen Schrecken umkleidet. Auch die Zuckertüten konnten nicht alle Angst aus den Gesichtern verscheuchen. Nur ein kleines, eckiges Bürschchen kam munter angestapft, sah sich mit den schwarzen Äuglein interessiert um und ließ sie dann voll Vertrauen in denen des Lehrers ruhen. Als aber die anderen ihre Zuckertüten bekamen, verdunkelte sich das fröhliche Gesichtchen, und in den schwarzen Augen wurde Regenwetter. Peter fragte Westermanns Willem, der, weil sein Vater den größten Hof besaß, die größte Tüte hatte, ob er Paul etwas abgeben wollte. Willem sagte stramm: »Nee.« Er wandte sich an die anderen. Die wollten sich, Willems Beispiel folgend, ebenfalls auf nichts einlassen. Peter hielt eine kleine plattdeutsche Rede über das Wohltun und Mitteilen und bat dann die Kinder, sie möchten je zwei Boltjen aus der Tüte nehmen, und ihm, dem Schulmeister, schenken. Alle taten es, bis auf Willem. Peter ärgerte sich über den dickköpfigen Bengel und nahm sich von ihm, was die andern freiwillig gegeben hatten. Da stellte sich der kleine Kerl steil hin und sagte: »Dat segg ick to minen Vader, dat du mi de Boltjen stahlen hest. De hett he för mi kofft, und nich vör den Schoster sinen.« Peter überreichte die auf diese Weise verfügbar gemachten Süßigkeiten dem kleinen Paul, bei dem nach dem Regen denn auch sofort wieder Sonnenschein eintrat.
Darauf wies er den Kleinen ihre Plätze an. Paul Döhler wurde nach dem Alphabet der erste, Willem Westermann mußte den letzten Platz erhalten. Dieser machte ein Gesicht, als ob er protestieren wollte, sagte aber doch nichts.
Peter beschäftigte die Kinder ein Stündchen mit einem Bilde, auf dem Haustiere fraßen, brüllten, krähten, schliefen und sonst sich ihres Lebens freuten. Viel brachte er aus ihnen noch nicht heraus. Aber es schien ihm, als würde sowohl Paul Döhler seinen ersten wie Willem Westermann seinen letzten Platz während der Schuljahre behaupten.
Als er die Kinder entlassen hatte und in seine Stube gegangen war, hörte er plötzlich draußen ein lautes Geschrei. Er lief hinaus und sah, daß der große, starke Willem den zarten Schusterpaul zu Boden geworfen hatte und auf ihn losschlug. Als er hinzugeeilt war, erhob er sich soeben, die dem Schwächeren geraubten klebrigen Bonbons in der Hand. Peter nahm den Jungen beim Kragen, schnitt sich von einem nahen Birkengebüsch eine Rute und erteilte ihm eine tüchtige Tracht Schläge. Die Süßigkeiten warf der Junge dabei in den Sand.
Als Peter den kleinen Bösewicht losließ, entfernte dieser sich um einige zwanzig Schritt, und aus dieser sicheren Entfernung streckte er die Hand drohend nach dem Schulmeister aus und sagte: »Töw[27] man, dat segg ick minen Vader, dat du mi slan hest.«
Peter mußte über den erbosten kleinen Kerl laut lachen, aber ganz wohl war ihm doch nicht. Die ersten Schultage nach Ostern in Wehlingen beim Schulmeister Wencke waren harmonischer, zu größerer allseitiger Zufriedenheit, verlaufen. Und er selbst hatte das Gefühl, nicht in allem ganz richtig gehandelt zu haben.
Wenn er in Solten Schwierigkeiten haben würde, das fühlte er, so würden sie irgendwie mit den Schustersleuten zusammenhängen. Dem Superintendenten blühte von dieser Seite her viel Verdruß, und der junge Schulmeister machte sich darauf gefaßt, daß es ihm ebenso gehen würde. Er stellte sich aber die Frage, ob er darum die beiden schwarzäugigen Kinder missen möchte, und beantwortete sie sich mit einem entschiedenen Nein. Die beiden würden seine Tätigkeit als Lehrer und seine Stellung im Dorfe erschweren, aber die beiden würden ihm auch Freude machen. Um der beiden willen erschien ihm gleich heute seine Schule so interessant, wie ihm die in Wehlingen mit ihrer ungemischten Niedersachsenrasse niemals erschienen war.
An diesem Tage war der Reihetisch bei Clas Mattens. Beim Mittagbrot war der Bauer sehr aufgeräumt, und über seinen originellen Schnäcken überwand Peter die etwas unbehagliche Stimmung, die sich seiner bemächtigt hatte. Als er aber am Abend wieder zu ihm kam, war ander Wetter eingetreten. Der Bauer fuhr seine Frau an, und dann den Knecht, und war über Tisch sehr einsilbig. Als die Familienangehörigen nach dem Abendbrot das Zimmer verlassen hatten, räusperte er sich einige Male und sagte dann endlich: »Scholmester, dat helpt nich. Ick mutt em mal'n bäten vörnehmen. In't Dörp is düssen Nahmiddag väl öwer em snackt worrn.«
»Soo?« fragte Peter. »Wat harrn de Lüe denn to snacken? Wat Godes?«
»Nee,« sagte Mattens kurz, »hüt' wör't nix Godes!«
»Wat denn?«
»De Lüe hett dat verdraten[28], dat he glieks den ersten Dag enen van de Lütten dörtagelt[29] hett.«
Peter erzählte, wie ehrlich Willem seine Schläge verdient hatte, und sprach seine Überzeugung aus, daß sie ihm sehr heilsam sein würden.
Der Bauer zuckte die Achseln. »Wenn ick min' Meenung seggen schall,« sagte er, »de Scholmester is Meister van de Schol. Wat buten[30] passeert, dat geiht em nix an. Daför sünd de Öllern.«
»Nee, Mattens-Vader, dar stah ick up'n ganz anner Stück,« rief Peter lebhaft, »ick bin Scholmester in de Schol, up de Straten und in de Hüser, Alldag und Sünndag. Ick will de Öllern düchdig helpen, de Kinner god uptotrecken.«