Chapter 4 of 15 · 3994 words · ~20 min read

Part 4

»Meine Großeltern sind zur Kirche. Großvater war böse, daß ich dich dazu nicht früh genug geweckt hatte,« sagte sie, indem sie sich an den Osterblumen zu schaffen machte.

»Och, das schadet nicht viel,« sagte Peter, »ich bin die Festtage über oft genug hingewesen. Sag' mal, bleibst du lange hier?«

»Dieses Jahr gewiß. Zu Hause bin ich über.«

»Wie viel seid ihr denn bei euch?«

»Sieben. Fünf Mädchen und zwei Jungens.«

»Sieben? Ja, das ist zu viel.«

»Zu ~viel~?«

»Ja, zu viel. Als ich noch zu Hause war, waren wir fünf. Das war schon reichlich. Nun sind da auch schon wieder zwei zugekommen, und wir sind auch sieben. Das ist zu viel.«

»Bei uns war's nicht zu viel. Wie wir immer vergnügt gewesen sind, das kannst du dir gar nicht denken. Hier hatte ich die ersten Tage ordentlich Heimweh. Ist man gut, daß du gekommen bist. So ist's doch wenigstens noch einer mehr.«

Peter wurde ein wenig rot und sah zum Fenster hinaus. Dann trank er seine Tasse aus und stand auf, um nach oben zu gehen. Aber sie sagte: »Bleib' noch'n Augenblick sitzen. Ich will schnell hinauf und deine Stube zurechtmachen.« Und schon war sie hinaus.

Er hörte das schnelle Knarr-knarr-knarr der Treppe, dann, wie sie oben das Fenster aufstieß und eilig hin und her ging, wie sie sein Bett klopfte. Dazu sang sie trällernd eine muntere Weise.

Was sollte bloß hieraus werden? Das ganze Haus war ja wie verwandelt. Als ob alles auf den Kopf gestellt wäre!

Bald war sie wieder unten. »So!« sagte sie lustig, »nun mach' daß du 'rauf kommst! Ich will jetzt hier zu Mittag decken, daß alles fertig ist, wenn die Großeltern aus der Kirche kommen.«

Peter stieg hinauf. Als er in seine Dachstube kam, sah er sich unwillkürlich nach den Spuren ihrer Tätigkeit um. Es kam ihm vor, als ob sein Bett weicher aufgelockert wäre als sonst. Ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Tisch gelegen hatte -- er hatte gestern abend noch eben die Nase hineingesteckt -- war, schwapp, zugeklappt und in die Reihe der andern gestellt. Der Anzug, den er gestern beim Zubettgehen über den Stuhl geworfen hatte, hing fein säuberlich an seinem Haken. Was sollte das geben, was sollte das geben? --

Es wurde ihm auf seiner Dachstube bald langweilig. Ein Buch vor die Augen zu nehmen, fühlte er keine Lust. Draußen lachte die Aprilsonne. Da beschloß er, einmal durch den Garten zu spazieren.

Kaum war er bei dem dicken Apfelbaum, da hörte er schnelle Tritte hinter sich. Und richtig, da war sie, an die er gerad' eben dachte. »Halt!« rief sie lustig, »bin mit allem fertig, die Kartoffeln stehen auf dem Feuer, darf ich ein büschen mit?«

»Och jaa,« sagte Peter, »wenn du Zeit hast ...«

»Sag' mal,« fragte sie, indem sie nebeneinander den Steig hinuntergingen, »kommt dir das hier in Wehlingen nicht manchmal sehr langweilig vor?«

»Langweilig? Och nee.«

»Hast du denn Freunde?«

»Freunde? Weißt du, Marie, unter den Menschen sind wenige, die einen verstehn. Meine Freunde sind die Bücher.«

Sie lachte hell auf. »Was? Die alten toten Dinger sind deine Freunde? Hast du denn Lust, zu lesen?«

»Wer etwas werden will, der muß viel lesen und lernen,« sagte er ernsthaft.

»Was liest du denn?«

»Och, alles Mögliche. Geistliches und Weltliches, Poesie und ... das andere, was so gewöhnlich geschrieben ist und sich nicht reimt ..., Naturgeschichte und Weltgeschichte und ...«

»Mensch, verstehst du das denn alles?«

»Och ja, das geht. Man muß eben seinen Verstand gebrauchen und scharf denken.«

»Junge, Junge, denn mußt du ja schrecklich klug werden.«

Peter lächelte überlegen und machte dann ein Gesicht, als ob er eben daran wäre, die letzten Fragen alles Seins denkend zu bewältigen.

»Mensch, du siehst schon ordentlich gelehrt aus, mit deinen Falten vorm Kopf.«

Er sah zur Seite und blickte in ihr lachendes Gesicht. Die grauen Augen, die Grübchen in den Wangen, der rote Mund, die weißen Zähne, alles lachte. Da mußte er auch lachen.

»Eigentlich müßtest du erst'n Bart kriegen, und dann die Falten,« meinte sie.

»Etwas kommt hier auch schon,« sagte Peter stolz und zupfte an seiner Oberlippe.

»Wirklich?« fragte sie lachend und kam ganz nahe, um sich von dem Vorhandensein der paar winzigen blonden Härchen zu überzeugen. Er fühlte ihren Hauch auf seinem Gesicht, es wurde ihm ganz wunderlich zumute.

»Wirklich, 'ne Idee is da schon, muß aber noch tüchtig wachsen.«

Sie waren an ein Stückchen frisch gegrabenen Landes gekommen. »Das habe ich gestern gemacht,« sagte sie, mit dem Fuß eine auf den Weg gefallene Erdscholle zertretend, »ach ja, is noch 'n schöne Arbeit, den ganzen Garten umzugraben ... Ob mir wohl einer dabei hilft?«

Sie sah Peter schelmisch an.

»Meinst du mich?« fragte er.

»Wen denn sonst?«

»Ich habe diese Jahre viel hier im Garten gearbeitet,« erklärte Peter, »aber ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich diesen Frühling und Sommer ganz den Büchern zu widmen. Weil ich doch im Herbst aufs Seminar komme, weißt du.«

»Ach du, mit deinen alten Büchern immer! Du tust grad' so, als ob das ganze Leben so zwischen den Pappdeckeln säße.«

»Marie, darüber mußt du nicht reden. Das verstehst du nicht,« verwies er ernstlich. »Übrigens das mit dem Graben ... ich will nicht sagen ... so 'ne Viertelstunde nach dem Mittagessen mal ... oder auch mal 'ne halbe ... das ginge am Ende doch ... Die alten Lateiner hatten ein Wort, das die Gelehrten folgendermaßen übersetzen: eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Für die Seele sind die Bücher, und für den Körper, ja, da ist so ein Stündchen Arbeit mal ganz gut ... Ja, ich will dir wohl mit helfen ...«

»Peter, du sollst mal sehen, das wird aber gemütlich. Zu zweien arbeitet sich's viel besser als allein. Großvater und Großmutter schlafen dann; da können wir uns immer schön was erzählen. Ich muß dir so viel erzählen, von meinen kleinen Brüdern zu Hause, und von meinen Schwestern, und was wir da abends immer spielen. Und du, na du kannst mir mal was aus deinen Büchern erzählen. Aber nicht so'n langweiligen Kram, wo'n bei gähnen muß. Daß ich doch etwas von deiner Gelehrsamkeit abkriege und nicht so dumm bleibe ... Hör'! Was ist das?«

Aus dem Dorf tönte plötzlich etwas herüber, wovon man zunächst nicht wissen konnte, ob es ein Schmerzensgebrüll oder eine Art von Gesang sein sollte. Wenn man genauer hinhörte, war die Melodie des Chorals: »Wie schön leucht' uns der Morgenstern« herauszuhören. Es klang trotz der Entfernung grauenerregend. Und das Mädchen starrte ihren Begleiter entsetzt an, als sie fragte: »Was ist das?«

Peter sagte gleichmütig: »Och, da wohnt so'n alter Kerl, der vor'n Stücker zwanzig Jahren verrückt geworden ist. So grölt er jeden Sonntagvormittag.«

»Ist das nicht der Gesang: ›Wie schön leucht' uns der Morgenstern, voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn?‹«

»Ja, der soll's ja wohl sein. Mit dem, was daran fehlt.«

»Woher weiß denn der arme Mensch, daß Sonntag ist?«

»Och, das mag er wohl daran sehen, daß die andern Leute ihr gutes Zeug anziehen und nach der Kirche gehen.«

»... Wie schön, daß der arme Mensch doch auch seinen Sonntag hat! ... Hör', jetzt kann man's auch verstehen. Er hat nach dem ersten Vers gleich den letzten angefangen. Hör': Amen -- Amen -- komm du schöne -- Freudenkrone -- bleib nicht lange, -- deiner wart' ich mit Verlangen ... Nun ist er still ... Wenn sie ihm doch bald geschenkt würde!«

Peter warf schnell einen erstaunten Blick auf das Mädchen, das still nach der Richtung schaute, wo eben der Gesang verstummte. Dann senkte er ein wenig den Kopf und errötete. Er schämte sich.

Auf der Höhe, über die der Kirchweg führte, wurden die ersten zurückkehrenden Kirchbesucher sichtbar. Da gingen die beiden langsam und schweigend durch den Garten zum Hause zurück.

Vor der Haustür wurde Peter stürmisch von seinem alten Freunde Phylax begrüßt, der eben von einem Frühjahrsbummel durch das Dorf zurückkam. Er tätschelte ihm zweimal mit der Hand über den Kopf und kümmerte sich dann nicht weiter um ihn. Da leckte Phylax sich verlegen ums Maul, und in seinem ehrlichen Hundegesicht war ein ähnlicher Ausdruck, wie etwa in dem eines Menschen, der sich nach langer Trennung einem alten Freunde an die Brust geworfen hat und nun plötzlich merkt, daß bei jenem die Freundschaft merklich abgekühlt ist, vielleicht weil sich inzwischen für ihn etwas Besseres gefunden hat. Phylax sah das Mädchen mit einem Blick an, als ob er sie in Verdacht hätte, ihm die Freundschaft Peters gestohlen zu haben.

Als die Schulmeistersleute zurückkamen, setzte die jetzt vierköpfige Familie sich sofort an den Mittagstisch.

»Peter,« begann der Schulmeister, »durch deine Langschläferei hast du dich um eine ganz wunderschöne Predigt gebracht. Der Pastor hat anerkennenswert gut über das heutige Evangelium gepredigt: Wie der Herr unter die Jünger tritt bei verschlossenen Türen und sagt: Friede sei mit euch. Dieser schöne Gruß klang da immer wieder durch, und ging einem recht zu Herzen. Ich habe mich sehr erbaut ... Aber Marie, was hast du bloß mit dem Essen angefangen? Der Suppe fehlt das Salz, und das Fleisch hast du nicht mürbe gekriegt. Hast du denn gar nicht an meine Zähne und meinen schwachen Magen gedacht?«

Die Getadelte wollte die Zähigkeit des Fleisches mit dem Alter der Kuh entschuldigen, wurde aber zur Ruhe verwiesen. Da konnte Peter sich nicht mehr halten. Ihm hatte es die beiden Jahre noch nie so gut geschmeckt wie eben jetzt, und er sagte, ohne aufzublicken: »Ich finde im Gegenteil, es schmeckt alles ~sehr~ gut,« und hieb tapfer mit den Zähnen auf eine Sehne ein. Die Schulmeisterin hatte ihre Gabel hingelegt und sah Peter starr von der Seite an. Der Schulmeister aber sagte, hämisch lächelnd: »Soo? Du hast wohl mal wieder gehörig hungern müssen, bei deinem nassen Vater und der zärtlichen Stiefmutter?« Peter wurde glutrot und beugte sich tief über den Tisch. Er schämte sich vor der neuen Hausgenossin. Als man aufstand, ging er schnell aus der Stube, ohne jemand anzusehen.

Auf seiner Dachkammer angelangt, schlug er mit der Faust dröhnend auf den altersschwachen Tisch. Seine Scham war dem Zorne gewichen. Zum ersten Male, solange er in Wehlingen war, war er auf den Schulmeister wirklich zornig. Da läuft der Kerl, dachte er, in die Kirche und erbaut sich an dem Friedensgruß des Auferstandenen, und dann kommt er wieder und verdirbt seinen Mitmenschen den schönen Sonntag; dem armen Ding da unten durch ungerechtes Mäkeln am Essen und ihm, Peter, durch den hämischen Spott über seine häuslichen Verhältnisse, an denen er doch unschuldig war und unter denen er ohnehin genug litt. Aber so war der Mann eigentlich ja schon immer gewesen. Peter wunderte sich, daß er jetzt erst anfing, ihn zu durchschauen.

An diesem Vormittag war's ihm gewesen, als sei ein neuer Geist in das Schulhaus eingezogen. Er mußte bitter lachen, wie er jetzt daran dachte. Nein, der alte mürrische, unzufriedene, kleinliche Geist hatte nach wie vor die Herrschaft. Aber etwas anders war's doch geworden ...

Wart', morgen mittag, wenn die beiden alten Ekel auf dem Ohr liegen, dann grabe ich im Garten ... Nicht allein, wie diese beiden langweiligen Jahre, sondern in Gesellschaft. Sie freut sich mächtig darauf. Wie lachten ihre Augen, als ich ihr versprach, daß ich ihr helfen wollte! Och ja, es kann ganz interessant werden. Solche Mädchen haben was Komisches an sich ... Ich soll ihr aus den Büchern erzählen ... Was nehme ich da wohl? Ich muß etwas Leichtes aussuchen. Das Schwere versteht so'n Mädchen ja doch nicht ... Daß ein Gelehrter gesagt hat, die Menschen stammten von den Affen ab, und es auch Menschen gibt, von denen man das beinahe glauben könnte ... Daß der alte Kaiser Barbarossa unten im Kyffhäuser sitzt, und der lange weiße Bart ist ihm durch den steinernen Tisch gewachsen, und daß Deutschland vielleicht noch mal einen Kaiser wieder kriegte; einige meinten, der König von Preußen müßte es werden, aber er, Peter, hätte mal gelesen, die Preußen wären gar keine echten Deutschen, sondern halbe Russen, und er hätte mal einen Preußen gesehen und von diesem einen sehr schlechten Eindruck gewonnen ... Daß die Franzosen einmal eine große Revolution gemacht und dabei ihren König geköpft und den lieben Gott abgesetzt hätten. So wäre es aber doch nicht gegangen, und da hätten sie ihn wieder eingesetzt, das heißt nicht den richtigen, sondern nur ein »höchstes Wesen« ... Daß die Menschen einen Stoff entdeckt hätten, den sie Elektrizität nennten, und manche meinten, damit würde man noch mal Wagen ziehen können. Aber das glaube er nicht, denn es sei schon wunderbar genug, daß der Dampf das könne ... Daß Schiller und Goethe die größten deutschen Dichter wären, aber sie wären beide tot, und nun gäbe es gar keine Dichter mehr, die ordentlich reimen könnten ... und so noch vieles mehr. Aber dies war für morgen wohl erst einmal genug.

Peter war seines geistigen Besitzes noch niemals so von Herzen froh gewesen als diesen Sonntagnachmittag, da er die Aussicht hatte, ihn am nächsten Tage auf so angenehme Weise zu verwerten.

Und dann wollte sie ihm ja auch erzählen. Ach ja, von ihren Brüdern und Schwestern! Davon versprach er sich nicht viel. Aber was sollte man sonst groß von ihr verlangen? Sie war ja nur ein Mädchen. Die lasen und lernten ja gar nichts mehr, wenn sie aus der Schule waren. Aber sie war doch wohl etwas anderes als die meisten ... Sie hatte ja selbst gesagt, daß sie nicht so dumm bleiben wollte. Na, was er, Peter, dazu tun konnte, das wollte er gewiß tun.

* * * * *

Am nächsten Morgen trug Peter einige der für den Nachmittag vorgesehenen Unterrichtsgegenstände in der Schule vor. Er hatte sich zwar die Form, in der er's ihr bringen wollte, gestern nachmittag schon einigermaßen überlegt. Aber es konnte nicht schaden, wenn er auch den Vortrag einmal praktisch durchübte.

Beim Mittagessen sagte der Schulmeister: »Kinder, es hilft nun nichts, ihr müßt gleich beide tüchtig ans Graben. Daß wir die Frühjahrssaat in die Erde kriegen!«

Peter verbarg die Freude seines Herzens unter einer gleichgültigen Maske. Aber eine Sekunde lang zuckte es doch über sein Gesicht. Marie hatte ihn heimlich auf den Fuß getreten.

»Denn kommt,« sagte der Schulmeister, »daß ich euch anweise.«

Sie holten schnell ihre Spaten aus der Scheune und folgten dem Alten. Der führte sie an die Ostgrenze des Gartens und sagte: »So, Peter, hier gräbst ~du~. Und ~du~, Marie, fährst dort im Westen fort, wo du angefangen hast. Jeder für sich! Daß ihr mir nicht die kostbare Zeit mit Schnacken vertrödelt!«

»Och Großvater, dürfen wir nicht zusammen arbeiten? Wir wollen auch tüchtig fleißig sein,« sagte Marie.

»Nein, Kind,« sagte der Alte bestimmt, »das hält euch nur auf. Und das schickt sich auch nicht für so'n großen Jungen und so'n großes Mädchen.«

»Das schickt sich nicht?« fragte Peter und sah den Schulmeister fast herausfordernd an.

»Nein. Ihr seid beide keine Kinder mehr. Steh nicht, Marie, und gaff'! Mach, daß du an deine Arbeit kommst!«

Sie nahm ihre Schaufel und entfernte sich, zögernd und widerwillig. Der Schulmeister ging langsam durch den Garten ins Haus zurück.

Peter hatte die Zähne aufeinandergebissen und sah ihm voll Wut nach. Nicht mal eine kleine Unterhaltung gönnte ihm der bei der Arbeit? War er, Peter, denn sein Sklave? Man sollte dem ekligen Kerl die Schaufel vor die Füße werfen und keinen Stich mehr für ihn tun.

Er sah nach dem entgegengesetzten Ende des Gartens hinüber. Marie hatte auch noch nicht angefangen zu graben. Sie blickte zu ihm herüber. Den Ausdruck ihres Gesichts konnte er bei der Entfernung nicht erkennen. Aber er sah, daß sie ärgerlich mit dem Fuße aufstampfte.

Ach was! dachte Peter, der Alte schläft. Geh einfach hin und grabe mit ihr! Aber ... »das schickt sich nicht.«

Was schickt sich nicht?

Daß er sie, die Belehrung verlangte, belehrte? Daß er ihren engen Gesichtskreis erweiterte? Warum sollte sich das nicht schicken?

Er nahm seine Schaufel und tat ein paar Schritte. Aber es stand wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und ihr: »Es schickt sich nicht.«

Dem Befehl des Schulmeisters hätte er heute mit gutem Gewissen getrotzt. Aber über dieses dumme Wort kam er nicht hinweg.

Und dem Mädchen drüben ging es ebenso. Auch sie dachte daran, dem Großvater zu trotzen und zu Peter hinüber zu gehen. Aber ... »es schickt sich nicht.« Warum nicht? »Ihr seid keine Kinder mehr.« Nachdenklich sah sie vor sich hin, eine feine Röte legte sich auf ihr Gesicht; dann nahm sie die Schaufel und fing langsam an, das Erdreich herumzuwerfen.

Peter stieß plötzlich seinen Spaten in die Erde und ging mit kurzen, trotzigen Schritten ins Haus. Als er die knarrende Treppe hinanstieg, gab er sich keine Mühe, leise zu gehen. Der Alte sollte es hören und sich darüber ärgern, daß er nicht für ihn graben wollte.

Voll Grimm riß er ein Buch aus der Reihe und fing an zu lesen. Aber bald irrten seine Blicke über die Zeilen hinweg. Er war mit seinen Gedanken im Garten. Da fiel ihm plötzlich ein, wenn er sich tüchtig ans Graben machte, müßten sie ja doch bald zusammentreffen. Und nach einer Weile stieg er trotzig die Treppe wieder hinab und kehrte in den Garten zurück. Und fing an zu graben, wobei er sich immer wieder beteuerte, der alte Schulmeister wäre es nicht wert, daß man den kleinen Finger für ihn rührte.

Als er sich endlich zwang, nicht mehr an ihn zu denken, fingen all die schönen Sachen, die er bei ihr hatte anbringen wollen, an, ihn sehr zu drücken. Aber je mehr er in Schweiß geriet, desto leichter und klarer wurde ihm der Kopf. Er grub nicht nur das halbe Stündchen, das er gestern allenfalls den Büchern entziehen zu dürfen gemeint hatte, sondern den ganzen Nachmittag. Wenn er einmal innehielt, schielte er unter dem Baumgezweige und über dem Beerengesträuch weg nach der Westseite des Gartens. Und es traf sich fast immer, daß Maries Arbeitspausen mit den seinigen zusammenfielen. Dann schaute sie zu ihm herüber. So waren sie, obgleich der ganze Garten und das »Es schickt sich nicht« des Schulmeisters zwischen ihnen lag, doch Arbeitsgenossen, wenn sie sich auch nichts aus den Büchern und aus dem Leben erzählen konnten. Dem brummigen Alter gegenüber, das im Hause bei geschlossenen Fensterläden durch ein Mittagsschläfchen im Bett verbunden war, fühlte die Jugend im Garten, über dem der wunderliche April bald lachte, bald weinte, sich durch die gleiche Arbeit verbunden.

So wiederholte es sich in den nächsten Tagen. Peter wurde seinen Büchern fast untreu. Auch wenn er auf seiner Stube saß, widmete er sich ihnen nicht mit dem gleichen Eifer wie sonst. Sie schienen ihm so viele völlig gleichgültige Dinge zu enthalten. Er nahm sich aber fest vor, nach der Frühjahrsbestellung wollte er alles, was er jetzt versäumte, nachholen.

Der April vergaß in diesem Jahre früher als gewöhnlich seine wunderlichen Launen und brachte die schönsten Sonnentage. Die kleinen Vögel kamen zurück, jagten sich durch Busch und Baum in frohem Liebesspiel, suchten Halme und Federn zum Nestbau und sangen den beiden fleißigen jungen Menschenkindern zu ihrer Arbeit. Wenn die herzfrohe Grasmücke im Fliederbusch es so recht jubelnd machte, standen diese, von der Arbeit ausruhend, sahen nach dem Vöglein und sahen dann einander froh an. Denn so nahe hatten sie sich schon zusammengearbeitet, daß sie das konnten.

Zuweilen, auf dem Wege von und zu der Arbeit, und auch wohl einmal zwischendurch, sprachen sie auch miteinander. Aber die Harmlosigkeit jenes ersten Sonntagmorgens war nicht mehr. Das Gespräch wollte gar nicht so recht in Gang kommen. Peter, der sonst immer so weise und weitläufig hatte reden können und vorher immer ganz genau wußte, was er sagen wollte, war in den paar kurzen günstigen Augenblicken jedesmal wie auf den Mund geschlagen. Aber er tröstete sich. Er meinte, das würde sich schon wieder machen, wenn sie nur erst zusammen auf einem Stück arbeiteten. Die Stunde kam ja mit jedem Spatenstich näher.

Am Abend vor diesem langersehnten Tage saß Peter auf seiner Dachstube und überlegte sich noch einmal, was er ihr denn morgen eigentlich erzählen wollte. Da hielt er es für gut, zwischen den Dingen, die er vor zehn Tagen sich vorgenommen hatte, zu sichten. Die Affengeschichte und die Politik schied er aus. Dafür schob er ein Gedicht von Schiller ein, das er auswendig gelernt hatte, weil es ihm so sehr gefiel:

In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten, Ein Mädchen schön und wunderbar.

Die ersehnte, mit vielen tausend Spatenstichen und manchem Schweißtropfen verdiente Stunde war gekommen! Aber o weh! Die Aermsten! Schulmeister Wencke fühlte sich diesen Tag so frisch und fand die Frühlingsluft so köstlich, daß er auf das gewohnte Mittagsschläfchen verzichtete und nahe der Arbeitsstätte von Peter und Marie Bohnen legte. So gruben denn die beiden ihre letzten Reihen stumm und verdrossen und waren so ärgerlich, daß sie auch einander nicht einmal einen freundlichen Blick gönnten.

Was hatte Peter sich nicht alles von dieser gemeinsamen Arbeit versprochen! Und wie war das alles zu Wasser geworden! Aber schön war's doch gewesen. Jetzt, wo die Arbeit vollendet war, fehlte ihm etwas. Er suchte Ersatz in seinen Büchern. Aber die wollten ihn gar nicht recht fesseln. Immer wieder irrte sein Blick durch das kleine Fenster der Dachkammer in das Grün des Apfelbaumzweiges und darüber hinaus ins Blaue.

* * * * *

Die Bohnen, die Schulmeister Wencks zitterige Hand unter Peters stillen Verwünschungen in die Erde gesteckt hatte, hielten es dort unten im Dunkeln nicht lange aus. Es dauerte nur wenige Tage, so schickten sie grüne Blättchen ans Licht empor. Und bald angelten grüne Ränkchen nach einem Halt, um noch höher aufzusteigen ins goldene Licht.

»Marie,« sagte da eines Mittags der Schulmeister, »die Bohnenstangen müssen eingesteckt werden. Peter kann dir dabei helfen. Ich will mich lieber hinlegen, habe so Rheumatismus in der rechten Schulter. Wißt ihr, wie das gemacht wird?«

»Ja,« sagten Peter und Marie wie aus einem Munde.

Peter wollte just vor Freude Marie auf den Fuß treten. Da fiel's ihm plötzlich ein: »Das schickt sich nicht für so'n großen Jungen, und ihr seid keine Kinder mehr.« Und er zog den schon ausgestreckten Fuß zurück.

Marie mußte nach dem Essen zunächst das Geschirr aufwaschen. Denn auch Mutter Wencke fühlte sich nicht ganz wohl. Peter aber sprang auf den Hausboden, wo nicht weit von seiner Dachkammer die Bohnenstangen überwintert hatten, stieß die von staubigem Spinnegewebe umsponnene Luke auf und warf die Schächte hinaus. Dann sprang er, immer zwei Absätze überschlagend, die Treppe hinunter und schleppte sie, jedesmal ein gutes halbes Dutzend auf die Schulter legend, zum Bohnenfelde. Als er sie alle an Ort und Stelle hatte, setzte er sich erhitzt auf den Stangenhaufen, trocknete den Schweiß und sah erwartungsvoll nach dem Hause ...

Horch, da quiekt die alte Gartentür. Und da leuchtet ihr Schleierhut zwischen dem lichten Maiengrün. Aber! Was ist das? Da soll doch der ...! Zehn Schritte hinter ihr der alte Kerl. Ist der mit seinem Rheumatismus nicht längst im Bette?! Peter biß ingrimmig die Zähne aufeinander und wünschte dem Schulmeister den Rheumatismus in beide Beine.

»Ich bin doch bange, daß ihr mir die Sache nicht recht macht,« quäkte der Schulmeister, als er bei den Bohnen angekommen war. »Die Wurzeln müssen geschont werden, und die Stangen müssen fest in die Erde, daß der Wind mir nachher den ganzen Kram nicht umreißt, und auskommen müssen wir auch mit dem Haufen auf beiden Feldern; denn neue sind so schnell nicht zu kriegen.« Dann nahm er eine Stange, um sie in die Erde zu stoßen. »Au!« schrie er plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesicht, ließ die Stange los und griff sich nach der rechten Schulter. »Nein, Kinder, es ist doch zu toll. Ihr müßt's allein tun. Macht's so, wie ich gesagt habe, schont mir die Wurzeln, nicht zu dicht an die Pflanzen mit den Stangen, aber tief in die Erde und gut durch Querstangen verbunden, und seht, daß ihr auskommt!« Damit ging er, die wehe Schulter schmerzlich haltend. Peter sah ihm nicht ohne Schadenfreude nach, und als er in Mariens Schleierhut blickte, entdeckte er da auch nicht gerade Mitgefühl. »Wollen hoffen, daß er sehr schön schläft,« sagte er lachend, »das ist für so alte Leute das beste.« Da nickte sie und lachte auch.