Part 5
Und nun machten sie sich an die Arbeit. Peter riß den Haufen der Stangen auseinander, und mit Sorgfalt suchten sie jedesmal zwei Stangen aus, die nach Länge und Stärke zueinander paßten. Dann nahm er die eine und sie die andere, und sie stellten sich, das Bohnenbeet zwischen sich, einander gegenüber, und jedes stieß seine Stange mit der jungen Kraft seiner siebzehn Jahre in den lockeren Erdboden, erst mit der Muskelkraft der Arme, dann das ganze Körpergewicht einen Augenblick mit einem Ruck daran hängend. Bald fanden sie heraus, daß sich auf Kommando besser arbeiten ließ, und sie kamen überein, bei jeder Stange abwechselnd das Rucken und Nachstoßen zu kommandieren. »Eins, zwei, drei, ~Ruck~, eins, zwei, drei, ~Ruck~!« kommandierte Peter mit seiner rauhen, unreinen Stimme, die im Wechseln begriffen war. »Eins, zwei, ~drei~, eins, zwei, ~drei~!« kommandierte mit heller, reiner Stimme Marie. Zwischendurch rüttelte Peter einmal prüfend an seiner Stange und an Marie ihrer: sie saßen beide gleich fest in der Erde.
An seine Wissenschaft, die er so lange für Marie mit sich herumgetragen hatte, dachte Peter mit keinem Gedanken. Er hatte völlig genug an den Bohnenstangen, an dem Schleierhut mit dem rosig überschatteten, lieblichen Gesicht darin, an der jungen Gestalt, die sich kraftvoll und zierlich zugleich vor seinen verwunderten Augen bewegte. Wenn er in dieser Stunde einen Wunsch hätte äußern dürfen, wie der Mann im Märchen, so wäre es sicher der gewesen, bis an sein Ende bei der warmen Maiensonne im grünen Garten unter Grasmückengesang mit Marie Bohnenstangen einstecken zu dürfen.
Aber solcher Wunsch wurde ihm von keiner gütigen Fee gewährt, und bald staken die Schächte alle in der Erde. Es blieb nur noch übrig, die Verbindungsstangen über die Kreuzungsstellen zu legen und festzubinden. In stillschweigender Uebereinkunft machten sie das so, daß jeder eine um die andere Kreuzungsstelle verband, so daß sie, immer wieder voreinander vorübergehend, die ganze Stangenreihe entlang beieinander blieben. Peter band richtige Knoten, Marie Schleifen, aber fest saßen die Schleifen wie die Knoten.
Nun stand das Stangengerüst, aufrecht, gleichmäßig und fest. Noch einmal prüften sie das Ganze mit derbem Ruck. Das Gebäude gab nicht nach. »Das haben wir gut gemacht,« sagte er stolz und froh, »ja, ja, wir beide zusammen, das gibt was.«
Ein Fink kam angeflogen, setzte sich auf die höchste der Stangen und schmetterte seinen Vers herunter.
»Kuck da, Marie,« rief Peter, »der freut sich auch über unser Werk.«
Marie sagte verwundert: »Mensch, heute sollte man gar nicht denken, daß du ein Schulmeister bist.«
»Ein Schulmeister?« fragte Peter lustig, »das bin ich heute auch nicht. Heute nachmittag bin ich mal ein Mensch. Meinst du denn, daß unsereiner immer ein weises, feierliches Gesicht machen muß?«
»Och nee,« lachte sie, »das habe ~ich~ noch niemals gemeint. Aber nun sind wir fertig. Nun kannst du wieder an deine Bücher gehen.«
»An meine Bücher? Och Menschenkind, schnack' doch nicht so'n dummes Zeug! Die Bücher? Die sind ganz gut für den Winter. Aber an solchem Maitag wie heute? Am liebsten möchte ich in einem fort jubeln und singen.«
»Denn sing doch!« sagte sie. »Ich hab' dich noch niemals singen hören.«
»Och nein, zum Singen ist's doch viel zu schön ... Fliegen möchte ich, so hoch wie die Schwalben, und noch viel höher; so hoch wie die Sonne da steht, und noch tausendmal so hoch.«
»Menschenkind! Was hast du bloß? Du bist ja ganz aus dem Häuschen.«
»Oh, Marie ... es ist heute so wunderschönes Wetter. Das dringt einem ins Herz und ins Geblüt. Wer heute nicht anders ist als sonst, weißt du, was der verdient?«
»Na?«
»Ordentlich welche hinten vor!« sagte Peter übermütig, hielt die rechte Hand schlagbereit und sah sich um, als ob er jemand suchte, an dem er diese Strafe vollziehen könnte.
Marie lachte hell auf. »Nun bist du ja auf einmal doch wieder Schulmeister,« sagte sie und sah ihm lustig in die Augen.
»Kuck mal den kleinen Vogel da zwischen den Kartoffeln,« flüsterte Peter eifrig, indem er mit dem Finger hinzeigte.
»Das ist ja ein Wippsteert,« sagte sie froh. »Ei kuck doch mal, wie zierlich er da hüpft und wippt ... Die kleinen Vögel kommen mir immer vor wie lebendige Blumen ...«
»Ei ja,« sagte Peter verwundert, »das hast du dir fein ausgedacht ...«
»Wie hat der liebe Gott das doch alles so schön gemacht in der Welt!«
»Ja,« sagte Peter nachdenklich und froh.
Das Vöglein erhob sich plötzlich und flog mit lautem Angstgeschrei dem Hause zu. Die beiden sahen ihm nach. Da kam von dort eine Krähe geflogen, die lautlos über die Baumkronen dahinstrich und von zwei kleinen Vögeln unter schrillen Klagetönen verfolgt wurde.
»Die armen Wippsteerte!« sagte Marie traurig, »da hat ihnen die scheußliche Krähe ein Kind geraubt.«
»Und eben saß das kleine Tier hier so seelenvergnügt vor uns und wippte mit dem Schwanz,« sagte Peter ernst. »Ja, so geht es oft ... auch im Menschenleben ...«
Sie schwiegen beide. Marie bückte sich und legte eine in der Luft schwankende Bohnenranke an die nächste Stange. Peter folgte ihrem Beispiel, und so boten sie allen Pflanzen, die sich schon nach einem Halt sehnten, hilfreiche Hand. Zu einem zarten Ränkchen, das sich widerspenstig zeigte, sagte Peter, und die alte Fröhlichkeit war wieder in seiner Stimme: »So halte dich doch, du eigensinniges Ding! Und wachse tüchtig drauflos! Im August wollen wir Bohnen essen. Magst du gern Bohnen, Marie?«
»Und wie! Und wenn wir sie vor uns auf dem Tische haben, dann denken wir immer an diesen schönen Nachmittag. Nicht?«
»Ja, das ist gewiß,« sagte Peter mit frohen Augen.
Wieder ertönte das Jammergeschrei des Bachstelzenpärchens. Die Krähe holte sich eben das zweite Junge für ihre Brut.
Peter hatte einen Stein aufgegriffen und warf grimmig hinter dem Räuber her.
»Dabei kann man ja gar nicht wieder fröhlich werden, wenn man das immer sehen und hören muß,« sagte Marie, noch trauriger als vorhin.
»Ach, Tiere trösten sich bald,« sagte Peter.
»Da hast du wohl recht ... aber wenn ich daran denke, wie damals mein kleiner Bruder starb ...«
»Und wie damals meine Mutter starb ...« fügte Peter noch leiser hinzu. Nach einer Weile sagte er: »Du, das Sterben müßte überhaupt nicht sein. Oder die Menschen müßten doch erst sterben, wenn sie alt und lebenssatt sind. Meinst du nicht auch?«
»... Ich weiß nicht ... Als mein kleiner Bruder starb, da fingen wir andern Geschwister an, uns viel mehr lieb zu haben als früher. Und ich glaube beinahe, unsere Eltern hatten uns von da an auch viel lieber. Und ob das gerade immer das beste ist, wenn man so sehr alt wird, weiß ich auch nicht.«
Sie bückten sich schweigend zu den Bohnenranken. Nach einer Weile fragte Marie: »Du, sag' mal, magst du eigentlich meine Großeltern gern leiden?«
»Gern leiden?« wiederholte Peter. »Weißt du, Marie, die sind beide alt, und ich bin jung. Und du bist auch jung.«
»Jaa ... davon mag das wohl kommen.«
»Was?«
»Och ... ich meinte man ...«
»Ja, Marie, davon kommt das. Wenn wir alt sind, sind wir auch anders. Aber jetzt sind wir jung. O Marie, was ist das schön, daß wir jung sind! Zwei Alte und ein Junger im Hause, das war manchmal nicht schön. Aber nun, zwei Alte und zwei Junge, das geht wunderschön. Meinst du nicht auch, Marie?«
»Och ja, Peter ... ich war das ja auch von Hause so gewohnt, wo wir die vielen Geschwister waren.«
Die Gartentür ging. »Großvater,« sagte Marie erschrocken. »Sei man nicht bange,« sagte Peter zuversichtlich, »du kannst sicher sein, daß er diesmal zufrieden ist. Was mit soviel Lust und Liebe gemacht ist ...«
Der Schulmeister kam, prüfte das Werk der beiden, erst mit den Augen auf das Aussehen, dann mit der Hand auf seine Festigkeit, und sagte dann: »Das habt ihr sehr gut gemacht, Kinder. Ich muß euch loben. Kommt, nun sollt ihr auch Kaffee haben!«
Er wandte sich, die beiden warfen sich einen frohen Blick zu und gingen als gute Gesellen nebeneinander hinter dem Alten her.
Zum dritten Male erklang das Wehgeschrei der Vogeleltern, und Peter und Marie sahen sich erschrocken an. Der Schulmeister aber hob den Kopf und fragte: »Was sind das for welche?«
»Wippsteerte,« sagte Peter hinter ihm.
»Schade,« sagte der Schulmeister, »der Wippsteert gehört auch zu den nützlichen Vogelarten.« --
»Was ist das für ein herrlicher Tag heute!« sagte sich reckend Schulmeister Wencke, als sie am Kaffeetisch saßen, auf den die Sonne bunte Kringel malte. »Man sieht's euch ordentlich an, Kinder, wie die Arbeit euch gut getan hat. Jaja, die Arbeit. Und wenn man jung ist. Wenn unsereiner nur nicht das vermuckte Reißen in den Knochen hätte! Aber etwas besser ist's auch schon als heute mittag.«
»Drinkt man düchtig Kaffee,« mahnte Mutter Wencke, die das Mittagsschläfchen gestärkt und der sonnige Maientag und die gute Laune ihres Gebieters aufgeheitert hatten. »Wenn de Putt leddig[6] is, geet[7] ick frischen up.« Sie sprach immer plattdeutsch.
Peter dachte, solch ein Maientag könnte doch beinahe alte, grämliche Schulmeistersleute wieder jung und lustig machen. Heute ging im Schulhause wirklich ein anderer Geist um.
Als sie vom Tisch aufstanden, taumelte er glücklich seine knarrende Bodentreppe hinan. Was sollte er nun bloß diesen Nachmittag anfangen?
Da standen seine Bücher und sagten: »Wir sind auch noch da.«
Er stellte sich ans Fenster -- zum Sitzen hatte er keine Ruhe -- und nahm ein Buch vor die Augen. Aber die Sonne lachte auf die Blätter, und die Buchstaben tanzten. Sie wollten sich nicht zu Wörtern zusammenfinden, und zu vernünftigen Sätzen erst recht nicht.
Er legte das Buch hinter sich und nahm ein anderes. Es war dieselbe Geschichte. Der Geist, der in diesen beiden Büchern wohnte, war nicht stark genug, seinen vor Freude außer Rand und Band geratenen Geist zu fesseln.
Da nahm er ein drittes Buch. Es war eigentlich nur ein schmales Heftchen, das er sich von einem Kollegen im Kirchdorf geliehen hatte. Darauf war zu lesen: Goethe, Ausgewählte Gedichte.
Peter hatte mehrfach darin geblättert. Er schätzte Goethe im allgemeinen nicht. In dem Heft standen manche Dinger, die Gedichte sein sollten, aber sich durchaus nicht reimten. Ja, in einigen waren nicht einmal die Verse gleich lang. Um so ungereimtes, unegales Zeug zu schreiben, dachte Peter, brauchte einer doch kein großer Dichter zu sein. Aber anderes reimte sich gut, und er fand es auch sonst ganz nett.
Als er das Büchlein durchblätterte, fiel ihm ein Gedicht in die Augen, das war überschrieben: Mailied. Die Maisonne lag auf dem Garten und blinkte in den Blättern des Apfelbaumes vor seinem Fenster. Das kann passen, dachte Peter, das Lied wollte er lesen. Und die Buchstaben hörten auf zu tanzen und standen ganz klar vor ihm.
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch.
Der Kuckuck! dachte Peter. Das ist ja gar nicht zusammengedichtet, das ist ja wirklich so! Er überzeugte sich noch einmal davon, indem er in den blühenden Garten hinabblickte und den Vogelstimmen lauschte, die so süß herauftönten.
Und Freud' und Wonne Aus jeder Brust, O Erd', o Sonne! O Glück, o Lust!
Er griff sich an seine glückdurchbebte Brust und las die herrlichen Worte noch einmal, sie leise vor sich hinsprechend und jedes einzeln durchkostend.
O Lieb', o Liebe! So golden schön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höh'n!
Du segnest herrlich Das frische Feld Im Blütendampfe Die volle Welt.
Er atmete tief auf und schlug das Blatt um:
O Mädchen, Mädchen ...
Er erschrak und las hastig weiter, mit angehaltenem Atem:
Wie lieb' ich dich! Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud und Mut
Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst, Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst!
Er warf das Buch hin, streckte die Arme von sich, sah mit weitoffenen Augen in die Sonne und fühlte das warme Blut und neue Jugend und Kraft und Mut durch seine Adern rinnen. Ja, ja, das war's: O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! ...
Der gute Peter! Seine jungen siebzehn Jahre hat er unter dem Druck und in der Kälte gestanden. Elternliebe, Geschwisterliebe, Freundschaft -- bis auf die mit dem Hund -- sind ihm fremd geblieben. Einsam und verprügelt daheim, einsam und gedrückt hier im Schulhause. Nun ist's auf einmal über ihn gekommen. Nun ist seine junge Seele plötzlich erglüht und weiß sich nicht zu helfen und zu fassen vor übergroßem Glück.
Plötzlich, mitten in seiner jubelnden Freude, mußte er an die armen Wippsteerte denken. Da kam eine tiefe Traurigkeit über ihn. Er redete sich ein, Wippsteerte gäbe es ja so viele, und auf ein Nest voll käme es nicht an. Aber die Traurigkeit wollte nicht weichen. Und er merkte, daß er gar nicht über die Wippsteerte traurig war. Aber worüber denn? Das wußte er selbst nicht. Er blätterte gedankenlos in seinem Goethe. Da fiel sein Blick auf die Verse:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Bis hierher war er gekommen, da rief's unter dem Fenster: »Peter!« Da ist alle Traurigkeit mit einem Schlage verschwunden. Es ist ihre liebe, helle Stimme. O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! --
Mit zitternden Knien stieg Peter seine Treppe hinunter. Als er in die Wohnstube trat, wehte es ihm wie Eisesluft entgegen. Bei den Alten war der Maientag schon wieder dahin. Grämlich hockten sie auf ihren Stühlen ...
Aber da kommt ja der Frühling. Wie ihre Augen leuchten! Wie sie das viele Geschirr sicher und zierlich zu tragen weiß! Aber da! Eine Untertasse fängt an zu wackeln, bekommt das Übergewicht, Peter springt hinzu, zu spät! Mit lautem Krach fliegen die Scherben auseinander. Die Alte bekommt vor Schreck einen nervösen Zufall, dem Schulmeister fährt's in die kranke Schulter, beide schimpfen, Marie weint, und Peter sitzt da voll Wut, Liebe und Mitleid und denkt unwillkürlich an die Worte, die er eben gelesen: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß ...« Nur diese waren ihm im Gedächtnis geblieben.
* * * * *
Schulmeister Wenckes rheumatische Schulter behielt, wie immer, recht. Es wurde ander Wetter. Die schönen Sonnentage waren dahin, und graue Regenwolken ließen alle die Herrlichkeit, die jene hervorgezaubert hatten, in einem viel nüchternerem Licht erscheinen.
Und mit Peters Maienglück ging's ähnlich. Die abendliche Szene, die ihn aus seinen Himmeln in die rauhe Wirklichkeit des Wehlinger Schulhauses herabriß, machte den Anfang, und die folgenden Tage mit Schulplackerei und unwirscher Stimmung im Hause und Regen draußen arbeiteten weiter, ihn einigermaßen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und das war auch gut. Wie hätte ein Junge, dem die Buchstaben vor den Augen tanzten, die Wehlinger Schuljugend das Lesen lehren können? Deshalb war es gut, daß sie bald wieder leidlich vernünftig und ehrbar vor seinen Augen einhermarschierten.
Mit dem Einstecken der Bohnenstangen hatte die Gartenarbeit einstweilen ihren Abschluß gefunden. Das war Peter freilich nicht angenehm. Aber vielleicht war auch das ganz gut.
Aber, obgleich Wolken und Regen die Maienherrlichkeit verhüllten und die Menschen ihre Arbeit einstellten, es war im Garten doch alles lebendig und wuchs und kam vorwärts. Und obgleich Peter wieder mehr Schulmeister und Büchermensch war und keine Bohnenstangen mehr einsteckte, den Frühling hatte er doch in sich, und der wirkte und schaffte in ihm an allen Enden. Er wuchs und kam vorwärts.
Unter den großen Schulkindern, denen er auch in einigen Fächern Unterricht gab, hatte er einen langen Jungen, der ebenso begabt wie frech war. Es war Peter immer schwer geworden, ihm gegenüber sein Ansehen als Lehrer zu wahren. Im Wissen konnte jener es mit ihm ja nicht aufnehmen, aber im übrigen fühlte der von Kindheit an gedrückte, arme Häuslingsjunge nicht selten die Überlegenheit des körperlich und geistig gesunden Sprößlings bester Bauernrasse. Als der Schlingel sich nun wieder einmal eine Ungezogenheit erlaubte und den aufmerksam gewordenen jungen Schulmeister kameradschaftlich herausfordernd ansah, fühlte dieser sich plötzlich überlegen. Er ging mit festem, dröhnendem Schritt auf seinen Gegner los und sagte ihm mit jetzt völlig gewechselter Stimme, er möchte die Ungezogenheit nur noch einmal wiederholen, dann sollte er mal was erleben. Der Junge sah Peter verdutzt in die Augen, merkte, daß aus ihnen eine Kraft und Entschlossenheit sprach, mit der nicht zu spaßen war, und ärgerte ihn fortan wie ein Schüler seinen Lehrer, aber nicht mehr auf kameradschaftlichem Fuße. Zu seiner großen Genugtuung hörte Peter am Schluß der Stunde, wie die großen Mädchen sich zuflüsterten: »Kinners, Kinners, de lüttje Scholmester is nu abers 'n Keerl worrn!«
Peter machte sich jetzt, nachdem die Gartenarbeit zur Ruhe gekommen war, auch wieder mit Eifer an seine Bücher. Damit erging's ihm auch merkwürdig. Früher meinte er, ein Buch wäre ein Buch und hätte als solches Anspruch darauf, von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen zu werden. Jetzt klappte er manche Bücher nach ein paar Seiten zu, und in andern las er nur einzelne Abschnitte, die er sich selbst auswählte. Früher hatte er wahllos alles zu behalten gesucht, was ihm unter die Augen kam. Jetzt verbot er seinem Gedächtnis oft geradezu, sich mit irgend welchen gleichgültigen Dingen zu belasten. Manchmal machte er sich im stillen Fragezeichen, obgleich die Sache da schwarz auf weiß vor ihm stand. Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Druckerschwärze wurde ihm wankend.
Einmal bekam er zwei Bücher geliehen, von denen das eine eine »wahre Geschichte«, das andere ein »Roman« sein wollte. Er nahm die »wahre Geschichte« mit gutem Vertrauen zur Hand, aber bald legte er sie mit dem Gefühl zur Seite, daß in dem Buche alles unwahr und verlogen wäre. Dann machte er sich mit großem Mißtrauen an den »Roman«. Dieses Fremdwort übersetzte er sich nämlich mit »Lügengeschichte«. Aber schon auf der zweiten Seite wurde ihm, als ob aus den Zeilen ein stilles, ernstes Menschenauge ihn anschaute, und bald klopfte ihm ein Menschenherz entgegen, und sein Herz klopfte mit. Bald mußte er vor Behagen lächeln, dann wieder mußte er sich die Tränen trocknen. Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, fing er gleich wieder von vorne an. Und nach vier Wochen las er es zum dritten Male. Dann konnte er das Buch ruhig wieder zurückgeben. Denn die Menschen, von denen es erzählte, lebten jetzt mit ihm und waren ihm gute Freunde geworden. Von da an suchte er nach solchen Büchern, fand ihrer aber nur wenige. In den meisten, die sich auch Romane nannten, waren die Menschen ebensolche mit allerlei zweifelhafter Weisheit ausgestopfte und mit fadenscheinigem Tand behängte tote Puppen wie in der »wahren Geschichte«.
Als Peter so angefangen hatte, beim Lesen auszuwählen, abzulehnen, Fragezeichen zu machen, zu vergleichen, Verbindungslinien zu ziehen, das Lebendige zu suchen, kurz, als er angefangen hatte, nicht mehr als Schulmeister, sondern als Mensch zu lesen, hatte er an seinen Büchern eigene tiefe Freude und brauchte nicht mehr nach Abnehmern für seine jeweilig neueste Weisheit zu suchen. Er wußte auch gar nicht mehr so viel, was er andern hätte erzählen können, und wenn der frühere Eifer, zu belehren, ihn noch einmal packte, sagte er sich: Vielleicht wissen sie's auch ohne dich, und wenn sie's nicht wissen, dann schadet's auch nicht viel.
Wenn er einmal darüber nachdachte, wann und wie die große Wandlung über ihn gekommen wäre, mußte er immer wieder an das Bohnenstangenstecken und an Marie denken. Und wenn er so recht von Herzen an sie dachte, tanzten die Buchstaben wieder, und die lebendigsten Bücher waren tot. Aber das schadete nichts. Nachher waren sie dann wieder um so lebendiger, und aus den Buchstaben schaute mit helleren Augen eine Welt, in die einzudringen ihm von Tag zu Tag mehr Freude machte.
Ja, ja, der Frühling schaffte an allen Enden. Unten in des Schulmeisters Obst- und Gemüsegarten, und oben in der engen Dachstube, wo ein junges Menschenherz ihn erlebt hatte, endlich, nachdem es lange unter der Eisdecke des Winters in Erstarrung gelegen hatte.
Und auch in einem andern jungen Herzen schaffte er wohl, trotz der Nähe der beiden alten Eisklumpen, die er nicht mehr schmelzen konnte. Wo etwas werden und wachsen will, dahin hat er ja noch immer den Weg gefunden.
Die Sommerferien nahten. Peter hatte sich die ganzen Jahre noch nicht auf Ferien gefreut. Aber dieses Mal fürchtete er sich vor der langen, langen Zeit, die er fern von Wehlingen zubringen sollte. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er die vier Wochen hätte ausstreichen können.
Am letzten Sonntag vor Schulschluß hatte er in Olendorf den Gottesdienst besucht und blieb den Nachmittag über bei einem Kollegen und Altersgenossen, mit dem er oberflächlich ein wenig verkehrte. Marie war seit einigen Tagen verreist, um zu Hause die Kindtaufe von Nummer acht mitzufeiern. Und den Sonntagnachmittag allein bei den sauertöpfischen Alten zu verleben, hatte er keine Lust. Ohne sie konnte er sich das Schulhaus gar nicht mehr denken.
Gegen Abend trat er den Rückweg an. Der Kollege begleitete ihn eine Strecke.
Im Kirchdorf war heute Tanzmusik, und die Straße auf und ab schlenderten Scharen geputzter junger Leute. Die Musikanten kamen eben mit ihren Instrumenten, und die Wirtshausdiele hatte ihre bekränzten Tore weit und einladend geöffnet. »Möchte auch wohl mitmachen,« sagte der andere, lüstern hineinblickend, »aber mein Küster gönnt's mir nicht. Er ist noch einer von den Altmodischen und meint, wir Schulmeister gehörten so halb und halb mit zur Geistlichkeit.«
»Die jungen Kerls,« sagte Peter, »nehmen uns Schulmeister doch nicht für voll.«
»Aber die Deerns,« sagte der andere, »wenn einer man'n rechter Kerl ist.« Er hielt sich ohne Zweifel für einen solchen und zupfte an den Härchen, die ihm auf der Oberlippe sproßten. Die waren etwas länger als Peter seine und konnten übers Jahr vielleicht schon Bekanntschaft mit dem Rasiermesser machen.
Um Peter zu beweisen, daß er kein Dummer mehr war, erzählte er dann allerhand Geschichten vom Olendorfer Jungvolk. Geschichten, wie der weltfremde Peter sie von der Wehlinger Jugend nie gehört hatte. Nachdem dieser eine Zeitlang schweigend zugehört hatte, sagte er zuletzt: »Na, Mensch, nun hör' man endlich auf mit deinen dummen Geschichten!«
Als der Begleiter umgekehrt war, ging Peter langsam durch die Heide. Es war sehr warm, und Eile hatte er ja nicht.
Nach einer Viertelstunde führte der Weg in eine Senkung, das Wendenloch, hinab. Dort sollte es nicht ganz geheuer sein, wie Peter aus einer alten Chronik wußte. Und eine alte Frau hatte ihm erzählt, hier wäre ihr einmal der Heideteller begegnet, der zur Strafe für seine Sünden bis an den jüngsten Tag die Heidekräuter zählen müßte. Und was ihre Mutter gewesen wäre, die hätte zweimal den Ohnekopf gesehen. Einmal hätte er seinen Kopf unter dem Arm getragen, das andere Mal mit ihm den Hügel hinab Kegel geschoben, und aus dem Tale habe einer, wahrscheinlich der Teufel selbst, unheimlich gerufen: Alle Neune! An diese Geschichten dachte Peter, der Volksaberglaube hatte auch über ihn einige Gewalt, und so zögerte er ein wenig, ehe er in das von dunklen Wacholdern und weißen Sandblößen durchzogene Tal hinabstieg.
Plötzlich rief es munter hinter ihm: »'n Abend, Peter!« Er flog jäh herum. Marie! --
»Wo kommst denn du auf einmal her?«
»Ich bin eben mit der Post in Olendorf angekommen. Und du? Was stehst du hier herum?«
»Och, ich habe mal den jungen Schulmeister in Olendorf besucht.«
»Den alten ekligen Flapps, der neulich bei uns war?«
»Ja. Was sollte ich mich allein zu Hause herumlangweilen?«
»Und nun gehst du auch nach Hause?«
»Ja, natürlich doch!«
»Ob wir zusammen gehen ...?«
»Och ja, das meine ich doch. Zu zweien geht's sich besser, besonders abends. Und auf diesem Wege!«
Sie wandten sich zum Gehen.
»Warum ist's denn gerade hier gut, zu zweien zu gehen?« fragte sie.
»Weil's da unten nicht sauber ist.«
»Nicht sauber?« lachte sie auf. »Du kluger Mensch glaubst noch an Spuken?«
»Das nicht gerade. Aber etwas anderes ist's einem doch, wenn man abends allein in solche Gegend kommt. Soll ich dir erzählen, was Wohlers Mudder mir von dem Wendenloch verraten hat?«
»Ach, laß man! Glauben tu ich's doch nicht. Und was sollen wir uns mit solchen dummen Geschichten gruseln machen?« --
»Na, wie war's denn zu Hause?« fragte Peter nach einer Weile.
»Och, ganz nett ...«
»Jetzt seid ihr schon acht.«
»Ach ja ...«