Part 8
Peter war inzwischen auf seine Dachstube gegangen. Er fühlte, daß er nicht nachdenken und zu sich kommen ~durfte~. So nahm er ein Rechenbuch und zwang sich, Rechenaufgaben zu lösen. Er wählte die schwierigsten, die er finden konnte. Wo er die richtige Lösung nicht gleich fand, rechnete er die Aufgabe ein zweites und ein drittes Mal. Als sein Geist dieser Arbeit müde war, nahm er das Lesebuch und begann zu lesen. Den Sinn der Sätze faßte er nicht, und wollte es auch nicht. Es kam ihm nur darauf an, durch das mechanische Wiedererkennen der Buchstaben eine Stunde zu überwinden. Zuletzt schlug er ein Schreibheft auf und malte einmal über das andere die Worte: »Aller Anfang ist schwer.« Sorgfältig zog er Haarstrich um Grundstrich, Haarstrich um Grundstrich. So gelang es ihm, sein Empfindungsleben fast ganz auszuschalten und den Tag hinzubringen. Er bedurfte dazu seiner ganzen Willenskraft. Aber er fühlte deutlich, wenn er seinen Empfindungen nachgäbe, so würde er zusammenbrechen, so wäre sein Verstand in Gefahr.
Gleich nach dem Abendessen, bei dem die Familie ihn nicht wieder ins Gespräch zog, ging er zu Bett und zwang sich von tausend an abwärts zu zählen. Es gelang ihm wirklich, einzuschlafen.
Als er aufwachte, war es dunkle Nacht, und die Uhr in der Wohnstube unter ihm schlug zwölf. Der Schlaf hatte ihn gestärkt. Seine Nerven hatten einige Widerstandskraft wiedererlangt, er durfte es wagen, an sie zu denken. Da faßte ihn auf einmal eine unendliche Sehnsucht, sie zu sehen. Er vertröstete sich auf den kommenden Tag, aber das heiße Verlangen seines Herzens ließ sich nicht abweisen. Zweimal hatte er ihm Schweigen geboten. Als es aber den dritten Angriff auf seine Willenskraft machte, da gab er nach. Er stand auf, kleidete sich leicht an, nahm das brennende Licht in die Hand und trat mit bloßen Füßen aus seiner Kammer. Oben an der Treppe blieb er stehen und horchte angespannt ins Haus hinab. Er hörte nichts als das Klopfen seines Herzens. Da stieg er vorsichtig hinab, die unsicheren Stufen, die am lautesten zu knarren pflegten, meidend. Unten an der Treppe lauschte er noch einmal. Kein Ton als das Ticken der Uhr in der Wohnstube. Da ging er weiter, das Licht mit der Linken schirmend. Nun stand er vor ihrer Kammertür. Er stellte das Licht auf die Erde und faßte den Drücker mit beiden Händen, um jedes Geräusch zu dämpfen. Die Tür wich lautlos, er trat ein, zog das Licht nach sich und schloß die Tür so leise, wie er sie geöffnet hatte. Dann erst wandte er sich um. Da stand das Bett, von einem weißen Leintuch überspannt. Mit leise zitternder Hand hob er die Hülle, die sein Liebstes barg. Und nun lag die Geliebte vor ihm, das Haupt leicht zur Seite geneigt, im Haar eine welkende Rosenknospe, die Hände über einem Kreuz auf dem weißen Totenhemd gefaltet. Da löste sich die Erstarrung, die seit vierundzwanzig Stunden auf seiner Seele gelegen hatte, in heißen Tränen, und er mußte sich mit Gewalt bezwingen, daß er nicht laut schluchzte. Aber dem Lauf der Tränen wehrte er nicht.
Plötzlich fuhr er auf und horchte. In der benachbarten Kammer hatte sich etwas geregt. Der Schein des Lichtes konnte ihn verraten, und schnell drückte er es aus. Und nun war er in der dunklen Kammer mit seinem toten Lieb allein. Er umklammerte mit seinen fiebernden Händen über ihren kalten Händen das Kreuz, er beugte sich nieder und küßte sie, auf die Stirn, die Augen und den Mund. Er fühlte die Kälte des Todes nicht. Er fühlte nichts als die heiße, heiße Liebe, die sein ganzes Wesen mit der Geliebten verband. Dann deckte er sie sorgfältig wieder zu, nahm die Kerze und schlich im Dunkeln in sein Dachstübchen hinauf.
Als er wieder in seinem Bette lag, faltete er die Hände über der Brust. Nicht um zu beten. An Gott dachte er mit keinem leisen Gedanken. Aber er hatte ein so dankbares Gefühl in seinem Herzen, daß die Todesstarre, die so lange seine Seele zusammengepreßt hatte, von ihm genommen war, daß er wieder weinen, fühlen und lieben konnte. Wenn aber ein Gefühl froher Dankbarkeit sein Herz durchwärmte, dann mußte er die Hände falten, der gute Peter. -- --
* * * * *
Auf der Diele des Schulhauses war über drei Stühlen der Sarg aufgebahrt. Zu Häupten und zu Füßen brannten Lichter, die in einem leisen Zugwind flackerten. Einige Tannenkränze lehnten umher.
Nach und nach fand sich das Trauergefolge ein. Die Lehrer der Nachbarschaft und die großen Bauern wurden in die Stube genötigt, tranken Kaffee oder Grog, nach eigener Wahl, aßen Kuchen. Die kleinen Leute standen auf dem Vorplatz und der Diele umher und ließen die Flasche kreisen. In einer Ecke der Diele hockten die Singjungens um eine Truhe und aßen schwatzend die ihnen als Sangeslohn zukommenden Stuten. Zwei Ziegen streckten die langen Bärte aus ihrem Stall heraus und sahen neugierig zu. Die Hühner, die man nicht vom Wiemen heruntergelassen hatte, gaben ihren Unwillen durch Scharren kund. Eine Henne verkündete gackernd, daß sie ein Ei gelegt hatte.
Peter kam erst von seiner Dachstube herab, als sie angefangen hatten zu singen. Die Jungens sangen mit schrillen Stimmen: Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu, und musterten inzwischen, da sie die Verse auswendig konnten, die fremden Schulmeister. Dann las Schulmeister Wenckes nächster Nachbar mit halb singender, halb weinerlicher Stimme den neunzigsten Psalm und sprach ein Vaterunser. Nachdem dann die Kinder noch einmal gesungen hatten, traten die Träger herzu, entfernten die Lichter vom Sarge, trugen ihn hinaus und hoben ihn auf den vor dem Tor wartenden, im Grunde mit Stroh bedeckten Leiterwagen. Dann stiegen an einer Leiter die Frauen der nächsten Verwandtschaft hinauf und nahmen tief verhüllt vor und hinter dem Sarge Platz. Der Fuhrmann ergriff das Handpferd am Zügel und ließ anziehen. Da lüfteten die Männer ihre Mützen, und hinter dem Wagen ordnete sich das Gefolge; die Familie voran, die befreundeten Lehrer, die Dorfleute.
Der Leichenzug folgte nicht dem nächsten und gebräuchlichsten Wege nach dem Kirchdorfe; denn alter Volksglaube ließ nicht zu, daß die Toten denselben Weg nähmen mit den Lebendigen. Er zog durch eine Talsenkung, die von dem Zug der Toten seit alters den Namen »Totengrund« führte. Die Wagengeleise waren von blühender Heide überwuchert; denn es war diesen Sommer nur ein Toter dieses Weges gefahren.
An der Grenze der Wehlinger Gemarkung wurde ein Strohbündel unter dem Sarge hervorgezogen und hinter dem Wagen quer über die Spur geworfen. Das sollte den Geist der Toten hindern, in die alte Behausung zurückzukehren und die Lebenden zu schrecken. Das Gefolge wich vor dem Bündel behutsam rechts und links aus.
Peter ging zuerst bei den Lehrern. Da begann ein alter Schulmeister Fragen an ihn zu stellen: Wann er aufs Seminar wollte? Wie alt er wäre? Für welche Fächer er sich besonders interessierte? Nach welchen Büchern er arbeitete? Peter gab kurz Antwort, benutzte aber einen Augenblick, als der Ausfrager mit seinem Nachbarn auf der andern Seite sprach, ein wenig zurückzubleiben.
Nun war er unter den Bauern. Diese hatten ihre kurzen Pfeifen in Brand gesteckt und sprachen über den vor wenigen Tagen im Flecken abgehaltenen Viehmarkt.
Peter blieb noch weiter zurück und folgte bald dem Zuge als letzter. Aber mit seinen Gedanken und Gefühlen war er ihr, die jetzt ihre letzte Straße zog, von allen wohl am nächsten.
Vor ihm wand sich der lange schwarze Zug durch die vollerblühte Heide. So weit der Blick reichte, ein Meer roter Blüten. Und darin das Gesumm und Geschwirr der Immen, die überall, im Totengrund wie auf den luftigen Höhen, ihre süße Weide fanden.
Als die Spitze des Zuges das Kirchdorf erreichte, läuteten die Glocken. Die große tief und regelmäßig, die kleine, von einem Kinde schlecht geläutet, unruhig und aufgeregt dazwischen. Vor dem Kirchhofstor stockte der Zug. Nach einer Minute setzte er sich unter Kindergesang wieder in Bewegung. Nachdem er sich nach alter Sitte um die Kirche bewegt hatte, hielt er aufs neue, der Gesang verstummte mit einer langgezogenen Schlußnote des Küsters, das Geläut mit einem letzten Nachklang der kleinen Glocke. Peter hielt sich im Hintergrunde, hatte die Augen geschlossen und hörte nur wie aus weiter Ferne, was da vorne vor sich ging: das Schurren der Taue, die liturgischen Formeln, das hohle Aufschlagen der Schollen, das wieder einsetzende Singen und Glockengeläut ... Als er aufblickte, sah er die Augen des Totengräbers fragend auf sich gerichtet. Da wurde er mit Schrecken gewahr, daß die andern sich bereits alle vom Grabe abgewandt hatten. Hastig drehte er sich um und folgte ihnen in die nahe Kirche. Hier setzte er sich im Rücken der Gemeinde hinter einen Pfeiler. Er war froh, einen Platz gefunden zu haben, wo ihn niemand sehen konnte, und er selbst auch keinen Menschen sah.
Peter war nicht gekommen, um sich trösten zu lassen. Er hatte ja in den vergangenen glücklichen Zeiten sein Glück allein, heimlich vor allen Menschen, getragen, und wußte, sein Leid würde er erst recht ganz allein und einsam tragen müssen. Und das wollte er auch. Kein Mensch konnte und sollte ihm davon das Geringste abnehmen.
So hörte er denn auch kaum hin, wie der Pastor die Eltern und Großeltern tröstete, wie er ein blaß gehaltenes Bild der in der Blüte geknickten lieblichen Jungfrau entwarf. Was ging ihn das alles an? Was konnte der Pastor von der Toten wissen, die nur ein Vierteljahr seiner großen und zerstreuten Gemeinde angehört hatte, mit der er wohl nie ein Wort gewechselt hatte? --
Aber plötzlich traf ein Wort von der Kanzel sein Ohr, das ihn aufmerken ließ. Der Pastor hatte von einem goldenen Tor geredet. Wie kam der Mann dazu, von etwas zu reden, was zwischen ihr, deren Mund nun geschlossen war, und ihm heiligstes Geheimnis war? Und nun horchte er mit angehaltenem Atem. »Die Entschlafene,« so führte der Geistliche aus, »hat sich in ihren Fieberträumen immer wieder mit einem goldenen Tore beschäftigt, so ist mir gesagt worden. Und dann hat sie mit einem Begleiter gesprochen, der an ihrer Seite dem goldenen Tore zugewandert ist. Was, meint ihr, liebe Christen, ist das für ein Wandergenosse gewesen? Ich zweifle nicht daran, es war ein heiliger Engel, den Gott der Herr ihr zum Geleite gegeben, um sie aus dem dunklen Tal der Todesschatten durch das goldene Tor hinaufzuführen in das Land des ewigen Lichts.«
Durch die Gemeinde ging ein lautes Schluchzen.
Wenn einer hinter den Pfeiler geblickt hätte, und er hätte die rechten Augen gehabt, so würde er da ein Menschenantlitz gesehen haben, das für einen Augenblick von tiefinnerer Seligkeit durchleuchtet war. Und vielleicht hätte er da an ein Engelsantlitz denken müssen. --
Die Trauerfeier war beendet. Die Verwandten traten noch einmal an das Grab, die andern kehrten nach der Sitte zu kurzer Rast in dem nahen Wirtshause ein. Peter aber machte sich sofort auf den Heimweg. Er mußte allein sein.
Langsam ging er über die weite, stille, blühende Heide, und dachte mit stiller, tiefer Wehmut der glücklichen Zeiten. Er hatte das Gefühl, als ob sie weit, weit hinter ihm lägen. Und doch lagen nur drei Tage dazwischen. Aber was für Tage! ... Und wie lange war es her, daß er an ihrer Seite den Weg gegangen war? Es waren fünf Wochen. Da wurde er auf einmal zweifelhaft. War er nicht zweimal mit ihr diesen Weg gewandert? Einmal am letzten Sonntagabend vor den Ferien. Dessen erinnerte er sich ganz deutlich. Da hatte er ihr ja die Geschichte vom goldenen Tore erzählt, und sie hatten sich versprochen, von nun an Wandergenossen zu bleiben. Aber es war ihm, als müßte er noch ein zweites Mal mit ihr dieses Weges gegangen sein ... Allmählich dämmerte ihm herauf, was er vor drei Tagen, in jenem merkwürdigen Zustande jenseits der Schwelle des wachen Bewußtseins, auf diesem Wege erlebt hatte. Er hatte sich dieses Erlebnisses seither nicht erinnert, wohl deshalb, weil es in Regionen des Unterbewußtseins vor sich gegangen war, die dem vom Willen abhängigen Sicherinnern nicht zugänglich sind. Jetzt, an dem Orte, wo es ihm begegnet war, bei dem lebhaften und innigen Denken an jene erste Wanderung, kam es herauf, traumhaft verschleiert ... Hatte er sie da nicht an seiner Seite schweben sehen? ... In langem, weißem Kleide? ... schnell und immer schneller dem goldenen Tore zu? ... Das mußte um die Stunde ihres letzten Kampfes gewesen sein ... Also um dieselbe Stunde, da sie, wie die Verwandten dem Pastor berichtet hatten, das goldene Tor offen und den Wandergefährten an ihrer Seite gesehen hatte ... Wunderbar ... Während sie mit dem Tode ringend auf ihrem Bette lag, und während er zerschlagen und seiner selbst nicht mächtig über die Heide ging, hatte da zwischen ihren Seelen ein geheimnisvoller Verkehr stattgefunden? ... Hatten die einander geschaut, gegrüßt, aneinander Geleit und Halt und Freude gefunden? ... War das denkbar? ... Denkbar wohl nicht ... aber vielleicht trotzdem Wahrheit ... Je länger er darüber nachsann oder vielmehr -fühlte, um so gewisser wurde es ihm. Dann aber war es ja sicher, daß ihre Liebe nicht an das leibliche Beieinander gebunden war ... daß sie Weggenossen bleiben konnten, auch wenn sie ihm vorausgeeilt war ... Und hatte sie nicht auch, ehe sie in dem goldenen Tore verschwand, auf den Weg, der deutlich vor ihm lag, gewiesen und ihm gewinkt? ... um ihm zu zeigen, daß sie denselben Weg hatten und zusammengehörten? ...
Er dachte an seine Mutter. Die hatte ihm, obgleich sie so früh hinweggerissen war, durch die ganze Kindheit das Geleit gegeben. Ganz gewiß, dann konnte auch die jetzt ihm entrissene, aber durch die engsten Seelenbande ihm verbundene Weggefährtin seine Weggefährtin bleiben, das Stück Weges, das er noch vor sich hatte. Vielleicht war dieses ja auch gar nicht so lang, wie er ihr das vor fünf Wochen in seinem jungen, frohen Lebensmut ausgemalt hatte. Vielleicht mußte er in Beziehung auf das goldene Tor noch einmal umlernen. Am Ende hatte sie doch recht gehabt, als sie damals, wohl vorahnend, sagte: »Aber Peter, wenn wir in das goldene Tor hineinwollen, dann müssen wir ja vorher -- sterben.« Damals war er darüber erschrocken und hatte das Sterben ganz ans Ende gesetzt, nach all dem Großen und Schönen, das er vorher erreichen wollte. Aber wenn es früher käme, wäre denn das so schlimm? ... Und vielleicht kam's ja auch so. Er dachte an die Besorgnis seines Vaters, daß er, Peter, zu viel von der Mutter geerbt haben möchte und in keiner guten Haut steckte. Und der dumpfe Schmerz in seiner Brust war ja seit jenem rasenden Laufen nach dem Arzt immer noch nicht ganz gewichen ...
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er dachte wieder an die Begräbnispredigt. Was? Er, der Schulmeister Peter Eggers, ein Engel? Das war wirklich zum Lachen. Aber plötzlich wurde sein Gesicht wieder ernst. Ja, ~sie~, wie sie da in weißem, wallendem Kleide neben ihm schwebte, wie sie am Ziel das von innen durchleuchtete Antlitz nach ihm zurückwandte, ~sie~ hatte wie ein Engel ausgesehen. Und war sie überhaupt nicht in sein armes, einsames, dumpfes Leben wie ein Engel aus einer andern Welt hineingetreten? Hatte er nicht eines Abends in duftender Jelängerjelieberlaube gesessen und Gott gedankt, daß er sie ihm gegeben? ...
Gefaßt und getröstet langte Peter am Schulhause an. Als er aber eintrat und auf der Diele die drei Stühle sah, die den Sarg getragen hatten, und als sein Blick in ihre offene Kammer fiel, in der eben die einhütende Nachbarsfrau Ordnung schaffte, da übermannte ihn der Schmerz aufs neue. Er hielt die Hand vors Gesicht, eilte die Treppe hinauf und warf sich auf sein Bett.
Die Nachbarsfrau hatte es auch übernommen, für die von der Beerdigung Zurückkehrenden den Kaffee zu kochen. Als sie sah, daß Peter zurück war, goß die gute Seele ihm vorab eine Tasse auf, legte ein Stück Butterkuchen auf den Rand und trug's ihm hinauf. Sie fand den jungen Schulmeister auf dem Bette liegend, den Kopf in die Kissen vergraben.
Da faßte sie ihn mütterlich am Arm, schüttelte ihn und sagte: »He! Wat fehlt em? Is he krank?«
Peter flog erschrocken in die Höhe und sah die Frau hohläugig und verstört an.
»Hier hett he'n Tass' Kaffee ... Wat? He hett weent? Achjajija, dat junge söte Lewen« -- die Frau führte mit der freien Hand die Schürze an die Augen -- »in düsse Johren, wenn eene so väl köst[8] hett und just to bruken is, huhuhu. Aber se is ja den besten Weg, huhu. Nu drink he man. So'n Tass' Kaffee helpt den Menschen wedder up.«
Peter nahm die Tasse und setzte sich auf seinen Stuhl. Die Frau stand neben ihm, hatte die Schürze wieder fallen lassen und die Hände in die Seiten gestemmt.
»Hett se 'ne schöne Liekenred' krägen?« fragte sie.
»Och ja,« sagte Peter.
»Wat for'n Text?«
»Text? ... de Text? ... Mewsmudder, dat weet ich würklich nicht.«
»Wat? 'n Scholmester, und denn so vergätern?« sagte Mewsmutter verwundert. »Ick hew noch alle Liekentexte von mine Fründschap in'n Kopp.« Und nun zählte sie ihm die der letzten zwanzig Jahre auf, gab auch bei mehreren einige Gedanken aus der über sie gehaltenen Rede wieder. Dabei weinte sie noch einmal über die Verluste und ließ sich noch einmal von all den schönen Texten trösten. Zuletzt wischte sie sich mit der Schürze die Augen, schnaubte sich in derselben gründlich aus, nahm die leere Tasse und ging wieder an ihre Arbeit.
Peter sah ihr kopfschüttelnd nach. Wie waren solche Leute zu beneiden! Die weinten ihre Tränen, backten Butterkuchen, hörten eine schöne Leichenpredigt, kochten Kaffee und gingen wieder an ihre Arbeit.
Und gingen wieder an ihre Arbeit. Ja, und das tat Peter am andern Morgen auch. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Denn die kleinen Wehlinger Jungens und Deerns wollten darum doch lesen und schreiben und rechnen lernen, wenn Peter auch ein wehes, zerrissenes Herz hatte. Sie stellten sich am nächsten Morgen wieder vollzählig ein. Auf dem Schulhofe waren sie wohl etwas stiller als sonst. Aber ihr Morgenlied sangen sie mit kräftigen Stimmen, und die beiden Lehrer hatten alle Hände voll zu tun. Denn die Jugend hatte beim Heu viel verschwitzt und war durch die lange Freiheit des Stillsitzens auf den Schulbänken entwöhnt.
Am Mittagstisch sagte der Schulmeister, indem er sich ein wenig reckte: »Wie ist das gut, daß wir endlich so weit sind! So etwas bringt immer viel Aufregung mit sich, und die ist nichts für alte Leute. Gott sei Dank, daß nun alles wieder im alten Geleise ist.«
Ja, alles wieder im alten Geleise. Auch den leergewordenen Platz am Tische fand Peter nach drei Tagen wieder besetzt. Beim Familienkaffee nach der Beerdigung war die Verabredung getroffen, daß der Schulmeistersleute ältester Sohn seine älteste Tochter der schwächlichen Mutter zur Hilfe im Haushalt schicken sollte. Diese hieß auch Marie, und war ein munteres, quickes, junges Ding mit lebenshungrigen Augen und runden Gliedern.
Die neue Marie langweilte sich bald bei den grämlichen Alten und suchte Zeitvertreib bei Peter. Wenn die beiden, durch eine Wiederholung der Rede des Schulmeisters vom Zeitvertrödeln und von der Unschicklichkeit getrennt, im Garten Sommerarbeit taten, war sie alle Viertelstunden bei ihm und hatte bald dies zu fragen und bald das zu schwatzen. Das »Es schickt sich nicht für so'n großes Mädchen« des Schulmeisters war für sie nicht da. Peter hörte ihrem munteren Geplauder ganz gern zu, und da ihre in das dumpfe Schulhaus eingezwängte Lebenslust ihn dauerte, so war er immer freundlich gegen sie und zwang sich, auf ihre Interessen einzugehen, auch wenn ihm danach nicht gerade zumute war. Aber das genügte ihr nicht. Und als sie merkte, daß sie ihm durch Äugeln und andere Kunststückchen nicht mehr abgewinnen konnte, versuchte sie's mit einem Bauernsohn auf der Nachbarschaft, wo sie mehr Glück hatte. Sie ist dann nach einem guten Jahre aus dem grämlichen Schulhause als Herrin auf den schönen Bauernhof übergesiedelt und eine kleine dicke, fröhliche, tüchtige Bauerfrau geworden.
Eines Nachmittags gegen Ende September, als Peter Birnen pflückte, kam sie angetänzelt und bat ihn, ihr bei dem Ausziehen der Bohnenstangen zu helfen. Das trockene Kraut hätte sie schon zum größten Teil heruntergerissen. Aber die Querstangen lägen ihr zu hoch. Da könnte ein so kurzes End wie sie nicht heranreichen. Peter verbarg sein Gesicht hinter einem Birnenast und sagte: »Marie, das laß nur. Das will ich wohl gegen Abend allein besorgen.« »Du bist zu nett, Peter,« sagte sie erfreut, »dann kann ich ja gleich hingehen und mich hübsch machen. Aber vorher schmeiß mir eine süße, gelbe Birne herunter!« Peter erfüllte ihren Wunsch, und sie ging, herzhaft die Zähne in die Frucht schlagend, davon.
Am Abend, als der müde Herbstsonnenschein auf dem Garten lag, machte Peter sich daran, das Werk des leuchtenden Mainachmittags niederzulegen. Er zog Mariens Schleifen auf und löste seine Knoten. Dann zog er die fest in der Erde steckenden Stangen heraus, erst seine Reihe, dann ihre. Als sie alle auf dem Haufen lagen, setzte er sich darauf und hielt den Kopf in die Hände gestützt. So saß er eine ganze Weile. Dann stand er auf und begann, die Stangen ins Haus, zu tragen. Einst hatte er je acht mit spielender Leichtigkeit auf die Schultern genommen. Jetzt ging er schon unter der Last von sechsen gebückt und mühsam.
Als er zum letztenmal zum Felde gehen wollte, um die letzte Tracht zu holen, begegnete ihm Marie auf dem Gartenwege. Sie sah ihn groß an und rief: »Mensch, wie siehst du aus! Fehlt dir was?«
»Ich bin müde,« sagte Peter tonlos.
»Die Stangen sind wohl schwer?«
»Ja ...«
Diese Arbeit war die letzte, die Peter für die Wehlinger Schulmeistersleute tat. Am Tage darauf zog er in die Herbstferien. Den Winter sollte er auf dem Seminar zubringen.
Auf jener Höhe, von der er an jenem Vorfrühlingsabend zuerst das Tal und das Dorf erblickt hatte, blieb er stehen und schaute lange zurück. Er lehnte sich an eine junge Birke, und diese ließ einige vor der Zeit gestorbene gelbe Blätter an ihm hinab zur Erde wirbeln. Auf der Heide ringsum lag das braune Blühen des Herbstes. Keine Imme summte mehr nach Honig; kein blauer Schmetterling gaukelte über den toten Blüten. Nur eine Grille zirpte müde und leise, und in der Ferne rief der Regenpfeifer sein langgezogenes Tühttüht.
Dem Einsamen auf der Höhe lief ein Frieren über den Rücken. Noch einen Blick tat er in das verlassene Tal, dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen und wandte sich langsam zum Gehen.
Ein halbes Jahr nur nahm die Ausbildung der jungen Schulmeister auf dem Seminar in Anspruch. Selbstverständlich genügte diese Zeit nicht, um das Wissen wesentlich zu erweitern oder gar die Bildung zu vertiefen. Sie diente vielmehr in der Hauptsache dazu, dem Schulwesen des Landes eine gewisse Einheitlichkeit zu geben. Manche der alten Schulmeister, die der Anzucht des Nachwuchses oblagen, gaben ihren Zöglingen allerhand persönliche Liebhabereien und Wunderlichkeiten mit, selbsterfundene Schnörkel an den Buchstaben, Rechenmethoden eigenen Gewächses, theologisierende Privatmeinungen in der Religion und ähnliches. Das alles wurde in dem halben Seminarjahre heruntergehobelt, und dann wurden die jungen Leute als fertige und selbständige Schulmeister wieder auf die Dörfer geschickt. Da mochten sie sich denn entwickeln, wie ihre Anlagen und die Verhältnisse es mit sich brachten. Die einen wurden richtige Bauern, denen die Landwirtschaft obenan stand und die Arbeit in der Schule Nebensache war. Andere wuchsen sich zu wunderlichen Pedanten oder Originalen aus, wie sie in den Witzblättern noch heutigen Tages herumspuken. Aber viele wurden auch tüchtige Menschen, die in der Schule wie in der Dorfgemeinde, wie in der eigenen Haus- und Ackerwirtschaft voll ihren Mann standen, das Nötigste die Jugend lehrten und im übrigen durch Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit Jungen wie Alten ein Vorbild waren. Manches Dorf in stiller Heide hat wohl noch heute viel von dem Besten seiner Eigenart der Saat zu verdanken, die vor fünfzig oder mehr Jahren so ein schlichter, frommer, tüchtiger Mensch mit wenig Kunst und treuem Herzen ausgesät hat.
Peters Lebensschiff begehrte ja damals, als der volle Wind in seinen Segeln stand, nach ferneren Zielen als nach der nächsten besten weltverlorenen Nebenschulmeisterei. Seit es aber im Sturm Mast und Segel verloren hatte, war es mit dem nächsten kleinen Hafen zufrieden.