Part 14
Aber je länger Peter grübelte und sich quälte, desto größer wurde sein Verlangen, einen Menschen, ein Menschenantlitz zu sehen und ein Menschenwort zu hören. Und endlich schrieb er ein paar Zeilen an den Schuster, in denen er ihn dringend bat, ihn noch heute abend zu besuchen. Diese übergab er dem Kinde seiner Aufwärterin, nebst einem Paar Stiefel, die besohlt werden mußten.
Der Weg bis zur Wohnung des Mannes nahm zehn Minuten in Anspruch. So glaubte er, ihn in einer halben Stunde erwarten zu können ...
Eine ganze Stunde war schon vergangen, und noch immer wartete er vergebens. Da nahm er, um die Zeit hinzubringen, seine Geige, stimmte sie sehr sorgfältig und begann zu spielen. Aber die gute Freundin war diesen Abend kalt und teilnahmlos. Sie machte wohl ihre Töne, aber es war keine Seele darin.
Fast hart warf er das Instrument auf den Tisch. Nach einem Menschen sehnte er sich, nach einem Menschenauge und Menschenwort.
Endlich -- es war inzwischen völlig dunkel geworden -- wurden draußen Fußtritte laut, und nach umständlichem Fußreinigen vor der Haustür trat der Erwartete ein. »'Abend, Herr Lehrer haben mich herbestellt,« sagte er förmlich und steif. »Was wünschen der Herr Lehrer von mir?«
»Ach bitte, nehmen Sie doch Platz,« sagte Peter, »und lassen Sie mich erst Licht anzünden.«
Als die Lampe brannte, fing er an, unruhig und gesenkten Hauptes in der Stube hin und her zu gehen.
»Der Herr Lehrer sieht sehr angegriffen aus,« sagte der Besucher.
»Kein Wunder, ich habe auch schreckliche Stunden hinter mir, die ich meinem schlimmsten Feinde nicht gönnen möchte,« sagte Peter, vor dem Manne stehenbleibend.
»Ja,« sagte der Schuster und nickte still vor sich hin, »des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.«
Der erste Bibelspruch! dachte Peter.
Er fuhr fort, die Stube zu durchmessen. Plötzlich blieb er wieder vor seinem Gaste stehen: »Was soll ich machen? Raten Sie mir!«
»Sie müssen sich demütigen,« sagte der andere einfach.
»Ach, gedemütigt bin ich heute genug. Ich war beim Superintendenten.«
»Das nützt nichts. Sie müssen sich selbst demütigen ... vor Gott und Menschen ...«
»Vor Gott?«
»Ja, das ist die Hauptsache.«
»Ja, mein Lieber, Sie reden immer so viel und schön von Gott, als ob Sie mit in seinem Rate säßen. Nun hören Sie mal zu, aber erschrecken Sie nicht zu sehr. Wir wollen mal ganz ehrlich sein. Was hilft es, sich und anderen Menschen was vorzumachen? An Ihren ›lieben Gott‹ glaube ich gar nicht. Ich habe auch wohl mal geglaubt, aber eine schreckliche Nacht meines Lebens hat mir meinen Glauben hingemordet.«
»Soo? ... Das ist vielleicht gut.«
»Das ist gut?«
»Ja.«
»Warum?«
»Was Sie da verloren haben, war der wirkliche Gott gar nicht. Das war nur ein Götze, den Sie sich selbst in ihrem kindlichen Unverstand zurechtgemacht hatten, und meinten dann, dieser arme Götze könnte und müßte Ihnen nun alle irdischen und sündlichen Wünsche erfüllen. Und als er das nicht tat, warfen Sie ihn über Bord ... Wer den lebendigen Gott einmal gefunden hat, der kann ihn nicht wieder verlieren.«
»Wer ist denn dieser lebendige Gott?«
»Der Vater unseres Herrn Jesu Christi.«
»Das habe ich tausendmal gehört, und bin damit nichts klüger als vorher.«
»Lieber Herr Lehrer, ich weiß von meiner Lina, daß Sie unseren Herrn nicht verachten, daß Sie ihn auch liebhaben. Nun, der hat gesagt: Philippe, wer mich siehet, der siehet den Vater.«
»Aber wie macht man's denn, daß man in ihm den Vater sieht?«
»Das muß Gott uns blinden Menschen offenbaren. Niemand kennet den Vater denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Und niemand kennet den Sohn denn nur der Vater, und wem es der Vater will offenbaren.«
»Ja, so jagt ihr uns ewig im Kreise herum, ihr klugen Schriftgelehrten ...«
»Wissen Sie was, Herr Lehrer? Ich freue mich herzlich, daß Sie in diese Not hineingekommen sind.«
»Darüber freuen Sie sich?«
»Sie sagten vorhin, Sie hätten in einer schrecklichen Nacht Gott verloren. Und ich sage Ihnen, in einer noch schrecklicheren Nacht der Seele werden Sie den lebendigen Gott wiederfinden. Wenn der Wellen Macht in der trüben Nacht will des Herzens Schifflein decken, da wird er seine Hand nach Ihnen ausstrecken.«
»Verstehen Sie sich auch aufs Prophezeien?«
»Nein, aber ich weiß, Sie werden die Last, die Sie sich selbst aufgeladen haben, nicht eher los werden, als bis Sie sie auf Gott geworfen haben.«
»Soo? Das meinen Sie ...«
»Sie gehören überhaupt zu den Menschen, die nicht ohne Gott sein können. Sie haben auch schon in Ihren Kinderjahren Stunden gehabt, wo Sie ihm nicht ferne waren.«
»Woher wissen Sie das?«
»Das weiß ich nicht. Das fühle ich. Was ich aber wirklich fühle, das ist mir viel gewisser, als was ich mit dem Kopfe weiß. Sehen Sie, Herr Lehrer, bei welchen Menschen muß ich an das Wort des Apostels Paulus denken: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Und bei welchen an das Wort des Kirchenvaters Augustin: Du hast uns zu dir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in dir. Das unruhige Herz haben Sie schon. Schon lange haben Sie das Herz, das da dürstet nach dem lebendigen Gott wie ein dürres Land. Und seine Ruhe wird es noch finden ...«
»Ja, wenn sie's mit Erde zudecken ...«
»Nein ... schon früher ... vielleicht schon gar bald ...«
»... Na ja ... aber ich habe Sie nicht hergebeten, um mit ihnen über theologische Spitzfindigkeiten zu streiten und mir Ihre Ahnungen erzählen zu lassen. Ich wollte Sie in meiner schwierigen Lage um Rat fragen.«
»Darüber sprechen wir ja auch nur.«
»Na ja, aber nun etwas anderes! Ich war heute vor den Superintendenten geladen. Dieser, Ihr besonderer Freund, verlangt von mir, daß ich hingehen und die Eltern der bösen Buben um Verzeihung bitten soll.«
»Da hat der Herr recht. Ich sagte ja auch vorhin schon, Sie müßten sich demütigen, auch vor den Menschen.«
»Aber wo bleibt da meine Achtung im Dorf? Wie kann ich mich dann noch als Schulmeister sehen lassen?«
»Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden.«
»Ach ja, Ihre Bibelsprüche kenne ich auch.«
»Aber Sie verstehen Sie noch nicht recht ... Ihre Stellung als Lehrer haben Sie durch Ihre Raserei selbst zunichte gemacht. Die können Sie nur wieder gewinnen, wenn Sie es ehrlich aussprechen, daß Ihnen das, was geschehen ist, ehrlich leid tut.«
»Das ist aber nicht so leicht ...«
»Nein, für den alten Adam nicht.«
»... Und was der Superintendent dann noch verlangt, geht Sie besonders an. Ich soll Ihre Lina zwingen, den Katechismus zu lernen.«
»Das dulde ich nicht, daß dieses Buch in mein Haus kommt.«
»Wenn ich nun aber Ihre Tochter tagtäglich nachsitzen lasse und auf diese Weise zwinge?«
»Das ist Ihre Sache, die Sie mit Ihrem Gewissen abmachen müssen. Ich könnte es ja nicht hindern. Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen. Aber ich sage meinen Kindern auch immer, daß sie in der Welt vieles sehen, hören und lernen müssen, was dem Herrn nicht zur Ehre ist. Das müßten Sie sehen, als sähen sie es nicht, hören, als hörten sie es nicht. Was in den Kopf hineingeht, das verunreinigt den Menschen nicht. Wenn's nur nicht ins Herz eingeht! Und davor bin ich bei meiner Lina nicht bange.«
»Warum sprechen Sie eigentlich immer in biblischen Ausdrücken?«
»Soo? Tue ich das? Dann muß das wohl davon kommen, daß ich viel in der Bibel lese.«
»Deshalb halten viele Menschen Sie für einen Heuchler.«
»Das mögen Sie tun. Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott siehet das Herz an ...«
»Ach, was sitzt so ein armer Schulmeister dazwischen ...!«
»Nicht bloß die Schulmeister, wir alle sitzen arg dazwischen in dieser bösen Welt ...«
Sie schwiegen. Draußen schlug der Hofhund an und riß wütend an der Kette.
Der Schuster horchte auf. »Ist da jemand vor dem Fenster?« fragte er leise.
»Och, wer sollte da sein ...« sagte Peter gleichgültig. Aber in demselben Augenblick zuckten sie beide zusammen. Mit scharfem Geklirr und Gekrach war ein faustdicker Stein durch das Fenster dicht an Peters Kopf vorbeigeflogen, und an der Wand, ein Stück Kalkbewurf mit sich reißend, zur Erde gefallen. Draußen entfernten sich eilige Schritte.
Peter ging hin, nahm den Stein auf und sagte bitter, ihn in der Hand wägend: »Wenn dieser eine halbe Elle mehr nach rechts geflogen wäre, dann wäre alle Not auf einmal zu Ende.«
»Herr Lehrer!« rief der Schuster erschrocken, »so dürfen Sie nicht reden.«
»So hassen sie mich,« sagte Peter und drückte den Stein verzweifelnd vor die Stirn.
»Das hat ein böser Bube getan,« sagte der andere, »deshalb dürfen Sie nicht an den Menschen verzweifeln!«
»So und so ähnlich habe ich die Menschen immer gekannt ...«
»Herr Lehrer, ich weiß wohl, wie tief das sündliche Verderben ist, das seit Adams Fall in der menschlichen Natur steckt. Aber wirklich, so schlecht sind die Menschen nicht.«
»Die gegen mich anders waren, kann ich an den Fingern abzählen, und behalte noch einige Finger übrig ...«
»Herr Lehrer, Sie lästern Gott, wenn Sie so sprechen.«
»Kann ich dafür, wenn er die Menschen nicht besser geschaffen hat? Wenn er seiner Schöpfung keine bessere Krone hat aufsetzen können?«
»Herr Lehrer, Sie wissen nicht, was Sie reden.«
»Bitte, gehen Sie!«
»Es wird mir schwer, Sie in diesem Zustande allein zu lassen ...«
»Aber ich will und kann von der ganzen Bande, die sich Krone der Schöpfung nennt, keinen mehr vor Augen sehen. Hören Sie, ~keinen~!«
»... Dann muß ich ja gehen ... Aber ich werde diese Nacht daheim für Sie beten.«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Was Sie in Ihrem Hause machen, geht mich nichts an.«
»Gott ... befohlen,« sagte der Schuster bewegt und streckte Peter die Hand hin. Dieser zögerte erst, dann berührte er sie flüchtig mit seiner Linken.
Der Mann sah ihm in die irren, glühenden Augen und bat sanft: »Lieber Herr Lehrer, bitte, gehen Sie gleich ins Bett. Nicht wahr, das versprechen Sie mir?«
»Wenn Sie nur erst hinaus sind!« sagte Peter, erregt mit dem Fuße aufstampfend.
Da ging der Mann. Draußen hallten seine Schritte, und der Hund schlug an. Dann verhallten die Schritte und der Hund kroch wieder in seine Hütte, die hohl schnurrende Kette nachschleifend.
Nun atmete Peter auf und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. Da horchte er auf. Was war das wieder für ein Geräusch? ... Jetzt war's still. Plötzlich fiel ihm ein, das ganze Dorf ringsum steckte voll von Menschen, Menschen. Hinweg! Da draußen, in der Heide, da sind keine Menschen. Er nahm hastig Mütze und Stock und taumelte hinaus.
Aah, wie das wohltut, so ein kühler Nachtwind, nach der dumpfen Stubenluft ... Wenn mir nur keiner begegnet. Ach nein, die schlafen alle. Die Art hat es gut. Des Tags über arbeiten sie sich müde, und des Abends kriechen sie in ihre Butzen, zu zweien oder zu mehreren. Jeder hat welche, die zu ihm gehören. Und das ganze Dorf gehört zusammen. Da versteht einer den anderen, und jeder findet am anderen Rückhalt. »Wi sünd alltohopen gode Lüe,« sagt Clas Mattens. Ha! ... Da brennt ein Licht! ... Ach ja, da wohnt der Schuster. Der gute Narr ... er will diese Nacht für mich beten. Wie damals: Herr, bringe auch unseren lieben Schulmeister aus der Finsternis zum Licht, ha! ... Wie das gleich anstrengt, wenn der Weg ein wenig bergan steigt. Das Herz rast, wohl hundertzwanzig Schläge in der Minute ... Ach, der schreckliche Husten ... So, nun geht es wieder ... Hier hören die Äcker auf, die Heide fängt an. Wie das duftet ... Ach ja, es ist August, die Heide blüht ... Und da oben glühen die Sterne ... Mutter, was waren das für glückliche Zeiten, als du da oben noch an den goldenen Himmelsfenstern saßest! Mutter, wo bist du? Kannst du deinem verlorenen Kinde nicht nahe sein in diesen schrecklichen Stunden? Hier geht es, in dunkler Nacht, durch die öde Heide, den Tod in der Brust, von den Menschen gehaßt, und muß sich selbst verachten. Und du hast so kalte, tote Augen ... Zum goldenen Tore? ... Ha! ... Einst leuchtete es vor uns, und das Herz war all seines Suchens und Sehnens so froh, nun ist's verschlungen in Nacht und Grauen ... Das war alles, alles Lüge ... Das Grab ist tief und stille, und schauerlich sein Rand, es deckt mit dunkler Hülle ein unbekanntes Land ... Vielleicht auch einen Ort der Qual, voll Heulen und Zähneklappen ...? Ach einen Ort mit mehr Qual als diese »schöne Erde« kann's ja gar nicht geben. Hier stoßen sie einen mit Füßen, werfen einen mit Steinen ... machen fromme Redensarten, und es steckt nichts dahinter ... Aber nein, mach' dir selbst nichts vor! Du selbst bist Störer deiner Ruh, du zogst dir selbst dein Leiden zu ... Ja, so ist's ... Und das ist das Schlimmste ... Das Allerschlimmste ... Das bringt einen so herunter ... Das jagt einen in die Nacht hinaus ...
So weit schon? Da ist ja die Mergelgrube ... Wie die Füße schwer sind ... ein wenig liegen und ruhen. Ah, wie das wohltut ... Da unten, zwischen den hohen, steilen Wänden, blinkt das tiefe Wasser ... War es nicht hier? ... Ja, hier haben sie vor Jahren ein armes Menschenkind herausgezogen, dem des Lebens Bürde zu schwer geworden ... hinterm Zaun liegt's begraben in Brundorf ... Wenn sie morgen wieder einen herausziehen ... niemand würde eine Träne weinen ... niemand ... »Der elende Selbstmörder« würden sie sagen und ein Grab hinterm Zaun graben, wo der Weg drüber hingeht ... Aber was schadet das ... es sind ja Menschen ... wen sie im Leben von sich gestoßen haben, der braucht ja auch nicht im Tode bei ihnen zu liegen. Warum langsam und qualvoll hinsiechen ... wem geschieht damit ein Gefallen ... Vier Schritte weiter gekrochen, ein Sturz, ein kurzer Kampf, und alles ist vorbei ............. Ja es ist das Beste ... »Ich eile von der schönen Erde hinab in dieses dunkle Haus.« Noch einen Blick zurück ... Was ist das für ein heller Stern dort über der Höhe? Ach so, es ist das Licht im Hause des Frommen ... »Ich werde diese Nacht für Sie beten ...« Da unten ist Ruhe ... So, jetzt nur noch ein wenig Übergewicht und ... Was hat der Mann für einen anderen zu beten ... Zu wem betet er denn? ... Gott! ... bist du? So gib mir Antwort! ... Der Nachtvogel schreit -- denn er ist. Das Gras säuselt -- denn es ist, Aber du? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie kommt es denn aber, daß, solange Menschen atmen, Menschen an ihn glauben? Wie kommt es, daß der da auf dem Berge an ihn glaubt? ... Er sagt, Jesus Christus ist der Weg zu Gott. Aber da sind wir gleich wieder mitten in der Ungewißheit. Die einen sagen, der ist ein irrender, schwacher Mensch gewesen und am Kreuze an seinem Gott verzweifelt. Und die anderen sagen, er ist der Sohn Gottes, lebet und regieret in Ewigkeit ... Ja, als wir in den Büchern deiner Jünger von dir lasen, da hob deine Gestalt sich groß und herrlich vor uns. Da wurde uns, als könntest du uns das wahre Leben schenken, wonach wir uns sehnten, und uns helfen, die Welt zu überwinden, mit ihrer Lust und ihrem Leid ... Und Karfreitags haben wir unter deinem Kreuze gestanden ... und haben gesungen: All Sünd hast du getragen, sonst müßten wir verzagen, erbarm dich unser, o Jesu. Ja, das war einmal -- -- -- -- Das war einmal -- -- -- -- -- -- -- -- -- Oder? -- -- -- -- -- Oder? -- -- -- -- -- -- -- --
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Es wurde ihm, als ob die tiefsten Tiefen seines Wesens, Seelentiefen, die er bis auf diese Stunde in sich nicht einmal geahnt hatte, wunderbar durchwärmt würden. Und diese Wärme entband Kräfte, ungekannte, ungeahnte Seelenkräfte des Lebens ... eines Lebens, das fühlte er bei seinen ersten heimlichen Regungen, nach dem er sich lange gesehnt hatte.
Er sprang plötzlich auf seine Füße. Nein, nein, nein, nein! Da unten in dem dunklen Wasser war sein Ziel nicht. Er mußte weiter wandern. Dem goldenen Tore zu ... Durch die grauenvolle Nacht fing es nun wieder an vor seiner Seele zu schimmern.
Und die schon am Ziel waren, seine Toten, die ihm Wegweiser und Wandergenossen geworden, jetzt sahen sie ihn wieder mit lebenden, liebenden Augen an. Es war, als hätten auch sie aus einer geheimnisvollen Quelle des Lebens und der Liebe Leben und Liebe getrunken ...
Und die Menschen ... Er konnte jetzt nicht an die denken, die ihm Böses getan auf seinem Wege. Er mußte derer gedenken, die ihm Liebe erwiesen, und fand ihrer eine ganze Reihe, mehr als er früher je gedacht hätte, von seinen Kindestagen an bis auf die letzten Stunden ... Er war am Hause des Schusters angelangt, in dem das Licht jetzt auch gelöscht war. Da blieb er einen Augenblick nachdenklich stehen, und als er seinen Weg fortsetzte, nickte er still vor sich hin.
Er ging jetzt die Dorfstraße entlang und dachte an die Schwierigkeiten und Wirrnisse, in die er hineingeraten war. Wo waren sie geblieben? Was war einfacher, als morgen in dieses und in jenes Haus zu gehen und zu sagen, daß das Geschehene ihm herzlich leid täte? Und was das andere betraf? Was war leichter, als dem Superintendenten kurz und klar hinzuschreiben, für die Behandlung seiner Schülerin in Sachen des Katechismus nehme er, der Lehrer, die volle Verantwortung auf sich, und er halte es für eine Ungerechtigkeit, jene für etwas büßen zu lassen, was er selbst gefehlt habe, wenn es eine Verfehlung sei.
Zu Hause angekommen, zündete er ein Licht an. In der schwachen Helligkeit, die dieses um sich verbreitete, sah er die Bilder des Harfenspielers und Mignons. Da nahm er das Licht und hielt es nahe heran und las die Verse und nickte dazu, langsam und nachdenklich und froh. Wie einer, der über einem Rätsel, das ihn nicht losließ, lange gesonnen hat und nun sich endlich auf dem Wege sieht, es zu lösen ...
Dann ging er zu Bett. Was er in den letzten Stunden Schreckliches erlebt hatte, lag wie ein halbvergessener grausiger Traum hinter ihm. Und vor ihm leuchtete, lockender und heller und näher denn je: das goldene Tor ...
* * * * *
Von einem Geräusch an der Haustür erwachte er. Einige Kinder standen vor der Schule und begehrten Einlaß. Mit Schrecken sah Peter, daß es gleich sieben Uhr war, und kleidete sich eiligst an.
Als er vor die Tür trat, sah er, daß kaum die Hälfte der Schulkinder versammelt war. Da sagte er ihnen, sie möchten vorläufig nach Hause gehen, um neun Uhr wiederkommen und die noch fehlenden Kinder auch mitbringen. Als die Schulkinder sich zerstreut hatten, ging Peter ins Dorf und geradeswegs nach Westermanns Hofe. Er traf den Bauern auf der Diele vor den Kühen. Dieser starrte ihn verwundert an. Aber Peter ging schnell auf ihn zu und sagte, es täte ihm aufrichtig leid, daß er sich so vergessen hätte, und er bäte ihn um Verzeihung.
Wenn ein Bauersmann etwas Unangenehmes auf dem Herzen hat, was herunter soll, macht er meist erst viele allgemeine Redensarten und kommt dann ganz zuletzt und wie beiläufig mit der Hauptsache heraus. Ähnliches mochte Westermann auch vom Schulmeister erwartet haben, und inzwischen hätte er sich wohl eine Antwort überlegt, die dem Groll, den er gegen den Schulmeister hegte, entsprochen hätte. Aber diese Art Peters, so mit der Tür ins Haus zu fallen, verwirrte ihn und er brachte stockend etwas heraus wie: Das wäre schon gut, und er selbst hätte mit dem großen Jungen ja auch oft seine Not, und Prügel müßten sein; nur zuschanden dürfe man so'n Kind doch nicht schlagen. Na, der Schulmeister wäre noch jung und hitzig, und hätte nun ja wohl eingesehen, wie weit er gehen dürfe, und mit den Jahren kühlte das Blut sich auch mehr ab, und der Mensch würde besinnlicher. Zuletzt fragte er Peter, ob er mit ihm frühstücken wollte. Der nahm das Anerbieten an, und die beiden setzten sich zusammen in die Dönze und aßen Brot und Sülze und tranken einen kleinen Köm dazu. »Dat wi nu jümmer gode Lüe bliewt,« sagte der Bauer, indem sie anstießen.
Auch bei Swiebertsbauer ging's Peter ganz gut. »Ick heww't ja glieks seggt,« meinte dieser trocken, »he schöll Barken nehmen und kene Eken. Eken sünd för so wat nich wussen.«
Peter ging auch zu seinem alten Freunde Mattens und erzählte ihm mit Freuden, nun wäre alles wieder gut. »Würklich?« fragte dieser und kratzte sich im Nacken, »Scholmester, Scholmester, wat heww ick van sin'twegen för Nackensläg krägen düsse Dag'! Oh, wo mi dat freut! Kumm rin, darup möt wi'n lütten Köm nehmen.«
Peter dankte. Er hätte schon bei Westermann einen getrunken.
»Bi Westermann?« fragte Mattens erstaunt. »Deuker ja, wenn ~de~ Mann enen utgiwwt, denn is't würklich alles wedder god. Scholmester, ick freu mi nu doch wedder, dat ick em in de Iserbahn ankaschiert heww.«
Um neun Uhr hatte Peter seine Schule vollzählig beisammen. Die Kinder hatten die Einladung bestellt, er selbst hatte unterwegs eingeladen, was er getroffen hatte, und wie ein Lauffeuer war die Kunde durchs Dorf gesprungen, der Schulmeister wäre wieder vernünftig geworden und hätte mit seinem ergrimmtesten Feinde gefrühstückt.
Als Peter in die Schulstube trat und alle Blicke halb neugierig, halb ängstlich auf sich gerichtet sah, war es ihm nicht möglich, den Unterricht in der üblichen Weise zu beginnen und zu tun, als ob nichts geschehen wäre.
»Meine lieben Kinder,« begann er bewegt.
Die Kinder machten verwunderte Gesichter. Diese Anrede war ihnen fremd, und noch mehr ihr Ton.
»Ihr seid mir vorgestern alle davongelaufen. Aber ich mache euch keinen Vorwurf daraus. Es war meine Schuld ... Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Aber ihr werdet mich, will's Gott, nie wieder so sehen, wie ihr mich gesehen habt ... Wie sagt doch Gott zu dem Brudermörder Kain? ›Die Sünde ruhet vor der Tür. Aber laß du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.‹ So ist's bei mir, und bei euch, bei uns allen. Gott helfe uns, daß wir über sie herrschen können. Und wenn sie uns einmal überrumpelt, daß wir wieder aufstehen. Und nun laßt uns unseren Morgengesang singen: Aus meines Herzens Grunde, die ersten beiden Verse.«
Die Kinder setzten voll und kräftig ein, und Peter sang das Lied mit einem freudig bewegten Herzen, wie in seinem ganzen Leben nicht. Nur bei den ersten Strophen des zweiten Verses mußte er vor innerer Bewegung schweigen: »Daß du mich hast aus Gnaden in der vergang'nen Nacht vor Gefahr und allem Schaden behütet und bewacht.«
Und dann fing er an, zu unterrichten. Er hatte eigentlich gefürchtet, er würde nach solcher Nacht dafür zu müde sein. Jetzt wunderte er sich, wie ihm die Gedanken zu und die Worte von den Lippen strömten. So hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht unterrichtet, so hatten die Kinder noch nie an seinem Munde gehangen. Was er ihnen heute gab, das stand nicht in den Büchern, die er vor der Schule zur Vorbereitung schnell eingesehen hatte, das nahm er aus seinem Eigensten und Tiefsten. Zwar störten ihn einige Hustenanfälle. Aber wenn er sie überwunden hatte, war er gleich wieder voll Freudigkeit und Kraft, fortzufahren.
Als es Mittag war, entließ er die Kinder. Wie er den sich zur Tür Hinausdrängenden nachsah, fiel ihm plötzlich der Vers von Mignons Bilde ein: »So laßt mich scheinen, bis ich werde.«
Da jauchzte sein Inneres auf. Was er so lange geschienen, das war er heute geworden: ein Schulmeister, ein wirklicher Meister der Schule. All seine bisherige Schulmeisterei erschien ihm plötzlich als Scheinkram, Wortgeplärr, Karrendienst. In diesen drei Stunden erst war er der Herrlichkeit seines Berufes ganz inne geworden. Er hatte nicht nur kleine Finger gesehen, die Buchstaben schreiben lernen wollten, blaue Äuglein, die sie wiederzuerkennen sich mühten. Er, der Gewordene, hatte die Nähe junger Seelen gefühlt, die wachsen und werden wollten ...