Part 15
Als er vom Mittagessen aus dem Dorf zurückkam, setzte er sich sofort hin, um dem Superintendenten zu schreiben. Er zeigte ihm an, daß er mit den betreffenden Hausvätern Rücksprache genommen habe und die Sache erledigt sei. Was die die Tochter des Schusters betreffende Forderung seines Vorgesetzten anbeträfe, schrieb er diesem ehrerbietig und bestimmt in dem Sinne, wie er sich schon in der Nacht darüber klar geworden war, daß er ihr nicht nachgekommen sei und nicht nachkommen werde. Den Brief schickte er gleich durch einen Jungen an seine Adresse.
Der Superintendent machte beim Lesen dieses Briefes seines jüngsten Schulmeisters verwunderte Augen. Aber seinem Lebensgrundsatz, sich vor aufwallenden, heftigen Gemütsbewegungen aus Pflichtgefühl gegen sich selbst zu hüten, blieb er auch in dieser Sache treu. Er verfolgte sie auch nicht weiter. Beim hohen Konsistorium war für den alten Landeskatechismus nicht mehr viel zu machen. Da hatte der Wind sich in den letzten Jahren auch gedreht. Außerdem verriet ihm der Ton des Briefes, daß er hier nicht einen servilen Kriecher und Jajabruder vor sich hatte, sondern einen aufrechten Menschen, einen, der über Nacht etwas wie ein Charakter geworden war. Dieses war sein erster Eindruck beim Lesen des Briefes. Bald ging ihm freilich ein besseres Licht auf. Der junge, ungefestigte Schulmeister war natürlich auch ein Opfer der Verführungskünste des pietistischen Schusters geworden.
Am Abend dieses Tages, um die Stunde, da gestern der Schuster bei ihm gewesen war, kam Peter auf den Gedanken, den Mann, gegen den er jetzt eine tiefe Dankbarkeit empfand, zu besuchen. Aber als er länger darüber nachdachte, unterließ er es doch. Was sollte er ihm sagen? Ihm saß das Herz nicht so auf der Zunge wie jenem. Er konnte über das, was er in tiefster Seele erlebte, nicht zu anderen Menschen sprechen.
* * * * *
In der nächsten Zeit fühlte Peter, wie seine Kräfte allmählich nachließen. Aber der befreite, von einer neuen Kraft getragene Geist, belebt durch die neugewonnene Freude am Beruf, hielt den hinsiechenden Leib noch längere Zeit aufrecht und gewann ihm, nach Zeiten allzu großer Schwäche, noch manche Stunde freudigen und kraftvollen Wirkens ab. Ein Wort Jesu wurde ihm in dieser Zeit vor anderen lieb und wertvoll: Ich muß wirken, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Peter war froh und dankbar für jeden Tag seines dem Ende zueilenden Lebens, den er durch Willenskraft noch für den so spät in seiner Herrlichkeit erkannten Beruf gewinnen konnte.
Bis Mitte November gab er den Unterricht noch einigermaßen vollständig, wenn er auch häufig gezwungen war, die Stunden umzulegen und die Kinder verhältnismäßig viel mit Schreiben und Rechnen zu beschäftigen. Von da an mußte er die Kinder nach zweistündigem Unterricht, den er zuletzt nur noch sitzend erteilte, heimschicken. Seine Kraft war dann völlig erschöpft, und er brachte die übrigen Stunden des Tages, meist fiebernd, im Bett zu.
Die Dorfleute taten, was sie konnten. Jetzt, nachdem sie ihren Schulmeister erzogen und zur Vernunft gebracht hatten, mochten sie ihn recht gern. Da er nicht mehr zu den Mahlzeiten in die Häuser gehen konnte, schickten die Bauernfrauen ihm das Essen ins Haus, und die guten legten nach dem Schlachtfest eine frische Wurst bei, oder schlugen trotz der Eierknappheit ihm eins extra in die Suppe, um ihren guten Schulmeister, wenn's möglich wäre, recht bald wieder auf die Beine zu bringen, oder ihm doch eine Freude zu machen. Die Kinder der Häuslingsfrau, die bei Peter aufwartete, lebten in diesen Wochen herrlich und in Freuden.
Peter hoffte noch immer, bis Weihnachten den zweistündigen Unterricht aushalten zu können. Aber am Montag der Weihnachtswoche mußte er liegenbleiben und den Kindern zurufen, daß sie nach Hause gingen. Er hörte, wie sie sich langsam und still entfernten, wie die Schritte der letzten Nachzügler auf dem Hofe verhallten. Sein Tagewerk war getan.
Der Kranke, der von der Häuslingsfrau nur mangelhaft verpflegt und bedient wurde, hatte auf seinem einsamen Krankenlager manche schwere und trübe Stunde durchzumachen.
Hin und wieder kam einer von den Dorfleuten zu Besuch. Claus Mattens stellte sich gleich am ersten Tage ein. Er erzählte dies und das, aber Peter merkte bald, daß der Mann etwas Besonderes auf seinem Herzen hatte. Das kam denn zuletzt auch herunter. Peter könnte, so meinte der Bauer, ja nicht selbst hingehen und sein fälliges Gehalt holen. Ob er ihm den Weg abnehmen sollte? Und ob er nicht von dem Gelde so viel behalten könnte, daß Peters Sachen, bis auf den Tisch etwa, bezahlt wären? Peter gab seine Zustimmung. Da war der Freund sichtlich erleichtert, machte noch einige nette Scherze und wünschte beim Weggehen gute Besserung.
So kam der Tag vor dem Fest heran. Es war dicke Schneeluft, und der Kranke hatte viel unter Atemnot zu leiden, bis nach Mittag die Luft klarer wurde.
Gegen Abend kam der Schuster. Er entschuldigte sich, daß er nicht schon eher einmal vorgesprochen hätte. Aber zu Weihnachten wollte alle Welt in neuen Stiefeln gehen, und grad' eben hätte er das letzte Paar abgeliefert.
Der Besucher blickte in den Ofen, und fand das Feuer erloschen. Er sah sich im Zimmer um. Es war seit mehreren Tagen nicht gekehrt. »Herr Lehrer,« sagte er, »es wäre besser, wenn Sie nach Hause reisten. Hier kriegen Sie ihr Recht nicht.«
»Nach Hause?« fragte Peter schmerzlich. »Ich kann nicht nach Hause. Meine Mutter ist tot, und die enge Kate ist voll kleiner Kinder. In all der Unruhe halte ich's nicht aus.«
»Aber Sie können hier doch nicht allein liegenbleiben.«
»Ach, es wird wohl nicht lange mehr dauern.«
»Das steht in Gottes Hand ... Herr Lehrer, darf ich mir eine Bitte erlauben?«
»Und?«
»Kommen Sie zu uns!«
»Zu Ihnen?« fragte Peter verwundert.
»Ja, sehen Sie, wir haben selbst viel Schweres durchgemacht und verstehen uns wohl ein wenig auf das Krankenpflegen. Und es ist auch besser für Sie. Da kommen manchmal Stunden, wo einer sich nach dem Wort und Gesicht eines anderen Menschen sehnt. Unser Heiland ist in Gethsemane auch immer wieder aufgestanden und zu seinen Jüngern gegangen.«
Peter sah den Mann einen Augenblick an. Dann streckte er die weiße, abgezehrte Hand aus und ergriff die harte, braune Pechhand des Schusters, die er stumm mit warmem Druck festhielt.
»Dürfen wir Sie holen?« fragte der andere wieder.
Peter nickte. »Gott vergelt's Ihnen, was Sie an mir tun, und ... schon getan haben ...«
Der Mann sah dem Kranken ein paar Sekunden tief in die Augen, als ob er in seiner Seele lesen wollte. Dann ging er.
Nach einer guten Stunde kam er zurück, begleitet von ein paar Männern, in denen Peter Häuslinge des Dorfes erkannte. An der Art, wie der Schuster mit ihnen verkehrte, merkte er, daß sie zu denen gehörten, die jener »Brüder« zu nennen pflegte. Das wunderte Peter; denn sie waren von ganz anderer Art als der Schuster und lebten still für sich hin, ohne irgendwie hervorzutreten.
Die Männer legten ihn mit dem Bett auf eine mitgebrachte Tragbahre, verhüllten ihn sorgfältig gegen die Winterkälte und trugen ihn sorgsam durch das Dorf.
Als endlich die Bahre hingestellt und von den Decken befreit wurde, riß Peter die Augen weit auf. Vor ihm stand ein Christbaum, im Schmuck seiner brennenden Lichter. Und um ihn her standen Lina und der kleine Paul, und noch ein kleines Mädchen, und ein Jüngstes hockte auf dem Arm der Mutter, und die Kinder sahen bald in den hellen Lichterbaum, und bald auf den kranken Gast. »Singt mal, Kinder,« sagte der Vater, und Lina schlug den Arm um Paulbruder, und sie sangen zusammen zweistimmig das Weihnachtslied, das Peter in den letzten Wochen sie gelehrt: »Stille Nacht, heilige Nacht.« Dann setzte der Schuster sich die dicke Hornbrille auf und las das Evangelium von der Geburt des Heilands, und die Kinder, in deren dunklen Augen die Lichter des Tannenbaumes glänzten, hörten andächtig zu, und die Männer standen mit den Mützen in den Händen und schauten ernst und still drein.
Als der Hausvater das Buch geschlossen hatte, sagte er: »So, Kinder, nun drückt die Lichter vorsichtig aus und geht in die andere Stube, daß der Herr Lehrer Ruhe hat. Und du, Mutter, sorgst wohl, daß er noch etwas Warmes zu essen kriegt. Und ji beiden gaht noch mal in dat Scholhus und bringt den Scholmeister sin Kram her, dat wi em dat recht gemütlich maken könnt.«
»Ok de beiden Biller an de Wand,« sagte Peter leise, »und min Vigelin'. Dat dor man nix an passiert!«
»Herr Lehrer, Sie können sich auf meine Freunde verlassen,« beruhigte der Schuster den Kranken.
Als Peter ein wenig genossen hatte, kamen die Männer schon zurück. Der Schuster mußte die Bilder über seinem Bett befestigen, Mignon links, den Harfenspieler rechts. Dazwischen fand die Geige ihren Platz, so, daß der Kranke sie ohne große Anstrengung erreichen konnte. Dies waren ihm die liebsten Besitztümer. Die Anordnung des übrigen überließ er den anderen.
Bald hatten sie ihn verlassen, und im Hause wurde es still. Aber Peter konnte noch lange nicht einschlafen.
Es war ja der erste Weihnachtsabend, den er im Leben gefeiert; in der Stube war noch der Harzduft des ersten Christbaums, in dessen Lichterglanz er geschaut hatte. Wie schade, daß das alles so schnell vorübergegangen war, fast ehe er sich recht hatte besinnen können! Nein, noch nicht einschlafen, noch eine Weile liegen und sich still weiter freuen ...
Bald holte er sich die Genossin seiner Leiden und Freuden heran, seine Geige. Stillfroh spielte er mit den Fingern auf dem einsamen, dunklen Krankenlager die lieben, alten Weihnachtsweisen, die um dieselbe Stunde wohl durch Hunderttausende froher, heller Christenhäuser schallten. So schlummerte er zuletzt ein, die treue Freundin im Arm und stille Weihnachtsfreude im Herzen.
Es folgten schwere Tage und Wochen für den Kranken. Manche Stunde blieb ihm nichts als stillhalten und leiden. Aber im tiefsten Grunde blieb er immer froh und dankbar. Denn er konnte leiden unter treuer Liebe Hut und Pflege.
Was hatte der arme Junge in einem kurzen Leben von Liebe erfahren! Eine dunkle Erinnerung aus den ersten Lebensjahren sagte ihm, daß er einmal warm in Mutterarmen geruht hatte. Dann der kurze Maimond seines Lebens, da sein ganzes Wesen in Liebe aufgeblüht war. Dann noch die Freundlichkeit des Musiklehrers auf dem Seminar. Sonst war er ohne Liebe und einsam seine Straße gezogen. Nun hatte der dunkle, stürmische Tag doch noch seinen stillen, lichten Abend. Über den letzten Wochen seines zur Neige gehenden Lebens lag der warme Glanz treusorgender Liebe.
Wie gut sie alle im Hause sich auf die Behandlung des Kranken verstanden! Wenn es dem Leidenden lästig wurde, Menschen um sich zu haben, brauchte er es gar nicht zu sagen. An irgendwelchen Anzeichen merkten sie das und verließen leise das Zimmer. Und wenn er sich nach Gesellschaft sehnte, so dauerte es auch meist nicht lange, bis jemand kam.
Der Schuster sprach am liebsten über geistliche Dinge, und seine Gesellschaft konnte dem Kranken am ehesten drückend werden. Es blieb eben zwischen den beiden der Gegensatz zwischen rheinischer und niedersächsischer Art. Bei dem lebhaften Rheinländer ging es ganz nach dem Wort: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der schwerfällige Niedersachse dagegen mußte sein Bestes und Tiefstes keusch im Busen verschließen. Er mochte und konnte nicht darüber reden. Diese Schweigsamkeit und das Fehlen eines Echos machte den Schuster manchmal bedenklich, ob es mit dem Seelenheil seines Pfleglings schon recht bestellt sei, und er sprach immer wieder über alles, was ihm dazu nötig schien. Peter lag dann meist mit geschlossenen Augen und nickte von Zeit zu Zeit, wenn ein Gedanke darunter war, den er als Baustein seines inneren Werdens, das in diesen Leidenszeiten nicht ruhte, gebrauchen konnte, oder ein Wort, das ihm für die dunklen Nachtstunden Trost versprach. Der gute Schuster brachte aber auch manches zutage, was Peter höchst wunderlich vorkam, ja was ihn wohl geradezu abstieß. Denn ganz konnte der Schriftgelehrte hinter der Schusterkugel die Finger von dem heiklen Gebiet der Theologasterei nicht lassen.
Am liebsten war ihm Linas Gesellschaft. Wenn das Mädchen an seinem Bett saß, das feine Gesichtchen über die Handarbeit gebeugt, wenn sie ihn fragend anblickte, ob er einen Wunsch hätte, wenn sie seinen fiebernden Lippen zu trinken reichte, dann konnte er sein Leiden fast vergessen. Hatte sie ihn so eine Zeitlang durch ihre stille Gegenwart erfreut, fühlte er meistens den Wunsch, ihre liebe Stimme zu hören. Dann bat er sie, ihm etwas vorzulesen, bald ein Stück aus der Heiligen Schrift, bald ein Gedicht, das ihm lieb geworden war, oder wonach er sonst gerade Verlangen trug. Dann lag er meist mit geschlossenen Augen; und wenn er auch oft zu schwach war, um den Inhalt des Gelesenen in sich aufzunehmen, so tat ihm doch der Klang ihrer Stimme schon wohl. Am Abend seines kurzen Tagewerks war es ihm eine stille Freude, daß er fast zwei Jahre an dieser lieblichen Menschenknospe Gärtnerdienste hatte tun dürfen.
Eines Nachmittags in der Dämmerung, als sie an seinem Bett saß und ihm lange vorgelesen hatte, ergriff er ihre Hand und hielt sie lange fest. »Die dritte,« kam es zuletzt leise über seine Lippen.
»Wie, Herr Lehrer?« fragte das Kind.
»Ach, Lina, ich dachte an etwas. Habe ich etwas gesagt?«
»Ja, Sie sagten: Die Dritte.«
»Ach so, ja; ja, ich dachte an etwas ...«
Er hatte daran gedacht, daß das Kind, dessen Hand er in der seinen fühlte, die dritte gewesen war in der Reihe der Frauengestalten, die ihm den Weg gezeigt hatten. Das letzte und, wie er empfand, tiefste und innerste Werden, das er erlebt hatte, konnte er sich ohne die Arbeit und Vertiefung, wozu ihn dieses Kindes Wesen gezwungen, gar nicht denken.
Die Frau des Schusters hielt es nicht, wie ihr Mann, mit vielen Worten. Dafür aber war sie die verständnis- und liebevollste Pflegerin. Wenn sie ihm das Bett machte, wenn sie ihm das Essen brachte und dem Appetitlosen freundlich zusprach, oder wenn sie ihn bei zu großer Schwachheit fütterte wie ein kleines Kind, immer hatte der Kranke das Gefühl, von Mutterhänden gepflegt zu sein. Ganz so, dachte er, würde seine eigene Mutter es auch machen, wenn sie noch lebte.
Peter sann in einsamen Stunden viel über sein Leben nach. Und da fiel es ihm auf das Gewissen, daß er einst mit einem so pietätlosen Wort von seinem Vater gegangen war. Er bat den Schuster, diesem von seiner Krankheit zu schreiben und ihn zu bitten, daß er seinen kranken Sohn einmal besuchte. Nach drei Tagen kam Harm Eggers an. Peter hatte sich vorgenommen, wegen jener häßlichen Abschiedsszene ihn um Verzeihung zu bitten. Aber er kam nicht dazu. Denn kaum hatte der Vater das abgezehrte Gesicht des Sohnes gesehen, so brach er in wildes, krampfartiges Schluchzen aus. Peter war tief ergriffen, daß dem Vater sein Leiden so zu Herzen ging, und fühlte auch, daß die kindliche Liebe trotz allem in seinem Herzen noch nicht erstorben war. Als aber der Vater sich gar nicht fassen konnte, sah er ihm scharf in die Augen und merkte, daß der Alkohol an diesem Gefühlsausbruch nicht unschuldig war. »Vader!« sagte er tieftraurig. Da fing dieser an, ihm zu versichern, daß er an seiner Krankheit keine Schuld habe. Die hätte er ganz allein von seiner Mutter geerbt. Aber er würde wohl bald wieder besser werden, denn er, der Vater, wäre so gesund, und die ganze Familie, und Trina, und die Geschwister wären alle so gesund, und Peters Urgroßvater wäre beinahe neunzig Jahre alt geworden und hätte alle Zähne mit in den Sarg gekriegt. Peter hatte sich gequält zur Wand umgedreht, und als der Vater im Weggehen ihn einlud, die Osterferien zu Hause zu verleben, antwortete er nicht. Die nächsten Stunden waren sehr schwer für den Kranken. Er mußte noch einmal seine verlorene, elende Jugendzeit in der Erinnerung durchleben und konnte den ganzen Tag keine Menschen um sich haben. Und auch in den nächsten Tagen kam immer wieder ein bitteres Gefühl über ihn, daß er so von dem Menschen, der ihm das Leben gegeben, hatte Abschied nehmen müssen.
Und dann, Anfang März, kam der Tag der letzten Kämpfe.
Als der Schuster an diesem Morgen an sein Bett trat, sagte der Kranke, matt zu Mignons Bilde deutend:
»Ich eile von der schönen Erde hinab in jenes feste Haus.«
»Herr Lehrer, diese Erde schön?« fragte der andere erschreckt. »Ein rechtes Jammertal ist sie.«
»Ja ... ja ... ein Jammertal ... und doch wunderschön ...«
Über die bleichen Zügen ging wie ein stilles Leuchten die Erinnerung glücklicher Tage.
»Und doch ... schön,« sagte er noch einmal.
»Herr Lehrer,« sagte der Schuster dringlich und voll Angst, »Sie stehen vor den Toren der Ewigkeit. Ich bitte Sie um Ihrer Seelen Seligkeit willen, denken Sie an das eine, was not tut, denken Sie an Gott und unsern Heiland!«
»Ich danke ihm ... daß die Erde ... so schön war ...«
»Nein, nein, nicht rückwärts schauen, sondern vorwärts. ... Der Apostel Paulus schreibt ...«
Der Kranke schüttelte abwehrend den Kopf und sagte leise: »Ich weiß, an wen ich glaube ...«
Da ließ der Mann von ihm ab und beschränkte sich darauf, für seine Seele still zu beten.
Als die Sonne untergehen wollte, warf sie einen letzten Schein auf die Fenster der stillen Krankenstube, daß sie tief goldig erglänzten.
Da öffnete der Sterbende, der schon lange bewußtlos gelegen hatte, die Augen und flüsterte leise: »Marie!«
Der Schuster erschrak und wandte sich zu seiner Frau: »Immer noch diese weltlichen Gedanken! Daß so ein junges Blut gar nicht von der Welt loskommen kann ... Herr, zeige ihm dein Heil!«
Wieder machte der Sterbende langsam und weit die Augen auf und wandte sie dem Lichte zu. Sie schienen in unendliche Fernen zu schauen. Und diese blassen Lippen öffneten sich und hauchten: »Das ... goldene ... Tor ...«
»Er ist doch auf dem rechten Wege,« flüsterte der Schuster, und über sein Gesicht ging eine stille Freude, »... er sieht schon die Tore Jerusalems, der hochgebauten Stadt, von ferne leuchten ...«
»Und nun ist er angekommen,« sagte er nach einer Weile.
* * * * *
Zu der Beerdigung kamen der Vater, die Stiefmutter und die ältesten Geschwister auf einem geliehenen Wagen angefahren. Aus Solten sandte jedes Haus zwei zum Trauergefolge. Auch die ganze Schuljugend folgte; jedes Kind trug einen Tannenkranz.
Der alte Superintendent hatte seit Weihnachten einen Adjunkten und war froh, diesem das Begräbnis übertragen zu können. Als die Gemeinde vom Grabe sich in die Kirche begeben hatte, verlas der junge Pastor nach der Sitte zunächst den von einem Lehrer der Nachbarschaft verfaßten Lebenslauf, der die äußeren Lebensdaten des Verstorbenen in stereotyper Form aufzählte. Dann legte er das Blatt zur Seite und fuhr fort: »Was wir eben gehört haben, andächtige Trauerversammlung, ist von dem Leben unseres Entschlafenen das, was vor aller Augen liegt. Sein wirkliches Leben, das Leben, das sich in dem Tiefsten und Eigensten abspielt, das kennt wohl kein Mensch, die nächsten Angehörigen nicht ausgenommen. Ich habe den Entschlafenen auf seinem letzten Lager einige Male besucht und hätte gern einen Blick in sein inneres Leben, seine Entwicklung, sein Werden und Wachsen getan. Aber er hat mir diesen Blick nicht verstattet. Er durfte es wohl nicht, weil die Zartheit und Keuschheit seiner Seele es ihm verbot. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß er in der Stille viel Leid erfahren und schwere Kämpfe hat durchmachen müssen, und daß er gesiegt hat in der Kraft dessen, durch den wir Christen die Welt überwinden wollen. In dem Lebensalter, in dem er von uns gegangen ist, sind die meisten von uns noch gar nichts. Aber ich glaube, er ist hingegangen nicht als ein Unreifer, sondern als ein Reifer, der ganz in der Stille durch beides, Liebes und Leides, was der Lenker seines Lebens ihm geschickt, etwas geworden ist zu seines Gottes Ehre. Vielleicht sind solche Menschen, die nichts aus sich machen, unerkannt und manchmal auch wohl verkannt ihren Weg gehen, still suchen und sich sehnen, still lieben und leiden, still glauben und hoffen, wachsen und werden, kämpfen und siegen, gerade die besten unseres Geschlechts und Gottes liebste Kinder ...«
* * * * *
Nach Beendigung der Feier kehrten die Verwandten in das Sterbehaus zurück. Sie wollten der Einfachheit halber Peters Hinterlassenschaft gleich auf dem Wagen mitnehmen. Als sie diese zusammensuchten, verteilte die Stiefmutter gleich die einzelnen Kleidungs- und Wäschestücke an ihre anwesenden größeren Kinder. »Düsse Mütz,« sagte sie, »kannst du man updrägen, Vader.« Und Harm Eggers paßte sie gehorsam auf. Die Schulbücher sollten die Jüngsten in der Schule verreißen; wo man mit den gelehrteren bleiben wollte, mußte sich später finden. »Wat fangt wi mit de Vigelin' an?« fragte Trina. Der Schuster bat, sie zum Andenken an den Toten behalten zu dürfen. »Wat will he utgewen?« Zwanzig Silbergroschen bot der Mann. »Nee, ünner'n Daler geiht dat Ding nich weg,« erklärte Trina bestimmt. Der Schuster legte schweigend den Taler auf den Tisch. Die Bilder an der Wand blieben ihm ohne Entgelt, da sie nicht als zur Erbmasse gehörig erkannt wurden. Reich mit Beute beladen fuhr die trauernde Familie davon. Trina berechnete gerade den Gesamtwert des Erbes, da hielt der Wagen an. Clas Mattens war ihm mit seinem Schein in den Weg getreten und erhob Anspruch auf den Tisch. Es gab eine häßliche Szene, aber der Schein und des Bauern Hartnäckigkeit behielten den Sieg. Mit geschmälertem Erbe zog die Familie trauernd weiter.
Die Schustersleute ließen die Zimmerwand, an der Peter seinen letzten Kampf gekämpft, wie sie war. In der Mitte hing seine treue, nun auch verstummte Geige. Links schaute Mignon sehnsuchtsvoll träumerisch in die Ferne:
So laßt mich scheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.
Rechts saß der Alte über der Harfe gebückt und raunte zu ihren müden Klängen:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Über den dreien aber hing ein Stück gelblichen, starken Papiers, das mit schlichten schwarzen Buchstaben bedruckt war. Diese schlichten schwarzen Buchstaben waren der Jubelruf und Triumphgesang eines Mannes, der auch ein Lebensbezwinger und Weltüberwinder war:
Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!
Fußnoten:
[1] Warte nur.
[2] Erde.
[3] Husten.
[4] Brust.
[5] Qualen.
[6] leer.
[7] gieße.
[8] gekostet.
[9] Art.
[10] ziehen
[11] in Ordnung
[12] kocht
[13] Aufwartung
[14] vermieten
[15] unterkriechen
[16] Brüder und Schwestern
[17] damit ist sie sehr zufrieden
[18] getroffen.
[19] schlägt.
[20] sofort.
[21] sonst.
[22] leihen
[23] betrunken
[24] schwermütig
[25] Worte
[26] Wurst
[27] warte nur
[28] verdrossen
[29] durchgehauen
[30] draußen
[31] rate
[32] gilt
[33] oberste
[34] Häuslinge
[35] gebräuchlich
[36] Himmel
[37] hoffen
[38] dazu lernen
[39] Entzweischlagen
[40] Rücken