Chapter 13 of 15 · 3986 words · ~20 min read

Part 13

Die Rolle eines solchen unglücklichen Vogels spielten unter der Soltener Schuljugend die Schusterskinder. Warum hatten die dunkle Augen? Warum kamen sie nicht mit Holz- sondern mit Lederschuhen zur Schule? Warum balgten sie sich nicht wie die anderen? Warum kamen sie abends nicht zum Spiel? Warum machten sie sich durch ihre Streberei bei dem Schulmeister so beliebt? Kurz, warum waren sie anders als die anderen? Das konnte die Schuljugend nicht hingehen lassen, und wo sie konnte, wischte sie den Fremden eins aus. Und sie hatte dabei das allerbeste Gewissen von der Welt. Sie war überzeugt, damit die Sache der Heimat gegen das Fremde, ja die der Kirche gegen die Abtrünnigen zu vertreten. Ja, sie war eben auch ein getreues Abbild der großen Welt, die Schule in Solten.

Peter hatte einige Male den Stock gebraucht, als er von diesen Hänseleien und Quälereien etwas gemerkt hatte, aber damit die Sache nur schlimmer gemacht. Nur daß die Bösewichter jetzt vor den Augen des unbegreiflich parteiischen Lehrers sich hüteten, wenn sie ihrer guten und gerechten Sache weiter dienten.

Peter war jetzt fünfviertel Jahr in Solten. Er hatte sich gut eingelebt, und die Leute hatten ihn gern. Er fühlte sich wohl im Dorfe und brachte auch die Ferien dort zu. Nach Hause zu gehen, konnte er nicht mehr über sich gewinnen, seitdem der Vater ihm öffentlich im Wirtshause von Brunsdorf Undankbarkeit für die empfangene Wohltaten vorgeworfen hatte. Von der bei Clas Mattens geliehenen Summe hatte er bereits einen Teil zurückgezahlt.

Am Abend vor dem Wiederbeginn der Schule nach den Sommerferien sah Peter zu seiner Verwunderung den Schuster auf sein Haus zukommen. Er hatte sonst keine Beziehung zu ihm, als daß er sich von ihm seine Schuhe flicken und besohlen ließ. Was mochte der Mann wollen? Wollte er einen Bekehrungsversuch machen? Peter nahm sich die größte Kühle und Zurückhaltung vor.

Er schlug sein dickstes Buch auf und begann irgendwo zu lesen.

Es klopfte. Peter schwieg.

Es klopfte noch einmal. »Herein,« sagte Peter wie aus dem tiefsten Nachdenken heraus.

»Guten Tag, Herr Lehrer.«

»Guten Tag,« sagte Peter tonlos und las seinen Satz zu Ende. Dann wandte er sich langsam herum und fragte kühl: »Was wünschen Sie?«

»Herr Lehrer,« sagte der Schuster, wobei er in großer innerer Erregung die Mütze zwischen den Händen drehte, »meine Kinder müssen von den anderen Kindern im Dorfe viel leiden. Aber ich habe bis jetzt immer dazu still geschwiegen. Denn es steht geschrieben: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Aber, Herr Lehrer, heute darf ich nicht schweigen. Denn wenn Menschen schweigen wollten, müßten die Steine schreien.«

»Was ist denn passiert?« fragte Peter. »Machen Sie doch nicht so viele Worte!«

Der Schuster erzählte nun kurz und sachlich, seine Tochter Lina hätte mit dem kleinen Paul diesen heißen Nachmittag unten in den Wiesen das letzte Heu trocken gemacht, das wegen der Regenzeit nicht eher hätte eingebracht werden können. Und da hätten die beiden wegen der großen Hitze sich in der Aue gebadet. Während sie im Wasser waren, wären ein paar Jungens gekommen, die von ihnen unbemerkt im Gebüsch geangelt hätten, und hätten Linas Kleider versteckt und sich dann von ihrem Gebüsch aus an der Verlegenheit des Mädchens geweidet und ihr häßliche Worte zugerufen. Paul hätte lange suchen müssen, bis er die Kleider wiedergefunden hätte. Und seine Tochter läge nun im Bette, müsse in einem fort krampfartig weinen und wolle sich gar nicht beruhigen lassen.

Peter war aufgefahren und fragte zornblitzenden Auges: »Wer hat das getan?«

»Erkannt haben meine Kinder,« sagte der Schuster, »nur Westermanns Johann. Aber es ist noch ein anderer dabeigewesen.«

»Gut,« sagte Peter, »ich werde die Buben schon herauskriegen und sie dann in einer Weise bestrafen, daß Sie zufrieden sein sollen.«

Der Schuster sagte sanft: »Ach, Herr Lehrer, es ist ja nicht um meinetwillen. Es ist doch nur der armen Jungen wegen, daß die nicht so auf dem Weg des Verderbens weitertaumeln.«

»Meinetwegen können Sie's auch so ansehen,« sagte Peter, unangenehm berührt. »Übrigens, ... es tut mir sehr leid, daß gerade Ihre Lina von einer solchen Bosheit und Schändlichkeit betroffen ist. Ich kann mir denken, wie sie das mitgenommen hat. Sie ist so ein feines, zartfühlendes Kind. Überhaupt eigentlich meine liebste Schülerin.«

»Das freut mich, Herr Lehrer,« sagte der andere, »Lina erzählt uns auch immer viel Schönes vom Herrn Lehrer, aus der biblischen Geschichtsstunde.«

»So? Das freut mich! In diesen Stunden habe ich auch am meisten Freude an ihr. Sie hat so eine feine Art, die biblischen Geschichten zu erzählen, die einem wohltut.«

»Ach ja,« sagte der Schuster und hielt den Kopf ein wenig schief, »sie hat den Herrn Jesum recht lieb, und es freut mich, daß wir einen Lehrer haben, der auch auf das eine, was not ist, hinarbeitet. Die Geschichte, wo der Herr dies zu der Maria und Martha sagt, ist ja die erste gewesen, die der Herr Lehrer sich hier in Solten haben erzählen lassen.«

»Ach ja,« sagte Peter, »das machte sich so zufällig.«

»Ich dachte,« fuhr der andere fort, »der Herr Lehrer hätten uns wohl schon einmal besucht.«

»Ich war auch schon einmal auf dem Wege,« sagte Peter, »aber ich glaubte zu stören.«

»Warum?«

»Sie hatten die ganze Stube voll Menschen und sangen und ...«

»Ach so, dann war das an einem Mittwochabend. Ja, da sind immer einige Brüder und Schwestern bei uns, und wir betrachten Gottes Wort ... Aber wenn der Herr Lehrer uns sonst mal besuchen will, dann stört er nie ... Oder wenn er auch mal an unseren Versammlungen teilnehmen will? ...«

»Ich danke,« sagte Peter kurz und schroff, »ich fürchte, zu Ihren Freunden passe ich nicht.«

»Nichts für ungut, Herr Lehrer! Es war nicht böse gemeint ...«

»Weiß ich, weiß ich. Wir Menschen sind eben verschieden ...«

Der Schuster ging. Peter blieb nachdenklich zurück.

War ihm der Mann sympathisch oder unsympathisch? Seine höfliche Art, das ewige »Herr Lehrer« berührte den an die einfache Anrede »Scholmester« Gewöhnten fremdartig. Mit den vielen biblischen Redewendungen in seiner Sprechweise machte er ihm den Eindruck eines Menschen, der auf Stelzen geht, statt auf den eigenen gesunden Füßen. Aber trotzdem war in seiner Art und auch in seinem Gesicht etwas, was Peter zweifelhaft machte, ob er ihn kurzerhand als einen Frömmling und Pharisäer abtun dürfte. Er fühlte, daß dieser Mann gegen den Strom schwamm, daß er anders war, als die anderen. Solche nannten die Menschen dann gleich Pharisäer, was ja -- so hatte er auf dem Seminar gelernt -- »Abgesonderte« hieß. Auch er selbst hatte diesen Titel auf dem Seminar einmal bekommen, weil er ja auch mehr seine eigenen Wege ging.

Der Schuster hatte die feine, stille Art seines Kindes damit erklärt, daß sie den »Herrn Jesum recht lieb« habe. Das klang ja nun recht pietistisch und hatte Peter sehr fremdartig berührt, und die schiefe Kopfhaltung des Mannes bei diesen Worten erst recht. Aber, indem er jetzt darüber nachdachte, erschien die Sache selbst ihm doch gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Warum sollte nicht ein Kindesherz dem Menschensohn, wie sie ihn das letzte Jahr aus seinen Worten und Gleichnissen kennengelernt hatten, etwas wie Liebe entgegenbringen? Und warum sollte dieses freundliche, holde Bild nicht auf eine Kindesseele schließlich einwirken? -- Auch er, der Lehrer selbst, hatte ja gegenüber dieser Gestalt, die in solchen Stunden vor ihnen stand, etwas empfunden. Liebe würde er es gerade nicht nennen. Eher Bewunderung, Ehrfurcht oder so ähnlich ... Aber vielleicht konnte man es auch Liebe nennen. Man mußte dieses Wort dann nur anders verstehen, als es gewöhnlich im Leben gebraucht wurde. Wenn der Schuster davon sprach, klang das etwas süßlich und weichlich. Das mußte heraus. Dann war eigentlich nicht so viel dagegen zu sagen.

Peter dachte plötzlich wieder daran, wie schändlich man diesem Kinde mitgespielt hatte. Da packte ihn ein großer Zorn, und er ging auf den Hof und schnitt sich ein paar tüchtige Eichenstöcke. Swiebertsbauer kam zufällig darauf zu und fragte: »Na, Scholmester, wat will he denn mit de Eken?«

»Tweislan[39] up den Puckel[40] van böse Buben,« sagte Peter grimmig.

»Scholmester, nehm he lewer Barken, de sünd daför wussen.«

»Barken, de dot't düttmal nicht. Dor möt de Eken ran.«

»Wer schall de Släg denn hewn?«

»Wer se verdeent hett.«

»De armen Jungs ...«

* * * * *

Als Peter am nächsten Morgen in die Schulstube trat, suchte sein erster Blick Schusters Lina. Sie fehlte.

»Wo ist deine Schwester?« fragte er den kleinen Paul.

»Im Bett,« sagte der, »is krank.«

Über die Gesichter einiger großer Jungens ging ein verstohlenes Grinsen.

»Johann Westermann, komm eben mal mit in meine Stube!« sagte Peter.

Der Junge kam frech mit seinen Holzschuhen angeklappt.

Als Peter ihn in seinem Zimmer allein hatte, trat er dicht vor ihn hin: »Hast du gestern nachmittag Linas Kleider versteckt?«

Der Junge sah ihn dreist an und sagte stramm: »Nein.«

Peter öffnete die Tür zum Schulzimmer und rief Paul heraus.

Er stellte dem großen Jungen den kleinen gegenüber und fragte diesen: »Ist der hier gestern bei euch in den Wiesen gewesen?«

»Ja,« sagte Paul.

»Weißt du's ganz gewiß? Hast du ihn selbst gesehen?«

»Ja.«

»Dann gehe wieder in die Schulstube.«

Als Paul die Tür hinter sich geschlossen hatte, packte der Lehrer den großen Jungen im Kragen, warf ihn über den Stuhl und schlug ihn, so fest er konnte und solange seine Kraft vorhielt.

Dann riß er ihn wieder in die Höhe und fragte mit heiserer Stimme und außer Atem: »Wer war der andere?«

Der Junge biß sich auf die Lippen und schwieg.

»Was, du willst auch noch trotzen?« schrie Peter in Wut. »Willst du's mir sagen oder nicht?«

»Nee,« sagte der Junge.

Da packte Peter eine namenlose Wut. Er griff dem Jungen an die Kehle, warf ihn auf den Boden und schlug mit dem Eichenstock auf ihn los, gleichgültig, wohin er traf. Dabei kreischte er: »Du sagst es mir, und wenn ich dich totschlagen soll.« Der Junge stieß und schlug und biß um sich, aber gegenüber dem immer rasender werdenden Zorn des Erwachsenen war er machtlos. Endlich gab er den Namen seines Kameraden preis.

Da ließ Peter von ihm ab, stürzte in die Schule, riß Swieberts Georg aus der Bank. Wie der sich sträubte, packte er ihn ins lange Haar, und als er ihn endlich vor den Bänken hatte, schlug er blindlings auf ihn ein.

Endlich mußte er erschöpft innehalten. Da sah er, daß eben die letzten Kinder sich entsetzt zur Tür hinausdrängten. Einige Knaben waren durch das Fenster gegangen und hatten dabei eine Scheibe zertrümmert. Peter ließ sein Opfer los und wankte keuchend an die Tür. »Hierbleiben!« schrie er mit heiserer Stimme, aber kein Kind wandte sich um. Von einer wilden Panik erfaßt, flüchtete die ganze Schar davon.

Peter ging in die Schulstube zurück. Er war allein. Swieberts Georg hatte sich durch das Fenster davongemacht.

Er sank auf einer Schulbank zusammen und preßte die Hände gegen die Schläfen, in denen das Blut hämmerte. So saß er und stierte eine Weile gedankenlos vor sich hin. Dann fühlte er plötzlich ein Würgen in der Brust und im Halse und wurde von einem schrecklichen Hustenanfall gepackt. Es schüttelte ihn, daß ihm das heiße Blut im Gesicht glühte und die Augen aus ihren Höhlen traten.

Als der furchtbare Anfall ein wenig nachließ, wankte er in seine Stube und warf sich auf sein Bett.

Allmählich kehrte ihm die Besinnung wieder. Da griff er sich in die Haare, und in ihm rief es: Was hast du gemacht? Was hast du gemacht? Er fühlte eine tiefe Scham und wühlte den Kopf in die Kissen. So lag er lange.

Ein neuer Hustenanfall riß ihn in die Höhe, noch schrecklicher als vorhin. Er hatte das Gefühl, als könnte jeden Augenblick in seiner Brust etwas zerreißen.

Als er sich endlich ermattet in das Bett zurückfallen ließ, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er schwer krank war. Seit jenem kalten Trunk und seit jenem nächtlichen Rennen zum Arzt hatte er sich ganz gesund nicht mehr gefühlt. Seit längerer Zeit hatte er einen quälenden Husten, dessen Anfälle ihn sehr ermatteten. Er dachte an das bedenkliche Gesicht des Amtsphysikus nach der Untersuchung seiner Lungen. Kein Zweifel, es war dieselbe Krankheit, an der seine Mutter so jung gestorben war, die nun auch in ihm ihr langsames Zerstörungswerk verrichtete. Dieser Gedanke war ihm in dem letzten Jahre hier und da wohl schon gekommen, aber er hatte ihn, ausgenommen die Stunden, in denen er besonders innig an seine Tote dachte, immer wieder schnell davongescheucht. Das tat er heute nicht, sondern mit einer Art grausamer Wollust ging er ihm nach. Wenn der Husten ihn packte und schüttelte, wartete er auf einen Blutsturz und war beinahe enttäuscht, daß er ausblieb.

Es wurde Mittag. Er spürte keinen Hunger und hatte schon beschlossen, auf die Mahlzeit zu verzichten. Aber da erwachte sein Trotz. Das konnten sie ihm im Dorf als Schwäche, als Bekenntnis eines Schuldgefühls auslegen. Er biß die Zähne aufeinander, das wollte er nicht. So raffte er sich auf, wusch sich, brachte das Haar in Ordnung, nahm seinen Stock zur Hand und ging erhobenen Hauptes, aufrecht, durch das Dorf nach dem Hofe, der ihn heute zu speisen hatte.

Als er in das Haus trat, kam ein Dienstmädchen und wies ihn in eine kleine Altenteilerstube, die er sonst noch nicht betreten hatte. Hier trug sie ihm schnell und scheu das Essen auf. Sonst hatte er hier, wie in allen Häusern, mit der Familie am Tisch die Mahlzeit eingenommen. Er begann zu essen. Aber er brachte nur mit äußerster Anstrengung ein wenig hinunter. Als er sich eine Zeitlang gequält hatte, nahm er ein Stück Fleisch und einige Kartoffeln, wickelte sie in Papier und steckte sie in die Tasche. Er wollte den Leuten nicht verraten, wie dieser Morgen ihn mitgenommen hatte. Aus demselben Grunde setzte er die Füße hart auf und schlug die Türen kräftig zu, als er das Haus verließ. Auf dem Hofe sah er sich einmal um. Aus den Fenstern blickten ihm feindselige Gesichter nach.

Auf der Dorfstraße sah er in der Ferne Clas Mattens daher kommen. Er freute sich, diesen zu treffen und ihm gegenüber sein Verhalten rechtfertigen zu können. Dieser konnte vielleicht dann auch die anderen wieder zur Vernunft bringen. Aber kurz bevor sie einander begegnen mußten, bog der Bauer auf ein Gehöft ab. Und als Peter vorbei war und sich umblickte, sah er, daß jener das nur getan hatte, um eine Begegnung zu vermeiden. Jetzt ging er schon seines Weges auf der Dorfstraße weiter.

Den ganzen Nachmittag wurde er von widerstreitenden Gedanken hin- und hergeworfen. Bald lobte er sich, daß er den Bubenstreich so gründlich geahndet hatte. Bald wieder machte er sich schreckliche Vorwürfe, weil er sich so vergessen hatte. Bald glaubte er, in einem heiligen, gerechten Mannesstolz aufgelodert zu sein. Und dann wieder schämte er sich tief vor sich selbst. Bald hob er den Kopf, als ob er Kraft in sich fühlte, der ganzen Welt zu trotzen, um darauf wieder den Tod herbeizuwünschen, der ihn aus dem Kampf entrücken sollte. Ein wie trotziges, und denn doch wieder bis zum Äußersten verzagtes Ding das Menschenherz ist, das erfuhr er in diesen Stunden gründlich.

Am Abend kam der Knecht des Gemeindevorstehers und brachte ihm einen Brief. Dieser enthielt die kurze Aufforderung des Superintendenten, am nächsten Morgen um acht Uhr vor ihm zu erscheinen.

Peter schlief die Nacht über leidlich, fühlte sich am andern Morgen erquickt und war geneigt, seine Sache als eine Kleinigkeit anzusehen. Auch die Wanderung durch die frische Morgenluft tat ihm wohl, und als er bei der Wohnung seines Vorgesetzten anlangte, fand er beinahe Freude daran, sich vor diesem zu verantworten.

Als er in seine Studierstube trat und ihm wie gewöhnlich die Hand zur Begrüßung reichen wollte, wurde er durch eine Handbewegung und durch ein kurzes »Setzen Sie sich« auf einen Stuhl verwiesen.

»Ich habe Sie in einer sehr unangenehmen Sache herzitieren müssen,« begann der Superintendent, nachdem er seine Pfeife in die Ecke gestellt hatte. »Es waren einige Hausväter Ihres Dorfes bei mir, um im Namen der ganzen Schulgemeinde Beschwerde über Sie zu führen. Sie wissen wohl warum.«

»Jawohl,« sagte Peter klar und bestimmt, »weil ich ihren sauberen Jungens die Prügel gegeben habe, die sie doppelt und dreifach verdient hatten. Haben meine Verkläger das auch gesagt?«

»Ich habe natürlich den Ursachen der Züchtigung nachgeforscht, und da sind sie damit herausgekommen. Die Männer geben selbst zu, daß es eine Dummheit von den Kindern war.«

»Eine Dummheit? ~Ich~ meine, eine Bosheit.«

»Nun ja, ich gebe Ihnen gerne zu, es war kein schönes Stück, und eine mäßige Züchtigung war da wohl am Platze. Immerhin muß man bedenken, es handelt sich um Kinder. Bei ruhigem Blute besehen, war's schließlich doch wohl nur ein unschuldiger Kinderstreich.«

»Herr Superintendent, ich muß Ihnen in aller Ehrerbietung widersprechen. Ich kenne meine Missetäter ganz genau. Von ›kindlicher Unschuld‹ kann bei denen wohl nicht gut die Rede sein. Ich bin auf dem Lande, nur vier Stunden von hier, groß geworden. Und wenn ich auch von jeher meine eigenen Wege gegangen bin, so weiß ich doch sehr gut, was bei unseren vierzehnjährigen Jungens von dem, was Sie ›kindliche Unschuld‹ nennen, zu halten ist. Aber ich würde nicht viel daraus gemacht haben, wenn nicht durch diesen Streich gerade ein Kind betroffen wäre, das in meiner Schule und im Dorfe schon seit langem einen schweren Stand hat, weil es begabter, zarter, empfindlicher ist, als die ganze andere Gesellschaft. Andere Mädchen meiner Schule hätten in solchem Falle vielleicht halbverschämt gekichert. Aber Lina Döhler ist darüber krank geworden. Darum, was anderen gegenüber vielleicht nur ein dummer Jungensstreich gewesen wäre, das war bei diesem Kinde einfach eine Gemeinheit.«

»Es will mir scheinen, mein Lieber, daß die Bauern auch in dem anderen Beschwerdepunkt nicht ganz unrecht haben, daß Sie parteiisch wären und nicht alle Kinder mit dem gleichen Maß mäßen. Was bewegt Sie, die Tochter des Schusters vorzuziehen?«

»Vorziehen? Ich bin mir nicht bewußt, sie vorgezogen zu haben. Ich versuche nur, jedes Kind nach seiner Eigenart zu behandeln. Das muß ich freilich sagen, ich bin froh und dankbar, daß ich diese Schülerin in meiner Schule habe. Ein solches Kind ist für den Lehrer nicht nur eine Freude, sondern geradezu ein Segen. Es zwingt ihn, sich zusammenzureißen und sein Bestes zu geben. Es bewahrt ihn davor, ein seichter Schwätzer zu werden ...«

»Also Ihr Pflichtgefühl ist nicht stark genug, um Sie davor zu bewahren? Dazu brauchen Sie eine kleine niedliche Larve mit dunkelbraunen Augen?«

»... Herr Superintendent!«

»Wir schweifen zu weit ab. Ich habe Ihnen einige Fragen vorzulegen, die Sie mir kurz beantworten wollen. Warum schenken Sie diesem Kinde das Lernen des Katechismus?«

Peter sah seinen Vorgesetzten betroffen an und schwieg.

»Als ich im letzten Herbst Ihre Schule revidierte, ertappte ich dieses Mädchen darauf, daß sie zwei wichtige Fragen des Katechismus nicht konnte. Ich gab Ihnen auf, das Kind nachsitzen zu lassen. Man sagt mir, Sie wären dieser dienstlichen Weisung nicht nachgekommen. Wie steht's damit?«

»Die Leute haben Ihnen recht berichtet.«

»Haben Sie denn im Hause das Kind das Versäumte nachholen lassen?«

»Nein,« sagte Peter kurz.

»Warum nicht?« fragte der Superintendent scharf.

Peter schwieg.

»Na, dann will ich's Ihnen sagen. Außer einem anderen Grunde, der heimlich mitgespielt haben mag: weil Sie den Schuster mehr fürchten als mich, Ihren Vorgesetzten.«

»Nein, Herr Superintendent,« sagte Peter, indem er sich aufrichtete, »sondern, weil ein Mädchen wie Lina Döhler es nicht nötig hat, die Pflichten gegen sich selbst aus dem Katechismusgeschwätz auswendig zu lernen.«

Der Superintendent schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Unerhört! Sie aufgeblasener Schulmeister Sie, der seine ganze Weisheit in einem Winter auf dem Seminar aufgesammelt hat, Sie wagen, unseren altehrwürdigen, bewährten Katechismus zu beschimpfen? Unerhört! Ja, wenn Sie ihn selbst nur besser kennten und beherzigten! Gerade in den Sätzen, um die es sich bei Ihrer geliebten Schülerin damals handelte, war, soweit ich mich erinnere, die Rede von ›Mäßigung aufwallender, heftiger Gemütsbewegungen‹. Hätten Sie sich diese Worte hinter die Ohren geschrieben, statt in ihrem schulmeisterlichen Dünkel darüber zu Gericht zu sitzen, dann hätten Sie sich nicht soweit vergessen können, in blinder Wut mit einem Eichenknüppel um sich zu schlagen und zu schreien: Ich schlage dich tot. Sie können Gott danken, daß es nicht wirklich zu einem Totschlag gekommen ist. ~Ihr~ Verdienst war das jedenfalls nicht! Schämen Sie sich! Sie haben alle Ursache, die großen Worte, die Sie hier geführt haben, zu lassen und sich einmal gründlich zu demütigen. Na, nun husten Sie man nicht auf einmal so!«

Peter hatte während der letzten Sätze seines Vorgesetzten einen Hustenanfall bekommen, der fast eine halbe Minute anhielt. Als er wieder Ruhe hatte, sagte er gequält: »Herr Superintendent, verzeihen Sie, ich bin schwer krank. Ich glaube, meine Krankheit ist auch mit schuld daran, daß ich mich so vergessen habe.«

»Ach was! ~Sie~ krank? Sie haben sich in Solten tüchtig herausgemacht und sehen geradezu blühend aus. Solche faulen Entschuldigungen kann ich nicht gelten lassen. Wegen Ihrer Jugend und Unerfahrenheit will ich jedoch von weiteren Schritten absehen, erteile Ihnen aber wegen gröblicher Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes und wegen Ungehorsams gegen einen Befehl Ihres Vorgesetzten hiermit eine scharfe Rüge. Außerdem lege ich Ihnen auf, mir binnen drei Tagen zu berichten: erstens, daß Sie die Väter der von Ihnen mißhandelten Kinder um Verzeihung gebeten haben, und zweitens, daß die Tochter des Schusters die Katechismusstücke, um die es sich bei der Revision handelte, inzwischen gelernt hat. Innerhalb sechs Wochen haben Sie weiter zu berichten, daß sie alles nachgeholt hat, was sie dank Ihrem freundlichen Entgegenkommen bisher hat versäumen dürfen. Endlich möchte ich Sie noch ersuchen, im dienstlichen Verkehr mit mir sich eines angemesseneren Tones zu befleißigen. Sie hätten heute öfter als einmal verdient, an die Luft gesetzt zu werden. Sie können jetzt gehen.«

Der Rückweg nach Solten wurde Peter sauer. Er mußte sich mehrere Male an einen Baum lehnen.

Zum Mittagessen ging er nicht in das Dorf. Der Reihetisch hätte ihn heute zu Westermann geführt, und dem wollte er lieber doch nicht unter die Augen treten. Er blieb auf seinem Zimmer und aß ein wenig von dem Brot, das die Häuslingsfrau, die ihm die Morgenmilch besorgte und sein Zimmer aufräumte, für ihn mitzubacken pflegte.

Und dann kamen wieder die unendlich langen Nachmittagsstunden. Eine Arbeit, die ihm über sie hinweggeholfen hätte, vorzunehmen, war er nicht imstande. Er lag auf seinem Bett und mußte grübeln und grübeln. Grübeln über das Geschehene, wie gestern. Und grübeln, was nun werden sollte. Und dabei wurde er auch von den widerstreitendsten Gedanken hin und her geworfen. Bald war er entschlossen, dem Vorgesetzten zu trotzen, was auch daraus werden mochte. Dann wieder erwog er dessen Forderungen, und überlegte, wie er sie erfüllen könnte. Zu einem festen und dauernden Entschluß kam er nicht.

Als er lange so einsam sich gequält hatte, kam ihm der Gedanke: Wenn du doch nur ~einen~ Menschen hättest, mit dem du dich beraten könntest. Aber mit wem?

Mit Clas Mattens? Ja, es war gut mit ihm zu reden und zu beraten, solange man im Dorfe lieb' Kind war. Es war interessant und lehrreich, ihm zuzuhören, wenn er in seiner sachlichen und humorvollen Weise von den Dingen des bäuerlichen Lebens sprach. Aber für das, worum es sich jetzt handelte, fehlte ihm jedes Verständnis. Da war er einfach der Bauer, der mit den Bauern durch dick und dünn ging. Und diese alle hielten fest zusammen. Peter fühlte, daß er die Dorfgemeinde geschlossen gegen sich hatte. Und er empfand auch, dieser Gemeingeist war so stark, daß er selbst von den wohlwollendsten Männern unter diesen Umständen keine gerecht abwägende Beurteilung seiner Sache erwarten dürfte.

Da dachte er an den Schuster. Wie seine Kinder in der Schule, so nahm er selbst in der Dorfgemeinde eine Ausnahmestellung ein. Ob er sich einmal mit ihm beraten sollte? Der Mann hatte ja auch die Menschen gegen sich gehabt und Kämpfe durchgemacht. Und um seinet- und seiner Familie willen war er, Peter, ja auch in diese böse Lage hineingekommen. Ohne Lina und Paul hätte er alle seine Lebtage in Solten so friedlich Schule halten können, wie der alte Wencke in Wehlingen. Sollte er versuchen, sich bei ihm Rat zu suchen? Nein, der Mann war doch zu wunderlich. Der redete dann wieder seine Sprache Kanaans und wollte alle Schwierigkeiten mit schönen Bibelsprüchen lösen.