Part 7
Endlich trat er den Rückweg an. Er ging sehr langsam. Jetzt wirkte ja keine heimliche Kraft mehr, die ihn zog. Bald fühlte er sich ermüdet, und der Weg wurde ihm sauer. Ein Schmerzgefühl stellte sich ein, und er kam auf den Gedanken, dieses möchte von dem hastigen kalten Trunk kommen. Aber er tröstete sich, es würde schon wieder vorübergehen.
Die nächsten Tage fühlte er sich nicht recht wohl. Er lag nicht zu Bett und war nicht eigentlich krank, aber es war doch nicht mit ihm, wie es sein sollte. Da kamen ihm allerhand trübe Gedanken. Ob sein Glück Bestand haben würde? Konnte nicht irgend etwas Ungeahntes kommen und es grausam zerstören? Sein Lebensglaube, der eben angefangen hatte, sich von dem jahrelangen Druck zu erholen, wollte in diesen Tagen körperlichen Übelbefindens wieder wankend werden.
Einmal wachte er in der Nacht plötzlich auf, stieß einen Schmerzensschrei aus, sah starr um sich, fühlte sein Herz bis in die Halsschlagader hinauf klopfen und hatte das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen sein mußte. Es dauerte lange, bis er ganz zu sich kam und sich mit dem Gedanken trösten konnte, daß er in sechs Tagen wieder zu ihr kommen sollte, die ihm Wort und Kuß darauf gegeben hatte, daß sie immer und ewig treu zu ihm halten wollte. Trotzdem dauerte es lange, bis er wieder einschlief.
Die letzten Ferientage ging es ihm wieder besser, und er konnte den Steinbecker Sommermarkt besuchen. Er paßte einen Augenblick ab, wo nur Kinder den Stand der Lüneburger Kuchentante umringten, und brachte bescheiden sein Anliegen vor. Mutter Bollermann lächelte verständnisinnig, und brachte aus einer besonderen Kiste ein rot bemaltes, mit weißem Guß verziertes Riesen-Kuchenherz zum Vorschein. »So eins hat dem Redbauern sein Willem seiner Braut auch geschenkt,« sagte sie, »ist's Ihnen so recht, junger Herr?« Peter errötete tief und fragte leise nach dem Preise. Die sechs Silbergroschen, die verlangt wurden, konnte er gerade aufwenden. Denn er hatte einige Tage für den erkrankten Schäfer des Bauern, dem die väterliche Kate gehörte, die Schafe gehütet.
So nahten die Ferienwochen ihrem Ende. Es war doch nicht ganz so, daß die Jahre ihn gedeucht hätten, als wären es Tage. Nicht einmal von den Wochen konnte er das sagen. Ja, sogar die Tage und Stunden konnten ihm lang genug werden, so lieb er seine Rahel hatte.
Endlich!
Endlich war der Tag gekommen, da er sein Bündel schnüren und wieder dahin fliegen konnte, wo's ihm lieb und heimisch war.
Nur mit Mühe bezwang er sich, bis nach Mittag zu warten. Aber der Schulmeister hatte ihm einmal erklärt, es sei nicht nötig, daß er früher als am letzten Nachmittag vor dem Beginn der Schule aus den Ferien zurückkehre.
Gegen ein Uhr, in der tollsten Mittagsglut des heißen Augusttages, brach Peter auf. Den Rock über der Schulter, den Lederholster mit Wäsche und einigen Büchern auf dem Rücken, das rote Herz, dreifach eingepackt, unter dem linken Arm und den Wanderstab in der rechten Hand, so zog er stillfroh seine Straße. Eine laute Fröhlichkeit ließ die glühende Hitze, wie in der ganzen Natur, so auch in ihm nicht aufkommen.
Im Süden braute sich etwas zusammen, und unheimlich schnell zog ein Gewitter herauf. Peter wollte sich anfangs nicht in seinem Marsch aufhalten lassen. Als aber die Donner härter rollten und in der Ferne die grauen Schrägstreifen niedergehender Regenmassen den Himmel verfinsterten, flüchtete er doch in einen leeren Schafstall, der nicht weit vom Wege in einem kleinen Fuhrengehölz stand.
Es war gut, daß Peter Zuflucht gesucht hatte. Denn das Unwetter brach gleich darauf mit unheimlicher Gewalt los. Die Fuhren ringsum bogen sich ächzend, um dem über die Heide daherbrausenden Sturm auszuweichen. Durch das blaugraue Dunkel, das sich über das Land gelegt hatte, zuckten unaufhörlich die grellen Blitze und erleuchteten den Stall bis in die verstaubten Spinnegewebe unter dem Dach, und die rollenden Donner ließen den aus Eichenholz gefügten Bau in seinen Grundfesten erbeben.
Das Unwetter ging so schnell vorüber, als es gekommen war, und bald verließ Peter seine Zufluchtsstätte, obgleich es noch nicht aufgehört hatte, zu regnen.
Da sah er, daß das Gewitter auf seinem Wege vor ihm herzog. Schneller als er, mußte es jetzt schon Wehlingen erreicht haben. Da kam eine Angst über ihn. Eben vorher, als das Gewitter über seinem eigenen Kopf stand, hatte er davon nichts gewußt, sich vielmehr des grausig-schönen Naturschauspiels gefreut. Nun kam's auf einmal über ihn. Konnte nicht jeder Blitzschlag, der drüben niederging, das ihm so teure Leben vernichten? -- Er dachte plötzlich an das schreckhafte Erwachen vor einigen Nächten, wie er da das ganz deutliche Gefühl gehabt hatte, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Da wurde seine Angst noch größer. Und nun tauchte auf einmal eine Erinnerung auf, die sie noch steigerte. Es hatte ihm vor Jahren einmal jemand gesagt, in der Familie seiner Mutter wäre das »Vörkieken,« das Ahnen künftigen Unheils, erblich. Wenn auch er diese Gabe hatte ...?
Mit wachsender Angst eilte er dahin, so schnell seine Füße ihn tragen wollten. Wenn ein Blitz von Wolke zu Wolke fuhr, atmete er erleichtert auf. Wenn der nächste dann wieder zur Erde zuckte, zitterten ihm die Knie vor Angst.
Nun liegt die letzte Höhe vor ihm. Er läuft, stürmt sie hinan. Wird die Rauchwolke, die Feuergarbe noch nicht sichtbar? ... Noch nicht? ... Nun hat er die Höhe gewonnen. Unversehrt und friedlich liegt das Dorf in seinem grünen Tale vor ihm. Das Gewitter ist nahe daran, am Horizont mit leisem Grollen zu verschwinden.
Ein Gott sei Dank entrang sich Peters Lippen. Er versuchte, über seine törichte Furcht zu lachen. Aber so recht frei wurde ihm dabei nicht.
Er kam ins Dorf. Einige Leute begegneten ihm auf der Straße, und er sah ihnen scharf ins Gesicht. Es wollte ihm scheinen, als ob sie ihn traurig und fragend anblickten, so ganz anders als sonst. Da wurde die Angst vor drohendem Unheil wieder wach. Ein Kind dämmte und leitete, am Wege hockend, die Bäche, die nach dem Gewitterregen die Straße hinabliefen. An dessen harmlos heiterem Wesen und Gesicht richtete Peter sich auf und suchte wieder über seine dumme Angst zu lachen.
Nun stand er vor dem Schulhause. Sein Herz klopfte in freudiger Erwartung. Und doch fürchtete er sich, die Tür zu öffnen. Er ließ die Augen an dem Hause entlangschweifen. Und es kam ihm vor, als ob dieses etwas Fremdes hätte. Was es war, wußte er nicht, aber es war irgend etwas anders als sonst.
Endlich faßte er sich ein Herz und öffnete die Haustür ...
Warum schweigt die Glocke? ...
Wie angebannt blieb er stehen und wagte nicht, einen Schritt nach vorwärts zu tun.
Da öffnete sich die Stubentür, und ein fremder Mann kam heraus. Er ging leise, auf den Fußspitzen. Peter starrte den Unbekannten an. Ein Zug in seinem Gesicht schien ihm bekannt.
»Was willst du?« fragte der Mann flüsternd.
»Ich will Schule halten,« sagte Peter ebenso leise.
»So, denn bist du wohl Peter Eggers?«
»Jaa.«
»Hast du unsere Nachricht nicht bekommen, daß du vorläufig noch zu Hause bleiben solltest?«
»Nein, aber warum denn?«
»Meine Tochter ist schwer krank.«
»Wer!? Marie? ...«
Der andere nickte: »Doppelseitige Lungenentzündung ... Bitte, gehe leise die Treppe hinauf, und verhalte dich oben ganz still. Sie liegt gerade unter dir. Wir haben ihr Bett in die Wohnstube gebracht.«
»Sie wird doch wieder gesund?« fragte Peter, und die helle Angst stand in seinem Gesicht.
»Wir hoffen es zu Gott,« sagte der Mann. »Heute abend ist die Krisis. Dann muß es besser werden ... oder ...« Er wandte sich und barg das Gesicht in der Hand.
Peter setzte den Fuß so leicht wie möglich auf die dritte Treppenstufe. Trotzdem knarrte das alte Holzwerk. Da zog er die Stiefel aus und schlich auf den Socken nach oben. In seiner Kammer angekommen, ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, legte die schlaffen Arme lang auf den Tisch und starrte vor sich hin. Er wiederholte sich die eben gehörten Worte, und immer wieder aufs neue ... aber nur bis zu dem Oder. Davor prallte seine Seele wie vor einem schauerlichen Abgrund zurück.
Irgendein Geräusch traf sein Ohr. Da lauschte er gespannt, hörte nun aber nichts. Nur vor dem Fenster war ein Fliegengesumm. Er merkte, daß in seinem Zimmer noch die schwüle Gewitterluft der Mittagsstunden war, und öffnete das Fenster. Die Fliegen stürmten hinaus, und ein frischer, würziger Luftzug strömte herein. Da atmete Peter einige Male tief auf.
Dann setzte er sich wieder hin und wagte nicht, sich zu rühren in der furchtbaren Stille, die um ihn war. Das Haus war wie ausgestorben.
So saß er lange, lange, und dachte an die vergangenen glücklichen Tage, vom Spaziergang am ersten Sonntag unter der Kirchzeit, über die gemeinsame Arbeit im Garten, bis zu der abendlichen Wanderung, dem goldenen Tore entgegen, und bis zum Abschied in der Küche. In diesem Kreise suchte er seine Gedanken festzuhalten, aber zuweilen gingen sie doch über die Bannlinie hinaus und kamen bis an das entsetzliche Oder, und flüchteten sich, von Grausen gepackt, wieder in die vergangenen Tage.
Ein Geräusch traf sein Ohr. Es kam jemand die Treppe herauf ... Was mochte er bringen ...? Die Hand gegen das stürmisch klopfende Herz gepreßt, ging Peter an die Tür und öffnete. Da stand der alte Schulmeister vor ihm und sagte, hastiger, als sonst seine Art war: »Peter, es muß einer zum Arzt, daß er sofort noch einmal kommt. Willst du?« »Ja,« hauchte Peter. »Dann aber schnell!« Und Peter ergriff Mütze und Stock, nahm die Stiefel in die Hand und sprang die Treppe hinunter, zog sie draußen an, drückte die Daumen in die Hände, das Seitenstechen zu hindern, und lief im Laufschritt dahin. Wenn er, um Luft zu schöpfen, im Lauf innehalten mußte, ging er in lang ausgreifenden Schritten, den Stock kräftig einsetzend. Als er das Wendenloch hinunterlief, stürzte er in dem losen Sande, aber ebenso schnell war er wieder auf den Füßen. Es war nur ein Gedanke, ein Wille in ihm: Vorwärts, vorwärts! An jeder Minute konnte das teure Leben hängen. Eine Viertelstunde vor Olendorf mußte er langsamer werden, da er einen stechenden Schmerz in der Brust fühlte. Dieser wurde zuletzt so heftig, daß er bei den ersten Häusern des Dorfes eine halbe Minute sich an einen Baum lehnen und innehalten mußte. Dann aber quälte er sich weiter und erreichte das Haus des Arztes.
»Nachtglocke!« stand über der Tür. Ohne sich zu besinnen, riß er stürmisch an dem Handgriff und hörte, wie es gellend durchs Haus klang. Da kam des Doktors Kutscher und fragte, was für ein Ochse da so unvernünftig bei offener Tür an der Nachtglocke risse. »Ich muß zum Doktor,« stieß Peter atemlos heraus. »Der Herr Doktor sitzt drüben beim Bier.«
Auf den Gedanken, den Arzt herausrufen zu lassen, kam er nicht. So platzte er denn mitten in den Kreis der Honoratioren hinein, die in bester Laune um den Stammtisch saßen. Sie hatten eben ein lautes Gelächter über eine Anekdote angestimmt, die ihr Witzbold, der Apotheker, zum besten gegeben hatte. Wie dieser sich triumphierend im Kreise umsah, begegneten seine Augen über den Tisch denen Peters. »Baah, du Mondkalb, kommst wohl direktemang vom Monde 'runtergefallen?« sagte der Apotheker und machte seine beliebte Blödsinnsgrimasse. Schallendes Gelächter, alle Augen wandten sich dem Jungen zu. Wie aber dessen flackernde Augen von einem zum andern irrten, wie er dann an den Arzt herantrat und mit heiserer Stimme sagte: »Herr Doktor, kommen Sie schnell zu des Schulmeisters Marie nach Wehlingen!« da verstummte das Lachen, und der Witzbold war über diesen Witz nicht froh. Der Doktor aber sagte freundlich: »Geh nur mein Sohn. Ich komme gleich, will nur eben mein Bier austrinken.«
Peter wandte sich und ging taumelnd durch die Stube. An der Tür hörte er aus dem Gemurmel, das sich am Tisch erhoben hatte, zwei Worte deutlich heraus. Die Worte des Arztes: »Wenig Hoffnung.«
Nun war er draußen und schwankte, die Hand auf die noch immer schmerzende Brust gepreßt, die Dorfstraße entlang. Bei jedem Schritt klang es in ihm: Wenig Hoffnung, wenig Hoffnung. Oder hatte der Arzt gesagt: Keine Hoffnung? Nein. Oder doch? Nein, nein, er hatte den Klang noch im Ohr: wenig Hoffnung ... Er kam ins Freie, der kühle Abendwind umfächelte seine heiße Stirn. Da konnte er sich an das zweite Wort anklammern: Hoffnung. Wenig Hoffnung, aber Hoffnung.
Dann wollte er auch hoffen. Aber nicht wenig Hoffnung, nicht eine kleine Hoffnung wollte er haben, sondern eine große, feste, starke.
Aber wo diese Hoffnung verankern? In der Kunst des Arztes? Unmöglich. Der wollte erst sein Bier austrinken. Und hatte selbst nur wenig Hoffnung.
Da, als er bei dem Menschen, an den in solchen Nöten die letzte Hoffnung sich anklammert, keinen Ankergrund für seine Hoffnung fand, dachte er plötzlich an Gott. Er hatte viel über ihn gelernt, viel über ihn gelehrt, auch wohl in Stunden übergroßen Glücks seiner dankbar gedacht. Jetzt kam er zum erstenmal zu ihm, von des Lebens Jammer und Not gepeitscht. Über ihm wölbte sich in hehrer Schönheit der Sternenhimmel. Sollte der, der diese wunderbaren Welten geschaffen hat, nicht dem jungen Menschenkinde, das auch sein Geschöpf ist, das Leben lassen und die Gesundheit wiedergeben können, auch wenn die armseligen Menschen nur wenig Hoffnung haben? Ja, er ~kann~ es gewiß. Aber ~will~ er es? Er hat gesagt: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten. Und er begann zu rufen und zu beten und zu flehen. Aber seine Hoffnung fand keinen Ankergrund. Da fiel ihm das Wort Jesu ein: Ich sage euch: Wahrlich, so ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein. Also auf den Glauben kam's an. Und er zwang sich zum Glauben. Er biß die Zähne aufeinander und sagte: Ich ~will~ glauben. Und hoffen. Ja, ich behalte sie. Aber dann kam plötzlich wieder das: Oder? und: Wenig Hoffnung, und der Glaube brach zusammen, und der Hoffnungsanker riß aus. Immer neuen Anlauf nahm er, aber immer wieder stürzte er ab. Zuletzt erhob er sein Haupt und schaute fest zu einem großen, leuchtenden Stern auf, der in unausdenkbaren Fernen über seinem Wege stand, und es wollte ihm scheinen, jetzt wollte es gehen mit dem Glauben, Auge in Auge mit dem aller Erdennot Entrückten. Aber plötzlich traf ein blendender Schein seine Augen. Ein Meteor schoß in weitem Bogen durch die Himmelsräume, um dann plötzlich zu erlöschen ... Nein, wenn selbst die Sterne vom Himmel fallen! ... Bald sah er wohl, daß sein Stern noch in der alten Ruhe und Klarheit am Himmel stand. Aber seine Seele war so müde, daß er nicht noch einmal versuchte, sie zu dem bergeversetzenden Glauben zu zwingen.
Was er heute innerlich erlebt und körperlich geleistet hatte, das ging über seine Kraft, und jetzt taumelte er wie träumend, die Augen manchmal schließend. Das Wendenloch hatte er schon hinter sich und stieg zu jener Höhe empor, von der sie damals in das goldene Wolkentor geschaut hatten. Da machte er die Augen weit offen und sah zur Rechten ... Da sah er sie an seiner Seite gehen ... Er wunderte sich gar nicht darüber ... Nur darüber wunderte er sich, daß sie ein langes, weißes Kleid trug, und daß er ihren Schritt nicht hörte ... Und als er auf ihre Füße sah, ging sie nicht, sondern schwebte ... Und als er nach vorne sah, sah er auch wieder das goldene Himmelstor geöffnet. Da kam eine tiefe, stille Seligkeit über ihn ... Aber plötzlich fing sie an, schneller zu schweben. Er wollte sie halten. Aber ihr weißes Gewand glitt ihm aus den Händen. Er wollte ihr sagen, sie hätte ihm versprochen, daß sie mit ihm zusammen zum goldenen Tor gehen wollte. Aber er brachte keinen Ton über die Lippen. Er strengte sich an, sie einzuholen. Aber der Abstand wurde immer größer. Nun war sie in dem leuchtenden Tore angelangt, wandte sich um, ihr Gesicht glänzte, sie winkte ihm mit der Hand, deutete auf den Weg, das Tor schloß sich, er fühlte den stechenden Schmerz in der Brust, kam zu sich -- und stand unmittelbar vor dem Schulhause.
Er wußte jetzt, daß sie gestorben war, ohne daß es ihm jemand zu sagen brauchte. Beim Hinaufsteigen auf seine Kammer gab er sich jetzt auch keine besondere Mühe, das Knarren der Stufen zu vermeiden. Körperlich und seelisch erschöpft sank er angekleidet auf sein Lager und lag wach mit geschlossenen Augen. Unten fuhr ein Wagen vor. Brr! sagte der Kutscher. Der Doktor, dachte Peter, der hat hier nichts mehr zu suchen. Die Haustür wurde geöffnet, kurzer gedämpfter Wortwechsel, Gute Nacht, Üh! der Wagen rollte wieder davon. In der Wohnstube unten wurde es lebendig. Hin und her gehen, leise Stimmen, Geräusche wie von Waschgeschirren ... jetzt waschen sie die Tote ... jetzt legen sie ihr das Totenhemd an ... Wieder gehen Türen, und Pantoffeln schurren über den Fußboden ... sie tragen sie aus der Stube hinaus. Wohin? ... Schräg über die Diele, in ihre Kammer. Dort also wird sie aufgebahrt ... Nun ist die Familie wieder unter der Dachkammer in der Wohnstube versammelt .. Gedämpfte Unterhaltung ... Der alte Schulmeister liest den Abendsegen, wie immer. In seinem eigentümlich singenden Tonfall. Jetzt betet er das Vaterunser ... Amen ... Sie gehen auseinander ... Jemand verläßt das Haus ... Noch hin und wieder ein leises, unbestimmtes Geräusch ... Dann ist's still ...
Peter hörte dies alles mit scharfem Ohr und verfolgte es mit wachem Bewußtsein. Aber ohne allen Schmerz, wie etwas, was ihn gar nichts anging, was sich von selbst verstand und nicht anders sein konnte. Sein Geist registrierte einfach mit größter Schärfe, was geschah, ohne daß irgend ein Gefühl die Vorgänge begleitete. Sein Empfindungsleben war lahm gelegt, ausgeschaltet. Dieser Zustand hatte durchaus nichts Unangenehmes. Es war vielmehr eine Art wohliger Schwäche, die ihn umfangen hielt.
Zuletzt fiel er in eine Art Schlaf, ohne jedoch das Bewußtsein ganz zu verlieren. Auch blieb ihm dumpf gegenwärtig, daß er in der Brust einen Schmerz fühlte.
Der Tag war schon weit vorgeschritten, als er endlich die Augen aufschlug.
Das erste war, daß er sich fragte, ob er einen schweren, schrecklichen Traum geträumt hätte. So ähnlich, wie vor einigen Nächten, als er in großer Angst aufwachte. Aber ein Blick auf die beschmutzten Stiefel, die er noch an den Füßen trug, brachte ihm die Erinnerung wieder. Und mit der Erinnerung kam seinem ein wenig ausgeruhten Nervensystem nun auch die Empfindung zurück. Wie eine ungeheure Last warf der entsetzliche Verlust sich mit seiner ganzen Schwere ihm auf die Seele. Er warf sich herum, bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen und wühlte sich tief in die Kissen. Das Licht, das nach solcher Nacht wie an jedem Morgen die Kammer füllte, konnte er nicht ertragen.
So lag er lange, lange. Zuletzt fühlte er einen brennenden Schmerz in den Augen. Da wunderte er sich, daß er nicht weinte. Sonst war der Tränenquell ja so leicht geflossen. Schon, wenn er etwas Trauriges oder Rührendes las. Heute war er wie ausgetrocknet. Er versuchte zu weinen und bewegte die entzündeten Lider über den trockenen Augäpfeln auf und nieder. Aber Tränen kamen nicht. Ist auch gut, tröstete er sich, bitter lachend, so kannst du besser den gleichgültigen Menschen unten im Hause was vormachen, die nicht wissen, wie es in dir aussieht, und es auch nicht wissen dürfen.
Er stand auf und fing an, sich umzukleiden. Da fiel sein Blick auf das Bild über seinem Bett, das die Opferung Isaaks darstellte. Er hielt inne, sein Gesicht verzerrte sich, und Verzweiflungsgedanken gingen durch seine Seele. Da sagen sie nun, du wärest die Liebe; du wärest barmherzig und gnädig und von großer Güte und Treue. Und doch quälst du uns arme Menschenkinder bis aufs Blut. Ja, früher, in der Zeit der Wunder, ging dann zuletzt doch noch alles gut ... wie bei dem alten Mann da ... Aber der war ja auch der Vater der Gläubigen ... Aber bei uns andern, die wir uns zu solchem übermenschlichen Glauben nicht zwingen können ... Ha! ... Uns, die wir aus der Tiefe heraus möchten ... ja, eine Zeitlang ist's uns wohl, als ob du uns die Hand reichtest, aber dann plötzlich lässest du uns fallen und stürzen, in den Abgrund, in die Verzweiflung.
Er lachte heiser und wandte sich dem anderen Bilde zu. Manchmal hatte es ihm wohlgetan, das verklärte Antlitz in den Wolken. Aber jetzt lachte er es spöttisch an. Ja, Himmelskönigin, du hast es leicht, ein hoheitsvolles, erhabenes Gesicht zu machen. Schwebst ja in den Wolken, fern von Erdenjammer und Erdennot ... Aber einst ... ja, als du auf Erden gingst, ja, da hast du diese auch kennengelernt ... damals, als du, das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen aufblicktest zu deines Sohnes Tod ... Bei diesem Gedanken löste sich ein klein wenig der spöttische, höhnische Zug um den Mund des Verzweifelnden.
Sein Blick fiel auf das gut verpackte Kuchenherz, das auf dem Tische lag. Er nahm es und warf es unter die Bettstelle. Die ganze Geschichte kam ihm plötzlich wie eine kindische Albernheit vor.
Als er sich fertig angekleidet hatte, ging er hinunter. Die Familie war im Wohnzimmer versammelt. Es wurde gerade das Mittagessen aufgetragen. Peter lachte bitter in sich hinein. Vor zwölf Stunden wuschen sie hier die Tote. Nun setzen sie sich hin zu schmausen ...
Er überlegte sich, ob er nicht den Eltern und Großeltern teilnehmend die Hand geben sollte. Aber warum? Was hatten die denn verloren? Die Großeltern eins von zwanzig Enkelkindern, und die Eltern von den acht Kindern, die sie nur mit Mühe sättigen konnten, ein einziges. Die blieben reich und behielten genug übrig, womit sie sich trösten konnten ... Aber er? ...
Er sagte tonlos »Guten Tag«, und wie das Wort sein Ohr traf, lachte er innerlich darüber, daß die Menschen auch an einem solchen Tage eine solche Redensart über die Lippen bringen konnten.
Als er sich an seinen Platz gesetzt hatte, sagte der alte Schulmeister: »Peter, der Doktor ist gestern abend doch nicht mehr früh genug gekommen.«
»Nein,« sagte Peter gleichgültig, »er wollte erst sein Bier austrinken.«
Die vier Menschen sahen ihn verwundert an.
»Es hätte doch vielleicht nicht mehr geholfen,« sagte Mariens Vater sanft.
»Nein, es war keine Hoffnung mehr,« sagte Peter.
»Wir müssen uns unter Gottes Willen beugen,« sagte der Schulmeister.
»Sein Wille ist ja stets der beste,« sagte Peter.
»Aber Peter, wie sagst du das merkwürdig?« fragte der Alte.
»Wieso?« fragte Peter dagegen. »Es ist doch so; das bringen wir ja schon den kleinen Kindern bei.«
Er beugte sich über seinen Teller und aß, gierig und hastig, fast wie ein ausgehungertes Tier. Seit vierundzwanzig Stunden hatte er ja gefastet.
Da sagte Mariens Mutter: »Es ist schade, daß du diese Nacht nicht etwas eher wiedergekommen bist. Unsere Selige fragte nach dir.«
Peter sah die Frau an. Es war das erstemal, daß er einen der Tischgenossen ansah. »Nach mir?« fragte er. In seiner Stimme war ein leises Zittern.
»Ja, zweimal. Sie wollte dir auch Adieu sagen.«
Peter fühlte, daß sich in ihm etwas lösen wollte. Er konnte nicht weiteressen. Aber mit großer Selbstbeherrschung drängte er die Bewegung, die ihn übermannen wollte, zurück.
Als sie vom Tisch aufstanden, fragte die alte Schulmeisterin, ob er die Tote sehen wollte. Sie sähe so schön und friedlich aus, als wenn sie schliefe und jeden Augenblick aufwachen könnte. Peter fühlte ein Würgen im Halse und stieß ein rauhes »Nein!« heraus. Dann ging er schnell hinaus.
Mariens Vater sah ihm kopfschüttelnd nach und sagte: »Ein merkwürdiger Mensch. Scheint sehr wenig Gemüt zu haben.«
»Och ja,« sagte der Schulmeister, »was soll man von so einem verlangen? Der Vater ist ein Säufer.«