Part 2
Daß Peter Schulmeister werden sollte, dabei war es geblieben, obgleich Trina seit jener Nacht wieder die Oberhand hatte. Der Pastor hatte, nachdem Harm Eggers seine väterliche Zustimmung gegeben, gleich das Nötige in die Wege geleitet. Ein älterer Schulmeister der Nachbargemeinde Olendorf, Wencke in Wehlingen, der etwas schwächlich war und eine große Schule hatte, war bereit, Peter nach den Osterferien in sein Haus aufzunehmen und ihn die Schulmeisterei zu lehren. Präparandenanstalten gab's noch nicht, für die große Masse der Landlehrer beschränkte sich der Seminarbesuch auf ein halbes Jahr und fand erst statt, nachdem die jungen Leute einige Jahre praktisch mit ihren Konfirmandenkenntnissen in der Schule gearbeitet hatten. Die Schul- und Lehrerverhältnisse waren also von den heutigen, sehr fortgeschrittenen, himmelweit verschieden. Deshalb wollen wir in dieser Geschichte unserm guten Peter, seinem Lehrmeister und seinen Kollegen auch getrost den heute außer Gebrauch gekommenen und verpönten Titel »Schulmeister« geben. So nannten sie sich selbst, so nannten die Leute sie, und so schrieb der Pastor ins Kirchenbuch. Der Titel »Lehrer« klingt für diese Leutchen, bei denen die Großeltern des heutigen Geschlechts den Landeskatechismus, das Einmaleins und ein wenig Lesen und Schreiben lernten, zu feierlich und anspruchsvoll.
Am Tage nach Ostern ging Peter nach Steinbeck, um seinem Pastor einen Abschiedsbesuch zu machen. Stolz schritt er in seinem Konfirmandenrock durch die Straßen des Kirchdorfs. Wenn ihm Leute begegneten, suchte er auf ihren Gesichtern zu lesen, ob sie ihn, der vor zwei Wochen in der Konfirmandenprüfung vor der ganzen Gemeinde mit den besten Antworten geglänzt und ein besonderes Lob erhalten hatte, wiedererkannten.
Nun stand er vor der großen, grünen Tür des Pfarrhauses, das er von vorne noch nie betreten hatte. Ob er anklopfen mußte? Darüber war er nicht belehrt worden, aber er hatte einen Spruch gelernt: Wer anklopfet, dem wird aufgetan. Er klopfte also an, aber ihm wurde nicht aufgetan. Da schielte er verstohlen durch das Fenster neben der Haustür auf den Vorplatz, und da er niemanden sah, wagte er es, die Tür selbst vorsichtig zu öffnen. »Klinglinglingling« lärmte die Hausglocke. Peter erschrak, als ob er auf einer bösen Tat ertappt wäre. Das Dienstmädchen kam und sah ihn fragend an. »Is He inne?« fragte Peter. »Jawohl, der Herr Pastor ist in seiner Stube,« sagte in belehrendem und verweisendem Tone das Mädchen. »Aber, Junge, nimm wenigstens deine Mütze vom Kopfe, wenn du zu uns kommst!« fügte sie hinzu. Blitzartig riß Peter die Kopfbedeckung herunter und stand rotübergossen da. Das Mädchen lächelte im Hochgefühl ihrer überlegenen Bildung und wies ihn gnädig die Treppe hinauf.
Indem Peter die Stufen hinanstieg, biß er sich auf die Lippen und ärgerte sich über sich selbst. Daß man in fremden Häusern die Mütze abnahm, hatte er doch in der Schule gelernt. Und nun hatte er's doch vergessen!
Nun stand er vor der Tür mit dem Namensschild des Pastors. Nachdem er sich die Füße auf der Strohmatte gereinigt hatte, klopfte er an. Ganz bescheiden, mit den Fingerspitzen. ~Wie~ man anklopfte, darüber hatte er keinen Spruch gelernt. Als keine Antwort kam, faßte er sich ein Herz und ging ungerufen hinein. Der Geistliche saß an seinem Schreibtisch vorm Fenster und blickte verwundert auf. »Mein Sohn,« sagte er, »wenn man zu einem Menschen in die Stube will, dann klopft man gefälligst an.« »Herr Ppestohr,« stamerte Peter, »ich ... ich ~habe~ angeklopft.« »Ach so, ja, da kratzte was; ich meinte, das wäre mein kleiner Polli. Na, setz dich!« Peter setzte sich tief errötend auf einen Stuhl. Die Mütze hielt er mit beiden Händen gegen die Brust gepreßt.
»Freust du dich, Schulmeister zu werden?« fragte der Pastor.
»Ja.«
»Ist deine Aussteuer schon fertig?«
Peter machte ein verwundertes Gesicht. Aussteuer kriegten doch nur die Mädchen mit, wenn sie freiten.
»Ich meinte, ob du gehörig mit Zeug und Wäsche ausgerüstet bist.«
»Jaa.«
»Wenn du man bloß nicht Heimweh nach Muttern kriegst!«
»Nee!«
»Nanu! Nicht so kühn, mein Jüngchen! Aber du kennst ja das schöne Lied: ›Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden.‹ Und: ›Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: Auf Wiedersehn.‹«
»Ich ... ich habe bloß noch eine Stiefmutter ...«
»Ach so, daran hatte ich nicht gedacht ... Aber hmhm, ich habe Stiefmütter gekannt, die hatten die angenommenen Kinder ebenso lieb, wie ihre eigenen ... Hm, ich wollte nur sagen, in sechs Wochen ist schon Pfingsten. Dann kannst du schon mal nach Hause hinüberspringen. Und dann kommen ja auch bald die großen Ferien ...«
Die Pastorin steckte den Kopf in die Tür und rief ihren Mann heraus.
Peter, der bislang steif auf dem Stuhl gesessen und dem alten Herrn unverwandt auf den Mund gesehen hatte, wie in der Kinderlehre, atmete freier auf und sah sich in der Studierstube um. Da bekam er einen großen Schreck. Was für eine Menge Bücher! Und wie dicke dabei! Am längsten und mit der größten Verwunderung haftete sein Blick an der Reihe der mächtigen Kirchenbücher. Was mußte so ein geistlicher Herr für ein gelehrter Mann sein! Natürlich nahm er an, daß dieser in seiner großen Bibliothek ebensogut Bescheid wußte, wie er in seiner kleinen, die aus vier schmalleibigen Schulbüchern bestand. Er war manchmal stolz gewesen, daß er mehr wußte als die andern in der Schule und Kinderlehre. Die letzten Wochen, seit er am Palmsonntag vor der ganzen Gemeinde mit seinem Wissen geglänzt hatte, war ihm dieses Hochgefühl fast immer gegenwärtig geblieben. Aber diese in Schweinsleder und Pappe gebändigte Gelehrsamkeit, die ihn hier zugleich mit einem Duft feinen Tabaks umgab, verwirrte ihn und machte ihn ganz klein.
Als der Pastor wieder in die Stube trat, flog Peter in die Höhe, wie er's von der Konfirmandenstunde her gewöhnt war, nur mit noch größerem Respekt, wegen der neu entdeckten Gelehrsamkeit des stattlichen Herrn. Er wurde nicht wieder zum Sitzen genötigt, bekam einige gute Lehren und Wünsche mit auf den Weg und konnte gehen. Leise schlich er die Treppe hinab und war froh, als er unbemerkt die Haustür erreicht hatte, ohne noch einmal von dem Mädchen, vor dem er sich vorhin so blamiert hatte, gesehen zu sein.
Den Kopf trug er jetzt nicht so hoch als vorhin. Bescheiden und demütig ging er seines Weges.
* * * * *
Am Abend des Sonntags nach Ostern sollte Peter in Wehlingen antreten. Das Dorf war drei Stunden von seiner Heimat entfernt.
Sein Vater begleitete ihn und trug auch die in einen buntgewürfelten Kissenüberzug gestopfte »Aussteuer«. Das geistige Rüstzeug, seine Bibliothek, hatte Peter selbst unter dem Arm.
Vater und Sohn sprachen kaum miteinander. Von Haus aus waren sie beide schweigsam, und heute, angesichts der Abschiedsstunde, schloß ihnen auch eine gewisse Verlegenheit den Mund. Der Weg führte durch Steinbeck, und an Harm Eggers' liebstem Wirtshaus vorbei. Hier bog er zur Seite, und als Peter zögerte, ihm zu folgen, sagte er freundlich und ein wenig verlegen: »Kumm, Jung', wöt uns erst 'n bäten verhalen.« Da ging Peter mit ihm hinein.
Harm bestellte zwei »lüttje Klare«. Als der Wirt das Gläschen vor Peter hinstellte, sagte der Vater: »He is ja nu ok 'n mündigen Christenminschen,« worauf jener nickte und lachte. Peter hob das Glas vorsichtig, nippte daran, schüttelte sich und setzte es wieder hin. »Smeckt he nich?« fragte der Vater leise. Peter zog ein krauses Gesicht und schüttelte den Kopf. »Töw' man,«[1] flüsterte Harm, mit den Augen zwinkernd. Als der Wirt den Rücken gewandt hatte und sich an dem Schenktisch zu schaffen machte, nahm er schnell das Glas, trank es aus und stellte es leer wieder vor Peter hin, froh darüber, daß er seinem Fleisch und Blut eine schwere Blamage erspart hatte. Darauf kaufte er ihm eine dick mit Zucker bestreute Maulschelle. Als Peter anfing, die eine Hälfte des trocknen, noch von Ostern übriggebliebenen Gebäcks hinunterzuwürgen, sagte der Vater: »Christoffer, up een Been kann'n nich stahn« und ließ sich das Glas aufs neue füllen. Da aber stand der Junge entschlossen auf, packte die andere Hälfte der Maulschelle in die Tasche und drängte den Vater, schnell auszutrinken und mit ihm aufzubrechen.
Unter der Wirkung des Alkohols wurde Harm gesprächiger. Und der nahe Abschied von seinem Jungen trug dazu bei, daß er sentimental wurde, während sonst diese Stimmung erst etwa nach dem siebenten Glas sich einzustellen pflegte.
Er schluckte einige Male trocken nieder, seufzte, und sagte endlich:
»Ach ja, Peter ... din' Mudder ...«
Peter sah den Vater erwartungsvoll an.
»... 't sünd nu all meist twolf Jahr, dat se in de Eer[2] liggt. Ach ja, wenn ick an de Tied torüg denk ...«
»Vader,« fragte Peter leise, »wat hett Muddern egentlich fehlt?«
»Hoßen[3], Kind, slimmen Hoßen ... Wör hier in de Bost[4] nich echt ... Lungensük ... ehr Mudder is dar ok an storwen ... ehr Süster ok ... Min Familje is so karnig und gesund ... Grotvader is achunachzig Jahr old worrn und hett all sin Tähnen mit in't Sarg krägen ... Aber ehre Familje ... keen goden Karn is da nich in ... sünd in de Bost nich echt ... Ach ja, wenn dat dar eenmal so instickt ... Junge, wenn du man echt bist!«
Er sah Peter prüfend und besorgt von der Seite an.
»Aber Vader,« sagte der Junge überrascht, »ick bin doch ganz gesund.«
»Ach ja, dat ~wör~ din Mudder ok ... Aber de Karn wör nich god, dat wör hier in de Bost keen echten Kram ... Wat mi bange makt, du sühst ehr gar to ähnlich, du hest gar to väl van ehr afkrägen. Wenn du mehr van mi harrst, dat wör bäter för di. Wi Eggers sünd alle so gesund.«
Peter betrachtete heimlich das Gesicht des Vaters. Im stillen war er doch froh, daß er mehr von der Mutter hatte.
»Dat Starwen is dine Mudder bannig swar worrn,« begann der Vater wieder.
»Harr se väle Kälen[5]?« fragte Peter.
»Och nee, de könn se god drägen. Se harr di so öwer alle Maten lew ...«
Dem Jungen lief es heiß über den Rücken.
»›Dat Kind, dat arme Kind! ... Wat schall ut Peter weern?‹ So güng dat jümmer wedder ... Ick möß ehr verspräken, ... dat ick jümmer god för di sorgen woll. De Hand heww ick ehr darup geben möst ... Da könn se starwen ... Ach Gott ja, twolf Jahr is dat nu all her ... Wenn'n so trügdenkt ... mannigmal ... ick woll man seggen ... ick harr mannigmal woll bäter för di sorgen könnt ... Ja, dat harr ick ... jawoll, jawoll ... aber glöw mi, ick harr't sülwst nich licht ... Trina is so ganz anners as din' sel' Mudder ... Wenn ick ~de~ beholen harr ... Djunge, Djunge! ... Du kennst de Welt noch nich, du weeßt nich, wat so 'n Frugensminsch 'n Keerl ruptrecken kann, wenn se darnah is, und wat se em rünnerrieten kann in'n Dreck ...«
Er blieb plötzlich stehen. Sie hatten eine Höhe erreicht. Vor ihnen im Tale lag ein Dorf. »Dat is Wehlen, nu finnst du woll hen, ick will ümkehren, adjes,« sagte der Vater hastig, gab dem Jungen unbeholfen die Hand, ohne ihn anzusehen, setzte das Bündel nieder, wandte sich um und ging mit langen, steifen Schritten den Hügel hinab.
Peter stand verwundert und sah ihm nach. Unter den Worten des Vaters hatte er mit Liebe seiner Mutter gedacht. Nun fühlte er auf einmal ein warmes Gefühl auch gegen den Vater in sich aufsteigen. Ja, der Mann, der dort hinabschritt, und er, der ihm nachblickte, sie gehörten doch zusammen, trotz allem. Der hatte seine Mutter auch liebgehabt. Und wenn sie bei ihm geblieben wäre ...? Im stillen bat Peter dem Vater ab, wenn er einmal Gedanken der Verachtung und Auflehnung gegen ihn gehabt hatte.
Der Vater war unten im Tale stehengeblieben und hatte sich umgewandt. Mit der Hand die Augen schirmend, schaute er zurück. Und Peter stand noch immer auf der Höhe und sah ihm nach. Sie winkten einander nicht zu, aber doch flog zwischen Vater und Kind ein leises, wehes Abschiedsgrüßen hinüber und herüber ...
Nun verschwand des Vaters Gestalt in einem Fuhrengehölz. Peter wischte sich schnell über die Augen und wandte sich entschlossen herum. Da lag es vor ihm, das Tal, in dessen Schoß ein Stück seiner Zukunft ruhte. Was er dort sah, gefiel ihm wohl. Das Dorf lag an einem Flüßchen, in Wiesen eingebettet. Rechts zogen sich ansehnliche Wälder hin, Tannen und auch etwas Laubwald. Peter, dessen Geburtsort auf einer trockenen, kargen Wasserscheide lag, war von der lieblichen Anmut der Gegend überrascht. Wenn die Menschen nur danach waren, sollte es ihm dort unten schon gefallen. So nahm er denn seine Siebensachen und machte sich munter auf den Weg. Die grünen Spitzen der Gräser wagten sich eben hervor, die Weidenkätzchen steckten vorsichtig die Sammetpfötchen heraus, Krähenscharen lärmten in der Luft, eine Amsel flötete von der Spitze einer Tanne ihr sehnsüchtiges Vorfrühlingslied. Alles ahnte an diesem kühlen, lichten Sonntagabend, daß ein Neues, Herrliches werden wollte, und nicht zum mindesten der junge Schulmeister, der mit langen, frohen Schritten in das Tal hinabstieg.
Nicht weit vom Dorfe begegnete ihm ein kleines Mädchen, dessen Alter er auf sieben Jahre schätzte. Da gab Peter sich einen Ruck und fühlte sich zum erstenmal als Schulmeister. Er machte sich recht gerade, um möglichst groß zu erscheinen, zupfte noch schnell sein Röckchen zurecht, hielt sein Bündel mehr hinter sich und redete das Kind an, freundlich und ein ganz klein wenig väterlich, erst hochdeutsch, dann platt. Aber er bekam aus dem kleinen Ding nichts heraus, weder dessen Namen noch Auskunft über die Lage des Schulhauses. Nach wiederholten Versuchen ging er kopfschüttelnd weiter. Wenn die Kinder hier alle so schwer von Begriff waren, würde er noch seine Last haben.
Bei den ersten Häusern sagte ihm eine Frau, zur Schule müßte er durch den ganzen Ort gehen.
Aufrecht und fest schritt er die Dorfstraße dahin, gehoben von dem Gefühl, in diesen Minuten für ein ganzes Dorf der Gegenstand der Aufmerksamkeit zu sein. Die Kinder, die auf den Höfen spielten, hielten inne, und er grüßte sie wohlwollend. Die Erwachsenen vor den Haustüren nickten ihm zu, und er grüßte sie freundlich und höflich. Als ihm ein Koppel halbwüchsiger Burschen begegnete, versuchte er, seinem Gruß einen kameradschaftlichen Ton zu geben. Aber die dummen Bengel, mit der diesem Alter eigenen Verachtung alles dessen, was irgend mit der Schule zusammenhängt, musterten ihn von oben herab und lachten ihm dreist ins Gesicht. Doch er hatte keine Zeit, sich darüber zu ärgern. Denn schon grüßte ihn über einem Hause die Inschrift: »Hier lehret man die Jugend, zu Gottesfurcht und Tugend«, und mit Herzklopfen faßte er den Türdrücker des Hauses, unter dessen Dach er fortan lernen, lehren und leben sollte.
Als Peter die Tür des Schulhauses hinter sich schloß, öffnete sich gegenüber eine Stubentür, und es erschien ein alter Frauenkopf, der sich aber, kaum seiner ansichtig geworden, wieder zurückzog. Peter hörte, daß er gemeldet wurde: »Vader, he is'r.« Darauf kam ein hageres, grauhaariges, bartloses Männchen angetrippelt, das den Ankömmling an der Hand nahm und in die Stube zog, mit den Worten: »Szüh, ßüh, da bist du ja. Is man gut. Wir haben schon auf dich gewartet. Na, setz dich ... Da hast du deine Sachen woll in? Die leg' da an die Erde. So, so. Bist wohl recht müde von dem langen Weg?«
»O nein,« sagte Peter, »Vater ist mitgegangen und hat meine Aussteuer getragen.«
»Aussteuer? Wo hast du die denn?« fragte der Schulmeister verwundert.
Peter wies etwas unsicher auf sein Bündel.
»Aussteuer im Kissenüberzug? Hihihi, das ist gut. Mudder, hest du't hört? Dor hett he sin' Utstüer in.«
Die Schulmeisterin, die in einem Rohrlehnstuhl saß, verzog ihr faltenreiches, teilnahmloses Gesicht zu einem schwachen Lächeln. Peter war rot geworden.
»Na ja ...« begann der Schulmeister wieder, »du hast doch wohl schon gegessen? Wir sind schon eine halbe Stunde damit fertig. Wegen meinem Magen essen wir immer früh.«
Peter sagte bescheiden, er hätte erst vor zwei Stunden eine Maulschelle gegessen.
»Das ist ja man gut. Sonst, wenn du noch Hunger hättest ... Denn wollen wir gleich den Abendsegen lesen und zu Bett gehen. Denn morgen Punkt sieben Uhr geht's an die Arbeit. Langschläferei und Unpünktlichkeit dulde ich nicht. Das mußt du dir gleich heute merken.«
Mutter Wencke war aufgestanden, nahm ein Buch vom Wandbrett und legte es, bei dem Lesezeichen aufgeschlagen, vor ihren Gebieter hin. Dann holte sie das Brillenfutteral von der Fensterbank, zog die Brille mit ihren zitterigen Fingern heraus, putzte sie an der Schürze und reichte sie handgerecht dem Alten. Hier geht's anders zu zwischen Mann und Frau, als zu Hause, dachte Peter.
Nachdem der Schulmeister mit etwas tremulierender Stimme eine kurze Abendbetrachtung vorgelesen hatte, hieß er Peter sein Bündel aufnehmen und stieg mit ihm eine knarrende Holztreppe hinan. Oben angekommen, führte er ihn in eine kleine Dachkammer. »So, mein Sohn,« sagte er, »hier hast du alles. Hier steht dein Bett, und da kannst du dich waschen, und da ist auch 'n Leuchter und Reißsticken, wenn du dir mal 'n Licht anstecken willst. Aber damit sei vorsichtig! Du wohnst hier unterm Strohdach. So, nun mach's dir in deinem Heim recht gemütlich und schlaf' wohl!« Damit ging er und knarrte mit seinen Filzpantoffeln die Treppe hinab.
Peter sah sich in dem Stübchen um. Es war in Wirklichkeit nur ein Bretterverschlag unter dem unverkleideten Strohdach. Bett, Tisch, Stuhl, Schemel mit Waschbecken nahmen drei Viertel des Raumes ein. Wer diese Stube ein elendes Loch nannte, brauchte noch nicht anspruchsvoll zu sein. Aber dem guten Peter lagen solche Gedanken himmelfern. In ihm fand des Schulmeisters Wort ein jubelndes Echo: Dein ~Heim~, ~dein~ Heim! Die Gefühle, die beim Klang dieses lieben Wortes in allen heimseligen deutschen Menschenkindern wach werden, waren Peter bis auf diese Stunde fremd geblieben. Die väterliche Kate, in der er die schmutzige Stube mit sechs und die dumpfe Butze mit drei Menschen hatte teilen müssen, die ihm alle innerlich fremd und zum Teil feindlich waren, war ihm niemals ein Heim gewesen. Nun hatte er auf einmal eins, und es war ihm, als hätte er damit etwas gefunden, wonach er sich lange im stillen gesehnt hatte.
Gemütlich sollte er sich's in seinem Heim machen, hatte der Alte gesagt. Gemütlich? Das Wort hatte er noch nie gehört. Aber seinem Klange lauschte er ab, was es sagen wollte. Er zog das schwarze Röckchen aus und hing es an die Wand, vertauschte die engen, staubigen Stiefel mit bequemen Holzpantoffeln, baute die Bücher auf dem Tisch auf und wusch sich die Hände. Ei, wie wurde es da gemütlich! Zuletzt zündete er das Licht an. Wie freundlich sah jetzt erst das saubere Zimmerchen aus, mit den beiden Bildern an den Wänden und dem weißen Gardinchen über dem zweischeibigen Fensterfach! Peter rieb sich die Hände, zog den Kopf zwischen die Schultern und fand sein Heim urgemütlich.
Als er eine Weile die Freude über sein gemütliches Heim ausgekostet hatte, öffnete er das Fenster und sah hinaus. Von dem Garten drunten konnte er nichts deutlich erkennen. Die Nacht war völlig hereingebrochen. Dennoch blieb er, in den engen Rahmen gezwängt, lange im Fenster liegen. In der Stille, die um ihn war, in dem Dunkel, das nach all den Eindrücken dieses Tages keine neuen mehr zu ihm ließ, mußte er über die Veränderung nachdenken, die der heutige Tag in sein Leben gebracht hatte. Das alte Leben lag hinter ihm wie ein böser Traum, und vor ihm ein neues, unbekannt, aber so verheißungsvoll, daß ihm das Herz klopfte, wenn er nur daran dachte ... Er sah über sich zum Nachthimmel empor und schärfte seine Augen. Zuletzt fingen hoch droben, in unendlicher Ferne, einige Sterne an, durch die blaue Nacht zu glimmen. Und es wurde ihm, als käme aus seligen Fernen durch die weiten Räume ein stilles Grüßen gezogen. In tiefem Erschauern empfand seine Seele dieses wunderbare Grüßen und wurde darüber so weit und froh, daß er es in dem engen Fensterrahmen nicht mehr aushalten konnte. Er zog sich in sein Heim zurück, hob die Hände, dehnte die Brust, atmete selig bang, und plötzlich warf er sich auf die Knie, und ein wortloses, heißes Dankgebet entquoll seinem übervollen Herzen.
Als seine Seele sich auf diese Weise von dem Überschwang ihrer Glücksgefühle befreit hatte, fing plötzlich in ihm etwas an zu knurren. Es war der Magen. Dieser war nicht von einer so rührenden Bescheidenheit wie sein Besitzer, und mit einer halben Maulschelle für einen halben Tag und eine ganze Nacht nicht zufrieden. Zum Glück erinnerte Peter sich, daß die zweite halbe Maulschelle noch in der Tasche seines Konfirmationsrockes steckte. Er zog sie heraus, und ganz langsam aß er sie, um dem unzufriedenen Gast, der von der Freude allein nicht satt werden wollte, eine wirkliche Mahlzeit vorzutäuschen. Zwischendurch trank er einen Schluck Wasser aus dem Kruge. Ein Glas hatte er nicht.
Darauf ging er zur Ruhe. Als er sich niederlegte, warf er sich stürmisch in dem Bettkasten hin und her. Die Freiheit und Wonne, dieses tun zu können, ohne wie zu Hause sofort mit geschwisterlichen Beinen zusammen zu geraten, mußte er doch erst einmal auskosten. Dann machte er's sich auf der rechten Seite gemütlich, zog die Beine an, blinzelte behaglich mit den Augen, ehe er sie schloß, und fühlte sich so recht von Herzen heimselig.
Schlaf wohl, du junges, armes, hungriges, glückliches Schulmeisterlein! Alle Stunden, die dir unter diesem Dache kommen, werden wohl nicht so reich, nicht so glücklich sein, wie diese ersten.
* * * * *
Als Peter am andern Morgen erwachte, dachte er mit Schrecken daran, daß Schulmeister Wencke Langschläferei und Unpünktlichkeit nicht duldete. Ob er die Zeit nicht schon verschlafen hatte? Darüber beruhigte er sich zwar bald; denn es war noch nicht völlig hell. Da er aber eine Uhr nicht fragen konnte, weil er keine hatte, und die Sonne nicht, weil sein Fenster nach Westen lag, so hielt er es für das sicherste, sofort aufzustehen.
Beim Ankleiden betrachtete er die beiden Bilder, die durch ihr Dasein gestern abend die Gemütlichkeit seines Heims gehoben hatten, die er aber in dem schwachen Licht der Talgkerze sich noch nicht genauer angesehen hatte. Zu Häupten des Bettes hing ein rahmenloser Holzschnitt. Er mochte aus einer alten Bilderbibel stammen und war mit Schusternägeln an der Wand befestigt. Abraham, der Vater der Gläubigen, schickte sich mit bekümmertem Gesichte an, seinen Sohn Isaak zu schlachten, der ganz geduldig seinen Hals hinhielt, während im Hintergrunde der Engel des Herrn die Einhalt gebietende Rechte hochhielt und mit der Linken einen sich gewaltig sträubenden Bock heranzerrte. Das Bild an der senkrechten Längswand war viel freundlicher. Es war dazu bunt, und hatte einen mit Fliegendenkmälern punktierten Goldrand. Eine hehre Frauengestalt, in rotem Ober- und blauem Untergewande, schwebte in rosigen Wolken, rings von reizenden Engelköpfchen umgeben. Darunter stand: »Maria, die Himmelskönigin.« Dieses Bild sah Peter sich viel länger an als das andere.
Als er mit dem Ankleiden fertig war, wollte er hinuntergehen. Oben an der Treppe blieb er aber stehen und horchte in das Haus hinab. Dort war noch alles still. Da schlich er mit größter Vorsicht die Stufen hinab. Trotzdem war die altersschwache Treppe so indiskret, jeden seiner leisen Tritte durch das hallende, morgenstille Haus zu melden. Unten angekommen, schob er den Riegel zurück und trat in den frischen Morgen hinaus.
Die Sonne ging eben auf und übergoß den Himmel mit flammendem Rot. Aber darauf achtete Peter nicht weiter. Das hatte er hundertmal gesehen, wenn die Stiefmutter ihn vor Tau und Tag aus dem Bett herausjagte. Es kam ihm heute darauf an, das Neue kennen zu lernen, das ihn hier erwartete. So ging er denn zuerst durch den Garten. Der war noch kahl und wartete auf Sonnenschein und warme Tage. Trotzdem ließ Peter sich von Bäumen und Büschen die herrlichsten Versprechungen machen. Der dicke Apfelbaum, der dem Hause zustrebte und einen Zweig bis dicht vor sein Kammerfenster sandte, der in schöner Gabelung stolz aufwärts strebende Birnbaum, die Johannis- und Stachelbeersträucher, die schon zu grünen und zu blühen angefangen hatten, was verhießen sie nicht alles dem Gaumen des noch nicht Fünfzehnjährigen, der solche Genüsse bislang fast nur vom Hörensagen kannte!
Als er den Garten kennengelernt hatte, schlenderte er ins Dorf hinaus. Da freute er sich über die breiten, behäbigen Bauernhöfe, die hinter bemoosten Knüppelzäunen unter dicken Eichen lagen. Wo er zu Hause war, auf der hohen Heide, war das alles viel ärmlicher als in diesem bachdurchrieselten Tale, dessen Anmut ihn gestern schon erfreut hatte.