Part 1
+------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Gesperrter Text ist als ¯gesperrt¯ dargestellt, Antiquaschrift | | als ~Antiqua~. | +------------------------------------------------------------------+
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit Anderen herausgegeben von A. Scobel
10
Am Rhein
1908 Bielefeld und Leipzig Verlag von Velhagen & Klasing
Am Rhein
von H. Kerp
Mit 192 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und einer farbigen Karte Zweite Auflage
[Illustration]
1908 Bielefeld und Leipzig Verlag von Velhagen & Klasing
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Einleitung 3
II. Zur geologischen Einführung 6
III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus 18
IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz 48
V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltale 78
VI. Das Rheintal von Coblenz bis Bonn 110
VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das Siebengebirge 130
VIII. Die Eifel 157
IX. Die Kölner Bucht und das Bergische Land 164
X. Der rheinische Weinbau 185
Literatur 193
Verzeichnis der Abbildungen 194
Register 197
Karte der Rheinlande.
[Illustration: Abb. 1. Rolandseck, Nonnenwerth und Siebengebirge.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 123.)]
I. Einleitung.
[Sidenote: Einleitung.]
Am Rhein! Welche Fülle von Vorstellungen, von Gedanken und Empfindungen wird beim Klange dieses Wortes in uns geweckt! Das Auge schaut herrliche Landschaftsbilder, die neben dem Schönsten auf Erden noch in Schönheit strahlen; das Ohr lauscht den weihevollen Rheinliedern, die von dem Tiefsten, was die deutsche Brust gefühlt, sprechen, die bald von klagendem Schmerz, bald von stolzer Siegesfreude erzählen oder in den Traum der Sage den Übermut eines fröhlichen Lebens mischen; und der Geist, der die Spuren des Raumes und der Zeit gleich schnell durchmißt, faßt all das Große und Schöne, das Ernste und Heitere, was die Vergangenheit brachte, was die Gegenwart bietet und die Zukunft zu erhoffen läßt, zusammen und weiht den Strom, der Deutschlands Stolz und seines Landes Schönheit ist, zu einem Sinnbild, das alle deutschen Lande und alle deutschen Bruderstämme mit dem Bande ewiger Einigkeit und Treue umfaßt. Das ist der Rhein, und das bedeutet sein Name, und so wird auch sein Name überall, nicht bloß im deutschen Vaterlande, sondern auch in der übrigen Welt verstanden und gedeutet. Darum lockt er die Menschen, führt fröhlich sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt und läßt traurig sie weiter ziehen. Für Tausende und Millionen aber bleibt er ein ewiger Traum, der nie sich erfüllen ließ, ein Traum, der selbst bei anderen Völkern lebt, zu denen die Wellen der geheimnisvoll plaudernden Myth’ und Sage, der laut redenden Geschichte schlugen und des schönen Rheinlands begeisternde Kunde drang. Davon ein Beispiel!
Es war am Empfangsabende des Internationalen Geologen-Kongresses zu Petersburg im Jahre 1897. In einem großen Restaurant in der Demidowstraße hatten sich die Teilnehmer aus aller Herren Ländern eingefunden. Das war für viele ein frohes Wiedersehen! Das Stimmengewirr der zahlreichen Gruppen, die sich an den Tischen und dem reichgedeckten Büfett gebildet hatten, durchdrang die gastlichen Räume. Im frohen Austausch der Reiseerinnerungen und der weiteren Reisepläne und im Auffrischen früherer Lebensbeziehungen vergingen schnell, nur zu schnell, die schönen Stunden. Meine älteren deutschen Reisefreunde wollten sich nun, gegen Mitternacht, verabschieden, und den protestierenden jungen russischen Herren, die in liebenswürdiger Weise uns an unserem Tische Gesellschaft geleistet hatten, wurde ich als jüngster zurückgelassen, als das Opfer einer angenehmen Pflicht. Wir rückten die Stühle näher zusammen und plauderten weiter. Ich pries die gastliche Aufnahme, die uns in Rußland bereitet wurde, und meine frohgestimmten Tischgenossen wollten wissen, in welchem Teile Deutschlands ich wohne. Und als ich sagte: „Ich wohne am Rhein!“ da riefen alle wie aus einem Munde: „O, so erzählen Sie uns vom Rhein!“ Und ich erzählte von meinem Heimatlande mit der Begeisterung, die der Vater Rhein mir in das Herz gelegt hat, und mit dem Feuer, das ich in den Augen der jungen Russen auflodern sah. Ich pries den stolzen Strom mit seinen grünen Wellen, die Berge, die, rebenbekränzt, die alten Burgen tragen, die rheinischen Städte, deren gewaltige Dome im Rheine sich spiegeln, die freundlichen Dörfchen, die überall, manche umschattet von Obsthainen, die Ufer des Stromes säumen, und auch die rheinischen Mädchen und Frauen, die den fremden Wanderer von der hohen Burgruine herab grüßen, wenn er muß scheiden aus solchem Paradies. Als die Begeisterung überquoll, da erklangen Rheinlieder, fern am Strande der Newá, beim lustigen Klang der Gläser, die mit kaukasischem Wein gefüllt waren.
Wir saßen noch lange. Als wir endlich schieden, da fühlten auch die jungen Russen etwas von jener Sehnsuchtsstimmung nach dem Vater Rhein, die jeden Rheinländer erfaßt, wenn er in anderen Erdenländern weilt. So oft ich noch von einer weiten Reise zurückkehrte, war es mir beim Anblicke des stolzen Stromes, wenn wieder die Türme des Kölner Doms vor mir erschienen und der Zug polternd über die Rheinbrücke fuhr, als hätte ich etwas Verlorenes wieder gewonnen. Und nach meiner Ankunft in Bonn war gewöhnlich mein erster Gang an den Rhein und auf den Alten Zoll, wo ich die Sieben Berge grüßen konnte. Am ersten freien und schönen Nachmittage aber fuhr ich auf einem der stolzen Rheindampfer stromaufwärts, als müßte ich mich überzeugen, ob all die Herrlichkeit noch da wäre.
[Illustration: Abb. 2. Das Kölner Dombild. Altargemälde von Meister Stephan. (Zu Seite 5 u. 171.)]
Diese einleitenden Worte mögen dem freundlichen Leser sagen, mit welch freudigen Gefühlen ich der Aufforderung, für die Sammlung geographischer Monographien die Bearbeitung des Rheins und des Rheinischen Schiefergebirges zu übernehmen, nachgekommen bin. War ich doch durch den Stoff ausgezeichnet vor allen anderen! Durfte ich doch den Strom schildern und preisen, um den zwischen den Völkern so oft und so heiß gestritten worden ist, der durch die Weihe der Geschichte für jeden Deutschen zum heiligen Strom geworden ist, so daß der Klang seines Namens heute das Losungswort, das Triumphgeschrei deutscher Einigkeit, Freiheit und Stärke bedeutet.
[Illustration: Abb. 3. Frankfurt im 17. Jahrhundert (nach Merian). (Zu Seite 20.)]
Wie ich an jenem Abende in Petersburg in einer frohen Stunde den jungen Russen -- es waren Studenten der Bergakademie und Anthropologen -- von der Herrlichkeit des Rheines erzählen durfte, so möchte ich auch dem freundlichen Leser von Land und Leuten am Rhein wenn auch kein vollständiges, so doch ein in seiner Eigenart ausgeprägtes Bild zu geben versuchen. Es ist das Bild einer ruhmreichen Vergangenheit und einer nicht weniger glanzvollen Gegenwart, ein Bild, dessen einzelne Züge durch Sage und Dichtung so verklärt sind, daß uns Wonne umgibt fast überall, wohin wir schauen. Wir sehen in den Städten die herrlichen Dome ragen, und andachtsvoll betreten wir die Stätten, wo hochvollendete Kunstschöpfungen zu Thronen des Himmlischen und Göttlichen wurden. Wir durchwandern die einzelnen Blütezeiten der rheinischen Kunst, im Geiste und in der Wirklichkeit. Aus den Gräbern steigt das glänzende Bild der römischen Kultur mit seinen Lagern, Kastellen, Brücken, Straßen, Wasserleitungen, Tempeln und reichgeschmückten Landhäusern; wir schauen das Bild der Frankenzeit mit seinen Königshöfen oder Pfalzen und den ältesten christlichen Gotteshäusern; reicher, in staunenerregender Fülle entfaltet sich uns der Kulturschmuck des eigentlichen Mittelalters, der Zeit, die die herrlichen Dome schuf, die von dem gemütvollen romanischen Baustile nach interessanten Übergängen fortwanderte zur stolzen, himmelanstrebenden Gotik, die auch die prächtigen Burgen auf die Rebenhöhen setzte und die reichgeschmückten Rathäuser in den Städten baute, die ferner durch Künstlerhand wertvolle Skulpturen und geschätzte Malereien (Abb. 2) entstehen ließ; endlich, nach einer Zeit traurigen Verfalls, sehen wir, in einer glücklichen Gegenwart, eine neue Blütezeit der Kultur anbrechen, eine Zeit, die mit Verständnis das Alte durchforscht und wie ein Schatz hütet und wahrt, die zugleich neue Züge dem Gesamtbilde zufügt und es besonders mit den menschenbeglückenden Wunderwerken der neuzeitlichen Technik ausstattet. Einem kräftig pulsierenden Leben sind diese Neuschöpfungen menschlichen Könnens vornehmlich gewidmet, einem Leben, in dem ein rühriges Streben mit rheinischem Frohsinn so glücklich sich paart, wie es wohl auch in den früheren Kulturzeiten, die das rheinische Land schaute, gewesen ist und in dem sonnigen Lande der Reben auch nicht anders sein kann. Dorthin mögen die freundlichen Leser froh mit mir wandern, möge auch der rheinische Dichter Karl Simrock zurück uns winken mit den launigen Worten:
„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut!“
[Illustration: Abb. 4. Frankfurt, von Sachsenhausen gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 20.)]
Von der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main und vom alten goldenen Mainz soll die Wanderung uns führen durch die Rebengefilde des Rheingaues, durch das herrliche Rheintal selbst und durch die nicht minder schönen Nebentäler der Nahe, der Saar, der Mosel, der Lahn, der Ahr, der Sieg und der Wupper, sowie durch die schönsten Gegenden des Rheinischen Schiefergebirges, durch das jene Täler tiefe Furchen gezogen haben, bis hin nach Düsseldorf, der jung strahlenden Kunststadt am Rhein, und nach Aachen, der alten Kaiserstadt.
[Illustration: Abb. 5. Der Kaisersaal im Römer zu Frankfurt.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt. (Zu Seite 20.)]
II. Zur geologischen Einführung.
[Sidenote: Geologische Einführung.]
Zwar bedarf es nicht unbedingt der Führung eines Naturforschers, um die Schönheit, mit der die Oberfläche der Erde geschmückt ist, zu empfinden und zu genießen. Anderseits bin ich auch nicht der umgekehrten Ansicht, daß beim Genießen des Schönen der Verstand fernzuhalten sei als ein Störenfried, der manche Empfindungen, naive des Volkes, die aber von der Poesie geliebt werden, verscheuchen könnte. Herz und Verstand vertragen sich in den meisten Menschen recht gut miteinander, und für Empfindungen, die beim Fragen nach verborgenen Ursachen flüchten, melden im Herzen sich andere, die sicheren Ursprung haben und unser Gefühlsleben noch wärmer anhauchen. Auch die Geologie oder Erdgeschichte, die manches Überlieferte, so auch den Drachen, der einst am Drachenfels hauste, zur Fabel macht und manches Teufelswerk in der Natur einer phantasieärmeren Wirklichkeit zurückgibt, entschädigt uns reichlich, indem sie uns in dem Antlitz der Erde lebensvolle Züge zeigt, die wir vorher nicht kannten, nicht sahen und nicht suchten. Es wird uns, als wenn ein Marmorbild zu leben begänne. Der starre Fels, er haucht Leben, indem er uns sagt, wie er geworden, seine Schichten, so innig sie verbunden sind, entfliehen in verschiedene, weit voneinander entfernte Zeiten, das verbrannte Gestein des Kraters beginnt zu glühen, und Kiese und Sande, Lehm und Ton, die so wohl gebettet sind, beginnen zu wandern und werden ein Spiel der Fluten. Durch die unermeßlichen Räume der Zeiten eilt der Geist, die Phantasie beginnt großartige Bilder der Vergangenheit zu gestalten, zu denen der Verstand die Grundlinien eines Planes fand, und unser Herz wird erfüllt von jenem Empfinden, das dem Werden alles Großen sich beugt.
[Sidenote: Die Variskischen Alpen.]
Wenn wir so auch das Antlitz unseres schönen Rheinlandes, wie es aussah in früheren Erd-Epochen, im Geiste zu gestalten suchen, geleitet von namhaften geologischen Forschern, so schauen wir ein riesenhaftes Gebirge, ein Hochgebirge, das an die heutigen Alpen erinnert. Von dem Ostende der mittelfranzösischen Gebirgsscholle zog es sich in einem gewaltigen Bogen über Vogesen und Schwarzwald, durch Süd-, West- und Mitteldeutschland, um den Nordrand Böhmens herum bis zu den Karpathen hin. Nicht bloß diese Hauptrichtung hatte es mit den ebenfalls bogenförmig verlaufenden Alpen gemein. Es war wie diese auch ein einseitig aufgebautes Kettengebirge, das auf der konvexen Südseite, wo die höchsten Gipfel lagen, eine kristallinische Hauptzone, auf der konkaven Nordseite eine breite Zone mächtig entwickelter Sedimentgesteine besaß. Von dieser letzteren Zone des früheren mitteleuropäischen Hochgebirges, das Sueß nach dem Lande der alten Varisker, dem heutigen Vogtlande, Variskische Alpen genannt hat, ist das Rheinische Schiefergebirge, durch welches später der Rhein und seine Nebenflüsse ihre tiefen Furchen gezogen haben, der Rest eines kleinen Gliedes, ein recht armseliger Rest; denn nur das Fundament, der Sockel der einstigen Hochgebirgsfalten, blieb unserer Zeit erhalten, genug noch, um daraus die Schönheit des heutigen Rheinlandes zu gestalten.
[Illustration: Abb. 6. Der Römer und der Gerechtigkeitsbrunnen zu Frankfurt. (Zu Seite 21.)]
Der alte Hochgebirgssockel, als den wir also das Rheinische Schiefergebirge betrachten müssen, baut sich, wie schon der Name andeutet, aus schiefrigem Gestein auf. Die schiefrige Struktur des Gesteins sagt uns schon, daß es eine Meeresablagerung, ein echtes Sedimentgestein, ist. Wo der abgelagerte Schlamm sehr tonreich war, entstand der eigentliche Schiefer, dessen reinste Form der schwarzblaue Dachschiefer, wie er z. B. bei Caub gewonnen wird, ist; wo er stärker mit Sand gemischt war, bildete sich ein Gestein, das wegen seiner grauen Färbung Grauwacke genannt wird. Schiefer und Grauwacke sind die beiden Hauptgesteinsarten Rheinlands; aber zahlreiche andere Gesteine, Kalk, Sandsteine, ältere und jüngere Eruptivgesteine usw. kommen in ihm noch vor, und indem wir ihre Altersfolge festzustellen suchen, lernen wir die Wandlungen kennen, die dieses Gebiet durchgemacht hat, wie es sich hob und senkte, wie seine Oberflächenformen entstanden und verschwanden, welchen Lauf die Gewässer nahmen und schließlich das heutige Bild schufen.
[Sidenote: Urzeit. Devon.]
Die ältesten Sedimentgesteine der Erde, die sich nach der Urzeit, nach der Bildung einer festen Erdkruste um einen feurigen Kern, in den Zeitperioden des Cambrium und des Silur als Ablagerungen eines Urmeeres gebildet haben und die ersten deutlichen Spuren und Reste organischen Lebens enthalten, treten nur im Hohen Venn und in den Ardennen, und zwar verhältnismäßig spärlich zutage. Die älteste Kruste der Erde, die aus den sogenannten Urgesteinen der Gneis- und Granitgruppe gebildet wird, erscheint im ganzen Gebiete nirgendwo an der Oberfläche. Daß diese Unterlage aber nicht fehlt, wird durch die zahlreichen Einschlüsse von archäischen Gesteinen, von Granit, Diorit, Gneis, Granulit, Glimmerschiefer usw. in den vulkanischen Tuffen, Basalten und Laven des Laacher Sees, des Siebengebirges usw. bewiesen. Es kann nur angenommen werden, daß sie bei den vulkanischen Ausbrüchen aus großer Tiefe abgerissen und mit an die Oberfläche gefördert wurden. Im Hohen Venn zeigte sich bei einem Bahnbau, daß dort Granit sogar bis nahe an die Oberfläche reicht.
[Illustration: Abb. 7. Haus Frauenstein und Salzhaus am Römerberg in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.
(Zu Seite 21.)]
[Sidenote: Devonische Gesteine.]
Die Hauptgesteinsmasse des Rheinischen Schiefergebirges entstand in der Erd-Epoche, die der silurischen Zeit folgte und den Namen Devon erhalten hat. Dieselbe wurde benannt nach der englischen Grafschaft Devonshire, weil sie dort vom englischen Geologen Murchison zum ersten Male als ein selbständiges Glied der Erdrinde nachgewiesen wurde. Bei der geologischen Erforschung des Rheinischen Schiefergebirges zeigte sich, daß sie in diesem Gebiete viel vollständer entwickelt ist. Sie könnte also zutreffender als Rheinische Formation bezeichnet werden. Das Devon wird in drei Unterglieder, in das Unter-, Mittel- und Oberdevon, eingeteilt. Von diesen ist das älteste Glied, das Unterdevon, am mächtigsten entwickelt. Ihm gehören die Tonschiefer und Grauwacken, ferner der noch ältere Taunusquarzit, der besonders im Taunus und Hunsrück eine wichtige Rolle spielt, und als älteste Gesteine die Phyllite und Sericite an. Letztere, die eine schmale Zone am Südfuße des Taunus und des Hunsrück bilden, werden von einigen Forschern auch für älter als devonisch gehalten. Im Vergleich zum Unterdevon hat das Mitteldevon, wie ein Blick auf die geologische Karte[A] uns sagt, nur eine geringe Verbreitung. Die Eifelkalke, die bei Gerolstein als prächtige Dolomitfelsen aufragen, und die Lenneschiefer, die zwischen der Sieg und der Ruhr verbreitet sind und also den Boden des Bergischen Landes bilden, gehören ihr an. Das Oberdevon ist noch viel weniger verbreitet. Schichten desselben kommen nur in einer Kalkmulde bei Prüm in der Eifel, zwischen der Wupper und der unteren Ruhr im Bergischen Lande, bei Aachen und in der Lahn- und Dillgegend vor.
[Illustration: Abb. 8. Der Dom in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 21.)]
Obschon die unterdevonischen Schichten die ungeheure Mächtigkeit von etwa 3300 ~m~ besitzen, sind sie, wie aus den Versteinerungen, die sie enthalten, als den Spuren früherer Lebewesen, geschlossen werden konnte, in einem ziemlich seichten Meere, das mit unserer Nordsee verglichen werden kann, abgelagert worden. Es sind jedoch nur wenige versteinerungsreiche Bänke bekannt geworden. Um so reicher ist die Ausbeute des Paläontologen in den mitteldevonischen Kalken und Schiefern, die sich als Tiefseebildungen zu erkennen geben. Diese Schichten, besonders die Kalke der Eifel, enthalten eine solche Fülle von Versteinerungen, daß man, wie Rauff sich ausdrückt, „streckenweise keinen Stein aufheben kann, der nicht zugleich Versteinerung wäre, und daß beispielsweise in der Umgebung von Gerolstein, ohne jede Übertreibung gesprochen, die Straßen tatsächlich mit Korallen und Stromatoporen beschottert werden“. Auch die oberdevonischen Schichten enthalten stellenweise einen großen Reichtum von Versteinerungen. Außer zahllosen Muscheln aus der Klasse der Brachiopoden oder Armfüßler, Korallen, Seesternen, Seelilien und krebsartigen Tieren treten im Devon zum ersten Male auch Fische und Ammoniten auf. Die Fische hatten sämtlich ein knorpeliges Skelett gleich den Haifischen und Stören der Gegenwart, weshalb von ihnen nur wenig erhalten ist.
Als sich die devonischen Schichten ablagerten, fanden gleichzeitig viele submarine Ausbrüche von vulkanischem Gestein, von Diabasen und Aschen statt; die Schalsteine der nassauischen Gegenden haben diesen Ursprung. In Verbindung mit Kalksteinen bewirkten sie sekundär die Entstehung von Eisenerzen, besonders von Roteisensteinen, so daß im Nassauischen und in Westfalen ein bedeutender Eisenbergbau begonnen werden konnte.
[Illustration: Abb. 9. Goethe-Haus in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 22.)]
[Sidenote: Die Steinkohlenzeit.]
Auf die devonische Zeit folgte die Karbon- oder Steinkohlenzeit. Sie schuf die Ablagerungen, die das Rheinische Schiefergebirge im Norden, Osten und Südwesten säumen, im Norden in langer Ausdehnung von Valenciennes in Frankreich bis nach Marsberg in Westfalen, von da am Ostrande des Devon nach Süden herumgreifend bis über Wetzlar hinaus, im Südwesten auf kleinerem Raume an der Saar und oberen Nahe. Wir unterscheiden ein Unterkarbon und ein Oberkarbon oder das produktive, d. h. von Kohlenflözen erfüllte Steinkohlengebirge. Jenes ist in Belgien als Tiefseebildung in einer ungeheuren Mächtigkeit, östlich vom Rhein aber als Flachseebildung entwickelt, letzteres haben wir überall als die Ablagerung eines sehr seichten Meeres, in dessen Buchten sich ein ungemein üppiges Pflanzenleben entfalten konnte, aufzufassen.
[Illustration: Abb. 10. Goethe-Denkmal in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 22.)]
[Sidenote: Entstehung der Gebirge.]
Schon die bandartige Ablagerung der karbonischen Schichten an den Rändern des Rheinischen Schiefergebirges sagt uns, daß dieses zu jener Zeit anfing, sich aus den Fluten des Meeres herauszuheben, zusammen mit dem gewaltigen Hochgebirge, den Variskischen Alpen, von denen wir eingangs sprachen. Dies führt uns zu der Frage, wie wir uns die Entstehung der riesigen Gebirge, die in früherer Zeit hervorragten und wieder verschwunden sind oder, jüngeren Ursprungs, noch heute die Oberfläche der Erde schmücken, zu denken haben. Manche Theorien sind hierüber aufgestellt worden. Die Katastrophentheorie, der auch noch Humboldt huldigte, ist längst abgelöst worden von der Kontraktionstheorie, die von Lyell begründet und von Heim und Sueß weiter ausgebildet wurde und den großartigsten Vorgang der Gebirgsbildung, die Entstehung der riesigen Ketten- oder Faltengebirge, als Wirkung eines langsameren, aber allmählich immer stärker werdenden Seitenschubs erklärt. Die fortschreitende Abkühlung der Erde ist die letzte Ursache dieses Vorgangs, bei dem die oberen Erdschichten immer stärker in Falten gelegt und zu Falten aufgebogen werden. Im Rheinischen Schiefergebirge sind die einstigen Falten zum Teil nachgewiesen worden. Sie bildeten zahlreiche Gebirgszüge, die, wie am Oberflächenbilde stellenweise noch heute sichtbar ist, von Südwesten nach Nordosten strichen. Namentlich drei große Faltenbewegungen wurden wirksam. Zuerst wurde das Hohe Venn aufgebogen, dann folgte die Auffaltung des Taunus und Hunsrück und daran schloß sich unmittelbar die Aufwölbung der Eifelfalte. Jede dieser Hauptfalten war von zahlreichen Nebenfalten begleitet. Der Druck kam vorwiegend von Südwesten; doch sind auch Wirkungen einer quer hierzu gerichteten Druckbewegung, besonders in der Eifel, zu erkennen. Die karbonischen Schichten bei Aachen sind noch mitgefaltet worden, ein Beweis, daß bei ihrer Ablagerung die Faltenbewegung noch nicht begonnen hatte, die des Saargebiets dagegen nicht mehr. Die Forschungen haben ergeben, daß sich an der Stelle, wo das Saarkohlengebirge abgelagert wurde, eine wohl 5000 ~m~ tiefe Senke zwischen dem Hunsrück im Nordosten und einer anderen Hochgebirgskette im Südwesten befand. Die Gewässer, die von den beiden Gebirgen mit wildem Sturze herniederflossen, führten große Massen Quarz und Schiefergeröll mit sich fort und füllten allmählich die Senke aus. Ein großer Teil des Steinkohlengebirges, das so entstand, wurde in der dann folgenden Permzeit von den Ablagerungen des Rotliegenden überdeckt. Der ganze Ost- und Südrand des Rheinischen Schiefergebirges war in dieser Zeit wieder unter den Meeresspiegel geraten, bis zur Mosel hin, wo noch kleine Reste des Rotliegenden, die der Reisende auf der Fahrt von Trier nach Coblenz auf der ersten Strecke schaut, erhalten sind.
[Sidenote: Die späteren Erd-Epochen.]
In der nächsten Erd-Epoche, der Triaszeit, dauerte das Tiefersinken des Gebietes fort. Immer weiter dehnte sich in dem früheren Gebirgslande wieder die Herrschaft des Meeres aus, und mit neuen Ablagerungen bedeckte dieses den alten Gebirgsrumpf. Auch das Jurameer flutete wahrscheinlich noch über weiten Gebieten. In der nachfolgenden Kreidezeit dagegen war der größte Teil des Rheinischen Schiefergebirges wieder trockengelegt. In der Tertiärzeit gab es noch eine seichte Meeresbucht, das sogenannte Mainzer Becken, mit einem reichen Tierleben. Dann folgten zahlreiche Süßwasserbildungen, Geröll-, Sand-, Ton- und Braunkohlenablagerungen, auf seiner Oberfläche, besonders auf den eingesunkenen Schollen des Neuwieder und Limburger Beckens, sowie des Mainzer Beckens im Süden und der Kölner Bucht im Norden, begannen ferner die zahlreichen vulkanischen Ausbrüche, die bis in das Diluvium fortdauerten und die Vulkanberge der Eifel, die Basaltkuppen des Westerwaldes und vor allem die schöne Berggruppe des Siebengebirges schufen.
Wir verfolgten die Landbildungen, die auf dem Raume des Rheinischen Schiefergebirges in den verschiedenen Erd-Epochen vor sich gingen, und es bleibt uns noch die andere Aufgabe, auch die Vorgänge zu verfolgen, durch die das mächtige Hochgebirge und auch manche der später auf seinem Sockel wieder abgelagerten Erdschichten wieder zerstört und abgetragen wurden. Hierbei wird sich vor unseren Augen zum Schlusse das jetzige Oberflächenbild des Rheinischen Schiefergebirges gestalten.
Wie alle Gebirge, besonders die hoch gehobenen Faltengebirge, die mit starkem Gefälle fließende Gewässer hinabsenden, so unterlagen auch die alten Faltenzüge des jetzigen Rheinischen Schiefergebirges gleich nach ihrer Aufrichtung einer starken Zerstörung und Abtragung. Wieviel letztere bisher betragen hat, darüber sind erst wenige Berechnungen gemacht worden. Cornet und Briort veranschlagen in ihren Arbeiten über das belgische Karbon das Maß der Abtragung bei Namur auf 5000–6000 ~m~. Dies gibt uns eine annähernde Vorstellung, mit welchen Kräften und Leistungen wir bei der Zerstörung der Gebirge zu rechnen haben. Auch der Vergleich mit den viel jüngeren Alpen dürfte geeignet sein, eine anschauliche Vorstellung hierüber zu geben. Von ihrer stolzen Höhe büßten sie nach den Berechnungen von Professor Heim in Zürich in einem verhältnismäßig noch kleinen Zeitabschnitte ein Drittel ein, und für das heute noch 4280 ~m~ hohe Finsteraarhorn, den höchsten Berg der Berner Alpen, betrug die Höhenabnahme mindestens 1000 ~m~ an Sedimentgestein und eine nicht bestimmbare Höhe an kristallinischem Schiefer.
[Illustration: Abb. 11. Die Börse in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
Die schnelle Zerstörung, welche das alpenartige Gebirge jedenfalls in der ersten Zeit nach seiner Auffaltung erfahren hatte, verlangsamte sich, als schon in der Permzeit das ganze Gebiet sich zu senken begann. Aber eine andere Zerstörungsweise setzte mit diesem Zeitpunkte ein. Das Meer umbrandete das Gebirge und überflutete es teilweise, wie die Ablagerungen des Rotliegenden, des Buntsandsteins und noch jüngerer Erdschichten beweisen. Das gewaltige Zerstörungswerk der Meeresbrandung können wir an heutigen Küsten beobachten. Sie hobelt gleichsam das Land allmählich gleichmäßig ab, so daß, wenn sich später das Meer wieder zurückzieht, eine fast ebene Fläche zum Vorschein kommt. Besonders dürfte das Buntsandsteinmeer die Abnagung und Einebnung weiter Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges bewirkt haben.
[Sidenote: Ausbildung der heutigen Formen.]