Chapter 7 of 16 · 3836 words · ~19 min read

Part 7

Nach zwanzig Minuten haben wir von der Theodorshalle ab, nach einer einstündigen Wanderung von Kreuznach ab den freundlichen Kurort Münster a. Stein (Abb. 83) erreicht. Dort stehen wir in der Mitte zwischen den vier Berggestalten, die wir schon kennen lernten, zwischen der breiten Porphyrkuppe der Gans, den steil aufsteigenden Porphyrwänden des Rotenfels und des Rheingrafenstein, und der zierlichen Bergkuppe, die stolz die Ebernburg (Abb. 84) trägt. Und wohin wir auch schauen mögen, empor zu diesen Höhen, deren rötliches Gestein oder grünes Waldkleid sowohl im eigenen Wechsel als auch im Wechsel der Sonnenbeleuchtung so verschiedenartige und reiche Farbentöne hervorbringen, überall erscheinen vor unserem Geiste die Bilder und Gestalten der Geschichte, und die Sage, der Geschichte sinniges Schwesterlein, möchte jedes Wort mitplaudern und miterzählen in ihrer eigenen Art. Auf dem so jäh und so trotzig aus dem Bett der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein hausten einst die Rheingrafen. Sie wurden so genannt, weil sie zu Karls des Großen Zeiten, als das fränkische Reich in Gaue eingeteilt wurde, den Rheingau, der von Mainz bis Lorch reichte, erhalten hatten. Sie verloren später diesen Besitz, und ihre Burg Rheinberg fiel in Trümmer. Da siedelten sie nach Schloß Stein über, das auf einem gewaltigen, über 400 Fuß hohen Stein, der unweit Kreuznach senkrecht aus dem Naheflusse aufsteigt, lag, und seitdem hieß dieser Fels Rheingrafenstein. Später beerbten die Rheingrafen die Wildgrafen, die Nachkommen der Rheingaugrafen, und sie wurden dadurch Herren von mehreren Burgen und vielen Dörfern an der Nahe. So konnten sie auf ihrem Felsenneste, das die Sage durch den Teufel erbauen läßt, ein lustiges Leben führen. Im Umkreise, im Banne von Norheim, Treisen und Hüsselsheim wuchsen gar herrliche Weine. Einst saßen die Rheingrafen auf ihrem Schlosse beim Wein, und viele andere Ritter waren in ihrer Runde. Da sagte der Rheingraf, indem er einen riesigen Humpen aus Glas, der die Form eines Stiefels hatte, emporhob: „Wer diesen Stiefel, ihr Herren, auf einen Zug leert, dem gehört Dorf Hüsselsheim.“ In der Runde befand sich aber ein sehr trunkfester Ritter, Boos von Waldeck: „Gebt mir Brief und Siegel, Herr Rheingraf!“ rief er. Das geschah. Da nahm der Ritter den Stiefel und trank ihn in einem gewaltigen Zuge leer. Dann fiel er, noch die Worte herausstoßend: „Ich tat’s für Weib und Kinder!“ sterbend hin. Nach einem anderen Wortlaut der Sage, der ein wirkliches Begebnis zugrunde liegen soll, hätte Boos sich ganz vergnüglich umgeschaut und dann gesagt: „Gebt Ihr mir noch das Dörflein Roxheim dazu, so leer’ ich den Stiefel zum zweitenmal.“ Ein solch trunkfester Kumpan sei er gewesen.

[Illustration: Abb. 102. Bernkastel, Burg Landshut und Cues.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 106.)]

[Sidenote: Ebernburg. Oberstein. Die Achatindustrie.]

Eine Fülle von Begebenheiten weckt die Ebernburg (Abb. 84) in unserm Geiste. Zwei Männer von kühnem Geiste, ein Mann des Schwertes und ein Mann der Feder, grüßen uns beim Aufstieg zur Ruine, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten, deren Denkmal (Abb. 85) auf halber Höhe des Berges steht. Ulrich von Hutten scheint in feuriger Rede auf Sickingen einzustürmen, der, entflammt von der Rede Sinn, zum Schwert greift. Der ganze Geist der Reformation mit ihrem geistigen Ringen und ihren bitteren Kämpfen wird in uns wach. Welche politischen Zustände, welche Ohnmacht der kaiserlichen Gewalt! Ein einzelner Ritter vermag Städten und Fürsten den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Kaiser Maximilian spricht des Reiches Acht über Franz von Sickingen, der mit Götz von Berlichingen und anderen im Bunde ist, aus, aber bald muß er sich mit dem mächtigen Manne wieder versöhnen. In den Religionsstreitigkeiten stellte Franz von Sickingen sich auf die Seite Luthers. Hutten wurde sein Berater, die Triebfeder kühner Taten. Aber der Versuch, den mächtigen Nachbarn, den Erzbischof von Trier, der von Köln Hilfe erhielt, zu bezwingen, wurde Sickingens Verderben. Nach der vergeblichen Belagerung von Trier wurde er selbst in Landshut belagert. Von einer feindlichen Kugel ward er tödlich verwundet. So starb der Mann, dessen Kühnheit jeder, ob Freund oder Feind, bewundern muß.

Nachdem wir noch die 1¼ Stunde entfernte Altenbaumburg (Abb. 86) besucht haben, scheiden wir von Münster a. Stein, das ebenfalls bedeutende Solquellen hat, und wo ebenfalls alljährlich zahlreiche Kurgäste Heilung suchen, angelockt wohl auch von der Schönheit der Landschaft. Noch viele landschaftlich schöne Punkte oder geschichtlich bemerkenswerte Orte besitzt das Nahetal, wie Sobernheim und Kirn (Abb. 87 u. 88). Wir können überall nicht weilen und halten erst wieder in Oberstein (Abb. 89) Rast. Ein Wunderbau ist die dortige Felsenkirche. Die Sage erzählt, daß ein Ritter sie erbauen ließ zur Sühne für den Mord seines Bruders, den er dort von der Felswand hinabgestoßen hatte. Noch mehr ist Oberstein durch seine schönen Achatwaren bekannt. Es teilt diesen Ruhm mit dem in der Nähe im Tale des Idarbaches gelegenen Städtchen Idar; ja die ganze Gegend, ein großer Teil des Birkenfelder Ländchens, kann Anspruch auf ihn machen. Wir befinden uns in dem Gebiet der eigenartigen Achatindustrie. Wer kennt nicht die schönen, buntstreifigen Steine, aus denen allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Ohrringe, Broschen, Vorstecknadeln, Ringe, Manschettenknöpfe, Knöpfe auf Spazierstöcke, Briefbeschwerer usw., verfertigt werden! In eine goldähnliche Masse, Obersteiner Gold genannt, werden die Steine gefaßt. Die Sachen schillern in den schönsten Farben. Als Andenken und Geschenke von der Reise werden sie gern gekauft. Aber viele, die sich mit ihnen schmücken, ahnen nicht, wie viel Mühe und Not einer beschwerlichen Arbeit mit ihnen verknüpft sind. Wir können diese sehen in den zahlreichen Schleifkotten, die im Tale des Idarbaches liegen, in denen die Steine zerschnitten und dann von Arbeitern, die langgestreckt auf dem Boden liegen, geschliffen werden. Wir erkennen sie auch aus den bleichen Gesichtern der durch die mühselige und ungesunde Arbeit Abgehärmten. Dieses Bild und dann die glänzende Ausstellung der fertig abgelieferten Achatwaren in der Gewerbehalle zu Idar: es sind die immer und überall wiederkehrenden Gegensätze des Lebens. Früher wurden die Achatsteine in der Gegend selbst aus dem schwärzlichen Melaphyrgestein, in dem sie sich in Hohlräumen durch Ausscheiden von Kieselsäure gebildet hatten, gebrochen. Seitdem aus anderen Ländern, besonders aus Afrika und Südamerika, schönere Steine zu mäßigen Preisen bezogen werden können, ist der Betrieb der einheimischen Achatgruben fast ganz eingestellt worden. Eine wichtige Erfindung für die Achatindustrie war das künstliche Färben der Steine. Seit dem Jahre 1830 wird diese Kunst geübt, doch soll sie schon den Alten bekannt gewesen sein. Sie beruht auf der verschiedenen Porosität des Steins. Durch Behandlung mit Honigwasser und Kochen in Salzsäure können einzelne Streifen schwarz, mit Kupfervitriol und Ammoniak blau, mit Eisenchlorid und Schwefelzyankalium rot gefärbt werden.

[Illustration: Abb. 103. Blick auf Traben-Trarbach und die Gräfinburg an der Mosel. (Zu Seite 106.)]

[Illustration: Abb. 104. Carden an der Mosel.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 108.)]

[Sidenote: St. Johann. Saarbrücken. Spicherer Höhen.]

Wir nehmen Abschied von dem freundlich in dem Nebentälchen gebetteten Städtchen Idar. In Oberstein werfen wir noch einen Blick auf die beiden Burgruinen, die die senkrecht aufstrebenden Melaphyrfelsen malerisch krönen, und noch eine Felsennelke, die in Büscheln die Felswände schmückt, stecken wir uns ins Knopfloch. Dann müssen wir scheiden von diesem Glanzpunkte des Nahetales. Schnell führt uns die Eisenbahn über das Hügelgelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges und vorbei an Neunkirchen mit seinen rußigen Häusern, wo qualmende Schlote die großen Fabrikanlagen des Freiherrn von Stumm verraten, nach den beiden Schwesterstädten St. Johann (25000 Einw.) und Saarbrücken (28000 Einw.). Es ist ein ungleiches Geschwisterpaar, das in der fernen Südecke der Rheinprovinz an den Saarufern erblüht ist. Saarbrücken, bis 1793 Residenz der Fürsten von Nassau-Saarbrücken, ist eine alte Stadt und von etwas hügeligen Straßen durchzogen. St. Johann breitet sich als eine vollständig neuzeitliche Stadt, die ihren Aufschwung der Eisenbahn verdankt, mit seinen prächtigen Geschäftsstraßen in der Ebene aus. Durch eine Brücke sind die beiden Städte miteinander verbunden. Der Fremde sucht in Saarbrücken an erster Stelle die Stätten, die durch den deutsch-französischen Krieg vom Jahre 1870/71 denkwürdig geworden sind. Er betrachtet die Gemälde, mit denen Kaiser Wilhelm ~I.~ den Rathaussaal ausschmücken ließ -- es war dies der kaiserliche Dank für die aufopfernde Pflege der ersten Verwundeten des Krieges durch die Bürger der Stadt --, er wandert auf den kleinen Kirchhof im Ehrental, wo die an den Wunden Gestorbenen, Deutsche und Franzosen, zur letzten Ruhe gebettet wurden, von Grab zu Grab, und der staubigen Landstraße folgt er zu dem früheren Wirtshaus „Zur goldenen Bremme“, wo der erste Franzose gefangen genommen wurde, um dann den mühseligen Aufstieg zu den Spicherer Höhen zu machen und dort oben die zahlreichen Denkmäler der Gefallenen zu besuchen. Eine blutgetränkte Stätte, geweiht durch den Heldentod von Tausenden von deutschen Kriegern! Das Abendrot leuchtet über die stillen Gräber hin, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne decken auch das weite deutsche Land, das zu unseren Füßen liegt, zur Ruhe, zur Ruhe des Friedens, der aus dem Herzensblut der Tapferen uns erwuchs, zusammen mit des Vaterlandes Kraft und Stärke.

[Illustration: Abb. 105. Cochem, von der Kapelle gesehen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 106.)]

[Illustration: Abb. 106. Zell an der Mosel. (Zu Seite 106.)]

[Illustration: Abb. 107. Die Ehrenburg bei Brodenbach.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 108.)]

[Sidenote: Das Steinkohlengebirge. Neunkirchen.]

Das Steinkohlengebirge an der Saar lagerte sich nicht in einer tiefen Senke ab. Im Norden der Hunsrück und im Süden ein anderer hoher Gebirgswall, der aber jetzt verschwunden ist, faßten die Senke ein und führten ihr durch die Gewässer den Gebirgsschutt zu. Die Geologen behaupten, daß die Senke wohl 5000 ~m~ tief war. Ein neues Gebirge entstand in ihr. In den Buchten des tiefen Meeresbeckens entfaltete sich ein üppiges Pflanzenleben, und von diesem wurden die reichen Kohlenschätze, die heute der Mensch ausbeutet, mit unter die neu sich bildenden Erdschichten gebettet. Über ein Gebiet von etwa 100 ~km~ Länge und 30 ~km~ Breite reichen die Kohlenflöze des Saarbrückener Steinkohlengebirges. Vier Milliarden Tonnen sollen die Kohlenvorräte, die da aufgespeichert wurden, betragen. Es entwickelte sich ein bedeutender Kohlenbergbau, dessen Hauptgebiet zwischen Neunkirchen und der Saar liegt. Die meisten der im Betrieb befindlichen Kohlengruben sind Eigentum des preußischen Staates. Das Kohlenvorkommen rief eine hohe Blüte der Eisenindustrie, die ihre Eisenerze aus Lothringen und Luxemburg beziehen kann, hervor. Außer Neunkirchen wurden besonders Malstatt-Burbach (40000 Einw.) und Völklingen Hauptsitze dieser Industrie.

[Illustration: Abb. 108. Beilstein. (Zu Seite 108.)]

[Illustration: Abb. 109. Burg Cochem.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 109.)]

[Illustration: Abb. 110. Zeltingen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 110.)]

[Sidenote: Saarwanderung.]

Die Fahrt durch das Saartal von St. Johann nach Trier führt uns zuerst durch das fabrikreiche Bild der zuletzt genannten Orte. Dann entfaltet das Tal seine liebliche Anmut. Mit fruchtbaren Äckern und Wiesen ist es freundlich geschmückt. Waldige Höhen begleiten uns zu beiden Seiten. Wir grüßen die alte Festung Saarlouis (800 Einw.) und das Ackerbaustädtchen Merzig (7500 Einw.), das in breiterer Talmulde, umgeben von einem Kranze von Obstpflanzungen, die das Tal und die ansteigenden Höhen beschatten, umgeben ist. Enger wird dann das Tal und höher werden die Berge. Denn zwischen Merzig und Saarburg hat die Saar den Durchbruch durch den harten Quarzitrücken des Hunsrück erzwingen müssen. Die Landstraße muß in Serpentinen die Berge hinauf- und herunterklettern, und für den Eisenbahnreisenden verschwindet plötzlich das heitere Grün der Landschaft bei der Einfahrt in einen dunkeln Tunnel. Wir erreichen das verborgen in waldigem Talgrunde liegende, durch die große Steingutfabrik von Villeroi & Boch aber weltbekannte Mettlach, und weiter geht’s nach Saarburg, der Perle des Saartales. Wir steigen empor zur steilen Felswand der Klause (Abb. 91), wo der blinde König Johann von Böhmen sein stilles Grab gefunden hat, und bald grüßen uns die Rebenberge, die sich um das alte Städtchen Saarburg gruppieren. An die Stelle des Quarzits ist der Schieferfels getreten. Ernst schauen die Reste der alten Saarburg (Abb. 90), deren erster Bau schon aus dem zehnten Jahrhundert stammt, hinüber zu den Rebenhöhen, die im warmen Sonnenlichte glänzen, und hinab in das wonnige Tal, wo in Schlangenbiegungen die Saar durch grüne Wiesenauen zieht. Nur der untere Teil des Städtchens Saarburg spiegelt sich in dem Flusse, der obere jedoch erhebt sich zur luftigen Bergeshöhe. In der Unterstadt lenkt plötzlich ein tosendes Geräusch unsere Schritte, und bald stehen wir vor dem wildstürzenden, schäumenden Wasserfall des Leukbaches. Auf dem Wege von Saarburg nach Trier treffen wir, dem Flußlauf folgend, die besten Weinbergslagen der Saar an, so den Scharzhofberg und den Wiltinger Berg. Eine bekannte Marke ist auch der „Wawerner Herrenberger“.

Einst hatte die Saar, welche bei Conz in die Mosel mündet, auf ihrer untersten Strecke einen ganz anderen Lauf. Sie machte mehrere große Biegungen, die sie später abzuschneiden vermochte. Zuerst zog sie unterhalb Saarburg auf der rechten Seite eine Schleife. Dann bog sie noch weiter nach Westen aus, und zuletzt beschrieb sie einen sehr großen Bogen, über Oberemmel und Niedermennig, wieder nach Osten. Sie mündete aber ungefähr an der nämlichen Stelle wie heute.

[Sidenote: Trier.]

Es öffnen sich nun die Berge, und der helle Spiegel der Mosel blitzt vor uns auf. Mosella fließt, wo sie zuerst uns grüßt, nachdem sie schon weit gewandert durchs lothringische Land, in ziemlich breitem Tal. Ostwärts erbreitet sich dieses noch mehr, und nach kurzer Strecke hat es sich zu einem lieblichen Talkessel gestaltet, der von sanften, sonnigen Abhängen umschlossen ist. Das ist die Stelle, wo die Römer in ihrer südlichen Heimat zu weilen glaubten, wo sie an die sonnigen Gefilde Italiens erinnert wurden und sich im alten Trier (fast 50000 Einw., Abb. 92), dessen Türme bald im Bilde der anmutigen Landschaft auftauchen, ein zweites Rom -- so darf man fast sagen -- schufen.

Eine Inschrift, die am Roten Hause (Abb. 93), dem früheren Versammlungshause der Ratsherrn, das sich am Hauptmarkt von Trier erhebt, angebracht ist, sagt:

„~Ante Romam Treveris stetit annis MCCC.~“ „Vor Rom stand Trier 1300 Jahre.“

[Illustration: Abb. 111. Bertrich. (Zu Seite 110.)]

[Sidenote: Triers Vergangenheit.]

Es ist nur die mittelalterliche Sage von der Gründung Triers durch Trebeta, den Sohn des assyrischen Königs Ninus, die dieser Inschrift zugrunde liegt. Über das wirkliche Alter der Stadt weiß man nichts. Sicher ist nur, daß sich an ihrer Stelle schon eine größere keltische Niederlassung, der Hauptort der gallischen Treverer, befand, als Cäsar im Jahre 56 v. Chr. auch diesen Volksstamm unterwarf, der damals bereits zu einer höheren Kultur als die germanischen Stämme gelangt war. Die Gründung der römischen ~Colonia Augusta Treverorum~ fällt wahrscheinlich erst in die Zeit des Kaisers Augustus. Ihre Lage machte sie zu einem wichtigen militärischen Stützpunkte. Weit genug von der germanischen Grenze entfernt, um vor plötzlichen Überfällen gesichert zu sein, lag sie wieder nahe genug, um ein Heer bereit halten zu können. Die Kolonie war zugleich ein wichtiger Verkehrsmittelpunkt, in welchem das westöstlich verlaufende Moseltal von der südnördlich gerichteten Verkehrslinie des Saar- und Kylltales durchschnitten wird, und Fruchtbarkeit zeichnete die umliegenden Gebiete wie noch heute aus. Sie mußte besonders in den Zeiten als Wohnsitz bevorzugt werden, in denen die Germanen ihre verheerenden Einfälle in das römische Gebiet begannen. „In Trier und im Mosellande konnte man damals, wie Boos schreibt, eines so selten gewordenen Glückes genießen. Die heitere, rebenumsäumte Tallandschaft stimmt noch heute jedes Gemüt fröhlich. Sie erweckt das Gefühl des Behagens und der Wohlfahrt, das über den Weinländern in der Luft zu schweben scheint (Goethe). Der Südländer vergaß, daß er im unfreundlichen Norden weilte, und die ruhige Schönheit der Gegend gab der Dichtung des Ausonius einen höheren Schwung.“

Als die Germanen im dritten Jahrhundert plündernd das Moseltal durchzogen, bedrohten sie auch Trier. Ja es schien, als wenn damals schon die Römerherrschaft am Rhein ihrem Ansturm völlig erliegen müßte. Diokletian, dem Wiederhersteller des römischen Staates, gelang es aber, die Gefahr abzuwenden, indem er seinem Mitkaiser Maximinian die Verwaltung des Westens übertrug. Constantius Chlorus und Constantin der Große setzten dessen Werk fort. Um das linksrheinische Land gegen die Angriffe der Germanen besser zu schützen, wurden Burgen gebaut und die Städte stärker befestigt. Das Material für die Befestigungen nahm man, wie Boos schreibt, wo man es nur bekommen konnte. Selbst die Grabsteine früherer Geschlechter wurden als Quadern benutzt, besonders für die Fundamente. Sie enthalten die herrlichsten, instruktivsten Darstellungen aus dem häuslichen Leben der Bewohner des Mosellandes für das zweite Jahrhundert. Auch Trier, das im Jahre 286 zur Residenz der in Gallien residierenden Cäsaren oder Kaiser erhoben wurde, erhielt eine neue Befestigung und die Stadt wurde bedeutend erweitert. Sie dehnte sich jetzt von der Porta Nigra (Abb. 94), dem mächtigen Torbau, der schon aus einer früheren Zeit stammte, bis zur heutigen Vorstadt St. Matthias aus. Die feste Brücke, die noch heute auf römischen Pfeilern ruht, lag damals genau gegenüber der Mitte der Stadt. Die sie fortsetzende Hauptstraße halbierte das römische Trier und führte an den bedeutendsten Gebäuden, den Thermen von St. Barbara, dem Kaiserpalast (Abb. 95), dem Amphitheater und unweit der Basilika vorbei. Wie Trier sich zu einer glänzenden Residenzstadt entfaltete, so schmückte sich die Umgegend mit prächtigen römischen Villen. Von den Berglehnen und aus dem Grün der Moselufer schimmerten diese, und Menschen wohnten in ihnen, die den Lebensgenuß durch die Kunst zu veredeln verstanden. Ein schöner Mosaikboden in einer römischen Villa wurde z. B. bei dem Orte Nennig, der an der Eisenbahnlinie von Trier nach Diedenhofen liegt, aufgedeckt. Er ist 10 ~m~ breit und 15 ~m~ lang und zeigt in der Mitte die große Darstellung eines Gladiatorenkampfes, während den Rand kleinere Medaillonbilder schmücken. Ein berühmtes Denkmal aus der Römerzeit ist auch die Igeler Säule, ein 23 ~m~ hoher und unten 5 ~m~ breiter, als Grabdenkmal errichteter Sandsteinbau, dessen Flächen mit häuslichen und mythologischen Szenen geschmückt sind.

[Illustration: Abb. 112. Andernach.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 113.)]

[Sidenote: Trier.]

Schon zur Römerzeit fand das Christentum in Trier Eingang und daselbst einen festen Stützpunkt. Erster Bischof von Trier wurde Agricius von Antiochien im Jahre 328. Später wurde das Bistum in ein Erzbistum verwandelt. Die Trierer Erzbischöfe waren vielfach zugleich sehr wehrhafte Herren. Die Erneuerung des jetzigen Bistums erfolgte im Jahre 1802. Das mittelalterliche christliche Trier hat uns ebenso wie das römische heidnische bedeutende Bauwerke hinterlassen. Besonders die Kirchen der Stadt ragen als Kunstwerke hervor. Zum Teil sind sie aus römischen Bauten hervorgegangen, so der Dom (Abb. 96 u. 97) und die Basilika. Der römische Bau, aus dem der Dom entstand, stammte wahrscheinlich aus der Zeit Valentinians ~I.~ (364 bis 375). Er hatte eine quadratische Form und füllte die ganze Breite des jetzigen Gebäudes aus. Von den vier mächtigen Granitsäulen, die sein Inneres trugen, liegt eine in ihrer ungetümen Gestalt vor dem Eingange des Doms. Der Bau wurde nach den Zerstörungen, welche die Franken und nach ihnen die Normannen anrichteten, erneuert, bei der zweiten Renovierung durch den Erzbischof Poppo (1016 bis 1047) zugleich um ein Drittel verlängert und mit einer Apsis versehen. Der Erzbischof Hillin (1152 bis 1169) fügte noch die zweite östliche Apsis hinzu. Im dreizehnten Jahrhundert erhielten die Schiffe Kreuzgewölbe. Zuletzt, im siebzehnten Jahrhundert, wurde noch die kreisrunde, mit einer Kuppel überwölbte Schatzkammer angebaut. Was die verschiedenen Bauperioden geschaffen haben, bis wohin der ältere Bau reichte und wo eine jüngere Zeit mit ihrer Tätigkeit einsetzte, ist schon an dem Baustoff zu erkennen. Am römischen Bau wurden roter Sandstein und Ziegel, am Popponischen dagegen Kalkstein und Ziegel verwandt. An Pracht steht zwar der Trierer Dom hinter den anderen großen rheinischen Domen zurück. Aber das hohe Alter gibt ihm eine besondere Weihe, sowohl für den Gläubigen als auch für den Kunstfreund.

[Illustration: Abb. 113. Remagen.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 115.)]

Vom Dom lenken wir unsere Schritte zu der unmittelbar an ihn stoßenden Liebfrauenkirche (Abb. 96 u. 98). Mit einem freudigen Erstaunen richten wir im Innern den Blick in die Höhe, empor zu den zwölf schlanken Säulen, die das Innere tragen. Es ist ein Rundbau, der von einem Kreuzgewölbe durchschnitten ist. Man wird wohl selten einen Bau finden, in dem eine solche Harmonie, ein solches Ebenmaß der Formen herrscht, wie in dieser Trierer Liebfrauenkirche, die für das schönste Bauwerk der Frühgotik gilt. Von den übrigen Kirchen Triers verdienen noch die Basilika, von der wir schon sagten, daß sie gleich dem Dom aus römischer Zeit stammt, vermutlich aus der Zeit Constantins des Großen (306 bis 337), sowie die mit schönen Deckengemälden (Abb. 99) geschmückte St. Paulinuskirche und die St. Matthiaskirche, von denen die eine nördlich, die andere südlich von der Stadt liegt, unser Interesse. Nachdem wir noch dem reichhaltigen Provinzialmuseum, das besonders reich an römischen Fundstücken ist, einen Besuch abgestattet haben, scheiden wir von Trier, wo so herrlicher Wein uns labte, um auch anderen schönen Punkten im Moseltal einen flüchtigen Wandergruß zu bringen.

[Sidenote: Das Moseltal.]

Es fehlt der Raum, um das Moseltal, das so viele herrliche Schönheiten entfaltet, in gleicher Ausführlichkeit wie das Rheintal zu behandeln. Wir müssen uns darauf beschränken, die Eigenart dieses größten Nebentales gegenüber dem Haupt-, dem Rheintale, zu zeigen und zu begründen. Übereinstimmend ist der reiche Rebenschmuck der Bergwände, die ebenfalls aus schiefrigem Gestein bestehen; gleich ist auch die große Zahl der Burgen, die malerisch die Berge krönen; sehr ähnlich ferner das Bild der Ortschaften, die an den Fluß sich betten, und deren schiefergraue Dächer im Sonnenschein hell aufblitzen. Und doch wie verschieden ist das Gesamtbild! Weniger großartig ist das Moseltal, wie auch sein Fluß sich mit dem stolzen Rheinstrom nicht messen kann. Aber ein reicherer Wechsel des landschaftlichen Bildes ist ihm eigen. Schon die viel zahlreicheren Biegungen, die die Mosel macht, bewirken dies; denn bei jeder Biegung öffnet sich dem Auge ein neues, oft völlig anderes Bild, während sich im Rheintal jeder Blick ins Endlose verlängert. Am wenigsten ist die unterste Strecke des rheinischen Mosellaufs, von Cochem ab, durch Biegungen gegliedert, am reichsten das mittlere Drittel zwischen Bernkastel und Cochem. Dort macht der Fluß vielstundenlange Umwege, um fast zur nämlichen Stelle zurückzukehren. Am meisten nähert er sich selbst wieder nach der großen Schleife von Zell an der Stelle, wo die auf hohem Felskamm gelegene Marienburg (Abb. 100) zur Betrachtung des eigenartigen Landschaftsbildes mit einem doppelten Flußlaufe einladet.

[Illustration: Abb. 114. Die Apollinariskirche in Remagen. (Zu Seite 117.)]

[Sidenote: Die Marienburg. Von Bernkastel bis Cochem.]

Wir verlassen in Bullay das Moselschiff und steigen auf steilem Pfad zwischen Weinbergen hinan. Rückwärts schauend, erblicken wir tief unter uns den Fluß, der sich in Schlangenbiegungen hinter den Bergen verliert, und grüßen das Schifflein, das langsam die Welle durchfurcht. Bald haben wir die Gebäude der Marienburg (Abb. 101) erreicht. Es sind die Ruinen eines sagenhaften Schlosses, an dessen Stelle 1146 ein Frauenkloster gegründet wurde. Das malerische Chor der damals erbauten Kirche ist noch ziemlich gut erhalten. Wir wandeln zwischen den Trümmern und durchschreiten den in Gartenanlagen umgewandelten Burg- oder Klosterhof. Auf der andern Seite der Marienburg bleiben wir überrascht stehen. Auch dort zu unsern Füßen ein großer Flußlauf, die Mosel!

„Oftmals bewunderst du selbst im Stromlauf die eigene Rückkehr“

so sang schon der römische Dichter Ausonius, der auch die Mosel und den Hunsrück bereiste. Im Burggarten lassen wir uns nieder und erquicken uns am kühlen Wein. So sitzen wir lange. Aber immer wieder lockt es uns, hinauszutreten und die herrliche Landschaft, das Doppelbild, auf der einen Seite das Bild der Eifelhöhen, auf der andern das der Hunsrückberge, zu betrachten, bis das Schifflein kommt, das wir vorher verließen. Dann springen wir hurtig hinunter und setzen in Pünderich die Fahrt fort.

[Illustration: Abb. 115. Altenahr. (Zu Seite 118.)]