Part 2
Als die Schwankungen der Meeresgrenzen aufhörten und das Rheinische Schiefergebirge in seinem heutigen Umfange wieder als trockenes Land heraustrat, wurde seine Oberfläche von neuem modelliert, und zwar um so stärker, je höher sie gehoben wurde. Sie schmückte sich mit neuer Schönheit, indem weiches Gestein fortgeschwemmt wurde, härteres aber stehen blieb, und indem die heutigen Gewässer ihre Täler tief eingruben. Die zahlreichen Bergrücken, welche den sonst einförmigen Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges heute noch aufgesetzt sind, wie die Taunuskette, der Soon-, Idar-, Hoch- und Errwald auf dem Hunsrück, der Kondelwald, die Schneifel u. a. auf der Eifel usw. sind nur Reste härterer Gesteinsschichten, stellen aber durchaus nicht mehr die früheren Faltenzüge dar. Sie bestehen aus dem harten Quarzit, der der Verwitterung besser als die Schiefer-, Grauwacke- und Sandsteinschichten widerstand. Die Hauptachse der Taunus-Hunsrückfalte, die früher eine ununterbrochene Gebirgskette darstellte, lag z. B. südlich von der jetzigen höchsten Erhebungslinie und wird durch die dort auftretende schmale Zone der stark abgetragenen Phyllite und Sericite bezeichnet. Auch die Porphyr- und Melaphyrfelsen der Nahegegend, ferner die überaus zahlreichen Vulkanberge, besonders Basaltkuppen der Eifel, des Westerwaldes und des Siebengebirges, sowie die Kalkfelsen bei Gerolstein in der Eifel verdanken ihr jetziges stattliches Hervortreten meist nur dem Umstande, daß sie von der sie umgebenden weicheren Gesteinshülle allmählich entblößt wurden.
[Illustration: Abb. 12. Eschenheimer Turm in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu Seite 23.)]
[Sidenote: Bildung der Flußtäler.]
Die heutige Talbildung des Rheinischen Schiefergebirges hat ihren Anfang wohl erst gegen Ende der Tertiärzeit, in der Pliocänzeit, genommen. Allmählich haben der Rhein und seine Nebenflüsse, die Mosel, die Lahn, die Nahe, die Sieg, die Ahr und die Wupper, ihr Bett bis zur jetzigen Tiefe ausgenagt und dadurch die große Gebirgsscholle in mehrere kleinere zerlegt. In bedeutender Höhe der Täler finden wir die Spuren ihres früheren Laufes. Am deutlichsten sind die alten Flußterrassen im Rheintal ausgebildet, doch fehlen sie auch im Tal der Mosel und in den Tälern der anderen Flüsse nicht. Im Rheintal ist eine Hoch- und eine Niederterrasse nachzuweisen. Jene liegt etwas nördlich von Coblenz in einer Höhe von 245, bei Linz von 200, auf der Erpeler Ley von 150 und auf dem kleinen Krater des Rodderberges bei Rolandseck von 130 ~m~ über dem jetzigen Rheinspiegel; sie setzt sich mit abnehmender Höhe auch durch die Kölner Bucht als Schotterfläche der Ville, ja bis nach Cleve und Nimwegen hin fort. Diese Hochterrasse zu beiden Seiten des Tales ist der Rest des ehemaligen, sehr breiten Strombettes. In dieses begann sich der Rhein später tiefer einzugraben. Er zog hierbei von selbst seine Wassermasse enger zusammen. Tiefer sank sein Spiegel, seine steilen Uferwände wurden immer höher und wuchsen allmählich zu Bergen, auf denen in der Höhe die aus mächtigen Schottermassen bestehende Terrasse zurückblieb. Außer dieser obersten Hauptterrasse kommen an den Talwänden auch kleinere Hängeterrassen vor. Die Niederterrasse, eine untere Hauptterrasse, liegt in einer Höhe von 20–30 ~m~ über dem jetzigen Wasserspiegel und bezeichnet wieder ein längeres Verweilen des Stromes in seinem Bette. Dann begann er, sich sein heutiges Bett zu graben.
[Illustration: Abb. 13. Das Opernhaus in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
[Illustration: Abb. 14. Der Palmengarten in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu Seite 23.)]
[Illustration: Abb. 15. Im Palmenhause des Frankfurter Palmengartens. (Zu Seite 23.)]
Zu diesem tiefen Einnagen kann der Strom, wie schon erwähnt wurde, nur durch eine langsame Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges veranlaßt worden sein. Diese Aufwärtsbewegung war keine gleichmäßige, sondern ging bald langsam, bald schneller vor sich. Es hätte sonst eine Terrassenbildung nicht stattfinden können. Die Tatsache, daß die Quelle bzw. der Oberlauf der außerhalb des Rheinischen Schiefergebirges entspringenden Flüsse, der Saar, der Mosel, des Rheines (sein Lauf durch die Oberrheinische Tiefebene) jetzt tiefer liegen als die höchsten Spuren der alten Stromläufe, könnte auch so erklärt werden, daß jene außerhalb gelegenen Gebiete später eingesunken und die genannten Gewässer gezwungen worden seien, ihr Wasser aufzustauen, um schließlich über die Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges einen Abfluß zu finden. Die gleichzeitige Annahme von Spalten in letzterem erleichtert diese Erklärungsweise, nach der das Rheintal und seine Nebentäler nur als einfache Erosions-, d. h. Ausnagungstäler aufzufassen seien. Führen wir aber, wie es oben geschah, ihre bedeutende Vertiefung auf ein späteres langsames Emporsteigen des Rheinischen Schiefergebirges zurück -- und hierzu sind wir gezwungen, um den beiden Tatsachen, der früheren teilweisen Überflutung des Gebiets durch das Tertiärmeer und der Terrassenbildung gerecht zu werden --, so haben wir eine kompliziertere Talbildung vor uns, die man die vorausgehende nennt. Diese Bezeichnung will andeuten, daß der Beginn der Talbildung der Gebirgserhebung vorausgegangen war, wenn sie auch durch diese erst zum schnellern Fortschreiten angeregt wurde. Wir brauchen in diesem Falle keine großen Spaltenbildungen, die den Gewässern den Weg wiesen, anzunehmen. Solche konnten sicher bisher auch nur auf wenigen Strecken des Rheintales und seiner Nebentäler nachgewiesen werden. Einem Gebirgsspalt folgt der Rhein z. B. auf der Strecke von Braubach unterhalb Boppard bis Coblenz. Die Deutung der Täler des Rheinischen Schiefergebirges als vorausgehende Talbildungen schließt aber durchaus nicht aus, daß die außerhalb entspringenden Gewässer, also Rhein, Mosel und Saar, in früherer Zeit vor Eintritt in das Gebiet ihr Wasser seeartig aufgestaut haben, wofür besonders hinsichtlich des Rheinlaufs, der das Mainzer Becken und einen großen Teil der Oberrheinischen Tiefebene füllte, Beweise vorhanden sind. Diese Aufstauung mußte sogar in dem Maße stattfinden, als die Talvertiefung hinter der Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges zurückblieb. Auch die eingesunkenen oder in der Aufwärtsbewegung zurückgebliebenen Schollen innerhalb des Gebietes, wie das Limburger und Neuwieder Becken und die Kölner Bucht, blieben noch lange Zeit von Wasserfluten bedeckt, bis sie sich mit dem Fortschreiten der Talbildung allmählich entleerten. Der Rhein und seine Nebenflüsse begannen ihre Talbildung in den überlagernden, aber wieder abgetragenen Schichten und setzten sie ohne Rücksicht auf den Gebirgsbau der unterlagernden Schichten fort, so daß man auch von epigenetischen oder aufgelagerten Tälern sprechen kann. Von der Pliocänzeit bis zur Diluvialzeit, und zwar bis etwa zu den letzten Abschnitten der Eiszeit, in der auch schon der Mensch am Rheine wohnte, war beinahe diese ganze Erosionsarbeit der Flüsse geschehen; denn der aus der letztgenannten Zeitepoche stammende feinerdige Löß bekleidet vielfach die Gehänge der Täler, besonders des Rheintales, fast bis zur Niederterrasse herab.
[Illustration: Abb. 16. Kurfürstliches Schloß in Mainz. (Zu Seite 29.)]
[Illustration: Abb. 17. Innere Ansicht der Stadthalle in Mainz. (Zu Seite 30.)]
[Illustration: Abb. 18. Mainz.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
[Footnote A: Geologische Übersichtskarte der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen, bearbeitet von H. v. Decken. -- Geologische Übersicht von Mitteleuropa in Andrees Handatlas, ~V.~ Aufl. S. 37 38.]
III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus.
Die nördlichen Gegenden der Oberrheinischen Tiefebene, deren unterster Schlußteil das fruchtbare Mainzer Becken bildet, „behaupten,“ so sagt Kutzen, „vor den meisten Abschnitten unseres Vaterlandes, ja vor den meisten Flußtalstücken unseres ganzen Erdteils den Vorrang. Während zweier Jahrtausende waren sie ein Hauptschauplatz weltgeschichtlicher Ereignisse und insbesondere auch der Entwicklung des deutschen Volkes; denn gerade hier tummelten sich von jeher die Eroberer und Völker, von den Zeiten Ariovists und Cäsars bis zu dem Cäsar der Neufranken und seinen Gegnern. Kelten und Germanen, Römer und Hunnen, Schweden und Spanier, Russen und Franzosen versuchten sich hier gegeneinander und düngten mit ihrem Blute das Land, das, oft verwüstet, immer wieder zu neuer Blüte sich erhob. Hier gingen bei weitem die Mehrzahl der großen weltgeschichtlichen Völkerzüge über den Rhein und ließen ihre Spuren zurück, wie auch das herrliche Land selbst stets der Zankapfel der Völker war. An diesen Rheinufern blühten die Reiche der Burgunder und Nibelungen auf und später Deutschlands schöne Pfalzgrafschaft. An ihnen wuchsen jene Städte des Reiches, die Blüte deutschen Lebens, in deren Mauern entscheidende Reichs- und Kirchenversammlungen gehalten, Kaiser gewählt, gekrönt und in die Gruft gesenkt, Künste und Wissenschaften gepflegt, bedeutsame, ja auf die ganze Zivilisation umgestaltend einwirkende Erfindungen, z. B. die Buchdruckerkunst in Straßburg und Mainz, gemacht und Handelsgeschäfte im großartigsten Maßstabe gehandhabt wurden. Noch stehen als Zeugen einer gewaltigen Vergangenheit die hohen Dome und ragen mit ihren Türmen und Zinnen ehrfurchtgebietend ins weite Land hinein, von Berghöhen schauen ernste Ruinen zur Ebene herab und reden von dunklen Sagen uralter, kaum zu ergründender Tage oder von jener großen Zeit, wo die Gaue des Oberrheins noch der Mittelpunkt des Deutschen Reiches waren, wo sich alle Macht und Kraft, aller Reichtum, alle Kunst des germanischen Volkes hier konzentriert hatte. Das alles ist anders geworden; aber das schöne Land ist geblieben, um so inniger umschweben jene Erinnerungen den Wanderer und erhöhen sein Interesse für dasselbe.“
[Illustration: Abb. 19. Der Dom in Mainz, vom Markt gesehen. (Zu Seite 30.)]
[Illustration: Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (Zu Seite 30.)]
[Sidenote: Frankfurts Lage.]
Unter den oberrheinischen Städten, die die Wiege großer Zeitereignisse waren und in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, ragen noch heute besonders zwei hervor: Frankfurt am Main und Mainz. Zwar liegt Frankfurt, wo wir unsere Wanderungen durch das Land am Rhein beginnen wollen, abseits von diesem Strome. Aber an allen Vorteilen, die derselbe als Völkerstraße darbietet, hat die Stadt teilnehmen können, und so kann sie doch, obschon nur am Unterlaufe eines bedeutenden Nebenflusses, des Mains, gelegen, als eine Rheinstadt gelten. Die eigentliche Fortsetzung des großen Grabens der Oberrheinischen Tiefebene, dem der Rheinstrom folgt, bildet nicht das enge Rheintal, sondern die fruchtbare Landschaft der Wetterau, die sich nördlich von Frankfurt ausdehnt. Von dort aus öffnen sich bequeme Verbindungen nach Norden nach dem Hessenlande und nach Nordosten nach Thüringen hin und dadurch nach dem nördlichen und nordöstlichen Deutschland. So bildet Frankfurt die Brücke vom Rhein, der großen Verkehrsader des südwestlichen Deutschland, zu dem übrigen Deutschland, und dieser wichtigen Lage verdankt es die hervorragende Rolle, die es in der Vergangenheit spielen konnte und auch in der Gegenwart auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs zu behaupten vermag. Durch diese Gunst übertrifft seine Lage selbst die des benachbarten Mainz, das von der von Süden nach Norden laufenden Verkehrsstraße durch den Rheinstrom getrennt ist. Warum gerade die durch Frankfurts Lage bezeichnete Stelle am Main für eine Niederlassung bevorzugt wurde, lag in örtlichen geographischen Verhältnissen begründet. Es war nicht bloß das zufällige Vorhandensein einer Furt, die der Stadt den Namen „~Villa Franconofurd~“: Furt der Franken gab, entscheidend. Ausläufer des Vogelsberges, die nur bei Frankfurt bis an den Main heranstreichen, und eine kleine Bodenerhebung auf dem linken Mainufer sicherten auch eine bequeme Benutzung dieser Furt, während an anderen Flußstellen ein mehr oder weniger breites Überschwemmungsgebiet Hindernisse bereitete. Am Mainufer, von wo aus Frankfurt noch immer sein eigenartigstes Gesamtbild (Abb. 4) mit den beiderseitigen Gebäudereihen, mit dem stattlichen, alles überragenden Dom und den niedrig den Fluß überspannenden Brücken entfaltet, wird uns die Situation, die die Gründung der Niederlassung veranlaßte, klar. Recht bedeutend senken sich von der verkehrreichen Zeil aus die zum Main hinführenden, meist sehr engen Gäßchen. In dem Flusse aber schwimmen noch heute mehrere kleine Inseln, auf denen jetzt die alte Mainbrücke ruht, die Furtstelle bezeichnend, wo die fränkischen Heere den Main zu überschreiten pflegten. Die königliche Pfalz, die in der Frankenzeit zu Frankfurt errichtet wurde, wird zuerst im Jahre 793 als Winteraufenthalt Karls des Großen erwähnt. Ludwig der Fromme ließ daselbst 822 eine neue Kaiserpfalz, ~aula regia~, erbauen, vermutlich an der Stelle, die jetzt der sog. Saalhof einnimmt. Dadurch wuchs das Ansehen der Stadt bedeutend, 876, beim Tode Ludwigs des Deutschen, galt sie als Hauptstadt des ostfränkischen Reiches. Von der fränkischen Zeit an wurden in Frankfurt die deutschen Kaiser gewählt, und die Goldene Bulle Karls ~IV.~ bestimmte, daß die Bartholomäuskirche, d. i. der Dom, als Wahlstätte dienen sollte. Später mußte auch Aachen seinen Rang als Krönungsstadt an Frankfurt abtreten. So wurde die freie Reichsstadt, die durch Messen zugleich als Handelsplatz mächtig aufblühte, die wichtigste Stadt im Deutschen Reiche, der erst später Wien als ständiger Kaisersitz den Rang ablief (Abb. 3).
[Illustration: Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (Zu Seite 31.)]
[Sidenote: Frankfurts Vergangenheit.]
Wir begrüßen es dankbar, daß Frankfurt die Stätten der Erinnerung an seine frühere Größe und Bedeutung so treu bewahrt hat, daß wir heute noch aus dem Kaisersaal (Abb. 5) auf den Römerberg, den wichtigsten Platz im alten Stadtteil, hinabschauen können, wie es der neugewählte Kaiser tat, wenn er sich nach beendetem Festmahl auf dem Balkon der festlich versammelten Volksmenge zeigte. In dem angrenzenden Wahlzimmer, das die Kurfürsten zu ihren Vorberatungen benutzten, während der eigentliche Wahlakt in der Wahlkapelle des Domes stattfand, hält noch heute der Magistrat der Stadt Frankfurt seine Sitzungen ab. Der Kaisersaal wurde 1411 vollendet und 1838 bis 1853 neu hergestellt. Er ist mit dem überlebensgroßen Bilde Karls des Großen, den Brustbildern der übrigen Karolinger und den großen Kaiserbildern von Konrad ~I.~ (911 bis 918) bis Franz ~II.~ (1792 bis 1806), mit dem die Herrlichkeit des alten Deutschen Reiches aufhörte, geschmückt. Das Wahlzimmer wurde 1731 bis 1732 umgebaut. 1896 bis 1898 wurde das Haus zum Römer (Abb. 6), das diese historisch denkwürdigen Räume enthält, nebst zwei angrenzenden Häusern mit einer neuen, etwas zu gleichartigen spätgotischen Fassade in hoher Giebelform versehen. Die drei Häuser liegen in einer Gruppe von zwölf Häusern, die man heute insgesamt mit dem Namen „Römer“ zu bezeichnen pflegt. Von den übrigen, zum Teil sehr eigenartigen Gebäuden verdienen besonders das Haus Frauenstein, das eine bemalte Fassade im Stil des achtzehnten Jahrhunderts hat, und das neben ihm an der Ecke der Wedelgasse gelegene Salzhaus (Abb. 7), dessen schmaler Giebel ganz aus Holz geschnitzt ist, genannt zu werden. Vom Römerberg, auf dem, wohl auf die Kaiserwahl hindeutend, der Justitiabrunnen steht, lenken wir unsere Schritte durch eine Straße, die den Namen Markt führt, zum Dom hin. Es ist ein historischer Weg, den wir schreiten. Im Geiste sehen wir den Zug der Kurfürsten sich zur Wahlkapelle im Dom bewegen und grüßen den neuen Kaiser, dem die festliche Menge zujubelte. Dieses Zurückschweifen in vergangene Zeiten wird uns leicht, ja zum Bedürfnis beim Anblick der altertümlichen Häuser, die links und rechts vom Markt noch stehen blieben als stumme Zeugen jener Geschehnisse, dort rechts das Eckhaus „Zum großen Engel“, das aus dem Jahr 1562 stammt und halb im gotischen, halb im Renaissancestil erbaut ist, links ein burgartiges Gebäude, genannt das „Steinerne Haus“, das schon 1464 errichtet wurde und mit Fries, Ecktürmchen und Madonnenstatue geschmückt ist, dann wieder rechts der Tuchgaden, wo die Frankfurter Metzgerzunft, alter Überlieferung gemäß, dem nach der Krönung vorüberziehenden Kaiser den Ehrentrunk darbringen durfte.
[Illustration: Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (Zu Seite 31.)]
[Sidenote: Frankfurt.]
An dem Dome (Abb. 8) fällt uns besonders das unverhältnismäßig weit vorstehende Querschiff auf. Das kurze, dreischiffige Langhaus, ein gotischer Hallenbau, stammt aus den Jahren 1235 bis 1239. Die übrigen Teile des Bauwerks sind alle jünger, meist aber, wie auch das Langhaus selbst, Erneuerungsbauten älterer Gebäudeteile. Schon 870 ließ Ludwig der Deutsche an derselben Stelle eine Kirche, die er als Salvatorkirche weihen ließ, erbauen. Dieselbe wurde 1239 nach dem Umbau, von dem das Burghaus herrührt, dem heiligen Bartholomäus geweiht. Die Wahlkapelle stammt aus dem Jahre 1355. Am 15. August 1867 wurde der Dom durch Feuer stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung erhielt auch der bis dahin unvollendete Turm seine eigenartige Bekrönung, eine achtseitige Kuppel, die in eine Spitze ausläuft, wie es ein alter Entwurf zeigte.
[Illustration: Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (Zu Seite 32.)]
Beim Anblick dieser alten Gebäude in der enggebauten Altstadt kommt uns deutlich zum Bewußtsein, was Frankfurt in politischer Hinsicht dem früheren Deutschen Reiche gewesen ist. Die Stadt, die die deutschen Kaiser aus ihren Mauern hervorgehen sah, schenkte dem deutschen Volke auch den größten Dichter. Im „Großen Hirschgraben“ steht, vom Roßmarkt schnell zu erreichen, das Goethehaus (Abb. 9). Es ist ein für frühere Zeiten stattliches Gebäude, aus dem Erdgeschoß, zwei etwas vorgebauten Stockwerken und einem aufgesetzten Giebelhaus bestehend. Tausende Besucher aus allen Ländern der Erde durchwandern alljährlich diese durch einen großen Geist geweihten Räume, in denen der Dichter seine glückliche Jugendzeit verlebte und die ersten Werke schuf, die ihn so früh berühmt machten. Aus „Dichtung und Wahrheit“ sind wir mit den inneren Räumen schon ziemlich vertraut. Es ist das Verdienst des „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen Vereinigung, daß das denkwürdige Haus uns als ein deutsches Nationalheiligtum erhalten blieb. Dasselbe wurde seit seiner Neugestaltung im Jahre 1884 stilgemäß wie zu Goethes Jugendzeit wieder eingerichtet. Alles heimelt uns so merkwürdig an. Nun erst glauben wir dem großen Dichter näher zu sein. Wir schauen in das Antlitz des strengen Vaters und der ebenso lebensfrohen als lebensklugen Mutter, der Frau Rat, aus deren Munde wir die Worte zu vernehmen glauben, „daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechtes sie auch gewesen sei“. Sie war der gute Schutzgeist des Goetheschen Hauses. Es war ein schöner Gedanke, der bei den großen Festlichkeiten, die bei Gelegenheit des 150. Geburtstages des Dichters veranstaltet wurden, auftauchte, auch der herrlichen „Frau Rat“ ein Denkmal zu setzen, nachdem ihrem großen Sohne auf dem benachbarten Goetheplatze schon 1844 ein solches (Abb. 10) errichtet worden war. Die Frankfurter Bürgerinnen, die deutschen Frauen griffen ihn mit Begeisterung auf, im stillen flossen die Mittel und bald kann an seine Verwirklichung gedacht werden. Durch eine solche Ehrung wird sich die deutsche Frauenwelt selbst ein Denkmal setzen. Wenn wir den Hof des Goethehauses durchschreiten, gelangen wir zu einem Neubau, in dem 1897 das Goethemuseum eröffnet wurde.
Das neuere Frankfurt blüht mächtig wieder auf. Die letzte Volkszählung ergab eine Bevölkerung von rund 340000 Einwohnern. Noch immer ist die Stadt einer der bedeutendsten Handelsplätze Deutschlands, besonders ein wichtiger Geldmarkt (Abb. 11). Ein lebhafter Verkehr flutet durch die Zeil, die Hauptgeschäftsstraße Frankfurts, und prächtige Schauläden locken unsere Augen. Die Fortsetzung der Zeil bildet nach der einen Seite hin die Neue Zeil, nach der anderen, vom Roßmarkt ab, die schöne Kaiserstraße, die zum Hauptbahnhofe hinführt. Prächtig sind auch die Anlagen, die an Stelle der früheren Festungswerke getreten sind. Ihnen folgend, gelangen wir an dem schönen Eschenheimer Turm (Abb. 12) vorbei zu dem großartigen Opernhause (Abb. 13). Mehr lockt den Fremden wohl noch der berühmte Palmengarten (Abb. 14), der weiter außerhalb seitwärts von der Bockenheimer Landstraße liegt. Hinter dem großen, am Eingang gelegenen Blumenparterre, auf dem vom zeitigen Frühjahr an bis in den späten Herbst hinein ein ununterbrochener Blumenflor in kunstreichen Zeichnungen und vielfarbigen Mustern einen entzückenden Anblick darbietet, erhebt sich das im Jahre 1879 in deutschem Renaissancestil erbaute Gesellschaftshaus, in dem täglich zweimal Konzerte der Palmengarten-Kapelle stattfinden. Unmittelbar an das Gesellschaftshaus, nur durch große Glasscheiben getrennt, schließt sich das Palmenhaus (Abb. 15) an. Eine ideal aufgebaute tropische Landschaft zeigt sich unserem überraschten Auge. Wir bewundern die stolzen Palmen, die malerisch hängenden Farnkräuter und nicht weniger den so frischgrünen eigenartigen Rasen. Wenn sich das abendliche Halbdunkel in diesen seltsamen Raum schleicht, so fühlen wir uns, traumverloren auf einer Bank sitzend, in eine andere Welt versetzt, in die bisher nur die Phantasie uns trug. Plötzlich zuckt das elektrische Licht hell auf, und ein neuer magischer Zauber durchdringt den Raum. Seltsam stehen die Pflanzengestalten da, und eigenartige Schattenbilder decken den Boden. Dieser Tropentraum ist mit das Schönste, das Frankfurt uns mitgibt auf den weiteren Reiseweg.
[Illustration: Abb. 24. Kreuzaltar in der Peterskirche zu Mainz. (Zu Seite 32.)]
[Sidenote: Mainz.]
Wo der Main in den Rhein einmündet, an der Innenseite des Knies, das letzterer an dieser Stelle macht, liegt die alte Stadt Mainz. Ihr Gesamtbild (Abb. 18) und die Eigenart und Wichtigkeit ihrer Lage überschauen und erkennen wir am besten, wenn wir auf der stattlichen, schönen Rheinbrücke stehen, die nach dem gegenüberliegenden Kastell hinführt. Unter uns rauschen die Wogen des majestätischen Stroms, der soeben seine Vereinigung mit seinem bedeutendsten Nebenflusse vollzogen hat. Noch hat sich ihr Wasser nicht vermischt. Neben dem grünen Rheinwasser ziehen die dunklen Fluten des Mains dahin. Erst wo der Rhein am Binger Loch sich in ein enges Felsenbett zusammendrängen muß, findet die eigentliche Vermählung der beiden Gewässer statt. In herrlicher Lage steigt vor uns das Häuserbild von Mainz, mit der großen Stadthalle im Vordergrund, auf. Majestätisch, mit beherrschender Hoheit, reckt sich der Dom aus ihm hervor. Heller Sonnenglanz liegt auf den Dächern und Türmen der Stadt, auf der weiten Ebene, die rings sich ausdehnt, und auf den grünen Gehängen des Taunus, dessen Höhen im Nordwesten emporsteigen, und das ganze Bild mit Häusern, Türmen, Rebengehängen, Brücken und Schiffen spiegelt sich in den breiten Wasserflächen der beiden Ströme, über deren leicht bewegte Wellen überall ein helles Glitzern huscht. Das ist das „Goldene Mainz“, das in der Römerzeit und im Mittelalter so glanzvoll strahlte, und das nach seinem Niedergange auch in der Gegenwart neuen Glanz zu entfalten beginnt.
[Illustration: Abb. 25. Homburg vor der Höhe. Gesamtblick von der Ellerhöhe aus gesehen.
Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft in Steglitz-Berlin. (Zu Seite 35.)]
In der Römerzeit hatte Mainz fast noch eine größere Bedeutung als Köln. Es konnte wie dieses sich nähren von einer fruchtbaren Umgebung, es beherrschte weithin nicht bloß das Rheintal, sondern auch das Maintal, und ein wichtiger Punkt war es ferner deshalb, weil es ziemlich in der Mitte der langen römisch-germanischen Grenzlinie, wo die beiden Schenkel derselben in einem stumpfen Winkel zusammenstießen, lag und einen starken Stützpunkt darstellte, der vor Angriffen durch zwei breite Stromläufe geschützt war. Bereits die Kelten hatten die Wichtigkeit dieser Lage erkannt, und eine größere keltische Niederlassung bestand schon, als Drusus daselbst ein stehendes Winterlager errichtete. Diese römische Festung war eine der größten am Rhein. Sie faßte zwei Legionen, also, wenn wir die Auxiliartruppen hinzurechnen, eine Truppenzahl von etwa 20000 Mann. ~Moguntiacum~ scheint das Hauptquartier des Drusus gewesen zu sein. Denn die römischen Soldaten setzten daselbst ihrem geliebten Feldherrn ein Denkmal, das in den Urkunden Drusilek, im Volksmunde aber Eigelstein genannt wird. Noch ragt die kegelförmige Ruine dieses Römerdenkmals auf der Zitadelle empor. Vor demselben fand in römischer Zeit alljährlich als Totenfeier eine Leichenparade statt. In der Nähe steht noch ein anderes Denkmal, der Ehrenbogen, der dem Germanicus (gest. 19 n. Chr.), dem Sohn des Drusus, errichtet wurde.
[Illustration: Abb. 26. Das Schloß zu Homburg vor der Höhe.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 35.)]
[Illustration: Abb. 27. Das Saalburg-Kastell. Wiederaufgebaut. Porta Praetoria. (Zu Seite 36.)]
Eine bedeutende römische Ansiedelung konnte ~Moguntiacum~ erst werden, als die römische Grenzlinie nach der Eroberung des Taunuslandes weiter nach Norden vorgeschoben wurde und die Stadt nunmehr auch die nötige Sicherheit und Ruhe für andere Ansiedler bot. Die Erbauung des ~Castellum Mattiacum~ auf der rechten Seite an der Stelle, wo heute Kastel liegt, rückte Mainz in die zweite, ja nach Errichtung des Limes oder Pfahlgrabens (vgl. eine spätere Stelle in diesem Abschnitt) sogar in die dritte Verteidigungslinie. Über den Rhein wurde eine feste Brücke geschlagen, deren steinerne Pfeiler auf einem Pfahlrost ruhten und eine hölzerne Brückenbahn trugen. Als im Jahr 1880 an der nämlichen Stelle der Bau der neuen festen Rheinbrücke begonnen wurde, stieß man auf die Eichenpfähle, die von den Römern in den Strom gesenkt worden waren. Es war ein glücklicher Gedanke, aus diesen Resten ein geschichtliches Andenken zu gestalten. Es wurde aus ihnen ein Pfeiler der alten Römerbrücke rekonstruiert, der im Hofe des erzbischöflichen Schlosses Aufstellung fand. Nach Fundstücken konnte auch festgestellt werden, daß das großartige Bauwerk während der Regierungszeit des Kaisers Domitian um das Jahr 89 n. Chr., und zwar durch die vierzehnte und zweiundzwanzigste Legion aufgeführt wurde. Als im dritten Jahrhundert die germanischen Stämme der Alemannen und Franken ihre verheerenden Einfälle in das Römergebiet unternahmen, wurde die Brücke zum Schutze der Stadt Mainz zum Teil abgebrochen. Unter Diokletian fand aber ihre Wiederherstellung statt. Ihre endgültige Zerstörung fällt wohl in die Zeit nach Valentinian.
[Illustration: Abb. 28. Nauheim.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]
[Illustration: Abb. 29. Kronberg.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]
Mainz war Sitz des römischen Statthalters von Obergermanien und daher auch der Verwaltung mit zahlreichen Beamten. Die Zivilisten, die Händler und der Troß des Heeres wohnten vor der Stadt. Auch die entlassenen Soldaten, die sog. Veteranen, schlugen daselbst ihr Heim auf, nachdem sie sich mit eingeborenen Frauen verheiratet hatten. Die Kolonie, die auf diese Weise heranwuchs, erhielt erst unter Diokletian, nach 293, Stadtrechte und ward von da ab ~Civitas~ genannt.
[Illustration: Abb. 30. Friedberg.