Chapter 3 of 16 · 3907 words · ~20 min read

Part 3

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

So fluten die Erzählungen der ältesten Geschichte von Mainz durch unsern Geist, wie dort unten die Wogen des Stromes sich drängen, die da kommen und gehen und keine dauernde Gestalt annehmen, oder wie die Rheinnebel aus dem Strome aufsteigen, die den Glanz des Goldenen Mainz verdunkeln wollen. Vierhundert Jahre dauerte die Herrlichkeit der Römerherrschaft, dauerte auch die Herrlichkeit des römischen Mainz. Die über den Limes, über den Rhein drängenden Germanen legten es in Trümmer. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht dann das Mainz des Mittelalters, fast glänzender noch als das der Römerzeit, auf. Zwar melden glaubwürdige Nachrichten, daß die Anfänge des Christentums bis ins vierte Jahrhundert, bis zum Jahre 368 zurückreichen. Aber erst im achten Jahrhundert gewann das christliche Mainz wieder eine beherrschende Stellung in der neu sich bildenden Kulturwelt. Der heilige Bonifatius (Winfried, gest. 755) erhob das dortige Bistum zu einem Erzbistum und verlieh dem neuen Erzbischof zugleich das Primat über ganz Deutschland. Durch das ganze Mittelalter hindurch behielt die Stadt eine hohe, besonders politische Bedeutung. Ihre zentrale Lage in dem damaligen Deutschland ermöglichte es den Erzbischöfen von Mainz, die zugleich zu den sieben Wahl- oder Kurfürsten des Deutschen Reiches gehörten, enge Beziehungen nach allen Seiten zu unterhalten. Ihr Einfluß war unter den deutschen Fürsten daher sehr groß. Die Stadt selbst wußte sich die Rechte einer freien Reichsstadt zu sichern. Im Jahre 1254 wurde in ihren Mauern der deutsche Städtebund zur Sicherung des Landfriedens gegründet. Derselbe umfaßte während seiner kurzen Blütezeit über 100 Städte von Basel bis zum Meere. Mainz war sein Haupt. Der Handel der Stadt blühte mächtig auf, ihr Reichtum wuchs, und mit Recht hieß sie das „Goldene Mainz“. Zwei Jahrhunderte dauerte diese Zeit der Hauptblüte. 1462 verlor Mainz seine meisten Rechte. Die frühere freie Reichsstadt wurde jetzt den Erzbischöfen untertan, und über ihr thronte, Gehorsam fordernd, die kurfürstliche Burg.

[Illustration: Abb. 31. Schloß Friedrichshof.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

Die strategische Wichtigkeit der Lage von Mainz am Zusammenflusse von Rhein und Main machte die Stadt zu einem Zankapfel der Völker. In Kriegszeiten ward sie fast niemals verschont. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten nacheinander die Schweden (1631), die Kaiserlichen (1635) und die Franzosen (1644) dieselbe. Ihre starken Festungswerke wurden von letzteren auch 1688 eingenommen, und 1792 wurde sie von ihnen ohne Kampf zum dritten Male besetzt. Nach der französischen Herrschaft, von 1816 bis 1866, war Mainz deutsche Bundesfestung. Im neuen Deutschen Reiche hat Mainz zusammen mit Köln die Sicherung der Rheinlinie übernommen. So ist es noch heute ein Waffenplatz ersten Ranges und seiner Geschichte treu geblieben bis zur Gegenwart.

[Illustration: Abb. 32. Königstein.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

[Illustration: Abb. 33. Soden.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

Am Rheinufer hat Mainz sich in jüngster Zeit durch Anlagen bedeutend verschönert. Die Rampe der prächtigen Brücke, das unterhalb derselben sich erhebende alte kurfürstliche Schloß (Abb. 16), ein aus rotem Sandstein aufgeführter, umfangreicher Bau, der schon 1627 begonnen, aber erst 1754 vollendet wurde, ferner die riesige Stadthalle und die nach dem Rhein sich öffnenden Torbauten geben der Rheinpromenade einen malerischen Rahmen und Schmuck. Die Konzerte, die an mehreren Abenden der Woche in der Stadthalle (Abb. 17) abgehalten werden, locken besonders in der Sommerzeit zahlreiche Spaziergänger zu der Rheinpromenade hin. Vielbesucht sind auch die „Neuen Anlagen“, die weiter oberhalb, am Sicherheitshafen und an der Eisenbahnbrücke, am Rheinufer auf einer kleinen Anhöhe geschaffen wurden. In umgekehrter Richtung gelangt der Spaziergänger zu den großen Hafenanlagen von Mainz, dem Zollhafen, dem Allgemeinen Hafen und einem zweiten Sicherheitshafen, der zugleich als Floßhafen dient. Gleich Mannheim, Cöln und Ruhrort ist Mainz heute wieder ein wichtiger Stützpunkt der Rheinschiffahrt.

[Illustration: Abb. 34. Eppstein im Taunus, vom Malerplatz aus gesehen.

Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu Seite 39.)]

Aus der Rheinpromenade führen uns zahlreiche, quer zum Rhein laufende Gassen in die unansehnliche, enggebaute, aber doch wieder interessante Altstadt von Mainz. Bald stehen wir auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Dom (Abb. 19 und 20). Gewaltig ragt der Bau mit den sechs Türmen vor uns auf, in dessen einzelnen Teilen eine seltsame Stilmischung, die von so vielen Jahrhunderten erzählen will, zum Ausdruck kommt. Unter den drei großen romanischen Domen von Mainz, Speier und Worms ist er der älteste. Schon im Jahr 978 begann der Erzbischof Willigis seinen Bau, dicht neben einer älteren Kirche. Noch am Tage der Einweihung, im Jahre 1009, wurde das Werk ein Raub der Flammen. Durch Erzbischof Bardo wurde der Dom wiederhergestellt. Aber eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte ihn 1081 von neuem. Die hölzerne Decke wurde nun, um die Feuersgefahr zu vermindern, durch eine steinerne ersetzt. Das Langhaus erhielt damals seine heutige Form. Dohme nennt es in seiner „Deutschen Baukunst“ ein „Werk, gewaltig in den Massen, einheitlich in der Gesamterscheinung, aber einfach, wie es Bauten zu sein pflegen, in denen der Architekt noch mit den konstruktiven Gedanken ringt“. In den Kämpfen des Erzbischofs Arnold mit der Bürgerschaft (1155 bis 1160) wurde der Dom von der letzteren als Festung benutzt. Wieder zerstörte dann im Jahre 1191 ein Brand seine oberen Bauteile. Mit der Reparatur wurde eine großartige Erweiterung des Baues verbunden. Das westliche Querschiff mit dem Hauptchor und der achteckigen Kuppel, sowie der Kapitelsaal wurden angefügt. Die Zeit der Gotik erdachte für das bis dahin romanische Bauwerk noch einen herrlichen Schmuck: Sie umgab das Langhaus mit einem gotischen Kapellenkranze, wodurch dasselbe aus einem dreischiffigen in einen fünfschiffigen Bau umgewandelt wurde, schmückte den Dom mit einer glänzenden Fensterarchitektur und mit Ziergiebeln und gab Türmen und Dächern ein mehr gotisches Gepräge. Noch viele Wandlungen, zum Teil wieder durch Brandschäden veranlaßt, hat der wundervolle Bau durchgemacht, der durch alles, was die Jahrhunderte beigefügt oder in ihrem Sinne verändert haben, eins der interessantesten Bauwerke für die Geschichte der Baukunst geworden ist. Aus dem verwüsteten Zustande, in dem ihn die französische Zeit hinterlassen hat, ist er mit großen Opfern gerettet worden, so daß er nun wieder in einer Vollendung dasteht, wie ihn keine Zeit seit den Tagen des höchsten Glanzes gesehen hat.

[Illustration: Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im Taunus.

Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu Seite 39.)]

Vom Dome wandern wir weiter zu dem nahe gelegenen Gutenbergplatz, auf dem seit dem Jahre 1837 ein Denkmal (Abb. 21) des Erfinders der Buchdruckerkunst steht, das von Thorwaldsen in Rom modelliert wurde. Zwischen den Jahren 1450 und 1455 stellte Gutenberg in Mainz zuerst gedruckte Bücher mit Metallbuchstaben her. Wie seine Erfindung nach mancher Richtung in Dunkel gehüllt ist, so läßt sich auch nicht bestimmt sagen, ob so viele Häuser in Mainz mit vollem Grund mit der Ausübung der neuen Kunst in Verbindung gebracht werden.

Mainz besitzt viele historisch oder architektonisch interessante Gebäude. Hingewiesen sei auf den Holzturm und den Eisenturm, die von der alten Stadtbefestigung noch übrig geblieben sind, auf das Haus „zum Boderam“ (Abb. 22) am Markt, auf das alte Gymnasium (Abb. 23), den ehemaligen Kronberger Hof, der zwischen 1604 und 1626 erbaut wurde, auf den ehemaligen Knebelschen Hof, der sich durch einen reichen Renaissance-Erker im inneren Hof auszeichnet, auf die frühgotische St. Stephanskirche, die als doppelchörige Hallenkirche von 1257 bis 1328 auf einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut wurde, sowie auf die doppeltürmige Peterskirche, die in der französischen Zeit, insbesondere der heutige Kreuzaltar (Abb. 24), dem Kultus der Göttin der Vernunft diente. Diese letztere Kirche erhebt sich unmittelbar an dem großen, baumgeschmückten Schloßplatze, und vor uns liegt das schon erwähnte kurfürstliche Schloß (Abb. 16), dessen ausgedehnte Räume seit 1842 als römisch-germanisches Zentralmuseum dienen und eine hochbedeutende Sammlung römischer und germanischer Original-Altertümer enthalten. Beim Durchwandern der Säle und beim Betrachten der interessanten Fundstücke wird die ganze Geschichte der Stadt Mainz und des rheinischen Landes noch einmal in uns wach. Die prächtige, mit schönen Anlagen geschmückte Kaiserstraße, in die wir durch einen nordwestlichen Ausgang des Schloßplatzes einbiegen, aber zaubert uns das Bild des neuen Mainz (90000 Einw.) vor, wie es sich nach dem Hinausschieben des engen Festungsgürtels zu gestalten begonnen hat. Prächtige Gebäude fesseln den Blick, und am Ende der Kaiserstraße taucht der Hauptbahnhof vor uns auf.

[Illustration: Abb. 36. Schloß Biebrich.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

[Illustration: Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

[Sidenote: Umgebung von Mainz.]

Nachdem wir in den beiden Städten Frankfurt und Mainz, die die Ausgangspunkte unserer Rheinwanderung bilden sollen, Umschau gehalten haben, wollen wir einen Blick auch in das sie umgebende Land werfen, um den Boden, auf dem sie erwuchsen, genauer kennen zu lernen. Es ist ein weites, meist flaches, stellenweise aber hügeliges Land, das sie umbettet. Fruchtbare Äcker dehnen sich meist vor uns aus; stellenweise aber trat an die Stelle des Ackerbaues die Gemüsezucht, für deren Erzeugnisse die beiden Städte eine gute Absatzquelle bilden, so südwestlich von Mainz, wo auch eine bedeutende Spargelzucht betrieben wird; große Obstanlagen schaut ferner das Auge, die uns schon verraten, daß wir uns in der Gegend befinden, wo der beste Apfelwein herkommen soll; auch Rebenschmuck fehlt nicht der Landschaft, in der hier und da große, wohlhabende Dörfer auftauchen, und deren Bild endlich vervollständigt wird durch dunkle Kiefernwaldungen, die zwar selten, in weiten Abständen voneinander erscheinen und meist die niedrigen Anhöhen bedecken, diese von weitem schon als Sandhügel kennzeichnend. Bei schönem, klarem Wetter braucht der Blick nicht bei diesen nahen Bildern zu verweilen. Er schweift in die nebelige Ferne, wo rings sich die Linien von höheren Erhebungen abzeichnen. Im Nordwesten säumt der hohe Zug des Taunus, der „Höhe“, wie man im Lande sagt, den Horizont, von Norden streichen die Ausläufer des Vogelsberges, der gewaltigsten Basaltmasse Deutschlands, heran, im Osten grüßen des Spessart waldbedeckte Höhen, im Südosten erscheinen des Odenwaldes liebliche Abhänge, im Südwesten läßt das freundliche Bergland der Pfalz den Blick weiter schweifen, einerseits nach dem hochgewölbten Donnersberg und anderseits nach dem Soonwald des Hunsrück, und nur im Süden bleibt der Horizont frei, dem Rheine den Lauf zu diesem schönen, reichen Lande öffnend. Rings also Höhen und in der Mitte ein eingesenktes, ein eingesunkenes Land, ein Becken, das nach der ziemlich in der Mitte gelegenen Stadt Mainz das Mainzer Becken genannt wird. Diese Bezeichnung drückt nicht bloß, den plastischen Bau der Landschaft anzeigend, einen geographischen Begriff aus, sondern ist zugleich ein geologischer Begriff. Das „Tertiärbecken von Mainz“ reiht sich den Tertiärbecken von Wien, von Paris und London mit ihrer reichen Kulturentwicklung würdig an. Die Süßwasserbildungen, die in dem seichten Meeresbecken entstanden, sind meist fruchtbare Bodenarten. Am wichtigsten sind die Mergelschichten, die die glücklichste Bodenmischung darstellen, indem sie sowohl den nötigen Sandgehalt, der sie locker macht, als auch den nötigen Tongehalt, der sie wasserhaltig, und endlich auch einen bedeutenden Kalkgehalt, der sie fruchtbar macht und ihre schnelle Erwärmung fördert, besitzen. Andere Bodenarten sind die Taunusschotter, die weniger fruchtbar sind, aber dem Weinbau genügen, Geschiebelehm, der als Ackerboden wertvoll ist, Sand, der nur stellenweise dem Anbau dient, und Löß, der wieder von großer Fruchtbarkeit ist. Der Sand, der bei Mainz und Darmstadt auftritt, ist echter Flugsand. Dünenzüge sind erkennbar. Auch das Auffinden von dreikantigen Steinen, deren Form nur durch Windwirkung entstanden sein kann, beweist den Dünencharakter. Nach oben gehen die Dünenzüge allmählich zu dem feineren Löß über. Aus diesen Erscheinungen müssen wir folgern, daß Deutschland im späteren Diluvium teilweise, wenigstens im nördlichen Teile der Oberrheinischen Tiefebene, Steppencharakter hatte. Auf den höheren Abhängen schlossen sich an die Steppe Waldgebiete an; denn im Löß werden neben echten Steppentieren auch andere Tiere in Überresten gefunden, deren Leichen durch Wasserfluten angeschwemmt wurden.

[Illustration: Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]

[Sidenote: Das Mainzer Becken.]

Verlassen wir hiermit das Bild früherer Erdzeiten, die noch nicht lange hinter uns liegen, und wenden wir uns der Betrachtung des heutigen Bildes der Landschaft zu! Von allen Randgebieten des Mainzer Beckens lockt uns keines so wie der Rheingau, der sich so sonnig zu den Füßen des hochragenden Taunuszuges bettet, über den der warme Hauch der südlichen Winde weht, und wo noch mehr die Glutstrahlen der Mittagssonne helfen, ein goldenes Weinland, vielleicht das gepriesenste auf Erden, zu schaffen. Und zu den Vorzügen, die Windeshauch und Sonnenschein der reich gesegneten Landschaft bringen, gesellt sich ein dritter, der dieselbe nicht minder berühmt gemacht hat. An vielen Stellen sprudeln aus dem Erdboden warme Quellen, die schon von den Römern als Heilquellen benutzt wurden, und die in unserer Zeit das Land der Reben zum Ziele von Tausenden machen, die entweder Genesung suchen oder in den zahlreichen, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens ausgestatteten Badeorten nur ein angenehmes und genußreiches Leben suchen.

[Illustration: Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]

Für den Besuch der zahlreichen Badeorte, die am Südabhange des Taunus oder auf dem Taunus selbst, anmutig in die Täler gebettet, liegen, ist teils Frankfurt, teils Mainz der geeignetste Ausgangspunkt. Als solcher kommt für einige auch Höchst (16000 Einw.), die erste Station der schon 1839 eröffneten Taunusbahn von Frankfurt nach Mainz, wo sich die großartigen Höchster Farbwerke befinden, in Betracht.

[Sidenote: Homburg vor der Höhe.]

Das vornehmste unter den Taunusbädern ist Homburg vor der Höhe (10000 Einw.) (Abb. 25), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt des deutschen Kaisers Wilhelm ~II.~ geworden ist. Das dortige Schloß (Abb. 26), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg war, wurde 1680 bis 1685 von dem Landgrafen Friedrich ~II.~ aufgeführt und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert. Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad erbaut.

[Illustration: Abb. 40. Das Rathaus in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]

[Sidenote: Die Saalburg.]

Eine elektrische Bahn führt uns bequem von Homburg zu der 420 ~m~ über dem Meere gelegenen Saalburg. Dort grüßt uns ein lebenswahres Bild der Römerzeit. Das in seiner ganzen Anlage freigelegte Römerkastell ist wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt worden. Es bildet ein Rechteck von 221 × 146 ~m~, mit einem Flächeninhalt also von über 32000 ~qm~. Die Ecken sind abgerundet. Vier Tore führten in das Kastell. Auf der Südseite öffnet sich uns die 8,2 ~m~ breite ~Porta decumana~. Eine 3 ~m~ hohe Mauer und zwei Spitzgräben umgeben die Anlage. Am 11. Oktober des Jahres 1900 wurde durch Kaiser Wilhelm ~II.~, der ein hohes Interesse für den Wiederaufbau der Saalburg bekundete, der Grundstein zum Hauptgebäude in der Mitte, zum ~Praetorium~ (Abb. 27), unter Veranstaltung eines glanzvollen Festes gelegt. Vor diesem Bau, der als Limes-Museum dient, wurde dem ersten Erbauer der Saalburg, dem römischen Kaiser Antoninus Pius, ein Denkmal errichtet.

[Sidenote: Der Limes.]

Die Saalburg bildete ein Glied der 542 ~km~ langen Befestigungslinie, mit welcher die Römer den unterjochten Teil Germaniens umzogen, um das Land vor den Einfällen der übrigen germanischen Stämme zu schützen, des Pfahlgrabens oder Limes. Derselbe begann bei Kehlheim an der Donau, lief als rätischer Limes von dort nach Lorch bei Stuttgart und als obergermanischer Limes über Miltenberg am Main, über den Taunus und über Ems und endete am Rhein bei Rheinbrohl. Er bestand aus einer Grenzmarkierung, aus einem Erddamm mit aufgesetzter Mauer und davorliegendem Graben und aus etwas zurückliegenden Wachttürmen und Kastellen. Die Grenzmarkierung bestand entweder nur aus Steinen oder streckenweise auch aus Palisadenreihen. Ursprünglich war wohl nur diese Anlage, die man einen ~limes perpetuus~ nannte, vorhanden. Die Palisaden bildeten ein Annäherungshindernis und für die Patrouillen einen Schutz. Als später der Erdwall angelegt wurde, verlor die Grenzmarkierung ihre Bedeutung. Die Wachttürme waren anfangs Holz-, später Steintürme. Sie lagen gewöhnlich 30 ~m~ hinter dem Erdwall und etwa 750 ~m~, also auf Signalweite, voneinander. Kastelle waren überall dort angelegt, wo ein Flußlauf die Befestigungslinie kreuzte. Am rätischen Limes waren sie, weil dort die Bodenform eine günstige war, selten, um so zahlreicher am obergermanischen. Bisher sind etwa 70 Kastelle bekannt. Die größten hatten einen Innenraum von etwa 60000 ~qm~ und eine Besatzung von 1000 Mann, die mittleren waren 20000 bis 35000 ~qm~ groß und mit 500 Mann belegt, die kleinsten maßen nur 5000 bis 8000 ~qm~ und hatten nur eine kleine Besatzung. Alle hatten die Aufgabe, Flußtäler und Straßen zu sperren. Sie waren also Sperrforts und als solche festungsmäßig mit Türmen versehen und mit Ballisten, d. h. Wurfgeschützen ausgerüstet. Die Besatzung mußte imstande sein, kleine Feindesscharen zurückzuweisen, größere aber so lange aufzuhalten, bis die Legionen herankamen.

[Illustration: Abb. 41. Das Kurhaus in Wiesbaden.

Nach einer Photographie von Hofphotograph Karl Schipper in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]

Auf das Verhalten der unruhigen, kriegs- und wanderlustigen germanischen Volksstämme übte die Anlage des römischen Pfahlgrabens eine bedeutende Wirkung aus. Der Grenzverkehr wurde scharf überwacht, und bewaffnete Überschreitung der Grenzlinie war verwehrt. Die Bewegung des germanischen Volkes wurde dadurch vorläufig zum Stillstand gebracht. Da es aber für die in starker Vermehrung begriffene Bevölkerung an weiteren Weideplätzen bald fehlte, waren die Westgermanen gezwungen, von der Viehzucht zum Ackerbau überzugehen und feste Siedelungen anzulegen. So nahm die Not den zum Nomadenleben neigenden Germanen in eine harte und um so nützlichere Schule. Erst als seßhafter Ackerbauer konnte er die zivilisatorischen Elemente in sich aufnehmen und verbreiten (Mommsen).

[Sidenote: Kronberg. Altkönig. Feldberg.]

Von der Saalburg aus würde uns der Pfahlgraben zum Fuße des Feldbergs, der höchsten Erhebung (880 ~m~ hoch) des Taunus, hinführen. Es hat einen gewissen Reiz, so einen Patrouillengang römischer Soldaten nachzuahmen. Genußreicher ist aber die Besteigung des Feldbergs von dem westlicher gelegenen Kronberg aus. Darum kehren wir nach Homburg zurück und statten von dort noch mittelst der Eisenbahn dem Städtchen Friedberg (Abb. 30) und dem Badeorte Nauheim (Abb. 28) einen Besuch ab.

Nach Kronberg (Cronberg, Abb. 29) führt von Frankfurt eine Eisenbahnlinie, die bei Rödelheim von der Homburger Bahn abzweigt. Das Städtchen liegt, umgeben von Obstpflanzungen und Kastanienwäldern, an einem Hügel und wird von dem im dreizehnten Jahrhundert erbauten Schloß überragt. Der weit sichtbare Turm bietet eine prächtige Aussicht dar. Wir schauen hinab auf die zahlreichen zierlichen Landhäuser, die meist Eigentum Frankfurter Familien sind, zum Teil die Frankfurter Malerkolonie bildend. Nordöstlich grüßt uns das Schloß Friedrichshof (Abb. 31), der ehemalige Witwensitz der Kaiserin Friedrich.

[Illustration: Abb. 42. Der Kochbrunnenplatz in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]

Von Kronberg sind viele besuchenswerte Punkte leicht zu erreichen. Nordwestlich steigen die Burgruine Falkenstein, das Stammschloß des gewaltigen Erzbischofs Kuno von Trier, sowie die Trümmer der Bergfestung Königstein (Abb. 32), die 1796 von den Franzosen geschleift wurde, vor uns auf. Weiter nördlich ragt, in der Richtung auf den Feldberg zu, die 798 ~m~ hohe Bergkuppe des Altkönig empor. Sein Gipfel ist von zwei riesenhaften Ringwällen umgeben, die aus vorrömischer Zeit stammen und wohl von einem keltischen Volke herrühren, das dort seine Opfer- und seine Zufluchtsstätte in Kriegszeiten hatte. Der äußere Wall hat einen Umfang von 1389 ~m~, der innere von 982 ~m~. Der Große Feldberg (880 ~m~), dem sich links der 827 ~m~ hohe Kleine Feldberg vorlagert, ist ganz von Wald bedeckt. Nur der Gipfel, auf dem drei Gasthäuser stehen, und von dem man bei hellem Wetter einen ausgedehnten Rundblick genießt, ist frei. Auf ihm liegt ein riesiger, 12 ~m~ breiter und 3 ~m~ hoher Quarzblock, der schon in einer Urkunde vom Jahre 812 genannt und 1043 als Brunhildenbett bezeichnet wird.

[Sidenote: Soden. Eppstein. Biebrich.]

Eine dritte Taunusfahrt, die wir von Frankfurt aus unternehmen, führt uns nach dem kleinen Badeort Soden (Abb. 33). In dem Tale, in welchem es gebettet ist, entspringen 24 kohlensäurereiche, 9 bis 22 Grad warme Kochsalzquellen, deren Wasser zusammen mit der milden Luft des Ortes besonders Kehlkopfleidenden Linderung bringt. Und als eine vierte Tour sei die nach dem in tiefem Tale gelegenen Eppstein (Abb. 34) empfohlen, das durch seine alte Burg (Abb. 35) und seine malerischen Fels- und Waldpartien ein Lieblingsaufenthalt für Maler geworden ist.

Die übrigen schönen Punkte am Südabhange des Taunus und in dem Rebengarten des Rheingaues erreichen wir am bequemsten von Mainz aus. Eine kurze Stromfahrt führt uns zwischen zwei langgestreckten Rheininseln, der Ingelheimer Aue und der Petersaue, auf der 840 Kaiser Ludwig der Fromme starb, hindurch, immer im Anblicke der Taunushöhen, nach der am rechten Rheinufer gelegenen Stadt Biebrich (20000 Einw.), deren rege Gewerbtätigkeit zahlreiche Fabrikschornsteine ankünden. Unser Ziel ist das von 1704 bis 1706 im Barockstil erbaute Schloß (Abb. 36) des früheren Herzogs von Nassau, späteren Großherzogs von Luxemburg, und in dem Schloßpark bewundern wir die schöne Kastanienallee, deren alte Bäume sich durch eine ungewöhnliche Größe auszeichnen, und betrachten, den Geist in die Vergangenheit versenkend, die kleine Moosburg. Zwar wurde diese erst 1806 aufgeführt, jedoch auf den Trümmern der alten Kaiserpfalz Biburk, die 874 Ludwig der Deutsche bewohnte.

[Illustration: Abb. 43. Griechische Kapelle am Neroberg bei Wiesbaden.

(Zu Seite 41.)]

[Sidenote: Wiesbaden.]

Von Biebrich erreichen wir in etwa einer Stunde Wiesbaden (Abb. 37), das bedeutendste und besuchteste unter den Taunusbädern, wo jährlich etwa 130000 Kurgäste zusammenströmen. Die Hauptsaison ist im Frühling und Herbst. Früher als anderswo hält ja der Lenz dort seinen Einzug, und im Herbst lacht ein heiterer Himmel, wie er in einem Weinlande lachen muß. Im Sommer aber ist die Temperatur zu warm und schwül, und manche Kurgäste reisen dann ab nach kühleren Orten. Etwa die Hälfte der obengenannten Zahl der Kurgäste mag auf Durchreisende entfallen, die übrigen nehmen längeren Aufenthalt. Die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die für diese geschaffen worden sind, haben auch viele Rentner und pensionierte Beamte, besonders höhere Offiziere angelockt und bestimmt, in Wiesbaden ihren dauernden Wohnsitz zu nehmen. Dadurch wuchs die Stadt bedeutend an; sie zählt heute über 100000 Einwohner. Prächtige Alleenstraßen durchziehen dieselbe, wie die mit schattigen Platanenreihen geschmückte Wilhelmsstraße, wie die Rheinstraße, der Bismarck- und Kaiser Friedrich-Ring und die nach Biebrich zu führende Adolfsallee; inmitten schmuckvoller Anlagen oder auf Plätzen erheben sich schöne Denkmäler, wie das der Kaiser Wilhelm ~I.~ (Abb. 38) und Friedrich ~III.~, des Fürsten Bismarck und des in Wiesbaden verstorbenen nationalen Dichters Gustav Freytag; viele stattliche und stilvolle Gebäude geben ferner der Stadt Glanz und Ansehen, wie das Königliche Theater (Abb. 39), das Königliche Schloß, welches 1883 renoviert wurde, das Rathaus (Abb. 40), das im Jahre 1907 eröffnete prunkvolle neue Kurhaus (Abb. 41), die katholische Kirche, die Ringkirche u. a. Von den zahlreichen Quellen Wiesbadens ist der wichtigste Sprudel der Kochbrunnen (Abb. 42), der am Ende der schönen Trinkhalle entspringt und eine Vereinigung von 15 Quellen darstellt. Stündlich liefert er 22800 ~l~ sehr kochsalzreiches Wasser. Die Temperatur desselben beträgt 69° ~C~. Schon Plinius spricht von den heißen Quellen Wiesbadens, das in Römerzeit, ~Aquae Mattiacorum~, als Hauptort der später fast ganz romanisierten Mattiaken aus einem Kastell rasch emporblühte. Er berichtet, daß ihr Wasser, nachdem es geschöpft wäre, drei Tage warm bliebe. Das Kastell wurde wahrscheinlich schon von Drusus angelegt. In fränkischer Zeit hieß der Ort Wisibada und bildete den Hauptort des Königssundragaues.

[Illustration: Abb. 44. Schlangenbad, von der Wilhelmshöhe gesehen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 41.)]