Part 4
So sehr uns auch das glanzvolle Badeleben lockt, so angenehm es sich sitzt am Kurhause inmitten des Blumenflors oder wandert durch den schattenkühlen Kurpark, mehr noch zieht es uns hinauf auf die Höhen ringsum, die mit schmucken Villen so reich geschmückt sind. Das lohnendste Wanderziel bildet der Neroberg, auf dessen Höhe die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle (Abb. 43) im hellen Sonnenlichte glanzvoll erstrahlen. Wir können einen doppelten Weg wählen, und jeder verheißt eine genußreiche Wanderung. Wir folgen entweder dem Nerotal und später dem Philosophenwege oder der villengeschmückten Kapellenstraße, die uns nicht sofort zum Gasthofe des Nerobergs, sondern zuerst zur griechischen Kapelle hinführt. Oben entfaltet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt (Abb. 37) und eine umfassende Aussicht auf das Rheintal; über den Mainzer Dom schweift der Blick bis zu den Nebellinien ferner Gebirge, bis zur Bergstraße und zum Melibocus.
[Illustration: Abb. 45. Rauenthal.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Langenschwalbach. Schlangenbad.]
Nordwestlich von Wiesbaden liegt, schon auf der Hochfläche des Taunus, dessen hoher, aus Quarzit[B] aufgebauter Rücken nach Norden in ein fast wagerecht liegendes Plateau übergeht, das Bad Langenschwalbach (3000 Einw.), gewöhnlich nur Schwalbach genannt. In ein freundliches Wiesental hat sich das Städtchen, das schon im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als ein Luxusbad ersten Ranges glänzte, gebettet. Merian beschrieb die dortigen kalten Quellen, von denen die bedeutendsten der Stahlbrunnen und der Weinbrunnen sind, im Jahre 1665 mit folgenden Worten:
„Das Wasser ist sehr kalt, von Farben vberauß schön, hell, wie ein Crystall durchscheinend, zu trinken gar lieblich (wiewohl es einem anfangs seltzsam vorkompt), am Geruch stark wie ein newer verjährter Wein, also, daß man bißweilen meynet, man wollt’ nießen.“
Etwa 5000 Kurgäste, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechtes, beleben in der Saison den sonst so stillen Ort, besonders Bleichsüchtige und Nervenleidende. Indem wir wieder herniedersteigen von dem Taunusplateau, führt uns der Weg nach dem kleinen, nur aus etwa 50 Häusern bestehenden Badeorte Schlangenbad (Abb. 44), der in einem Waldtal ein so reizendes Plätzchen gefunden hat. Seine Quellen gehören zu den erdig-mineralischen Mineralwässern und liefern ein klares, völlig geruchloses Wasser von 29 bis 32° ~C~, das besonders bei Hautkrankheiten und Nervenschwäche heilbringend wirkt.
[Illustration: Abb. 46. Eltville.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 47. Der Marcobrunnen.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Der Rheingau.]
Nach kurzer Wanderung von Schlangenbad weiter talwärts nehmen uns sonnige Rebengelände auf. Der gepriesene Rheingau lacht mit seiner Weinfülle uns entgegen. Vielleicht schon zur Merowingerzeit wurde dieses Land in einen Rebengarten verwandelt. Seit alters führt es seinen inhaltsvollen Namen, der es so innig mit dem Rheine vermählt. Von allen Gauen am stolzen Strom wurde nur einer nach diesem benannt, der Rheingau, der auf der rechten Seite des Rheintales bis Lorch reichte und dieses alte Weinstädtchen noch mit umfaßte. Ursprünglich war er ein königliches Gebiet, das 961 und 983 von den Ottonen an Mainz überlassen wurde. Ein bis zur Undurchdringlichkeit verwachsener Baumverhau umgab dasselbe damals und schloß es wie eine Festung ab. Den heutigen Umfang erhielt der Weinbau im dreizehnten Jahrhundert. Als die Rheingaugrafen 1279 verdrängt worden waren, setzten die Mainzer Erzbischöfe einen Statthalter (Vicedom) ein, der aber bis zum Jahre 1527 den Rheingauer Landtag befragen mußte. Erst als der große Bauernaufstand niedergeschlagen war, begann die unmittelbare Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe. Viele Jahrhunderte hindurch ist nun schon der Weinbau im Rheingau die Quelle des Wohlstandes. Vorübergehend kamen zwar Zeiten, in denen die Einkünfte aus demselben zu wünschen ließen. So wirkte das Verschwinden der zahlreichen kleinen Herrschaften in Deutschland ungünstig ein; denn die Fürstenhöfe waren früher die besten Absatzquellen. Daß damals die Rheingauwinzer ihren herrlichen Wein selbst trinken mußten, war an sich ja eine schöne Sache; aber die Taschen blieben dabei leer, und der Kopf wurde hitzig. In unserer Zeit hat der wachsende Wohlstand den Rheingauer Weinen neue, zahlkräftige Kunden gebracht. (Näheres über Weinpreise der besseren Marken siehe in dem letzten Abschnitte über den rheinischen Weinbau.)
[Illustration: Abb. 48. Kloster Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 49. Kelterraum in Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Rheingauwanderung.]
Die Wanderung durch die Rebengefilde des Rheingaues ist, da das Herz von vornherein schon so frohgestimmt ist, etwas gar Schönes. Sonnig, meist schattenlos ist zwar der Weg, der uns von Schlangenbad über Rauenthal (Abb. 45) nach dem lieblich am Rhein gelegenen Städtchen Eltville oder Elfeld (4000 Einw.) (Abb. 46), von dort über Erbach am Marcobrunnen (Abb. 47) vorbei nach Hattenheim, dann nach der einst so berühmten Benediktinerabtei Eberbach (Abb. 48), wo wir uns in dem schönen Kelterraum (Abb. 49), dem früheren Refektorium, gern der weinkundigen Mönche, die dem Steinberger zu seinem berühmten Namen verhalfen, erinnern, weiter über Hallgarten am Schloß Vollrads vorbei nach Schloß Johannisberg (Abb. 50), wo der König der Weine und der Wein der Könige gezogen wird, und schließlich über Geisenheim (4000 Einw.) (Abb. 52), wo sich die Königliche Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau befindet, nach dem weinberühmten Städtchen Rüdesheim (5000 Einw.) (Abb. 51). Östrich und Winkel, nicht weniger bekannte Weinorte, ließen wir bei dieser Wanderung abseits am Rheine liegen. Wohlgepflegte Weinberge schaute überall unser Auge, und berühmte Namen klangen an unser Ohr, die ein Gefühl der Hoheit dieses Landes in uns weckten. Doch wenn es auch einem gewöhnlichen Sterblichen nicht vergönnt ist, von den edelsten Weinen des Rheingaus in Fülle zu trinken oder auch nur davon zu kosten, auch das andere Gewächs läuft wie Feuer durch unsere Adern, und wenn wir in diesem Weinglück, in der Begeisterung, die eine solche Wonne dem Menschen gibt, hinaufsteigen zum Niederwald, dann öffnet sich beim Anblick des Germaniadenkmals das Herz zu jenem weihevollen Empfinden, das alle deutschen Brüder, das ganze deutsche Vaterland hineinziehen möchte in dieses Glück, in dieses Glück am Rhein.
[Illustration: Abb. 50. Schloß und Dorf Johannisberg.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Das Nationaldenkmal.]
Das Germaniadenkmal (Abb. 53) wurde am 28. September 1883 im Beisein des Kaisers Wilhelm I. und vieler deutscher Fürsten enthüllt. Sechs Jahre war an ihm gearbeitet worden, die Bausumme betrug 1⅒ Millionen Mark. Als im Jahre 1877 am 16. August der Grundstein zu dem Denkmal gelegt wurde, begleitete Kaiser Wilhelm ~I.~ die ersten Hammerschläge mit den Worten:
„Wie mein Königlicher Vater einst dem deutschen Volke vor dem Denkmal zu Berlin zurief, so rufe ich heute von dieser bedeutungsvollen Stelle den deutschen Völkern zu: Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachahmung!“
[Illustration: Abb. 51. Rüdesheim, vom Rochusberg gesehen. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 52. Geisenheim. (Zu Seite 43.)]
Die Gestalt der Germania wurde nach einem Entwurfe des Professors Schilling in Dresden gegossen. Sie mißt 10,60 ~m~, mit dem Sockel, der mit den sinnreichen Darstellungen: „Krieg“, „Friede“, „Des Kriegers Abschied“ und „Des Kriegers Heimkehr“ geschmückt ist, aber 34 ~m~.
[Illustration: Abb. 53. Nationaldenkmal auf dem Niederwald. (Zu Seite 44.)]
[Illustration: Abb. 54. Bingen und der Niederwald. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Blick vom Nationaldenkmal. Der Mäuseturm.]
Der Blick vom Denkmal entfaltet ein ebenso reiches als prächtiges Bild. Er reicht über den ganzen Rheingau und die Taunuskette, schweift zu der weiß schimmernden Rochuskapelle und zur Burg Klopp, die, überragt von dem Scharlachkopf, über dem Städtchen Bingen (10000 Einw.) (Abb. 54) thront, folgt dem Laufe der Nahe, die aus einer Bergspalte zu kommen scheint und zwischen Bingen und Bingerbrück in den Rhein mündet (Abb. 55), mißt den breiten Strom, der aus der weiten Ebene kommt und nun westwärts in enger Talspalte, im Binger Loch (Abb. 57), verschwindet, und grüßt den Mäuseturm (Abb. 56), der auf einer kleinen Rheininsel so schmuck emporsteigt, fast schlanker noch als der hohe Turm der Burgruine Ehrenfels (Abb. 56), die aus der rechten Talwand herausragt. Die beiden Bauten wurden einst errichtet, um die Schiffahrt, die an dieser Stelle auch durch Felsenriffe behindert war, bis die preußische Regierung umfangreiche Sprengungen vornehmen ließ, sperren zu können. Mäuseturm heißt soviel als Turm zum „Mûsen“, d. h. Ausschauen. Er wurde von dem Erzbischof Willigis von Mainz erbaut. Das Volk aber knüpfte an ihn die grausame Sage, daß dort der geizige Erzbischof Hatto, weil er dem Volk das Brot verteuerte, von Mäusen zur Strafe aufgefressen worden sei.
[Footnote B: Über den geologischen Bau des Taunus-Hunsrück vgl. Abschnitt ~V~.]
IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.
[Sidenote: Eine Rheinfahrt.]
Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen, die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder, die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns auftauchen.
Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem Aufstieg zum Niederwalddenkmal -- sauer war er uns geworden -- sind wir vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen, die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.
[Illustration: Abb. 55. Nahemündung, Bingen, Scharlachkopf und Bingerbrück. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Burg Rheinstein.]
In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas! Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte. Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor. Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren! Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme! Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war, meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ (Abb. 58) ist ihr jetziger Name. Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689 in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal. Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen. Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.
[Illustration: Abb. 56. Der Mäuseturm und Burg Ehrenfels. (Zu Seite 48.)]
[Sidenote: Falkenburg. Sooneck. Heimburg.]
Weiter geht die Fahrt. Da ist kein Auge, das nicht die neuen Bilder mit Spannung erwartet und freudig grüßt. Im Reisehandbuch und auf der Karte wird aufmerksam die Fahrt verfolgt. Sollen doch die schönen Bilder weiter leben, zusammen mit ihren berühmten Namen! Längst liegt Aßmannshausen (Abb. 59) hinter uns, und auch Burg Rheinstein auf der anderen, der linken Rheinseite entschwindet jetzt unseren Blicken. Die lange Häuserreihe des Ortes Trechtingshausen, überragt von den Ruinen der Falkenburg (Abb. 60), einer der Raubburgen, die der rheinische Städtebund 1252 zerstören ließ, gleitet vorüber.
[Illustration: Abb. 57. Das Rheinknie bei Bingen. (Zu Seite 48.)]
Dann steigt, über dem Eingang einer engen Bergschlucht, der schlanke Turm der prächtigen Burg Sooneck (Abb. 61) empor. Auch sie erstand durch Fürstengunst aus ihren Trümmern. Der „Prinz von Preußen“, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, erwarb sie zusammen mit seinem Bruder Prinz Karl von Preußen und ließ sie von 1834 ab neu herstellen. Ihr erster Erbauer war der Erzbischof Willigis von Mainz, der zu Anfang des elften Jahrhunderts lebte. Aber später wurde sie, gleich der Falkenburg, ein Räubernest, und König Rudolf von Habsburg ließ sie zerstören. Neu erstand sie aus ihrem Schutt, bis spätere Zeiten sie wieder zerstörten. Daß die Burg Sooneck auch in unserer Zeit in neuer Pracht hergestellt wurde, verdankt sie der prächtigen Aussicht, die sie darbietet. „Seeartig erscheint von den Zinnen der Burg aus in ruhiger Majestät der Spiegel des Stromes, grüne Inseln spiegeln sich in seinem Bette, und die üppigen Weingelände von Lorch (Abb. 62) und Trechtingshausen scheinen sich auf den Strommauern fortsetzen zu wollen. Wild starren über den Weinbergen, die rechts den edlen Bodentaler liefern, die Felsklippen empor; ein Bergpfad durchzieht die finstere Schlucht der Burg zu Füßen; er führt auf des Soonwaldes wildreiche Höhen, wo der Eber noch den Boden aufwühlt und der Hirsch mit den gewaltigen Stangen den Buchenwald durchästet“ (Mehlis).
[Illustration: Abb. 58. Schloß Rheinstein. (Zu Seite 50.)]
[Sidenote: Lorch.]
Bis südlich von Lorch (Abb. 62), das schmuck auf dem rechten Ufer bald vor uns auftaucht, während links das langgestreckte Dorf Niederheimbach und die Heimburg grüßen, bauen sich die Talwände aus Taunusquarzit auf. Es war ein mühevolles Werk, das der Rheinstrom beim Einsägen in dieses harte Gestein auszuführen hatte. Noch hat er es nicht ganz vollendet, noch lauern überall Quarzriffe unter seinem Wasserspiegel, besonders bei niedrigem Wasserstande die Schiffahrt sehr gefährdend. An vielen Stellen mußten, wie am Binger Loch, umfangreiche Sprengungen vorgenommen werden, um diese überhaupt möglich zu machen. Auf der folgenden Strecke, auf der der Rhein den Hunsrückschiefer zu durchfurchen hatte, war das Werk wohl leichter. Aber manche harte Felsbänke durchsetzen auch dort den Strom und lassen ihn wild aufbrausen, so am Wilden Gefährt bei Bacharach, ferner bei Caub, wo die Pfalz, eine kleine Burg, auf einem Felsen mitten im Strom erbaut ist, sowie besonders auf der Strecke zwischen dem Kammereck und der Lorelei. Mit dem Eintritt in den Hunsrückschiefer geht zugleich eine große Veränderung in dem Gepräge der Landschaft vor sich. Während der Quarzit eine ziemlich gleichmäßig zusammengesetzte Gesteinsmasse bildet, ist der Schiefer in seinen einzelnen Lagen oft sehr verschieden beschaffen und von ungleicher Härte. Infolgedessen sind die Formen, die die Verwitterung und die gewaltsame Zerstörung durch den Strom und der einmündenden Bäche entstehen ließen, mannigfaltiger, und malerischer ist das Bild der Felswände, die ihre wuchtige Gesamterscheinung durch einen reichen Wechsel zwischen beleuchteten kleinen Vorsprüngen und dunkeln Klüften beleben können.
[Illustration: Abb. 59. Aßmannshausen. (Zu Seite 50.)]
Zwischen trotzigen Schieferwänden geht also die Fahrt weiter. Schon gleich die Ruinen der hinter dem Städtchen Lorch aufragenden Burg Nollich zeigen sich uns auf zackigem Schieferberge. Ein scharfer Felsgrat tritt aus dessen südwestlichem Abhange heraus, die Teufelsleiter genannt. Ein Ritter von Lorch soll einst an dieser Stelle hinaufgeritten sein, um durch diese kühne Tat die Hand eines Edelfräuleins zu erringen. Lorch selbst ist ein sehr alter Ort. Schon 844 wird es als Lorecha erwähnt. Im Mittelalter wohnten daselbst viele Adlige, die, nach dem Wortlaut einer Urkunde, ein „Leben wie im Paradiese“ führten. Auch heute hat Lorch noch manche historisch interessante Gebäude. Die aus dem dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert stammende Martinskirche, die sich durch ihr herrliches Geläute auszeichnet, enthält mehrere bemerkenswerte Grabdenkmäler, so das Denkmal des Ritters Johann Hilchen von Lorch, eines Waffengenossen Sickingens, der „in den Zügen gegen den Erbfeind, den Dürcken, und den König zu Francreich in den Jahren 1543 und 1544 oberster Veltmarschalck“ war. Auch das fünfstöckige Wohnhaus dieses Ritters wird in Lorch noch gezeigt.
[Sidenote: Wispertal. Fürstenberg. Bacharach.]
Bei Lorch mündet das Wispertal in das Rheintal. Kalte Winde führt es diesem zu, Bergwinde, die die im Rheintale aufsteigende warme Luft zu ersetzen suchen und dem Weinbau viel Schaden zufügen.
[Illustration: Abb. 60. Die Falkenburg (Schloß Reichenstein). (Zu Seite 52.)]
Von Lorch und Burg Nollich wenden wir den Blick ab und schauen nach links auf die gegenüberliegende Bergwand, die den kalten Windhauch des Wispertales empfängt. Von der Höhe grüßen uns die Ruinen der Burg Fürstenberg. Einst fuhr ein neugewählter deutscher Kaiser, Adolf von Nassau war es, hier vorbei, auf dem Wege zur Krönung nach Aachen. Da gebot die pfälzische Besatzung dieser Burg seinem Schifflein Halt und forderte trotzig den Rheinzoll. So geschehen im Jahre 1292. Noch sinnen wir nach über eines solchen Kaisers Herrlichkeit, der seine Kaiserwürde verzollen mußte, da taucht, schimmernd im Lichtglanze des Tages, das alte ehrwürdige Städtchen Bacharach (2000 Einw.) (Abb. 63) aus den Fluten vor uns auf. Malerisch überragen es die roten Sandsteinbogen einer gotischen Kirchenruine und die weitläufigen Mauertrümmer der oft und heiß umstrittenen Burg Stahleck. Das Schiff mäßigt die Fahrt, um an der Landebrücke anzulegen, und in Muße können wir das Bild betrachten, dessen einzelne Züge so viele historische Erinnerungen in uns wecken. Die mittelalterlichen Stadtmauern, die von der Burg herabkommen und noch fast die ganze Stadt umschließen, machen uns schon klar, daß diese eine lange Geschichte zu erzählen weiß. Im Mittelalter wurde kaum ein Ort mehr genannt als Bacharach, und auch in der weiten Welt war es überall bekannt. Kamen doch von dort die herrlichsten Weine, wie Widtmanns musikalisches Kurzweil aus dem Jahre 1632 uns meldet, worin es heißt:
Zu Klingenberg am Main, Zu Würzburg an dem Stein, Zu Bacharach am Rhein, Hab’ ich in meinen Tagen Gar oftmals hören sagen, Soll’n sein die besten Wein’!
[Illustration: Abb. 61. Schloß Sooneck.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 52.)]
[Sidenote: Bacharach. Stahleck.]
Wohl haben Bacharachs Rebengehänge eine günstige Lage; denn unterhalb der Stadt macht der Rhein eine Biegung, so daß auf dieser Strecke die linke Bergwand mehr Sonnenbestrahlung und den warmen Hauch von Süden empfängt. Aber dennoch ist die Lage nicht so hervorragend günstig, und es sind nur mittelmäßige Weine, die bei Bacharach und in der Umgegend, so im Blüchertal, das den beliebten Steeger liefert, wachsen. Der hohe Ruf der Weine von Bacharach in früherer Zeit hatte einen anderen Grund. Im Mittelalter war die Stadt der Stapelplatz für die meisten Weine, die im oberen Rheintal und in dem angrenzenden Rheingau, der besten Weingegend Deutschlands, wuchsen. Die zahlreichen Felsklippen im Rhein machten nämlich die Schiffahrt zwischen Bacharach und Bingen fast unmöglich. Die herrlichen Rheingauer Weine mußten auf Fuhren nach Bacharach gebracht werden und wurden dort erst auf die Schiffe verladen. So galten sie als Bacharacher Weine. Die frühere Bedeutung hat Bacharach mit der Erweiterung der Rheinschiffahrt und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlieren müssen. Doch besitzt es noch immer einige Bedeutung auf dem Gebiete des Weinhandels. Denn in den Tälern von Steeg, von Oberdiebach und Manubach wächst eine Fülle von Wein. Im Innern macht Bacharach einen altertümlichen Eindruck. Noch viele alte Fachwerkbauten, Giebelhäuser mit weit vorstehendem und dadurch schwerfällig überhängendem Obergeschoß engen die Straßen ein. Ein altberühmtes Fachwerkhaus mit turmartigem Erker, das aus dem Jahre 1568 stammt, wurde 1897 zum Teil auf Staats- und Provinzialkosten neu hergestellt. Hinter der spätromanischen Peterskirche steigt auf einer kleinen Anhöhe der auch als Mauerruine noch schöne Bau der ehemaligen Wernerskirche vor uns auf. In zierlichem gotischem Stil war diese 1293 in Form eines Kleeblattes erbaut worden; das Maßwerk in den Fensteröffnungen, in denen nun der Wind sein Spiel treibt, veranschaulicht noch die edlen Formen des Baues. Nun hinauf zur Burg Stahleck! An der Einmündung des breiten Steeger- oder Blüchertales, das den Zugang zur Hochfläche des Hunsrück bildet und auch von Blücher als Marschroute auf dem Zuge nach Frankreich gewählt wurde, gelegen, war sie ein strategisch wichtiger Punkt. Nicht weniger als achtmal wurde sie im Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1620 und 1640, nebst der Stadt von den Franzosen erobert, die sie auch 1689 zerstörten.
[Sidenote: Die Pfalz. Caub. Oberwesel.]
Von Eindrücken, die frühere oftmalige Einkehr im alten Bacharach zurückgelassen hatte, durfte ich in Kürze erzählen. Nur zu schnell setzt sich unser Schiff „Lohengrin“ wieder in Bewegung, und neue Bilder verdrängen die alten. Die zierliche Pfalz, mitten im Strome gelegen und von dessen Wogen oft wild umbraust, läßt uns vorübergleiten, und rechts begleitet uns die lange Häuserreihe von Caub, überragt von der Burg Gutenfels, die vor kurzem ausgebaut wurde. Am Ufer steht, der Pfalz gegenüber, seit 1894 ein Denkmal Blüchers (Abb. 65). Es ist die Stelle, wo dieser mit einem preußischen und einem russischen Armeekorps in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. Mit Hilfe der Cauber Schiffer wurde die Pontonbrücke geschlagen, für die die Felsklippe der Pfalz einen vortrefflichen Stützpunkt darbot. Bei Caub wird der beste rheinische Dachschiefer gewonnen. In dem schwärzlichen Gestein, dessen Farbe die Sonnenstrahlen stärker auf sich sammelt, gedeiht auch vortrefflich die Rebe.
Mit freudigem Staunen wenden wir uns dann dem prächtigen Bilde zu, das am linken Stromesufer im Rahmen einer der schönsten Landschaften des Rheintales erscheint, dem mit Kirchtürmen, Ringmauern und zinnengekrönten Türmen reich geschmückten Städtchen Oberwesel (2800 Einw.) (Abb. 64). Von der Bergeshöhe schaut ernst die in Trümmern liegende Schönburg hinab auf die freundlichen Gärten im Tale, aus denen schmuck die zahlreichen Landhäuser Oberwesels herauslugen.
[Illustration: Abb. 62. Lorch.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 52.)]
[Illustration: Abb. 63. Bacharach und Burg Stahleck. (Zu Seite 54.)]
[Sidenote: Die Lorelei.]
Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 ~m~ über dessen Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen (Abb. 66). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen, der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische, auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben. Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten Bergesspitze hernieder klingt.