Part 14
Rastlose Arbeit ist der Tagesruf, der uns im Wuppertal überall, aus den menschenbesetzten und von Maschinengeräusch erfüllten Fabriken, aus den Arbeitszimmern der Kaufleute und aus der Menge der zur Arbeitsstätte hineilenden Arbeiter, entgegenhallt. Wenn aber die Wuppertäler frei sich fühlen vom harten Druck der Arbeit, dann steigen sie empor zu den waldigen Höhen, die das Tal eng umschließen, und auf denen sie, entrückt dem Dunstkreise und dem Rauchschleier der beiden großen Städte, frei atmen können in herrlicher Bergluft. Die Abhänge von einigen Höhen sind mit schönen Anlagen geschmückt, auf allen aber leiten hübsche Promenadenwege den Wanderer zu den Aussichtspunkten hin. Von Barmen aus erreichen wir auf der südlichen Bergwand den Toelleturm. Wir überschauen das Wuppertal mit seinem endlosen Häuserbild und blicken auch weit in das Bergische Land hinein. Im Südosten säumen die Linien des Ebbe-Gebirges den Horizont, nach Norden reicht der Blick bis zum Vincketurm bei Hohensyburg, und im Westen blitzt an einer Stelle der helle Spiegel des Rheines auf. Durch den Barmer Wald weiter wandernd nach Westen, gelangen wir zur Kaiser Friedrich-Höhe, wo wir ziemlich in der Mitte über dem langgezogenen Häusermeer der beiden Städte stehen. Wieder ein anderes Bild entfaltet sich uns auf den Höhen, die im Westen von Elberfeld, nördlich und südlich, aufsteigen. Wir blicken nach Osten in die Längsrichtung des ganz von Häusermassen angefüllten Wuppertales. Im Nebel der Ferne verschwinden die letzten Häusergruppen. Nach Westen aber dehnt sich endlos die weite Rheinebene mit ihren Städten, Dörfern und einzelnen Gehöften aus, und mehr als an einer Stelle blinkt der Spiegel des Rheines auf.
Der Eisenbahnzug entführt uns aus dem Wuppertale, er eilt westwärts durch die Rheinebene, deren Bild wir von der Höhe schauten, ein großes Stadtbild erscheint vor uns, und bald fahren wir in den Hauptbahnhof von Düsseldorf ein.
[Sidenote: Düsseldorf.]
Düsseldorf (260000 Einw.) erhielt seinen Namen von dem kleinen Düsselbache, an dessen Mündung die Stadt aufblühte, und dem sie den Schmuck der vielen schönen Teiche verdankt. Im Jahre 1159 wurde der Ort zuerst genannt. Als die Grafen von Berg ihn zu ihrer ständigen Residenz wählten, erlangte er politische Bedeutung. Besonders der prachtliebende Kurfürst Johann Wilhelm aus dem Hause Pfalz-Neuburg, der von 1690 bis 1716 regierte, hat viel für das Aufblühen und den Schmuck der Stadt getan. In der Altstadt steht auf dem Markt, vor dem 1570 bis 1573 erbauten, 1885 zum Teil aber erneuerten Rathause sein überlebensgroßes Reiterstandbild (Abb. 181). Es ist in Zinkbronze gegossen und wurde 1711, wie eine Inschrift sagt, von der Bürgerschaft, in Wirklichkeit aber von dem etwas eiteln Kurfürsten selbst errichtet. Sein Nachfolger verlegte die Residenz nach Mannheim. Aber was Düsseldorf hierdurch einbüßte, gewann es doppelt durch die Gründung der Kunstakademie, die im Jahre 1767 erfolgte. Es wurde, besonders seit Erneuerung dieser wichtigen Stiftung im Jahre 1818, der Mittelpunkt des rheinischen und auch eine Hauptstätte des deutschen Kunstlebens. Schon ein Gang durch die mit vielen Prachtbauten geschmückte Stadt verrät uns, daß ihr die Musen der Kunst freundlich lächelten. Noch weihevoller ist der Willkomm, den uns das Äußere und Innere der städtischen Kunsthalle (Abb. 182) darbietet, die 1881 im Stil französischer Renaissance erbaut wurde; vor derselben steht das Bismarckdenkmal. Die Fassade der Kunsthalle ist mit dem großen Mosaikbilde „Die Wahrheit als Grundlage aller Kunst“ geschmückt, im Treppenhause führen Fresken von Gehrts die Geschichte der Kunst vor, und in den Sälen sind viele wertvolle Bilder von neueren Düsseldorfer Malern zur Schau ausgestellt. Das stattliche, 1879 bis 1881 ebenfalls im Renaissancestil aufgeführte Gebäude der Kunstakademie (Abb. 183) begrenzt die Altstadt im Norden und zeigt mit 158 ~m~ langer Fassade nach den schönen Anlagen des Hofgartens hin. Zwei Jahre nach der Gründung der Kunstakademie, 1769, wurde dieser angelegt, aber 1804 bis 1813 nach Beseitigung der Festungswerke erweitert. Keine rheinische Stadt kann eine solche herrliche Gartenanlage aufweisen. Alte Baumriesen spiegeln sich in blinkenden Teichen, auf denen weiße Schwäne in stolzer Ruhe daherschwimmen und buntgefiederte Enten ein lustigeres Wasserleben führen, wohlriechende Gebüsche umschatten Ruhebänke, die zu kurzer Rast einladen, und über frischgrüne Rasenflächen und buntfarbige Blumenbeete schweift unser Auge zu den Springbrunnen hin, die in der Ferne ihr plätscherndes Spiel treiben. Der Hofgarten reicht nach Osten bis zu dem Malkasten (Abb. 184), dem Gesellschaftshause des gleichnamigen, seit 1848 bestehenden Künstlervereins, nach Westen bis zum Rheine, über dessen breite Wasserfläche sich seit 1898 eine feste Brücke spannt. Erwähnung verdienen noch das Kunstgewerbemuseum, das schöne Stadttheater, die vor der Kunsthalle aufgestellte Bismarckstatue, das in der Alleestraße 1896 errichtete Reiterstandbild Wilhelms des Großen und das hinter den Anlagen am Schwanenspiegel und Kaiserteich gelegene Ständehaus (Abb. 185), in dem der rheinische Provinzial-Landtag seine Sitzungen abhält. In neuerer Zeit ist Düsseldorf auch der Sitz einer bedeutenden Industrie geworden. So vereinigt es in sich den Geist der Kunst, das Bild des Schönen mit dem Trieb des Nützlichen, eine Verknüpfung, die im ganzen rheinischen Leben zum Ausdruck kommt und den Bewohnern Rheinlands wie ein glückliches Schicksal schon durch die Landesnatur, durch die herrlichen Bilder der Landschaft und durch die reiche Gunst des Heimatbodens vorgezeichnet ist.
[Illustration: Abb. 187. Das Rathaus in Aachen nach seiner Wiederherstellung. (Zu Seite 184.)]
[Sidenote: Aachen.]
Nach dem Besuche Düsseldorfs soll die alte Kaiserstadt Aachen (150000 Einw.) unsern Abschiedsgruß aus dem schönen Rheinland empfangen, so wie Frankfurt, der Kaiserstadt am Main, unsere ersten Grüße galten. Der Geist der Geschichte fängt auch dort an zu leben, obschon sie weniger Spuren als in Trier, Köln und selbst in Frankfurt hinterlassen hat und das heutige Aachen eine durchaus moderne Stadt mit breiten, zum Teil prächtigen Straßen, mit glänzenden Kaufläden und großartigen Fabriken ist. In römischer Zeit führte die Stadt den Namen ~Aquisgranum~; in fränkischer Zeit war sie, wohl infolge ihrer heißen Quellen und ihrer schönen Lage in fruchtbarem Tal, von sanft ansteigenden, waldgeschmückten Höhen umgeben, der Lieblingsaufenthalt und Herrschersitz des Kaisers Karls des Großen, dann ward sie die Krönungsstadt der deutschen Kaiser, in der dreißig Kaiser, Karls des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, als der erste und Ferdinand ~I.~ (1531) als der letzte, gekrönt wurden; im Mittelalter wurde Aachen als Reichsstadt meist „des hl. römischen Reiches königl. Stuhl“ (~urbs Aquensis, urbs regalis, regni sedes principalis, prima regum curia~) genannt, und in französischer Zeit hieß es ~Aix-la-Chapelle~. In diesem Wandel der Zeiten sah Aachen keine solch glanzvolle Entfaltung wie Trier, Köln und Frankfurt. Aber der Ruhm, der aus der Herrschergröße Karls des Großen strahlt, hat dauernden Glanz. Das Aachener Münster versetzt uns in die karolingische Zeit. Der merkwürdige Bau (Abb. 186) besteht aus zwei Hauptteilen, die eine ganz verschiedene Bauart zeigen. Der eigenartige, achteckige Kuppelbau in der Mitte ist das bedeutendste Denkmal karolingischer Baukunst; er wurde unter Karl dem Großen in den Jahren 796 bis 804 als Hof- und Staatskirche des fränkischen Reiches nach dem Vorbilde von S. Vitale zu Ravenna erbaut. Vom Papst Leo ~III.~ wurde sie geweiht. Den achteckigen Bau umgeben mehrere Kapellen aus späterer Zeit, und neben der Eingangshalle steht ein neuerer gotischer Glockenturm. Auf der Ostseite aber schließt sich an den Kuppelbau das hohe, in reichem gotischen Stile erbaute Chor, dessen Bau 1353 begonnen und 1413 vollendet wurde. In Innern des Kuppelbaues, des Oktogons, bewundern wir die kunstvollen Säulen und Kapitäle, sowie das schöne Mosaikbild, das seit 1882 wieder wie früher die Decke schmückt, und den von Kaiser Friedrich ~I.~ geschenkten Kronleuchter, der einen Durchmesser von 4 ~m~ hat. Auf der Empore des Oktogons steht der marmorne Thron Karls des Großen. Der reiche Domschatz des Münsters enthält neben wertvollen Kunstschätzen die Aachener Heiligtümer, die alle sieben Jahre öffentlich ausgestellt werden. An dem Chorbau fallen besonders die riesigen, 27 ~m~ hohen und 5 ~m~ breiten, mit farbenprächtigen neuen Glasgemälden geschmückten Fenster auf. Das zweite hervorragende Baudenkmal Aachens aus dem Mittelalter, unmittelbar neben diesen kirchlichen gelegen, ist das von zwei hohen Türmen flankierte stattliche Rathaus (Abb. 187), dessen gotischer Bau an der Stelle und mit Benutzung von den Resten der einstigen Kaiserpfalz der Karolingerzeit um das Jahr 1330 errichtet und in jüngster Zeit renoviert wurde. Von neueren Bauten sind die Technische Hochschule, das großartige Postgebäude und der Kursaal, der hinter dem aus dem Jahre 1782 stammenden Kurhause in den Jahren 1863/64 im maurischen Stile erbaut wurde. Seinen Ruf als Badestadt verdankt Aachen den berühmten heißen Schwefelquellen und seiner schönen Lage inmitten waldgeschmückter Berge, die schöne Spaziergänge bieten, und von denen man, besonders vom Lousberg, einen prächtigen Blick auf die gewerbreiche Stadt genießt, die gleich dem benachbarten, jetzt eingemeindeten Burtscheid eine bedeutende Tuch- und Nadelindustrie besitzt.
[Illustration]
[Footnote C: Heer, Im Deutschen Reich, Reisebilder.]
[Footnote D: Vergl. meine Landeskunde der Rheinprovinz, Verlag von W. Spemann, Stuttgart und Berlin, 1901.]
X. Der rheinische Weinbau.
[Sidenote: Der rheinische Weinbau.]
Unter den Weinen der Erde nehmen die deutschen Weine eine ganz eigenartige Stellung ein, und unter den deutschen zeichnen sich wieder am meisten die Rheinweine, die von Worms bis Bonn wachsen, durch ihre Eigenart aus. Die Weinrebe ist eine Tochter südlicher Länder. Fern in Kolchis’ üppigem Pflanzengarten, an den Südwestgehängen des Kaukasus, rankt sie noch heute wild, bis zu den obersten Zweigen hoher Bäume emporkletternd und Girlanden nach allen Richtungen sendend. Dort bringt sie in wildem Zustande süße und saftreiche, zur Weinbereitung brauchbare Früchte hervor. Nach unserer heutigen Kenntnis können wir nur diese klimatisch so bevorzugte Landschaft als die Heimat des Weinstocks ansehen. Allmählich eroberte die Weinrebe das ganze Mittelmeergebiet und von Italien aus zuletzt nicht bloß das schon kühlere Gallien, sondern auch einen Teil des klimatisch so wenig begünstigten Germanien. Zwei Merkwürdigkeiten, die bei anderen Kulturen bei weitem nicht in solchem Maße beobachtet wurden, traten bei der Ausbreitung des Weinbaus in die Erscheinung. Die Weinrebe blieb nirgendwo ein Kind ihrer alten Heimat, sondern überall, wo sie angepflanzt wurde, paßte sie sich dem neuen Klima an, nahm sie andere, zum Teil wertvollere Eigenschaften an. Dieser Anpassungsfähigkeit der Pflanze und dieser Charakter- und Wertveränderung ihres Produkts verdankten es die jungen Weinbauländer, daß sie mit den alten ernstlich in Wettbewerb treten konnten, ja daß sie ihnen sogar den Rang ablaufen und von ihnen einen Teil des Weltmarktes erobern konnten. Hieraus entsprang die zweite Merkwürdigkeit, daß der Weinbau stets in den jüngsten Weinbauländern die höchste, die führende Stellung einnahm. Durch eine größere Pflege vermochte man sogar eine geringere Gunst des Klimas siegreich zu überwinden. Nach Kleinasien und Griechenland ward Italien, nach Italien Frankreich das erste Weinland, und neben letzterem hat Deutschland, das jüngste Weinbaugebiet in Europa und das nördlichste auf der ganzen Erde, sich eine Stellung erobert, die in bezug auf manche Erzeugnisse unbestritten und unerreicht dasteht.
[Illustration]
Für den deutschen Weinbau war es vielleicht gerade ein Glück, daß er nicht mit günstigen klimatischen Verhältnissen rechnen konnte. Diese zwangen zum vorwiegenden Anbau von weißen Trauben; denn die roten Trauben vermögen die kühle und nebeligfeuchte Herbstwitterung viel weniger gut zu ertragen. Die verschiedene Art der in Deutschland also vorherrschenden Weißweinbereitung von der in südlichen Ländern vorwiegenden Rotweinbereitung sicherte dem deutschen Weinbau nicht bloß seine Eigenart, sondern auch mancherlei Vorzüge. Rotwein kann nur durch Maischegärung, das heißt durch Gärung auf den Beerenhülsen geschehen. Diese müssen den roten Farbstoff liefern. Sie scheiden aber zugleich auch andere Stoffe, besonders Gerbstoffe, aus, die dem Traubenaroma schaden. Dem Weißwein dagegen, der durch Mostgärung aus dem ausgepreßten Traubensaft gekeltert wird, bleibt das köstliche Aroma der Traube erhalten, und diesem Umstande verdanken die deutschen Weine ihre unübertroffene Eigenart.
Die geringe klimatische Gunst Deutschlands bedingt es, daß in ihm zur Anpflanzung der Rebe fast nur hügeliges und bergiges Gelände, und zwar nur die der Sonne zugekehrten Abhänge benutzt werden können. Geneigte Bodenflächen werden statt unter einem Winkel von etwa 40 bis 60° unter einem solchen von 90 oder fast 90° von den Sonnenstrahlen getroffen. Besonders das Gebiet des Rheinischen Schiefergebirges besitzt in seinen zahlreichen tief eingeschnittenen Tälern viele günstige Weinbergslagen, die zugleich vor kalten Winden geschützt sind. Nicht weniger ist das schiefrige Gestein, das in dem ganzen Gebiet vorherrschend ist, für die Anpflanzung der Rebe geeignet. Es wird wegen seiner dunkeln Färbung leicht erwärmt und läßt den Regen, dessen Verdunstung neue Kälte erzeugt, schnell ablaufen. Durch eine Überdeckung der Weinberge mit losem Schiefergeröll erreichen die rheinischen Winzer ferner, daß die Wärme dem Boden erhalten bleibt und nicht in kühlen Nächten durch Ausstrahlung verloren geht.
[Illustration: Abb. 188. Rheinische Winzer und Winzerinnen bei der Lese. (Zu Seite 188.)]
Die Lage des rheinischen Weinbaugebietes im Westen Deutschlands, in ziemlicher Nähe des Atlantischen Ozeans, bringt für den Weinbau Vorteile und Nachteile. Ein Vorzug des ozeanischen Klimas ist, daß der Winter in den meisten Jahren ein milder ist, und daß er nicht zu früh eintritt, so daß das junge Holz der Weinstöcke gut ausreifen kann, ferner, daß im Frühjahr der neue Trieb frühzeitig beginnt. Diese letztere Gunst wird allerdings zum Verderben, wenn Spätfröste eintreten, die in manchen Lagen nur zu häufig alle Hoffnungen in einer Nacht zerstören. Gefürchtet sind besonders die Maifröste. Das Volk schreibt sie naiv den drei kalten oder bösen Heiligen Mamertus, Pankratius und Servatius zu, deren kirchliche Festtage am 12., 13. und 14. Mai gefeiert werden, und ist froh, wenn sie vorüber sind. In Wirklichkeit ist das Eintreten der Spätfröste eine Folge der stärkeren Erwärmung der mittel- und südeuropäischen Landstrecken durch die immer höher steigende Sonne. Die stark erwärmte Luft steigt nach oben, und um den luftverdünnten Raum auszufüllen, strömt kalte Luft von Norden herbei, wodurch ein tiefes Sinken der Temperatur eintritt. In engen Tälern, wie im Ahrtale, sucht man die verderblichen Wirkungen der Spätfröste durch eine Räucherwehr abzuwenden.
Eine Ungunst des ozeanischen Klimas Rheinlands für den Weinbau sind die andauernden Regenzeiten, die manche Jahre bringen. Dieselben sind besonders dann schädlich, wenn sie während der Traubenblüte, die sonnig und schnell verlaufen muß, eintreten und diese dann sehr verzögern. Ein Blick auf die Regenkarte lehrt uns jedoch, daß die besten rheinischen Weinbaugebiete, das Moseltal, das obere Rheintal, das Nahetal und der Rheingau, im Regenschatten der Eifel, des Hunsrück und des Taunus liegen.
[Illustration: Abb. 189. Das Abladen und Messen des Weins. (Zu Seite 188.)]
Nach einem warmen Sommer, der rechtes Sonnenglühen gebracht hat, ist noch ein schöner Herbst nötig, damit ein gutes Gewächs entsteht. Nicht zu selten bringt der rheinische Herbst das rechte, nachts kühle, am Tage aber heitere, sonnige Wetter, das die Trauben zur vollen Reife bringt. Dann lacht mit dem Himmel des Winzers Herz, der seine Weinberge nicht mehr betreten darf, aber trotzdem weiß, welche Wunderwirkung dort geheimnisvoll vor sich geht. Auch die Herbstnebel, die besonders im Rheintal morgens über den Weinbergen lagern, weiß der Winzer zu schätzen. Sie rufen die Edelfäule der reifen Trauben hervor, indem sich ein Schimmelpilz, ~Bortrytis cinerea~, bildet, der Säuren und Gerbstoff zerstört und Verbindungen erzeugt, aus denen das wundervolle Bouquet, der Duft des Weines, entsteht.
Vorwiegend drei Traubensorten verdankt der rheinische Weinbau seinen großen Ruf: dem Riesling, der den Anspruch erheben kann, die edelste Traube der Welt zu sein, dem Österreicher, der auch Sylvaner genannt wird, und dem Burgunder. Die beiden erstgenannten Reben liefern den Weißwein, letzterer den Rotwein. Der Riesling gehört zu den harten Sorten, er reift spät und liefert Weine, die sich durch ihr herrliches Bouquet auszeichnen. Der Österreicher reift früher und gibt gute, runde und volle Qualitätsweine, denen aber der Duft der Rieslingsweine abgeht. Die rheinischen Rotweine zeichnen sich durch ein eigenartiges, würziges Aroma aus.
[Sidenote: Die Weinlese.]
Eine frohe Zeit ist im Herbst die Zeit der Lese. Dann entfaltet sich in den Weinorten Rheinlands ein lustiges Leben und Treiben. Wenn auch unser heutiges Geschlecht mit manchen schönen alten Sitten gebrochen hat, so ist doch die frohe Stimmung dieser Zeit geblieben. Sie kommt besonders dann zur Geltung, wenn die Weinstöcke einen guten Behang haben, und wenn neben einem guten Ertrag -- der Winzer redet von einem halben oder dreiviertel Herbst -- auch eine gute Qualität zu erwarten ist. Mit solcher Ernte ist der Winzer wohl zufrieden; kennt er doch all die Feinde, die diese hätten vernichten können, die Tücken der Witterung, die Plagen der Insekten und die Pilzkrankheiten. Helle Freude lacht aus seinem Auge, wenn er sieht, wie unter der Kraft der kochenden Sonne in den Beeren der Trauben der Saft anfängt in Wein überzugehen. Er merkt’s an dem Durchsichtigwerden der Beeren. Die Gemeindeväter bestimmen jetzt die Schließung der Weinberge. Selbst der Besitzer darf sie nicht mehr betreten. Während des ganzen Tages geben die Hüter der Weinberge scharf acht.
Endlich sind die Trauben völlig reif. Der Beginn der Lese wird öffentlich bekannt gemacht. Böllerschüsse künden den bedeutungsvollen Tag an, und Glockenklang läutet ihn feierlich ein. So ist es wenigstens noch in vielen Rheinorten.
Mit Jubel im Herzen steigt das Winzervölkchen hinauf in die Weinberge. Die Sonne hat die Herbstnebel zerstreut, und herrlich blickt’s sich hinab in das liebliche Rheintal. Dort unten liegt das Heimatörtchen, so traut gebettet am Ufer des blinkenden Stromes und umgeben von den Gruppen der Obstbäume. Dort das Kirchlein mit dem alten, moosigen Schieferdache! Selbst das eigene Wohnhäuschen ist zu sehen. Bald sind schon die ersten Tragkörbe voll Trauben gepflückt. Die starken Burschen tragen sie hinab. Dort unten hält auf dem Wege ein Ochsengespann. Große Bottiche stehen auf dem Wagen, die die süße Last aufnehmen sollen. Wie flink springen die Burschen die vielen Stufen des Bergpfades hinab! Voll Lust schwenken sie die Mützen, nach oben und nach unten grüßend. Dort oben aber, bei der Lese, sind bald die Mädchen in fröhlicher Stimmung. Das Tal erklingt von frohen Weisen, bis ein Scherzwort alle zum Lachen bringt und den Gesang verstummen macht (Abb. 188 u. 189).
Auch in dem Kelterraum der Winzerhäuser herrscht geschäftiges Leben. Die ankommenden Bottiche werden in die Presse geleert. Schon fließt der Traubensaft, der süße Most, heraus. Wie herrlich er schmeckt! Die Oechslesche Wage zeigt ein hohes Mostgewicht an. Das gibt ein Weinchen! so schmunzelt der Alte, der von vielen guten Weinjahren, doch auch von schlechten zu erzählen weiß (Abb. 190, 191 u. 192).
Nach etwa acht Tagen fängt der Most an zu gären. Er verliert seinen süßen Geschmack und nimmt einen bitteren an. Zugleich wird seine Farbe milchig trübe. Der erfahrene Winzer weiß schon am Federweißen, wie der Most jetzt heißt, herauszuschmecken, wie der spätere Wein wird. Mit der fortschreitenden Gärung entsteht aus dem Federweißen der junge Wein. Erst nachdem dieser geklärt ist und genug gelagert hat, kommt er in den Handel. Im Frühjahr beginnen die Weinhändler, die Wirte, die Kasinos, ihre Weineinkäufe zu machen, und in manchen Weinorten, wie in Bingen, Mainz, Rüdesheim, Kloster Eberbach, Kreuznach, Trier, Traben-Trarbach, Bernkastel und Coblenz finden dann öffentliche Weinversteigerungen statt. Dann klingen die Taler in des Winzers Tasche, fast noch heller als vorher das Jauchzen in seiner Brust.
Nach Beendigung der Weinlese wurden in früherer Zeit in vielen Weinorten öffentliche Winzerfeste gefeiert. Das einzige Winzerfest, das sich im Rheinland erhalten hat, findet in Winningen, einem blühenden Weinorte an der unteren Mosel, statt. Es wird in allen guten Weinjahren gefeiert. Der Verlauf eines solchen Festes wird folgendermaßen geschildert[E]: „Auch in diesem Jahre ist an der Mosel der Wein gut geraten, und deshalb wird in dieser Woche das Winzerfest ganz der alten Tradition getreu begangen. Es bildet sich die sogenannte ‚Kompanie‘; junge, unbescholtene Leute treten zusammen, bringen die Kosten für das Fest auf und liefern das Fleisch, das während der Festtage verzehrt wird. Die Mädchen bringen den Wein zusammen, und nun beginnt das Fest damit, daß die jungen Leute im schwarzen Anzug, mit Zylinder und weißen Handschuhen, die weißgekleideten, mit Blumen geschmückten Mädchen einzeln mit Musik am Hause abholen. Vor dem Hause jedes einzelnen Mädchens wird ein Ständchen gebracht. Sind alle Paare zusammen, so geht es im Zuge zum Bürgermeister, dann ins Festlokal. Hier wird getanzt und neuer Wein, der heute schon federweiß ist oder, wie man hier sagt, ‚schierpst‘, in großen Mengen getrunken. Abends geht es wieder im Zuge mit Windlichtern in ein anderes Lokal, wo das Abendessen eingenommen wird. Wie vor hundert Jahren besteht das Tischgerät aus Zinn: zinnernen Schüsseln, Tellern und Trinkbechern, die meist mit Denksprüchen geziert sind. Reden und Gesänge würzen das Mahl. Nach dem Essen, zu dem nur wenige fremde Gäste geladen werden, geht es wieder zum Tanzlokale zurück. Das dauert die ganze Woche durch, bis -- der Wein alle ist. Hält die Feststimmung an, so wird auch weiter Wein gesammelt. Heuer bilden 48 Paare die ‚Kompanie‘. Tausende von Zuschauern von nah und fern strömen in dem freundlichen Moselorte zusammen.“
[Illustration: Abb. 190. Erste Probe. (Zu Seite 188.)]
[Sidenote: Berühmte Weinorte.]
Besuchen wir nun die berühmtesten Weinbaustätten Rheinlands auf flüchtiger Wanderung, um all die Weingeister kennen zu lernen, die sich Prinzessin Rebenblüte auf rheinischem Boden als ihren Stab erzog. Auf sonnigem Hang sind diese Geister geboren, als Kobolde hüten sie des Kellers Schätze, und neckend betören sie die frohgestimmten Zecher. Durch sechs sonnige Reiche führt uns Prinzessin Rebenblüte, und in jedem wartet sie unser mit neuem Gefolge. Das erste Reich, das sie uns, wenn wir von Süden kommen, zeigt, ist das schöne Hessenland. Dort ist fast kein Ort, der nicht seine Rebengärten hat. Etwa 270000 ~hl~ beträgt der jährliche Weinertrag Rheinhessens. Das Gelände ist von plateauartigem Charakter mit hügeliger Oberfläche, und auf zwei Seiten, nach Osten und Norden, fällt es zum Rhein ab. Die besten Weine wachsen an diesem äußeren Rande, so bei Worms die weltbekannte Marke Liebfrauenmilch, weiter nördlich der Niersteiner, Bodenheimer, Laubenheimer, Oberingelheimer, der Schwarzberger vom Rochusberge und der Schloßberger bei Bingen. Im Innern jenes Weinreichs werden nur kleine Weine gezogen, die im Lande selbst auch wohl Pfälzer genannt werden. Der Anbau von Weißweinen wiegt vor. Die Hauptsorte ist der Österreicher. Für feinstes Gewächs kommt noch der Riesling in Betracht. Der höchste Preis, der bisher für rheinhessische Weine bezahlt wurde, war 13660 Mark für ein Stück von 1200 ~l~ 1893er Niersteiner. Einen sehr geschätzten Rotwein baut Oberingelheim, wo schon Karl der Große den Weinbau pflegte.
[Illustration: Abb. 191. Kelter alter Art (vom Jahre 1650). (Zu Seite 188.)]
[Sidenote: Rheinweine.]
Drüben auf der anderen Rheinseite steht schon Prinzessin Rebenblüte, bereit, uns ihr zweites Sonnenreich zu zeigen. Glänzender ist ihr Stab, und so viele fürstliche Namen werden uns genannt, daß wir nur zögernd der Einladung folgen. „Rheingau“ heißt dieses Rebenreich. Es ist nur klein, soweit es mit Reben bepflanzt ist, noch nicht 2000 ~ha~ groß. Selbst bei ergiebigen Jahrgängen beträgt die Ernte nur 70–80000 ~hl~. Im Durchschnitt der Jahre ist sie wohl kaum halb so hoch zu rechnen. Gute Jahrgänge stellen aber durch die Qualität des Weines einen fürstlichen Reichtum dar. Wurden doch für 600 ~l~ 1893er Auslese 17570 Mark, für das Stück also 35140 Mark gezahlt. Es war ein halbes Stück Steinberger, das der Kaiserliche Hof im Mai 1896 in Wiesbaden für diesen ungeheuren Preis ersteigerte. Um den ersten Rang unter den Rheingauer Weinen streiten sich Johannisberger und Steinberger. Als das drittedelste Gewächs pflegt man den Rauentaler, als das viertbeste den Marcobrunner zu bezeichnen. Etwa im gleichen Rang mit den dann folgenden Marken Gräfenberger und Schloß Vollradser steht der Rüdesheimer Berg. Auch den Geisenheimer Rotenberg und den Winkler Hasensprung dürfen wir nicht vergessen, und in Wiesbaden schätzt man noch den Neroberger sehr hoch. Nach dem Hochheimer, der weiter östlich wächst, werden von den Engländern alle deutschen Weine „Hock“ genannt. Aßmannshausen baut den besten deutschen Rotwein. Sowohl Weinbau als auch Weinbereitung und Weinpflege sind im Rheingau musterhaft. Große Weingüter geben überall ein gutes Vorbild. Man kann den Rheingau das klassische Anbaugebiet der Rieslingsrebe nennen. Diese entfaltet in dem vorzüglichen Weinbergsboden und in der nebeligen, für die Trauben günstigen Herbstwitterung Eigenschaften wie sonst nirgendwo. Die bei guten Jahrgängen erzielten Rheingauer Auslesen stehen ohnegleichen da in der ganzen Welt. Im Rheingau, und zwar in Hochheim, Schierstein, Eltville, Geisenheim und Rüdesheim, hat auch die deutsche Schaumweinbereitung ihren Hauptsitz genommen.
[Sidenote: Naheweine.]