Part 9
Nicht gar zu schnell führt uns der Eisenbahnzug von Remagen durch das Ahrtal. Wir lassen die wechselnden Bilder an uns vorübergleiten, und erst dort, wo die neben uns rauschende Ahr in der engsten Felsenwildnis sich zu verlieren scheint, in deren Mitte malerisch auf schroffem Felskegel die Burgruine Altenahr vor uns auftaucht, machen wir halt, um rückwandernd dann des Tales Schönheit voll zu genießen. Drei völlig verschiedene Talstücke des Ahrlaufes können wir unterscheiden. Die oberste Strecke entfaltet noch nichts von der wilden Schönheit, die das Ahrtal so berühmt gemacht hat. Nur wenig hat der junge Fluß in dem Grauwacke- und Kalkgestein, das er zuerst durchfließt, sein Bett vertieft. Grüne Wiesen säumen ihn, und die Talgehänge prangen in dichtem Waldkleide. Erst bei Altenahr, wo die Ahr in eine mehr schieferartige Grauwacke eintritt, ändert sich plötzlich das Talbild. Dieses Gestein bot dem mit starkem Gefälle gegen die Felsen anstürmenden Flusse, der inzwischen auch durch zahlreiche Bäche seine wilde Kraft verstärkte, nur geringen Widerstand dar. So ward die Landschaft durch tiefe Furchen zerrissen. Auf eine großartige Felsenlandschaft schauen wir von der Burg Altenahr, dem Stammsitz des Grafengeschlechts von Are, deren Bau bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichen soll, oder vom Weißen Kreuz (Abb. 115) herab. Wohl zehnmal sehen wir die Ahr hinter den schroffen Felswänden, die entweder mit zierlichem Buschwerk bewachsen oder bis hoch hinauf mit Reben geschmückt sind, verschwinden und wieder hervorkommen. Bis Walporzheim reicht der enge Teil des Ahrtales. Noch an vielen Punkten entfaltet dieses mittlere Talstück seine eigenartige Schönheit. Zuweilen verbreitert das Tal sich etwas, und ein größerer Rebengarten nimmt uns auf. Dann aber treten die Berge in malerischen Formen wieder näher an den Fluß heran und zwingen ihn zu neuen Irrläufen. In dem kühlen Wassergrunde spielt die Forelle. Die rote Felsennelke schmückt das Gestein. Hie und da führen von der Landstraße Steinstufen hinauf zu den Weinbergen. Wir wandern an der vielbesuchten Lochmühle und an dem in stillem Talfrieden liegenden Mayschoß vorüber und blicken hinauf zu den geringen Resten der einst auf steiler Felshöhe so trotzig gelegenen Sassenburg. In breiterem Tal erholt sich die Ahr von ihren Irrläufen. Dann grüßen wir die Bunte Kuh, einen mit spitzer Nase aus der Bergwand heraustretenden Fels. Der eigentümliche Name soll von einer Wette herrühren. Für den Preis einer Kuh erkletterte ein Mädchen den Fels und wechselte auf der vorspringenden Nase das Strumpfband. Gleich hinter der Bunten Kuh erreichen wir Walporzheim, den weltberühmten Weinort, wo im St. Peter gar mancher Zecher des Weines Kraft erfahren hat.
[Illustration: Abb. 127. Inneres des Münsters in Bonn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 128. Marktplatz in Bonn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 129. Die Universität zu Bonn.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu Seite 130.)]
Bei Walporzheim beginnt das untere, viel breitere Talstück der Ahr. Das alte Städtchen Ahrweiler (4500 Einw.), der in jüngerem Glanze aufblühende Badeort Neuenahr (Abb. 116) und der Weinort Bodendorf sind die bekanntesten Orte auf dieser Strecke. Bei Ahrweiler liegt auf dem Kalvarienberg das gleichnamige Kloster der Ursulinerinnen. Wie anders ist auf dieser Strecke das Bild des Tales, wenn man von einer der Berghöhen herniederschaut! Den schönsten Überblick haben wir von der Landskrone hinab, die auf der Nordseite so beherrschend hervortritt. Der Fluß zieht zwischen Wiesen und Feldern dahin, und die zahlreichen Ortschaften liegen in einem Kranze von Obstbäumen. Die uns gegenüberliegende Talwand prangt in üppigem Waldschmucke, während auf der nördlichen, der Mittagssonne zugekehrten die Rebe bis fast zur Mündung der Ahr hin ihr Plätzchen behauptet.
[Illustration: Abb. 130. Bismarck-Säule bei Bonn.
Nach einer Photographie der Bonner graph. Kunstanstalt (Rud. Schade) in Bonn.
(Zu Seite 130.)]
[Illustration: Abb. 131. Cistercienserabtei Marienstatt auf dem Westerwald.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 134.)]
[Sidenote: Rheinfahrt.]
Wieder stehen wir am Strande des Rheins, um das Dampfschiff für die Fahrt von Remagen nach Bonn zu erwarten. Die „Loreley“ ist’s, die auf den Fluten dort heranschimmert und nun an der Landebrücke anlegt. Will der Name des schönen Schiffes noch einmal Kunde uns bringen von dem herrlichen Bilde, das wir auf der Rheinfahrt schauten, von dem sagenumwobenen Berge und der Nixe, der jener Schiffer vergessen lauschte, oder will er der Sage liebliche Laute aufs neue wecken in unserer Brust beim Anblick anderer Bilder herrlichster Art?
[Illustration: Abb. 132. Westerburg. Auf dem Westerwald.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 134.)]
[Illustration: Abb. 133. Limburg an der Lahn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 137.)]
[Sidenote: Rolandseck. Drachenfels. Königswinter.]
Tief steht die Sonne am Himmel. Auf die Talwand zur Linken senkten sich schon des Abends Schatten, aber die Höhen auf der rechten Seite des Stroms lecken noch das letzte Licht des sterbenden Tages. So feurig strahlt der Abendröte Schein, als wollte sie die letzte Stunde der Rheinfahrt uns vergolden, daß leuchtend der Erinnerung schöne Bilder wieder auftauchen können noch in späteren Jahren, wenn ein großes Stück des Lebens hinter uns liegt wie ein Traum. O schönes Erinnern, das dann auch erzählt von jenem Sonnenuntergang am Rhein! Von neuem sehen wir, wie die dunkle Bergmasse der so trotzig am rechten Rheinufer aufragenden Erpeler Ley sich rötlich färbt und von den sanften Rebengehängen Oberwinters auf der andern Seite die letzten Sonnenstrahlen forthuschen, wie über Rolandseck von schattendunkler Bergeswand der Rolandsbogen (Abb. 117) grüßt und vor uns das liebliche Eiland Nonnenwerth mit seinem altersgrauen Kloster auftaucht, wie endlich der Drachenfels (Abb. 1) aus den Fluten des Stromes auftaucht, so trotzig, als wollt’ er ihn wehren, weiter zu ziehen und unser Schiff fortzutragen aus diesem Lande der Poesie. Und auch der Sage Laute klingen wieder an unser Ohr. Von Hildegunde erzählen sie, die, einer falschen Nachricht glaubend, die den Tod ihres geliebten Ritters meldete, im Kloster zu Nonnenwerth die Klage des Herzens vergessen wollt’, von Roland, der traurig diese Kunde nach glücklicher Heimkehr vernahm und droben, wo heute noch der Rolandsbogen steht, sich ein Schloß baute, um immer hinabschauen zu können auf das Kloster, das die Liebste barg, und von Siegfried, der den Drachen tötete.
[Illustration: Abb. 134. Inneres des Domes in Limburg an der Lahn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 138.)]
Doch ein prächtiges Bild, ein stolzer Bau, der aus neuerem Stein sich auftürmt, scheucht die Bilder der Vergangenheit. In halber Höhe des Drachenfels erscheint, überragt von der Burgruine, die die höchste Spitze des Berges so malerisch krönt, das neue, vieltürmige und zinnenreiche Schloß Drachenburg (Abb. 118 u. 141 bis 143). Und wie reich das Leben flutet am herrlichen deutschen Rhein, inmitten dieser, von einer alten Kultur gesegneten Landschaft, das verrät die vielhundertköpfige Menge, die in Königswinter (Abb. 141) unser Schiff erwartet. Bis auf den letzten Platz füllt dieses sich, und mit der Menge zieht rheinische Fröhlichkeit in seine gastlichen Räume ein. Lustig werden bei der Abfahrt die Tücher geschwenkt, und bald ertönen die Klänge eines Rheinliedes. Nixen sieht man auf der Loreley und junge Musensöhne, die in dem Sange die nämliche „gewalt’ge Melodei“ verspüren, die den Schiffer im kleinen Kahne lockte. Und desto froher stimmen sie, als verklungen der Loreley Zaubergesang, selbst sich warnend, Simrocks köstliches Lied an:
An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut; Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei, Als wär’ es ein adlig Geschlecht; Gleich bist du mit glühender Seele dabei: So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön Und die Stadt mit dem ewigen Dom; In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’n Und blickst hinab in den Strom.
Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund, Und hast du ihr Lächeln gesehn, Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, so ist es geschehn:
Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein, Entzücken faßt dich und Graus: Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein! Und kehrst nicht wieder nach Haus.
[Illustration: Abb. 135. Nassau an der Lahn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 139.)]
[Sidenote: Bonn.]
Wie könnte das rheinische Land schöner gefeiert werden als in diesem herrlichen Liede! Der es sang, er wohnte in Bonn, der schönen Musenstadt am Rhein, die nun uns grüßt mit ihren schmucken Villen, ihren lieblichen Gärten, mit dem trotzigen Alten Zoll und der schwungvollen neuen Rheinbrücke (Abb. 119). Letztere ist im Jahre 1899 dem Verkehr übergeben worden. Wer über sie wandert, erfreut sich an dem bildhauerischen Schmuck, der in den beiden Zollhäuschenpaaren (Abb. 120) zum Ausdruck gelangt ist, an der naiven Darstellung der rheinischen Sagen, des Studenten- und Volkslebens (Abb. 121). An der Beueler Torburg der Rheinbrücke lachen wir recht herzlich über das „Bröckemännche“ (Abb. 122), das durch seine Haltung die Bewohner von Beuel sehr drastisch dafür straft, daß ihre Gemeinde zum Brückenbau nichts zusteuerte.
[Illustration: Abb. 136. Denkmal des Freiherrn vom Stein bei Nassau.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 139.)]
[Illustration: Abb. 137. Kurhaus und Kurgarten in Ems.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 139.)]
[Sidenote: Bonn. Das Siebengebirge.]
Bonn ist oft verglichen worden mit der ihm geistig so nah verwandten Musenstadt am Neckar, mit dem nicht weniger gepriesenen Heidelberg. Die Lage der beiden Städte ist jedoch völlig verschieden. Heidelberg konnte sich gleichzeitig an einen Flußlauf betten und an eine hochragende Bergwand lehnen. Bonn sieht sich von den Berggehängen, die den Rheinstrom bis dorthin malerisch schmückten, verlassen, sieht sie aber in schön geschwungenen Linien und in nicht zu weiter Ferne auftauchen, sowohl seitwärts über der Poppelsdorfer Allee, die nach Südwesten zur Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberge hinzeigt, als auch in südöstlicher Richtung über der breiten Wasserfläche des Rheins, der des Landes Krone, die Sieben Berge, auf seinem Spiegel trägt. So steht in dem Landschaftsbilde der beiden schönen Musenstädte die malerische Nähe, die nichts dem Auge verhüllt, der lockenden Ferne, die das Gemüt des Beschauers zu sich hinzieht, einander gegenüber. Dieser Gegensatz muß im Empfinden des Menschen zum Ausdruck kommen: die Nähe wirkt immer großartig, die Ferne aber entfaltet den Reichtum der Erscheinungen einer großen Welt, die täglich noch Neues zu zeigen vermag. Die Sieben Berge, der wie ein Eckpfeiler trotzig aufragende, sagenumwobene Drachenfels, die Burgruine, die ihn krönt, der Petersberg mit dem stattlichen Gasthause, der wie ein König alle Berge überragende Ölberg, dann jenseits des Flusses der zierliche Godesberg mit seiner schlanken Turmruine, die an die Bergeshöhen, an den Strom gelehnten Ortschaften, das wechselnde Bild der die Stromfläche belebenden Schiffe, die am Stromufer aus ihren Gärten auftauchenden Villen, die in schwungvollen Riesenbogen sich spannende Brücke mit ihrer Verkehrsbewegung, ferne Kirchtürme und andere Gebäude, so die immer bei klarem Wetter deutlich hervortretende Kuppe mit der Abtei Siegburg, sowie andere Erscheinungen in dem weiten Rahmen des Bildes: sie werden heute übersehen und morgen freudig neu entdeckt von den täglichen Besuchern des Alten Zoll. Auf diesem berühmten Aussichtspunkte am Bonner Rheinufer steht das Denkmal Vater Arndts (Abb. 123), und zwei französische Kanonen, die von Kaiser Wilhelm ~I.~ der Bonner Universität geschenkt wurden, schauen über die Brüstung des mächtigen Bollwerks hinweg. Was der Landschaft von Bonn gegenüber der von Heidelberg an großartiger Plastik fehlt, das ersetzt der zu den Füßen des Alten Zoll vorüberrauschende Rhein, sowohl durch das natürliche Bild eines im Vergleich zum Neckar riesenhaften Stromes, als auch durch die geistige Größe, die er in der Geschichte des deutschen Volkes erlangt hat. So übertrifft die Lage Bonns diejenige Heidelbergs. Nur das geistige Leben der beiden Städte hat viele gemeinsame Züge. Die beiden durch eine herrliche Lage im schönen Rebenlande und ein frisches rheinisches Leben ausgezeichneten Städte vermögen ihren Musensöhnen eine Geistesnahrung zu geben, die die andern deutschen Universitäten, nur noch Jena ausgenommen, nicht bieten können, einen Impuls fürs Leben mit den starken Schwingen, um Großes zu erreichen. Kam dies nicht oft genug in der Bonner Studentenschaft zum Ausdruck? Sagte es nicht die Flamme der Begeisterung, die so mächtig aufloderte, als 1870 die Kunde der Kriegserklärung erscholl und die Bonner Studenten zu einer großartigen patriotischen Kundgebung ungerufen zusammen sich fanden, und sagte es nicht vor wenigen Jahren auch der Aufruf, der von Bonn aus zur Errichtung von Feuersäulen, um das Andenken des heimgegangenen großen Kanzlers Bismarck zu ehren, in die deutschen Lande ging und in allen deutschen Städten so begeisterte Aufnahme fand, daß überall von den Bismarck-Säulen die Flammen der Begeisterung für den größten deutschen Staatsmann, die Frühlingsfeuer des jungen Deutschen Reiches auflodern werden! Von den großen Männern, die dem Lehrkörper der Universität seit ihrer Gründung im Jahre 1818 angehört haben und sich inmitten der Gedankenwelt der rheinischen Musenstadt so wohl fühlten, von einem Niebuhr, dem großen Geschichtsforscher, von einem Arndt, an dessen Denkmale auf dem Alten Zoll wir die flammenden Worte lesen: „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, von einem Dahlmann, der gleich Arndt von Deutschlands großer Zukunft träumte, von einem Wilhelm von Schlegel, von dem rheinischen Poeten Karl Simrock, der in Bonn geboren war, von Heinrich von Sybel, der zwar nur wenige Jahre in der rheinischen Musenstadt wirkte, und von andern brauche ich nicht weiter zu reden, denn die Namen dieser Männer wurzeln fest in der Erinnerung des ganzen deutschen Volkes. Auf dem alten Friedhofe, wo auch ein Schumann, ferner die Gemahlin und der zweite Sohn des Dichterfürsten Schiller begraben liegen, können wir die treu in Ehren gehaltenen Grabstätten jener großen Männer besuchen. Dort schauen wir auch das schöne, von Küppers modellierte Kriegerdenkmal (Abb. 124), das uns an eine große Zeit erinnert, die jene Männer heiß ersehnten. Wenden wir uns dem alten Bonn zu, so grüßt uns auf dem Münsterplatze das Denkmal Beethovens (Abb. 125), der im Jahre 1770 in Bonn geboren wurde, und dessen Geburtshaus in der Bonngasse von jedem Verehrer des größten Meisters der Töne aufgesucht wird. Am Münsterplatze ragt die schöne, leider in ihrem stimmungsvollen Innern etwas bunt bemalte Münsterkirche (Abb. 126 u. 127) empor, deren älteste Teile am Chor aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Dem Marktplatze (Abb. 128) von Bonn geben das Rathaus und die alten oder in altertümlichem Stile neu aufgeführten Giebelhäuser, die zum Teil mit Malereien geschmückt sind, sein eigenartiges Gepräge. Nach Norden gelangen wir von dort in den Stadtteil, der sich auf dem Boden des alten römischen Lagers entwickelt. Schöner ist allerdings der von baumgeschmückten Straßen durchzogene südliche Stadtteil, wo der Hofgarten, der zwischen der Universität, dem früheren kurfürstlichen Schlosse (Abb. 129), und dem Rhein sich ausbreitet, wo der Kaiserplatz, die Poppelsdorfer Allee, die zum Poppelsdorfer Schlosse und dem Botanischen Garten führt, die Koblenzerstraße, die Rheinallee, die Gronau mit dem neuen, am Rheinufer erbauten Stadthause und der Bismarcksäule (Abb. 130) und endlich auf dem Venusberge der Kaiserpark zu genußreichen Spaziergängen einladen.
[Illustration: Abb. 138. Ems, von der Bäderlei gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 139).]
[Illustration: Abb. 139. Schloß Altwied.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 142.)]
[Illustration: Abb. 140. Godesberg und das Siebengebirge. (Zu Seite 125.)]
VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das Siebengebirge.
[Sidenote: Der Westerwald.]
Mit dem Namen „Westerwald“ wird der Teil des Rheinischen Schiefergebirges bezeichnet, der im Südosten und Süden von der Lahn, im Westen vom Rhein und im Norden von der Sieg begrenzt ist. Der Name soll von Wister-Wald = weißer Wald herkommen und von den Bewohnern des tiefer gelegenen unteren Westerwald ursprünglich dem höchsten Teile des Gebirges, von dem der Schnee noch spät im Frühlinge weiß herabschimmert, beigelegt worden sein. Wenn diese Erklärung richtig ist, hat früher also nur ein Teil des Gebirges den jetzt für das ganze Gebiet geltenden Namen geführt, ähnlich wie es beim Hunsrück und der Eifel der Fall war.
[Illustration: Abb. 141. Königswinter und der Drachenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 123 u. 142.)]
[Illustration: Abb. 142. Schloß Drachenburg am Rhein, Südseite. (Zu Seite 123 u. 143.)]
[Sidenote: In der Kroppacher Schweiz.]
Für die Durchwanderung des Gebietes können wir verschiedene Routen wählen. Von Bonn, wo wir auf unserer Rheinfahrt halt machten, gelangen wir ostwärts über den Rhein fast unmittelbar in das Siegtal. In der Niederung, durch die die Sieg, zuletzt in sumpfigem Wiesengelände, zwischen Weidengebüsch dem Rheine zuströmt, grüßt uns die auf einer niedrigen Bergkuppe gelegene frühere Abtei Siegburg. Zu ihren Füßen liegt die gleichnamige Stadt. Eine Königliche Geschoßfabrik ist daselbst in Betrieb. Zur linken Hand, näher zum Rheine, ragen die qualmenden Schlote der Friedrich Wilhelms-Hütte hervor. Indem wir weiter nach Osten wandern, rücken bald die Berge von beiden Seiten näher zusammen, um ein freundliches Wiesental zu umfassen. Meist ist dieses nicht sehr enge, und die bewaldeten Abhänge steigen weniger schroff als in den anderen Tälern des Rheinischen Schiefergebirges empor. An die Stelle des Wilden und Großartigen tritt fast überall das Anmutige. Von steiler, etwas vorspringender Bergwand grüßt uns die Burgruine Blankenberg. Durch Weinpflanzungen, fast die einzigen an der Sieg, steigen wir zu den Burgtrümmern und dem gleichnamigen Örtchen hinan und lassen den Blick hinab in das Wiesental, durch das der Fluß in Schlangenbiegungen zieht, und fern zur Rheinniederung, wo, beleuchtet vom Abendglanze, die Abtei Siegburg noch einmal grüßt, schweifen. Gastlich ladet uns dann das hübsche Städtchen Eitorf zu längerem Verweilen in froher Gesellschaft zahlreicher Sommerfrischler ein. Aber das gesteckte Wanderziel lockt uns weiter. Das Siegtal behält weiter oberhalb seinen Charakter bei. Wir verlassen es deshalb bei dem Orte Wissen und biegen in ein spaltartig sich öffnendes Nebentälchen ein, durch das die Nister die Westerwaldgewässer der Sieg zuführt. In dem engen Tale war nicht einmal Raum für eine Straße. So folgen wir einem Pfade, der uns bald auf die eine, bald auf die andere Flußseite führt und uns über Steine den Weg durch den schnellfließenden, breiten Bach suchen läßt. In einer Wiesenau verlieren wir gar den Weg und wandern an verkehrter Stelle an der Talwand empor, bis ein Landmann uns zurechtweist. Das Tal wird noch immer romantischer, und die Bewohner erzählen uns mit Stolz von der Kroppacher Schweiz. Überall schauen Felsklippen aus den waldgeschmückten, steil und ziemlich hoch aufragenden Talwänden heraus. Das Dorf Kroppach lassen wir abseits liegen, und unser Weg führt uns durch zahlreiche kleine Ortschaften, die meist nur eine größere Häusergruppe bilden. Die Sonne brennt heiß, und uns quält nach dem vielen Hin- und Herwandern, Auf- und Niedersteigen der Durst. Aber vergebens fragen wir nach einem Wirtshause. So kommen wir wohl, vom Verlassen des Siegtales an gerechnet, durch zehn kleine Dörfer und sind froh, mit einem Trunk Wasser, den die Leute uns reichen, den stärksten Durst löschen zu können. Ein merkwürdiges deutsches Land, wo keine Wirtshäuser sind und dabei so nah dem rebenumkränzten Rhein! Nachdem wir nach solchen so lange vergebens gesucht und gefragt hatten, treten wir beherzt in eine alleinstehende Mühle ein und fragen nach Bier. Gern hätte uns die Müllerin einen solchen Labetrunk dargeboten, aber die letzte Flasche im Keller war schon von anderen durstigen Wanderern getrunken worden. So lassen wir uns einen dampfenden Kaffee brauen. An süßer Milch und guten Eiern fehlte es auch nicht, und in der blankgescheuerten Müllerstube saß es sich gut, besser als in manchem prächtigen Gasthause. Doch weit ist noch der Weg nach der Cistercienserabtei Marienstatt, und wir müssen weiter wandern. Durch prächtige Buchen- und Tannenwälder führt der Weg. Die Abtei Marienstatt (Abb. 131) liegt mit einer schönen gotischen Kirche bald in wald- und wiesengeschmückter Landschaft vor uns. Über Feld wandern wir dann nach dem Städtchen Hachenburg, das von einem alten, fürstlich Saynschen Schloß überragt wird. Dort besteigen wir die Eisenbahn zur Fahrt nach dem Städtchen Westerburg, über dem, auf einer Basaltkuppe ebenfalls eine Burg, das fürstlich Leiningensche Schloß thront (Abb. 132).
[Illustration: Abb. 143. Hochzeitszug eines Kölner Patriziers und einer englischen Fürstentochter, die Blüte des Kölner Handels versinnbildend. Wandgemälde im Schloß Drachenburg am Rhein. (Zu Seite 123 u. 143.)]
[Illustration: Abb. 144. Ruine Drachenfels.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 143.)]
[Illustration: Abb. 145. Honnef, vom Leiberg gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 146.)]
[Illustration: Abb. 146. Der Sänger vom Drachenfels.
(Zu Seite 149.)]
[Sidenote: Im Westerwald.]
In Westerburg befinden wir uns schon auf dem Hohen Westerwald, der nach Osten noch immer höher ansteigt und in dem kaum hervortretenden Fuchskauten (657 ~m~) den höchsten Punkt erreicht; nach Westen aber senkt sich stufenmäßig zum Rheine hin der Untere Westerwald. Jener liegt durchschnittlich 580 ~m~ hoch, dieser erreicht eine mittlere Höhe von 430 ~m~ nicht mehr. Im Unteren Westerwald lohnt zwar noch der Ackerbau; seinen Hauptschmuck bilden aber die prächtigen Waldungen. Die eintönigen Hochflächen des Hohen Westerwaldes sind vom Wald ziemlich stark entblößt, und weithin dehnen sich neben Heide und Moor Wiesen oder Weiden, auf denen die kleinen Westerwälder Rinder grasen, aus. Der flüchtige Besucher des Landes hält jedoch auch manche Landstriche des Hohen Westerwaldes für waldreich. Überall erscheinen Nadelholzpartien, die er für große Wälder hält. Kommt er aber näher, so bemerkt er staunend, daß der vermeintliche Wald nur aus einigen langen Reihen Tannen besteht. Er sieht nur eine von den zahlreichen Schutzhecken vor sich, die fast überall angepflanzt sind, um die Ortschaften, die Äcker und die Wiesen vor den rauhen Winden zu schützen.
[Illustration: Abb. 147. Klosterruine Heisterbach. (Zu Seite 151.)]
[Illustration: Abb. 148. Daun in der Eifel.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 158.)]
Der Wind ist das Charakteristischste an dem Klima des Hohen Westerwaldes. „Er weht dort,“ wie Tarnuzzer schreibt, „das ganze Jahr, fast zu jeder Stunde, selbst an den Tagen drückendster Sonnenschwüle, die man durch ihn im hohen Westerwald eigentlich nie kennen lernt. Leise bewegt zieht er zwischen Wäldern und Höhen kräuselnd und kühlend dahin. Vom Wald, diesen ‚Lungen des Landes‘, kommt seine Frische und Stärke, die ihn wirksam, ja gewaltig macht, fast wie den Wind von der See ... Unaussprechlich wohltuend und kühlend, allen Duft des Waldes und seine unvergleichliche Würze zu einem herübertragend, webt und webt er in aller Wärme der Sonne und macht dem Wanderer jeden Gang zum Labsal.“
[Illustration: Abb. 149. Schalkenmehrener Maar.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 158.)]
[Illustration: Abb. 150. Abtei Laach und Laacher See.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 160.)]
[Sidenote: Dornburg und die Eislöcher.]
Auf der Weiterfahrt durch den Westerwald von Westerburg nach Montabaur versäumen wir nicht, in Frickhofen, dessen Namen man von Freya ableiten will, auszusteigen, um die Dornburg zu besuchen. Nicht ein verwünschtes Schloß, in dem Dornröschen schläft, lockt uns dorthin, sondern eine merkwürdige Naturerscheinung, die berühmten Eislöcher, in denen sich selbst während der heißesten Sommerzeit Eis bildet. Sobald wir uns, nach einer Wanderung über eine heißdürre Heide, dem Berge nähern, weht uns schon ein kalter Lufthauch entgegen. Wirkliches Eis in heißer Sommerzeit sich bilden zu sehen, und zwar an einer Stelle, am Fuße einer aus losem Steingeröll bestehenden Schutthalde, auf die die Sonnenstrahlen beständig scheinen, kommt uns zuerst fast wie ein Naturwunder vor. Und doch ist die Erscheinung ganz natürlich zu erklären als Wirkung einer kalten Luftströmung, die unter dem lose den Abhang des Berges überlagernden Felsgeröll mit starkem Zuge herströmt. Sobald diese kalte Luft mit der warmen in Berührung kommt, verdunstet die mitgebrachte Feuchtigkeit sehr schnell, und die neue Kälte, die hierbei erzeugt wird, reicht zur Eisbildung vollständig hin.
[Illustration: Abb. 151. Kreuzgang der Abteikirche Laach.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 160.)]
[Sidenote: Lahnwanderung.]
An dem freundlichen Städtchen Hadamar vorbei trägt uns die Bahn durch fruchtbares Hügelland und schöne Wälder hinab in das Lahntal zu der Stadt Limburg (10000 Einw.) (Abb. 133) mit dem prächtigen Dom, der mit seinen sieben Türmen malerisch einen Felsvorsprung hoch über dem Flusse krönt. In Limburg müssen wir Einkehr halten, weil dort die Bahnlinie, die durch den unteren Westerwald führt, beginnt. Zuerst wollen wir aber im Lahntal kurze Umschau halten. Die Stadt Limburg war im frühen Mittelalter Residenz der 1407 ausgestorbenen Grafen des Lahngaues. Sie fiel dann an Kurtrier. Der Dom ist eine ebenso prachtvolle als großartige Schöpfung des spätromanischen oder Übergangsstils. Von 1213 bis 1242 wurde an ihm gebaut (Abb. 134).