Part 12
Von der eigentlichen vulkanischen Vordereifel wollen wir hiermit Abschied nehmen. An sie schließt sich nach Norden die Hohe Eifel, nach Nordwesten die Schneifel an, an die sich wieder als viertes Glied das Hohe Venn (= Sumpfland) gliedert. Diese sind die höchstgelegenen Gebiete des weiten Gebirgslandes, zu denen die Vordereifel gleichsam nur das Vorland zum Rhein und zur Mosel hin bildet.
Die jetzigen höchsten Bodenwellen der Eifel entsprechen nicht mehr ihren früheren Hauptgebirgszügen, die sich bei ihrer Auffaltung gebildet hatten. Wie bei allen stark abgetragenen Gebirgen haben wir in ihnen die härteren Reste des Gebirgsbodens zu erblicken. Wieder war es, wie beim Hunsrück, der harte Quarzit, der der Verwitterung am meisten widerstand. Aus ihm besteht z. B. der Rücken der Schneifel, der früher zweifellos von der jetzt etwa 100 ~m~ tiefer gelegenen Wasserscheide des Losheimer Waldes überragt wurde, ferner ein Höhenzug, der sich südlich von Gerolstein nach Nordosten auf Kelberg zu erstreckt, und der Kandelwald, dessen Rücken südlich von Bertrich in der Nähe der Mosel aufsteigt. Die übrigen Gesteinsschichten, die in der Eifel viel verbreitet sind, wie Schiefer, Grauwacke, Kalke, Mergel und Buntsandstein, sind sehr gleichmäßig verwittert, woraus sich das einförmige Oberflächenbild der meisten Eifelgegenden erklärt. Die stolzen Bergkuppen, die die Hohe Eifel trägt, sind vulkanischen Ursprungs, wie die Basaltkuppen der Hohen Acht (760 ~m~), die die höchste Erhebung der Eifel bildet, des Steinberg (670 ~m~), des zweigipfligen Kelberg (670 ~m~), des Aremberg (623 ~m~), dessen mächtige Gestalt an der oberen Ahr aufsteigt, und des Michelsberg (556 ~m~) bei Münstereifel, der als die bedeutendste Erhebung am nördlichen Eifelrande einen prächtigen Rundblick über das Vorland, über die vorgelagerte reiche Ebene bis hin zu den stolzen Kuppen des Siebengebirges und zu den hohen Türmen des Kölner Doms darbietet. In der ganzen Eifel beträgt die Zahl der Basaltkuppen 210. Ohne sie und die Kraterberge würde das Eifelland überall so einförmig wie die Hochflächen der Schneifel und des Hohen Venn sein, und nur in den Tälern könnten wir landschaftliche Schönheit suchen. Nur stellenweise ist das auf weiten Strecken also recht eintönige Oberflächenbild der Eifel durch Waldesschmuck, der Wechsel und Leben in die Landschaft bringt, verschönert. Einst war sie fast in allen ihren Teilen waldreich. Durch törichte Waldverwüstung wurde sie wie so viele Länder ihres schönen Waldkleides größtenteils beraubt. Größere Reste desselben sind noch der Losheimer Wald, die Wälder der Schneifel, der herrliche Kermeter bei Schleiden in der nördlichen Eifel, sowie die Wälder des Laacher See-Gebiets und am Mittellauf der Kyll. In den höher gelegenen Gegenden der Eifel hatte die Waldverwüstung eine schlimme Wirkung zur Folge. Da das Klima für den Anbau zu ungünstig ist, verfielen weite Strecken Landes dem Zustande der öden Heide. In manchen Eifelkreisen nimmt das Ödland drei Viertel der Bodenfläche ein.
[Sidenote: Eifellandschaft.]
In trauriger Öde liegt das Land vor uns. Heide, soweit das Auge reicht! Nur der Naturfreund findet, daß auch dieses Land seine Schönheit und seinen Zauber hat. Im Spätsommer kleidet sich die düstere Heide mit ihrem Purpurmantel. Das Heidekraut bildet dann einen großen Blütenteppich. Dazwischen erscheinen hie und da auch wohl eine verkrüppelte Kiefer, Fichte, Lärche, Birke oder niedriges Wacholdergesträuch. Die Ruhe erzählt vom Gottesfrieden in der Natur. Bunte Falter flattern von Blume zu Blume, das Geräusch von Tausenden von Bienen summt an unser Ohr, und über den Boden eilen geschäftig zahlreiche Käfer. Nach dem Menschen suchen und fragen wir nicht in dieser Einsamkeit. Doch dort steigt ein leichter Rauch auf. Er verrät eine menschliche Hütte, ein ärmliches Heim, worin die Entbehrung wohnt. Die Heide vermag nur die Bienen, keine Menschen zu ernähren. Nur für den Schäfer, der einsam mit seiner Herde dahinzieht, die die wenigen Grasbüschel sucht, blieb hier noch Raum. Auch er ist inmitten seiner folgsamen und schweigsamen Herde ein Bild des Friedens und der Ruhe. Tagaus, tagein zieht er hinaus auf die braune Eifelheide. Doch wenn der Winter kommt, wenn wild der eisige Schneesturm heult, dann wagt auch er sich nicht mehr hinaus. Wehe dem Wanderer, der dann den verschneiten Weg verfehlt und verlassen umherirrt auf der Heide! Mit fahlem Glanze bricht der Mond durch die schwarzen Wolken durch und bescheint ein Leichentuch, das den verirrten Wanderer unter sich begrub. Ein Grab im Schnee!
[Illustration: Abb. 174. Schloß Burg an der Wupper. (Zu Seite 178.)]
[Sidenote: Eifelbilder. Das Vorgebirge.]
Noch manche Schönheiten zeigt uns die Eifel, wenn wir von den Hochflächen des Landes hinabsteigen in die Täler, die nach allen Seiten, zum Rhein, zur Mosel und zur Maas hin rinnen. In neuester Zeit ist besonders der durch den Bau der Urft-Talsperre (Abb. 152) geschaffene künstliche See bei Gemünd ein beliebtes Reiseziel geworden. Viel gepriesen wird auch das waldgeschmückte Kylltal, dem auf weiter Strecke die Eifelbahn folgt. Gerolstein (Abb. 153) und Kyllburg (Abb. 154) gelten als Glanzpunkte der Eifel. Manderscheid (Abb. 155) mit seinen beiden schöngelegenen Burgen und seinem steil aufragenden Mosenberg möchte ihnen im Liesertal den Rang streitig machen. Alle drei Orte werden im Sommer viel besucht. In den großen Gasthöfen, die dort entstanden sind, nehmen zahlreiche Familien längeren Aufenthalt. Noch größer ist die Zahl der durchreisenden Touristen, die nur in flüchtiger Reisestunde die Schönheiten dieser Punkte würdigen können. Locken sie doch noch so viele andere Schönheiten des Landes. Versteckt im Eltztale liegt die Burg Eltz (Abb. 156 u. 157), eine der wenigen rheinischen Burgen, die bei den Raubkriegen der Franzosen der Zerstörung entgingen. Das Nettetal prangt in der Schönheit seiner Wälder, es grüßt sein munteres Flüßchen die schön gelegene Stadt Mayen, und weiter unterhalb mißt dasselbe seine Kraft, wo die viel besuchte Rauscher Mühle liegt, an einem mächtigen Lavastrom, der in sein Bett hinabgeflossen ist, und über dessen Felsmassen es in Wasserstürzen hinabrauscht. Freundliche Bilder entfaltet auch das Brohltal, durch das uns auf der Rückwanderung vom Laacher See der Weg führt, und Eigenartiges bietet es zugleich. Wir grüßen die Ruine Olbrück, uns begleiten die hohen Tuffwände, in denen schon die Römer wühlten, um wertvollen Mörtel für ihre Bauten, besonders für Wasserbauten, zu gewinnen, und in dem Örtchen Burgbrohl sehen wir Kohlensäure dem vulkanischen Boden entsteigen, deren Gewinnung eine neue Industrie ins Leben gerufen hat. Endlich das Ahrtal! Dort weht schon Rheinluft. Darum folgten wir ihm schon auf einer früheren Wanderung.
IX. Die Kölner Bucht und das Bergische Land.
Wer von Bonn aus die Rheinfahrt nach Köln fortsetzt, bemerkt, wie die Höhen, die bis dahin so malerisch die Ufer schmückten, sich immer mehr von diesen entfernen. Zwischen niedrigen, doch nicht völlig flachen Ufern wälzt der Strom, der schon oberhalb Bonn zu einer stattlichen Breite angewachsen war, seine Fluten dahin. Vom obersten Deck des Dampfers können wir über das Land frei hinwegschauen. Eine schöne Ebene, die geographisch gewöhnlich als Kölner Bucht bezeichnet wird, dehnt sich zu beiden Seiten des Stromes aus, begrenzt im Westen und Osten von niedrigen Höhen, die anfangs von ihm etwa 5, weiter nach Norden etwa 10 ~km~ entfernt sind.
Von der Fruchtfülle, den wogenden Getreidefluren des Kölner Landes erhalten wir ein besseres Bild, wenn wir die Reise von Bonn nach Köln statt zu Schiff mit der Eisenbahn machen. In unmittelbarer Nähe des Vorgebirges fahren wir vorbei. Ein Kranz von blühenden Ortschaften säumt dessen Fuß, deren Bewohner einen ausgedehnten Gartenbau, Obst-, Gemüse- und Blumenzucht betreiben. Wenn im Frühjahr die Obstblüte beginnt, dann entfaltet dieser östliche Abhang des Vorgebirges, den man den großen Küchengarten von Köln und Bonn nennen könnte, ein Bild seltener Pracht und Anmut. Die sanftgeneigten Abhänge sind mit Tausenden von großen Blütensträußen geschmückt, die bald dichter stehen und zu einem weißen Blütenmeer verschmelzen, an anderen Stellen mehr einzeln sich aus dem jungen Grün herausheben. Das ist die Zeit, wo die Bonner, die Kölner in Scharen besonders nach dem in einer Einbuchtung des Höhenzuges so sonnig gelegenen Alfter strömen, teils um sich an der Blütenpracht zu ergötzen, teils auch -- und manche soll das mehr noch locken -- um den ersten Spargel zu kosten. Auch das Städtchen Brühl, wo sich ein Kaiserliches Schloß, das 1725 bis 1728 durch den Kölner Kurfürsten Clemens August erbaut wurde, mit großem, schattigem Park befindet, die von schönen Anlagen umgebene Bahnstation Kierberg, sowie die Waldpartien der Kranzmaar und von Königsdorf, westlich von Köln, locken während des ganzen Sommers viele Ausflügler an, die dem Stadtgewühl entfliehen wollen. So bieten sich auch in diesem Teile Rheinlands, den Bewohnern der Ebene, noch manche schöne Punkte, die eines Besuches wert sind, wenn auch der Zauber fehlt, den rebengeschmückte Berge, sagenumwobene alte Burgen und der stete Anblick des von Schiffen belebten Stromes dem engen Rheintal verleihen.
[Sidenote: Rheinfahrt von Bonn nach Köln.]
Auf der Fahrt mit dem Dampfschiff von Bonn nach Köln zeigt uns das ebene Land nur wenige Merkwürdigkeiten. Gleich nach der Abfahrt wird rechts die Doppelkirche von Schwarzrheindorf (Abb. 158) sichtbar, die bei den Kunstkennern besonders wegen ihres reizenden Chorrundganges und ihrer altkölnischen Malereien als ein Baudenkmal von hervorragendem künstlerischen Werte gilt. Sie wurde 1149 bis 1151 als Grabkirche für den Erzbischof Arnold ~II.~ von Wied errichtet. Die untere Kirche war für die Gemeinde, die obere für die Nonnen bestimmt. Leider ist die Kirche, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts nur noch als Pferdestall und Scheune zu benutzen war, trotz zweimaliger, gründlicher Restaurierung stark in Verfall geraten, so daß Kunstkenner sich über ihren heutigen Zustand sehr besorgt äußern.
[Illustration: Abb. 175. Der Altenberger Dom. (Zu Seite 178.)]
Etwa eine Stunde unterhalb Bonn erfolgt die Einmündung der Sieg in den Rhein. Wir können die Mündungsstelle, die durch Weidengebüsch verdeckt wird, vom Schiffe aus nicht sehen; aber ein schwärzlicher Streifen in dem grünen Rheinwasser verrät sie am rechten Ufer. Wenig unterhalb der Siegmündung liegt der Ort Mondorf. Die zahlreichen, am Rheinufer zum Trocknen aufgestellten Netze verraten uns schon die Beschäftigung vieler seiner Bewohner. Ohne auffälligen Wechsel der Uferbilder geht die Fahrt weiter, an dem langen Dorfe Hersel, das hinter den Nußbäumen einer Rheininsel hervorlugt, und an dem Fabrikorte Wesseling vorbei. Vor uns, in der Fahrtrichtung, werden die hohen Türme des Kölner Domes immer deutlicher sichtbar. Zuerst erschienen sie über dem rechten Ufer. Plötzlich schauen wir sie zur Linken, dann tauchen sie wieder rechts auf. Wir haben während der Fahrt die Biegungen des Rheines nicht verfolgt und sind fast irre geworden, auf welcher Seite des Stromes eigentlich Köln liege, bis endlich auch das übrige Bild der großen Stadt links vor uns auftaucht. Wie ein Wächter, den frühere Zeiten abzulösen vergaßen, reckt sich am Ufer der hohe Bayenturm heraus, die frühere Zollstelle bezeichnend. Über die neuen Werft- und Hafenanlagen, die von 1892 bis 1898 angelegt wurden, gleitet dann der Blick. Immer großartiger gestaltet sich das Gesamtbild (Abb. 159). Links und rechts fassen hohe Gebäudereihen den breiten Strom ein, über den eine niedrige Schiffbrücke und eine hohe Gitterbrücke (Abb. 160) hinüberführen nach Deutz, dem früheren Brückenkopf von Köln. Besonders das linksseitige Stadtbild, das eigentliche Köln, fesselt den Blick. Aus dem Häusermeer tauchen zahlreiche Kirchen auf; aber alle überragt riesenhaft der majestätische Dom, so daß selbst die hohe Gitterbrücke mit ihren stolzen Türmen zwerghaft in die Tiefe versinkt. Die feste Rheinbrücke wird zurzeit durch eine breitere, die an der nämlichen Stelle, neben der alten, errichtet wird, ersetzt, und außer ihr ist noch eine zweite feste Brücke, die Südbrücke, im Bau begriffen.
[Sidenote: Köln.]
Von der Landestelle des Dampfers, neben der stets belebten Schiffbrücke, gelangen wir unmittelbar in das alte Köln, zuerst auf den Heumarkt, auf dem das Denkmal des Königs Friedrich Wilhelm ~III.~ steht, dann auf den Altenmarkt, den ein Denkmal des berühmten Reitergenerals Jan von Werth aus dem Dreißigjährigen Krieg, der 1651 starb, in Gestalt eines Monumentalbrunnens schmückt. Wie eine heitere Sage erzählt, soll Jan früher Knecht gewesen und wegen verschmähter Liebe Kriegsmann geworden sein. Er wurde ein Reitergeneral, die Bauersmagd aber saß, als er seinen Einzug in Köln hielt, als Apfelweib am Stadttor. Zwei Figuren am Brunnen, einen kölnischen Bauer und ein kölnisches Mädchen aus jener Zeit darstellend, deuten auf diese Sage hin. Ein plattkölnisches Gedicht, von Kramer verfaßt, aus dem der Leser die Kölner Mundart kennen lernen möge, erzählt sie in folgender Weise:
„Zo Köln em ahlen Kümpchens-Hof Wunt ens nä Boersmann, Dä hat en Mäd, de nannt sich Griet, Nä Knäch, dä nannt sich Jan.
Dat Griet, dat wohr en fresche Mäd, Grat we vun Milch un Bloot, Dä Jan, dat wohr nä starke Boorsch, Dem Griet vun Häzen good.
Ens säht hä: „Sag,“ esu säht hä: „Sag, Griet, bin ich derr räch? Nemm mich zom Mann, do bes en Mäd, Un ich, ich den nä Knäch.“
Do säht it: „Jan, do bes nä Knäch, Und ich en schöne Mäd: Ich well nä däft’gen Halfen han Med Oes un Köh un Päd.“
Un als dä Jan dä Kall gehoot, Do trock hä en dä Kreeg, Schlog immer düchtig en dä Feind, Holf wennen manchen Seeg.
We widder hä no Köllen kom, Sos hä op stolzem Päd, Dä Jan dä wohr no Feldmarschall, Dä große Jan vun Wäht.
We widder en de Poz hä kom, Sos en der Poz dat Griet, It sos vör einem Appelkrom, Wo it Kruschteien briet.
Un als dä Jan dat Griet dät sin, Leht stell sing Päd hä stonn. Un größten it un säht zo im: „Grieht! wer et hät gedonn!“
Un als dat Griet dä Jan dät sin Su blänkig usgeroß, Do größt it in un säht zo im: „Jo! wär et hät gewoßt!“
Ehr kölsche Mädchen, merkt üch dat, Un sit mer nit so friet, Gar mäncher hät et leid gedonn, Dat lehrt vum Jan un Griet.“
Vom Altmarkt nehmen wir den Weg nach Westen zum Rathause (Abb. 161), einem interessanten, auf gewaltigem römischen Unterbau ruhenden Bauwerk, an dem besonders die zierliche, im Renaissancestil erbaute Vorhalle und der fünfstöckige Turm, der 1407 bis 1414 mit Strafgeldern der Adelsgeschlechter erbaut wurde, gelobt werden. In der Nähe liegt auch der Gürzenich, der alte Festsaal der Stadt Köln. Er wurde 1441 bis 1452 als „der Herren Tanzhaus“ errichtet. Sein Bau kostete damals 80000 Gulden. Viele große Feste wurden im Laufe der Jahrhunderte in ihm gefeiert. In der Zeit des Niederganges Kölns, im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, geriet er so in Verfall, daß er nur noch als Lagerraum benutzt werden konnte, bis ihn in unserer Zeit die neu aufblühende alte Hansastadt nach gründlicher Wiederherstellung des Inneren 1857 wieder seiner früheren Bestimmung übergab.
[Illustration: Abb. 176. Barmen.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu Seite 178.)]
[Sidenote: Köln. Der Dom.]
Weiter westwärts wandernd, gelangen wir zur Hochstraße, der Hauptgeschäftsstraße Kölns. Sie ist verhältnismäßig schmal, und um so mehr tritt der lebhafte Verkehr, der sich zu jeder Tageszeit durch sie bewegt und in den Mittags- und Abendstunden fast zu stocken droht, in die Erscheinung. Mancher Fremde hat ein solches Verkehrsbild nie gesehen und ist von ihm überrascht. Wir schließen uns der flutenden Menge an und ziehen an den glänzenden Geschäftsläden vorüber, bis wir auf dem Wallrafsplatz plötzlich gebannt stehen bleiben. Wir stehen fast unmittelbar vor den gewaltigen Domtürmen (Abb. 162), die riesenhaft sich recken, zugleich durch ihre reiche und kunstvolle Gliederung überraschend. Nun stehen wir vor dem prächtigen West-, dem Hauptportal: Links und rechts je ein Riesenturm, 156 ~m~ hoch. Es fehlen uns völlig die Maßvergleiche, um solche Höhe richtig zu schätzen. Dort der 40 ~m~ hohe Uhrturm des Bahnhofes, welch ein Zwerg! Daneben die gewaltige, zu 24 ~m~ Höhe sich wölbende Bahnhofshalle, wie tief zur Erde gedrückt! Wir steigen die Stufen hinan, und nun stehen wir im Inneren des Domes (Abb. 163). Wie gewaltig sind die Säulen, und doch wie schlank erscheinen sie, mißt das Auge sie mit der Riesenhöhe! In einen Wald von Säulen, einem herrlichen Buchenwalde vergleichbar, schauen wir hinein. Nicht jeder Besucher des Gotteshauses mag das Gefühl, das zum Himmel reißt, in diesem gotischen Stil empfinden. Aber jener Schweizer, der beim Anblick des Kölner Domes das Bild seiner Heimatberge wiedererstehen sah, hat es tief empfunden. „Der Dom ist,“ so schrieb er in seinen Reisebildern[C], „das Märchen vom versteinerten Wald, so wunderbar, daß man davor wie ein Stein stillstehen und ganz tiefsinnig werden könnte ... Wie ein Gebirge erschien mir der Dom, wie ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst. Eine Zacke trägt und stützt die andere, jede will höher als die andere ... alles strebt weltflüchtig empor in die Sonne.“
[Illustration: Abb. 177. Die Schwebebahn in Barmen-Elberfeld.
Nach einer Aufnahme von Gebr. Kremer in Barmen. (Zu Seite 178.)]
[Sidenote: Der Kölner Dom.]
Der Grundstein zu diesem herrlichen Bauwerke, zu dem die Nationen der Erde hinpilgern, um es staunend zu bewundern, wurde am 14. August 1248 durch den Erzbischof Konrad von Hochstaden gelegt. Erst 632 Jahre später, im Jahre 1880, konnte das Fest seiner Vollendung gefeiert werden. So sind Jahrhunderte an dem unvollendeten Bau, der wie ein Trümmerbild einer vergangenen Glanzzeit Kölns und des deutschen Volkes dastand, ohnmächtig vorübergegangen. Sie hätten nie gewagt, ein solches Bauwerk zu beginnen, und waren darum auch außerstande, es zu vollenden. Als der wirtschaftliche Niedergang der einst so blühenden Hansastadt an seinem Tiefpunkte angelangt, als Deutschlands politische Ohnmacht am größten und der Rhein abgerissen war vom deutschen Lande, da war auch die Herrlichkeit des Kölner Domes am tiefsten gesunken, damals konnte, in der Zeit der Fremdherrschaft, ein französischer Bischof sogar Napoleon den Vorschlag machen, die Steinmasse, die nur noch als Heumagazin diente, doch abtragen zu lassen. Dem deutschen Volke ist diese Schmach erspart geblieben. Als Köln mit dem übrigen Teil der Rheinprovinz unter preußische Herrschaft kam, da brach mit der Zugehörigkeit zu einem großen, gut geleiteten Staatswesen, mit der Entwicklung des Rheinstroms zu einer großen, einheitlichen Verkehrsstraße auch wieder, erst langsam, dann schneller, eine neue Zeit der Blüte an. Mit dem neu erwachenden deutschen Volksgefühl regte sich auch das Gewissen, die großen Aufgaben, die die Väter hinterlassen hatten, wieder aufzunehmen. Mahnend ragte der Domkran, der zum Wahrzeichen der Stadt geworden war, auf, und in den Herzen kunstbegeisterter Männer begann es sich zu regen. Besonders Sulpiz Boisserée weckte den schlafenden Volksgeist, und er hatte das Glück, den König Friedrich Wilhelm ~III.~ und mehr noch den damaligen, für die Kunst begeisterten Kronprinzen für seine Pläne zu gewinnen. 1824 begann man mit Restaurationsarbeiten in bescheidenem Umfange. Der Baumeister Zwirner war es, der zuerst mit dem kühnen Gedanken eines völligen Ausbaues in die Öffentlichkeit trat. Seine Begeisterung hallte in den Herzen aller Kölner, aller Rheinländer, aller Deutschen mächtig wider. Ein glücklicher Zufall hatte über dem Kölner Dom gewaltet. 1814 war in Darmstadt der eine, 1816 in Paris der andere Teil des Originalaufrisses der Westfassade mit den Türmen aufgefunden worden, desgleichen im selben Jahre in Paris der Originalgrundriß des südwestlichen Domturmes nebst der östlichen Ansicht. Die Möglichkeit, den stolzen Bau so auszuführen, wie er vom ersten Baumeister, man glaubt vom Meister Gerard von Rile, ersonnen war, stärkte den Mut. Am 4. September 1842 wurde im Beisein des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~ feierlichst der Grundstein zum Weiterbau gelegt, für den im ganzen bis 1880 achtzehnundeinhalb Millionen Mark verausgabt wurden. In diesem Jahre konnte endlich am 15. Oktober, in Anwesenheit des Kaisers Wilhelm ~I.~ und fast sämtlicher deutscher Fürsten, das Fest der Vollendung gefeiert werden. Es waren zwei Festtage, der Tag der Einweihung und der folgende Tag des Festzuges, weihevoller Stimmung, die wie ein Jugendtraum unauslöschlich im Erinnern ruhen.
[Illustration: Abb. 178. Elberfeld.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu Seite 179.)]
[Illustration: Abb. 179. Die Ruhmeshalle in Barmen.
Nach einer Photographie von W. Disselhoff in Elberfeld. (Zu Seite 180.)]
Der Dom ist ein fünfschiffiges Langhaus, an den sich ein dreischiffiges Querhaus setzt. An die äußeren Seitenschiffe des Langhauses schließt sich ein Halbkreis von sieben Kapellen an, während die inneren Seitenschiffe um den Hochaltar laufen. Der Flächeninhalt des Domes beträgt 6166 ~qm~ (des St. Peter in Rom 15160 ~qm~). Im südlichen Turme hängt die aus französischem Geschützmetall gegossene Kaiserglocke, die 500 Zentner wiegt. In der Michaelskapelle bewundern wir das berühmte, dreiteilige Dombild (Abb. 2), das die Anbetung der heiligen drei Könige darstellt; es wurde vor 1450 von Stephan Buchener gemalt. Die Reliquien der heiligen drei Könige werden in der reichen Schatzkammer des Domes in einem goldenen Reliquienschrein aufbewahrt. Dieser, ein kostbares Werk romanischer Goldschmiedekunst, das aus der Zeit zwischen 1190 und 1200 stammt, wurde leider 1794 bei der Flucht vor den Franzosen stark beschädigt und 1807 ungeschickt wiederhergestellt.
Der Kölner Dom stellt die höchste Vollendung der Richtung des gotischen Baustils dar, die ihre Entwicklung auf französischem Boden fand und dort besonders in der herrlichen Kirche zu Reims triumphierte. In Deutschland gibt es drei rheinische Dome, die die französische Gotik zum Ausdruck bringen, der Freiburger Dom, dessen Turm der schönste von allen gotischen Türmen ist, der Straßburger Dom, an dem die Baugrundsätze der Gotik einheitlicher durchgeführt sind, und dessen Inneres einen reicheren bildhauerischen Schmuck zeigt, und endlich der Kölner Dom, mit dessen Plan die Gotik unvermittelt in Köln auftritt, da die ein Jahr früher begonnene Kirche St. Kunibert noch keine Züge des Kölner Domes zeigt.
[Sidenote: Alt-Köln.]
Noch viele herrliche Kirchen besitzt Köln, deren Kunstbedeutung ich hier des Raummangels wegen nicht näher darlegen kann. Ein hervorragender Kunstkenner äußerte sich einmal, daß er sich nicht recht entscheiden könne, ob er in bezug auf kirchliche Baukunst Rom oder Köln den Vorzug geben solle. Das ist ein Urteil, das wohl an die Stelle einer langen Beweisführung treten darf. Als hervorragende Kirchenbauten Kölns seien deshalb bloß noch die 1172 geweihte Kirche Groß-St. Martin, die 1049 von Papst Leo ~IX.~ geweihte Kirche St. Maria im Kapitol, die Kirche St. Pantaleon, die an Stelle eines älteren Gotteshauses 964 bis 980, angeblich mit Benutzung von Resten der Konstantinschen Rheinbrücke, erbaut wurde, die sehr interessante Kirche St. Gereon, in deren Krypta man sehr alte Baureste entdeckt hat, und die stattliche, im dreizehnten Jahrhundert erbaute Apostelkirche, die sich am Neumarkt, dem größten Platze Kölns, so prächtig mit ihrem schönen Chorbau erhebt.
[Illustration: Abb. 180. Das Rittershaus-Denkmal in Barmen.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu Seite 180.)]
[Sidenote: Kölns Geschichte.]
Das malerische Bild des mittelalterlichen Köln (Abb. 164) erstand beim Anblick der schönen Gotteshäuser in unserem Geiste. Viel unbedeutendere Spuren hat dagegen das römische Köln, die stolze ~Colonia Claudia Augusta Agrippinensis~, die mit nur wenigen anderen Kolonien das ~ius italicum~, das römische Recht der Vollbürger besaß, hinterlassen. Im Jahre 38 v. Chr. war Köln gegründet worden, als der deutsche Volksstamm der Ubier vom rechten auf das linke Rheinufer übersiedelte. Der Ort erhielt durch die Errichtung der ~Ara Ubiorum~ (Altar der Ubier) eine hohe religiöse Bedeutung. Die Gründung der römischen Kolonie, die eine sogenannte Veteranenkolonie war, erfolgte 51 n. Chr. Wenn auch keine bedeutenden Baureste von jenem römischen Köln mehr vorhanden sind, so haben doch die Ausgrabungen genügenden Aufschluß über dasselbe gegeben. Die römische Stadtmauer lief in etwa rechteckiger Form vom Domplatze über die Burgmauer, die St. Apern- und Gertrudenstraße, den Mauritiussteinweg, die Alte Mauer am Bach, Blaubach, die Hochpforte und die Hochstraße. Sie war in bestimmten Abständen von Türmen nach Art des erhaltenen Römerturmes flankiert und von Toren durchbrochen, von denen die Porta Paphia, deren Reste an der Westseite des Domes festgestellt wurden, wohl das stattlichste war. Es fehlte nicht an monumentalen Bauten, Verwaltungsgebäuden, Termen und Tempeln, wie zahlreiche, im Wallraf-Richartz-Museum aufgestellte Überbleibsel aus dem bildsamen Jurakalkstein beweisen. Ein Jupiter- und ein Merkurtempel sind durch Inschriften bezeugt. Auch ansehnliche Privatbauten waren vorhanden, wie sich aus Resten kunstreicher Mosaiken und Wandmalereien und aus Funden von Zentralheizungen und Badeeinrichtungen ergibt. Eine großartige Wasserleitung führte klares Gebirgswasser aus der Eifel herbei. Der sogenannte Römergang, den man noch heute besichtigen kann, war eine aus Tuffstein sauber ausgeführte Kloake zur Wegführung der Abwässer. Die meisten Privathäuser hat man sich als Fachwerkbauten zu denken. Von römischer Kultur zeugt auch die Art der Götterverehrung und der Ehrung der Toten. An den Hauptstraßen vor den alten Toren sind große Gräberfelder aufgedeckt worden. Dort reihte sich zu beiden Seiten der Straße Grab an Grab. In den beiden ersten Jahrhunderten der römischen Herrschaft wog die Verbrennung, in den beiden letzten die Bestattung vor. Schöne Erbbegräbnisse sind in Weiden und jüngst in Effern aufgedeckt worden. In der Regierungszeit Konstantins des Großen erhielt Köln auch eine feste Rheinbrücke, die später von den Normannen zerstört wurde.