Chapter 6 of 16 · 3765 words · ~19 min read

Part 6

Als Kreuzungspunkt zweier großen Talfurchen, der Rhein- und der Mosel-Lahn-Furche, hat Coblenz eine wichtige Verkehrslage. Schon ein Blick auf sein Landschaftsbild, auf seine drei Rhein- und zwei Moselbrücken, unter denen sich im ganzen drei Eisenbahnbrücken befinden, überzeugt uns hiervon. Die geringe Verschiebung des Lahntales nach Süden bewirkte aber, daß als besonderer rechtsrheinischer Verkehrsmittelpunkt neben Coblenz auch die Doppelstadt Ober- und Niederlahnstein aufblühen konnte, so daß jenem nur die Fortführung des linksseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Moselverkehrs, dieser dagegen die Fortführung des rechtsseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Lahnverkehrs zufielen. Erhöht wird die Gunst der Lage von Coblenz durch die unmittelbare Nachbarschaft eines größeren, sehr fruchtbaren Talbeckens, der gut angebauten Niederung des Neuwieder Beckens. Indem aber der Rhein die Stadt von dessen rechtsrheinischem und die Mosel sie von seinem linksrheinischen Teile abschloß, konnte sie nicht verhindern, daß neben ihr in dem einen Neuwied (fast 20000 Einw.), in dem anderen Andernach (9000 Einw.) als größere Orte aufblühten, die besonders für das Gebirgshinterland des Westerwaldes und der Eifel Bedeutung erlangten. So hatte Coblenz auch mit hemmenden Einflüssen zu kämpfen, die es ihm erschwerten, ein weites Gebiet wirtschaftlich eng an sich zu gliedern. Seine Lage ist in Wirklichkeit keine so zentrale als die von Frankfurt oder Mainz oder selbst als die von Trier. Immerhin genügt die Gunst der Lage, um der Stadt den Vorrang, der ihr als Sitz der Provinzial-, Regierungs- und Militärbehörden zugefallen ist, auch wirtschaftlich zu stützen. Die endlich in Fluß gekommene Stadterweiterung wird auch mancherlei Gewerben, die bisher in dem engen Festungsgürtel keinen Raum finden konnten, eine Heimstätte bieten können. Von Bedeutung ist gegenwärtig nur die Champagnerbereitung, deren Entwicklung an den lebhaften Weinhandel anknüpfte, den Coblenz betreibt. Alljährlich finden im Frühling und Herbst bedeutende Weinversteigerungen statt. Coblenz ist auch ein Mittelpunkt des Obst- und besonders des Kirschenhandels. Der reiche Kirschensegen der Orte Salzig am Rhein und Güls an der Mosel geht zum großen Teil zum Coblenzer Kirschenmarkt, der Anfang bis Mitte Juni abgehalten wird, und auf dem sich zahlreiche Händler einfinden. Gegenwärtig zählt Coblenz 55000 Einwohner. Zählen wir die Nachbarorte Moselweiß, Ehrenbreitstein und Pfaffendorf, wo viele Coblenzer Familien Wohnung suchen mußten, die die eingeengte Stadt ihnen früher nicht zu geben vermochte, so erhalten wir eine Gesamtbevölkerung von etwa 75000.

[Illustration: Abb. 86. Die Altenbaumburg. (Zu Seite 94.)]

V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltal.

[Sidenote: Der Hunsrück.]

Der Hunsrück ist ein geographisch scharf abgegrenztes Gebiet. Im Osten trennt ihn die etwa 200 ~m~ tiefe Rheinfurche von dem Taunus, im Norden zieht die Mosel eine fast ebenso tiefe Furche als Scheidelinie gegen die Eifel, im Westen bezeichnet der bedeutendste Zufluß der Mosel, die wasserreiche Saar, die Grenze, und nur im Süden ist die Abgrenzung des Gebietes nicht so scharf. Im Südosten bildet die Nahe als ein kleinerer Fluß schon eine viel weniger deutlich ausgeprägte Grenzlinie, und im Südwesten geht der Hunsrück unmerklich in das hügelige Gelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges über. Schwieriger ist es, den Hunsrück auch als eine geologische Einheit abzugrenzen. Mit dem Taunus stimmt er in seinem inneren Bau so überein, daß der eine als die Fortsetzung des anderen betrachtet werden muß und die nachfolgenden geologischen Bemerkungen auch für jenen gelten können. Der von den Geologen mit Vorliebe für den Hunsrück gebrauchte Name „Linksrheinischer Taunus“ drückt die Zusammengehörigkeit der beiden Gebiete deutlich aus. Die Rheinfurche ist nichts weiter als ein großartiger Durchschnitt durch die Taunusfalte des Rheinischen Schiefergebirges, und einen zweiten Durchschnitt schuf fern im Westen, wo diese Erdfalte noch nicht völlig verflacht ist, die Saar. Erst eine kleine Strecke westlich von dieser Talfurche tauchen die Schichten des Hunsrück unter die lothringische Trias unter. Im Norden kommt der Moselfurche in geologischer Hinsicht eine ganz andere Bedeutung zu als der Rheinfurche. Sie trennt die Taunus-Hunsrückfalte von dem ebenfalls nordöstlich gerichteten Faltensystem der Eifel. In der Moselsenkung fanden auch nach der Aufrichtung jener Faltengebirge noch neue Erdbildungen statt. Das Buntsandsteinmeer und in noch jüngerer Zeit das Jurameer griffen von Westen in dieselbe hinein und ließen wenigstens im westlichen Teile ihre Bildungen entstehen. Im Osten aber, in der Verlängerung der Moselfurche, brach das Senkungsfeld des Neuwieder Beckens ein, das die vier großen Schollen des Rheinischen Schiefergebirges, Taunus, Hunsrück, Eifel und Westerwald, auf der Ecke, wo sie zusammenstoßen würden, deutlicher voneinander trennte, als es Flußtäler vermögen. Im Süden bezeichnet die Diskordanz (= ungleiche Lagerung) der karbonischen Schichten des Saarbrückener Steinkohlengebirges und des Rotliegenden, die die Faltenbewegung des Hunsrück nicht mehr zeigen, also erst nach dieser entstanden sind, dessen Grenze. Im Gebiet des Rotliegenden fanden, in der Nahegegend, die vulkanischen Ausbrüche des schwärzlichen Melaphyr- und des rötlichen Porphyrgesteins statt.

[Illustration: Abb. 87. Kirn und die Kyrburg. (Zu Seite 94.)]

[Sidenote: Der Hunsrück, Entstehung und Namen.]

Über die Herkunft des Namens Hunsrück ist viel herumgestritten worden, und noch immer scheinen die Geister nicht einig zu sein. Drei Deutungen streiten miteinander. An „Hundesrücken“ zu denken, legte der Klang des Wortes nahe. Die Namengebung wäre dann verwandt mit der des „Katzenbuckel“ im südlichen Odenwald. Aber gerade jene Deutung wurde viel bekämpft und ihr die Ableitung von „Hünenrücken“ = hoher Rücken entgegengestellt, bis neuerdings Gymnasialdirektor Back im „Hochwald- und Hunsrückführer“ wieder für die zuerst genannte Ableitung eingetreten ist. Er stützt sich hierbei auf das Vorkommen eines alten Gaunamens, der „Hundesrucha“ hieß. „Dieser Gau umfaßte,“ so schrieb Back, „den höchsten Teil der Hochfläche in der nordöstlichen Hälfte unseres Gebirgslandes. Dieser bildet aber einen von Nordosten nach Südwesten ziehenden Rücken, der nach beiden Enden hin -- im Hochwald und in der Halfter Heide -- sich erhebt, in der Mitte mäßig eingesenkt ist. Darin liegt die Erklärung des Namens, indem das Eigentümliche des Hunderückens die in der Mitte etwas eingesenkte Gestalt ist.“ Diese Beweisführung erscheint wohl begründet. Dennoch vermag sie nicht alle Zweifel zu beseitigen. Es kommt darauf an, ob nicht schon der alte Gauname „Hundesrucha“ eine fehlerhafte Übertragung eines noch älteren Namens ist, da doch das Bild des eingesenkten Hunderückens ein etwas eigentümliches ist. In jüngster Zeit ist eine andere Deutung versucht worden, die davon ausgeht, daß das Wort „~hun~“ die Bedeutung von schwarzes, dunkel hätte, Hunsrück also „dunkler Rücken“ heißen würde. Wichtiger als der Streit um die Herkunft des Namens ist die Tatsache, daß er früher nur einen kleinen Teil des oben umgrenzten Gebietes bezeichnete, und daß man heute im Lande selbst unter Hunsrück nur die Hochflächen versteht, die dem eigentlichen Gebirgszuge nach Norden zur Mosel hin vorgelagert sind, daß dieser selbst aber in seinen einzelnen Abschnitten und Parallelketten ganz andere Namen führt. Es steigt der Moselaner, der Coblenzer, der Bopparder hinauf zum Hunsrück, aber der Bewohner des Nahetals wandert zum Soon-, zum Hoch- und Idarwalde, und vom Hunsrück spricht er nicht.

[Illustration: Abb. 88. Schloß Dhaun. (Zu Seite 94.)]

[Illustration: Abb. 89. Oberstein. (Zu Seite 94.)]

[Illustration: Abb. 90. Saarburg. (Zu Seite 100.)]

[Illustration: Abb. 91. Die Klause bei Saarburg. (Zu Seite 100.)]

[Sidenote: Der Hunsrück.]

Schon aus dem Gebrauch verschiedener Namen für das vom Geographen zu einer Einheit erhobene Gebiet können wir folgern, daß dessen Oberflächenbild ein wechselndes ist, daß es völlig verschiedene Landschaften in sich schließt. Wir müssen unterscheiden zwischen waldgeschmückten Bergrücken, die hoch das Land überragen, und zwischen einförmigen, schwachwelligen Hochflächen, die sich südlich und nördlich von diesen ausdehnen, schmäler im Süden, breiter im Norden. Es sind also die nämlichen Gegensätze wie beim Taunus vorhanden. Zwischen den beiden Gebieten bestehen nur die Unterschiede, daß letzterem bloß im Norden eine breite Hochfläche vorgelagert ist, nicht aber im Süden, ferner, daß die Taunuskette höher ist. Landschaftlich kommen diese Unterschiede sehr zur Wirkung. Wir finden am Südfuße des Hunsrück, wegen der dort vorgelagerten Hochfläche, kaum einen solch günstigen Standpunkt, wie ihn die Gegend von Frankfurt für die Betrachtung des Taunus, um die fortlaufende Linie der unmittelbar aus dem Tieflande aufsteigenden Höhenkette klar überschauen und verfolgen zu können, darbietet. Wir müssen ferngelegene Erhebungen, wie den Donnersberg in der Pfalz, aufsuchen, um ein übersichtliches Gesamtbild zu erhalten. Fänden wir aber auch in der Nähe einen geeigneten Standpunkt, so würde das Bild unseren Erwartungen doch wenig entsprechen, weniger weil die Höhe der Bergzüge des Hunsrück, die doch immerhin durchschnittlich 700 ~m~ beträgt, nicht bedeutend genug wäre, als vielmehr, weil keine so geschlossene Kette wie die des Taunus vor uns läge. Die Bergzüge des Hunsrück sind mehrfach unterbrochen und laufen streckenweise nebeneinander her. Am Rhein steigt zunächst, als unmittelbare Fortsetzung des Taunus, der Soonwald auf. Es folgt, durch eine ziemlich tiefe Senke getrennt und mehr nach Nordwesten verschoben, aber in gleicher Richtung von Nordosten nach Südwesten verlaufend, der Idarwald, in dem der Idarkopf die Höhe von 745 ~m~ erreicht. Mit ihm hängt der Rücken des Hochwaldes unmittelbar zusammen. Er ist die bedeutendste Erhebung des Hunsrück und steigt im Erbeskopf, dem höchsten Punkt der Rheinprovinz, zu 816 ~m~ an. Das vierte und letzte, in der Nähe der Saar gelegene Glied des hohen Hunsrück ist der Errwald. Außerdem sind noch mehrere Parallelzüge vorhanden. Die Hochflächen des Hunsrück, die schmälere im Süden und die breitere im Norden, liegen durchschnittlich 400–500 ~m~ hoch. Sie senken sich etwas zur Mosel und Nahe hin.

[Illustration: Abb. 92. Trier, vom Petersberg gesehen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 101.)]

[Illustration: Abb. 93. Hauptmarkt, St. Gangolfskirche und Rotes Haus in Trier.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 101.)]

[Sidenote: Entstehung des Hunsrück.]

Als ein stark abgetragenes Gebirge, das nur noch in seinen Grundresten stehen geblieben ist, hat der Hunsrück gleich dem Taunus heute ein ganz anderes Oberflächenbild als früher. Mit seiner Höhe büßte er auch seine Farbenpracht ein. Die Längsachse der Auffaltung lag auch bei ihm südlich von dem jetzigen Hauptzuge des Gebirges. Aber die ältesten Gesteine des Hunsrück, kristallinische Sericite und Phyllite, die bei der Aufwölbung aus tieferem Erdinnern hervortraten, wurden als die weicheren stärker abgetragen. Sie bilden eine schmale Zone im südlichen Hunsrück. Über ihr genaues Alter streitet man sich ebenso wie über das der alten Gesteinsschichten, die am Südrande des Taunus auftreten. Ein Teil der Geologen hält wenigstens die Sericite für cambrisch, während Lossen diese, sowie auch die Phyllite des Hunsrück als metamorphosierte, d. h. kristallinisch umgewandelte Unterdevongesteine ansieht. Die härteren Taunusquarzite, die als das nächstfolgende jüngere Gestein bei der Auffaltung seitwärts in eine Nebenzone gedrängt worden waren, widerstanden der Verwitterung und den zerstörenden Kräften des Wassers besser und wurden allmählich Hauptgebirgswall. Die noch jüngeren Schichten, Hunsrückschiefer und Koblenzschichten, die noch mehr seitwärts gedrückt worden waren, wurden als weichere Gesteine stärker und zugleich sehr gleichmäßig abgetragen. So entstand im Norden, wo diese Gesteinsschichten eine breite Zone einnehmen, während sie im Süden fehlen, eine weite, schwachwellige Hochfläche, der eigentliche Hunsrück.

[Illustration: Abb. 94. Die Porta nigra in Trier.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]

[Illustration: Abb. 95. Der Kaiserpalast in Trier.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]

[Illustration: Abb. 96. Der Dom und die Liebfrauenkirche in Trier.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102 u. 104.)]

[Sidenote: Hunsrück-Landschaft.]

Große Formenschönheit entfaltet das Gebirge auf seiner Oberfläche nirgendwo. Auch die höher hervorragenden Quarzitrücken sind einförmig gestaltet. Sie steigen sanft an und bilden langgezogene Gewölbe. Schwache Erhöhungen deuten die Hauptgipfel an, von deren oberster Spitze sich nirgendwo eine Aussicht auf formenreiche Landschaften öffnet. Auch fehlt der Blick hinab auf eine kulturreiche Ebene, wie ihn z. B. im Riesengebirge die Schneekoppe, wie ihn auch die Höhe des Taunus nach Süden hin bietet. Nur kleine Siedelungen liegen über die wellige Hochfläche zerstreut. Sie sind entweder an die sanft ansteigenden Bergabhänge gelehnt, so daß man sie in den Mulden des Landes kaum zu finden weiß, oder sie liegen freier auf hervorragenden Punkten, von denen hier und da ein fernes Kirchlein zu uns herüber winkt. In unserer nächsten Nähe, auf dem breiten Quarzrücken selbst, sehen wir nichts als Wald. Durch herrlichen Hochwald stiegen wir ja in dreistündigem Marsche empor, und im Schatten riesiger Buchen und Eichen hielten wir Rast. Das ist noch echt deutsche Waldespracht, wie wir sie nur noch in wenigen Teilen des Vaterlandes finden, ein Bild, wie es vor zwei Jahrtausenden die Vorfahren schauten, die noch den Auerochs jagten. Auch heute winkt noch im Hunsrück des Weidmanns Heil. Als die herrlichsten Forsten, als die besten Jagdgründe Rheinlands, gelten die schönen Waldbestände des Hochwalds, und leidenschaftliche Jäger scheuen weite Reisen nicht, um in dieser Waldesherrlichkeit Hirsch und Reh, Wildschwein und Fuchs jagen zu können.

[Sidenote: Ringwälle. Land und Volk.]

In vorhistorischer Zeit dienten einige der waldigen Höhen des Hunsrück den Bewohnern bei feindlichen Einfällen als Zufluchtsstätten. Vielleicht waren solche Berge, deren Scheitel mit mächtigen Ringwällen umgeben wurde, zugleich auch Kultusstätten. Der bekannteste Ringwall und einer der größten in den Rheinlanden ist der von Otzenhausen, im Volksmunde einfach der „Ring“ genannt. Er ist meist 25 bis 30 ~m~ hoch, oben noch 5 bis 8 ~m~ breit und umzieht in ovaler Form in fast 2 ~km~ Länge die Spitze des Berges. Im Inneren des so umschlossenen Schutzgebietes liegt eine Quelle; denn Wasser durfte in dem befestigten Berglager nicht fehlen.

[Illustration: Abb. 97. Innenansicht des Trierer Domes mit Hochaltar.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]

Während der Quarzitboden wohl ein guter Waldboden ist, eignet er sich für den Getreidebau weniger, weil er zu wenig Tongehalt hat und daher zu sandig ist. So hatte man keine Veranlassung, die herrlichen Forsten, mit denen die Granitrücken geschmückt sind, auszuroden. Auf den weiten Hochflächen, besonders des nördlichen Hunsrück, hatte der Ackerbau Raum genug, sich auszubreiten. Dort bildet der weit verbreitete Hunsrückschiefer einen recht guten Ackerboden, und wäre die Höhenlage nicht so bedeutend und das Klima milder, so würde der Bauer des Hunsrück nicht bloß sein bescheidenes Auskommen finden. So aber bleibt sein Leben ein steter Kampf, der rührigen Fleiß und ein sparsames Wirtschaften verlangt. Die Natur des Landes ist der beste Tugendlehrer. Als ein arbeitsames, fleißiges und genügsames Völkchen werden die Bewohner des Hunsrück überall geschildert. Sie sind von alemannischer Abstammung, wie Rottmann an der Sprache nachgewiesen. Diese ist ein ähnlicher Dialekt, wie er auch im Rheintal von Bingen bis Coblenz, im Nahetal und Moseltal gesprochen wird, wenn dort auch manche Änderungen durch stärkere Völkermischung stattgefunden haben. Eine von den Eigentümlichkeiten des Hunsrücker Dialekts, von dem uns das hübsche Frühlingslied von P. J. Rottmann eine Probe geben soll, ist das Übergehen von d und t in r, wenn diese Laute zwischen Vokalen stehen, z. B. jerer statt jeder.

Frühlingslied.

Watt sin euch dehr Brierer, Watt sin euch so froh; Der Winder is danre, Det Friehjohr es doh.

Eraaser, dehr Bue, Verloost auer Huhl! Watt weerd et ähm wierer Im Freie so wuhl.

Im Haus hinn’gern Uwe, Do iß nit uhs Blatz, So drauß in dem Acker, Do liht eur Schatz.

Der Bauer muß schaffe! Sei nosert nit faul; Et fliegt köh Dauwe Gebrote in’t Maul.

Lang schloofe det Moorjets, Datt brängt ähm köh Glick. Wo frieher eraußer, Wo größer det Stick.

Et steht in der Biewel, Wie jerer aog wöäs, Det Brot se verdiene Mit Aarwet und Schwäs.

Dann schmeckt ähm det Esse, Dann schmeckt ähm der Schloof, So schmeckt et köhn Kienig, So schmeckt et köhn Groaf.

Darum lustig an’t Wirke, Uhs Herrgott will’t hohn. Dem fleißige Bauer, Dem gibt er sei Lohn.

[Sidenote: Simmern. Castellaun. Stromberg.]

Die Römer hatten über den Hunsrück eine Heerstraße angelegt, die von Bingen über den sogenannten stumpfen Turm, an dem eine Ansiedlung namens Belginum lag, nach Neumagen an der Mosel und von dort nach Trier führte. Im Mittelalter war das Städtchen Simmern, wo eine Zeitlang ein Fürst residierte, der geistige Mittelpunkt des Hunsrück. Schon 1532 bestand dort eine Druckerei, die uns ein berühmtes Werk, das mit vielen Holzschnitten geschmückte Turnierbuch von Georg Rüxner, hinterlassen hat. Das nordwestlich von Simmern in dem fruchtbarsten Teile des Hunsrück gelegene Städtchen Castellaun, dessen Name jedenfalls auf römischen Ursprung hinweist, besaß gleich Simmern eine Burg, die die Franzosen im Jahre 1689 auf ihrem Raubzuge zerstörten. Im südlichen Hunsrück ist Stromberg ein Ort, geschmückt mit den Ruinen zweier Burgen, der einen Besuch reichlich lohnt. Devonischer Kalk tritt daselbst auf, der zum Betrieb von Kalksteinbrüchen anregte. Von dort wandern wir nach Sponheim, dem Stammsitze des bekannten Geschlechts der Grafen von Sponheim, die auch die Abtei Sponheim gründeten. In dieser herrschte nicht immer strenge Klosterzucht. Aber einen berühmten Abt des Klosters, von dessen Gebäuden nichts mehr erhalten ist, während ein fester Turm der Burg mit seinen 3 ~m~ dicken Mauern den Stürmen der Zeit noch Trotz bietet, nennt die Geschichte, Trithemius, benannt nach seinem Heimatorte Trittenheim an der Mosel, wo er 1462 geboren wurde. Er stellte die Klosterzucht wieder her und ragte unter seinen Zeitgenossen durch seine Gelehrsamkeit hervor. Seine berühmte Bibliothek wird noch heute in Heidelberg, wohin sie 1611 kam, aufbewahrt.

[Sidenote: Kreuznach.]

Von Sponheim ist nur noch ein Sprung bis Kreuznach (24000 Einw.) (Abb. 80), der gastlichen Stadt am Naheflusse, die alljährlich von mehr als 6000 Kurgästen, die vom Gebrauch der vortrefflichen Solbäder Heilung erhoffen, besucht wird. Dort wollen wir eine Rundwanderung um den Hunsrück beginnen, dessen Rheinseite wir früher schon kennen lernten. Sie wird uns durch das Tal der lieblichen Nahe, die uns mit schelmischem Blick den Saft der Rebe, den gefährlichen Nahewein, reicht, hinführen zur Saar, die ernsteres Leben an ihren Ufern schaut und nur dort, wo die ältere Schwester Mosella die Hand ihr reicht, Rebenschmuck trägt. Und von dort, vom altersgrauen Trier an, begleiten uns fast fortwährend rebengeschmückte Berge, bis wir dem Vater Rhein seine stolzeste Tochter zuführen können.

[Illustration: Abb. 98. Portal der Liebfrauenkirche in Trier.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 104.)]

Kreuznach führt seinen Ursprung auf eine keltische Ansiedlung zurück. Aber ob die Kelten diesen Ort, wie Hessel meint, schon ~Crucinacum~ nannten, erscheint doch sehr zweifelhaft, da sie hierzu ja hätten Latein lernen müssen. Auch daß die Römer, die diesen Namen verstanden, nach ihnen kommen würden, konnten sie nicht gut wissen. Diese bauten, das ist gewiß, in Kreuznach ein Kastell. Noch stehen in der Nähe der Eisenbahnbrücke Reste der Umfassungsmauer, die das Volk die Heidenmauer oder die „heiße Mauer“ nennt. Auch ist in den Feldern die Vierecksform des römischen Kastells noch an einer Erhöhung des Erdbodens deutlich zu erkennen. Nachdem dasselbe von den Alemannen und später, nach seiner Wiederherstellung, von den Franken zerstört worden war, wurde auf seinen Resten ein fränkischer Königshof, eine Pfalz, die den Namen Osterburg führte, errichtet. Die Normannen haben diese, sowie die in ihren Mauern errichtete älteste Kirche Kreuznachs, die Kilianskirche, so zerstört, daß sie spurlos verschwanden. Weiter südlich von der alten Heidenmauer entstand das jetzige Kreuznach. Seinen Namen soll es nach einem Kreuze führen, das ein christlicher Glaubensbote auf einer Nahe-Insel aus Stein errichtete, und das den hochgeschwollenen Fluten der Nahe stand hielt, während neben ihm die Fischerhütten von ihnen fortgerissen wurden. Die große Nahe-Insel ist die wichtigste Örtlichkeit des neueren Kreuznach. Spielt sich doch auf ihr das Badeleben ab. Auf der Südspitze der Insel, die gewöhnlich Bade-Insel oder Badewörth genannt wird, entspringt aus Porphyrfels die brom- und jodhaltige Elisabethquelle. Eine lange Wandelhalle führt zum Kurhaus hin, neben dem das vortrefflich eingerichtete Badehaus und das große Inhalatorium, ein Doppelgradierhaus mit Zwischengang, liegen. Einen sehr malerischen Anblick bietet die alte, auf den Pfeilern mit merkwürdigen Häuserbauten besetzte Nahebrücke (Abb. 81) dar, die über das untere Ende des Badewörths geführt ist und die Altstadt mit der auf dem linken Ufer gelegenen Neustadt verbindet.

[Illustration: Abb. 99. Die Martyrung der Christen. Deckengemälde in der Paulinuskirche zu Trier.

Nach einer Photographie von Schaar & Dahle in Trier. (Zu Seite 104.)]

[Illustration: Abb. 100. Die Marienburg.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 105.)]

[Sidenote: Der Kauzenberg. Wanderungen um Kreuznach.]

Für die Nahewanderung aufwärts, von Kreuznach nach Münster a. Stein, empfiehlt man uns drei Wege, und die Schönheit eines jeden wird uns so sehr gepriesen, daß wir allen dreien folgen möchten. Der eine führt hinan zum Kauzenberg (150 ~m~, Abb. 81), an dessen Südabhange der beste, der feurigste Nahewein wächst, der weltberühmte Kauzenberger. Oben liegen die Trümmer eines 1689 von den Franzosen zerstörten Schlosses, das den Grafen von Sponheim gehörte. Der Berg wird daher auch Schloßberg genannt. Schöne Parkanlagen schmücken denselben. Von dort führt die Wanderung über die waldige Haardt (Waldberg) zu der steil aus dem Nahetal aufsteigenden Porphyrwand des Rotenfels. Eine herrliche Aussicht auf das zu unseren Füßen liegende Münster a. Stein, auf die breitgewölbte Bergkuppe der Gans (323 ~m~), auf den wie ein Felsturm steil aus der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein (235 ~m~, Abb. 82) und auf die eine vorspringende Bergkuppe schmückende Ebernburg öffnet sich am Schlusse dieser Wanderung unseren Blicken. Zu den nämlichen schönen Punkten, die jeder aufsucht, der das Nahetal besucht, führen die beiden anderen Wanderwege hin. Der eine steigt auf dem rechten Naheufer zum Kuhberg hinan, von dessen Tempelchen wir zum Niederwald, zur Rochuskapelle und auf Schloß Johannesberg fern im Rheintal hinschauen können, und weiter zu der noch höheren Gans, wo wir inmitten der nämlichen Herrlichkeiten wie auf dem Rotenfels stehen, zugleich aber eine umfassende Fernsicht nicht bloß zum Rheintal, sondern auch zum Hunsrück und nach Südwesten zum fernen Donnersberg genießen. Und nun der dritte Wanderweg! Er führt nicht über Berge, sondern unten durchs Tal, dessen ganze Anmut und Schönheit entfaltend. Am südlichen Ende des Badviertels von Kreuznach empfängt uns die schöne Salinenstraße, wenn wir es nicht vorziehen, zunächst eine Strecke auf schattigem Promenadenweg am Flusse entlang zu wandern. Die teils reben-, teils waldgeschmückten Berge, auf der einen Seite die Haardt, auf der anderen der Kuhberg, begleiten uns. Wir erreichen die Saline Karlshalle und nach Überschreiten des Flusses die Saline Theodorshalle, mit der zugleich ein Kurhaus verbunden ist. Die beiden Salinen gehörten früher dem Großherzog von Hessen, sind aber jetzt Eigentum der Stadt Kreuznach. Gewaltig ragen die hohen Gradierwerke vor uns auf. Das Wasser der Salzquellen, die im Nahetale, zum Teil sogar im Bette des Flusses, heraussprudeln, hat nur einen geringen Salzgehalt von etwa 1%. Ehe es auf die Siedepfannen geleitet wird, muß es deshalb oftmals, und zwar siebenmal, denn die beiden Gradierwerke der Karls- und Theodorshalle bestehen aus je sieben Abteilungen, den Weg über die Dornenhecken machen. Durch eine einfache Pumpeinrichtung wird es in die Höhe gehoben und durch Rinnen, die beim weiteren Verzweigen immer enger werden, so verteilt, daß es fast tropfenweise auf die Dornen gelangt. Beim langsamen Herabträufeln findet eine starke Verdunstung statt. Wenn das Wasser siebenmal den Weg gemacht hat, besitzt es einen Salzgehalt von 7 bis 8%. Auf den großen Siedepfannen, die seitwärts von den Gradierwerken in einem Gebäude aufgestellt sind, wird es weiter eingedampft, bis das Salz sich an der Oberfläche in Kristallen, die sich beim Niedersinken vergrößern, ausscheidet. Schließlich bleibt die Mutterlauge, eine bräunliche Flüssigkeit, die auch noch andere, leichter lösliche Salze enthält und besonders für die Badekuren wertvoll ist, übrig.

[Illustration: Abb. 101. Die Marienburg.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.

(Zu Seite 106.)]

[Sidenote: Münster a. Stein. Rheingrafenstein.]