Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
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Onkel Tom's Hütte
oder die
Geschichte eines christlichen Sklaven.
Von
Harriet Beecher Stowe.
Aus dem Englischen übertragen
von
L. Du Bois.
Zweiter Band.
S. Zickel.
Nro. 19. Dey-Street.
NEW-YORK.
Zwölftes Kapitel.
Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.
»Man hört eine klägliche Stimme und bittres Weinen auf der Höhe; Rachel weinet über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen.«
Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben einander sitzen, -- auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren, Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben Gegenstände darbieten, -- es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit sich oft in denselben findet!
Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer, Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!
Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches, die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten: »Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da, wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.
Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise recitirte er langsam den folgenden Paragraph:
»~Meistbietender Verkauf.~ -- ~Neger!~ -- In Gemäßheit gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben, 21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford, Squire.«
Samuel Morris,
Thomas Flink.
»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute Gesellschaft thut, -- verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«
Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine Rechtschaffenheit: -- er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, -- den Einen in einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.
Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, -- rauchend, kauend, speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen Geschmacke der Einzelnen, -- und Alle auf den Anfang des Verkaufs wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib, welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden, der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.
»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern, »ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«
»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre zitternden Hände aufhebend; -- »ich kann noch kochen, und scheuern, und arbeiten; -- ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; -- sage ihnen das, -- sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.
In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.
»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, -- groß viel, Master.«
»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.
»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu reguliren.
»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die Jungen und den Buben.«
»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,« entgegnete der Mann.
»Ist 'ne harte Bedingung, -- ist nichts als ein altes Knochengerippe, -- das Salz nicht werth.«
»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.
»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus, und verrückt dazu.«
»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.
»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, -- sicher, hab' sie gesehen.«
»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, -- 's scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, -- glaube, sie wird billig mit hinein gehn.«
»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, -- ist gut zu 'nem Plantagenarbeiter; -- mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht, wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.
»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.
»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.
Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach ihrem Sohne.
»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, -- dicht, -- sie werden uns zusammen ausbieten,« sagte sie.
»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.
»Sie müssen, Kind; -- kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.
Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun, daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen, die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon hatte Haley erstanden.
»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«
»Stellt uns zusammen aus, zusammen, -- bitte, Master!« sagte die alte Frau, den Knaben fest haltend.
»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst zuletzt! -- Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen, glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.
Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern, und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte, bis der Hammer fiel, -- Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter, zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.
»Kauft mich auch, Master, -- um des lieben Jesus willen! -- kauft mich auch, -- oder ich komme um!«
»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, -- das ist die Sache,« sagte Haley, -- »nein!« und drehte sich um.
Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer begannen sich zu zerstreuen.
Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.
»Konnten sie mir nicht Einen lassen? -- Master hat immer gesagt, ich sollte Einen behalten, -- er hat's immer gesagt!« wiederholte sie fortwährend mit herzbrechenden Tönen.
»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern mit wehmüthiger Stimme.
»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.
»O Mutter, Mutter! -- nein -- nein -- sei ruhig!« rief der Knabe. »Die Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«
»Frage nichts danach, -- frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind, mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«
»Kommt hier, nehmt sie weg, -- kann's denn keiner?« sagte Haley trocken, -- »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«
Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen Herrn geleiteten.
»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie vor sich her dem Gefängnisse zu.
Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten wurden.
Das Boot, +La Belle Rivière+, ein so schönes und braves Fahrzeug, als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles war lebendig, fröhlich und heiter, -- Alles, nur Haley's Leute nicht, welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.
»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe, Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich will's gut mit Euch machen.«
Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl, Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter, Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, -- und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.
»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt« bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie legte, -- »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«
»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.
»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John. »Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,« fügte er hinzu.
Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.
Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum, gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und behaglich.
»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten sitzen.«
»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen Betrübniß und Unwillen.
»Was ist das?« fragte eine andre Dame.
»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.
»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.
»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!« bemerkte eine andre Dame.
»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre Freiheit hätten.«
»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, -- in dem Zerreißen der Familien, zum Beispiele.«
»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das nicht sehr oft vorkommt.«
»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen, um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame, Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«
»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.
»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie ~Gefühle~ haben, grade eben so tiefe, -- und vielleicht noch tiefere, -- als wir.«
Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch, daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«
»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das afrikanische Geschlecht dienstbar sei, -- und in Erniedrigung gehalten werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß. »Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern.«
»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann, der dabei stand.
»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu widersprechen.«
»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, -- nicht wahr, Squire?« fügte er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche, am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.
»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl -- diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.
»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so viel nicht drüber sagen können, -- habe keine Gelehrsamkeit. Den Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen; und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten, versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«
»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann, so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« -- was ist der Name? -- und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen, magern Gesichte spielte.
Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun, was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ~Ihr~ ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««
»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.
Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe, mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.
»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die Kajüte verließ.
Der Mann nickte zur Antwort.
Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals des unglücklichen Stückes Waare, welches als: -- »John, dreißig Jahre alt« -- bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen und Schluchzen um ihren Gatten.
Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte, Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu werden, -- jeder Tag erzählt sie, -- und zwar dem Ohre Eines, der nicht taub ist, wenn er auch lange schweigt.
Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner Seite stehen.
»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie, wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«
Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.
»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend, »ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts -- nicht wahr?«
Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.
»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens, wie wir alle müssen, glaub' ich.«
Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.
»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor und begann seine Rechnungen zu summiren, -- ein Geschäft, welches schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein unruhiges Gewissen benutzt haben.
Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor. Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.
Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff, die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß hinunter.
Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem Kinde zu spielen.
Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.
Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:
»Ich glaub's nicht, -- ich will's nicht glauben! -- Ihr wollt mich nur zum Narren halten!«
»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein Papier hervorziehend, -- »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu bezahlt, -- kannst's glauben, -- also nun?«
»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.