Chapter 3 of 13 · 3692 words · ~18 min read

Part 3

»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht, und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund (als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte, einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog, und emsig zu stricken begann.

»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die Mutter in sanftem Tone.

Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels, sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer deponirt.

Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen, daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.

»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer Beschäftigung fortfuhr.

»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort, und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen; und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um sie aus dem Bette zu nehmen.«

»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und auszubessern ist,« sagte Rachel.

»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood krank ist. John war gestern Abend da, -- ich will Morgen hingehen.«

»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort bleiben mußt,« bemerkte Rachel.

»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«

Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt in das Zimmer.

»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«

»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.

»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den Ofen schob.

»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit ~Freunden~ zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem Alkoven an der Küche befindlich war.

»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.

»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus dem Alkoven zurückkam.

Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja« antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden sein.

»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu sich rufend.

»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend, während sie in den Alkoven ging.

»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend hier sein,« sagte Simeon.

»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.

»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer, von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen Zweifel darüber, wer er ist.«

»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.

»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, -- komm hierher!«

Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.

»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«

Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.

»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen wir es ihr jetzt sagen?«

»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«

* * * * *

»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,« sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.

»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es ihr, -- bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die Hühner braten, während Du es ihr sagst.«

Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir Neuigkeiten mitzutheilen.«

Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst, auf, und blickte auf ihren Knaben.

»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, -- geh hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.

»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,« wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll anblickte.

Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause«« entflohen.«

Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte sie sich nieder.

»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«

»Heut Abend!« wiederholte Elisa, -- »heut Abend!« Die Worte verloren alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um sie war in Nebel gehüllt.

* * * * *

Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit, wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine Locken um ihre weißen Finger zu rollen.

Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren, braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, -- sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten. Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, -- sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise, murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem süßen Traume von Ruhe; -- und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.

Sie träumte von einer schönen Gegend, -- einem Lande der Ruhe, wie es ihr schien, -- grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies, glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! -- Es war kein Traum. Das Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und -- ihr Gatte kniete schluchzend an ihrem Bette.

* * * * *

Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause. »Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte, so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!« genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.

Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; -- es schien einem Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen, herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn ihnen Alles wie ein Traum erschien.

Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.

Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine Heimath, -- eine Heimath, -- ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.

»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?« fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.

»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.

»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«

»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?« fragte Simeon lächelnd.

»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht eine Schande, solche Gesetze zu geben?«

»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«

»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen Reformatoren.

»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür brächte.«

Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein Vater werden.«

»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.

»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen. Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«

»Aber um ~meinethalben~,« sagte Georg, »ich könnte es nicht ertragen.«

»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen, sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, -- Dich und die Uebrigen Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen nicht zaudern.«

»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte Georg.

»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht zu reisen.«

Vierzehntes Kapitel.

Evangeline.

Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist. Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den Reichthum eines ähnlichen Landes zu? -- eines Landes, dessen Produkte Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt! Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen, sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden Herzen zu einem unbekannten Gotte, -- unbekannt, ungesehen, und ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle Leidenden zu erlösen.«

Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses, glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff seinen Lauf verfolgt.

Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben, bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke, in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen finden wir ihn endlich.

Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht, und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben, und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu gehen, wohin er wollte.

Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.

Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden wir ihn grade jetzt.

Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen zwischen +levées+ von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb, in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky, mit seinen alten, schattigen Buchen, -- nach dem Hause seines Herrn, mit den weiten, kühlen Hallen, -- und dicht dabei seine kleine Hütte, mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren; er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, -- und dann war mit einem Male Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode seines Lebens für immer dahin sei.

In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben, -- die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen Wortes oder Zeichens.

Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte, ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren konnte, -- ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders legend, und es halb aussprechend, lies't:

»Euer -- Herz -- erschrecke -- nicht. In -- meines -- Vaters -- Hause -- sind -- viele -- Wohnungen. Ich -- gehe, -- Euch -- die -- Stätte -- zu -- bereiten.«

Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, -- vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn er diese Worte gesehen hätte, -- zehn gegen eins -- er würde ihnen nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.

Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden, die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten, seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie die Verheißung eines zukünftigen zu sein.

Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte, und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.