Chapter 7 of 13 · 3990 words · ~20 min read

Part 7

Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.

»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn man uns mit ihnen vergleichen könnte.«

»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist ein entartetes Geschlecht.«

»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.

»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, -- Niemand zweifelt daran; aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir überhaupt damit verglichen werden könnten, -- das ist unmöglich! St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes Verhältniß -- ganz natürlich, -- und doch will St. Clare das nicht einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu viel -- selbst für ~mich~. Ich zeige selten meine Empfindungen; es ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«

Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; -- einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben, thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun wollte, was Andere thun!«

»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.

»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt so viel Energie als St. Clare verwalten.«

»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«

»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, -- es ist viel leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt haben, es ist sonderbar, -- das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone spricht, -- dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St. Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, -- das Volk ist so schlecht, so falsch, so faul.«

»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! -- Siehst Du, Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir, Marie und ich, ihnen geben.«

»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.

»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine Bemerkungen zu unterstützen.«

»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,« sagte Marie.

»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«

»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.

»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte, sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«

»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«

»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu verschaffen.«

»Wie meinst Du das?« fragte Marie.

»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich ~einige~ von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen, ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten, und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu machen.«

»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!« sagte Marie.

»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht geben?«

»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß Ophelia mit dreister Bestimmtheit.

»Zu viel Umstände, -- Trägheit, Cousine, Trägheit, -- was mehr Seelen ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche Betrachtung, wahrlich!«

»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie vernünftige Wesen zu behandeln, -- wie unsterbliche Geschöpfe, über die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.

»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein munteres Stückchen zu spielen.

St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß Ophelia:

»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«

»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,« sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden Nutzen für sie, -- sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen, so -- ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, -- und ich kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist; aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich kenne sie.«

Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare pfiff ein Liedchen.

»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt meine Kopfschmerzen.«

»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst noch etwas von mir?«

»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«

»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«

»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach Befehl reden, -- wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu stellen.«

Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die Gardine zur Seite und lachte mit.

»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.

Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf sein Knie setzte.

»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«

Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung bitten.

»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.

»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«

»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und unsterblich ist, schauderst Du, -- gestehe es nur, Cousine. Ich kenne einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen; Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, -- sie beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure Meinung?«

»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas Wahres darin liegt.«

»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?« sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete, welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero; seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«

»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden hört.«

»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich fürchte, auch kein Ausüber derselben.«

»Wie kannst Du denn so reden?«

»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen, was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«

* * * * *

Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, -- die instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, -- hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe; und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, -- Befehle, welche, wie unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei, allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.

Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung, für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes, die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen, welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.

Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen können, -- und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen wird, -- so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines ächt ~christlichen Lebens~ geben, und vielleicht hat Gott, da er diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends« ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten sein.

Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes Handgelenk befestigte? -- Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller Rüstung, -- Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, -- im Begriffe, in eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen, und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute, elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene persönliche Erscheinung.

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,« entgegnete Ophelia.

Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.

»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«

»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; -- brauchen sich darum nicht zu ängstigen.«

»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind, indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, -- »Du sollst mein Riechfläschchen nehmen.«

»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, -- würde sich nicht passen, -- gar nicht!«

»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen. Nein, Du sollst es nehmen, -- mir zum Gefallen.«

»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer Mutter.

»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«

»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben, welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«

»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, -- »Dein goldenes Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich schickt? -- Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es zurück!«

Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich langsam um.

»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr gefällt!« sagte St. Clare.

»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?« entgegnete Marie.

»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel besser fortkommen, als Du oder ich!«

»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft berührend, »es thut Mutter weh.«

»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.

»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«

»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist gar nicht anständig und achtungswerth.«

»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens Etwas, was Einen munter erhält.«

»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche, Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva, willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte St. Clare.

»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.

»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«

»Weshalb gehst Du denn also hin?«

»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir, daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch überhaupt nicht so sehr langweilig!«

»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist ein gutes Kind, bete für mich.«

»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der Mutter in den Wagen sprang.

St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen Augen.

»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu einem Evangelium für mich gesandt?«

Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War er anders, als andere Leute?

»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut, freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht recht, sie ~grade~ so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen, -- nicht wahr?«

»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva, »weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser, als das ihrige ist.«

Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort aussprach.

»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief sie.

»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.

Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck, und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.

* * * * *

»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut in der Kirche?«

»O, Doktor G-- hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.

»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte ganz genau mit meinen Ansichten überein.«

»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen sein,« sagte St. Clare.

»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich wollte nur, Du hättest ihn gehört.«

»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie Du weißt.«

»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte Miß Ophelia.