Chapter 8 of 13 · 4000 words · ~20 min read

Part 8

»Wer -- ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet das Ganze, -- und grade dasselbe, worauf all das heilige Geschwätz hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall verständlich sein.«

»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«

»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte, der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, -- wir würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«

»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia, »hältst Du sie für recht oder unrecht?«

»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben, Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte, so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«

»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt eben gethan hat.«

»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche, so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«

»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte Miß Ophelia.

»Die Bibel war das Buch ~meiner Mutter~,« sagte St. Clare; »nach ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können, sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb daran festhalten wollen, -- so ist dies wenigstens kräftig, klar und deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er gehalten zu werden verdient.«

»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.

»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, -- glaubst Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre Richtung anweise!«

»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, -- ja, ich fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß, daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«

»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer kam.

»Worüber, Papa?«

»Ich meine, -- wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist, mit vielen Dienstboten?«

»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.

»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.

»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, -- verstehst Du?« sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.

»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«

»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie auf sein Knie stieg.

»Nach den Begriffen dieser Welt -- beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare. »Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit gewesen?«

»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«

»Tom singen gehört, he?«

»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«

»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«

»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«

»Singstunden, wie? -- o, Du nimmst zu!«

»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er erklärt es mir dann, was es bedeutet.«

»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des ganzen Carnevals.«

»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, -- ich möchte drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«

»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen Kunststücken schon öfter gehört.«

»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser werden möchte.«

»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.

»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St. Clare. »Gut, wir wollen sehen, -- nicht wahr, Eva?«

Siebenzehntes Kapitel.

Die Vertheidigung des freien Mannes.

Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich, ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde, rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen sichtbar.

»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du bist ein gutes Kind, -- viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, -- mein eifriges Streben, -- gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu sein.«

»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen. Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«

»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ~ihm~ angehören! Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so will ich zufrieden, -- dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft, so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«

»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch nicht in Kanada.«

»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft fühlte, -- sie macht mich stark.«

In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört, die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.

Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's, sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des Quäkers paßten.

»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist nöthig, daß Du es hörest.«

»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause, ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes, Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein Bett fertig sein würde; und was geschah? -- ich schlief fest ein.«

»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.

»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte, ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm, daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann, sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind, sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre, und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns sein. Was ist also nun zu thun?«

Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus. Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft, und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.

»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.

»Ich weiß, was ~ich~ thun werde,« entgegnete Georg, indem er in das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.

»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das hinaus will.«

»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht dahin kommen möge.«

»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,« sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod und Verzweiflung, und ich auch.«

»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege als Du.«

»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.

»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren, sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen wirst, so sag' es mir nur.«

»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, -- junges Blut ist heiß.«

»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will still und ruhig hinausgehen; aber« -- er hielt inne, während seine Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing, -- »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans verkauft wurde; -- ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, -- und ich soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen, gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können Sie mich deshalb tadeln?«

»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«

»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«

»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon; »das Fleisch ist schwach.«

»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,« sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit ihm abzumachen haben solltest.«

»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«

»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht werden, -- nun, dann laß Jene sich vorsehen.«

»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark in Dir.«

Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden; und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in seiner Erkenntniß« zu bemerken.

»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein Herz auf dem rechten Flecke ist.«

»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer Flucht?«

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen, also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen. Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe, und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt; oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür hinter sich schloß.

»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für Dich thun, was geschehen kann, Georg.«

»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich aussetzen.«

»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,« fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«

Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle +et cetera's+ des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen, daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt sind.

»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben, wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte, Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg, Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst über meinen Leichnam gehen.«

»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus diesem Lande glücklich führen wollte, -- das ist Alles, um was wir ihn bitten.«

»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; -- ja, alle Gewalt ist auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und arme, ehrliche, treue Christen, -- eben so gute, wie sie, und bessere vielleicht, -- liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern und Thränen, -- und Gott ~läßt~ es geschehen.«

»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«

Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie folgt:

»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt hätte beinahe geglitten.

»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl ging.

»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie andre Menschen geplagt.

»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel muß wohlgethan heißen.

»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie nur gedenken.

»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern hoch her.

»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen wie Wasser,

»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der Höchste ihrer achten?«

»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach Lesung dieser Verse.

»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich sie selbst niedergeschrieben hätte.«

»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:

»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war mir zu schwer,

»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf ihr Ende.

»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.

»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild in der Stadt verschmähet.