Part 6
Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf dem sie lag.
»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend, und sie wieder und immer wieder umarmend.
»Laß gut sein, -- nimm Dich in Acht, Kind, -- mache mir keine Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.
St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer, ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor Freude und Erwartung stand.
»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.
Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache, sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern, die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.
»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt ~Etwas~, das mir nicht möglich wäre.«
»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.
»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden beleidigen, -- aber küssen --«
»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, -- he?«
»Nein, das wäre ich nicht im Stande! -- Wie kann sie es nur thun?« St. Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.
»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, -- Mammy, Jimmy, Polly, Sucky, -- freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er, während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte. »Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«
Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze unter sie vertheilte.
»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St. Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk aller Arten gefüllt hatte.
Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.
»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen behandelst -- Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, -- »es scheint mir, dies ist meine Weste.«
»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! -- natürlich, ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich dachte, ich dürfte sie nehmen; -- ist für einen armen Nigger, wie ich bin, noch gut genug.«
Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.
»So, das ist also der Grund, -- wirklich?« sagte St. Clare nachlässig. »Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«
»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«
»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.
Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.
»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«
Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu erheben.
»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.
»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,« entgegnete St. Clare.
»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.
»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«
Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.
»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.
»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«
»Ja, -- Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die Dame schmollend.
»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«
»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.
»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte ~das~ abschicken oder nichts.«
»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«
»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein Geschenk von New-York mitgebracht.«
Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.
Marie sah es mit unzufriedener Miene an.
»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte sie nur.
»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was hältst Du von der Aehnlichkeit?«
»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen zuschlagend.
»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit? Sei doch nicht thöricht!«
»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß ich halb todt bin.«
»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.
»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.
»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«
»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare, während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von der Reise auszuruhen. -- Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle hierher kommen.«
Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe arrangirt hatte.
»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für jede Bequemlichkeit.«
Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.
Sechszehntes Kapitel.
Tom's Mistreß und ihre Ansichten.
»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an. Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England, die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«
Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens Ankunft, gemacht.
»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend. »Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«
»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.
»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«
Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«
»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«
»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,« sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste Kreatur der Welt; -- was würdest Du ohne sie anfangen?«
»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte Marie; -- »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, -- schrecklich selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«
»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz ernsthaft.
»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, -- »ich denke, es ist schrecklich selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, -- wenn grade meine Anfälle am schlimmsten sind, -- und doch ist sie so schwer zu erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«
»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?« fragte Eva.
»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl beklagt?«
»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du gehabt habest, -- so viele hinter einander.«
»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.
»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St. Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte, so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.
Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen, beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören lasse.
»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog, mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich; und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten, einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet; allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe, ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen, weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann zu nehmen; aber nein, -- sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie ich.«
»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.
»Ja, zwei Kinder.«
»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«
»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen. Es waren schmutzige, kleine Dinger, -- die ich unmöglich hier um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen; und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist, und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, -- sie sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«
»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund, während er sprach.
»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren Kleiderschrank sehen, -- Seide und Mousselin hat sie darin hängen. Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen. Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt. Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig geworden bin.«
»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.
Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden, mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes. Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um ihren Hals.
»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.
»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, -- nur eine? Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke --«
»O Thorheit, Kind, -- Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares Kind!«
»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend Kopfschmerzen.«
»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die Andern, -- macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger ein wenig weh thut; -- nein, so etwas darf man nie bestärken! -- Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, -- Niemand weiß, was ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und ich thue es.«
Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in lautes Lachen ausbrach.
»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.
Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein. Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tische sitzen.
»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung gekommen ist, ich könne Alles tragen.«
Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte, trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch, über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig verwirrt geworden sein würde.
»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben; so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; -- nur Eva, -- sie erfordert Aufmerksamkeit.«
»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah nie ein besseres.«
»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige Betrachtung wäre.
Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte Klugheit genug, es für sich zu behalten.
»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten, und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, -- es hat mir durchaus keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur, die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St. Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«
Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.
»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? -- ich weiß es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer ~gütig~ gegen die Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie ~ihre Stellung fühlen lassen~. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot, bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde, wenn es sich selbst überlassen wäre.«
»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet sind.«
»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was einigermaßen angeht, -- Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«
Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem, eben so Aetherischem ähnlich, fort:
»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es ist nicht meine Gewohnheit, -- es sagt mir nicht zu, -- und ich habe auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist wenigstens meine Meinung.«
Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte, als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden, zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:
»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St. Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen, daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so, als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen, ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist St. Clare wirklich fürchterlich, -- und ich fürchte mich vor ihm, so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen. Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte; und ich -- es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute sind nichts als große Kinder.«
»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte Miß Ophelia kurz.
»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare Klasse von Geschöpfen sind.«