Chapter 12 of 13 · 3996 words · ~20 min read

Part 12

»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen! Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, -- das ist Alles, -- um zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln gut; -- es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«

»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia, ihre Hand auf seine Stirne legend.

»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich -- ach ich kann nie ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der Gefühle gelangen; -- und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als die südlichen, -- jetzt ist mir Alles klar.«

»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«

»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft reden; -- aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich den Versuch machen soll. -- Also,« fuhr er fort, während er den Korb an sich zog, -- »ich will jetzt anfangen: -- wenn es im Laufe der menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft --«

»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn hier Miß Ophelia.

»Warte einen Augenblick, -- ich komme dahin, -- Du wirst es gleich hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben. Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können, -- Geistliche, die den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, -- Politiker, die dadurch die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste zwingen, -- so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel, und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in ~seiner~ Weise thun kann.«

Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare, und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:

»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst, so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, -- was ist es? Reiße allen Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und was ist es? -- Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und ich klug und stark bin, -- weil ich Macht und Verstand genug habe, es auszuführen, -- deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt. Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun, was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen, der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der, daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird, als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen. Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«

St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor Ueberraschung.

»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen bleibend, -- »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen Gegenstand zu sprechen und zu denken, -- aber ich versichere Dich, es hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete, wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf, durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; -- und wenn ich solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«

»Augustin! -- Augustin!« sagte Miß Ophelia, -- »Du hast vollkommen genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im Norden nicht.«

»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr Nordländer habt alle kaltes Blut: -- Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«

»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, --

»Ganz richtig, ~die Frage~ ist, -- und eine verteufelte Frage ist es! -- wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl, ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.« Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und war grade so ein Mann, wie Dein Vater, -- ein ächter, alter Römer, -- aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war göttlich! -- Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine. Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel, ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen Testaments, -- ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St. Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und fuhr fort:

»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen, rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige, bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene, und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten. Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben gewöhnlich thun, -- dann und wann, und im Allgemeinen; -- er war meines Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.

»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen, die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, -- und wenn ich deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen Kleidung, -- sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte -- o, Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!

»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders; aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde, ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß, wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche, unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß, ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt aller höheren Klassen.

»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren, etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir, schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, -- einen großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, -- mit Verlaub zu sagen -- der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot auf unserer Besitzung.

»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe wie jetzt für alles Menschliche, -- eine Art Leidenschaft, die Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging. Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise, aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie hinderlich geworden wäre.

»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten, -- indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll? Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, -- durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte, so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten, selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen. Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen. Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die Gelegenheit war.

Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben, wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen, ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe. Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs, nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung, und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft, mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle jene Sterne lange untergegangen sind, -- wir leben so lange, wie Gott!««

»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte er ihn nicht ~von fern~ heilen! Er rief ihn zu sich, und legte ~seine Hände auf ihn~! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; -- aber ach! ich verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«

St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:

»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist! Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er, obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven herrschte.«

Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht dazu kommen.

»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete; und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber, anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in derselben Form gegossen worden sind.«

»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.

»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun zu meiner Geschichte zurück:

»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge. Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht, gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, -- die ~Nothwendigkeit~ der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, -- das Ganze wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!

»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht, daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre, die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«

»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht hieltet.«

»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung; -- nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen Grunde, dem ~Rechte des Stärkeren~, und sagt, und zwar sehr richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er vertheidigt Beide, -- und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt, es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«

»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht gepeitscht.«

»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, -- der Kapitalist kann seinen Arbeiter verhungern lassen, und was die Sicherheit der Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist, seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«

»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«

»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, -- ja, ich will sogar einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie ein Pferd kaufen -- seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen, und danach den Preis bezahlen, -- Speculanten halten, Sklavenzüchter, Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, -- das ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«

»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte Ophelia.

»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred ein harter Herr ist, -- keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte, eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut beherbergt zu sehen.«