Part 4
Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, -- denn es war eins jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen, dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge, als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel, der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte, Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle Ernst ihrer veilchenblauen Augen, -- Alles zeichnete sie von andern Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem, nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen; und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.
Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte, beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen Testamente hervortreten.
Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten, oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk, Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und dann wieder verschwand.
Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.
Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.
»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.
»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«
»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu nennen, weit von hier, in Kentucky.«
»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«
»Ich weiß nicht, Miß Eva.«
»Du weißt nicht?« sagte Eva.
»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an wen.«
»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum bitten.«
»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.
Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei beschäftigt.
Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.
Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust, wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.
* * * * *
Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.
Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde; und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks; Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer, halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt wurde.
»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko, vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte, wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich betrügen? Heraus damit!«
»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, -- grade nur, mein' Seel!«
»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«
»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm gefunden zu haben, -- und natürlich genug.«
»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also, um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein besonderes Gefallen an ihm hat?«
»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an, -- die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können. Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, -- ich kann's Ihnen zeigen, -- natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen, -- hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«
»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon, oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte, Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«
»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er her kommt.«
»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«
»Sie wollen Scherz machen!«
»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere sehen.«
Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.
»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,« flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß es. Ich möchte ihn gerne haben.«
»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«
»Ich will ihn glücklich machen.«
»Ein origineller Grund, in der That.«
Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen Finger berührte, und nachlässig überblickte.
»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte; »das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den Wahlen haben, -- solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion an?«
»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber 's ist doch ~Verstand~ in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, -- wie die Brüder, und dann die Singer und Schreier; -- die alle taugen nichts, in Weiß oder Schwarz; -- aber diese Art ist wirklich. Hab' sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, -- die wirklichen sanften, stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«
»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich ~diese~ Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, -- nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür zu geben. Was meint Ihr?«
»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«
»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten nöthig hat, -- nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die Noten einhändigte.
»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.
»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott, ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! -- Aber komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:
»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«
Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche, hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde antwortete: »Gott segne Sie, Master!«
»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? -- Tom? Kannst Du mit Pferden umgehen, Tom?«
»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele Pferde auf.«
»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in besonderen Fällen, Tom.«
Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke nie, Master.«
»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen. Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust. Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du den Willen hast, ordentlich zu sein.«
»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.
»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«
»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare, während er sich lachend umwandte und fortging.
Fünfzehntes Kapitel.
Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.
Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen etwas näher bekannt zu machen.
Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war. Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's zu stärken.
In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters, und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens. Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für alles Romantische. Seine Stunde schlug, -- die Stunde, die nur einmal schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, -- der Stern, der so oft vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter zu verfolgen, -- er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen, schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen, kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz, eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt ihn für glücklich.
Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe, bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:
»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, -- aber zu spät. Ich glaubte Alles, was mir gesagt wurde; -- ich war verzweifelt. Ich bin ~verheirathet~, und Alles ist nun vorbei. Vergessen -- ist das Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«
Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber das ~Wirkliche~ blieb ihm, -- das Wirkliche, gleich dem Schlamme der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, -- entsetzlich wirklich.
In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben, -- und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht. Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig, der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen, Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter »~leben~« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig. Wäre seine Frau ein ~ganzes~ Weib gewesen, so hätte sie viel thun können, -- wie ein Weib es kann, -- um die zerrissenen Lebensfäden zu heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren. Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt, einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken Geiste Linderung zu verschaffen.