Chapter 2 of 13 · 3985 words · ~20 min read

Part 2

»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. -- Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so gut und le'st das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr sage, was es ist.«

»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,« sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«

Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.

»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet; -- das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.

»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,« sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«

»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf den Strom hinab.

»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat Vernunft.«

Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter, milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist, -- jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen, voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der Wartung des Kindes zu beschäftigen.

Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.

»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«

»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.

Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod, wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.

»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte, stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine Cigarre rauchte.

Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an, während dessen er zu Haley sagte:

»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«

»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem Munde blasend.

»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.

Haley nickte und rauchte weiter.

»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.

»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die richtigen Finger dazu, -- hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,« sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.

»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der Mann.

»Ich werde 's verkaufen -- erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine neue Cigarre anzündend.

»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.

»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, -- gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«

»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,« bemerkte der Andere.

»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat überall herum.«

»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich, wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin verlor ihr Junges vorige Woche, -- 's ersoff in 'nem Waschfaß, während sie Zeug aufhing, -- und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen geben.«

Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren. Endlich fuhr der Mann fort:

»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«

Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.

»Das geht nicht, -- lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem zu rauchen.

»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«

»Je nun,« sagte Haley, -- »könnte 's Junge selbst aufziehen oder aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«

»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.

»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem Kopfnicken.

»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent mehr.«

»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder mit großer Bestimmtheit ausspeiend; -- »ich will das theilen, um was wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; -- und das ist Alles, was ich thun kann.«

»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.

»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«

»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.

»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, -- wir kommen da gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, -- macht sich herrlich, -- Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, -- paßt vortrefflich, -- mache Alles gern ruhig ab, -- hasse allen Lärm und alles Aufsehen.« Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner Cigarre.

Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme gesessen, -- welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung, ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich zwischen sie und ihr Kind drängte.

»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm mit dem Frauenzimmer geben.«

Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß daselbst, und -- das Kind war fort.

»Wie -- was -- wo ist denn --?« begann sie in angstvollem Erschrecken.

»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; -- kannst es jetzt gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«

Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden, unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, -- zur Glorie der Union, daran zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel, und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger Bewegung entschieden entgegen.

Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts. All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war ganz ruhig.

Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile, beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall überhaupt zuließ.

»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht nachgeben. Du siehst, 's war ~nothwendig~, 's mußte geschehen!«

»O laßt mich! Master, -- laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme, welche der eines Erstickenden ähnlich war.

»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut mit Dir, -- will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz ausmachen; -- und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, -- so ein hübsches Frauenzimmer wie Du. --«

»O Master! wenn Ihr ~nur~ nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,« sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes, daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.

Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um sie zu beobachten.

»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist doch ruhig; -- mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben allmählig!«

Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte, umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen Handel zu erkennen, -- einem Handel, der eine wesentliche Stütze für eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr. Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »~sie keine andern Uebel mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien~.« Allein Tom, der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete ihm um des ~Unrechts~ willen, was seiner Ansicht nach jenem armen leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen, welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.

Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr empfinden.

Die Nacht kam heran, -- ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen, feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt, und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: -- »O! was soll ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« -- bis auch diese Laute endlich erstarben.

Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, -- der Platz, wo die Frau gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich! Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn sie sich über nichts geschlossen hätten.

Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom ~Manne der Schmerzen~, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«

Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die Reihe, sich verwundert umzuschauen.

»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.

Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren, sondern sagte nur, er wisse es nicht.

»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; -- vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«

Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß keine Antwort.

Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern, unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den Schornsteinen, -- aber vergeblich.

»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; -- sag' mir nichts, -- bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder zwischen ein und zwei Uhr, -- und um vier Uhr war sie fort, und Du hast die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt was drum wissen.«

»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist Alles, was ich weiß davon.«

Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden, -- und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da das Weib in einen andern Staat entflohen war, der ~nie~ einen Flüchtigen wieder ausliefert, -- selbst nicht auf das Verlangen der glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper, nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.

Dreizehntes Kapitel

Die Quäker-Niederlassung.

Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große, geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist, und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner, niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie eine freundliche Einladung aussah, -- und endlich ein wirklich bequemer alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses, mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet -- unsere alte Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie früher darin zu erkennen gewesen war.

An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin, welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte. Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen worden, -- warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, -- entweder in Folge einer Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen; gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei, und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen hatten, -- weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, -- geistige und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, -- und das Alles von ~einer~ guten, liebevollen Frau; -- Gott segne sie!

»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?« sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.

»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich wage nicht zu bleiben.«

»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran denken, meine Tochter.«

Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort »Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.

Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:

»Ich werde -- jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe, ich werde Etwas finden.«

»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte Rachel.

»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« -- auf Harry deutend, -- »ich kann Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie schaudernd hinzu.

»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir nicht solche Gedanken machen. -- Der Herr hat es gewollt, daß nie ein Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein Kind wird nicht der erste sein.«

Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.

»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, -- »wie geht Dir's?«

»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte, muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz erfreut hat.

»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«

»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, -- recht sehr,« sagte Ruth, ihr die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes Kind, -- ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu, indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.

»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.

»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam, und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu zeigen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames, rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam herein.

»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen, fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht, und wie er wächst!«