Chapter 11 of 13 · 3957 words · ~20 min read

Part 11

»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, -- Alles in dieser zwecklosen Weise fortgehen zu lassen?«

»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh, Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel, Dessert, und Alles, -- und schafft das Alles in dem Chaos ihrer finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht, scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie ihren eignen Weg gehen.«

»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles vorfand.«

»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen in ihrer Tasche steckt; -- daß da fünf und sechszig verschiedene Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, -- und daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und Staatsmänner beurtheilt werden, -- ~nach dem Erfolge~.«

»Aber die Verschwendung, -- die Ausgaben.«

»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige nicht, -- ist es nicht das Beste?«

»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken, als daß diese Dienstboten nicht streng ~ehrlich~ sind. Glaubst Du dessen gewiß zu sein?«

Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.

»O Cousine, das ist zu gut! -- ~ehrlich!~ -- als wenn das überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! -- natürlich, das sind sie nicht. Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen können?«

»Warum unterrichtest Du sie nicht?«

»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht aus ihnen herausbringen.«

»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«

»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden. List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils, sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie Tom -- ist ein moralisches Wunder.«

»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.

»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare. »Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener Welt geschehen wird.«

»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch schämen!«

»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, -- findest überall, daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«

»Es ist nicht so in Vermont.«

»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also, Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«

Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt, wie sie immer thut.«

Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.

»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.

Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie stützte, und sagte:

»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«

»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.

»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre Augen vom Boden aufzuschlagen.

»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.

Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.

»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; -- sollte mich freuen, wenn ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich, um Dein Elend zu vergessen.«

»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis wird dafür bezahlen.«

Miß Ophelia nahm einige Dutzend.

»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«

»Marken, -- wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.

»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«

»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken, ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«

»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«

»Und das ~will~ ich thun, -- ich kann nicht anders leben, -- trinken und mein Elend vergessen.«

»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«

»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, -- ja, ich will. O Herr, ich wollte, ich wäre todt -- ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.

»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, -- kannst auch noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst -- trinkst -- trinkst -- bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, -- uff!« sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.

»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war, um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre, so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«

»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht jetzt schon hübsch aus, -- sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«

»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein, in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.

Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.

»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.

Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr zugehörigen Sklavinnen.

»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd schön!«

»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«

»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide erscheinen werden,« sagte Adolph.

»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.

»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«

»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«

»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte. »Er macht mich immer so ärgerlich.«

»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«

»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen mit unmäßigem Gelächter.

»Ihr da, macht fort! -- kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht haben in der Küche,« rief Dinah.

»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,« sagte Rosa.

»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; -- »springen 'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts anderes als Niggers, so gut wie ich.«

»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie glatt liegen soll,« sagte Jane.

»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre langen, seidenen Locken niederfallen ließ.

»Vor dem ~Herrn~ ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, -- so ein Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, -- will Euch hier nicht mehr haben!«

Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St. Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke; und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:

»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure Näherei und arbeitet!«

Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in Ordnung zu bringen.

»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.

»Warum?« sagte das Weib; -- »brauche keine Hülfe.«

»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.

»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.

»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, -- »ich wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«

»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst mir das nicht zu sagen; -- bin häßlich, -- bin schlecht, -- gehe grade zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«

Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.

»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus Christus gehört?«

»Jesus Christus, -- wer ist das?«

»Es ist ~der Herr~,« entgegnete Tom.

»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von Gericht und Hölle. -- Habe davon gehört.«

»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme Sünder liebte und für uns starb?«

»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; -- »kein Mensch hat mich geliebt, seit mein alter Mann todt ist.«

»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.

»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master nahm mich von ihm.«

»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?« fragte Tom weiter.

»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis schien anfangs große Stücke drauf zu halten; -- es schrie nie, es war gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode. Das that's, -- und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus den Ohren zu bringen. So ist's, -- und ich will trinken! ich will -- und wenn ich in die Hölle dafür muß!«

»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«

»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib. »Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, -- fort von Master und Missis, -- so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und mürrisch fort ging.

Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor Freude strahlenden Augen.

»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was ist Dir denn, Tom? -- Du siehst ja so ernst aus.«

»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich will die Pferde herausholen.«

»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten Prue sprechen.«

Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich, oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.

Neunzehntes Kapitel.

Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.

(Fortsetzung.)

»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht fahren,« sagte Eva.

»Warum nicht, Miß Eva?«

»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, -- »so tief in's Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte sich um und ging in's Haus.

Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.

»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«

»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.

»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«

»Weiß nicht genau; -- sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau, mit einem Seitenblicke auf Ophelia.

Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte, folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.

»Was ist aus Prue geworden, -- was ist's?« fragte sie.

Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:

»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder betrunken, -- und da haben sie sie in den Keller gebracht, -- und da den ganzen Tag gelassen, -- und ich hörte sagen, daß ~die Fliegen schon an ihr wären, -- sie ist todt~!«

Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte, gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.

»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«

»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme, »und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«

»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie sind, -- diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«

Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.

Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört hatte.

»Eine abscheuliche Geschichte, -- wirklich fürchterlich!« rief sie, als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die Zeitung las.

»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen worden?« sagte er.

»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.

»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.

»Immer gedacht! -- willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu untersuchen?«

»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«

»Es ist wirklich empörend, -- es ist schrecklich, Augustin! Es muß Gottes Rache auf Dich herabrufen!«

»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es nicht ändern; -- könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige, viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können, ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«

»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«

»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse von Wesen, -- unerzogen, träg, verderbt, -- ohne Beschränkungen und Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen wissen; -- denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«

St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend, fügte er hinzu:

»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben. Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte und seine Zeitung wieder aufnahm.

Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.

»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu vertheidigen; -- das ist ~meine~ Meinung!«

»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«

»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.

»Ich -- vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?« sagte St. Clare.

»Natürlich vertheidigst Du es, -- Ihr thut es alle hier im Süden. Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«

»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«

»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.

»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich bereue es unaufhörlich.«

»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«

»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was Du bereut hast?«

»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.

»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«

»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«

»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein geworden?«

»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu wahr ist, -- Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich, daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich über Deinen Tadel nicht wundere.«