Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
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Das Inhaltsverzeichnis ist an den Anfang des Textes verschoben worden.
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Der deutsche Roman seit Goethe
[Illustration]
Skizzen und Streiflichter
von
Dr. M. Schian
[Illustration]
Görlitz 1904
Rudolf Dülfer
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 3
Die Bedeutung des Romans 5
Aus der Vorgeschichte des modernen Romans 10
Goethe der Schöpfer des modernen deutschen Romans 16
Roman und Novelle der Romantik 32
Die Volkserzählung 53
Der tendenziöse Zeitroman 75
Der objektivere Zeitroman 99
Der historische Roman 121
Die Stimmungsdichtung 143
Der naturalistische Roman 167
Der Problem- und Gesellschaftsroman 188
Dekadence. Symbolismus. Tendenzroman 211
Rückblick 224
Register 232
Vorwort.
Die folgenden Blätter geben eine Reihe von Vorträgen wieder, welche ich im eben vergangenen Winter im Damenlyzeum zu Görlitz und -- in kürzerer Gestalt -- vor einer aus Damen und Herren gebildeten Zuhörerschaft in Lauban gehalten habe. Der Wunsch, die Vorträge gedruckt zu sehen, wurde mir aus beiden großen Zuhörerkreisen so häufig und so dringend nahe gebracht, daß ich, wennschon nicht ohne Bedenken, doch nicht umhin konnte, ihm zu entsprechen.
Die Form der Vorträge ist belassen; nirgends habe ich wesentlich geändert. Nur was ich der drängenden Zeit wegen beim mündlichen Vortrag hier und da auslassen mußte, ist jetzt wieder eingefügt. So werden namentlich die Hörer aus Lauban erheblich mehr finden, als ich ihnen mündlich bieten konnte.
Der Zweck, welchem diese Veröffentlichung dient, braucht hiernach kaum näher dargelegt zu werden. Ich maße mir nicht entfernt an, die Wissenschaft der Literaturgeschichte irgend bereichern zu wollen. Meine Absicht war nur die, ihre Ergebnisse für ein wichtiges Einzelgebiet in leichterer Form, als das für gewöhnlich geschieht, einem weiteren Kreis von Gebildeten zu vermitteln. Daß ich dabei überall dankbar und freudig von den wissenschaftlichen literaturgeschichtlichen Darstellungen gelernt habe, ist ganz selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich war mir, daß ich auf ein eigenes Urteil nicht verzichten konnte.
Aus dem Zweck der Vorträge ergab sich nicht nur die Form der Darstellung, sondern auch die Begrenzung und die Auswahl des Stoffs. Auf jeden Versuch der Vollständigkeit mußte ich von vornherein verzichten; es schien mir viel besser, Einzelnes gründlich zu behandeln als eine Fülle von Namen und Titeln zu nennen. Nur vom deutschen Roman wollte ich reden; es blieb kein Raum, um Verbindungslinien nach anderen Literaturgebieten zu ziehen und die Einwirkung fremder Einflüsse deutlich zu machen. Die Vorträge wollen lediglich auf die Entwickelung des deutschen Romans seit Goethe ein paar Streiflichter werfen und vor allem auf das hinweisen, was in dieser Zeit Bleibend-Wertvolles geschaffen ist, um so zugleich den Kreisen der Romanleser ein bequemes Hilfsmittel für richtige Wahl und richtige Schätzung ihrer Lektüre zu sein.
Es wäre mir eine Freude, wenn das Buch sich in dieser Richtung als praktisch und brauchbar erweisen sollte.
~Görlitz~, den 28. März 1904.
+Martin Schian.+
Die Bedeutung des Romans.
Wer läse heutzutage nicht Romane? Gewiß, es gibt Romanverächter. Aber sie sind weiße Raben. Jeder Gebildete liest sie, Mann wie Frau. Leihbibliotheken, Romanzeitungen, Familienblätter aller Arten und Richtungen machen den Roman leichter zugänglich als irgend eine andere Literaturgattung. Und zu der Masse der minder Gebildeten findet der Roman seinen Weg durch die Riesenauflagen der Tageszeitungen und der Gegenstände der Kolportageliteratur.
Man liest Romane, aber -- man studiert nicht den Roman. Ich rede nicht von den Fachmännern der Literaturgeschichte. Den gebildeten Romanleser klage ich an.
Wer beschäftigt sich mit der Geschichte des Romans? Das Wichtigste aus der Geschichte des Liedes und des Dramas gehört zum eisernen Bestand des Wissens-Inventars eines gebildeten Menschen; und schon die Schule legt den Grund dazu. Aber wie viele haben ein geschultes Urteil über die Bedeutung der wesentlichen Romanerscheinungen?
Wir forschen nach der Ursache dieses merkwürdigen Kontrastes zwischen der ungeheuren Nachfrage nach dem Roman selbst und der geringen Neigung, sich wissenschaftlich mit ihm zu befassen. Es gibt nur eine Erklärung: ~man unterschätzt den Roman~. Das ist ja psychologisch zu verstehen. Für unendlich viele ist er nichts als ein Mittel zur Vertreibung der Langeweile. Sie verlangen nichts anderes von ihm, als daß er sie unterhalte. Sie wählen daher aus dem Leichten das Leichteste. Unreife Geister suchen in ihm ein Mittel pikanten Genusses. Stunden, die für harte Pflichten bestimmt sind, werden der Lektüre geopfert. So verbindet sich für nicht wenige Leser mit dem Begriff Roman so etwas wie schlechtes Gewissen. Und das beeinflußt wieder das Urteil über den Roman selbst.
Aber was hat der Roman als Literaturgattung damit zu schaffen, wenn ihn Unreife als Weg zum falschen Zweck gebrauchen? Wenn sie das Seichte aus seinen Schätzen heraussuchen und das Gehaltvolle liegen lassen? Schon um des unermeßlichen Einflusses willen, den er auf breite Schichten übt, ist der Roman aller Beachtung wert. Aber auch nach seinem Eigenwert steht er nicht zurück. Er ist anerkannt als ~vollberechtigtes Glied der epischen Dichtung~. Man streitet darüber, ob die Prosaform zu seinem Wesen gehöre oder nicht. Nun, es gibt Romane in Versform. Was sind jene Gedichte der höfischen Zeit des 12. Jahrhunderts mit ihren Heldenpaaren Floris und Blancheflur, Tristan und Isolde, dazu jene Erzählung vom Grafen Rudolf, der in den Kreuzzug geht, anderes, als Liebesromane nach französischem Muster? Aber trotzdem wird freilich festzuhalten sein, daß die Prosaform die für den Roman normale, ja für den ausgebildeten Roman einzig mögliche ist. In seinem Werte verliert er dadurch nicht; denn die Prosa ist Kunstform, gerade so gut wie der Vers. Was aber dem Roman seine ganz besondere Bedeutung verleiht, das ist gerade ~seine Eigenart innerhalb des Gebietes der epischen Dichtung~.
Haben Sie schon einmal versucht, mit kurzen Worten das Wesen des Romans zu bestimmen? Nun, jedenfalls schwebt uns allen eine Art Definition des Romans vor: wir denken ihn als ~komplizierte Erzählung~. Kompliziert ist er nach Form und Inhalt: das scheidet ihn von der einfachen, schlichten ~Erzählung~, von der kunstvollen, aber knappen, nur einem Faden der Entwickelung folgenden ~Novelle~. Komplizierte Erzählung muß er sein, nicht etwa um der erhöhten Spannung willen, sondern weil er nur so seiner Aufgabe genügen kann. ~Diese Aufgabe aber ist, ein Stück Weltbild zu geben~, sei es in engerem oder in weiterem Rahmen. +Nil humani a me alienum puto+, sagt der Roman. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Was das Getriebe der Welt ausmacht, was der Zeit ihr Gepräge gibt, die geschichtlichen Verhältnisse, die Kulturzustände, die gesellschaftliche Gliederung, die inneren bewegenden Fragen, die gesamte Weltanschauung, vor allem die Menschen, die in all diesen Verhältnissen mitten darin stehen, sie bestimmend und doch wieder durch sie bestimmt, -- das alles gehört zum Apparat des Romans. Ein Weltbild gibt der Roman; darum kann er nie zeitlos sein, wie denn auch die Menschen nie zeitlos sind. Darum steht er in so engem Verhältnis zur Wirklichkeit; Roman einerseits -- Märchen, Sage, Phantasie andererseits sind Gegensätze wie Feuer und Wasser. Er kann aus dem Weltbild, das er zeichnet, je nach Absicht recht verschiedene Züge vorzugsweise herausarbeiten -- entweder mehr die innere Entwickelung der handelnden Personen oder mehr das Milieu, in dem die Menschen stehen. Er kann mehr Geschichte oder mehr Kultur oder mehr Weltanschauung geben -- je nachdem. Aber er muß immer konkret sein in der Gestaltung, klar und scharf in der psychologischen Erfassung, fein und wahr in der Verknüpfung aller in sein Gebiet gehörenden Elemente. Er kann ein Weltbild der Vergangenheit darzustellen suchen, dann wird er zum historischen Roman. Oder er kann der Gegenwart den Puls fühlen. Ja, wenn er will, kann er tastend in die Zukunft greifen; freilich nicht ohne die akute Gefahr einer Grenzüberschreitung. Denn über das, was einst wirklich sein wird, haben wir im besten Fall begründete Vermutungen. Ob er in Vergangenheit oder Gegenwart weilt, -- es steht ihm jedesmal frei, auf das äußere oder das innere Leben den Hauptakzent zu legen. Nur wird der historische Roman immer auch die äußeren Konturen der Zeitverhältnisse breiter schildern müssen als der moderne Roman, der vieles als bekannt voraussetzen kann. Auch nach der Methode, wie der Dichter seinen Gegenstand behandelt, müssen wir Unterschiede machen. Der eine schließt in zartem Empfinden von der Erzählung manches aus, was auch im Leben mit einem Schleier bedeckt zu werden pflegt; der andere steigt in die Tiefe und malt schonungslos und rücksichtslos Häßliches so gut wie Schönes, ja das Häßliche vielleicht mit noch größerer Liebe. Und wiederum: während mancher Roman nichts will als schildern, nichts als photographieren, legen andere in ihr Bild der Wirklichkeit Gedanken und Tendenzen hinein -- politische, religiöse, sittliche. Sie zeichnen im Ausschnitt ein Stück Welt, auf dem sich gerade ein Problem zusammenballt, das seiner Lösung harrt; und sie geben solche Lösung oder predigen resignierten Verzicht auf solche Lösung. In all diesem aber gilt, welcher Art der Roman auch sei, ob welthistorisch, kulturhistorisch oder modern durch und durch, -- ob idealistisch oder naturalistisch, -- ob er mehr äußeres oder mehr inneres Erleben bringe, -- ob er den Knoten im äußeren Laufe der Dinge sich schürzen läßt oder ob er Probleme der Weltanschauung wälzt, -- in alledem gilt, daß der Roman ~von der wirklichen Welt nicht loskommen kann und nicht loskommen darf~. Ein wirkliches Weltbild zu geben ist seine Aufgabe. Und diese Aufgabe gibt ihm einen hohen Wert. Nicht ~allein~ nach dem Grad, in welchem er dieser Aufgabe genügt, bestimmt sich seine Qualität; denn auch die künstlerische oder unkünstlerische Form hat da mitzusprechen. Aber vornehmlich ist es der Maßstab der Wirklichkeit, der an den Roman anzulegen ist. Der Wert aber, den er so gewinnt, besteht in der Kraft, mit der er den Blick schärft, in der weiten Umschau, die er über den eigenen engen Gesichtskreis hinaus dem Leser ermöglicht, in der Energie, mit welcher er zwingt, Fragen zu durchdenken, die sonst undurchdacht bleiben würden, endlich in der feinen, festhaltenden Form, in welcher er all dies vermittelt.
Ich brauche nicht erst zu erklären, daß es auch wertlose Romane gibt. Aus der Charakteristik des Romans, die ich zu bieten versuchte, erhellt das ganz von selbst. Ein Roman, der seiner ganzen Art nach nichts anderes kann, als Spannung der Nerven erzielen, ist wertlos. Aber man pflegt ja auch den Wert des lyrischen Gedichts nicht nach den Ergüssen der Friderike Kempner zu beurteilen. Also schätze man den Roman nicht ein nach dem platten Liebesroman, in dem sie sich schließlich aus alle Fälle kriegen, auch nicht nach dem pikant-lüsternen oder naturalistisch-frivolen Unterhaltungsroman und erst recht nicht nach dem haarsträubenden Hintertreppenroman! ~Der wirkliche Roman, der sich zur Aufgabe setzt, in möglichst vollendeter Darstellung ein Weltbild zu geben, ist jedenfalls als ein Bildungsmittel ersten Ranges zu werten.~
Aus der
Vorgeschichte des modernen Romans.
Man hat dem 19. Jahrhundert tausend Titel gegeben, um seine neuen Errungenschaften anzudeuten. Es ist das Jahrhundert der Technik, das Jahrhundert der Naturwissenschaften. Aber es ist auch das Jahrhundert des Romans, dieses so beschriebenen Romans. Freilich die Anfänge des Romans, ja eine Art Vorblüte desselben sind schon älteren Datums.
Was ists, das in mittelalterlicher Zeit Singen und Sagen des deutschen Volkes regiert? Ritterliches Wesen, kraftvolles Heldentum, ruhmreiche Taten beherrschen die Phantasie. Wer wagt es, von Bürgerleben oder harter Bauernarbeit viel zu reden? Rittertum, etwa noch mit Weisheit verbunden, füllt mit seinem Glanze die Welt. Dies Weltbild reflektiert sich in jenem ältesten poetischen Roman unserer Literatur, den ein Mönch, dessen Namen wir nicht kennen, etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts im bayrischen Kloster Tegernsee geschrieben hat. Noch kleidet sich seine Dichtung in das fremdländische Gewand lateinischer Hexameter. Aber der Held ~Ruodlieb~ ist ein deutscher Ritter. Ein König, in dessen Heer er große Taten getan, gibt ihm zwölf Weisheitslehren; und Ruodlieb hat sie im Lauf der Erzählung wahrscheinlich alle zwölf selbst erprobt; -- sicher ist es nicht, weil nur Bruchstücke des Werkes auf uns gekommen sind.
Lange bleibt Ruodlieb in seiner Art allein; aber als dann ähnliche Schöpfungen zahlreicher erwachsen, ist es noch immer das Rittertum, welches die Situation beherrscht. Freilich nicht mehr allein das ritterliche Heldentum, sondern zugleich die ritterliche Liebe. Kreuzzugsabenteuer spiegeln sich wieder in den deutschen Versen von ~Floris und Blancheflur~. Der heidnische Königssohn Floris entbrennt in Liebe zu Blancheflur, der Tochter eines christlichen Kriegsgefangenen. Blancheflur wird in ein anderes Land verkauft; Floris sucht und findet sie bei einem Fürsten der Sarazenen. Er weiß in den Turm zu gelangen, in dem sie gefangen gehalten wird, und erfreut sich ihrer Liebe bis -- zum Tag der Entdeckung. Ihre treue Liebe siegt auch über den Grimm des Fürsten, der sie vereint zur Heimat ziehen läßt. Dies Liebespaar, in deutschen Versen besungen, ist typisch für jene Zeit und für zahlreiche andere ähnlich gefeierte Paare. ~Tristan und Isolde~ werden von Eilhart von Oberge, in vollendeter Gestalt von Gottfried von Straßburg besungen. Was für ein Bild jener suchenden und fragenden, religiös-ernsten und zugleich naiv-heldenmäßigen Ritterzeit gibt Wolfram von Eschenbachs berühmter ~Parzival~!
Die Wandlung der Zeiten läßt sich trefflich in den Wandlungen der romanartigen Dichtung verfolgen. Das Rittertum tritt zurück; aber die naive Freude am Äußerlich-Großen und Wunderbaren nicht. Freilich, man zehrt im 14. und 15. Jahrhundert von der Vergangenheit; noch ist das Neue nicht in klarem Werden. Diese Epoche ist die Zeit der sogenannten »~Volksbücher~«. Die Stoffe der höfischen Epen verarbeiten sie in ungebundener Rede, aber auch andere Gegenstände ziehen sie herbei, -- freilich mehr neue Namen als neue Gedanken. Sie greifen, um ihre Helden zu wählen, in die fernste Vergangenheit zurück, bis in die Zeiten des trojanischen Kriegs oder Alexanders des Großen. Aber sie verschmähen zum gleichen Zweck auch nicht die Gestalten der Karolingerzeit; und schließlich fehlen Helden wie Fortunatus mit seinem Glückssäckel nicht. Wunderbare Taten gewaltiger Männer, traurige und fröhliche Schicksale tugendhafter Frauen werden immer wieder behandelt. Alles in allem kein Fortschritt, vor allem nicht in der Schärfe der Zeichnung des gegenwärtigen Weltbildes; eher verflacht der Roman, weil die Neigung zum Abenteuerlichen die zum Wirklichen überwiegt.
Das Bürgertum tritt mit dem ausgehenden Mittelalter viel stärker hervor als je zuvor. Erst fühlt es sich noch in der Notwendigkeit, den eigenen Wert und die eigene Geltung gegenüber den Ritterbürtigen zu erzwingen. Aber bald wird es zum ausschlaggebenden Faktor. So lassen denn die Romane des Reformationszeitalters -- genannt seien vor allem die des ~Jörg Wickram~ -- jene Kluft zwischen Rittertum und Bürgertum noch hervortreten; aber die Liebenden pflegen, wenn Standesunterschiede sie trennen, eben diese Kluft glücklich zu überwinden. Und in manchem Roman dieser Zeit hat das Bürgertum allein die führende Rolle! Neue Gegenstände gewinnt so die Dichtung: bürgerliches Familienleben, Schule und Beamtenlaufbahn, des Kaufmannsstandes Leiden und Freuden. Eine neue Betrachtungsweise beherrscht sie: diejenige der gutbürgerlichen Moral, deren höchste Kleinodien eine glückliche Ehe, sorgsame Kindererziehung und gute Nachbarschaft sind. Auch diese Art hat mannigfache Spielarten: neben Jörg Wickram steht der Straßburger ~Johann Fischart~ mit seiner humoristisch-satirischen Kraft, seinem deutsch-patriotischen Sinn und seiner urwüchsig originalen Art, fremdländische, namentlich französische Stoffe selbständig zu verarbeiten. Von seinen Schöpfungen sei wenigstens das humoristische Prosawerk genannt, welches Rabelais' Gargantua und Pantagruel zum Vorbild hat.
Das leidvolle 17. Jahrhundert weist wohl auch eine Romandichtung auf, die ernst und klar in die schweren Zeiten hineinschaut: der ~Simplizissimus~ von Grimmelshausen ist zugleich ein Kind und ein Bild jener Zeit. Aber sonst gewinnt es den Anschein, als wolle die Dichtkunst die lastentragenden Zeitgenossen vor allem aus ihrer eigenen harten Zeit herausführen. Die ungeheuerlichen Fabelgeschichten, welche das Gerippe der erzählenden Prosaschöpfungen bilden, das sich breitmachende und im Roman an den Mann gebrachte ethnographische Wissen, die gelehrte Umständlichkeit, mit der französische Galanterie sich merkwürdig paart, -- das alles zeigt dem forschenden Leser freilich doch das Wesen der Zeit, in der jene Romanschreiber lebten.
Und wie prägt sich erst die ganz besondere Art des Jahrhunderts der Aufklärung in der weitverästeten Romanliteratur desselben aus! Der Blick weitet sich; neue soziale und kulturelle Probleme tun sich auf. Robinson Krusoe kommt diesem Ausbreitungstrieb entgegen; der ~Reiseroman~ fängt an, das Feld zu beherrschen. Aber mit wieviel moralischer Lehrhaftigkeit und kleinkrämerischem Wissensdünkel verbindet sich in dem philosophischen Jahrhundert das Ahnen der neuen Zeit! Wie sehr verdrängt die Künstelei die einfache, klare Nüchternheit, die Reflexion die Natur, die Empfindelei das schlichte Gefühl! Es war ein Jahrhundert, das in Empfindungen und Gefühlen, in Gedanken und Philosophemen, in Theorien und Plänen schwelgte. Der Roman bildet ein Ragout aus allen diesen Zutaten; und die Moral ist die keineswegs immer schmackhafte Sauce, mit der er angerührt ist. Wir sind kaum imstande, von diesem Roman aus eine gerade Verbindungslinie nach dem modernen Roman des 19. Jahrhunderts zu ziehen. Zum mindesten gilt das vom Durchschnittsroman der Aufklärungszeit. Aber es gilt doch zu einem großen Teile auch noch von den Romanen des gefeierten ~Wieland~. Den Pulsschlag der neuen Zeit spüren wir frisch und lebenskräftig erst bei Goethe.
Allerdings, ein Literaturhistoriker wie Max Koch läßt den neueren deutschen Roman von Wieland ausgehen. Ein solches Urteil respektieren wir, zumal wenn es sich mit Lessing verbündet, der Wielands Roman »Agathon« als »den ersten und einzigen deutschen Roman für den denkenden Kopf von klassischem Geschmacke« bezeichnet hat. In ~einer~ Hinsicht fällt es auch dem Modernen nicht schwer, dies Urteil zu unterschreiben. Der »Agathon« ist wirklich ein Roman für den ~denkenden~ Kopf. Das dritte Buch gibt ja eine vollkommene »Darstellung der Philosophie des Hippias.« Es ist die Philosophie des »echten Materialisten«, die Lehre vom skrupellosen Genuß, die hier in nicht weniger als fünf Kapiteln ausführlich dargelegt wird. Und diese Theorie des Materialismus bildet nicht etwa einen Fremdkörper in dem Roman; im Gegenteil, sie dient als notwendiges Glied dem einen Zweck, der Erziehung des Agathon durch alle Lebenslagen hindurch, bis er zu der gefestigten Erkenntnis kommt, daß »wahre Aufklärung zu moralischer Besserung das einzige ist, woraus sich die Hoffnung besserer Zeiten, das ist, besserer Menschen, gründet.« Zu denken also ist hier genug; es fragt sich nur, ob die Philosophie nicht in zu reichlicher Dosis gegeben ist, -- reichlicher, als es sich für den Romancharakter schicken will. In der Tat liegt in der ziemlich äußerlichen Verbindung von Handlung und Lehre der Hauptfehler des »Agathon«. Er ist eine lange und breite moralische Erzählung, aber kein Roman. Eine Anhäufung einzelner moralischer Geschichten und Lebensläufe (des Agathon, der Danae) bringt noch keine in sich geschlossene Handlung heraus. Und schließlich leidet Handlung wie Moral unter der Einkleidung ins Gewand des griechischen Altertums. Da mögen sich sehr feine Parallelen ergeben, und mancher Vergleich reizt den geistreichen Schriftsteller. Aber durch die Vermischung moderner Abzweckung und antiker Einkleidung fällt doch auch die Möglichkeit dahin, mit der Wirklichkeit Ernst zu machen. Es kommt nicht zu tiefgreifender psychologischer Erfassung; die Erzählung bleibt im oberflächlichen moralischen Schema, das ein paar unmoralische Zwischenstadien übrigens nicht ausschließt. Das Ganze wird schemenhaft, aber nicht lebensvoll. Wieland verstand es nicht, volles Menschenleben zu greifen; er blieb in philosophischen Kategorien stecken. Und darum geht der neuere deutsche Roman trotz allem nicht von Wieland aus. Sein Schöpfer ist Goethe.
[Illustration]
Goethe der Schöpfer
des modernen deutschen Romans.
Wodurch ist Goethe der Schöpfer des modernen deutschen Romans geworden? Durch »Werthers Leiden«, durch »Wilhelm Meisters Lehrjahre« und durch desselben »Wanderjahre« oder durch die »Wahlverwandtschaften«? -- Durch keins dieser Werke allein, aber durch sie alle zusammen.
Merkwürdig, wie verschieden unter sich diese Prosadichtungen des Meisters sind! Da ist keine Schablone und kein Schema. Da ist jedesmal aufs neue frisches Leben. Da ist lebendige Entwickelung von Werk zu Werk, Entwicklung in Sprache und Gedanken.
Die »~Leiden des jungen Werthers~« sind der einzige Roman des 18. Jahrhunderts, der heute noch gelesen wird. Das Neue in ihm hat das Alte vergessen lassen. Auch aus dem Werther redet ja der empfindsame Geist der Aufklärungsepoche. Der »Held«, dieser leidende Werther, hat eigentlich unendlich wenig Männliches. Es geht ihm wie den Schiffen im Märchen vom Magnetberg, dessen er selbst sich entsinnt. »Die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den übereinander stürzenden Brettern.« Lotte ist der Magnet, der das letzte Bischen Kraft aus dem liebenden Werther zieht. Der Freund rät: »Suche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte verzehren muß!« Aber das Übel hat ihm die Kräfte schon verzehrt. Was für ein haltloses Klagen und Zagen! Wieviel Tränen und Kniefälle! Wie lang gesponnene Ergüsse! Die Leidenschaft ist als schwere Krankheit geschildert:
»Die menschliche Natur ... hat ihre Grenzen; sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald ~der~ überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist? sondern ob er das Maß seines Leidens ausdauern kann.«
Und diese Krankheitsgeschichte ist noch dazu breit erzählt; Gespräche, Reflexionen, Schilderungen, die nur lose zur Sache selber gehören, sind eingestreut. Vor allem aber: es ist fast nichts als eben Krankheitsgeschichte. Wie wenig plastisch treten die Menschen hervor, die neben dem Helden ein bischen mithandeln! Jene Hofgesellschaft wird freilich beschrieben, die Menschen, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, »wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen.« Jener Graf wird gezeichnet, -- der edle, feingebildete Mann der wirklich großen Welt. Aber das sind Beigaben; die Welt des Romans ist eng; sie beschränkt sich im letzten Grund auf das Herz des Liebeskranken.
Aber all dies Alte tritt in den Hintergrund gegenüber dem Neuen. Und dies Neue ist die trotz alledem ~packende und einheitlich klare Zeichnung des Innenlebens eines Liebenden~. Wir mögen im einzelnen hunderterlei einzuwenden haben, mancher Leser wird sicher ganze Seiten überschlagen; -- das Ganze faßt uns immer wieder an. Und nicht bloß, weil es den Sentimentalen genugtut und die Seele mit üppigem Mitleid füllt. Nicht bloß, weil der schaurige Ausgang, wunderbar knapp, wie er beschrieben ist, uns mit Grausen erfüllt. Sondern den Ausschlag gibt etwas anderes. Goethe hat es selber später gesagt:
»Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht ~jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der Werther vorkäme, als wäre er bloß für ihn geschrieben~.«
Ich glaube ja, daß es nicht die Schilderung von gehemmtem Glück und unbefriedigten Wünschen im allgemeinen ist, welche immer wieder neue Leser im Werther sich selber finden läßt. Im Roman sind diese unbefriedigten Wünsche doch sehr konkret in einen einzigen zusammengefaßt: in das leidenschaftliche Begehren des Mannes nach dem Weib seiner Liebe. Freilich seufzt Werther, nachdem der Anlauf zu amtlicher Tätigkeit fehlgeschlagen: »Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielen Genuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zu befriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt -- o mein Freund! mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstörten Plänen!« Aber auch dies Intermezzo der amtlichen Tätigkeit wirkt erst dadurch, daß es die große Leidenschaft zum Hintergrund hat. Im übrigen trifft es gewiß zu: es hat mancher seine Zeit im Leben, wo es ihm vorkommt, als sei der Werther nur für ihn geschrieben. Gerade die unglückliche, aussichtslose Leidenschaft mit ihren feinen Konsequenzen, mit ihren unsinnigen und doch von dem einen Mittelpunkt her völlig verständlichen Äußerungen ist aus der Seele nicht ~eines~ Menschen, sondern der Menschheit heraus geschildert. Wer aber auch jene Zutaten mitwägt, jene uns fremd anmutenden Besonderheiten, der muß zugeben, daß dies ~Allgemein-Menschliche zugleich mit den charakteristischen Farben einer bestimmten Zeit geschildert~ ist. Und unter diesem Gesichtspunkt wird auch das wertvoll, was sonst beiseite bliebe: jene Neigung, den herrschenden Begriffen über Sitte und Recht den Krieg zu erklären, die Sünden in Schutz zu nehmen, welche die herkömmliche Moral verurteilt. In der Empörung der Leidenschaft gegen die nüchterne Urteilsweise der »vernünftigen Leute« nimmt Werther in Schutz, was sonst überall verurteilt wird: den Dieb, welcher stiehlt, um sich und die Seinigen vom Hungertod zu erretten, den Ehemann, der im gerechten Zorn sein untreues Weib und deren Verführer aufopfert, den Unglücklichen, der sich entschließt, die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen. Mit dieser leidenschaftlichen Auflehnung gegen die geltende Moral verbindet sich eine herbe Kritik der »fatalen bürgerlichen Verhältnisse«, der Art, wie der Unterschied der Stände betont wird, der Hohlheit und Umständlichkeit des Amtsverkehrs und der Regierungsmaschinerie. Nicht bloß die unbändige Leidenschaft spricht, sondern zugleich die revolutionäre neue Zeit.