Chapter 12 of 17 · 3980 words · ~20 min read

Part 12

Nachher im Wirtshaus am Deich, wo des Hochwassers wegen Wacht gehalten wird, hört er die Geschichte des unheimlichen Reiters. Hauke Haien ist es, der Deichgraf. Eines kleinen Mannes Sohn, hatte Hauke es durch zähen Fleiß und durch die Liebe der schönen Elke zum Nachfolger und Schwiegersohn des reichen Deichgrafen gebracht. Ihm stehen große Pläne vor der Seele. Einen neuen Deich will er bauen, ins Wattenland hinein; durch den soll ein neues großes Stück Land vor des Meeres Dräuen gesichert und der Benützung erschlossen werden. Das gewaltige Werk gelingt; der neugewonnene Koog trägt des stolzen Hauke Haien Namen. Aber sieh da! Wo der neue feste Deich an den alten stößt, entsteht eine böse, gefahrdrohende Stelle. Bei wiederkehrender, rasender Sturmflut wollen die Leute den neuen Deich, ~seinen~ Deich durchstechen, um so sicher den alten Damm und das Hinterland zu retten. Hauke verhinderts; aber der alte Deich birst wirklich, und die Fluten brechen herein. Sein Weib kommt zu Wagen ihm, dem Deichgrafen entgegen; die Fluten reißen Weib und Kind, Roß und Wagen dahin. So reitet Hauke selbst auf seinem Schimmel in wahnsinnigem Entschluß in die Fluten hinein. »Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Himmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.« Seitdem reitet der tote Hauke Haien auf seinem Schimmel bei jeder hohen Flut; und wohin er reitet, dort bricht der Damm.

Es ist nicht möglich, in ein paar Worten alle Hauptzüge der reichbewegten Handlung anzudeuten: jene gespenstische Erscheinung draußen auf der Hallig, ein Pferdegerippe, das doch in dunkler Nacht Leben bekommt. Hängts zusammen mit dem abgetriebenen Schimmel, den Hauke Haien von einem fremden Manne kauft und der dann in seinem Stall ein stattliches Roß wird, -- das Roß, welches ihn nachher in die stürmende Flut trägt? Das Kind, das ihm als das einzige geboren wird und das zeitlebens ein Kind bleiben muß, weil Gott ihm den Verstand versagt hat, ist es die Strafe für die Art, wie Hauke sein totkrankes Weib von Gott erbetet hat: »Ich weiß ja wohl, Du kannst nicht allezeit, wie Du willst, auch Du nicht; Du bist allweise; Du mußt nach Deiner Weisheit tun -- o, Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!«?

So weben die Gewalten der Meereswogen und die abergläubischen Meinungen der Küstenbewohner ein unheimliches Gebilde von Wirklichkeit und Traum. Aber es sind keine sanften, ruhigen Träume, die hier umgehen; hier ist alles groß, alles packend, alles grausenhaft. Die rasch fortschreitende, meisterhaft zusammengefaßte Handlung erhöht den Eindruck: ein Kunstwerk von phantastischer Schöne ist erwachsen, dem doch der realistische Anhauch nicht fehlt; der Dichter selbst gibt kritische Andeutungen, übrigens so fein, daß die Stimmung nicht gestört, nur geklärt wird.

Mit diesen drei Skizzen sind nicht entfernt alle Wandlungen der dichterischen Stimmung beschrieben, die in Storms Novellen sich finden. Wie er auch außer »Immensee« skizzenhafte, träumerische Bilder geschaffen hat (z. B. »Psyche«, »Ein stiller Musikant«), so auch solche, in denen das Leben selbst obenan steht (z. B. »Hans und Heinz Kirch«, »Bötjer Basch«); aber in wieder anderen kommt auch ein humoristischer Zug zur Geltung, der (z. B. »Die Söhne des Herrn Senator«) freilich auch wieder von tiefem Ernst begleitet ist; und mehr als eine seiner Novellen greift in die Schatzkammern der Geschichte, um längst vergessene Zeiten zum Reden zu bringen. Überall bleibt Storm im kleinen Rahmen; das einzelne Menschenschicksal beschäftigt ihn; der Zeiten Gewoge berührt ihn nicht. Er ist nicht Politiker und nicht Dogmatiker, er kennt nicht den Trieb, zu agitieren oder zu meistern, abzubilden oder zu kritisieren, -- er dichtet, aber er webt in sein Dichten treu des Menschenherzens echte Art hinein.

Raabe und Storm! Sind wir damit am Ende? Jener warme Hauch lyrischer Empfindung, der über ihren Dichtungen liegt, ist allerdings in den Schöpfungen anderer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts selten zu finden. Oder, wo er sich zeigt, ist er doch mehr Zugabe als beherrschendes Element. Aber lassen Sie mich noch einen Erzähler Ihnen nennen, bei dem dies eigentümliche Etwas, das wir »Stimmung« nennen, nicht immer, aber jezuweilen so stark wird, daß man ihn dann wohl neben Raabe und Storm stellen kann: ~Peter Rosegger~. Manches, was er geschaffen, kommt in anderem Zusammenhange zur Sprache; man kann ihn ja zugleich unter die Vertreter der Heimatkunst, ja des Naturalismus rechnen; und sogar dem Symbolismus läßt sich sein »Gottsucher« zuzählen. Aber in diesem letztgenannten Buch, dazu in ähnlichen kommt auch Stimmung, lyrische Stimmung zum Durchbruch. Noch stärker geschieht das, und zwar hier in beherrschender Weise, in den von Stifter beeinflußten »~Schriften des Waldschulmeisters~.« Auch hier liegt ein ~Gedanke~ zu Grunde; die Lyrik macht den Erzähler nicht tot. Verlassen hausen die Waldleute in einsamem Tal, im »Winkel.« Nach dem Felstal zu, meinen sie, sei die Welt mit Brettern vernagelt. Nach der Ebene zu kommen sie selten. Stundenweit ist die nächste Kirche; die Waldleute lassen nur die Mädchen dort taufen, die Buben nicht, damit sie nicht erst registriert und später fürs Militär gesucht werden. Was ist ihnen Kirche? Was Schule? Sie kümmern sich um keinen und keiner kümmert sich um sie. Sie sind hergezogen von Aufgang und Niedergang -- wesweg', das weiß der Herrgott. Zumeist sind es wohl Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wälder geflüchtet haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter ihnen, denen man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet. Wildschützen sind sie alle ..... Beweibet sind die meisten, aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar geholt. In dies Tal »im Winkel« kommt durch den jungen Waldschulmeister langsam und mühsam Ordnung und Sitte, Kirche und Schule, kurz alles das, was wir »Kultur« nennen. Jahr um Jahr bleibt er dort bei den Waldleuten, Jahr um Jahr freut er sich am Erfolg seines Tuns, Jahr um Jahr trägt er mit den Waldleuten Mühe und Arbeit, Freud und Leid. Aber es kommt die Zeit, wo die Leut' ihn bei Seite schieben, wo er dem neuen jungen Pfarrer nicht mehr genug tun kann, und wo der Dechant, nachdem er die Schule visitiert, ihn beim Fortgehen nicht gesehen hat.

»Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen.

Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die Herrlichkeit kann sehen, und am hellen Wintertag das Meer.

Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein Kahn, steht ein Jüngling darin, der winkt ....«

So ist er denn am Christtag hinaufgestiegen auf die Spitze des grauen Zahns, hoch über den Gletschern. Und dort oben ist er geblieben. Man findet bei dem Toten nur ein Stück Papier mit den wenigen Worten:

»Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht verloren.« --

Dieser Gang der Erzählung ist klar und deutlich innegehalten. Es ist kein romantisches Träumen, was in dem Buche regiert; die Umrisse des wirklichen Lebens sind überall scharf gezeichnet. Auch hier fehlt realistische, ja naturalistische Derbheit nicht. Auch Gefühlsschwärmerei treibt der Waldschulmeister in seinen Schriften nicht; er erzählt von nichts als vom Leben, vom wirklichen Leben und von der wirklichen Welt. Und dennoch -- welche Stimmung über dem Ganzen! Urwaldfrieden umfängt uns, frische urtümliche Schöpfung umwebt uns. »Wie er einzieht durch die Augen und Ohren und all die Sinne, der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn genießen,« schreibt der Waldschulmeister. Wie läßt er ihn uns mitgenießen! Kaum Schöneres in unserer Literatur als diese Schilderung des Urwaldfriedens: »Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten, Verlassenen, Verfolgten -- Weltmüden; du einziges Eden, das den Glücklosen noch geblieben!« -- Auch jeder der anderen Abschnitte ist ein prächtiges Kabinettstück urechter Stimmung. Bei den Hirten -- zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. »So sind sie denn gut und froh, und ich, -- wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bins mit ihnen.« -- Anders bei denen, die buchstäblich von der Erde, von dem Gestein heraus ihr Brot graben. Von den Bäumen schaben sie es herab, aus dem alllebendigen Ameishaufen wühlen sie es empor, -- die Waldteufel. -- Wunderbar ists im Felsentale, wo allein noch die Kiefer kampfesmutig die steilen Lehnen hinanklettern will, um zu wissen, wie es da oben aussieht bei dem Edelweiß, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen. Aber die gute Kiefer ist keine Tochter der Alpen, balde faßt sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen immer weiter vorgreifend und rankend, die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend, bis sie letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos umherirrt zwischen dem Gestein.

Aber es ist nicht bloß ~Natur~stimmung, was hier regiert. Viel mehr als in Stifters Studien, die Rosegger beeinflußt haben, pulsiert hier warmes, lebendiges Leben: die Menschen werden lebendig! Die Hirten wie die Waldleute, die Holzer dazu, der Pecher und der schwarze Mathes und der seltsame Einspanig, der Berthold und die Aga und wie sie alle heißen. Aber keins für sich, keins bloß in seiner Menschheit, jedes als Teil der Waldgemeinde im Winkel, als Kind der Einsamkeit, als Schöpfung des Tals da droben, an das niemand in der Welt denkt. Stimmung regiert -- einheitliche, wunderbar naturwüchsige Stimmung. Nachempfinden kann sie nur, wer sie selber einmal empfunden hat, in einem stillen Alpental, wo die Bäche rauschen, wo der Wald uns umfängt, wo die Berge zum Himmel ragen, wo die Menschen die Art ihrer Heimat tragen ....

Sind wir nun mit dieser Stimmungsdichtung wieder in den Bereich der Romantik gekommen? Sind die Raabe und Storm die einfachen Fortsetzer der Linie Novalis -- Eichendorff -- Hoffmann? Keineswegs. Mag man sie als Neuromantiker bezeichnen, -- eben das Neue in dieser Romantik ist doch stark genug, um ein ganz anderes Urteil über diese Erscheinungen zu rechtfertigen als über diejenigen der älteren Romantik. Dies charakteristische Neue liegt in dem realistischen Einschlag, besser noch: in der durchaus realistisch gefaßten Grundlage aller dieser Romane und Novellen. Raabe, Storm, Rosegger und ihre Genossen haben die Dinge dieser wirklichen Welt stimmungsvoll angesehen und stimmungsvoll geschildert. Aber sie haben nie, wie ihre romantischen Vorgänger, die Gesetze dieser Welt außer Geltung gesetzt, nie bloß träumend geschaute himmlische Gefilde beschrieben. Ich deutete schon an, daß selbst der phantastische »Schimmelreiter« die kritischen Ansätze selber bietet. Die übrigen Novellen Storms mögen manchmal die harten Lebenserfahrungen, die schweren Kämpfe, die bitteren Stunden, die Nachtseiten des Lebens ein wenig abgemildert darstellen, -- mit der Wirklichkeit selbst kommt er nie in Streit. Von Raabe gilt das erst recht. Sogar die »Chronik der Sperlingsgasse« gibt überall natürliches Leben. Somit hat auch diese Stimmungsdichtung sich dem beherrschenden Grundzug der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht entzogen; auch sie hat der Wirklichkeit ihr volles Recht gegeben. Ja sie wird eben dadurch zum glänzendsten Beweis für den ~überall~ durchdringenden Wirklichkeitssinn. Und darum bezeichnet diese Dichtung keinen Rückschritt, erst recht keinen Rückfall. Vielmehr stellt sie nur eine besondere Art dar, die Wirklichkeit anzuschauen: mit poetischer Kraft, mit sinnendem Bedenken, mit starkem Mitempfinden.

Es sind ja nur kleine Miniaturbildchen aus dem großen Weltbild, welche Storms Novellen zeichnen. Raabe gibt größere Bilder; aber auch sie können sich hinsichtlich der Weite und Breite nicht mit den Zeitromanen messen. Indes was diese Dichtung weniger beiträgt zur umfassenden Kenntnis des Weltbereichs, das trägt sie mehr bei zur inneren Durchdringung, zum tiefgreifenden Verständnis desselben.

Und so grüße ich auch diese Dichter, die in der Erzählung den Leser über ruhig-nüchterne Betrachtung, über Kampf und Streit hinausheben, die Dichter, die unser Volk auf die Höhe feinsinnigen Verständnisses des Weltgeschehens führen und die den Brunnquell deutschen Gemüts ausschöpfen!

[Illustration]

Der naturalistische Roman.

Naturalismus! Was bedeutet das eigentlich anders als engste Fühlung mit der Natur, mit der Wirklichkeit des Lebens? Und bestand diese Fühlung zwischen dem deutschen Roman und der Wirklichkeit nicht bereits, seitdem die abenteuerlichen Schauerromane und die empfindsamen Moralgeschichten aufgehört hatten, als der Inbegriff des Romans zu gelten? Seit Goethe fest und klar dem Leben, wie es ist, ins Angesicht geschaut? Wahrlich, dieser Wirklichkeitssinn ist dann lebendig geblieben, so wenig die romantische Strömung ihm zuerst entgegenkam. Selbst die Stimmungsdichtung, von der wir im letzten Vortrag gesprochen, fußt auf realen Fundamenten.

Und dennoch bleibt ein gewaltiger Unterschied zwischen Wirklichkeitssinn und Naturalismus. Wie verschieden kann man die Wirklichkeit ansehen! Es geht einer dahin über duftende Wiesen, durch grünenden Wald. Frühlingssonne scheint ihm ins Herz hinein. Wie er dem nächsten Hofe sich naht, grüßt ihn der behäbige Bauer, dem die Freude über den Besitz auf der Stirn geschrieben steht, -- lächelt ihn ein herziges Mägdelein an, mit roten Wangen und frischem Blick. Wirklichkeit? Ja, kann das nicht Wirklichkeit sein?

Oder es schaut der ernste Mann hinein in den Gang regelmäßiger Arbeit. Er sieht, wie sie schaffen, die Männer des Kontors, -- und er sieht, wie sie in rüstiger Arbeit, in gutem Erfolg, in gemessener, geordneter Erholung ihre Freude haben. Er sieht, wie das wohlgefügte Familienleben die einzelnen Glieder hebt und trägt. Wirklichkeit! Ja, ist das nicht Wirklichkeit?

Aber ein anderer sieht das Leben anders an. Er sieht in die Welt -- da begegnet ihm das Elend. Er sieht in das Haus -- da schaut er Risse und Sprünge im Bau der Familie. Er sieht auf die Straßen -- und der Menschheit ganzer Jammer faßt ihn an. Er sieht in die Herzen -- und er findet die Sünde, die Schuld oder, wenn ihm der Name nicht recht ist, -- er findet Furchtbares, Entsetzliches.

Wie jener Erste und wie der Andere -- so haben die deutschen Erzähler das Leben längst angesehen, ehe denn das Stichwort »Naturalismus« emporkam. Erst als ihrer etliche lernten, es mit den Augen des Dritten anzusehen, erst da hat man diesen Namen gebraucht. Sie haben es übrigens nicht aus sich gelernt. Oder wenigstens, Mode ward der Naturalismus, die Darstellung der unverschleierten Wirklichkeit auch nach ihrer häßlichen oder gar vorwiegend nach ihrer häßlichen Seite, erst durch ausländische Einflüsse; ich brauche nur zwei Namen zu nennen: Zola und Tolstoi. Allerdings, ~daß~ es so kam, ist im letzten Grund nicht auf willkürliche äußere Einflüsse zurückzuführen. Es ~mußte~ so kommen. Auch das Häßliche gehört nun einmal zur Wirklichkeit. Wenn der Grundsatz: die Wirklichkeit schildern! durchdrang, so war der Naturalismus notwendig geworden. Er hat in diesem Grundsatz sogar seine ~Berechtigung~.

Allerdings: auch innerhalb dessen, was »Naturalismus« heißt, kann es wieder sehr verschiedene Stufen geben. Jenachdem man eben das Häßliche, ohne es zu ignorieren, in den Hintergrund schiebt oder es aufdringlich hervortreten läßt oder es gar zum alleinigen Inhalt macht. Schon ~Immermanns~ »Oberhof« hatte naturalistische Partien; Jeremias ~Gotthelf~ ist Naturalist durch und durch, und mehr als einer hat es ihm arg verdacht, daß er für manchen bedenklichen ländlichen Brauch, für manche den verfeinerten Geschmack etwas roh anmutende Einzelheit kein wohltätiges Schleierchen gehabt hat. Aber bei ihm traten ~diese~ Seiten des Lebens nie in den Vordergrund. Er ließ nichts weg, er beschönigte nichts; aber er gab dem Unschönen und Unsittlichen nie mehr Raum, als das Leben ihm gibt. Und -- er erzählte es mit sittlichem Urteil.

An Gotthelfs Art läßt sich am besten auch die Schilderung des moderneren Naturalismus aus der zweiten Hälfte, ja dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts anschließen. Denn wie bei ihm, so verbindet sich auch hier der Naturalismus großenteils mit ~Heimatkunst~. Cäsar ~Flaischlen~ erklärte es 1894 für erforderlich, daß »die engere Heimat mit ihrer Stammeseigenart der stete Nährboden bleibe, aus dem sich unser ganzer deutscher Volkscharakter zu immer neuer Kraft, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vielseitigerer Einheit emporgestalte.« Die so verstandene Heimatkunst ist aber nicht notwendig naturalistisch im fortgeschrittenen Sinn. Sie legt ihrer ganzen Art nach ein großes Gewicht auf den Sondercharakter der Landschaft und des Stammes. Jede Landschaft, jeder Stamm ist ihr um so herzlicher willkommen, je ausgeprägter sein Sonderleben, je weniger abgeschliffen sein Eigengefühl ist. Wenn Theodor ~Storm~ die Küste am Meer, die schwermütige Ebene im deutschen Norden in seine Novellen hineinragen läßt, wenn er den besinnlichen, tiefgründigen Charakter, den das Land dort seinen Bewohnern gibt, immer wieder zur Darstellung bringt, so ist das Heimatkunst. In seinen Novellen kann diese Kunst keine ausgeführteren Bilder schaffen; und Storm, dem poetische Stimmung über alles geht, erzählt von der Heimat nicht alles. Das Häßliche bleibt fern. Aber auch größere Bilder gibt die Heimatkunst, ohne prononciert naturalistisch zu werden, und kleinere Bilder stimmt sie noch schärfer auf Sitte und Brauch. Beides trifft zu bei Heinrich ~Sohnrey~, dessen Zeitschrift »Das Land« diese Kunst mit Liebe verficht. Sein »Die Leute aus der Lindenhütte«, seine kleinen Geschichten »Die hinter den Bergen« lassen das hannoversche Land, dem der Autor entstammt, lebendig werden. In seiner schlicht-einfachen Art, die das Grübelnd-Moderne in der psychologischen Auffassung nicht kennt, scheidet er sich allerdings von den meisten anderen neuzeitlichen Vertretern der Heimatkunst.

Von hier aus bis zu denjenigen Erzählern, die ihrer Heimatkunst einen rückhaltlos naturalistischen Einschlag geben, ist nun eben nur ein Schritt. Hier sind zwei Österreicher zu nennen: Peter ~Rosegger~ und Ludwig ~Anzengruber~, beide freilich wieder unter einander verschieden. Wenn ich ~Rosegger~ hier nenne, so denke ich nicht an den Stimmungsdichter der »Schriften des Waldschulmeisters«, auch nicht zuerst an den Problemdichter der größeren Romane -- als solcher wird er uns noch einmal begegnen --, nein, mir stehen dabei jene seiner vielen Schriften vor Augen, in denen die steirische Heimat das einzig Herrschende ist. Sie sind ja nicht alle von gleichem Wert; wie könnte dem vielschreibenden Mann jeder Wurf zu gleicher Vollendung ausreifen? Die kleineren Geschichtensammlungen tragen alle diese Art, aber auch von den größeren verleugnen manche sie nicht: so »Heidepeters Gabriel«, so auch »Jakob der Letzte« und das historische »Peter Mayr, der Wirt an der Mahr.« Zwei Haupteigenschaften charakterisieren diese naturalistische Heimatkunst Roseggers: einmal die liebenswürdige Frische, sodann die natürliche Derbheit der Erzählung. Die liebenswürdige Frische nimmt unwillkürlich gefangen; selbst den schwächeren Geschichten gibt sie einen eigentümlichen Reiz. Die Naturfarbe wirkt mit der herzgewinnenden Offenheit, das sich offenbarende warme, gemütstiefe Empfinden mit kräftig gesundem Urteil zusammen, um den Leser immer aufs neue zu erfreuen. Die Derbheit aber, welche sich mit der Liebenswürdigkeit paart, wirkt bei Rosegger rein ländlich-natürlich. Es ist eine ähnliche Derbheit, wie sie auch bei Fritz ~Reuter~ manchmal durchbricht, die Derbheit des Naturkindes. Sie wird nirgends roh, aber auch nirgends raffiniert und sie geht niemals ins Einzelne. Sie sucht nicht sonst Verschleiertes, sondern sie erzählt offen, was bei dem einfachen Volk der Berge, das keine Prüderie kennt, offen besprochen zu werden pflegt. Wir haben hier die Verbindung von Heimatkunst und natürlichem Naturalismus. Anders schon zeigt sich die Verbindung von Heimatkunst und Naturalismus bei ~Ludwig Anzengruber~. Der hat sich selber als »Realistiker« gezeichnet, als er den zweiten Band seiner »Dorfgänge« einleitete. Nur ein paar Sätze aus dieser Schilderung können hier wiedergegeben werden. »Ein solcher« (Schriftsteller), so schreibt er, »glaubt der Wirkung seines Stoffs im vornhinein sicher zu sein, wenn er alle seine Gestaltungskraft an das Kleine und Kleinliche aufwendet, und er will es dabei eingedenk bleiben, daß selbst die schmutzige Scholle ein Stück der Allernährerin Erde sei ....... Er erspart uns keinen Schrei wehen Jammers, er erspart uns kein Jauchzen wilder Lust. Er stößt das Elend, das um Mitleid bettelt, nicht von der Ecke, er jagt den Trunkenbold, der alle belästigt, nicht von der Straße, alles, was er bei solchen unangenehmen Begegnungen für euch tut, ist, sie abzukürzen, nachdem ihr aber doch den Eindruck einmal weghabt. Tugend und Laster, Kraft und Schwäche führen bei ihm ihre Sache in ihrer eigenen Weise. Er will das Leben in die Bücher bringen, nachdem man es lange genug nach Büchern lebte ....«

Diese wenigen Worte geben natürlich nicht den ganzen Anzengruber. Gleich ihre Fortsetzung proklamiert den Realistiker als den »Priester eines Kultus, der nur eine Göttin hat, die Wahrheit,« aber sie spricht ihm auch das Recht der Stimmung und der Deutung zu: »Er bringt die Sterbenden aus dem Gelärm des Tages und bettet sie in heiliger Stille, er flüstert vertraut mit ihnen über alte Erinnerungen, damit sie dem Sonnenlichte nicht fluchen, zu dem sie einst erwachten, und er deutet ihnen leise all diese Schauer und Krämpfe als die letzten Anrechte allen und jeden Schmerzes an sie, damit sie die Nacht nicht fürchten, in welche sie jetzt eingehen sollen, langsam, mählich, wie die Pulse verrollen, der Atem stockt, das Herz stille steht ....« Aber es ist besser, wir machen uns seine naturalistische Heimatkunst praktisch klar, indem wir eins seiner Werke genauer ansehen. Wählen wir nicht die »Dorfgänge«, aber noch weniger die minder charakteristischen Kleinigkeiten wie »Gefabeltes von irgendwo und nirgendwo«, sondern sein erzählendes Hauptwerk, das neben den Dramen ihn am deutlichsten charakterisiert, die Dorfgeschichte mit dem Titel »~Der Sternsteinhof~.«

Es ist die Geschichte eines weiblichen Charakters. Rechtschaffen sauber ist die Zinzhofer Helen', aber arm, ganz arm. Da hat der häßliche Kleebinder Muckerl an ihr Gefallen gefunden, und vom Ertrag seiner Herrgottsschnitzerei hat er ihr schöne Geschenke gemacht. Sie hälts mit ihm, aber ihre Pläne gehen höher hinaus. Sie weiß die Aufmerksamkeit des jungen Bauern vom großen Sternsteinhof zu erwecken und durch geschickte Zurückhaltung ihm ein schriftliches Eheversprechen abzugewinnen. Bis dann doch die Stunde kommt, da des reichen Anbeters Zudringlichkeit ihre Zurückhaltung besiegt. Nun hat sie verspielt; der junge Bauer will sie wohl heiraten, aber der Alte gibts nicht zu, und sie muß froh sein, daß Muckerl, der Gute, durch eilige Ehe ihr die Schande erspart. Auch der junge Bauer heiratet -- ein reiches Mädchen, das von der Geburt des ersten Kindes an schwer kränkelt. Er träufelt nun Gift in Helenes Herz: sie wollen noch einmal zusammen gehören, und wenns ein Verbrechen koste. Kein Verbrechen braucht es dazu; dem Muckerl, der nie stark gewesen, gibt die Entdeckung, daß sein Weib ihn hintergehe, den Rest; und die Bäuerin stirbt auch. Helen' erreicht ihr Ziel: sie wird die Herrin vom Sternsteinhof. Freilich nicht lange an ihres Bauern Seite; der bleibt im Feldzug. Nun lebt sie ganz für ihre Kinder.

Die Geschichte eines Charakters: denn das ist ihre größte Kraft, daß sie alle Wandlungen im Wesen der schönen Helen' mit psychologischem Tiefblick darlegt. Wie sie gern davon hört, daß sie die allersäuberste wär' im ganzen Landviertel! Wie sie nimmt, was der schieche Muckerl ihr schenkt, ohne daß doch ihr Herz etwas von Dank wüßte! Wie sie die Netze auswirft nach dem reichen Bauernsohn! Wie sie lavieren kann, ums mit keinem zu verderben! Und nachher, welche ergreifenden Seelenbilder: der Fußfall der Entehrten vor dem alten Sternsteinhofbauern, bei dem sie sich tief demütigt und doch stolz bleibt, -- der dankbare Jubel, wie Muckerl ihr auch jetzt noch die Hand zur Ehe reicht: »da schwingt sie sich flink über das niedere Gatter, das sie trennt, und nun hing sie an seinem Halse und preßte die dürstenden Lippen auf die seinen und er taumelte unter ihrer Last, wie trunken von ihren Liebkosungen.« Dann die Beichte vor der Trauung mit der Angst, die Absolution nicht zu erhalten, mit dem Nachklang in ihrem Herzen: »Das war gestern eine Beicht' gewesen! Ei wohl, eine schwere, harte Beicht'. Gott sei Dank, daß es überstanden war!« Und weiter jene nächtliche Szene, in welcher die Versuchung, welche das Wort des Sternsteinhofbauern in die Seele gestreut, in ihr Leben gewinnt: »Ewig lebt keiner, doch überlang mancher. Was g'schah' dann? Das find't sich! .... und dann flüsterte, wisperte und raunte es ihr zu: Tu's -- tu's -- tu's -- es find't sich -- es find't sich!« Es ließen sich diesen Bildern leicht noch andere anfügen: Helene und ihre Mutter, die alte goldgierige, vorschubleistende Zinzhoferin; Helene und der alte Sternsteinhofbauer, der ihr gram bleibt, bis sie nach dem Tod des jungen Bauern auch ihm wieder gute Tage gibt. Ein hartes Herz ists, dessen Geschichte beschrieben wird. Schönheit bringt Gefahr! Nur hoch hinaus! Was tut ihr die Liebe des Häßlichen? Was nachher die unendliche Treue des Großmütigen? Ihr gilts nur ihr Ziel. Und schließlich hat sie doch als die reiche Bäuerin die hohe Achtung der ganzen Gegend. Die anderen, denen sie grauses Herzeleid angetan, bedauert niemand. »Anders aber, wenn Helene stirbt, nicht nur ihrem eigenen Kinde wird das Herz schwer werden, auch das fremde wird ihr heiße Tränen nachweinen, die Armen in der Umgegend und alle Jene, die gewohnt waren, freundnachbarlich sich Rat und Tat zu erbitten, wird der Tag bedrücken, an welchem der Tod die Bäuerin hinwegholt vom Sternsteinhofe.«