Chapter 7 of 17 · 3775 words · ~19 min read

Part 7

Auch die späteren Romane Friedrich Spielhagens kranken z. T. an diesem Übermaß von Tendenz. »~Die von Hohenstein~« (1863) setzen den Kampf gegen den Adel mit einseitiger Ausschließlichkeit fort, »~In Reih und Glied~« steht unter dem Zeichen Lassalles. Der Anspruch des empordrängenden vierten Standes macht sich energisch bemerkbar. Aber das Problem wird nicht sachlich durchgeführt: der Held, eine heroische Natur, geht eigene Wege und diese eigenen Wege führen zu einer höchst persönlichen Katastrophe, -- ganz wie beim wirklichen Lassalle. Die politischen Einschläge des Romans, Prinz wie Adel und Militär, zeigen auch hier den fast fanatischen Haß des Oppositionellen gegen jene führenden Klassen. »~Hammer und Amboß~« endlich will die soziale Frage lösen, freilich nur in der Idee. Die Lösung liegt in den Herzen der Menschen. Warum sind die Einen nur Hammer, die anderen nur Amboß? In Wirklichkeit ist doch »jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblick beides zu gleicher Zeit.« Was die Welt verschlechtert, ist »die Wut zu befehlen und die sklavische Gier, sich befehlen zu lassen.«

Es sind z. T. Meisterwerke in Kraft und Spannung, die uns hier begegneten. Politisch-tendenziös sind sie alle. Auch in anderem Sinn soll uns Spielhagen später begegnen. Inzwischen aber lassen wir nach den »Problematischen Naturen« wieder ein Jahrzehnt vergehen, um einem anderen Typus des tendenziösen Zeitromans näher zu treten. Die Politik hat aufgehört zu herrschen; die Fragen der Weltanschauung dominieren. Das entspricht nur dem Gange der Zeit. Um die Mitte des Jahrhunderts absorbierte die Politik die besten Kräfte, eine Unsumme von Interesse. Da griff auch der Romandichter ins politische Leben hinein, es zu beschreiben und -- zu beurteilen. Aber nun war das neue deutsche Reich gegründet; die eminentesten Lebensfragen der deutschen Nation waren gelöst. Es wäre sicher eine Unmöglichkeit gewesen, mit einem eigentlich politischen Roman derart auf die ~allgemeine~ Teilnahme zu stoßen, wie man das ein oder erst recht zwei Jahrzehnte früher erwarten mußte. Um so mehr traten die Fragen der Weltanschauung hervor. Nicht sie allein; Spielhagens »~Sturmflut~« geißelt als einen Schaden der Zeit den Gründerschwindel. Aber die Weltanschauungsfragen, dazu die des im Anzug begriffenen Sozialismus waren jedenfalls Fragen der Zeit. ~Paul Heyse~ wagte den Wurf, sie in großem Zeitroman zu erörtern. Er schrieb 1873 »~Die Kinder der Welt~« und ließ später ähnliche Versuche folgen. »~Im Paradiese~« (1876) schildert das Münchener Künstlerleben; »~Der neue Merlin~« (1892) polemisierte gegen die Modernen in der Literatur. Am umfassendsten ist das Zeitbild, welches »~Die Kinder der Welt~« entrollen. Es muß genügen, bei ihm ein wenig länger zu verweilen.

Den Gang der Handlung dieses Romans ausführlich wiederzugeben, kann ich mir ersparen. Alles dreht sich um das Lebensgeschick eines jungen Privatdozenten der Philosophie, der mit seinem kränklichen Bruder, der ein wenig Drechslerei treibt, in einem Berliner Hinterhaus eine Stube primitiver Art, die sogenannte »Tonne«, bewohnt. Er verliebt sich sterblich in eine problematische Schöne, genannt Toinette, natürliche Tochter eines Fürsten. Sie kann nicht lieben und darum auch ihn nicht lieben; als das klar ist und gleichzeitig auch der Bruder, der in idealer Hingebung ihr Herz für den Helden Edwin gewinnen wollte, stirbt, wird er krank und heiratet dann die Tochter eines christlichen Malers und einer jüdischen Mutter, Lea König, nicht ohne sie ernstlich zu lieben. Er wird Gymnasiallehrer, um einen Hausstand zu gründen. Auf einer Ferienreise begegnet er wieder seiner Toinette. Sie hat, ihrem Hang zu »herzoglichem« Auftreten nachgebend, inzwischen einen gräflichen Anbeter erhört und lebt als stolze Gräfin auf stattlichem Schlosse. Doch nun ist in ihr die »Fähigkeit der Liebe« wachgeworden; und die Folge ist die, daß sie ihren Grafen völlig ignoriert, als Edwin aber kommt, diesem gehören will. Da kämpft Edwin einen schweren Kampf; Liebe zu Toinette und Liebe zu Lea streiten in ihm. Die Treue siegt; er flieht Schloß und Versuchung. Toinette will ihm folgen, findet aber nicht ihn, nur seine Gattin, und gibt sich, besiegt von deren Liebe, selbst den Tod. Edwin und Lea finden dauerndes Glück.

Muß ich um Verzeihung bitten, wenn diese Inhaltsangabe ein ganz klein wenig ironischen Beigeschmack hat? Ich glaube, das hat in der Sache selbst seinen Grund. Was für sonderbare Dinge mutet Paul Heyse dem Leser zu! Der Privatdozent mit dem drechselnden Bruder in ~einer~ Stube des Hinterhauses; dürftig gekleidet, kaum den Anstand wahrend. Ja, kommt denn nie ein Student zu diesem Dozenten? Lea, sonderbarer Weise gerade der Sproß einer christlich-jüdischen Mischehe! Toinette, das übliche illegitime hochgeborene Wesen, wie solches in diesen Tendenzromanen feststehendes Requisit ist: eine ganz sonderbare Leidenschaft, immer Existenzen in den Mittelpunkt zu stellen, an denen irgend etwas unklar ist! Und nun gar die merkwürdigen Eigenschaften dieser Toinette, die eine Art Geburtsfehler sein sollen: weil ihre Mutter ohne Neigung zu jenem Fürsten nur auf Druck und Zwang hin seinen Anträgen Folge gegeben, so hat sie ein kaltes Herz mitbekommen --; aber sie hats doch wieder nicht als unveräußerliche Eigenschaft erhalten, sondern nur auf Zeit. In Summa: es sind keine Gestalten von Fleisch und Blut, die in den »Kindern der Welt« umhergehen, sondern Schemen aus der Welt der Ideale. Dieser Edwin, seine Lea, vor allem sein Bruder Balder, -- erdentrückte Traumgestalten!

Vielleicht habe ich bei den äußeren Vorgängen schon zu lange verweilt. Sie sind dem Dichter wirklich nicht die Hauptsache. Im Gegenteil; sie sind ihm in erster und letzter Linie nur die Träger seiner Ideen. Auf der Gedankenwelt, welche sie äußern und glücklicherweise bis zu einem gewissen Grad auch betätigen, liegt alles Gewicht. Zwei große Heerlager stehen einander gegenüber: die »Kinder der Welt« und die »Kinder Gottes«. Einige Typen der »Kinder Gottes« mögen voranstehen. Die Professorin Valentin ist das Muster einer streng christlichen, in der Liebestätigkeit unermüdlich tätigen Dame. Zahllose Vereine absorbieren ihre Zeit. Aber auch in der Liebe ist sie sittenrichterlich streng. Ein gefallenes Mädchen, das sie früher beschäftigt, findet bei ihr keine Arbeit mehr; wohl aber bekommt es ein paar Taler und eine Empfehlung an ein Asyl. Dogmatisch denkt sie sehr eng; jede freie Richtung ist ihr verhaßt; ein heiliger Bekehrungseifer, rege Sorge um anderer Seelenheil mischt sich mit inniger persönlicher Anteilnahme am Geschick Nahestehender. Heuchlerischer Frömmigkeit gegenüber fehlt ihr unterscheidende Menschenkenntnis. Ein Typus, der zu den gelungensten des Romans gehört, wenngleich mancher Einzelzug gemildert werden müßte. -- Ein braver, edler Mensch und Christ ist der Maler König, Leas Vater. Schlichte, demütige Frömmigkeit scheint Heyse in ihm verkörpern zu wollen. Und zwar verbindet sie sich mit der wärmsten Liebe zu den Seinen. Sollte in diesem Charakter angedeutet werden, wie die christliche Demut zu weit gehn kann? Aber wir dürfen doch jene andere Szene nicht vergessen, da die Familie mit einem für Lea in Aussicht genommenen frommen Schwiegersohn im öffentlichen Gartenlokal durch die Witzeleien der am Nachbartisch die schöne Lea beobachtenden Offiziere getränkt wird. Der Bewerber findet den Mut zur Abwehr nicht, aber König selber findet ihn und erringt in vornehm-ruhiger Abwehr den entschiedenen Sieg. -- Von anderem Schlage ist der Kandidat Lorinser, dem seine mystische Frömmigkeit Deckmantel der abgefeimtesten Bosheit ist, der an Aufdringlichkeit, Heuchelei und Scheußlichkeit das Menschenmögliche leistet, dem keine Reinheit unberührbar und keine Wohltätigkeit unbetrügbar ist. Soll dieses Scheusal von einem Menschen die Theologen versinnbildlichen? Es scheint fast, daß er als bezeichnend für einen Teil derselben gelten soll; sonst findet sich nur noch das flüchtig hingeworfene Porträt eines zweiten Geistlichen, der ~gegen~ den Wunsch des Angehörigen (man staune!) am Grabe von Edwins herrlichem Bruder Balder erscheint und nichts als harte Worte über Unglauben und ähnliches zu reden weiß. Gänzlich verzeichnete, völlig verunglückte Charakterbilder! -- Endlich noch ein »Kind Gottes«, eine Fürstin, ein »Kindskopf«, der theologisiert, eine reizende blonde Gauklerin, ohne Charakter, die aber beständig von Calvinismus, Irvingianismus und Herrnhutern peroriert; alles in allem eine wenig wahrscheinliche Figur.

Den »Kindern Gottes« stehen die »Kinder der Welt« gegenüber. Gott sei Dank! So wird dem Leser doch ordentlich wohl! Es sind ja auch ein paar Leute darunter, die ihre Schwächen haben. Der Arzt Marquardt z. B., dessen sittliches Leben ein bischen zügellos ist und der eigentlich auch den Luxus etwas weit treibt. Und dann jene Leutnants, die eine ehrbare Dame beleidigen. Aber das sind ja selbstverständlich nur ein paar Ausnahmen. Selbst jener Marquardt ist doch ein aufopfernder, hilfsbereiter, selbstloser Freund. Und die anderen »Kinder der Welt«, -- in deren Nähe wird jedem heimisch. Was für ein Prachtexemplar von einem jungen Gelehrten, dieser Edwin! Welche Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit! Welch gänzlicher Mangel an Strebertum! Geld, Gehalt, Avancement, Anstellung, alles Nebensache. Geld hat er auch nie; trotzdem fährt er übrigens beständig Droschke, statt zu Fuß zu gehen. Gegen den Bruder ist er von zärtlichster Fürsorge, von freundschaftlichster Offenheit, von tiefster Liebe, wennschon die eigenen Herzensangelegenheiten ihn zeitweis das Leiden des Bruders fast vergessen lassen. Er ist von tadelloser sittlicher Reinheit; seine eheliche Treue besiegt auch die schwerste Versuchung; er wird stets ein musterhafter Gatte und Vater sein. Bei alledem ist er ein Freidenker, ohne Glauben an Gott und Ewigkeit, ein Philosoph, der mit jedem Glauben gebrochen hat. -- Weniger gelehrt, aber ebenso ungläubig ist sein Bruder Balder, der anziehendste aller dieser Charaktere, ein Mensch von völliger Reinheit, von zartester Empfindung, von selbstverleugnender Bruderliebe. Er stirbt jung; und das ist ein Zug richtigen dichterischen Taktes. Menschen von solcher überirdischen Art gehören auf die Erde nicht. -- Edwins Gattin Lea kann gleichfalls nicht glauben. Sie ist ein tief angelegtes, grüblerisches Gemüt. In der Liebe zu Edwin verzehrt sie sich; erst als er den Weg zu ihr findet, lebt sie wieder auf. Dann wird sie eine verständnisvolle Gattin, eine beglückte, liebende Mutter. -- Eine problematische Natur ist Toinette, über deren äußere Verhältnisse schon die Skizze des Inhalts das Nötigste gesagt hat. Sie ist ein Zwitter von fürstlicher Hoheit und Großartigkeit einerseits, von bürgerlicher Liebe und Treue anderseits. Ihr fester Wille ist: nur in der Liebe gehören einem Mann. Daß sie dennoch dem Grafen folgt, den sie ~nicht~ liebt, findet freilich kaum eine halbe Erklärung. Aber dann kehrt sie, zumal nach des einzigen Kindes Tod, zur Treue gegen sich selbst zurück. »Es gibt nur eine Vornehmheit, sich selber treu zu bleiben«. Sie ist ein »tapferes, freigeborenes Herz«.

Übergehen wir die anderen »Kinder der Welt«, die aufopfernden Freunde Mohr und Franzelius, die einsame und dann doch in der Ehe glückliche Christiane, das Reginchen und wie sie sonst heißen! Wir wollen auch nicht untersuchen, ob die einzelnen Charaktere nach dem Leben gezeichnet sind; eine Anzahl Fragezeichen wären da allerdings zu machen. Nur eins soll konstatiert werden: in der Zeichnung und Gegenüberstellung der »Kinder Gottes« und der »Kinder der Welt« zeigt sich kein Ablauschen der Wirklichkeit, sondern faustdicke Tendenzmalerei. Dem Dichter lag alles dran, seine Weltanschauung von recht vielen möglichst sympathischen Personen tragen und aussprechen zu lassen. Und diese Weltanschauung ist die der »Kinder der Welt«. So spricht Toinette sie einmal aus:

-- »Wie soll sie verstehen, was mich den Gedanken, alles, was ich leide, sei die Veranstaltung eines allwissenden, allmächtigen und doch allerbarmenden Vaters, mit Hohn oder Abscheu zurückweisen läßt! Wenn die Elemente meines Wesens, die mich vom Glück ausschließen, durch eine große, blinde Fügung des Weltlaufs sich gefunden und vereinigt haben und ich an dieser schlimmen Konstellation zugrunde gehen muß, -- so ist das fatal, aber kein unerträglicher Gedanke. Ein Gottvater, der mich unsägliches Geschöpf +de coeur léger+ oder auch aus pädagogischer Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erde herumlaufen ließe, um mir später einmal für die verpfuschte Zeit eine Gratifikation in der Ewigkeit zukommen zu lassen, -- nein, lieber Freund, alle durchlauchtige und undurchlauchtige Theologie kann mir das nicht plausibel machen.«

Zur Ergänzung dienen die Worte, mit denen das Buch schließt:

»Ist da (in unseren Menschenschicksalen) nicht Wonne und Weh untrennbar verbunden und in den höchsten Augenblicken zu einer reinen Stimmung verklärt, in der wir uns über unser kleines Selbst erheben, der Schmerzen spotten und zu groß und feierlich empfinden, um uns zu freuen? O Liebste, eine Welt, in der wir uns bis zu diesem Triumph über das Schicksal, das eigene und das unserer Geliebten, aufschwingen dürfen, in der das Tragische vom Hauch der Schönheit verklärt wird und mitten im Schauder über den Tod die höchste Lebenswonne uns durchbebt, bis Tränen unsere Brust erleichtern -- eine solche Welt ist nicht trostlos. Komm, wir wollen ins Leben zurück, zu unserm Kind, zu den Freunden. Wie sagt mein alter Freund Catull? »Laß uns leben, Geliebte, laß uns lieben!««

Nicht um Recht oder Unrecht dieser Weltanschauung handelt es sich hier, sondern darum, daß Heyse zwischen Freunden und Gegnern dieser Anschauung Licht und Schatten in unerträglich parteiischer Weise verteilt hat. Dort fast alles Licht und blendendes Licht, hier fast nur Schatten. Dort Engel, hier Teufel. Dagegen protestiert die Wahrheit. Sein Roman ist von Bartels völlig richtig charakterisiert als »eine sittliche Tat, ein unerschrockenes Glaubensbekenntnis, aber freilich zugleich ein Zeugnis, wie fremd Heyse allezeit dem wirklichen Leben gegenüberstand, und als Kunstwerk verfehlt.«

Drei recht verschiedene tendenziöse Zeitromane führte ich auf, verschieden an Inhalt und an Kunstwert. In der ~Form~ dieser Art Romane hat Spielhagen das Vollendetste geschaffen; an Umfang und Treue der Zeichnung steht er hinter Gutzkow zurück. Heyse aber liegt noch stärker im Banne der Tendenz. Aber es gibt auch einen Zeitroman im großen Stile, der der Objektivität den Vorrang vor der Tendenz zugesteht. Und erst in ihm erringt der Zeitroman seine höchste Blüte.

Der objektivere Zeitroman.

Schon die Erwägungen, welche der vorige Vortrag anstellte, führten zu der vorsichtigeren Unterscheidung von mehr oder minder tendenziösen Romanen oder von Romanen, bei denen die Tendenz über die Wirklichkeit siegt, und von solchen, in denen die Wirklichkeit oberster Richter bleibt. Man kann dieselbe Unterscheidung auch mit anderen Worten auszudrücken versuchen, indem man das Unterscheidungsmerkmal dahinein setzt, ~ob der Dichter sich über seinen Stoff zu erheben weiß oder nicht~. Wo haben wir solche?

Ein Zeitroman, der ganz Zeit und ganz Person und doch nicht ganz Tendenz ist, ist ~Gottfried Kellers~ »~Der grüne Heinrich~« vom Jahre 1854. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß »Der grüne Heinrich« die persönlichsten Erlebnisse Kellers wiedergibt. Das trifft gewiß in weitem Umfang zu. ~Lediglich~ solche persönlichen Erfahrungen hat er aber nicht gegeben; Wahrheit und Dichtung sind künstlerisch verwoben. Und in dem Persönlichen ist zugleich Allgemeines dargestellt; wer in seiner Zeit mitlebt, ist ja in der Regel ein Spiegelbild der Strömungen dieser Zeit. Auch Gottfried Kellers Persönlichkeit ist das gewesen; und eben dadurch ist es auch sein »Grüner Heinrich« in hohem Grade geworden. Das Persönliche aber, welches diesem Werk anhaftet, gibt ihm nicht nur seinen eigenen Reiz, sondern es ermöglicht auch jene schlichte Natürlichkeit, welche wir bei Spielhagen und bei Heyse so sehr vermissen, jene Einfachheit, die den Zeitromanen Gutzkows so ganz abgeht. Die klassische Ruhe, die dem Ganzen den Charakter des Abgeklärten und Reifen gibt, ist durch dies persönliche Moment keineswegs in Frage gestellt. Keller spricht nicht als ein Suchender, dessen Seele von den aufgeworfenen Fragen noch bewegt würde, sondern als einer, der gefunden hat. Und was er durchlebt hat, ist wohl mit Anteilnahme an der eigenen Erinnerung, mit einem Anhauch eigensten Mitempfindens erzählt, aber doch so, daß man keinen Augenblick darüber im Zweifel bleibt: Es liegt ~hinter~ ihm und es liegt ~unter~ ihm.

Das Moment des Einfach-Natürlichen im »Grünen Heinrich« verbindet sich zugleich mit dem des Ehrlichen und Wahren. Man höre, wie er selbst seine Anschauung vom Wesen des Poetischen darlegt:

»Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich hatte mir, ohne zu wissen, wann und wie, angewöhnt, alles, was ich in Leben und Kunst als brauchbar, gut und schön befand, poetisch zu nennen, und selbst die Gegenstände meines erwählten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse, welche mich anregend berührten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht; aber in bezug auf manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich nun, daß ~das Unbegreifliche und Unmögliche, das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch ist~, und daß, wie dort nur Ruhe und Stille in der Bewegung, hier nur ~Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen, um etwas Poetisches oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen~, mit Einem Wort, daß die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf.«

Mit dieser schönen Darlegung ist die Frage freilich nur eben angerührt, welche später die Debatte über die naturalistische Kunst, ihr Recht und ihr Unrecht, hervorrufen sollte, die Frage, ob denn »~alle~ menschlichen Ereignisse« darstellungswürdig und darstellungsfähig sind. Keller löst sie im Vorübergehen ganz subjektiv: Alle Ereignisse, ~die ihn anregend berühren~, sind poetisch, wenn sie nur schlicht und ehrlich sind. Praktisch lag darin tatsächlich für ihn die Lösung: Unpoetisches regte ihn eben nicht an. Von hohem Wert aber ist die ruhige Energie, mit der Keller Zweierlei gleichsetzt: das Poetische einerseits, das Lebendige und Vernünftige anderseits. Welche Kriegserklärung gegen alle Romantik! Vielleicht läßt sich auch in bezug auf diese Gleichsetzung mit ihm rechten; aber ihr Kern birgt eine heilige Wahrheit: ~Alle Dichtung muß wahr sein!~

Der »grüne Heinrich«, so genannt nach der bevorzugten Farbe seiner Kleidung, ist eines ehrsamen Schweizer Bürgers Sohn. Der Vater stirbt jung; unter der Obhut der Mutter wächst er auf. Sie erzieht ihn mit grenzenloser, aufopfernder Liebe, mit peinlichster Sorgfalt, freilich nicht überall mit völligem Verständnis. Ich gestehe, daß keine hohen Worte über Mutterliebe mir je so das Herz abgewonnen haben wie die schlichte Schilderung, die der »grüne Heinrich« vom Tun seiner Mutter gibt. Der Junge erlebt, was viele Kinder erleben: Jugendfreundschaften, Schulfreuden und -Leiden, unnütze Streiche. Von der Schule wird er relegiert, nicht ganz, aber doch beinahe ohne eigene Schuld. Die bitteren Worte, die er hierüber zu schreiben weiß, sind wohl ~zu~ bitter. Diese Entfernung von der Schule gibt seinem Leben die Wendung. Er bummelt eine Weile in der Mutter Heimatsdorf bei deren Verwandten; prächtige Bilder hat er uns aus jener Zeit gegeben! Da ist das Landvolk, da ist die Landarbeit in markigen Zügen geschildert; keine Idylle, erst recht kein Schauerbild; schlichte Wirklichkeit, aus der Erinnerung eines heranwachsenden Knaben, aber mit plastischer Kraft wiedergegeben. Dann entschließt er sich, Maler zu werden. Er geht in die Lehre zu einem, der die Malerei handwerksmäßig betreibt, lernt im Verkehr mit einem Künstler, bei dem freilich der Wahnsinn schon vorleuchtet, manches für seine Kunst, mehr noch in ernster Erfahrung fürs Leben, und hält sich dann Malens halber in München auf. Die Beschreibung der Münchener Erlebnisse in der Arbeit, im Vergnügen, im Umgang, in Entbehrung und Verschwendung ist reichlich breit gehalten, befriedigt auch in der Darstellung seiner Schicksale wenig. Neben dem künstlerischen Streben geht eine innere Entwicklung her, teils von wissenschaftlichen Vorlesungen, teils vom Leben beeinflußt. Ihren Abschluß findet diese Weltanschauungsentwicklung, die übrigens mehr eine intellektuelle als eine religiöse ist, im Schloß eines Grafen, in dem der »grüne Heinrich«, ehe er nach dem Ende des Münchener Aufenthalts heimwärts geht, längere Zeit verweilt. Zu Haus findet er die Mutter sterbend; Reue erfaßt ihn, aber er wird endlich frei von dieser Reue und tritt, die Kunst verlassend, in der er es zu nichts Rechtem gebracht, als Beamter in den Dienst des Staats. Wie früher schon, so sind mit diesen letzten Entwicklungsstadien reichliche Erörterungen politischer Art verbunden. Endlich durchzieht das Ganze -- wie könnte es anders sein? -- auch eine Art Entwicklungsgang der Stellung Heinrichs zu den Frauen. Die Jugendgeliebte stirbt; in München hält er sich ihnen im ganzen fern; jenes Grafen Töchterlein liebt er, aber er wagt die Werbung nicht und findet es richtig, daß sie ihm verloren geht. Mit einer merkwürdigen Frau, die ihm in der Zeit seines Dorflebens eigentümlich nahegetreten, bleibt er in Liebe und Freundschaft nachher innerlich verbunden, ohne daß sie äußerlich einander gehören.

Der Reichtum dieser Entwicklungsgänge, die das Allgemein-Menschliche wie das Künstlerische, die Fragen der Weltanschauung wie der Politik umfassen, gibt dem Buch den Charakter eines groß angelegten Zeitromans. Wie das Hinzutreten des persönlichen Moments den Eindruck des Ganzen fördert, das ist oben ausgeführt. Aber auch an Schwächen fehlts nicht; und ich finde, daß sie stärker betont werden müssen, als jezuweilen geschieht. Es fehlt an der klaren, raschen Zusammenfassung, am straffen Gang einer einheitlich geformten Handlung. »Der grüne Heinrich« ist mehr Memoirenwerk als Roman. Manche Partien sind zu breit geraten; der Leser gewinnt den Eindruck, als wolle der Strom ausufern. Die Reflexion hat nicht bloß etwas Kritisierendes; das ist ja sehr gut und zeigt, wie Keller über seinem Stoff steht. Sondern zuweilen kommt er ins Moralisieren, ja ins Schulmeistern im unangenehmen Sinn des Wortes, geradezu ins Spießbürgerliche hinein. Und dann vermissen wir diese Kritik, gerade weil sie im übrigen so reichlich auftritt, um so mehr an anderen Punkten. Auf eins nur sei hingewiesen. Die Art, wie Heinrich sich gegen seine Mutter verhält, wie er sie darben und sorgen läßt für ihn und wie er das mühsamst Abgesparte alsbald wieder losschlägt, noch mehr die Herzlosigkeit, mit der er sie, die im Gedenken des einzigen Sohnes lebt, lange, lange ohne jede Nachricht läßt, um sie dann nur noch sterbend anzutreffen, diese Art ist durch die folgende Reuezeit nicht ausgeglichen. Hier hört das Verständnis auf, völlig auf. Wie bitter spricht Keller über die Schulbehörde, die ihm die Anstalt verwies! Aber wieviel bitterer mußte er nun über sich selber urteilen! Hier ist er kalt, ja hart. Und ein Alpdruck lastet von daher auf dem Leser. Auch das Wichtigste, die religiöse Entwicklung, ist doch nicht überall mit durchschlagender Kraft und Tiefe gezeichnet. Vielleicht nicht unwahr, aber darum doch, wo mit halben Gedanken abgeschlossen wird, auch nicht völlig befriedigend. Naturwissenschaftliche Erwägungen haben auf die Gestaltung dieser Anschauungen Einfluß, aber die Entscheidung geben persönliche Momente. Im Grafenschloß ists, wo diese Entscheidung fällt; und die atheistische Dorothea wirkt auf ihn ein:

»Die Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens, ~durch Dortchens Augen gesehen~, ließ mir die Welt bald ebenso in einem stärkeren und tieferen Glanze erscheinen, wie es bei ihr der Fall war; -- ein sehnsüchtiges Glücksgefühl durchschauerte mich, wenn ich mir nur die Möglichkeit dachte, für das kurze Leben mit ihr in dieser schönen Welt zusammen zu sein.«

Vielleicht entspricht die Schilderung der Lebenswirklichkeit. Solche Einflüsse entscheiden zuweilen. Aber den denkenden Leser befriedigt solche Entscheidung darum doch nicht.

Endlich noch eins: ~die eigene Entwicklung des Helden behält etwas Unbefriedigendes~. Und das nicht etwa bloß mit Rücksicht auf die ~äußere~ Resultatlosigkeit der langen Malerzeit daheim und in München. Vielmehr: der Leser empfindet deutlich, wie diese äußere Resultatlosigkeit mit Mängeln des Charakters zusammenhängt. So wie Keller den »grünen Heinrich« schildert, ist er vom Verbummeln nicht mehr fern. Daß aus der Malerei nichts wird, ahnt der Leser längst, längst, ehe der »grüne Heinrich« zur gleichen Erkenntnis kommt. Ein bischen mehr Energie, ein bischen schärfere Selbstkritik, ein bischen mehr Zielklarheit wünschten wir ihm. Keller selbst kritisiert diese Entwicklung fast nur durch die Art, wie er sie beschreibt, während er an anderen Punkten deutliche Worte ausdrücklichen Urteils findet. Die endgültige Wendung im Charakter des Helden kommt etwas spät und -- im Verhältnis zum Ganzen -- etwas rasch. Nicht jeder Leser wird ~diese~ Schwäche des »Grünen Heinrich« völlig zu überwinden vermögen.