Chapter 6 of 17 · 3903 words · ~20 min read

Part 6

Es ist nicht meine Absicht, alle Romane jener jungdeutschen Epoche hier zu charakterisieren. In allen herrscht der gleiche, gärende Geist, die gleiche Auflehnung des Einzelnen gegen die hergebrachte Ordnung wie der Masse gegen das Gefüge des Staats und der Kirche. Im übrigen sind sie verschieden genug. Da ist Karl ~Gutzkows~ »~Maha Guru~« (1833), dessen Schauplatz weitab in Tibet liegt, dessen Angriffsobjekt aber doch das Christentum ist; da ist aus dem Jahre 1835 desselben ~Gutzkow~ »~Wally, die Zweiflerin~«, eine Fortsetzung dieses Kampfes gegen das Kirchentum. Die Heldin zweifelt an allem, insbesondere auch an jeder Religion. Religion ist ihr ein »Produkt der Verzweiflung«. Sie gibt sich schließlich selbst den Tod. Der Roman knüpft an an die wunderbare Tatsache, daß Karl Gutzkows Gattin Charlotte sich selbst den Tod gegeben hatte, um durch diese Tat ihren Garten mit neuer dichterischer Kraft zu erfüllen. Und wie diese Tat, welche das Werden des Romans mitbestimmte, so ist die gesamte Ideenwelt desselben outriert, überleidenschaftlich, schließlich unwahrscheinlich. Nicht vergessen soll werden, daß in »Wally, die Zweiflerin« zugleich die Frau als Frau neue Geltung beanspruchte. Die enge Verbindung, in welche hier Emanzipation der Frau und Emanzipation von aller Religion, überhaupt von allem Gewissen traten, ist für die Zukunft nicht ohne Einfluß geblieben.

Aber wir eilen vorwärts. Gutzkows »~Seraphine~« (1838), sein Erziehungsroman »~Blasedow und seine Söhne~« (1838), die anderen jungdeutschen Kraftromane können nur genannt werden. Aus der Sturm- und Drangperiode des Zeitromans, die man etwa bis zur Revolution datieren kann, retten wir uns in die Periode des ~abgeklärteren Zeitromans~. Auch hier Tendenz, überall Tendenz. Aber die Tendenz macht nicht mehr die Zeitdarstellung tot; sie läßt dieser größeren Raum und größere Ruhe. Der Grad dieser Ruhe ist freilich verschieden. Zwei Klassen des Zeitromans bilden sich, jenachdem die Tendenz stärker oder schwächer ist, jenachdem die Darstellung weniger oder mehr objektiv geraten ist. Wohl gehen beide Gattungen in einander über, wohl kann man schwanken, welcher von beiden der eine oder der andere Roman zuzuteilen ist. Aber es sei dennoch gewagt, die ~Unterscheidung~ festzuhalten ~zwischen dem tendenziösen und dem objektiven~, oder, um vorsichtiger zu sein, zwischen dem mehr tendenziösen und dem mehr objektiven ~Zeitroman~.

Die Zahl der Zeitromane der ersteren Art ist groß, zumal wenn man nun alsbald auch in die späteren Jahrzehnte des Jahrhunderts hineingreift. Gegen die Titanen der Revolution nimmt Stellung A. ~Widmann~: »~Der Tannhäuser~«, gegen die irreligiöse Weltanschauung Elisabeth ~Cantz~: »~+Eritis sicut Deus+~« (1854). Stark tendenziös sind die Romane von ~Spiller von Hauenschild~ (Pseud.: Waldau), von denen nur der 1851 erschienene »~Nach der Natur~« genannt sein mag. Proletarisch-sozialistische Tendenzen verfolgt Robert Prutz (besonders »~Engelchen~« 1851). Bedeutender sind die schon minder stark tendenziösen späteren Romane von Karl ~Gutzkow~: »~Die Ritter vom Geist~« (1850/51) und »~Der Zauberer von Rom~« (1856/61), die Schöpfungen Friedrich ~Spielhagens~, von denen insbesondere »~Problematische Naturen~« (1860/61), »~Die von Hohenstein~« (1863), »~In Reih und Glied~« (1866) hierher zu rechnen sind, und von noch späteren Werken diejenigen von Paul ~Heyse~: »~Die Kinder der Welt~« (1873) und »~Im Paradiese~« (1885). Zu eingehenderer Betrachtung greife ich heraus: Gutzkow »Die Ritter vom Geist«, Spielhagens »Problematische Naturen« und Heyses »Kinder der Welt«.

~Gutzkows~ »~Ritter vom Geist~« geben sozusagen das Programm des gesamten Zeitromans der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Ein ausführliches Vorwort gibt darüber Auskunft. Der Roman erlebt eine neue Phase. Er soll mehr werden, als der Roman von früher war. »Der Roman von früher .... stellte das ~Nacheinander~ kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar. Diese prächtigen Romane mit ihrer klassischen Unglaubwürdigkeit! .... Oder wer sagte Euch denn, ihr großen Meister des alten Romans, daß die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf ~einem~ Punkte soviel Effekte der Unterhaltung sammelt, daß ohne Lüge, ohne willkürliche Voraussetzung sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten?« Der alte Roman ist unwahr geworden, weil er die lebenslangen Strecken, welche zwischen einer Tat und ihren Folgen liegen, beiseite warf. Er ließ dadurch die alte Wahrheit von der -- unwahren, erträumten Romanwelt siegen. »Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinander. Da liegt die ganze Welt, da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch ...... Nun fällt die Willkür der Erfindung fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der Wirklichkeit gegenüber. Er sieht aus der Perspektive des in den Lüften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, leider polemisch. Thron und Hütte, Markt und Wald sind zusammengerückt.«

Von diesem Programm verspricht sich Gutzkow Gewaltiges. »Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen, daß auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne göttlich regiert werden.« Diese hochfliegenden Pläne lassen wir beiseite. Ihre Haltlosigkeit liegt auf der Hand. Was aber das eben nach der Vorrede zu den »Rittern vom Geist« entwickelte Programm betrifft, so ist es, wie gesagt, in der Tat dasjenige des neuen Zeitromans geworden. Keine unwahrscheinliche Verknüpfung eines Nacheinander von Ereignissen, die in Wirklichkeit doch nicht nacheinander kommen, sondern ein Gesamtbild der bestehenden Welt in ihren mannigfachen Einzelerscheinungen soll seinen Inhalt bilden: ein Querschnitt, nicht ein Längsschnitt soll er sein. Allerdings, so sehr Gutzkow mit der Polemik gegen das ~unnatürliche~ Nacheinander Recht hat, so wenig kann der Roman nur ein ~Neben~einander geben: er müßte ja sonst auf jede Handlung verzichten. Und dann: so gewiß das Nebeneinander trefflich dazu dienen wird, ein Welt- und Zeitbild im großen Stil zu geben, -- man braucht doch nicht zu fordern, daß jeder Roman die ~ganze~ Welt schildere; warum soll er nicht ein Einzelbild herausgreifen? Mehr Natürlichkeit! Mehr Wirklichkeit! Mehr umfassende Weltdarstellung! Mit diesen Forderungen hatte und behielt er Recht. Aber der Roman muß, weil er Erzählung ist, auch Handlung geben, und er muß diese Handlung aus den handelnden Menschen ableiten. Dies ~Ineinander~, nicht bloß Nebeneinander, von Welt, Mensch und Handlung hat Gutzkow zu fordern vergessen.

Die »Ritter vom Geist«, welchen Gutzkow dies kräftige Vorwort mitgegeben hat, bilden denn auch keineswegs ein absolutes Nebeneinander. Vielmehr bringen sie durchaus auch fortschreitende Handlung. Sie vergessen auch keineswegs, daß Menschenwille und -Charakter die wichtigsten Faktoren bei allem Geschehen sind; die Psychologie spielt in ihnen keine geringe Rolle. Die Aufgabe, die Welt im Querdurchschnitt zu zeigen, erfüllt dieser Roman vollauf; nur daß er hierin sogar des Guten zuviel getan hat. Neun Bücher! Und keineswegs kurze! Wahrlich, es war nötig, daß der Verfasser am Anfang der Vorrede dem Leser zurief:

»Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich dich auffordere! Rüste dich mit geschäftslosen Sonntagsvormittagen und einem guten, aushaltenden Gedächtnis! .... Werde nicht müde, wenn du unabsehbare Ebenen erblickst, sich der Weg zwischen gefahrvolle, nicht endende Gebirgspässe zwängt, oder die Landstraße plötzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint!«

Diese unsagbare Breite dieses Romans, wie auch des folgenden »~Der Zauberer von Rom~«, hat es denn glücklich zu Wege gebracht, daß kein Mensch mehr sie liest. Ein halbes Jahrhundert -- und sie sind vergessen!

Soll ich Ihnen die Fabel der »Ritter vom Geist« darzustellen versuchen? Sie macht die Bedeutung des Romans nicht aus. Im Gegenteil; sie ist neben der ungeheuerlichen Breite seine Schwäche. Die Handlung angesehen, ist man versucht, dem Werk schlankweg den Titel des Abenteurerromans zu geben. Vor allem ists nicht ~ein~ Faden, den der Dichter verfolgt, sondern eine ganze Zahl. Nr. 1: Die Brüder Wildungen glauben Anspruch auf Besitztum zu haben, das in Händen des Templerordens war. Der eine der Beiden entdeckt die beweisenden Urkunden, verschlossen in einem hölzernen Schrein. Eben dieser wird ihm gestohlen. Er sucht ihn und erlebt auf der Suche Abenteuer um Abenteuer. Er wird eines verkleideten Prinzen nächster Freund und Duzbruder, wird selbst für eben diesen Prinzen gehalten, verliebt sich in dasselbe Mädchen, welches der Bruder liebt. Endlich, endlich kommt der Schrein zum Vorschein, der Prozeß wird gewonnen. Inzwischen ist aber der eine Bruder ins Gefängnis geworfen, aus dem er abenteuerlich befreit wird. Ein Feuer, das im Wirtshaus ausbricht, vernichtet den Schrein. -- Nr. 2: Das Fürstentum Hohenberg ist vakant; der Erbe lebt im Ausland, mag auch die Erbschaft nicht antreten, weil die Passiva größer sind als die Aktiva. Als Handwerksbursch verkleidet, kommt er doch in die Heimat, ins fürstliche Schloß. Dort will er sich eines Bildes bemächtigen, in welchem wichtige Familienpapiere aufbewahrt sind. Als Dieb wird er in den Turm geworfen. Jener Wildungen, der dieses Prinzen Duzfreund so rasch geworden ist, nützt, um ihm das Bild zu verschaffen, die Liebe seiner Angebeteten aus. Diese benützt listig ein Rendezvous mit einer Exzellenz im Möbelwagen als Mittel, das Bild zu beschaffen. Es kommt in die Hände des Prinzen; der Prinz ist aber gar nicht der legitime fürstliche Erbe, sondern der Sproß eines illegitimen Verhältnisses der Fürstin. Sein richtiger Vater ist gerade aus Amerika heimgekehrt ... Der Pseudoprinz wird späterhin Minister. Nr. 3: Im Haus eines angesehenen Justizrats wird ein Junge erzogen, der, gleichfalls von illegitimer Geburt, Sohn einer vornehmen Dame und eines Verbrechers, allerhand gefährliche Instinkte besitzt. Er bringt die Tochter des Justizrats in Gefahr, er macht kostbare Pferde rasend, indem er ihnen Spitzkugeln in die Ohren praktiziert, er nachtwandelt in allen möglichen Situationen, erschreckt die justizrätliche Familie, besonders jene Tochter; schließlich kommt er in eben jenem Brande um, in welchem der Schrein sein Ende findet. Und an diese Nummern 1-3 könnte ich leicht weitere knüpfen. Aber zur Charakteristik des Ganzen genügt es, wenn allenfalls noch hinzugefügt wird, daß die Verwechselungen, die Mißverständnisse und endlich die Aufklärungen der Handlung an mehr als einer Stelle auf die Sprünge helfen müssen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß mit dieser Handlung kein Staat zu machen ist. Was Gutzkow am alten Roman aussetzte, hat er selbst nicht vermieden: klassische Unglaubwürdigkeit, farbenreiche Gebilde des Falschen, Unmöglichen, willkürlich Vorausgesetzten. Er selber nannte die Menschenexistenz im Durchschnitt erstaunlich harmlos. Und was für Merkwürdigkeiten hat er dann -- nicht nacheinander, aber doch eng nebeneinander -- gehäuft!

Die Bedeutung des Romans -- er besitzt solche trotz alledem -- liegt also anderswo. Sie liegt lediglich in dem Zeitbild, welches er in bisher ungekannter Gründlichkeit gibt. Es entbehrt nicht der Tendenz; hatte doch schon das Vorwort gesagt, der Dichter stelle seine Beleuchtung der Welt derjenigen der Wirklichkeit gegenüber. »Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, ~leider~ polemisch.« Die eigene Stellung des Dichters läßt aber doch auch die anderen Strömungen zu ihrem Rechte kommen. Um das Preußen nach 1848 handelt sichs. Die Reaktion ist oben auf; sie wird verdeutlicht durch den »Reubund«. Der hat es sich zur Aufgabe gesetzt, durch Einwirkung auf die öffentliche Meinung dem Fürstenhaus zu erkennen zu geben, daß das Volk die revolutionären Stürme bereue. Die kirchliche Reaktion stellt Propst Gelbsattel dar, ein Mann von konservativster Gesinnung, ein Bewunderer der Jesuiten, die mit ihrer Organisationskunst und ihrer Lebenskraft sich die Aufgabe gestellt haben, die geistige Herrschaft der Kirche zu retten. Neben diesen prinzipiellen Vertretern der Reaktion stehen Typen eines praktischen Realismus: an ihrer Spitze der Justizrat Schlurck, der wohl »Anfälle von Aberglauben, ja von Mystik« hat, im Grund aber ein völlig grundsatzloser Zweifler ist. »Die Staatsformen wechseln, aber die Forellen bleiben,« das ist sein Grundsatz. »Ein Mann in meiner Stellung, .... was kann der tun, wenn man ihm sagt: Das Interesse des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihülfe! Auch Sie müssen teilnehmen an der Wiederherstellung der Monarchie und des sicheren Kraftgefühls der Regierung! .... Sehen Sie, schon das ist ja etwas wert, wenn es die Reaktion durchsetzt, daß Einer mit Behaglichkeit wieder in ein Bad reisen kann.« »Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften, aller Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich hielt mich anfangs zum konstitutionellen Angstklub, ich bin jetzt Reubündler; was soll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu sagen, warum .... ich es nicht bin.« Dem gleichen politischen Realismus huldigt auch Pauline von Hardenberg, eine Schriftstellerin nach Art der Jungdeutschen, dann plötzlich übertriebene Monarchistin, Hauptanstifterin kontrerevolutionärer Schläge, schließlich aber wieder Führerin der Fronde, weil ihr glühender Ehrgeiz nicht erfüllt wird, zu den kleinen Zirkeln zu kommen, die sich um das Herrscherpaar versammeln und in denen »das System« gemacht wird. Ihnen allen gegenüber stehen die Ideen des jungen Prinzen, die er allerdings nicht in die Praxis umsetzt. Auch er ist Neuerungen nicht abhold. »Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und die Bureaukratie aufhört, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmänner, die ihre Schule im Volke gemacht haben.« Der Staat darf sich nicht nur auf die Institutionen der Gewalt stützen; er muß sich durch den Schutz der Arbeit, der Industrie, des Handels, des Ackerbaus befestigen. Der Adel ist nicht aufzuheben, sondern ihm ist das natürliche Nachwuchssystem zu belassen. In manchem verwandt und doch viel radikaler sind die Anschauungen Dankmars Wildungen, die des Dichters eigene wiedergeben. Er vertritt die Demokratie. Fort mit den Vorrechten des Adels nicht nur, sondern fort mit diesem selbst! Sonst ist kein Heil für die Menschheit. Dies Heil liegt in der Fortbildung der Freiheit. Mit dem Bestand von Dynastien könnte er sich aussöhnen, wenn er darin diese Fortbildung gesichert sähe. Aber die Monarchie ist ein Hindernis der Freiheit, denn sie züchtet durch Ehrenzeichen und Titel die Eitelkeit. Anderseits will auch er keine Revolutionen, keine allgemeine Zerstörung. Darum predigt er eine andere Gleichheit als die der Volksversammlungen, als die des Pöbels. Die besonnene Demokratie schwebt ihm als Ideal vor, und in ihrem Namen ruft er die Ritter vom Geist zum Bund gegen die Reaktion auf. Die Einzelheiten dieses Bundes sind etwas romantisch gedacht, aber wir können sie getrost beiseit lassen.

Wir sehen: die Gedankenwelt des Romans führt uns tief, sehr tief in die Politik. Ein Bild der politischen Zustände und Meinungen gibt Gutzkow, das allseitig orientiert und mit staunenswerter Treue durchgeführt ist. Das Preußen nach der Revolutionszeit, die Zustände am Hof Friedrich Wilhelms +IV.+, die politischen Strömungen, die Geistesrichtungen -- das alles ist scharf erfaßt und klar wiedergegeben. Und das ist es, was diesen Roman vor vielen anderen auszeichnet. Er ist in der Anlage der Handlung mißglückt, durch seine unendliche Breite ungenießbar, er ist weitab von der Kunst, Handlung und Mensch wirklich in Eins zu setzen und so die Handlung aus den Menschen hervorgehen, die Menschen aus ihrem Handeln klarwerden zu lassen. Aber er betont mit all seiner Einseitigkeit wirkungsvoll die Aufgabe des Romans, ein wahres Weltbild zu geben. Und darum darf er nicht vergessen sein.

Wir überspringen genau ein Jahrzehnt. Aus den Jahren 1860/61 bezw. 1863 stammt ein anderer, gleichfalls weitberühmter politischer Tendenzroman, der aber in seiner Eigenart nicht nach den Gutzkowschen beurteilt werden darf: ~Friedrich Spielhagens~ erster großer Roman: »~Problematische Naturen~«, dessen Fortsetzung dann die Bände »Durch Nacht zum Licht« bilden. Das Werk führt auf die Insel Rügen, in die Kreise des Landadels. Ins Schloß Grenwitz kommt als Hauslehrer Oswald Stein, ein idealistisch gerichteter Demokrat und Adelshasser. Ihm schließt sich eng der ältere seiner Schüler an, ein Verwandter des Hauses, namens Bruno. Oswald bewährt noch eine andere merkwürdige Anziehungskraft: die Frauen fliegen ihm zu wie die Motten dem Licht. Frau Melitta von Berkow, deren Mann in geistiger Umnachtung lebt, wirft sich ihm in schrankenloser Liebe an den Hals, die jungen adligen Damen reißen sich um ihn, endlich wendet sich ihm auch das Herz der schönen Tochter des Hauses, Helene, zu. Diese Helene aber soll einen verlebten Verwandten, Felix von Grenwitz, heiraten. Sie schlägt ihn aus; die jungen Adligen provozieren zugleich einen Streit mit Oswald, der sie im Pistolenschießen und bei den Damen aussticht. Im Duell verwundet er Felix schwer. Bruno stirbt in gleicher Nacht und Oswald verläßt das Haus. Oswald ist aber, wie durch den leichtsinnigen Geometer Timm herauskommt, niemand anders als der uneheliche Sohn des früheren Herrn von Grenwitz, der berechtigte Erbe zweier Güter des Grenwitzschen Besitzes. Soweit die Erzählung in den »Problematischen Naturen«. »Durch Nacht zum Licht« führt in die Revolution hinein, der auch Oswald Stein zum Opfer fällt.

Wie Gutzkows »Ritter vom Geist« die Zeit ~nach~ 1848, so schildern die »Problematischen Naturen« die Zeit ~vor~ 1848. Aber das Bild, das sie geben, ist weder so umfassend noch so wahr. ~Nicht so umfassend~: denn wenn auch die wichtigsten Schichten der Gesellschaft ihre Repräsentanten finden, so ist doch bei ihrer Zeichnung viel stärker als bei Gutzkow das persönliche, individuelle Moment betont. Gutzkow gibt Typen bestimmter Anschauungen, charakteristischer politischer Richtungen. Ihn interessiert der Mensch fast nur, soweit er politische Anschauungen hat. Spielhagen geht viel tiefer ins Psychologische hinein. Er vergißt nicht, daß der Mensch in erster Linie als Einzelwesen, und erst sehr in zweiter Linie als ζῶον πολιτικὸν in Frage kommt. Eben darum vermag er es nicht, derart umfassend, wie Gutzkow getan, die Zeit zu schildern. Wenn aber Gutzkows Forderung, daß der Roman den ganzen Weltteppich zu schildern habe, unberechtigt ist, so liegt eben in Spielhagens Selbstbeschränkung Kunst und Einsicht. Ein Zeitbild gibt er ja trotzdem: es beschäftigt sich vor allem mit den Kreisen des Landadels. Daneben stehen aber auch Typen des Bürgertums: der Universitätsprofessor, der Landpastor, Landärzte, ein Kandidat der Theologie, der umsattelt und Mediziner wird, ein Geometer, eine Haushälterin, endlich eine Zigeunerin und ein paar Landleute. Das Bild ist kleiner als das Gutzkowsche; groß genug ists immerhin.

Schwerer wiegt, daß es ~nicht so wahr~ ist wie dasjenige Gutzkows. Ich rede hier nicht von der ländlichen Umgebung, die freilich, soweit sie nicht in Meer, Kreidefelsen und Wäldern besteht, kein Leben gewinnt. Die paar Gestalten, welche hier auftauchen, geben keine Anschauung vom Landvolk. Gut, das hat Spielhagen auch nicht gewollt. Auch davon will ich nicht sprechen, daß der Bürgerstand wohl in einigen Exemplaren vorgeführt wird, daß aber auch seine Art, sein Wesen, seine Gesamtexistenz im Dunkeln bleibt. Den braven Bemperlein in allen Ehren, den +Dr.+ Braun nicht minder, -- sie bleiben doch, losgelöst von ihrer Umgebung, wie sie vorgeführt werden, allzu vereinzelt, um einen Eindruck vom Ganzen zu gewähren. Wo aber der Bürgerstand Spielhagen nicht sympathisch ist, da wird schon hier die Zeichnung geradezu unwahr. Das Bild des Pastors Jaeger ist eins der Pastorenzerrbilder, die bei Spielhagen auch sonst herumspuken, -- immer unwahr und immer schief. Aber das Hauptgewicht fällt auf den Adel. Wie steht es da um die Wahrheit? Helmut Mielke sagt mit bezug hierauf: »Man hat den Dichter der Übertreibung gescholten und ihm damit Unrecht getan; seine Schilderung z. B. des Ballfestes der Junkergesellschaft hinterläßt eher den Eindruck, daß er häßliche Details der Wirklichkeit unterdrückt als ans Licht gezogen hat.« Hier widerspreche ich entschieden. Das Bild ist unwahr durch und durch. Dieser Cloten z. B. ist so unglaublich albern, daß er in ein Karikaturenblatt gehört. Melitta von Berkow, Emilie von Breesen beginnen +sans façon+ allerliebste Liebschaften mit dem Hauslehrer eines anderen Hauses: lauter völlig verzeichnete Szenen. Die ganze Stellung Oswalds in dieser Umgebung ist einfach unmöglich. Ist der Hochmut und die Arroganz des Adels so groß, wie er beständig gemacht wird, dann nimmt eben der Hauslehrer nicht an allen Bällen teil, dann wird er eben nicht Liebling aller Frauen, Intimus eines Barons. Ich führe das nicht weiter aus; nur bezüglich des Ballfestes bei den Barnewitz halte ich gleichfalls ausdrücklich den Vorwurf der Übertreibung aufrecht.

Indes der Titel des Romans deutet an, daß dem Dichter der Hauptnachdruck weniger auf dem Milieu, als auf den einzelnen »problematischen Naturen« gelegen hat. Problematische Naturen! +Dr.+ Braun nennt sie »eine in unseren Tagen ziemlich weit verbreitete Spezies +generis humani+, Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doktor Faustus, +Faustuli posthumi+, so zu sagen, die den langen Dozentenbart abgeschnitten, auch nicht im romantischen Ritterkostüm, sondern einfach im modernen Frack einherspazieren; im übrigen aber auf gut faustisch von Begierde zu Genuß taumeln und im Genuß nach Begierde verschmachten.« Sie haben das Größte vor, die +aurea mediocritas+ ist für sie umsonst gepredigt, aber sie erreichen das Ziel nie, weil es ihre Kräfte überragt. Sie haben vor sich die »blaue Blume«. »Wissen Sie, was das ist? Das ist die Blume, die noch keines Sterblichen Auge erschaute und deren Duft doch die ganze Welt erfüllt. Nicht alle Kreatur ist fein genug organisiert, diesen Duft zu empfinden; aber .... all die närrischen Menschen waren es und sind es, die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden, und die in ihrer stummen Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieser Krankheit ist keine Rettung, -- keine als der Tod. Wer nun einmal den Duft der blauen Blume eingesogen, für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben!«

Und wirklich, in der Art, wie Spielhagen diese problematischen, rätselhaften Naturen geschildert hat, liegt auch der Hauptwert seines Buchs. Er hat damit ein Problem der Seelenkunde angerührt, das zu den dankbarsten gehört. Indem er sich diesem Problem zuwandte, hat er freilich die Wahrscheinlichkeit seiner Darstellung nicht erhöht; mag auch in der Zeit vor den 1848er Märztagen diese Spezies von Naturen nicht rar gewesen sein; sie finden sich hier doch ein wenig zu zahlreich. Da ist Oswald selbst, der die kühnsten Pläne, die stolzesten Ideen hat, der aber in der größten Gefahr ist, um des Weibes, besser um der Frauen willen, den von ihm gehaßten Junkern frappant ähnlich zu werden, der den Genuß in jeder Gestalt zu würdigen, ja sogar raffiniert auszukosten weiß, und der doch solche melancholischen Anfälle hat, daß ihm das Leben wie ein dumpfer, beängstigender Traum erscheint, der eines Freiherrn Blut in seinen Adern hat, aber sein Leben der Sache der Freiheit opfert. Neben ihm ist die am meisten problematische Natur der Baron Oldenburg, der einzige Gescheute und Edle in der ganzen Junkergesellschaft, der seine Standesgenossen verspottet, den Hauslehrer zu seinem Freund macht, im Grund aber immer ein Aristokrat bleibt, der alle Genüsse ausgekostet hat und jeden neuen Genuß mitnimmt, aber immer unbefriedigt, immer sehnsuchtsvoll bleibt. Da ist Melitta von Berkow, die Schöne und Kluge und Stolze, die doch so unendlich rasch Herz und Zurückhaltung verliert. Gewiß, interessante Rätselgestalten, die dem Roman ein eigenes Gepräge geben!

Über die »Problematischen Naturen« urteilt Bartels: »Im Grunde hat Spielhagen dies Werk nicht übertroffen und ist auch ein Darsteller problematischer Naturen geblieben; fast in allen späteren Romanen wirkt er in der Hauptsache mit denselben Ingredienzien; die Anschauung wurde im ganzen nicht reifer und freier, die inneren Erlebnisse aber fielen weg.« Ich möchte hinzufügen: er ist späterhin in manchen, nicht in allen seinen Prosadichtungen auf eine niedere Stufe gesunken, auf die des Salonromans. Die »Problematischen Naturen« aber geben ein Bild der Schattenseiten und der Vorzüge seiner Romane. Ihr größter Ruhm ist eine Kunst der Darstellung, welche mannigfache Fäden zieht, aber alle mit einander verwebt und so eine spannende, einheitlich gefaßte und mehr und mehr konzentrierte Handlung zu wirkungsvollem Abschlusse bringt. Hierin übertrifft er ~alle~ Vorgänger. Zugleich gewinnen seine Personen ein wirklich persönliches Leben, und dies psychologische Moment verbindet er mit dem Gange der Handlung. Allerdings ist diese Verbindung nicht überall eng: Geschichten wie diejenigen von der Entdeckung der freiherrlichen Abstammung des Helden Oswald bilden einen geradezu störenden romantischen Einschlag in die naturgemäß verlaufende Handlung, wie denn auch sonst zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten in Kauf zu nehmen sind. Ferner bemüht er sich ernstlich, ein lebendiges Bild der Zeitverhältnisse, in denen seine Menschen leben, zu entwerfen. Nur daß das Wort »Zeitverhältnisse« vielleicht schon zu weit greift; Zeit~stimmungen~ liegen ihm mehr noch als äußere Umstände, als das eigentliche Milieu. Immerhin, was gab er für Revolutionsschilderungen! Hier lag sein eigenstes Gebiet. Hier war ja auch ein Handeln, das zugleich ganz und gar Stimmung war. Endlich muß man im Gedächtnis behalten, daß er Tendenzschriftsteller war: in ihm loderte die adelhassende demokratische Gesinnung. Warum sollte er nicht solche Tendenz zum Ausdruck bringen? Der Wert seiner Werke sinkt für das objektive Urteil dadurch keineswegs. Aber, wie ausgeführt, die Tendenz ließ keine absolut wahre Schilderung zu.