Chapter 2 of 17 · 3902 words · ~20 min read

Part 2

Ist der »Werther« alles in allem die Geschichte einer Leidenschaft, so sind »~Wilhelm Meisters Lehrjahre~« die Geschichte der Bildung ihres Helden, -- Bildung im weitesten Sinne genommen. Im Werther alles Gefühl, alles Empfindung, alles Leidenschaft; im Wilhelm Meister alles Überlegung, alles Gedanke, alles Berechnung. Grundverschieden sind beide Schöpfungen; aber jede traf eine Saite in dem Herzen der Menschheit des 18. Jahrhunderts. Denn die Erziehung durch das Leben, wie die Fragen der Erziehung überhaupt, gehörte zum eisernen Bestand des Nachdenkens der damaligen aufgeklärten Welt.

Haben Sie Wilhelm Meister auch nur in den Lehrjahren einmal ganz gelesen? Es ist das nicht jedermanns Sache. Es verlangt Energie und Beharrlichkeit. Und das liegt nicht bloß an der Wucht der Gedanken. Seitenweise sind Sentenzen zusammengestellt, deren jede einzelne angespanntestes Nachdenken fordert. Es liegt aber auch an der Form und der Einkleidung des Romans. Gestehen wir es uns doch offen, daß die geringfügige, magere Handlung unter den unzähligen eingeschobenen Reflexionen fast erstickt. Da finden sich ausgesponnene Selbstschilderungen wie die »Bekenntnisse einer schönen Seele«, da breit wiedergegebene Unterhaltungen, die lediglich eine bestimmte Ansicht entwickeln sollen, ob sie auch für den Gang des Ganzen wenig oder nichts bedeute, da jene Sammlungen tiefsinniger Aussprüche, die so ziemlich alle Lebensfragen in ihren Bereich ziehen. Das Bischen Handlung, das wir herausschälen, ist wieder noch unendlich verzettelt, dazu manchmal mehr als zufällig aufgereiht, ganz ohne notwendigen äußeren Zusammenhang. Wilhelm Meister, eines Kaufmanns Sohn, geht auf Geschäftsreisen aus, verliert aber den eigentlichen Zweck seiner Sendung ganz aus dem Auge und läßt sich erst fast willenlos, nachher halb absichtlich, von Erlebnis zu Erlebnis, von Abenteuer zu Abenteuer, von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, von Ort zu Ort treiben. Erst bildet seine Umgebung eine Schauspielertruppe mit mannigfachen und wechselnden Gestalten; dazu die geheimnisvollen Erscheinungen Mignons und des alten Harfners. Neben seiner ersten Angebeteten, Marianne, und neben der leichtfertigen Philine lernt er in Aurelie eine leidvoll-ernste Frau kennen; und die ganz ohne äußeren Zusammenhang eingeschalteten »Bekenntnisse einer schönen Seele« lassen ihn in ein innig frommes, fast skrupulös gewissenhaftes Herz blicken. Allerhand sonderbare Geschicke führen ihn in ein gräfliches Haus und später für länger in adlige Kreise, zugleich zu einer großen Zahl neuer, für ihn bedeutungsvoller Persönlichkeiten. In dieser Umgebung gewinnt er endlich eine Lebensgefährtin in der zu diesen Kreisen gehörigen Natalie.

Es ist nicht leicht, das Wirrwarr all dieser Erlebnisse zu sichten. Das Ergebnis ist ja auch kein befriedigendes: äußerlich genommen ists ein Labyrinth, durch das Goethe uns führt. Keine klare Entwickelung, kein straffer Gang der Erzählung. Allerdings soll nach des Dichters Absicht dies alles doch nicht wie zufällig sein. Vielmehr ist eine geheimnisvolle Macht mit im Spiele, die sogenannte Gesellschaft des Turms, die an dem Helden Interesse genommen hat und deren Glieder je und je in bedeutungsvollen Augenblicken, meist als Größe X, in sein Leben eingegriffen haben. Ihr Zweck war seine Bildung. Sie haben ihre Absicht aber so verfolgt, wie der Grundsatz es eingab: »Nicht vor Irrtum zu bewahren ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit Haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks; aber wer ihn ganz erschöpft, der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.«

Uns Heutigen kommt, wenn wir Wilhelm Meisters Irrwege betrachten, nicht bloß die Frage, die ihm selber sich auf die Lippen drängt:

»Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wußten, was darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzuführen?«, sondern uns erscheint dieses ganze geheimnisvolle Walten der Gesellschaft vom Turm als in hohem Grade sonderbar. Goethe hat damit eine Einkleidung des Romans gewählt, die seiner Zeit nahe lag und vertraut war, die aber zu dem Gut seiner Zeit gehörte, das am schnellsten veralten mußte. Jedenfalls bringt uns diese die Vorsehung spielende Gesellschaft den Roman nicht näher.

Wenn Wilhelm Meisters Lehrjahre trotzdem einen hohen Wert als Fundamentstein für den Bau des modernen deutschen Romans beanspruchen können, so danken sie das dem tiefen und reichen Gedankenmaterial, welches sie bergen. Wilhelm Meisters ~Bildungsgang~ ist ihr Thema. Alles Einzelne, was er erlebt, auch jeder Irrtum, den er begeht, dient seiner Bildung. In der Schauspielerzeit lernt er: »Man soll sich vor einem Talente hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat.« Aber er trägt auch anderen Gewinn davon. Er hat gelernt die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen haben kann. Auch äußerlich hat er sich ausgebildet: er hat »viel von seiner gewöhnlichen Verlegenheit abgelegt«, seine Sprache und Stimme ausgebildet. Aber sein Bildungstrieb geht weiter. Ihm schwebt jene »harmonische Ausbildung« vor, die ihm seine Geburt versagt zu haben scheint, weil sie nach der herrschenden Verfassung der Gesellschaft nur dem Edelmann, nicht dem Bürger zukommt. »Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und zur höchsten Not seinen Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag sich stellen wie er will.« Dem Edelmann dagegen ist eine gewisse allgemeine, personelle Ausbildung möglich; »er darf überall vorwärts dringen, anstatt daß dem Bürger nichts besser ansteht, als das reine, stille Gefühl der Grenzlinie, die ihm gezogen ist.« Goethe läßt seinen Helden durch den Umgang mit jenen Adelskreisen, schließlich durch die Heirat mit einer Adligen in dieses Sperrgebiet harmonischer Ausbildung eindringen. So gewinnt der Roman zugleich soziale Bedeutung; der dritte Stand, der sich in der französischen Revolution so nachdrücklich in die Weltgeschichte eingeführt hatte, pocht mit starker Hand an die ihm bisher verschlossenen Pforten. Goethe öffnet ihm das Paradies der Bildung; und in der schließlichen engen Verbindung des Bürgers- und des Adelsstandes, einer Verbindung, die noch durch zwei andere Ehebündnisse dokumentiert wird, läßt er in prophetischer Voraussicht Schranken fallen, die vielen dazumal noch als unüberwindlich galten.

Neben diesen Grundgedanken ist in dem breiten Gedankenstrom der Lehrjahre noch manches Tiefe und Wertvolle auf uns gekommen, teils in engerem, teils in loserem Zusammenhang mit der Hauptidee. Ich schätze diesen Reichtum des Werkes höher als etwa die Art seiner Charakterschilderung. So sehr die bunte Reihe kaleidoskopartig auftauchender und wieder verschwindender Figuren benützt wird, um Wilhelm Meister zu bilden, -- klar und scharf herausgearbeitet sind die wenigsten von ihnen. Ja es zeigt sich gerade in diesen Gestalten ein ganz eigentümlicher Mangel an konkreter Darstellung. Mehr als eine von ihnen ist sozusagen ohne Zusammenhang mit der umgebenden Welt. Ihr Wesen wird nur in ein paar wichtigen Zügen der inneren Art gezeichnet; alles andere bleibt im Dunkel. Der Mensch kann aber nicht ortlos, zeitlos, geschichtslos geschildert werden. Infolgedessen bleiben manche der Goetheschen Personen geradezu Gerüste, die mit ein paar gerade erforderlichen Eigenschaften behängt sind. Die Methode der Namengebung paßt ganz zu diesem Verfahren. Da kommt der Graf, der Prinz, der Marchese; wo aber wirklich ein bestimmter Name einem bestimmten Träger gegeben wird, bleibt es für gewöhnlich beim Vornamen: Lothario, Friedrich, Marianne, Philine, Natalie usw.

All dies hängt aufs engste mit der Art zusammen, wie Goethe im Wilhelm Meister bestimmte geschichtliche Einzeichnung in eine klar erkennbare Zeit vermeidet. Seine Zeit ist natürlich die Zeit des Romans. Manche Einzelheiten lassen das erkennen. Der prinzliche Heerführer ist z. B. Prinz Heinrich von Preußen. Aber das sind Einzelheiten; und auch sie geben nur zufällige Winke. Rings um die handelnden -- oder vielmehr meist nicht handelnden -- Personen brauen wallende Nebel, wogt ungewisses Dämmerlicht. Allenfalls die Theaterverhältnisse sind klarer beschrieben; aber auch hier ist die Zeichnung nicht scharf. Nur in Einem ist das Wesen der Zeit klar wiedergegeben: in Stimmungen und Gedanken über die innersten Fragen menschlicher Charakterentwickelung, wie das oben zu schildern versucht wurde. --

Ich darf »~Wilhelm Meisters Wanderjahre~« hierfüglich übergehen. Sie sind nichts als eine Folge von Novellen; der einheitliche Romancharakter fehlt ganz. Sie stehen noch viel mehr wie die Lehrjahre im Banne des reinen, abstrakten Gedankens; und noch viel stärker als in diesen verblaßt in den Wanderjahren alles Persönliche, alles Konkret-Zeitliche, alles Individuelle. Liebhaber tiefer und feiner Gedanken, die sich nicht scheuen, solche unter schwerverständlicher Symbolik mühsam zu ergründen, finden selbstverständlich auch hier ihre Rechnung. Aber ein Roman sind die Wanderjahre nicht. Dagegen muß an dritter Stelle hier die Rede sein von den Wahlverwandtschaften, -- ob man dies Werk nun als Novelle oder, wozu seine umfassende Anlage doch wohl berechtigt, als Roman bezeichnet.

Auch die »~Wahlverwandtschaften~« zeigen, wieviel Goethe für die erzählende Prosadichtung der ~Gedanke~ bedeutete. Auch hier wieder die langen Unterhaltungen über allerhand allgemeine Gegenstände. Auch hier die eingestreuten Sentenzen, in Bündel gesammelt in den Abschnitten aus Ottiliens Tagebuche. Man hat den Eindruck, daß Goethe vielmehr daran lag, diese wertvollen Gedanken und feinen Aperçus unterzubringen, als eine bestimmte Handlung einheitlich und geschlossen durchzuführen. Auch hier wieder jene undeutliche Umzeichnung des Erzählungsgebiets, jene Zeit- und Geschichtslosigkeit des Ganzen. Eduard ist ein reicher Baron. Aber wann? Und wo? Eduard zieht in den Krieg. Aber in welchen? Endlich auch hier jene Unpersönlichkeit mancher Persönlichkeiten, z. B. des lediglich nach seiner Vermittelungsleidenschaft benannten Mittler, aber auch anderer: des Grafen, der Baronesse, ja bis zu einem gewissen Grade selbst der Hauptpersonen.

Auf der anderen Seite aber stehen für den Roman doch nicht bloß eine große Zahl feiner Einzelgedanken und tiefsinniger Gespräche, auch nicht allein die viel stärker hervortretende Kunst in der Charakterisierung der wichtigsten Personen. Äußerlich genommen, fehlt, wie angedeutet, manches, um sie zu klar umrissenen Persönlichkeiten zu machen; aber ihr Inneres ist mit ganz anderer Kraft und Liebe gezeichnet, als das von den Personen im Wilhelm Meister gelten konnte. Genannt sei nur Ottilie, die mit feinster Seelenkunde und mit wunderbarer Liebe geschildert ist. Wichtiger aber noch ist mir an den »Wahlverwandtschaften«, wie in ihnen ~Gedanke und Handlung zu einem Ganzen verschmolzen sind~. Die Handlung ist nicht mehr die Gelegenheit, eine Reihe von Gedanken, die man sonst nicht gut plazieren kann, auf gute Manier loszuwerden; sondern sie ist die Durchführung des Gedankens selbst. Die Gedanken gehen nicht mehr neben der Entwickelung her, sondern sie prägen sich in ihr aus. ~Die Handlung ist der Ausdruck des Gedankens, der Gedanke die Seele der Handlung.~ Damit ist der gewaltigste Schritt in der Entwickelung des Romans getan.

Eduard und Charlotte, die sich erst in reiferem Alter, aber durchaus infolge von Neigung und Liebe zur Ehe verbunden, leben auf stattlichem Schlosse, beide mit der Absicht, allein für einander zu leben. Aber sie gewähren bald noch zwei Nahestehenden die Teilnahme an ihrer Häuslichkeit, dem Hauptmann und Ottilien. Charlotte hat dieser Gewährung nicht ohne Bedenken zugestimmt. Und in der Tat: es kommt hier mit den vier auf engem Raum vereinigten Menschen, wie es in der Chemie mit verwandten Substanzen zu geschehen pflegt. Da sind diejenigen Fälle des gegenseitigen Sichanziehens und Sichscheidens die merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz wirklich darstellen kann, wo vier, bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu, und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen gerechtfertigt.

Es kommt mir hier nicht darauf an, den Gang der Erzählung wiederzugeben; dazu sind Goethes Dichtungen zu allgemein bekannt. Nur das Problem, das der Roman behandelt, soll herausgestellt werden. Es geschieht, was in dieser Beschreibung des chemischen Prozesses angedeutet ist: Eduard faßt eine tiefe und erwiderte Neigung zu Ottilie; und Charlotte und der Hauptmann finden sich gleichfalls in gegenseitiger Liebe. Die weitere Entwickelung verläuft nicht ohne Berücksichtigung der Eigenart jeder in Betracht kommenden Person. Der Hauptmann und Charlotte wissen sich zu beherrschen; nicht ebenso Eduard und Ottilie. Eduard entbrennt zu heftiger, auch durch lange Entfernung nicht gemilderter Leidenschaft. Ottilie ihrerseits verzichtet erst, nachdem Eduards und Charlottes ihr anvertrautes Kind nicht ohne ihre Schuld den Tod gefunden hat, das Kind, das durch seine Gesichtszüge der Zeuge der Liebe ist, die jedes der Eltern, die ihm sein Leben gegeben, für einen andern als den Ehegatten gefühlt. Eduard, völlig haltlos seiner Leidenschaft hingegeben, geht an ihr zugrunde. Das Problem hat seine Lösung gefunden. Die Menschen haben Wahlverwandtschaft gefühlt, wie jene chemischen Substanzen sie haben. Aber sie haben sich nicht willenlos wie diese verhalten. Wenn auch durch unendlich viel Weh hindurch, -- die ursprüngliche, durch die Ehe gegebene Gemeinschaft ist aufrecht erhalten. Das ist die völlig einheitliche, in allen Verwickelungen klar durchgeführte Absicht: die Heiligkeit, die Unlösbarkeit der geschlossenen Ehe soll gezeigt werden. Und -- vom Wert dieser These hier gar nicht zu reden -- die Konsequenz, mit welcher dieses eine Thema behandelt wird, und zwar nicht nur disputatorisch und abstrakt, sondern wie die Geschehnisse selbst es behandeln, -- diese Art macht die Wahlverwandtschaften zum ersten Roman, der -- obschon mit manchen Schwächen -- der Idee des Romans voll entspricht. Sie gestaltet ihn zu einem einheitlichen, in der Handlung selbst und nach den scharf erfaßten Gesetzen seelischer Anlagen das Leben abbildenden und die Gedanken des Lebens wiedergebenden Kunstwerk. --

Lassen Sie mich, nachdem ich die drei Hauptwerke Goethes auf dem Gebiete der erzählenden Dichtung in Kürze gewürdigt habe, mit ein paar Sätzen zusammenfassend die ~Bedeutung Goethes für den modernen deutschen Roman~ skizzieren!

Diese Bedeutung beruht ~zunächst~ auf der tiefen ~psychologischen Kraft~, mit welcher Goethe Menschen seiner Zeit erfaßt und dargestellt hat. Was seinen Romanen auch auf dem Gebiete der Psychologie Unbefriedigendes anhaftet, ist genügend erwähnt. Aber die Tatsache wird davon nicht berührt, daß ~er der Erste war, der es verstand, Menschen bis in die Tiefe der Seele zu schauen~. Was ist hier Wieland gegen Goethe? Ein Stümper gegenüber dem Meister. Wie bleibt bei Wieland, auch in seinem Agathon, jeder psychologische Ansatz auf der allerobersten Oberfläche! Und wie tief greift der Werther! Wie tief auch die Wahlverwandtschaften, ja in vielem auch Wilhelm Meister! Es bleibt ja dabei, daß wir auch von ihm keine allseitig ausgeführten, nach den mannigfachen Verzweigungen menschlicher Interessen hin weitergeführten Charakterbilder erhalten. Die psychologische Kraft konzentriert sich stets nur auf ein enges Gebiet: im »Werther« auf die wahnsinnige Leidenschaft des Mannes zum Weibe, im »Meister« auf das Streben eines glücklich beanlagten Bürgerlichen nach der harmonischen Ausbildung seiner ganzen Persönlichkeit, in den »Wahlverwandtschaften« auf die gegenseitigen Beziehungen der durch Ehe oder Wahlverwandtschaft mit einander verbundenen Personen. Aber in dieser Beschränkung bewundern wir den ungeheuren Reichtum, die fein pointierte Einzelkraft seiner psychologischen Wiedergabe.

~Zum andern~ muß trotz aller Einwendungen, die erhoben wurden, doch gelten, daß Goethe auch in der ~Art, wie seine Romane zum Zeitbild werden~, alle Vorgänger weit hinter sich gelassen hat. Allerdings, man wird es ja so, wie geschehen, formulieren müssen. Sie ~wollen~ kaum ein Zeitbild sein; sie ~werden~ es nur. Hätten sie es gewollt, sie würden den Leser ganz anders in die Welt Goethes eingeführt haben, als sie es tun. Goethe hat diese Aufgabe dem Roman nicht klar gestellt. Trotzdem hat er dieselbe wenigstens angefaßt. Wir sahen, wie der »Werther« in die sozialen und in die moralischen Stimmungen der Zeit hineinleuchtet. Wir sahen, wie »Wilhelm Meister« nicht etwa bloß die Theaterverhältnisse beschreibt, sondern wie er die gesamte aufstrebende Bildungssehnsucht des deutschen Bürgers samt den ihn begegnenden Hindernissen versinnbildlichte. Und auch die »Wahlverwandtschaften« lösen ein Zeitproblem: die Ehe und den Ehebruch. Und daß so nicht irgendwelche erkünstelte Altertümelei, sondern einfach das Wesen der Zeit seine Prosaschöpfungen beseelt, das hat ihnen weitreichende Wirkung verschafft.

~Endlich~ -- indem ich von der Fülle trefflicher Gedanken, welche Goethes Romane bergen, hier nicht nochmals besonders rede -- beruht Goethes Bedeutung für den modernen deutschen Roman auf der ~Kunst, mit welcher er durch die Entwickelung der Handlung selbst zu reden weiß~. Handlung ohne Gedanken hat auch der Schauerroman, Gedanken ohne Handlung bilden gar keinen Roman; und eine Handlung, in die Gedanken gesprächsweise lose eingefügt sind, schafft ein Zwitterwesen, aber kein Kunstwerk. Der »Werther« und vor allem die »Wahlverwandtschaften« haben alle diese Klippen -- im ganzen genommen -- überwunden. Hier haben die Handlungen selber Gedanken. Und indem die Handlung zugleich den Gesetzen des psychologischen Geschehens folgt, verlieren auch die Gedanken den Charakter des Zufällig-Herangebrachten. Hier, vor allem in den »Wahlverwandtschaften«, haben wir ein, wenn auch nicht vollkommenes, aber doch meisterhaftes Vorbild für die eigentliche Kunstform des modernen Romans.

Wir haben von Goethe selbst einige Äußerungen theoretischer Art über das Wesen des Romans. Im »Werther« sagt Lotte:

»... Der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist.«

Und im »Wilhelm Meister« vergleicht er Roman und Drama:

»Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußeren Form ... Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden, im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. ... Der Romanheld muß leidend, wenigstens nicht in hohem Grade wirkend sein; von dem Dramatischen verlangt man Wirkung und Tat ....«

Es ist deutlich, daß diese Bestimmungen wertvolle Elemente für die Erkenntnis des Wesens des Romans enthalten. Bis zu einem gewissen Grad stellt der Leser mit Recht den Anspruch, im Roman seine Welt wiederzufinden. Wenn es im Roman so »zugeht wie um mich«, so ist damit ein gut Teil Realistik, ein ernstes Stück Wirklichkeitskraft verlangt. Und daß der Roman Gesinnungen und Begebenheiten darstelle, trifft gleichfalls zu. Aber gerade diese letzte Definition bedarf der Korrektur. Es darf kein Gegensatz konstruiert werden zwischen Gesinnungen und Begebenheiten einerseits, Charakteren und Taten anderseits. Gesinnung und Charakter gehören so gut zusammen wie Begebenheiten und Taten. Wenn der Romanheld wirklich leidend sein müßte, dann kämen allerdings dem Roman nur Begebenheiten zu, nicht Taten. Aber er muß handeln ~und~ leiden, wie das Leben handeln und leiden läßt. Übrigens sind die Wahlverwandtschaften bereits über den Rahmen dieses Programms hinausgegangen; es sind doch schon Charaktere und in gewissem Sinne auch Taten, die hier den Handelnden beigelegt werden. Nicht auf diesen Sätzen über den Roman, sondern auf den Schöpfungen selbst ruht Goethes Bedeutung.

Daß Goethe seinerseits auf Vorgängern fußte, will ich hier nur andeuten. Die »+Nouvelle Héloise+« Rousseaus ist das Vorbild des Werther gewesen: es sollte nicht das letzte Mal sein, daß französische Romandichtung die deutsche beeinflußte. Aber was in Goethes Romanen wirkte, das ist doch eben von ihm selber hineingelegt gewesen. Und sie haben gewirkt! »Werther« hat eine ganze Literatur an Streitschriften wie an Nachahmungen hervorgerufen. »Wilhelm Meister« ist bahnbrechend geworden für den vielgepflegten Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, dem er geradezu das Schema geschaffen hat. Aber es sind nicht bloß diese direkten, augenfälligen Wirkungen gewesen, welche von Goethes Romandichtung ausgegangen sind. Nein, in alledem, was als die Kraft dieser seiner Dichtung bezeichnet wurde, hat er Spätere tief und nachhaltig beeinflußt: ~in der Tiefe der psychologischen Einsicht, in der unbeirrten Wiedergabe des Zeitempfindens, in der Kunst, welche Handlung und Gedanken in eins schuf. Durch all dies ward Goethe der Schöpfer des modernen deutschen Romans.~

Roman und Novelle der Romantik.

Goethe ist der Schöpfer des modernen deutschen Romans. Der Gesamtlauf des 19. Jahrhunderts bestätigt diesen Satz. Der Anfang des 19. Jahrhunderts allein kann ihn nicht erschüttern.

Merkwürdig allerdings, daß die ersten Jahrzehnte desselben unmittelbar nach Goethes großen Romanen, ja unter seinen Augen eine Prosadichtung heranwachsen lassen, deren innerstes Wesen von jener Wirklichkeitskraft Goethes, die das eigentliche Schöpferisch-Neue in seinen Romanen bildet, so gut wie unberührt war! Spuren Goethescher Einwirkung findet man freilich auch in den Romanen und Novellen der Romantik. ~Novalis~ »Heinrich von Ofterdingen« behandelt wie »Wilhelm Meisters Lehrjahre« eine Bildungs-Entwickelung, ~Schlegels~ »Lucinde« gibt gleichfalls eine Art Lehrjahre. Aber nicht die abgeklärte psychologische Kraft aus »Wilhelm Meister« finden wir hier wieder, -- vielmehr eher das, was den »Werther« gegenüber allem Späteren als ein Werk jugendlichen Sturmes und Dranges kennzeichnet: den Überschwang, die Maßlosigkeit, die Krankhaftigkeit der Gefühle. Es war mehr die Form, die Leitidee, die man Goethe entnahm; sein Geist war in der Romantik nicht lebendig.

Viel eher kann man in den romantischen Erzählungen die Nachwirkungen eines Anderen, dazumal Hochgefeierten und doch sehr viel Kleineren spüren, des unendlich fruchtbaren ~Jean Paul~. Er ist 1825 gestorben; aber seine Zeit ist die des 18. Jahrhunderts, dessen Ende die Entstehung seiner bedeutendsten Romane sah. Erwarten Sie hier keine ausführliche Darlegung über seinen »Titan«, seinen »Siebenkäs« oder seine »Flegeljahre«! Sie gehören alle zusammen dem zu Grabe gegangenen Zeitalter an. Ich leugne nicht, daß in ihnen Tiefes, Schönes, Ergreifendes steht. Ich leugne noch weniger, daß zahlreiche Unterhaltungsschriftsteller, die sich im Übrigen ganz der modernen Schule zurechnen, in ihrem ganzen Leben auch nicht einen einzigen Gedanken von der Tiefe und der Anmut aufgebracht haben, welche unzählige Stellen in Jean Pauls Romanen aufweisen. Vielleicht schlagen Sie einmal das 58. Kapitel der »Flegeljahre« auf, das den Titel »Erinnerungen« führt:

»Ich möchte wohl Tage lang über die kleinen Frühlingsblümchen der ersten Lebenszeit reden und hören. Im Alter, wo man ohnehin ein zweites Kind ist, dürfte man sich gewiß erlauben, ein erstes zu sein und lange zurückzuschauen ins Lebens-Frührot hinein. Da offenbar' ichs gern, daß ich mir höhere Wesen, z. B. Engel, ordentlich weniger selig aus Mangel an Kindheit denken kann, wiewohl Gott vielleicht keinem Wesen irgend eine Kindheits- oder Vergißmeinnichtszeit mag abgeschlagen haben, da sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt. Besteht denn nicht das gute Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung, Bruder, und die Frühregen der Tränen fliegen darüber nur flüchtig hin?« -- -- --

Aber bei allem Tiefen und Feinen und Zarten, das in diesen Romanen steckt, fehlt ihnen doch ein wichtiges Erfordernis gerade des Romans: Klarheit und Schärfe in der Erfassung und in der Darstellung des wirklichen Lebens. Charakteristische Streiflichter, treffende satirische Bemerkungen, brillante Humoristika, auch einmal frappante Zeichnungen irgend welcher Originalfiguren, -- das alles haben sie. Aber eben dies alles bleibt eine Summe von beigegebenen Einzelheiten. Die Kraft des Ganzen ist Gemüt und Geist, aber nicht Wahrheit. Tausend Lichter und Schatten huschen über die ruhige, klare, nüchterne Menschenwelt. Warum sie sehen, wenn die Beleuchtung die objektivste Betrachtung ermöglicht? Warum nicht lieber, wenn die Dämmerung die Umrisse etwas gefälliger macht oder wenn Nacht und Mond das Nüchterne phantastischer gestalten? Warum Interesse nehmen am Gewöhnlichen, Alltäglichen und nicht lieber am Besonderen, Seltenen, Sonderbaren, -- und wenn es gleich verschroben wäre? Warum die Menschen sehen, wie sie dem Auge sich bieten? Warum nicht lieber aus ihrer Seele verborgensten Winkeln ihre Merkwürdigkeiten herausholen? -- Und endlich hat Jean Paul noch eins nie verstanden: nämlich warum der Dichter die prosaische Pflicht haben solle, einfach nach der Ordnung der Dinge in Reih und Glied zu erzählen. Ihm paßt es viel besser, Ruhepunkte einzuschieben, die zu beschaulichen Betrachtungen Gelegenheit geben, Seitensprünge zu machen, die angenehme Abwechslung bringen. Aber was bei alledem herauskommt, das ist schließlich eine seltsame Mischung von ein wenig Wahrheit mit viel Dichtung, von wenig Zusammenhang und vielen einzelnen Schönheiten, von manchem Natürlichen und unendlich viel Schrulligem, von Ernst und Humor, von Wirklichkeit und Phantastik. Weltbilder, Menschenbilder geben diese Romane nicht, nur ein Bild einer reichen, tiefen, wennschon seltsamen Seele, nämlich der des Verfassers.

Dieses Mannes Einfluß auf seine Zeitgenossen ist nicht zu unterschätzen. In ~Börne's~ Denkrede nach seinem Tod hieß es: »Fragt ihr, wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, aus der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab.« Kein Wunder, daß auch die Dichtkunst sich von ihm bestimmen ließ. In manchem Phantastischen und Bizarren, in manchem Poetisch-Feinen, vor allem aber in der Unbesorgtheit um die wirkliche Welt, wie die romantische Schule sie zeigt, erkennen wir -- bei aller sonstigen Eigenart Jean Pauls -- doch eben Geist von seinem Geist.